glocke,
f. herkunft und form: 11)
die im 6.
jahrh. aus Nordafrica nach Italien eingeführten glocken treten seit dem 6.
jahrh. auch auf den britischen inseln auf, dann im Frankenreiche und in Deutschland. dementsprechend liegt dem deutschen worte glocke
keltisch cloc (
air. cloc,
kymr. cloch,
gäl. clag)
zu grunde, das seit dem ausgehenden 7.
jahrh. auch im mlat. als clocca, cloca, glogga, gloccus,
ganz vereinzelt bei Bonifatius
auch als cloccum, glocum,
belegt ist (
vgl. zs. f. dtsche wortf. 1, 65).
während in fast allen rom. sprachen die bezeichnung für glocke
auf lat. campana
zurückgeht, lebt das keltische wort in frz. cloche,
prov. cloca,
piem. comask. cioca
und in allen west- und nordgerm. sprachen: ags. clucge,
engl. clock,
nl. klock,
mnd. klocke,
ahd. glocca, clocca,
an. klokka
und klukka,
dän. klokke,
schwed. klocka
und ist auch ins russ. übernommen als kolokolŭ. —
gegen H. Schuchardt
s versuch, mlat. clocca
aus cochlea '
muschelberg', '
schneckenturm'
abzuleiten ('
roman. etymologien',
Wiener sitzungsber. 1899,
bd. 141)
spricht. die geographische verbreitung des wortes, die nicht auf roman., sondern auf kelt. ursprung hinweist; ein directes zeugnis bietet eine Pariser hs. des [] 8./9.
jahrh., die ausdrücklich von der glocke sagt: signum ecclesie quod Galli lingua celtica vocant (
vgl. Kaufmann
nord. ark. 9, 209). 22)
lautliche form. 2@aa)
im anlaut haben das kelt. und frz. eine k-
lautung. dem entspricht, dasz die entlehnung des wortes im nd., im westlichen md. und im elsäss. k-
anlaut hat, s. rhein. wb. 2, 1276;
wb. d. luxemb. ma. 226
a; Follmann
lothr. 294. 209; Martin-Lienhart
elsäss. 1, 257
a,
vom nd. her wurde das wort mit dem gleichen anlaut dann von den skandinavischen sprachen übernommen. mlat. glogga, gloccus, gloccum
neben clocca
weist daneben aber auch auf eine auszerdeutsche form mit weniger explosivem anlaut, von der das süddeutsche glocke
ausgeht; Frings
Germania Romana 141
deutet es als '
irisch-italienische zufuhr'.
vereinzelt begegnet aber auch im süden der k-
anlaut in formen wie österr. klogge
zs. f. österr. volkskde 12, 142;
in Graubünden chloke Staub-Tobler
schweizer. 2, 609,
die mit Frings
wohl als secundäre abwandlungen anzusehen sind. kloken
neben glocken
bei Dürer
underweysung der messung (1525) N 5
a,
bezw. H 6
a zeigt die unsicherheit eines schriftstellers innerhalb des gleichen denkmals. wegen der ungewiszheit über die landschaftliche herkunft bleibt ungeklärt ahd. clocca
in hss. des 10.
und 11.
jahrh. bei Steinmeyer-Sievers
ahd. gl. 3, 654, 30; clochus, clocludere (
hs. 13.
jahrh.)
ahd. gl. 3, 383, 43; 378, 58
sind md. herkunft. die form glocke
hat sich schriftsprachlich durchgesetzt, nur bei nd. schriftstellern taucht zuweilen heimatliches klocke
auf, so bei Schottel, Stieler, Weichmann
bis zu Math. Claudius. 2@bb)
der inlautende vocal ist fast ausnahmslos o;
ganz vereinzelt ist a:
Marienburger treszlerbuch d. j. 1399—1409
s. 365
Joachim; lehnsurkunden u. besitzurk. Schlesiens 2, 259; Diefenbach
gl. 93
b. 584
c; klack
wb. d. luxemburg. ma. 226
a;
ferner u: gluck Diefenbach
gl. 584
c (
vgl. auch gluckhus
ebda 93
b). 2@cc)
neben der inl. doppelconsonans kk, ck
findet sich auch g, gg
vom ahd. an, s. Graff 4, 292
bis ins 16.
jahrh.: glog Stricker
Daniel 741; gloge Elsbeth Stagel
leben d. schwestern zu Tösz 27, 1
Vetter; glogge Berlepsch
chron. d. gewerke 7
reg.; glogg J. Stumpf
concil zuo Costenz 19
a. 33) 3@aa)
die übliche flexion ist seit dem ahd. die schwache, der schwund der -n-
formen im sing. vollzieht sich vereinzelt bereits im mhd.: die sturmgloke (
acc.) Wolfram
Willehalm 114, 8 (
in hss. des 13.
und 14.
jh.); umbe die dritt wahteglocke Closener
chron. 103
Strobel; im übrigen zeitlich und landschaftlich wie allgemein beim schw. fem.; obd. lebt die schw. flexion im sg. noch in der mundart; die schriftsprache kennt im sing. aber keine -n-
formen mehr; der plur. flectiert nur schwach. 3@bb)
im 16.
jahrh. ist das flexivische -n
im nom. sg. häufiger auch schriftsprachlich belegt: was die glocken schlag Seb. Brant
narrenschiff 35
Zarncke; eine glocken J. Barth
weiberspiegel (1565) R 6
b; Sebiz
feldbau (1579) 396; nun was die glocken gossen Aventin 5, 457
L.; Dreyfelder
historienfasz (1580) 150
a;
später nur gelegentlich: wie viel die glocken geschlagen habe Lehman
floril. polit. (1662) 4, 10.
mundartlich bis heute: die glocken Schlossar
volkslieder aus Steiermark 157
a; Schmeller-Fr. 1, 972; Fischer
schwäb. 3, 699. 44)
für glocke
gilt das genus fem. ob daneben ein schwach flectiertes masc. entspr. lat. gloccus (
s. o.)
steht, ist sehr ungewisz; bei den beiden einzigen im dat. sg. stehenden belegen wird es sich um verschreibung von dem
statt den
handeln: als die bawren mit dem grossen glockhen sturm geleüt haben J. Schlusser
d. peurisch krieg (1573) 4;
brimbaler mit dem glocken klingen oder ein geschelle machen, nicht recht läuten J. G. Walther
musical. lex. (1732) 113
b.
bedeutung und gebrauch. AA.
gestalt und verwendung. unter glocke
versteht man einen gewöhnlich aus metall gegossenen, in ältester zeit auch geschmiedeten oder bei kleinerem format auch aus blech genieteten hohlen körper, der frei aufgehängt und in schwingungen gesetzt wird, damit gegen seine wände im innern ein klöppel anschlage und einen [] weit hörbaren ton hervorbringe, s. Helfft
wb. d. landbaukunst 156
und Sartori
v. dt. glocken 1—13.
vereinzelt gab es auch minder schallende hölzerne glocken
für die karwoche: was die materie der glocken betrifft, so findet man hin und wieder hölzerne, wie ... in der stiftskirche
s. Blasii zu Braunschweig ... die charfreytagsglocke genannt wird Krünitz 19, 94;
die bezeichnung glocke
wird auch beibehalten bei abwandlung einzelner teile, so wenn die freie aufhängung fehlt wie bei der tischglocke (A 2
e)
oder anstatt des klöppels ein hammer tritt, der gewöhnlich zur zeitangabe oder zu signalzeichen dient (
insbes. A 2
f, g).
bei den so verwandten kleineren glocken
in weltlichem gebrauch (A 2)
finden sich statt der herkömmlichen glockenform auch schalenförmige klangkörper. die unterscheidung von klingel
ist hier nicht scharf. das wort glocke
gilt für alle so gestalten körper von der kirchturmglocke
gröszten formats bis zu der kleinen glocke,
die synonym mit schelle
und klingel
gebraucht werden kann; so schon im 15.
jahrh.: tintinnabulum glock
vel schal (
l. schel) Diefenbach
gl. 584
c;
zur sachlichen orientierung s. Sartori
d. buch von dt. glocken (1932). A@11)
ursprünglich nur die kirchen- oder klosterglocke, lat. campana, nola. A@1@aa)
die turmglocke, campana. A@1@a@aα)
unter den verschieden groszen glocken
wird der gröszten am meisten beachtung geschenkt, die gewöhnlich einfach als die grosze glocke
bezeichnet wird: wenn ich der groszen gloggen klanc hort nach der zal erklingen Oswald v. Wolkenstein 155
Schatz; von der groszen glocke Gloriosa zu Erffort in unszer lieben frowen kerchen Stolle
thür.-erfurt. chron. 137, 186
lit. ver.; die grosze glocke, Martinella, wurde einen monat vor dem feldzuge unaufhörlich angezogen J. v. Müller
s. w. 2, 823;
beim sturmläuten spielt die grosze glocke
eine wichtige rolle: als die bauren mit dem groszen glockhen sturm geleüt haben J. Schlusser
der peürisch krieg (1573) 4; zu Salem hat man die grosze glocken nit mehr, weil sie (
die feinde) also nach waren, derfen leuten Seb. Bürster
der pauren uffrurr und pauren krieg 5
Weech. A@1@a@bβ)
da die glocken
eines turmes oder einer stadt bei gewissen gelegenheiten zusammen läuten, wird dies läuten aller glocken
gern hervorgehoben: ... lautten alle die glocken die in dem turn waren
das summerteil der heyligen leben (1472) 82
a;
häufig in der wendung 'mit allen glocken läuten': und ward in derselben nacht fünf mal laudes gelüt mit allen gloggen Richental
chron. d. Constanzer concils 87
lit. verein; als
s. f. g. selige ... verschieden, ist ... von achten bis umb neun uhr in beyden kirchen allhier mit allen glocken auszgeleutet worden Rätel
Joach. Curäi chron. d. herzogt. Schlesien (1607) 488;
beim sturmläuten: haben sie mit allen glocken in der stad sturm geleutet Kirchhof
wendunmuth 2, 340
Oesterley; zum sturm mit allen glocken läuten Ramler
fabellese (1783) 1, 158;
in bildlicher verwendung: wenn sie denn nu eynen spruch der vetter wider mich auffbringen, szo laütten sie alle glocken, schlahen alle drummen und schreyen feyndlich Luther 7, 638
W.; häufig als freudenbezeugung: ... fing man an mit groszen freden all glogcken zusammenleuten und te deum laudamus ze singen Knebel
Kaisheimer chron. 180
lit. ver.; wie hört ich da von jedem kirchturm mir lauter lust und wonne mit allen glocken läuten! U. Bräker 2, 162. A@1@a@gγ)
kirchliche glocken
in profaner verwendung begegneten als gemeindeglocken,
vgl. Sartori
v. dt. glocken 124,
wurden als solche aber meist von weltlichen glocken
abgelöst (
s.A 2)
ferner als feuerglocken (
s. teil 3, 1593)
und sturmglocken (
s. teil 10, 4, 642
und oben unter α,
β).
die verwendung im rechtsleben ist im ganzen schon früh veraltet, vgl. C 6
b und unter B 1
d mit der glocke richten,
in besonderer bedeutung jünger nur die schandglocke,
s. teil 8, 2147.
lange hielt sich die wetterglocke (
darüber Sartori 78—87): glocken brechen den donner und verscheuchen das lange unwetter Jac. Grimm
kl. schr. 1, 375; was die gewitter betrifft, so ist das läuten der glocken noch immer in übung Göthe I 48, 152
W.; bildlich: die rätte befinden ... mittel und weg (
die absichten des fürsten zu verwirklichen) ...
