wundergeschichte,
f. (
n.),
mhd. wundergeschicht,
in dieser form noch vorwiegend bis zur mitte des 18.
jhs.; der ursprünglich st. pl. gelegentlich noch im 18.
jh., vgl. vernünft. tadlerinnen (1738) 1, 288
Gottsched; (1773) Herder 5, 169
S. als sicheres n. nur singulär belegbar: bey dem ... wundergschicht Nas
eins u. hundert (1567) 5, 85
a.
zur wortform vgl. im übrigen s. v. geschichte
teil 4, 1, 2,
sp. 3857. 11)
zunächst wunderbares geschehen oder ding, in verschiedener beziehung: herre, hant ir gesehen an vff gime turn besunder das wunderlich wunder? er sprach: es ist ein wundergeschicht; was es beteut das enweysz ich nicht. sie sprochent: herre, es ist Crist
altdt. ged. 154
Keller; ohn fern von meinem vaterland ist ein wundergeschicht geschehen, welche mir von kind auff bekand gewesen (
eine gespenstergeschichte) Prätorius
glückstopf (1669) 391; dasz also
auch bey dieser wundergeschichte ein starckes erdbeben musz gespühret worden seyn, zur vergrösserung der erschröcklichen gerichte gottes J. D. Frisch
neukling. harpfe Davids (1719) 655.
so in der lexikalischen verzeichnung bis ins späte 18.
jh. meist als einzige bedeutung, vgl. z. b. noch: mirakel wunder, wundergeschichte, wunderwerk Kinderling (1795) 300.
erst seit Schwan
und Campe
auch oder nur in der bedeutung 2,
doch ist der ursprüngliche gebrauch auch modern noch möglich: weil sie (
die kaiserl. beamten) seit geschlagenen acht monaten mit der wundergeschichte (
von Lourdes) nicht zu rande kommen Werfel
Bernadette (1948) 358. wunder II E 3
entsprechend auch mit negativem wertakzent: wir sind alt geworden, aber für dergleichen wundergeschichten noch nicht alt genug ... aus der erde thun sich wunderwerke hervor und brechen geheimniszvoll von unten herauf, wie das licht (
des kometen) schrecklich von oben herniederscheint Tieck
schr. (1828) 4, 181.
daneben summierend und zusammenfassend für ein aus einzelnen wunderbegebenheiten bestehendes geschehen, vgl. Campe 5 (1811) 785
b (
s. auch 2 e): bilder aus den zeiten dieser wundergeschichte (
der ausführung aus Ägypten) Herder 12, 56
S.; gott, der sohn und seine wundergeschichte, Maria, die engel, die heiligen Fr. Th. Vischer
ästhetik (1846) 1, 165. 22)
bericht über ein geschehenes wunder, erzählung wunderbaren inhaltes, neben 1
seit dem 16.
jh. und bald vorherrschend. 2@aa)
im religiösen bereich namentlich von den wundererzählungen der bibel: man wird im alten und neuen testament manche wundergeschichte finden, die eine sehr geringfügige voraussetzung gehabt
M. Mendelssohn
ges. schr. (1843) 3, 120; da gerade das vermeintlich glaubwürdigste der evangelien die ausgeprägtesten wundergeschichten enthält D. Fr. Strausz
ges. schr. (1876) 3, 29;
vgl. 13; 4, 118; 6, 24.
auszerbiblisch: wandrer, fern wohl kamst du in Phrygien, dasz du des tempels ruhm noch nimmer gehört, und die heilige wundergeschichte J. H. Voss
s. ged. (1802) 2, 308.
daneben kirchliche legende, mirakelgeschichte: alle die wundergeschichten, die hr.
M. erzählt ... wie viel dieser kontroversist auf die legenden seiner kirche baut, ist mir freylich ... bekannt
allg. dt. bibl. (1765) 44, 348; übergrosz war das irdische interesse, welches kirchen und städte antrieb, eines heiligen habhaft zu werden. alles wurde aufgeboten, wundergeschichten zu sammeln G. Freytag
ges. w. 17 (1887) 241. 2@bb)
erzählung nach art der märchen, der sagen, der gespenster- oder zaubergeschichten u. ä.: er war ein ungemeiner liebhaber von mährchen und wundergeschichten Wieland
s. w. (1794) 11, 86; ich (
Goethe) erzählte sehr leicht und bequem alle mährchen, novellen, gespenster- und wundergeschichten Göthe I 36, 224
W.; als quelle (
für Alexanderdichtungen) dienten der griechische roman ... der ... in barocken wundergeschichten das mögliche leistete Döllinger
akad. vortr. (1888) 1, 185. 2@cc)
sowohl a
wie b
prägnant auch in kritischem und abwertendem gebrauch, wunder II C
entsprechend: seltsame theogonien (wenn es erlaubt ist, wundergeschichten mit diesem namen zu belegen)
allg. dt. bibl., anh. 1/12 (1771) 996; noch sind es nicht drei, ja kaum zwei jahrhunderte, dasz nichts gewöhnlicher, wahrscheinlicher und glaubwürdiger war, als eine wundergeschichte. es gab kaum ein dorf oder eine kirche, welche nicht der schauplatz einer übernatürlichen kundgebung gewesen wäre Kürnberger
siegelringe (1874) 333. 2@dd)
geschichte merkwürdigen, auszerordentlichen, interessanten inhaltes: die gegenwertig wunder gschicht, da Ismene die jungfraw schön so plötzlich läszt die lieb eingehn (
läszt zu) Fischart
w. 1, 379
Hauffen; vgl. ders., s. dicht. 3, 71
Kurz; von diesem brunnen schreibet Aristoteles in seinen wundergeschichten Prätorius
anthrop. pluton. (1666) 1, 99; heut ist er (
der fahrende) erzähler fremder wundergeschichten, morgen verstohlener bote zwischen zwei liebenden G. Freytag
ges. w. 18 (1887) 453. wundergeschichten erzählen
wunderdinge, auszerordentliches: (
die Athener) erzählten wundergeschichten von der unersättlichen gefräszigkeit ... der Böotier Böttiger
kl. schr. 1, 38
Sillig. nuanciert im sinne von wunder II E 5
als geschichte einer auszerordentlichen persönlichen leistung: ich will sorge tragen, dasz diese abentheuer ... euern wundergeschichten einverleibet werde (
in einer farce auf die heldenromane)
discourse d. mahlern (1721) 3, 110; die wundergeschichten von Mozart hatten bei hofe soviel interesse erregt, dasz der vater befehl erhielt, seine kinder in Schönbrunn zu präsentiren O. Jahn
Mozart (1856) 1, 38. 2@ee)
selten für eine zum lebensbericht o. ä. zusammengefaszte sammlung einzelner wunderbarer geschichten: des teutschen Herkuliskus wundergeschichte. erstes buch Bucholtz
Herkuliskus (1665) 1; bereicheret euere wundergeschicht mit einem neuen duell, der vielleicht der fünffzigste seyn wird, der darinne beschrieben ist
discourse d. mahlern (1721) 3, 101.