[] da ists zeit, dasz man mit allen glocken läutet, und musz das wetter weichen Lehman
floril. polit. (1662) 2, 676; wenige edle! die ihr in den verschiedenen ländern zerstreuet seyd, schlaget an alle glocken, damit sich diese wolke zertheyle Abbt
verm. w. (1768) 6, 4, 180; Schiller 12, 37
G. A@1@a@dδ)
häufig in dichterischen vergleichen von dingen, die wie eine glocke
klingen: (
des riesen stange) klang auch also helle als ein glock in thurns tach
lied v. hürnen Seyfried 25
ndr.; vor dieser red bin ich erschrocken in meinem kopff klingts wie ein glocken Gilhusius
grammatica (1597) 2, 25; bald klingt sie (
die stimme der nachtigall) wie glocken; bald mischt sich ein schnarren in einer sanft winselnden flöthe mit ein Brockes
ird. vergnügen (1721) 8, 17; tanzende docken, töne wie glocken flöszen ins blut rosigten muth Schubarth
sämtl. ged. (1825) 2, 162; eine kleine quelle kam aus einem hügel, sie tönte wie lauter glocken Novalis
schr. 4, 162
Minor. am häufigsten vom klang der menschlichen stimme (
vgl.glockenhell, -klar, -rein),
so schon alt: (
er) hat glych ein stimm als die glock zu Olten, die tönt als ein alter kessel (
v. j. 1471) Stammler
verfasserlex. 2, 460; bis die schöne alt-stimme Renatens wie eine glocke einfiel Fontane
ges. romane u. nov. (1890) 7, 55; 'und sprach die nicht?' — 'mit tönen wie aus glocken' H. v. Kleist 1, 25
E. Schm. A@1@bb)
die im innendienst, vor allem bei der messe verwendeten kleinen glocken,
nola: sy derffen kein gesang und nur stülle messen darin halten, haben auch keine glockhen im thurn, sogar keine kleine glockhen in der kürchen, so mans zur mesz, wo die gehalten wirdt, pflegtt zu gebrauchen Krafft
reisen 73
lit. ver.;
die reformation ist den glocken und schellen im gottesdienst abhold: wie der gottisdienst ist, so sind auch die glocken oder reytzungen. dem rechten gottisdienst hatt gott andere unnd rechte glocken geben, das sind die prediger ... Luther 10 I 1, 679
W.; daher bildlich: (
das) evangeli ... das ist die rechte glock und orgelln tzu dieszem gottisdienst
ebda 39
W.; ... nitt nutz noch nott, das sie ihr gebet mit den glocken ableutend und auff der cantzel verkunden, wie sie pflegen zuthun Eberlin v. Günzburg 3, 22
ndr.; des gatten rachefoderndes gespenst schickt keines messedieners glocke, kein hochwürdiges in priesters hand zur gruft Schiller 12, 412
G. A@22.
in weltlichem gebrauch. glocken
von der grösze der turmglocken finden hier nur beschränkte verwendung, vor allem bei der rathausglocke,
die als ratsglocke (
s. teil 8, 200)
und als verkünderin der stunden eine rolle spielt. die besondere bestimmung weltlicher glocken
wird wie in diesem falle gewöhnlich durch zusammensetzung näher gekennzeichnet, so bierglocke (
teil 1, 1824)
oder bürgerglocke (
teil 2, 539),
s. ferner Sartori
von dt. glocken 17
ff. wo bestimmte umstände eine stärkere schallwirkung verlangen, finden sich auch sonst gelegentlich gröszere glocken: aber wann nun zun schichten zu faren ist, zeiget disz den arbeitern der thon einer groszen glocken an Ph. Bech
Agricolas bergwerckb. (1580) 74; die grosze glocke läutete zum parlament Ranke 40—41, 192.
gewöhnlich handelt es sich aber im profanen gebrauch um kleinere glocken,
die verwendung finden hauptsächlich als A@2@aa) glocken
an toren und türen: faule starke lendenlahme bettler ... ziehen die glocken an den häusern an Otho
evangelischer krancken trost (1671) 623; sie zogen die glocke, das thor öffnete sich Göthe I 24, 174
W.; ohne abzusteigen, zog er hastig die glocke am thor Eichendorf
s. w. (1864) 3, 325;
zimmerglocken: sage deiner gebieterinn, wann mein trank fertig ist, soll sie die glocke ziehen (
she strike upon the bell) Bürger
w. 1, 294
a Bohtz; sie schreit (
bei einer schreckhaften erscheinung) laut auf, dann erreicht sie die glocke und zieht Göthe I 13, 1, 348
W.; Schiller 4, 212
G.; eszglocken: die glocke rief zum souper
M. v. Ebner-Eschenbach 4, 69.
[] A@2@bb)
am halse oder geschirr von tieren: drey ding leuthen glocken zu Rhom, pallast, luchen (?) und seumröss U. v. Hutten
op. 4, 266
Böcking; bey ihr (
meiner schäferin) und ihres hamels glokke schmekkt mir, was ich in wasser brokke C. Stieler
geharnschte Venus 94
ndr.; das geläute der glocken, so dem rindvieh angehängt A. U. v. Braunschweig
Octavia (1677) 3, 870; ich höre die glocken von mauleseln Cl. Brentano 7, 104;
beim schlittengespann: die glocken hörte man kaum vor den schlitten schallen Henrici
ernst-, scherzh. u. satir. ged. (1727) 2, 550. A@2@cc)
als zierrat, bes. an kleidern: es sollen keine röck oder camisol mit glocken bei bauern oder gemeinen mehr geduldet werden
kleiderordn. (1727)
bei Staub-Tobler 2, 611;
s. vor allem glöckchen
und glöcklein. A@2@dd)
als musikinstrument: ihre musikalischen instrumente waren die querpfeife, trommel, die chinesische orgel, die grosze flöte, becken und glocken Ritter
erdkunde (1822) 2, 1133; glocken werden im orchester in verschiedenster grösze benutzt Moser
musik. wb. 42
a,
s. auch glocke D 11. A@2@ee)
gegenüber den frei hängenden glocken
findet sich auch die auf dem tisch stehende, s. unter tischglocke
teil 11, 1, 516: Salome ergriff sofort die glocke und klingelte kräftig G. Keller
werke 6, 243; der landvogt ... trat zum tisch und klingelte mit der glocke
ebda 6, 253;
hierher gehört auch die glocke
des versammlungsleiters oder präsidenten. A@2@ff)
die glocke
an der uhr: wenn die uhre abgelauffen und die unruhe ihr stndlein erfllet, so pfleget alsdann der hammer mit einem groszen schall auff der glokken anzuzeigen, wie viel es geschlagen Rist
das friedewünschende Teutschland (1648) 20; eine uhr ist gut, wenn alle ihre räder, mit dem zeiger, der glocke und dem hammer so wohl zusammen stimmen J. J. Schwabe
belustigungen 2, 202; (
die wanduhr) mit ihrem ersten lärmenden streich auf die glocke J. J. Engel
schr. (1801) 12, 283. A@2@gg)
bei signaleinrichtungen: meldete die glocke, ... dasz ein zug ... aus der nächstliegenden station abgelassen sei Gerh. Hauptmann
bahnwärter Thiel (1892) 25;
vgl. auch unter E 4. BB.
typische verbindungen von glocke
mit verben und substantiven. B@11)
mit verben: B@1@aa)
transitiven (glocke
ist object): B@1@a@aα)
für das herstellen der glocke
ist gieszen
das übliche verbum; auf materialgleichheit beruhen die zusammenstellungen ausz diser kunst kan man puxen und kloken giessen Dürer
underweysung der messung (1525) N 5
a; stuck oder glocken gieszen, Theob. Hock
schönes blumenfeld 113
ndr.; vgl. auch die redensartliche verwendung unter C 8. schmieden
ist im schrifttum nicht belegt, vgl. aber glockenschmied.
daneben einfaches machen: und liesz ouch machen und wiehen den kilihhof, das glogghus, die gloggen, den toufstein
Stretl. chron. 34
Bächtold; (
zu den teuflischen lehren der pfaffen gehört) bild machen, grosz glocken ... machen H. v. Cronberg
schr. 81
ndr. mehr als das blosze herstellen, vielmehr die ganze beschaffung und aufhängung der glocken
umfaszt: dasz er (
der freiherr) ... drei neue glocken ... veranstalten ... liesz Hippel
kreuz- und querzüge (1793) 1, 15; das die glocken entlich zuo ere gottes aufgericht und geweicht sein Berthold von Chiemsee
tewtsche theologey 611
Reithmeyer. B@1@a@bβ) weihen
und taufen:
s. o. Stretl. chron. und Berthold von Chiemsee; sie aber ... weyhen glocken, alltar und kirchen Luther 11, 416
W.; dazu mit geweihten glocken klingen Dedekind
papista conversus (1586) A 8
b; dasz wir die glocke taufend weihn Schiller 11, 318
G.; er (
der weihbischof) täufft die glocken mit gesang, er heiliget auch den glockenklang B. Waldis
das päpstlich reych (1556) D 6
a;
zum sachlichen vgl. H. Otte
glockenkunde2 (1884) 18; Sartori
v. dt. glocken 13.
[] B@1@a@gγ)
die bedeutsamste gruppe unter den transitiven verben ist die, die das läuten bezeichnet. läuten
selbst ist seit alter zeit das gebräuchlichste: man hat die gloggen zemen glüt, zuo dem sind zkilchen schon die lüt
schweiz. spiele d. 16. jahrh. 3, 126
Bächtold; eine ganze nation ... braucht nicht mehr glocken zu läuten, weils geburtstag ist Bettine
dies buch geh. d. könig 1, 95; nun werden wohl die glocken geläutet und ein te deum gesungen? Bauernfeld
ges. schr. 5, 54;
mit einer präposition: sît gewis, swenn ir uns komet, ir werdent hôh enpfangen. ir sît wol wert daz wir die gloggen gegen iu liuten, dringen unde schouwen als ein wunder komen sî Walther v.
d. Vogelweide 28, 14; wenn also der landsturm die glocken läutet gegen den feind E.
M. Arndt
schr. (1845) 1, 299;
s. ferner unter A 1
a neben läuten
begegnet am häufigsten ziehen: glocken ziehen Lehman
floril. polit. (1662) 1, 400; zieht glocken, räuchert, bethet an! Gottsched
ged. (1761) 298; zieht die glocken! betet! trauert! Grabbe 1, 108
Blumenthal; vor allem von den hausglocken s. A 2
a; anziehen,
wohl nur den beginn des läutens bezeichnend: wan ein oberster schultess ... die glocke anzeucht, sol ime ein icklicher hoiffner der ein kluppel gedragen kan, ziehen von einer none zeit zu der andern (
vom j. 1550)
weisth. 3, 830; wenn die glocken angezogen werden Prätorius
anthropodemus plutonicus (1666) 1, 50; J. v. Müller (
s. o. A 1
a α); schlagen
bes. nd.: de stormclocken
oder im selben sinne auch de clocken slaan,
s. teil 9, 369
unter schlagen 1
h γ; treten: ... muszte sich ... jeder bürger ... an dem festgesetzten tage zum treten der glocke in der glockenstube einfinden Sartori
v. dt. glocken 186 (
vgl.glockentreter);
selten ist rühren (
im sinne von rühren 1
d teil 8, 1460): in den drey letzten tagen der marterwoche, da keine glocken gerühret werden Krünitz 19, 89;
eine eigenheit von E.
M. Arndt
ist das auch sonst bei ihm begegnende ringen
von der glocke,
s. teil 8, 1002: und blase der rache posaunen und ringe die glocken vom thurm und schmettre den klang der karthaunen! E.
M. Arndt 3, 324
R.-M.; vgl. ebda 6, 163. B@1@a@dδ)
technische ausdrücke des glöckners, die sich hauptsächlich auf die arten des läutens beziehen, sind beiern
teil 1, 1368; klengen 2
a teil 5, 1146; kläppen
teil 5, 965; dengeln 3
teil 2, 926; unterziehen: die glocke ertönt zuerst in regelmäszigen schwingungen, wird aber gegen schlusz angehalten (unterzogen), so dasz der klöppel nur an einer seite anschlägt Sartori
v. dt. glocken 97 (
vgl. unterziehen B 1
teil 11, 3, 1923; Fischer
schwäb. 6, 260); stoszen: dazwischen wird die zweite und dritte glocke schlag um schlag gestoszen Sartori
a. a. o. 74; as de bädklock stöten würd ... sall dat de köster hebben vört bädklockstöten
ebda 46; die glocke durchziehen (
vgl. oben unterziehen), überziehen, überholen, voll durchläuten
ebda 60.
das teil 16, 763
angesetzte transitive die glocken zusammenschlagen
ist unbelegt. die glocken aufschürtzen o. schürtzen
alzare succignere le corde delle campane (
nella settimana santa) Kramer 2 (1702) 685
a; man sagt, die glocke sey überhängt, wenn der klöppel zu schwer ist Krünitz 19, 133.
im übrigen vgl. Sartori
v. dt. glocken 61. 74. 76. 97. B@1@a@eε)
man spricht vom einschmelzen
oder umschmelzen
der glocken
in kriegsnotzeiten: es ist, als ob die glocken sich selbst zu grabe läuteten, denn wer weisz, ob die Franzosen sie nicht bald einschmelzen H. v. Kleist
brief an s. bruder 66
Biedermann; die bürger behaupteten, ihre ganze schuld bestehe darin, dasz sie ... ein paar glocken zu kanonen umgeschmolzen hätten Ranke 4, 48;
zur sache s. bereits Fronsperger
kriegsb. 1 (1578) T 4
a.
bei kriegsgefahr pflegt man die glocken
auch in gewässern zu versenken
oder an sicherere orte zu führen,
aus furcht, die feinde möchten sie fortführen: (
die Constanzer) welche, da ihnen der feind
[] auffn dache seyn wolln, ihre beste glocke genommen und in der Costnitzer see versencket haben Prätorius
abentheuerl. glückstopf (1669) 108; do flœn alle lute ... in dy stad ... und das gesmide usz den kerchen und alle glocken das furten alle dorffer in dy stad Erfforte Stolle
thür.-erfurt. chron. 11
lit. ver.; im jahre 1509 griffen ihn die hansischen städte ... an, eroberten seine schiffe in Helsingör, führten seine glocken fort, um sie in ihren capellen aufzuhängen Ranke 1, 139. B@1@bb)
mit transitiven verben (glocke
ist subject): B@1@b@aα)
kirchliche festtage, den sonntag oder ein gröszeres weltliches ereignis: den frieden, ein geschehnis, das führende männer betrifft, u. ä. einläuten: wo beim sonnenuntergang immer alle glocken den tod des kaisers einläuteten Bettine
Günderode 1, 127;
vgl.: sie läuten soeben mit unsern sonoren glocken das reformationsfest ein Göthe IV, 38, 280
W. B@1@b@bβ)
die glocken
geben die stunden an; das gewöhnliche ist die wendung die glocke schlägt
mit einer angabe der stundenzahl: so die glock drü sleht
Straszburger verordn. 39
Bruckner; nun die glock wird drey schlagen schir Hans Sachs 17, 10
lit. ver.; wie die glocke auf dem schloszthurm sechs schlägt Immermann 1, 21
Hempel; jünger mit hinzufügung von uhr: hört ihr herrn und laszt euch sagen die glocke hat vier uhr geschlagen Cl. Brentano 5, 106; als die glocke zwölf uhr schlug Meisl
theatral. quodlibet 3, 104; der halbe ton einer glocke ..., die langsam elf uhr schlug Spielhagen 1, 2.
dem entspricht die frage: was hat die glock geschlagen?
quota est hora? quota hora audita est? sonuit? Orsaeus
nomenclator methodicus (1623) 311;
ebenso die indirecte wendung: luog dar by, was die glocken schlag Seb. Brant
narrenschiff 35
Zarncke. selten ist wieviel
statt was: wie viel die glocke eigentlich geschlagen Tieck
schr. 1, 16;
neben schlagen
steht ausschlagen: als endlich die glocken auf den verschiedenen punkten der stadt die stunde ausschlugen Mörike 3, 44 (1905)
Göschen; selten sind andere wendungen, wie: brich auf, wenn die glocke den zwölften streich thut auf dem karmeliterthurm Schiller 3, 475
G.; vom kirchturm brummte die glocke viertelstunde auf viertelstunde O. Ludwig 2, 317. die glocke ruft zwei im dorf Klinger
Otto der schütz 3, 9. B@1@b@gγ)
hierher gehören ferner verbverbindungen, die ihre entstehung der vorstellung verdanken, dasz die glocke ein lebendes wesen sei: rufen, laden
u. ä. B@1@cc)
mit intransitiven verben (glocke
ist subject): B@1@c@aα)
unzählig sind, vor allem im volksmunde, die verben, die lautmalend den klang der glocke
wiederzugeben suchen: bämbsen, bammen, bampen, baunen, bimbeln, bimelen, bimmeln, bimpen, bomben, bömbeln, bommen, bompen, bomsen, bumben, dengeln, gämben, gleimpen, klämern, klänken, kläppen, klempen, klimmen, klimpen, pingeln, pinken, timpen, tonken, trompen, zimbeln, zinken
s. Sartori
v. dt. glocken 21. 45. 46. 58. 61. 66. 76. 96. 97. 128
u. ö. so beispielsweise im schrifttum bammeln (
eine parallelform zu bimmeln,
s. auch oben bammen
u. ä.): wie anders, wenn der glocke bimbam bammelt, drängt alles zur versammlung sich hinein! Göthe I 5, 47
W. bomben:
vgl. teil 2, 236,
ferner: zu letzt leuthen sie zusammen und bombt die grosze glocke mit zu
theatr. diabolorum (1569) 172
a; bummen: flink mir die festlichen gläser gespült und das grosze des vaters, das ins helle gekling einbummt, wie die glocke vom kirchthurm J. H. Vosz
sämtl. ged. (1802) 1, 166; brummen: die mächtige glocken zusammen brummen Spee
güld. tugendbuch (1646) 387;
vgl. teil 2, 429. summen: mit dieser einzigen sylbe will ich sie niederwerfen, dasz in Genua keine glocke mehr summen soll Schiller 3, 67
G.; wir schossen ... die pistole los, davon die höhle ... wie eine glocke summte
[] Göthe I 19, 244
W.; summt die glocke beim sonntagsläuten lange nach, so bedeutet es einen baldigen todesfall in der gemeinde Sartori
v. dt. glocken 217. B@1@c@bβ)
von den das läuten im allgemeinen bezeichnenden verben ist das gewöhnlichste läuten
mit der nebenform lauten: wann der schall von glocken höher lautet Sebiz
feldbau (1579) 42;
vgl. noch lauten 3
teil 6, 373; hierbey vernam man überall das hole erz, das brummende metall der hocherhabnen glocken läuten Weichmann
poesie d. Niedersachsen 1, 16;
der anlasz wird durch zu
ausgedrückt: die glocken lauteten zur vesper Schiller 4, 68
G.; in einer halben stunde muszte die glocke anfangen, zur trauung zu läuten Immermann 3, 19
Hempel; die glocken
läuten von selber, was als wunderzeichen gilt: sich begunden überal die glocken selbe liuten Hartmann v. Aue
Gregorius v. 3756
Paul; ist er unter uns, warumb leuten sich nicht alle glocken? Luther 20, 221
W.; alle die glocken ... von in selber leüten Arigo
dec. 55
lit. ver.; da war eine feurige kugel vom himmel gefallen, da hatten die glocken selber geleutet Chr. Weise
d. drey klügsten leute (1675) 272;
vgl. dazu Sartori
v. dt. glocken 117.
neben läuten
ist das gebräuchlichste verb klingen, erklingen: ein andre stAehlein stangen het er in seyner handt. die schnayd ...... vnd klang auch also helle als ein glock in thurns tach
lied v. hürn. Seyfried s. 25
ndr.; eine glocken öffter und heller klinget, darinnen nichts ist dann der klüppel Barth
weiberspiegel (1565) R 6
b;
beim jüngsten gericht gegenüber der biblischen posaune: dem wirt dort der ewig gewin, wann der glokken don erchlinget Teichner
hs. Wien 2901
bl. 74
rb; denn wird er (
gott) vns, wenn seine glocken klingen, mit grosser frewd widerumb zusammen bringen Ringwaldt
handbüchlein D 2
a;
zur vorstellung vgl. Fischart
Garg. 241
ndr. und die glocke der auferstehung Schiller 2, 65
G.; die glocken ... der kirche klangen zu den bergen herauf Fontane I 6, 43.
composita: der intermittierenden schwingungen beim abklingen der glocken Göthe II 1, 44
W.; nur dasz ja die glocken im kirchsprengel ... hübsch ... nachklingen
ebda I 45, 11; als eine glocke nach der andern verklang G. Keller 6, 63. schlagen: in einigen minuten, wenn die (
sturm-)glocke schlug, stand ein kleines heer ... da
M. J. Schmidt
gesch. d. Deutschen 3, 180;
heute gewöhnlich von uhrglocken gebräuchlich: da rann kein sand, und keine glocke schlug Schiller 12, 135
G.; so schlägt die glock zur messe, non und vesper Tieck
schr. 3, 270; da hör ich glocken schlagen fern aus der stillen stadt
M. Greif
ged.5 27; wenn ir die glocken anschlahen hörent Arigo
dec. 401
lit. ver.; tönen: zur leichenfeier tönten alle glocken Göthe I 9, 259
W.; die glocke tönt, und meine schafe warten Grillparzer
werke (1872) 6, 25
Cotta; schallen: ... betrübtes Zion, man ächzt, wenn deine glocken schallen aus tiefer wehmut über dir Gottsched
ged. (1751) 1, 157; ich höre glocken schallen Göthe I 13, 2, 94
W.; vgl. auch Rückert
werke (1867) 1, 143; Alexis
Roland v. Berlin (1840) 1, 70. hallen: die hallenden, zum gebete für sterbende auffordernden glocken Schubart
leben und gesinnungen 1, 281;
übertragen: und höre hallen deines mundes glocken v. Strachwitz
ged. (1850) 105;
[] gehen:
in der schriftsprache seltener belegt: die glocken gehn; und jung und alt springt hoch und jauchzet laut J. H. Vosz
sämtl. ged. (1802) 2, 90;
sonst noch maler Müller 3, 287; A. v. Arnim 6, 344
Gr.; im volksmund bis heute geläufiger: wenn die glocken so dumpfig gehen, so stirbet gemeiniglich einer darauff Prätorius
philosophia colus (1662) 207; es kommt regenwetter, die glocken gehen fürchtig herb Fischer
schwäb. 3, 700;
mit selig: wenn die glocken 'selig gehen',
d. h. in einem gewissen harmonischen und rhythmischen klange, so sieht man das in Lohne als todverkündigend an Sartori
v. dt. glocken 115; angehen,
anfangen zu läuten: die glocken giengent selber an und lutent da selber sich Kistener
Jacobsbrüder 88
v. 514
Euling; vgl.angehen
theil 1, 343;
metaphorisch von menschlichen lauten: horch, die glocken weinen dumpf zusammen Schiller 1, 226
G.; die glocke ..., die zum gebete ruft Th. Körner 1, 120
Hempel; ... der glocke dumpfer mund hat zwölfmahl schon vom thurm herabgerufen maler Müller 2, 370; so ernst die glocke sprach und tief A. v. Droste-Hülshoff 3, 82
Cotta. B@1@dd)
verben mit präpositionaler verbindung; zu mit der groszen glocke, mit allen glocken läuten
s. unten A 1
a α und β; mit der glocke beläuten: an dem gehegeten gerichte, als das mit der glocken belüdt war ... ieglichs unser ganerben dorfgericht zu Tropstadt sol des nehesten tag bei sonnenschein zuvor durch gemeinen dorfknecht beschreit und des morgens frühe mit drei zeichen der glocke beläut werden
aus weistümern in rechtsalterth.4 2, 471;
bei mit der glocke richten
ist vielleicht an die armesünderglocke gedacht: welcher ... einen zuo tod schlecht, über den sol der schultheisz am kilchhoff mit den vierundzwentzigen mit der glocken richten
Freiburger stadtrechte (
v. j. 1520) 94
a. mit der glocke, mit den glocken klingen: mit geweihten glocken klingen Dedekind
papista conversus (1596) A 8
b;
brimbaler mit dem glocken klingen oder ein geschelle machen, nicht recht läuten Walther
musical. lex. 113
b; um neun uhr wird mit der kleinsten glocke allein ungefähr 38 mal geklingt Sartori
v. dt. glocken 70.
von tischglocken mit der glocke klingeln,
s. unten A 2
e. an der glocke ziehen: dein bruder ist küster und zieht dreimal in der woche an der glocke Möser
sämtl. w. 1, 255;
gewöhnlicher von hausglocken: zog der hausknecht so heftig an der glocke, dasz der draht beinahe entzwei ging G. Keller 5, 13.
vereinzelt: haben sie widerumb ... mit allen glocken gestürmt Kirchhof
wendunmuth 2, 341
Oesterley. an die glocke (an)schlagen: so ein ubelthäter in Hispania vermerckt wirt, schlecht man hin und här sturm an die glocken Stumpf
Schwytzerchron. (1606) 12
b; der stadttürmer soll blasen ... und an den glocken anschlagen Pocci
lustiges komödienbüchlein (1859) 60.
für an die grosze glocke schlagen, bringen, binden, schreiben, hängen
in bildlichem verstande s. C 6. B@22)
den verbalen verbindungen entsprechen substantivische fügungen, meist neben glocke
als genetivischem attribut. hier ist klang
das gebräuchlichste der substantive (
zum versuch, klang, ton, laut, hall
und schall
gegeneinander abzugrenzen s. teil 5, 945). wie der klang einer glocke ... nichts als eine zitternde bewegung ist Göthe II 2, 209
W.; die du mir, glocke, zuträgst deine klänge Rückert 1, 312;
älteres s. unten unter ton;
daneben stehen substantivierungen wie geläute
und läuten: und dabei schwebte das geläut der glocken gar wunderbarlich auf der stillen see Raupach
dram. w. ernster gattung (1835) 6, 59; Storm
w. (1899) 1, 68; hört der glocken klaggeläut Gottsched
ged. (1751) 1, 337; da hört ich einer glocke helles läuten Schiller 14, 42
G.; [] und nur das läuten der glocke klang durch die öde hin Fontane I 2, 20;
häufiger ist auch schall: der trompten, trummeln klang, und vieler glocken schall hört er schon umb sich her, durch alle feld und thal Dietrich v.
d. Werder
Roland (1636) 98; lieblich ist der schall der glocken in des waldes lustgesang Schiller 11, 402
G.; ferner hall: und es tönt der hall der glocken von der höh zum letzten mal Platen 1, 32
Hempel. schlag: der glocken ängstlichhohler schlag Stoppe
Parnasz (1735) 131.
daneben einfaches laut
und ton: diese glocken hat einen guten odder bösen thon odder laut
M. Agricola
musica choralis deudsch (1533) D 2
b; denn dieser glocken laut kann seinen umfang faszen Heräus
ged. u. inschr. (1721) 122. ton: der clocken don wird mir zuo lon, eyn lynen cleit ist mir bereit Muskatblüt 18, 64
Groote; ... haben wir einen thon und klang gehöret, wie wir itzund in
s. Albans kirche hören, wenn die glocken angezogen werden Prätorius
anthropodemus plutonicus (1666) 1, 50; eine glocke, die gar keinen feierlichen ton hat Göthe I 17, 29
W. dichterisch auch metaphorisch nach menschlichen lauten: die pestilentze, dein gericht greifft umb sich hin und wieder. der glocken klag-lied feyret nicht, wir fallen häufig nieder Simon Dach
bei Fischer-Tümpel
d. ev. kirchenlied 3, 92; sein winseln überschreyt der glocken angst-gethöne Günther
ged. (1735) 1079. CC.
sprichwörtlicher und redensartlicher gebrauch von glocke
ist in den verschiedensten wendungen und bedeutungen verbreitet, s. Wander 1, 1724—1730
und Sartori
von dt. glocken 164
ff. die gängigsten seien hier herausgehoben: C@11) glocke
und klang
führen in ihrer beziehung zu prägungen wie: was sol ein glock ohn einen klang Eyering
proverb. copia (1601) 2, 532; regent und fürst ohne credit ist ein glocke ohne klang Lehman
floril. polit. (1662) 2, 679; der etwas kan und nicht thut, der ist ein glock ohne klang
ebda 2, 791;
vgl. auch Wander 1, 1729
nr. 104. die glocken klingen nicht, wenn man sie nicht läutet
u. ä. Wander 1, 1725
ff. nr. 18. 19. 67; soll die glocke klingen, musz man den klöppel schwingen
ebda 1, 1727
nr. 58. wo geschellt wird, sind glocken (
kein gerede ohne ursache) Blum
sprichwb. (1780) 2, 73; wo kine klock is, da is auk kin gelüd (
d. h. mit der ursache hört auch die wirkung auf) Sartori
v. dt. glocken 166; Wander 1, 1728
nr. 83. ein glock tont nach dem, als der züg ist Geiler v. Keisersberg
bei Wander 5, 1354
nr. 128;
ebda 1, 1725
nr. 13; de klock geit, as de köster de kopp steit
ebda 1, 1724
nr. 5; dieselbe glock läutet zu gewitter und zu hochzeit
ebda 1, 1725
nr. 26; die glocken klingen übel, die man sich selber läutet
ebda 1, 1725
nr. 20.
jeder legt dem glockenklang den text unter, der ihm paszt: ein ieder meynt was er im sin hab, das schlagen all glocken Seb. Franck
sprüchw. (1541) 1, 161
b; Lehman
floril. polit. (1662) 3, 70; Wander 1, 1724. 1727
nr. 2. 66. es geschiht in wie den glocken, die yederman zuor predig ruoffen und sie selbs hörlos auszer der kirchen bleiben Seb. Franck
sprüchw. (1545) 1, 91
b;
ähnlich Butschky
Pathmos (1677) 257; Lehman
floril. polit. (1662) 1, 495; Abr. a
s. Clara
Judas 1, 113; Wander 1, 1725
ff. nr. 27. 106;
gereimt: die glocken laden andere zur kirchen ein, aber sie kommen selber nicht darein Kern
sprichwörter (1718) 14.
[] eine glocke oder schelle yhren eygen klang nicht höret Luther
post. (1528) 312
a; ein glocke und schelle dienet andern und höret und verstehet selber nichts Petri 2 V 3
r; die glocken haben kein hirn, stehen doch zu öberst und regieren weise leut Lehman
floril. polit. (1662) 2, 679;
vgl. auch Wander 1, 1725
f. nr. 28. 16; sollt ein tolle glocke weise leut regieren Petri 3, S s s 1
v; Wander 1, 1727
nr. 59. die hölzerne glocke (
über die leiser tönende hölzerne glocke
als ersatz für die metallene s. im eingang von A): zu unwitzigem rath gehört ein höltzerne glocke (
lat. erklärung dazu: nulla executio) Lehman
floril. polit. (1662) 2, 616; du kürst, als wenn du mit hölternen glocken läutest (
d. h. recht dumm) Sartori
v. dt. glocken 164 (
beleg aus dem kr. Iserlohn);
vgl. auch lederne glocke
unter C 2
b. der klang der glocken
ist unwirksam, ohnmächtig und vergänglich: talis ist klang von einer glocken qui ei est ein hall und klang frustaneus Luther 34, 1, 167
W.; der welt leben schaffet argen lon, ir fröud vergat als der glocken ton
der ewigen wiszheit betbüchlin (1518) 100
a; der glocken klang verjagt kein dollen (
dohlen) Lehman
floril. polit. (1662) 2, 729;
in diesen sinne auch: ihr pflegt zu schwatzen, eh ihr handelt und seid die glocke eurer thaten Schiller 12, 328
G.; ich sage erfolg, denn der ruhm ist doch blosz der klang der glocke Pückler
br. u. tageb. 7, 386. C@22) glocke
und klöppel: C@2@aa)
die glocke
ohne klöppel: diu glocke muoz den klüpfel han, sol si guoten don began Freidank 126, 15;
ähnlich Binder 76; Wander 1, 1726
nr. 31; ein altar on heiligen ist ... wie ein kirchenthurn ohn ein glock oder wie ein glock ohn ein schwengel Fischart
binenkorb (1588) 153
a; schaff wissen der glocken keinen klöppfel ein zuhengen Petri 2, S s 2
a.
in verbindung mit eine glocke gieszen (C 8)
bedeutet die gegossene glocke
einen plan, der klöppel den, der den plan durchführt: ob schon die glock ist gegossen, so mangelts doch am klüpffel Lehman
floril. polit. (1662) 1, 294; geust man ein glock, so musz man ein klüpffel drein hencken
ebda 2, 604;
ähnlich Wander 1, 1724
ff. nr. 9. 64. 69. 90.
sprichwörtlich wird das bild von der glocke
ohne klöppel vor allem auf gesetz und recht angewandt: wolt ihr uns hunden ordnung deuten und regieren mit glocken leuten und wist nicht, was zur glock gehort, das sie ohn kneppel spricht kein wort? Rollenhagen
froschmeuseler (1595) Bb 7
b; ein gesetz ohn ein handhaber ist wie ein glock ohn ein schwengel Petri 2, V 2
a ; ein gesetz ohne vollziehung ist wie eine glocke ohne schwengel Sperling
Nicodemus quaerens (1719) 2, 1009; Fr. L. Jahn 2, 678
Euler; gesetz ohne strafe, glocke ohne klöppel Binder 72; gut recht ist eine grosze glocke, wenn nur nicht der schwengel so leicht herausfiele
ebda 159; Wander 1, 1729
nr. 105.
bildliche anwendungen auf andere gebiete sind selten: ein soldat ohne hertz ist wie eine glocke ohne kleppel v. Fleming
d. vollk. teutsche soldat (1726) 98; ... schmaus ohne klang ist grade wie glock ohne klöppel J. H. Vosz
sämtl. ged. (1802) 1, 184. C@2@bb) glocke
und klöppel sind aus solchem stoff, dasz sie keinen klang geben, am ältesten die lederne glocke
mit dem fuchsschwanz: mit liderinen glocken muoz man ze kirchen locken. si hangent also ho, daz man si liut mit stro mit einem fuhszagele
wachtelmäre v. 65
in Wackernagel
altdt. leseb.5 1149; eyn glock on klüpfel gibt nit thon, ob dar inn hangt eyn fuchszschwantz schon, dar umb losz red für oren gon Seb. Brant
narrenschiff 43
Zarncke; wor de glocke van ladder ys unde de knepel eyn voszstert ys, de klanck nicht verne gehöret ys
ebda 376;
[] ist die glocke von leder und der klöppel ein fuchsschwantz, so hört man die schläge nicht weit Binder 76; Wander 1, 1728
nr. 80.
jüngere abwandlungen sind: eine lederne glocke bedarf keines eisernen klöppels Körte
sprichw. (1837) 161;
für die goldene glocke
mit hölzernem klöppel und derartige zusammenstellungen vgl. Wander 1, 1724
ff. nr. 3. 62. 70. C@33)
die gesprungene glocke
klingt schlecht; von der zwietracht: gespalten glocke hat bœsen don Hugo v. Trimberg
renner 3802
lit. ver.; vom guten ruf, der gelitten hat: so der hafen oder glocken das geringst klüfftlein hat, so schättert es und ist unnutz Nas
wider ein warnung (1577) 195;
ähnlich Wander 1, 1727
nr. 63; wenn die glocke einen sprung hat, kennt man sie am klange
ebda 5, 1355
nr. 132; eine zersprungene glocke wird nicht wieder ganz
ebda 1, 1726
nr. 34; eine zersprungene glocke läutet auch zur kirche
ebda nr. 33. C@44)
von der vorstellung der verwendung mehrerer glocken
gehen wendungen aus wie: die glocken schlagen zusammen '
die verschiedenen umstände treffen zusammen': hierumb wie bald dieser lümbden durch Egon über Othonem auszgossen ward, do schluogend die glocken zuosamen und bewegtend den künig zuo aller ungnad wider in Stumpf
keyser Heinrichs d. vierten historia (1556) 17
b; die gloggen schluogend dermaszen zuosamen, dasz der guoetig keiser Ludwig nachmalen beredt ward, seinen gemachel Juditham von im ze stoszen J. v. Watt 3, 128.
eine andere bedeutung ist '
die meinungen stimmen überein': hierinn schlagen die glocken aller medicorum zusamen Fischart
Bodin vom ... teuffelsheer (1586) 360;
ähnlich ihre glocken klingen gleich Wander 1, 1729
nr. 114; von Wien her hört man dieselben glocken läuten, die von Paris erklangen E.
M. Arndt
nothgedrung. bericht (1847) 1, 350. C@55)
eine einzelne glocke
gilt vergleichsweise für eine bestimmte meinung oder richtung: an eine klock trecken (
aus Haldern, kr. Rees) '
an einem strick ziehen' Sartori
v. dt. glocken 166;
ähnlich Wander 1, 1730
nr. 122; sie läuten nicht dieselbe glocke
sie sagen bald so, bald so ebda 1, 1730
nr. 121;
so auch vereinzelt auf jemandes glocke schlagen: da sie sahen, dasz er, Ignatius, auff ihr glocken nit schlagen, ihrem begehrn nit statt tuon noch inn das, dessen sie sich gäntzlich entschlossen, bewilligen wolt, (
haben sich) beide mit einander ... auff die wallfartt ... begeben
F. Alber
Ignatius Loiola (1591) 88. E.
M. Arndt
eigentümlich ist die hier anschlieszende metapher für das, was den geist der zeit ausspricht: die ganze welt glaubt ..., und ich glaube es mit, weil es die glocke der zeit ist
vom geist der zeit (1806) 1, 258; die glocke der stunde (
Petersburg 1812)
titel einer seiner flugschriften. C@66)
die verschiedene grösze der glocken
bildet den ausgangspunkt für sprichwörter wie: wenn die groszen glocken klingen, höret man die kleinen nicht Hoffmann
polit. Jesus Syrach (1740) 29; kleine glocken neiden die groszen nicht, wann sie dieselb hören leuten Lehman
floril. polit. (1662) 2, 565; Wander 1, 1727
f. nr. 68. 81; wo grosze glocken fehlen, musz man die kleinen läuten
ebda 1, 1728
nr. 82; kleine glocken klingen auch, klingen am hellsten
ebda 1, 1726
nr. 51. 50; mit der groszen glocke läutet man nicht alle tage
ebda 1, 1727
nr. 57;
in ähnlichem sinn nr. 60.
am häufigsten ist die grosze glocke
in bestimmten verbalen verbindungen: C@6@aa)
im sinne von '
sich aufspielen, das grosze wort führen': als bald disz (
dasz Seneca allmählich in ungnade fiel) sein hoffgesind mercket, da schluog iederman an die grosse glocken und wo nun Nero hinausz wolt, da thetten im sein krieger und hoff nit allein thür und thor auff, sonder auch stupffeten in darzu Seb. Franck
Germ. chron. (1538
im nov.) 19
b; gar bald stürmt er die grosz glock an und heiszt sich dann mit friden lan (
d. h. zuerst spielt er sich gewaltig auf) Murner 273
nat. lit.; ähnlich: ich habe fast drei jahr in Erfurt gelebt ... in einem zirkel ..., wo stäts die grosze glocke geläutet und oft eine ehre darin gesucht wurde, wenn einer den andern
[] an unverschämtheit übertreffen konnte Bahrdt
gesch. s. lebens (1790) 2, 12;
noch mundartlich: hei lüt gern die grauten klocken, '
er hat gern das grosze wort' Sartori
v. dt. glocken 165. C@6@bb)
andere redensarten gehen von der verwendung der glocke
im rechtsleben aus, vgl. dazu L. Günther
recht und sprache 122, Maurer
gerichtsverfahren 203. 217
und Sartori
v. dt. glocken 130.
dasz dieser gebrauch für die öffentliche appelation des klägers schon im 16.
jahrh. im absterben ist, zeigt die bedeutung der redensart an die grosze glocke laufen
u. ä. '
sich vergeblich beschweren'
in belegen bis ins 17.
jahrh.: wolts aber jemand gfallen nicht, so er sein gschmaltznen flecken sicht, (
den ihm der Grobianus bei tisch auf sein kleid machte) so sprich, wes sagt jr lang daruon er habs doch nicht mit fleisz gethon. so muosz ers dann wol lassen bleiben, er kan dir drumb kein feindszbrieff schreiben, lasz jn an die grosz glocken lauffen, du wirst jm ja kein anders kauffen Scheidt
Grobianus 1642
ff. ndr.; die werden mit iren fingirten genealogien reiciert, sampt den fürgeschriften, die sie von künigen und potentaten brachten. das half sie aber nit, man liesz sie an die groszen glocken laufen
Zimm. chron.2 3, 131
lit. ver.; wolt ir euch nicht lassn bedeuten, laufft an die grossn glockn zu leuden! Ayrer
dramen 4, 2827
lit. ver.; gelüsts ihn, so mag er auch immer hin gen Hof nach der grossen glocken lauffen, ob er vieleicht möcht darunter zu sitzen bekommen Artomedes
christl. auszlegung (1613) 1, 188;
danach auch: wem daran nicht genüget, den weisen wir an die groszen glocken, da mag er ihm was bessers leuten
ders. erklerung d. catechismi (1605) 314.
geläufiger ist die bedeutung '
etwas weithin bekannt machen'
in den wendungen an die glocke schlagen, kommen, bringen, binden, schreiben, hängen: etwas an die grosze glocke schlagen
trombettare, andar trombettando alcuna cosa Jagemann
dtsch.-ital. wb. (1791) 496
b; haben sie einen thaler erspart oder gewonnen, so wirds alsbald an die grosze glocke geschlagen Körte
sprichw. (1837) 145;
vgl. auch Wander 1, 1728
f. nr. 84. 98. 107; an die grosze glocke kommen Bauer-Collitz
Waldeck. wb. 203
a;
ebenso et kümmet doch noch an de klocken (
westfäl.) Sartori
v. dt. glocken 165. an die grosze glocke bringen
und binden
s. ebda 165
und Sanders
wb. d. dt. spr. (1860) 1, 600
b.
der 2.
hälfte des 17.
jahrh. gehört an (
vielleicht unter einflusz des abergläubischen gebrauchs, seinen namen in eine glocke
zu schreiben, vgl. Fischer
schwäb. 3, 700; Sartori
v. dt. glocken 43): so sollen wir nicht alsbald es an die grosse glocke schreiben und es in allen gassen ausztragen Scriver
chrysologia catechetica oder goldpredigten (1690) 124; wer seine liebeshistorien allezeit an die grosze glocke schriebe Chr. Weise
die drey klügsten leute (1675) 280; sol ich gehen und soll unsre eigne schande an die grosze glocke schreiben? Gryphius
lustspiele 1, 135
Palm; vgl. auch Wander 1, 1729
nr. 98.
am gängigsten ist: etwas an die grosze glocke hängen: in unserer familie hängt man das nicht an die grosze glocke B. Auerbach
schr. (1892) 16, 120; A. v. Arnim 6, 106
Gr.; geschwätzigkeit, mit der die armen ihre not an die grosze glocke hingen v. Polenz
Grabenhäger 1, 97; Fontane I 1, 328; Wander 1, 1726
ff. nr. 35. 85. 98. 107;
ganz vereinzelt intransitiv: ... wo nun, was bisher unter uns geblieben, jetzt an der groszen glocke hängt v. Görres
ges. briefe (1858) 1, 245.
vereinzelt mit unter: ist es alsobald unter die grosze glocke kommen und über den unschuldigen geschryen worden: creutzige ihn! Schupp
schr. (1663) 632. C@77) er hat hören läuten, aber nicht zusammenschlagen, oder, wisse aber nicht, wo die glocken hängen '
sprichwörtlich im gemeinen leben von einem menschen, der von einer sache etwas obenhin, aber nicht genau und gründlich gehört oder erfahren hat' Campe 3, 53
a: er hat läuten hören, aber nicht zusammenschlagen Luther
br. 2, 423; ir habt hören läuten, aber nicht zusammenschlagen, oder: aber ihr wiszt nicht, in welchem dorffe Rädlein
europ. sprachschatz [] (1711) 1, 591; der mann hat lauten hören, aber nicht zusammen schlagen Lessing 10, 261
L.-M.; zur erklärung s. unter lauten 3,
teil 6, 373,
und zs. f. dt. philol. 26, 43. er hat läuten gehört, ohne zu wissen, wo die glocken hingen Serz
teut. idiotismen (1797) 86
b; er hatte hören leuten, aber nicht deuten, oder hatte hören zusammen schlagen, und wuszte dennoch nicht, wo die glocken hiengen Prätorius
bericht v. Katzen-Veite (1665) E 40;
s. auch oben Rädlein;
für Gottsched
bezeugt, von dem her die literarische kritik es übernahm: wann ein kenner der malerey etwas anders davon sagen kann, als — um mit einem Gottschedischen kern- und sprüchworte zu reden — der v. (
verfasser) habe die glocken läuten gehört und wisse nicht, wo sie hängen Nicolai
briefe die neueste litt. betreffend 9, 135; wenigstens hat der ... nur läuten hören, ohne im geringsten zu wissen, wo die glocken hängen Lessing 13, 381
L.-M.; die ursprünglich stets zweigliedrige redensart wird im 19.
jahrh. zuweilen eingliedrig: dieser bengel ... hat die glocken läuten hören, schwatzt und quatscht von freiheit Fontane I 6, 35;
vgl. auch Lipperheide
spruchwb. 496
b: er hat etwas läuten hören. C@88) eine glocke gieszen
im 16.
und 17.
jahrh. häufig belegt, s. auch unter C 2
a; auch heute noch mundartlich, s. Sartori
v. dt. glocken 167 (
s. u.).
der gewöhnliche sinn ist '
einen beschlusz fassen'
oder '
alle vorbereitungen treffen, um zu einem beschlusz zu kommen': da ward die glocke gegossen und der römische grewel nam solchs mit frewden an Luther 8, 216
b W.; H. Sachs 22, 427
lit. ver.; der beschlusz war, wie glock zuovor gegossen war Joh. Nas
das antipap. eins und hundert (1567) 2, J 4
b; als denn die presidenten und fürgsetzten der vier nationen sprachend: placet, so war die glogg gegossen J. Stumpf
concil zuo Costenz 19
a; die glock ist gegossen und der rath beschlossen Rist
d. friedejauchz. Teutschland (1653) 124; in summa nach langem discurs wurde die glock gegossen und beschlossen, dasz Springinsfeld den schatz suchen sollte Grimmelshausen
simpliz. schr. 1, 84
Tittmann. die glocke ist schon gegossen
res haec iam tum concertata est Aler (1727) 1, 957
b.
insbesondere '
einen anschlag machen': da wurden sie zornig ... gossen endlich die glocken, das sie jn tödten wolten Luther 8, 81
b W.; nun was es zuogericht ... im sacrament ... dem bruoder zuovergeben, als dann wer yr glocke gegossen gewesen Seb. Franck
chron. 222
b;
mundartlich de klock geben '
einen anschlag machen',
s. Sartori
v. dt. glocken 167.
mit präposition wird zugefügt, über oder gegen wen etwas beschlossen ist, vereinzelt steht auf: Schwantipol aber mercket wol, das die glocke auff ihn gegossen Hennenberger
erclerung d. preusz. landtaffel (1595) 354.
üblicher ist über: eine heimliche klocke über einen gieszen
clam consilia struere contra aliquem Stieler 985; und da er den anschlag markt, dasz die glogg über in gossen was J. v. Watt 1, 225; da werden sie villeicht eine glocken über mich gieszen wollen H. Jul. v. Braunschweig
schauspiele 337. C@99)
an die zeitangabe durch die glocke (
s.B 1
b β)
schlieszt sich an: was hat die glocke geschlagen?
quid agitur? quo in cardine res versatur? Aler (1727) 1, 957
b;
gewöhnlich im abhängigen satze: in fine videbitur cuius toni das ist: am ende wirdt man sehen, was die glocke geschlagen hat Luther 33, 119
W.; am end sihet man, was die glocken geschlagen hab Petri 2, J 2
a; Josef märckte straks im ersten eintritte, was die glocke geschlagen Zesen
Assenat (1679) 208; Kramer
dtsch.-holl. wb.4 2 (1787) 186 a; was die glocke geschlagen hat, sieht man am zeiger Wander 1, 1727
nr. 61. wieviel
statt was: nach geschehener that sihet auch der thor ..., wie viel die glocken geschlagen habe Lehman
floril. polit. (1662) 4, 10; Holberg
dän. schaubühne (1743) 1, 59; Möser
werke 9, 117; wie viel die glocke geschlagen hat, weisz man erst, wenn sie aufgehört Wander 1, 1728
nr. 79;
formelhafter gebrauch zeigt sich in dem häufigen ausfall des hilfsverbs. seit dem 16.
jahrh. halten sich die belege mit und ohne hilfsverb die waage. selten erscheint naturgemäsz die redensart in präsentischer form: [] du menschen kind, erschrick und wach all augenblick, lasz sichre leute schertzen! horch du in deinem hertzen, was deine glocke schlägt! Simon Dach 254
lit. ver.; was die glock in knsten schlage, nur der kenner wissen kann Ulr. Hegner
ges. schr. 149.
als ausdruck des erstaunens über einunerwartet eingetretenes ereignis begegnet umgangssprachlich: nun schlägt die glocke dreizehn! Wander 1, 1729
nr. 120. DD.
übertragener gebrauch. D@11) glocke
steht für das glockenläuten und für den glocken- oder stundenschlag. D@1@aa)
für das glockenläuten, gelegentlich für das sterbegeläut: und ist mir zwar ein groszer schmerz, .............. dasz ich (
die union) kein glocken nit kan haben, wann man mich ehrlich soll begraben Opel-Cohn
dreiszigjähr. krieg 2, 137.
vor allem nach der glocke '
nach dem (
abend-)
läuten': durch dasz sie noch der glocken (
nach dem glockenschlag, der feierabend gebietet) gesessen haben (1464)
urkundenbuch der stadt Freiburg i. S. 3, 259; dobey gewest sein die obengeschriben herren prelaten und thumherren noch der glocken, als gewonheit ist, zum capittel gesammelt (1444)
lehnsurkunden und besitzurkunden Schlesiens (1881) 2, 259; doch abends nach der glocke stellt er sich wieder ein v. Erlach
volkslieder d. Deutschen 1, 482;
s. auch Schiller-Lübben 2, 486.
ferner elliptisch für '
das recht des weltlichen gebietsherren, die kirchenglocken zu läuten'
in alten rechtsformeln bei der einweisung in grundherrschaft und gerichtsbarkeit: vort wisent die heimburgen unserm herrn von Trier ... die clocke, die volge, den ban, den herkomenden man, ... die gebot und alle gewalt
rechtsalterth.4 1, 66;
vgl. ähnliche formeln bei glockengeläute, -geschell, -klang, -schall, -schlag. D@1@bb)
für den glocken- oder stundenschlag als bezeichnung der uhrzeit: D@1@b@aα)
der eigentliche schlag wird bezeichnet in der verbindung: 'die glocke zählen' zehle die glock
dinumera horas Orsaeus
nomencl. methodicus (1623) 311; die glocken heissen und befehlen, wenn wir bald diesz, bald jenes thun: wenn wir erwachen oder ruhn: so müssen wir die glocken zählen Brockes
ird. vergnügen (1721) 8, 490; (die glocke schlägt) zählt da die glocke .... (
clock striketh, tell the clock there)
Shakespeare 9, 204. D@1@b@bβ)
uneigentlich die durch den glockenschlag bezeichnete uhrzeit, vor allem im nd. geläufig, so schon mnd.: to VII in der klokken des avendes, umme trent achten in de kloken
bei Schiller-Lübben 2, 486
a; he is in de klock verbistert
er weisz nicht, was für zeit es ist Wander 1, 1729
nr. 109; ... als nun der wächter 'ein ist die glock!' ausrief ... J. H. Vosz
sämtl. ged. (1802) 1, 109;
vornehmlich in der frage: 'was ist die glocke' in Niedersachsen, für wie viel uhr ist es? 'die glocke ist acht', eben daselbst, es ist acht uhr Krünitz 19, 83;
schriftsprachlich bei nd. oder dem nd. nahestehenden schriftstellern: Löwen
schr. 4, 253; J. D. Falk
satiren (1800) 2, 134; A. v. Arnim 2, 344; 14, 217
Gr.; H. v. Kleist 1, 396
E. Schmidt; E.
M. Arndt
schr. (1845) 3, 567; W. Raabe
Horacker (1876) 103;
selten lautet die frage: wieviel ist die glocke Hennig
preusz. wb. 85; Hunold
d. törichte pritschenmeister (1704) 37;
neue schauspiele (1771) 7.
ferner in adverbialem gebrauch von glock (klock)
vor zahlen zur angabe der uhrzeit wie nhd. um sechs uhr
oder auch punkt sechs uhr: heut morgen glock sechs Hennenberger
erclerung der preusz. landtafel (1595) 82; klock acht '
punkt acht' Leithäuser
Barmer wb. 79;
in präpositionalen verbindungen: von glocke drey an Micraëlius
altes Pommerland (1640) 3, 607; nach glock eins Praetorius
saturnalia [] (1663) 21;
bei um
ist die bedeutung '
circa'
nirgends gesichert; es liegt wohl einflusz des hd. um acht uhr
vor (
vgl.uhr 1 a
teil 11, 2, 731): um glock 12 Micraëlius
altes Pommerland (1723) 2, 42; Storm
w. (1899) 3, 314;
die verwendung von glock(e)
findet sich in der präpositionalen verbindung auch im obersächsischen des 17./18.
jahrh.: um glock acht Chr. Weise
polit. redner (1677) 381; um die glocke zehn Happel
akadem. roman (1690) 333; gegen glock vier v. Fleming
der vollk. teutsche soldat (1726) 306.
rein literarisch ist das vorkommen bei obd. autoren zu deuten, in der frage: was mag die glocke seyn? geh, sieh doch schwager, im garten auf die sonnenuhr! Pfeffel
poet. versuche (1812) 3, 138; was ist die glocke? Schiller 12, 180
G.; wie viel ist die gloke
ebda 3, 109;
in der präpositionalen verbindung: umb glocke achte Moscherosch
gesichte (1650) 2, 533.
pleonastisch begegnet neben glock
noch uhr: glock acht uhr Hassang
jocosa sapientia, kurtzwilige weiszheit deutsch cap. 3 32; Zend. á Zendoriis
teutsche winternächte (1682) 113; Polander
lustige studierstube (1721) 21; H. v. Kleist 1, 371
E. Schm. D@22)
wie bei uhr
vollzog sich im nd. auch bei glocke
der übergang von der bedeutung '
stunde'
zur bezeichnung des '
stundenmessers'
horologium: warum kamstu so späde in die schule? ... die glocke hat nicht recht geschlagen.
fefellit me hora. horologium nostrum aberravit Orsaeus
nomencl. methodicus (1623) 302; die glock irret
horologium fallit, aberrat, mentitur, stehet still
haeret, subsistit ebda 311; klokk(e)
die turm- und wanduhr Berghaus
Sassen 2, 157; de klock geit na Frischbier
preusz. 1, 380; klocke
standuhr Woeste
westf. 131
a;
auch die taschenuhr Mensing
schlesw. holst. 3, 165;
wanduhr, kirchenuhr, seltener taschenuhr B. P. Möller
Sylter wb. 143;
die taschenuhr Hupel
idioticon d. dtsch. spr. in Lief- u. Esthland 79; glocke
uhr Hans Ostwald
rinnsteinspr. 60;
vgl. nd. glockenflicker, -schuster Klenz
scheltenwb. 154. D@33) glocke
als bezeichnung für kleidungsstücke hat als parallelen engl. cloak, cloke
und mlat. cloca;
im dt. seit dem 14.
jahrh. '
die mantelartigen umhänge',
s. Fischbach
gesch. d. textilkunst (1883) 105:
reno gluck oder schibelecht mantil (15.
jahrh. md.) Diefenbach
gl. 492
b; XII elne wandes ... to rocke, to klokke, to kogele unde to hosen
bei Schiller-Lübben 2, 486
b; auch trugen sie hoicken (
mantelartige überwürfe, s. theil 4, 2, 1731), die waren all vmb rund vnd gantz. das hiese man glocken
Limburger chron. (1617) 20;
vgl. auch glockenhose, -kleid,
vor allem das alte glockenmantel,
s.glocke
comp.-typ. E 7
a; ferner glockenweit
bei glocke E 8
a; für einen hut ganz jung: modische grobstrohige glocken
Thür. allgem. zeitung anzeigentheil (
Erfurt mai 1931);
vgl. aber bereits glockenhut
im 16.
jahrh. (
s. u.). D@44) glocke
als bezeichnung für glockenförmige blüten und für pflanzen mit solchen blüten selbst in der sprache der botanik, ferner gern auch dichterisch. D@4@aa)
von den blüten: glocken werden auch die blumen einiger gewächse genennet, welche die gestalt einer glocken haben Zincke
allgem. öconom. lex. (1744) 966; viola mariana ... mit ... gedoppelten, gefüllten glocken v. Hohberg
georg. cur. aucta 1 (1687) 845
a.
auszer von der blauen glockenblume (
campanula),
häufiger von der hyacinthe, nicht ganz so oft von schneeglöckchen und maiglöckchen gebraucht: die ehr- und tugendsame jungfer campana läutete ganz mitleidig mit allen ihren glocken Cl. Brentano 5, 64; ... die müde sonne ruht an nackten felsenwänden, um den letzten blauen glocken ihre letzte gunst zu spenden Fr. Wilh. Weber
Dreizehnlinden (1907) 112; als Gottlieb jüngst zween freunden, auf dem garten zwo hyacinthen voll gefüllter glocken gab Brockes
ird. vergnügen (1721) 4, 41; Göthe I 1, 346
W.; Rückert 1, 313; eine blühende hyazinthe neigt ihre blauen glocken gegen das kissen
[] Mörike 3, 45
Göschen; da hingen auch am boden, das frühjahr einzuläuten, die reinen glocken des schneeglöckchens Roszmäszler
der mensch im spiegel d. natur (1855) 5, 100; maienblümlein! deine glocken sind zerspaltnen perlen gleich Harsdörfer
bei v. Erlach
volkslieder d. Deutschen 3, 329;
gelegentlich auch von andern blumen: aus dem gestrüppe fingerhut bedächtig streckt die rothen glocken A. v. Droste-Hülshoff 2, 88
Cotta; mit des sinngrüns blauen glocken schmückt der holden jungfraun haar Matthisson
schr. (1825) 1, 198; (
vom zwergalpenglöckchen) die kronenzipfel ... dringen nur bis in das drittel der glocke v. Schlechtendal
flora5 19, 163;
am frühesten von der winde bezeugt: gegen dem brachmonat erscheinen die weisse runde glocken; so die abfallen ... Bock
kreuterbuch (1556) 304
b. D@4@bb)
vom blütenkelch auf die ganze blume oder die ganze pflanze übertragen, in sonderheit wie glockenblume 3. D@4@b@aα)
in früherer zeit für die winde: ligustrum clocken, witte blomen (15.
jahrh. nd.) Diefenbach
gl. 329
b; klocke
lugustrum Schiller-Lübben 2, 486; der gestalt halber nennet man die grosse bluomen weisz glocken und die kleine klein schellen oder glocken, auch wind kreütter ... zuo latin volubilis maior et minor Bock
kreuterbuoch (1556) 305
b; baumwinden, winden, windenkraut, weisz glocken, ... baumwinden die klein, klein winden, klein glocken, Wirsung
artzneybuch (1592)
register; vgl. weisz-, zaunglocke Sanders 1, 601. D@4@b@bβ)
jünger für die campanula: glocke, glockenblume (campanula) heiszt die gattung von der gestalt der blumen Fechner
erklär. volkstüml. pflanzennamen (1871) 12; (
ein kranz) zierlich aus blauen glocken und küchenschelle geflochten Mörike 1, 78 (1905)
Göschen; denke weg aus dem gemäuer die blauen glocken und die maslieben und den löwenzahn und die andern tausend kräuter Stifter 1, 217
Sauer; einzelne arten der gattung campanula: viola mariana spanische glocken v. Hohberg
georg. cur. aucta 1 (1687) 845
a; taube glocke, pyramidenartige glocke Sachs-Villatte
20 3, 718
c;
vgl. ferner die zusammensetzungen busch-, gras-, wald-, wiesenglocke Sanders 1, 601.
vgl. auch schelle (3
d)
für campanula, s. teil 5, 2495. D@4@b@gγ)
auch für akelei: glocke
aquilegia atrata Pritzel-Jessen 37; so wird ... akeley ... an einigen orten glocken genannt Krünitz 19, 83; Mensing
schlesw.-holst. 3, 164. D@55) glocke
als gattungsname für die durch schwimmglocken sich auszeichnenden tiere: glocke
s. medusen J. H. Bechhold
handlex. d. nat.-wiss. u. medizin3 (1923) 1, 584
b;
bei der staatsqualle bezeichnet Brehm
ihre schwimmglocke wiederholt auch einfach als glocke
tierleben (1930) 1, 109. 113. 114
u. s. w. D@66)
für bestimmte gerätschaften und gerätteile: D@6@aa) glocke
gebisz beim zaum für pferde: deszgleichen dienet auch einem pferdt, welches erzelter massen das maul krümpt, einzulegen glocken mit runden boden ... und darumb man auch etwa pflegt für das maul krümmen zwifache biren oder zwifache glocke ... mit runden boden einzulegen Fayser
Grisons reitbuch (1570) 132;
ebda 140;
vgl. glockenbisz
und glockenwalze
unter comp.-typ. E 7
d. D@6@bb) glocke
plätteisen (
vgl. auch glocken,
vb., 2): '
ein walzenförmiges, metallenes und hohles werkzeug der wäscherinnen, in welches sie ein passendes glühendes eisen stecken, um krausen etc. darauf auszustoszen oder zu plätten' Campe
wb. (1807) 2, 405
b; Zincke
allgem. öconom. lex. (1744) 966;
heute, nachdem die '
geglockten'
krausen und ärmelaufschläge auszer mode sind, nicht mehr gebraucht. D@6@cc) glocke
handschutz an rapieren und schlägern: der schläger ... ist ein scharf geschliffenes schwert, entweder mit einem metallkorbe zur deckung der hand oder mit einer 'glocke' zu diesem zwecke Laube
ges. schr. 1, 60; nun wurden ... zwei ... klingen, zwei mit silberdraht übersponnene griffe und zwei vergoldete halbkugelförmige
[] glocken zum schutze der hand ausgepackt und ineinandergeschraubt G. Keller 2, 247;
vgl.glockenschläger
comp.-typ. E 7
d. D@6@dd) glocke '
ein glockenförmiges garn zum fangen der repphühner im winter (
bey den jägern)' Voigtel
wb. (1793) 2, 103
b;
vgl. auch glockengarn
comp.-typ. E 7
d. D@6@ee)
mit der entwicklung der technik sind alle möglichen apparate oder apparatteile der technischen industrie glocke
benannt worden, so: glocke
preszform zur anfertigung gepreszter röhren; glocke
eines giftgasentziehungsapparates; schwimmende glocke
eines windregulators Hoyer-Kreuter 1, 305
u. a. m.; vgl. auch die zusammensetzungen comp.-typ. E 7
d. D@77)
in der verwendung als sturz, der gewöhnlich zum schutz untergelegter gegenstände dient, bes. als glasglocke, seit dem 18.
jahrh. reich entwickelt: man legte sie (
die schrift) unter eine sogenannte gläserne glocke, welche mit der schrift etliche tage in die sonne gelegt wurde Gottsched
anmuth. gelehrsamkeit 8, 337; glocke ... ist ein gläsernes ... gefäsze in gestalt einer glocke, womit man in denen gärten die jungen schoten, melonen und andere zarte frühe gewächse wider die rauhe luft zu bedecken ... pfleget
allgem. haushalt.-lex. (1749) 1, 604; man könnte vielleicht unter luftleeren, mit gemeiner luft oder besondern luftarten gefüllten glocken solche farbstoffe dem licht aussetzen Göthe II 1, 239
W.; auch glocke einer luftpumpe Hoyer-Kreuter 1, 305; wird ... der hahn geöffnet, so dringt luft ... in die glocke
allgem. dt. bibl. (1765) 85, 337;
die heute gebräuchlichsten glasglocken sind die butter- und käseglocken. unter glocke
versteht man auch eine schutzglocke aus draht: aus geweben von eisen- und messingdraht werden glocken zum zudecken von schüsseln
u. dgl., um vom inhalte die insekten abzuwehren, ... hergestellt Prechtl 15, 50.
in sonderheit werden gelegentlich mit dem simplex glocke
bezeichnet die lampenglocke: die eine glocke von den gartenleuchtern ist auch dabei zu grunde gegangen
aus Schleiermachers leben 2, 361;
die taucherglocke: als er tief in die see in einer taucherglocke hinabstieg ..., bemerkte (
er), dasz ... der obere theil seiner hand, worauf die sonne gerade durchs wasser und durch ein kleines glasfenster in der glocke schien, eine rothe farbe hatte Göthe II 2, 287
W.; ... zehn mann, je zwei in einer taucherglocke am meeresboden. diese glocken sind von eisen Moltke
ges. schriften und denkwürdigkeiten (1892) 6, 241. glocke
im sinne von sturz liegt vergleichen zugrunde wie: das ganze himmelsgewölbe, die schöne blaue glocke unserer erde, war ein ganz schwarzer abgrund geworden Stifter 1, 22
Sauer; der himmel stand blau und wolkenlos wie eine glocke Fontane I 2, 3. D@88) glocke
ausweitung eines bergwerkschachtes: (
ein bei dem sog. glockenbau) glockenartig ... sich erweiternder bau, der sich eng an den tagschacht anschlieszt Veith
bergwb. (1870) 245;
vgl.glockenbau
und glockenschacht
comp.-typ. E 7
e. weniger aus der vorstellung der form als vielmehr des herabhängens heraus entwickelt sind D 9. 10: D@99) glock oder bart eines vogels '
das ihm an der kehle herabhängende säcklein oder sein kropf' v. Querfurth
krit. wb. d. herald. terminologie 55;
vgl.glöckchen, glöcklein. D@1010)
für testiculus: welch man ain frauenschender wer, der het verdient das man ..... ... im abschnid pei seiner stangen die glocken, die pei dem zirms hangen
fastnachtsp. 707
Keller; mit glocken, die in hosen klingen Burkhard Waldis
Esopus 1, 109
Kurz; in fester bedeutungsübertragung in der älteren jägersprache, s. v. Heppe
wohlred. jäger (1763), 151
b; eine hinterlistige hündin fährt ihm (
dem eber) mit heimtückischen zähnen an die glocken, als kennte sie ihre ungemeine empfindlichkeit Kosmeli
harmlose bemerkungen 68;
vgl. die gleiche übertragung bei schelle (3
b)
teil 5, 2495. D@1111)
anderer übertragener gebrauch geht von der tonqualität aus: [] D@11@aa)
für ähnlich tönende klangkörper: (
die harmonika) besteht aus gestimmten glasscheiben oder glocken Schubarth
ästhetik d. tonkunst 290;
vgl. Moser
musik. wb. 42
a s. v. glasharmonika; die glocken sind platten, welche beim anschlagen in transversalschwingungen versetzt werden Lueger 7, 156; glocken '
im orchester in verschiedenster grösze benutzt, heute gern als stahlröhren oder platten' Moser
a. a. o.,
vgl. A 2
d. bildlich, jedoch nicht zu fester bedeutungsübertragung durchentwickelt, wird die '
hillebille' hölzerne
oder bretterne glocke
genannt s. Sartori
v. dt. glocken 72. 123. 220. 221;
zs. f. volkskunde 5, 103; 12, 214. wir sind bleierne und hölzerne kerle. darum knallt es auch so prächtig, als wenn den bauren mit der bretternen glocke zur tafel geläutet wird, wann man uns auf die hinteren paukt E.
M. Arndt
schr. (1845) 1, 161;
in Westfalen auch für die dreschflegel Sartori
v. dt. glocken 164: de hültenen klocken gan Woeste
westf. ma. 131
a; Wander 1, 1728
nr. 88. D@11@bb) (
unter) glocken ... wird in einer orgel oft nichts anders verstanden als der akkord, welcher anstatt des zymbelsterns bisher sehr gebräuchlich ist Jacobsson 1, 119
a (
vgl. dazu: cymbelstern
drehbarer stern, der beim ziehen des registers ein glockenspiel in bewegung setzt Sanders 3, 1211
b). D@1212) glocke
dient ferner zur bezeichnung einer plauderhaften person, vesperglöcklein
für ein schnippisches, vorlautes mädchen, auch ohne den begriff der schwatzhaftigkeit als gewöhnlicher schelte dumme glocke Fischer
schwäb. wb. 3, 702; glocke L. Pansner
dt. schimpfwb. 23;
vgl. auch schelle
als frauenschelte teil 5, 2495
zur vorstellung vgl. bereits: er mulkleffel, da man swigen sol! ja kan ich im gelichen wol ein bœse glocke, die man lange liutet Konr. v. Haslau
der jüngling v. 909
in zs. f. d. altertum 8, 577. D@1313) glocke
als hauszeichen, daher auch als hausname (
vor allem als wirtshausname):
ursprünglich mit der präposition zu: das hus, dem man sprichet zer gloggen (1319) Staub-Tobler
schweiz. 2, 611;
vgl. auch Fischer
schwäb. 3, 702; daselbst in der herberg zu der glocken eingekehrt Schickhart v. Herrenberg
beschreib. e. reisz (1602) 76.
früh aber schon in elliptischer verwendung: ... also dasz man alle geluchte usz thue und das husz zusliesz, ehe man die lange glocke verleszet (1471)
Frankfurter zunfturk. 1, 221; wir kamen um 2 uhr in Erlangen an und traten in der blauen glocke ab Nicolai
beschreib. e. reise (1783) 161. EE.
compositionstypen. die grosze bedeutung der glocke
im öffentlichen und privaten leben und die zahlreichen übertragenen verwendungen des wortes erklären die grosze häufigkeit zusammengesetzter wörter mit glock-
und glocken-
als erstem bestandteil. die adjectivischen zusammensetzungen treten hinter den substantivischen stark zurück und sind reicher erst mit dem 19.
jahrh. bezeugt (
s.E 8).
die zweisilbige form ist das gewöhnliche; sie ist seit dem ahd. belegt: gloccunjoche Notker 1, 749, 13
Piper;
hierher auch gloccinpare (11.
jahrh.)
ahd. gl. 2, 641, 54
als glossierung zu electro (
abl.)
nach einem voc. von 1420
dasselbe wie glockenspeise,
s. Diefenbach
gl. 197
c.
neben überwiegenden glocken-
formen im mhd. (
s. Lexer 1, 1037)
steht in einzelnen worten auch glocke-
und glock-,
so bei: glock(e)amt (15.
jahrh.)
s. d.; glochus (12./13.
jahrh.)
s. d.; clocludere (13.
jahrh.)
s. d.; glocksnuor, glockspise(n)
bei Lexer
a. a. o.; ferner in glockgieszer Fischer
schwäb. 3, 703 (
vom j. 1341); glockmantel Jelinek
mhd. wb. 326; glockmeister
handelsrechn. d. dt. ordens 121
Sattler; Marienburger treszlerb. der j. 1399—1409
s. 38. 53
Joachim. im nhd. gehen die glock-
bildungen bis auf einzelnes stark zurück: glockhaus
hält sich bis 1600;
mundartlich bis heute bei Stelzhamer 1, 102
Rosegger. bei glockspeise
stehen wie bei glock(en)haus
beide bildungen zunächst gleich häufig nebeneinander; nach 1600
ist aber nur noch einmal das adjectiv glockspeisen
belegt bei Guarinonius
grewel d. verwüst. (1610) 90. glockturm
ist neben dem seit dem 15.
jahrh. sehr häufigen glockenturm
nur einige male um 1600
belegt bei M. C. Schütz
[] historia rer. prussic. (1592) 9, G g 1
b; J. v. Brüssel
beschreib. altes keiserthums (1602) a 1
a; Petri 2, C c c 7
a;
dazu als auffälliger nachzügler J. J. Bode
Tristram Schandi (1774) 6, 101. glockofen
ist nur in dieser form und nur im 17.
jahrh. belegt. glockrose
ist von 1691 (Stieler)
bis heute belegt; glockenrose
dagegen nur zweimal lexikalisch bei Ludwig
teutsch-engl. lex. (1716) 792; Dietrich
vollst. lex. d. gärtnerei u. bot. 1, 286.
zu glockfeuer
vgl.glochfeuer. glock-
hielt sich weiterhin noch in einzelnen flurnamen, s. unter E 5.
für adjectivische composition gilt glocken-;
demgegenüber steht nur das vom substantiv abgeleitete glockspeisen
und mundartliches glockhell,
vereinzelt österr. glöckshell,
beides sieh an alphabetischer stelle. ableitung vom verbum glocken
kann vorliegen bei glockkuh.
die glock-
bildungen sind unter den glocken-
bildungen mit behandelt. zu den compositionstypen gehörige worte, die eine breitere entfaltung zeigen, sind hier nur dem wort nach aufgeführt; ihre abhandlung an alphabetischer stelle ist durch den beigesetzten verweis (
s. d.)
gekennzeichnet. E@11) glocke
im eigentlichen sinne findet sich E@1@aa)
in den häufigen zusammensetzungen zur bezeichnung von teilen der glocke
wie glockenöffnung, -rand, -saum, -teil, -wandung
u. a. m.; als besondere, meist fachliche ausdrücke sind hervorzuheben: