stille,
f. ,
zu still,
adj. ahd. stillî,
mhd. stille,
mnld. stille,
holl. stille
neben stilte (
vgl. schwed. stiltje).
ungewöhnlich ist mengl., neuengl. still (
belege seit 1225
bei Murray 9, 1, 958
b)
neben dem geläufigen stillness,
das auch in anderen sprachen das substantivum vertritt: ags. stillness,
mnd. stillnisse,
mnld. stillnisse;
ahd. stillnissi
neben stilli,
sieh unten stillnis. —
norw. stille (
meist in der zusammensetzung vintstille Falk - Torp 2, 1167);
im mhd. und frühnhd. neben der geläufigen starken flexion auch die schwache: der stillen,
gen. sg. Hesler
apokal. 556
H.; in der stillen Hans Sachs 22, 209
K.-G.; Spangenberg
ausgew. dicht. 181
Martin; Spreng
Ilias (1610) 57
a. stille,
f., ist nicht so reich und deutlich entwickelt wie das adj. still.
namentlich die alters- und abhängigkeitsverhältnisse der einzelnen bedeutungsgruppen sind beim subst. schwieriger zu erkennen. in der älteren zeit bis ins frühnhd. ist stilli, stille
ungleichmäszig belegt, weil daneben andere substantive gleicher bedeutung bestehen: stillnisse, stillida, stillheit.
im Tatian, Otfrid
und im Heliand fehlt stilli; Notker
kennt es. AA. '
bewegungslosigkeit, unbewegtheit, ruhe'.
zu still,
adj., I.
die vorstellung des '
lautlosen'
ist oft damit untrennbar verbunden. A@11)
eigentlich, '
bewegungslosigkeit'.
fast nur von wasser
und wind (
als gegensatz zum sturm
auf dem meere; vgl. still I A 2).
die entsprechung von still I A 1 (still stehen
etc.)
bilden zusammengesetzte substantive: stillstand,
m., stillstehen,
n., u. s. w., oder verwandte ausdrücke ruhe, unbewegtheit
u. ä. A@1@aa)
temperies in aquis still des wassers (15.
jh. obd.) Diefenbach
nov. gl. 150
b;
tranquillitas merstille, stille des mer (15.
jh.) 370
a:
et statuit procellam eius in auram, et siluerunt fluctus eius ... et letati sunt quia siluerunt [] unde freuton sie sih dero stilli (
der wellen) Notker 2, 463
P. (
ps. 106, 30);
stagnum stilli
ahd. gl. 1, 252, 24; möhten si stille vinden an wazzer und an winden, daz sie ze stade gestiezzen Gottfried v. Straszburg
Tristan 2453
R.; wann nach dem ungewitter machst du die still (
post tempestatem tranquillum facis)
erste dt. bibel 7, 11
Kurr.; do stund er auf und gebot den winden und dem mere: und ein michel stille wart gemacht 1, 31; da stund er auff, und bedrawete den wind, und die woge des wassers, und es lies ab, und ward eine stille
Luc. 8, 24; und in der stille und ruhe nimmt der karpffe zu
fischbüchlein 129; es hat nach falscher still uns stets mehr sturmwind troffen Lohenstein
Cleopatra (1724) 94; die see gönnte uns eine so angenehme stille, dasz wir nach weniger zeit sonder eintzigen sturm ans land stiegen Chr. Fr. Hunold
d. europ. höfe liebes- u. heldengesch. (1709) 334; grenzloser ozean ... ... wie wandelt auf dir, der dir himmelsteigende wogen gebeut, und ebne stille Klopstock
oden 2, 12
M.-P.; tiefe stille herrscht im wasser, ohne regung ruht das meer Göthe 1, 66
W.; hier geriet (
der flusz) in eine stille, dasz er einem ruhigen see glich G. Keller
ges. w. 4, 165; so trieben sie den schollenfang noch vier tage bei wechselnden winden, oft von stillen heimgesucht Gorch Fock
seefahrt ist not (1914) 168. — stille und schöne des wätters
quies Frisius
dict. (1556) 1107
b;
in tranquillo quilibet est gubernator bei stille ist jedermann steuermann W. Lüpkes
seemannsspr. 162. —
abwandlung des sprichworts stille wasser sind tief (
oben sp. 2944): grosze stille, grosze tiefe Petri
d. Teutschen weiszh. (1604) 2, Gg 8
r. A@1@bb)
häufig in der verbindung sturm und stille,
vor allem die stille (
sonst auch ruhe) vor (
seltener nach) dem sturm;
zunächst eigentlich, besonders vom meere; dann übertragen auf das menschliche leben, wobei stille
über die bezeichnung der äuszeren und inneren unbewegtheit (
s. unten 2
und 3)
hinausgehen und die lautlosigkeit und das schweigen (
s.B)
mitbezeichnen kann: es wirket euer mächtger wille der tiefsten sinnen sturm und stille Drollinger
ged. (1743) 20; sturm und stille, kälte und wärme wechselten denn doch immer ab, vorauszen und in meinem busen Ulr. Bräker
s. schr. (1789) 2, 229; was der geist geweihten sehern offenbart in sturm und stille Fr. W. Weber
Dreizehnlinden (1907) 14. — was zeiget euer schweigen? ... ... verkündet es nahe verwandlung? wie die schwüle stille den sturm Klopstock
oden 2, 69
M.-P.; du schweigst, vorm sturme kommt die stille A. v. Arnim
w. 19, 400; die waffen ruhten jetzt auf eine zeitlang, aber nicht so die leidenschaften; es war blosz die bedenkliche stille vor dem heranziehenden sturme Schiller 9, 336
G.; ich müszte sie nicht lieben, wenn ich ihnen nicht wenigstens zurufte, ... sich nicht jener duldenden, verschlossenen stille, die nur zerrüttenden sturm androht, ... zu überlassen G. Forster
s. schr. (1843) 7, 131; diese nacht mit ihrer stillen unruhe glich der angstvollen stille, darin die kräfte eines meersturms seinen ausbruch vorbereiten O. Ludwig
ges. schr. 1, 325
E. Schmidt; denn was ich höchstens dir gestehen könnte, wär, dasz es mich — mich selbst befremdet, wie auf einen solchen sturm in meinem herzen so eine stille plötzlich folgen könne Lessing 3, 81
M.; es war die stille, die auf einen sturm, die ruhe, die auf einen siegreichen kampf folgte Pfeffel
pros. vers. (1810) 5, 43;
[] o fändest du nach langem sturm des lebens und des herzens stille! E.
M. Arndt
w. 3, 41
R. u. M. A@1@cc)
vereinzelt auch abstrakt '
unbewegtheit'
als gegensatz zum ablauf der zeit und des geschehens: an sime laufe suchet he (
der himmel) eine stille meister Eckhart in:
paradis. an. 54, 18
Str.; denne die lengi das ist die ewikeit die enkein fúr noch enkein nach enhat, denne es ist ein stille unwandelber Tauler
pred. 239
V.; tage voll unschuld, einer dem andern gleich, flieszen in ruhiger stille, wie augenblicke vorbey, und ich werde unvermerkt ein jüngling Wieland
Agathon (1766) 1, 29. A@22)
äuszere und innere ruhe; sanfte, gelassene bewegung oder unbewegtheit des menschlichen lebens und handelns (
zu still,
adj., I B a, b). A@2@aa) '
ruhiges handeln'; '
untätigkeit'
; das völlige fehlen oder die ruhe menschlicher unternehmungen und tätigkeiten bezeichnend; konkret auf einzelne handlungen oder mehr abstrakt auf den zustand des untätigseins bezogen: vastet er (
der mensch) gerne, so muos er essen; und so er gerne in stille und in raste were, so muos er anders sin, umb daz ime alles enthalt gebrochen werde Tauler
pred. 87, 2
V.; ein ieklicher (
soll wirken) nach dem das er bevint das in aller meist zuo gotte reissen mag, es si in wurklicheit oder in stillin 238, 29; in allen dingen sonst dez mentschen gebAerde sin gevellig: daz ist stilli ân fulhait, vrOelich ân verlassenhait, swAere âne trakeit
St. Georgener pred. 334, 11
Rieder; vornen an der spitzen ohne still der obrist Baur und Florenvill fochten mit hertz und will
lieder auf den winterkönig 89
Wolkan; freude die fülle und selige stille hab ich zu warten im himmlischen garten Paul Gerhardt
bei Fischer-Tümpel 3, 430; der ruhende allvater, ..., der, ..., im abgrunde der stille wohnet, und nur durch emanationen in die tief unter ihm rollende welt wirket Herder
w. 15, 90
S.; übermorgen (
sonntag) früh würden sie eine grosze stille bemerken; jeder bleibt einsam und widmet sich einer vorgeschriebenen betrachtung Göthe 24, 124
W.; um ewig zu wohnen auf ruhigen thronen, in schaffender stille, in wirkender fülle, wir wandern und suchen und findens nicht aus Schiller 15, 1, 5
G.; der mensch scheint mir eine reizung ... zu erfordern, ... die ihn erhebt, erhitzt ..., und ihn in sich selbst entdeckungen von eigenschaften machen läszt, wovon er in seiner vorigen stille kaum eine vermuthung hatte Justus Möser
s. w. (1842) 3, 87; wenn alles in der stille der frommen langeweile untersank A. v. Arnim
w. 15, 39; die befriedigungslosigkeit dieser stille und unkräftigkeit, die nicht handeln und nichts berühren mag, um nicht die innere harmonie aufzugeben ..., läszt die krankhafte schönseligkeit und sehnsüchtigkeit entstehen Hegel
w. 10, 1, 87; die nerven waren den übermäszigen spannungen und abspannungen des feldlebens angepaszt; sie muszten den gebrauch der stille (
in der heimat) erst wieder erlernen H. Carossa
führung und geleit (1933) 172. A@2@bb) '
waffenruhe', '
ruhe des streites', '
friede' (
s. still,
adj., I B 1 a
u. b): iedoch brâht man ez ze tagen, sô daz ir beider unwille wart gesetzet in ein stille Ottokar
österr. reimchron. 23777; und ich bin warlich frids und stille zum vordersten allezeit gemeint gewest
urk. z. gesch. Maxim. I. 31
lit. ver.; und dieweil er da gefangen lag, da ward ain stille von den onsorgen (
raubrittern), dasz sie sich nit fast dorsten geregen
dt. städtechron. 12, 48 (
Köln, 13.
jh.); sie raiten hin auss mit acht soldnern und rüften ein stillen auss (
Nürnberg, 15.
jh.) 10, 303; sant Peters schiflin kein stille nimmer mehr bekummen werde Casp. Hedio
chron. Germ. (1530) 3
b; die letzten antianarchischen operationen in Jena haben wenigstens den effect einer groszen stille hervorgebracht
[] Göthe IV 21, 84
W.; in dem reich erfolgte jetzt eine augenblickliche stille, und ein flüchtiges band der eintracht schien die getrennten glieder wieder ... zu verknüpfen Schiller 8, 19
G.; der dritte bergmann wohnte ein ganzes jahr in stille und frieden mit seiner frau zusammen Grimm
dt. sagen 1, 1; schon seit mehreren tagen war eine tückische stille (
unter streitenden parteien) im dorfe bemerkt worden A. v. Droste-Hülshoff
w. (1878) 2, 364; auf die revolution ... folgte eine stille, in der das volk ... die wohltaten der gesetzgebung ungestört genosz Niebuhr
röm. gesch. 2, 422. A@2@cc)
ruhe des schlafes (
s. still,
adj., I B 1 c): in dessen lag der jünger zahl im schlaf und süszer stille Paul Gerhardt
bei Fischer-Tümpel 3, 302; merck, es steht keinem fürsten zu, der mit vernunfft regieren will, das er ohn sorgen in der still, schlaffend die gantze nacht zubring Spreng
Ilias (1610) 14
a. A@33)
die ruhe des entrücktseins: das '
ungestörtsein'
von dem getriebe und der hast der welt, als vorbedingung und atmosphäre einfachen, gesammelten lebens und beschaulicher, strenger arbeit; auch auf den raum solchen daseins bezogen und sich mit dem gebrauch unter B 4
berührend. die bedeutung der '
lautlosigkeit' (
ohne lärm)
oder des '
schweigens'
ist oft damit verbunden. von stille,
f., III,
der es sehr nahe kommt, dadurch geschieden, dasz dort das nichtgesehenwerden und -bemerktwerden bestimmend ist. vgl. in der stille leben, arbeiten
vivere, laborare in quiete Kramer
teutsch.-ital. 2 (1702) 974
a: in clostern dient man gott in der still Knebel
chron. v. Kaisheim 67
lit. ver.; frage gern, und höre gern die rede der heiligen in der stille Joh. Arnd
Th. a Kempis (1661) 8; sag einem, der erfreut dem glück im schosze lieget, dasz dessen stille stets die sicherheit betrüget, dasz es uns, ehe wir es recht erkennt, verläszt Chr. Warnecke
poet. versuche (1704) 72; die einsame stille, darinn ich mich befand, machte meinen betrachtungen platz Gottsched
d. vern. tadlerinnen (1725) 1, 100; (
Alfred) bauete also klöster ... für diejenigen, die ... in der stille einer zelle sich einzig der betrachtung der ewigkeit weyhen wolten A. v. Haller
Alfred (1773) 79; sein geschmack an der stille des landlebens Pfeffel
pros. vers. (1810) 5, 78; welches war die veranlassung oder der wink, der ihn (
Jesus) aus seiner häuslichen stille abrief? Jung-Stilling
s. schr. (1835) 2, 265; in jene tiefere stille, in die heilige ... einsamkeit ..., jener wüste (
in der Moses die gesetze schrieb) — wer ist von uns, der sich in sie setze? Herder
w. 12, 124
S.; (
in Gretchens zimmer) wie athmet rings gefühl der stille, der ordnung, der zufriedenheit Göthe 14, 133
W.; was ich trage an mir und andern sieht kein mensch. das beste ist die tiefe stille in der ich gegen die welt lebe und wachse, und gewinne was sie mir mit feuer und schwert nicht nehmen können III 1, 119
W.; es bildet ein talent sich in der stille, sich ein charakter in dem strom der welt I 10, 117
W.; wohl dem! selig musz ich ihn preisen, der in der stille der ländlichen flur, fern von des lebens verworrenen kreisen, kindlich liegt an der brust der natur Schiller 14, 117
G.; ich wollte, sie würden von unangenehmen zufällen ... verschont. nur ruhe möcht ich ihnen gönnen, stille und ruhe Hölderlin
s. w. 2, 416
v. H.; diese winterliche musze und stille wird ... manche capitel ihrem groszen sagenwerke angefügt haben Görres
ges. br. (1858) 3, 130; und alles, was aus einer gewissen stille, häuslichkeit herausgeht, ist im grund ein verderbnis Jacob Grimm
an Wilhelm (1809)
in: briefw. zw. Jac. u. Wilh. Grimm (1881) 115; um nicht den geist im tande zu zersplittern, such ich die stille, die den tag besieget Platen
w. 1, 165
Redlich; [] in den mauern der stadt walteten unumschränkt die guten geister der ordnung und stille G. Freytag
ges. w. 13, 4; (
Calvin) pflegte bis tief in die nacht zu studieren, und wenn er am morgen erwachte, alles was er gelesen, sich in einsamer stille zu überlegen: dies ungestörte sinnen und denken machte ihn glücklich Ranke
s. w. 8, 123; man erzählt, wenn eine dringende gefahr eintrat, mitten in der schlacht, habe er (
Bernhard v. Weimar) sich einen augenblick von den seinen entfernt, um in der stille zu beten 9, 361; so bleibe ich auf die hotels angewiesen ..., und ich würde dann dasjenige wählen, das mir die meiste stille und die günstigsten bedingungen gewährt R.
M. Rilke
br. an s. verleger 302; zweimal ist die forderung des tages in die stille der gelehrtenwerkstatt eingebrochen J. Petersen
Gustav Roethe (1926) 34. A@44) '
gelassenheit', '
sammlung'
; ruhezustand und festigkeit der seele; s. still,
adj., I B 2.
im ganzen undeutlicher entwickelt als der entsprechende gebrauch bei still.
der begriff '
stille'
ist in diesem bereich seit dem ahd. heimisch (
vgl. still,
adj.).
frühe bezeugungen des wortes stille
sind selten, vor allem deswegen, weil neben ahd., mhd. stilli, stille
noch stillida, stillnisse
und stilheit
für den gleichen inhalt stehen. die reinste dichterische verkörperung dieser haltung ist Diotima in Hölderlins
Hyperion. den tiefen inneren zusammenhang dieses zustandes mit dem '
schweigen',
dem '
leisesein' (
s. unten B 1 e
und den Hölderlin
-beleg dort)
bezeugt Hölderlin,
wenn er von Diotimas 'verschwiegenem leben' (
s. w. 2, 209
v. H.)
spricht und sie 'die liebe schweigende'
nennt, 'die so ungern sich zur sprache verstand' (2, 154);
vgl. dazu das unter still,
adj., I B 1 c,
sp. 2954
gesagte und R. Guardini
Hölderlin (1939) 372
u. 393. A@4@aa)
allgemein einen gefaszten, gesetzten, gelassenen zustand der seele bezeichnend, gelegentlich sich den begriffen der harmonie und heiterkeit nähernd (
s. oben sp. 2952): unser sabbatum ist in corde, wanda sabbatum ist tranquillitas cordis (stillimuoti des herzen). dia tranquillitatem (stilli) machot bona conscientia (kuotis kewizzeda). der ane die ist, der nehabet tranquillitatem (stilli) noh sabbatum (firra) Notker 2, 387 (
ps. 91, 1)
P.; num mentem coherentem sibi firma ratione amovebis a statu proprie quietis? wanest tu dehein muot kevestenotez mit redo aba stete erwekkest unde iz pringest uzer sinero stilli? 1, 104, 22
P.; und weil der himmelthau nur pflegt zu fallen, wann es windstill ist, also vermuthlich fällt über solche zwey eheleut der häuffige himmelssegen weil nichts als ruhe und stille darinen Abr. a
s. Clara
mercks Wien (1680) 107; denn ich habe ... gewünschet, dasz die liebe mein gemüth bei dieser arbeit in eine süsze harmonie und stille setzte, damit alle affecten möglichst in gleicher balance gehalten, ... beygelegt würden G. Arnold
unpart. kirch.- u. ketz.-hist. (1699)
vorr. 26; die stille, womit man unter dem leiden liegt, zeigt eine feste gründung an Th. Abbt
verm. w. (1768) 6, 1, 70; wolan, mein geist! du lernest schon dich fassen: kein zweifelmuth setzt deiner stille zu. wenn alles tobt, so bleibest du gelassen Hagedorn
vers. einiger ged. 43
lit.-denkm.; es fehlt ihrer einbildungskraft an der ruhe und stille Bodmer
abhandl. v. d. wunderbaren (1740)
vorr. 5; die heitre stille, welche in seinem ohnehin zur freude aufgelegten gemüth in kurzem wieder hergestellt wurde Wieland
Agathon (1766) 2, 319; stille und bestimmtheit im leben und handeln Göthe III 1, 62
W.; ich zähle die stunden bis donnerstag abends, nicht mit ungeduld ... sondern mit der stille der gewissen liebe und des festen zutrauens, dasz ich nicht von ihnen (
Charl. v. Stein) entfernt bin IV 5, 78
W.; wie schön, o mensch, mit deinem palmenzweige stehst du an des jahrhunderts neige, in edler stolzer männlichkeit, mit aufgeschlosznem sinn, mit geistesfülle, voll milden ernsts, in thatenreicher stille Schiller 6, 264
G.; [] du, o du nur hattest ausgegossen jene ruhe in des knaben sinn, jene himmelswonne ist aus dir geflossen, hehre stille, holde freudengeberin Hölderlin
s. w. 1, 41
v. H.; hier setzten wir uns. es war eine seelige stille unter uns 2, 196
v. H.; ihr antlitz wandte sich nach dem des mannes, und eines alten reims gedenkend und wie in seliger stille ihre augen in den seinen lassend, sprach sie leise Storm
s. w. 4, 98; als ich dich durfte herzen die erste nacht, da hast du aus all meinen schmerzen eine stille gemacht Binding
ged. (1922) 79. — stille des herzens, des geistes
u. s. w., s. unter still,
adj., sp. 2952;
vgl. stille desz muots
sedatio Maaler (1561) 388
c: Liosna ... behielt bey einem schmachtenden leib die heitere stille ihres gesetzten gemüthes A. v. Haller
Usong (1771) 265; und störe nicht, durch lob, die stille meiner brust v. Cronegk
schr. 1, 202; die stille meines geists bezeuget meinem herzen, dasz mich vernunft regiert, nicht unruh oder schmerzen Gottsched
dtsche schaubühne 5, 240; was im stillen morgenhaine Amor schalkisch ihr entwendet, ihres herzens holde stille Göthe 2, 26
W. A@4@bb)
im religiösen bereich. A@4@b@aα)
allgemein '
gelassenheit'
; ergebenheit gott gegenüber; bei mystikerbelegen nicht immer sicher zu bestimmen, ob es sich um gottergebenheit allgemein oder die besondere mystische gelassenheit (
s.β)
handelt: do sol der geist rasten in gottes geiste in einer verborgenen stillen in dem gOettelichen wesen Tauler
pred. 411, 33
V.; in ruw und stille gott dinen Eberlin v. Günzburg
s. schr. 1, 36
ndr.; steh in gedult, wart in der still und lasz gott machen, wie er wil Paul Gerhardt
bei Fischer-Tümpel 3, 393; (
Jesus) bringt ruh, still, fried und sicherheit, die frucht allr armen christenleut Tobias Kiel (17.
jh.)
bei Fischer-Tümpel 1, 30; er (
Joseph) gleicht seinem urvater Abraham an ruhe und groszheit, seinem groszvater Isaak an stille und ergebenheit Göthe 26, 222
W.; und meine mutter bewunderte die stille und ergebung, mit denen sie (
die groszmutter) jetzt dem tode ins auge sah Wilh. v. Kügelgen
jugenderinnerungen (1907) 14. A@4@b@bβ)
mystisch, der zustand des '
gelassenseins',
da der mensch bildelôs, âne wîse und werc
ist. damit verbindet sich die vorstellung des schweigens (
vgl. auch die belege unter B 2 a)
und der verborgenheit; s. unter still,
adj., sp. 2953: oder daz der mensche sich halde in eime swîgen oder in einer stille und in einer ruowe und alsô got in im spreche und wirke
dtsche mystiker 2, 6, 36
Pf.; dise menschen súllent in gon in die innerkeit under wilen mit begerunge und mit bilden und under wilen in stillin und in swigende sunder alle werk und bilde Tauler
pred. 244, 8
V.; do mornent der tag uf gie, do kom ein stilli in sin sele, und in einer vergangenheit der sinnen do sprach neiswas in ime also Seuse
dtsche schr. 152, 10
B.; das si (
die '
kräfte'
der Margarete) das minigkliche joch unsers heren des baz getragen mochtin und das si das lieblich liden deins heren züchtigklichen enphahen und sich stilligklicher dar under geneigen kunden, das es in einer innern gotzruwiger schawender stille sich in deinen inern kreften gebern Heinr. v. Nördlingen 36, 61
in: Marg. Ebner u. H. v.
N. 231
Strauch; nichts ist dem nichts so gleich als einsamkeit und stille. deszwegen wil sie auch, so er was wil, mein wille Angelus Silesius
cherub. wandersm. 62
ndr.; die stille der göttlichen beschaulichkeit
la quiete, il sacro silentio della divina contemplatione Kramer
t.-ital. 2 (1702) 974
a. A@4@cc)
bei Winckelmann
für die 'edle einfalt und stille grösze'
der klassischen kunst, s. unter still,
adj., I B 2 c,
sp. 2954.
nach Winckelmann wieder in den allgemeinen [] zusammenhang (
oben a)
gerückt, so dasz bei späteren belegen nicht im einzelnen zu entscheiden ist, ob sie von Winckelmann direkt beeinfluszt sind. die unter a
angeführten belege, namentlich von Göthe
und Hölderlin,
sind hier zu vergleichen: in dieser betrachtung war die stille einer von den grundsätzen, die hier beobachtet wurden, weil dieselbe nach dem Plato als der zustand betrachtet wurde, welcher das mittel ist zwischen dem schmerze und der fröhlichkeit; und eben deswegen ist die stille derjenige zustand, welcher der schönheit, so wie dem meere, der eigentlichste ist, und die erfahrung zeiget, dasz die schönsten menschen von stillem gesittetem wesen sind Winckelmann
w. (1808) 4, 137; seht die madonna mit einem gesichte voll unschuld und zugleich einer mehr als weiblichen grösze, in einer selig ruhigen stellung, in derjenigen stille, welche die alten in den bildern ihrer gottheiten herrschen lieszen
kl. schr. u. br. (1925) 1, 86
Uhde-B.; redet bey ihm (
Raphael) jemand, so sieht man, ob er mit stille der seele oder wallend und mit zorn rede auch an dem gesichte Lavater
physiogn. fragm. (1775) 1, 115; stille und vorahndung der weisheit Göthe III 1, 61
W.; das hohe göttliche, es ruht in ernster stille; mit stillem geist will es empfunden seyn Schiller 15, 1, 12
G.; wohnt doch die stille im lande der seligen, und über den sternen vergiszt das herz seine noth und seine sprache Hölderlin
s. w. 2, 148
v. H. (
an anderer stelle heiszt es: herzensruhe der seligen
ebda 158); eine eigene stille und anmut ruhen auf der darstellung (
der hochzeit) H. Brunn
kl. schr. (1898) 3, 68.
auf die natur übertragen: doch unserm künstler glücken über alles darstellungen höherer alpgegenden; das einfach grosze und stille ihres charakters Göthe 24, 367
W. BB.
die '
lautlosigkeit',
das '
leisesein',
das '
schweigen'.
in dieser bedeutung ist stille
so stark dichterischer ausgestaltung fähig (Hölderlin, Göthe, Eichendorff
u. a.),
dasz nicht jede der schattierungen lexikalisch faszbar ist. gelegentlich zur gestalt, mit reichentwickelten nebenzügen verdichtet: die stille
als wesen, vgl. etwa die gedichte die stille, an die stille
bei Hölderlin
s. w. 1, 41; 1, 101
v. H. und Eichendorff
s. w. 1, 1, 234
Kosch. B@11)
die '
lautlosigkeit',
das '
leisesein'. B@1@aa)
als eigenschaft der natur im groszen und kleinen, der nacht, der landschaft und ihrer teile, s. still,
adj., II A 4;
stimmungshaltig; verbunden mit den begriffen der einsamkeit und des schweigens. am häufigsten (
wie bei still,
adj., II A 4 a)
und am frühesten die stille der nacht;
trotz der vereinzelten frühen belege sind die zeitlichen verhältnisse im ganzen dieselben wie bei still,
adj. die bibelglosse stellt eine äuszerliche, durch das latein. herbeigezogene verbindung von stille
und nacht
dar; die Notker-
und Tauler
-belege meinen die lautlosigkeit der nacht, ohne dasz aber still
und nacht
fest verbunden wären; vgl. stille der nacht
intempesta nox, concubium Maaler (1561) 388
c;
concubia nox stille der nacht Dentzler
clavis (1697) 1, 180
a: stilli nahtes
tempesta noctis (
statt intempestae noctis, '
in tiefer nacht', 3.
könig. 3, 20:
et consurgens intempestae noctis silentio) (
um 800)
ahd. gl. 1, 294, 10; nahtes erwacheta ih fruo, unde was swigendo leideg minero sundon. die wachun heizzen wir nu nocturnas. darumbe tuoen wir antelucanos conventus.
cogitavi dies antiquos. an dero stilli dahta ih an die alten daga Notker 2, 308, 4
P.; her zuo (
zur unio) ist die nacht in der stillen ein alzemole nútze und fúrderlich dinge Tauler
pred. 263, 26
V.; sie gehet allein umbher durch die stille der mitternacht
theatr. diabol. (1569) 212
a; nachdem nun das wasser ein weinig verfallen, lies der hertzog ... in der nacht ... etliche weyden ... in der stille und dunckele absägen Chemnitz
schwed. krieg (1653) 2, 37; was sagt die dunkle nacht, die königin der stille
bei Creizenach
schausp. engl. comöd. 149, 14; schon waren mit eilendem flügel zwo fliehende stunden über sein haupt mit der stille der nacht vorübergeflogen Klopstock
Messias (1775) 149 (3.
ges. v. 97);
[] hier und dar sitzen jünglinge, in der stille der nacht, bey der lebensbeschreibung eines solchen mannes Thom. Abbt
verm. w. (1768) 6, 1, 242; zwey nächte nach einander wars den beyden, Marcellus und Bernardo, auf der wache in todter stille tiefer mitternacht so widerfahren
Shakespeare 3, 159; es war mir wie im traume, die stille der nacht und die düfte der rosen mahnten an vergangenes Stifter
nachsommer 250
inselausg.; so stand sie noch lange, bis sein schritt in der nächtlichen stille verhallt war Fontane
ges. w. I 5, 232; in der nächtgen stille Mörike
w. 1, 173
Göschen. — der volle mon am himmel stand, gieng in der still sampt seinen sternen Rollenhagen
froschmeuseler (1595) g 3
b; ach, himmel! lasz mich doch die thäler grüszen, ... wo ... ... in dem frost noch nie bestrahlter gründe kein leid mehr bleibt, das nicht die stille zwingt A. v. Haller
ged. 7
Hirzel; so geliebt, wie von dir, wallet ich einst mit ihm durch die stille des monds J. H. Voss
s. ged. (1802) 3, 18; die grosze stille, welche, in heiszen gegenden, zur mittagszeit eintritt, machte den bewohnern diese epoche so ahndungsvoll und schauerlich als es sonst die mitternacht zu seyn pflegt Göthe IV 15, 72
W.; mit meinen seufzern nun erfüll ich jetzt der wälder stille Schiller 15, 1, 38
G.; ich verstand die stille des äthers, der menschen worte verstand ich nie Hölderlin
s. w. 2, 48
v. H.; der wahre schmerz sucht nur die einsamkeit, die ruh und still in garten, wald und feld Hoffmann v. Fallersleben
ges. schr. (1890) 5, 287; bis ... dort ... vielleicht die stille eines alpensees sich breitet Herm. v. Barth
Kalkalpen (1874) 73; der stille abend und die schönheit des landes machten mir diesen spaziergang überaus angenehm, und die entfernung der einwohner brachte eine so einsame stille zuwege G. Forster
s. schr. (1843) 1, 320; ich tauchte meine ganze seele in den holden spätduft, der alles umschleierte, ich senkte sie in die tiefen einschnitte, an denen wir gelegentlich hinfuhren, und übergab sie mit tiefem, inneren abschlusse der ruhe und stille, die um uns waltete Stifter
nachsommer 404
inselausg.; und selbst dann ist sie (
die natur) in ihrer stille uns manchmal noch zu gewaltig G. Keller
ges. w. 1, 135; es ist so still, dasz ich sie höre die tiefe stille der natur Fontane
ged.8 15; aus des thales nebelhülle hob die Iburg ihren scheitel in die sternenklare stille Fr. W. Weber
Dreizehnlinden (1907) 64; doch wenn erst unterm schnee der park entschlief, so glaub ich dasz noch leiser trost entquille aus manchen schönen resten — strausz und brief — in tiefer kalter winterlicher stille Stefan George
das jahr der seele5 22; (
in den bergen) ist es ganz still — und rauscht irgend ein wasser, zwitschert einmal ein vogel ... dann sinkt nachher die stille nur um so tiefer in sich R. Guardini
wille u. wahrheit (1937) 30. B@1@bb)
die stille menschlicher räume und wohnungen (
s. still,
adj., II A 4 e
und 5),
weniger als eigentliche '
lautlosigkeit',
denn als die in ihnen herrschende atmosphäre. oft von A 3
nicht zu trennen: ich lebte auf erden immer in der stille der fürstlichen gemächer Klinger
w. (1809) 3, 39; in der stille des klosters und im geräusche der welt Göthe 23, 269
W.; o! in meines kleinen stübchens stille war mir dann so über alles wohl Hölderlin
s. w. 1, 42
v. H.; es litt ihn nicht länger in der ahnungslosen stille dieses ortes Storm
w. (1899) 1, 108; in dem vorgarten, dessen halbmärchenhafte stille nur noch von der stille des ... häuschens übertroffen wurde Fontane
ges. w. I 5, 118; und aus der sonnigen stille des totenzimmers kam eine
[] unendliche leichtheit auf ihn zu Carossa
der arzt Gion (1931) 127. —
in eigenartiger verwendung: oder bist du wirklich nur der treue Bologneser der alten blinden fürstin und kannst ohne die wärme ihres kamins und die stille ihrer teppiche nicht mehr leben? Gutzkow
ges. w. (1872) 2, 238. B@1@cc) stille
als bezeichnung für tod und grab, vielfach örtlich empfunden, als '
totenreich'
; zugrunde liegt die vorstellung des lautlosen und des schweigens; die stille (
infernum, heute ungeläufig): die todten werden dir, o herr, kein lob verjehen nymmermer, noch die da faren in die still hynunder bisz zu irem zil Matth. Greiter
bei Wackernagel
kirchenlied 3, 94; die toten werden dich, herr, nicht loben, noch die hinunter fahren in die stille
psalm 115, 17 (
qui descendunt in infernum vulg. ps. 113, 17
); wo der herr mir nicht hülfe, so länge meine seele schier in der stille psalm 94, 17
(habitasset in inferno anima mea vulg. ps. 93, 17
); ja recht, zun toden in der still
ich sie balt mit mir führen will
Wolfh. Spangenberg
griech. dram. 1, 73
Dähnhardt; manchmals wirds (das land der toten) die stille genennt Zinzendorf
gemeinereden (1748) 292
. ähnlich: mit viel geräusch musz er
ins reich der stille traben,
und wird lebend ohn kunst
und ohn kosten begraben
Treuer
dtsch. Dädalus (1675) 1, 479.
die stille des todes, des grabes (vgl. still, adj., II A 4 e): in Ernstens hause herrschte nun die stille des todes Klinger
w. (1809) 8, 336
; abscheulicher kerker, ... wie schreckhaft ist diese stille — schauervoll wie die stille des grabes Schiller 3, 328
G.; die stimme schwieg, und die stille des todes war wieder in luft und wald und in den herzen der mädchen Stifter
s. w. (1901) 1, 280
. B@1@dd)
die lautlosigkeit als allgemeiner zustand des seins auszerhalb des menschen, in dem das ohr nichts hört; wenn es still, ruhig ist (
vgl. still,
adj., II A 6): zergangen was der dôz. sô lange wert diu stilledaz sîn Etzeln verdrôz
Nibel. 2164, 4
L.; dar nâch wart ein stille,dô der schal verdôz 2015, 1
L.; am weynachtabend in der still, ein tiefer schlaff mich uberfiel
bei W. Bäumker
kath. kirchenlied (1886) 1, 367; ich liebe die ruhe nach dem gewühl, und die stille nach dem geräusch v. Loen
ges. kl. schr. (1749) 1, 10; ein sanfter augenblick kam (
beim tode), ein augenblick des entschlafens und nicht mehr erwachens, der stille, die kein geräusch, ... mehr störet Herder
w. 15, 431
S.; das feuern hörte auf und alles versank in die allertiefste stille Göthe 33, 288
W.; freute mich der allgemeinen stille, horchte lauschend immer in die stille, ob sich nicht ein laut bewegen möchte 2, 98
W.; der waffen dumpfes rauschen unterbrach, der runden ruf einförmig nur die stille Schiller 12, 248
G.; alles schwieg und schlief, ich wacht alleine endlich wiegte mich die stille ein Hölderlin
s. w. 1, 42
v. H.; auch in diesem sind die kleinen ströhme, in denen das wasser oft hörbar pletschernd fortrieselt ... nur bei todter stille ... bemerklich A. v. Humboldt
ansichten d. natur (1808) 1, 133; noch weisz ich nicht, ob mir nach so viel geräusch die stille lieb ist Caroline 1, 27
Waitz; wie klar durch die schwülige stille gleitet herüber zum waldrande mit beben der schall Mörike
w. 1, 209
Göschen; noch eine morgenglocke nur, nun stille nah und fern Uhland
ged. 1, 16
E. Schm.; kein laut irgendwelcher art unterbrach die stille Justi
Winckelmann (1866) 2, 1, 142; es gibt eine stille, — kennst
[] du sie? — in der man meint, man müsse die einzelnen minuten hören, wie sie in den ocean der ewigkeit hinuntertropfen. — eben von ewig fortpolternden städten gekommen, wurde mir diese stille fast gespenstig Stifter
s. w. (1901) 1, 141; eine stille herrschte, dasz man spinnen hätte können weben hören Matthison
erinnerungen (1815) 4, 142; drauszen empfing sie nacht und stille Fontane
ges. w. I 1, 5; die derben schuhe auf den katzenköpfen der junkererde hallten, dasz die stille davon laut wurde Karl Linzen
d. gefrorene melodie (1926) 3. B@1@ee)
die '
lautlosigkeit', '
das leisesein',
innerlich verstanden als gegensatz zum lauten, lärmenden; entweder absolut (
entsprechend B 1 a):
das leisesein an sich, oder, in den meisten fällen, in verbindung mit trägern des leiseseins: lautlosigkeit und leisesein als wesensmerkmal von menschen und geistigen gegebenheiten (
im ganzen vergleicht sich still,
adj., II C,
doch scheint der gebrauch bei stille,
f., weniger deutlich entwickelt): einige worte in sanfter und demühtiger stille gesprochen, fertichten mich ab Göthe IV 1, 9
W.; o wer in die stille dieses auges gesehen, wem diese süszen lippen sich aufgeschlossen Hölderlin
s. w. 2, 148
v. H.; festliche lust, ... nicht ernste stille ... war sein charakter Fr. Creuzer
symbolik u. mythologie (1810) 2, 217; was in der natur von leben rauscht, verstummt in der stille des gedankens Hegel
w. (1832) I 7, 13; der mensch lebt wahrlich nicht in dem getöse, was er um sich herum macht oder hört, sondern in der stille, die er sich in seinem busen erhält W. Raabe
Horacker (1876) 115; und der erregte markt schreit die stille der gottheit, tanzt alle früchte der erde fort Jos. Weinheber
späte krone (1936) 27; in der stille geschehen ja die groszen dinge. nicht in lärm und aufwand der äuszeren ereignisse, ... in der leisen bewegung des entscheidens ... die leisen mächte sind die eigentlich starken R. Guardini
der herr (1937) 16; das schöne und fruchtbare geschehen ..., das vom äuszerlich sichtbaren in die stille und tiefe des herzens hinabreicht, bis in jenes innerste, wo der mensch bei gott ist
wille u. wahrheit (1937) 10; vielleicht sind die violen da gamba ... dazu berufen, gerade den menschen eine quelle der kraft ... zu sein, die aus dem lärm des alltags den weg in die stille der musik suchen
zs. f. hausmusik 8 (1939) 74. B@22) '
das schweigen'. B@2@aa)
das schweigen, zunächst und meist eigentlich das '
nichtreden' (mir geziemt stille)
oder das, was entsteht und wahrnehmbar ist, wenn niemand spricht (es herrscht stille),
dann auch innerlich verstanden (
vgl. oben B 1 e)
als ein wesensmäsziger zustand, als haltung. anders als bei still,
adj., ist stille
als '
schweigen'
im mhd. geläufiger als die trotz der vereinzelten ahd. und mhd. belege doch im ganzen spätere bedeutung '
lautlosigkeit' (B 1):
silentium stille (15.
jh. md.) Diefenbach
gl. 533
b (
dafür auch swigunge, stilheit, stillnisse
ebda): eocoweliheru citi stilli sculun cilen
omni tempore silentium debent studire Benediktinerregel bei Steinmeyer
kl. ahd. denkm. 248, 3; herumb murmelden si gemeine beide grois unde cleine. darna ward ever eine stille Gotfr. Hagen
buch v. d. stadt Köln 2367 (
um 1286)
in: dtsche städtechron. 5, 90; swanne er (
st. Franciscus) ouch gie zur bichte, so wolde er nicht da sprechen noch sine stille brechen, sunder mit zeichenunge er pflac bichten also manigen tac
passional 520, 98
Köpke; dû solt haben ein ûferhaben gemüete, niht ein niderhangendes, mêr: ein brinnendez, unde daz ez sî in einer lidigen swîgender stille
dtsche mystiker 2, 24, 12
Pf.; in dem kore do súllent ir sunderlichen úwer stille als flisklichen haben, an allen unerlobten stetten Tauler
pred. 270, 21
V.; und da er das siebente siegel aufthat, ward eine stille in dem himmel bei einer halben stunde
offenb. 8, 1; welcher (
frau) da stille und verschwigenheit besser
[] anstehe Christoph Bruno
de officio mariti (1566) 24
b; vnnd so also die drey räht und urtheil gegeben sind, wo sie denn alle drey mit einander stimmen, so macht man im ring ein stille Fronsperger
kriegsbuch (1578) 1, m 3
b; und sahen einige minuten lang stillschweigend dem gewässer zu, ... endlich brach Docken die stille A. G. Meiszner
skizzen (1778) 1, 5; o ich wollt ich könnte meinem knaben einen eisernen ring an den mund legen, bis er sich zu mehrerer stille gewöhnte Ulr. Bräker
s. schr. (1789) 2, 200; frage nicht nach mir und was ich im herzen verwahre, ewige stille geziemt ohne gelübde dem mann Göthe 4, 120
W.; ganz ungebunden spricht des herzens fülle sich kaum noch aus: sie mag sich gern bewahren; dann stürmen gleich durch alle saiten fahren; dann wieder senken sich zu nacht und stille 2, 16
W.; und stille wie des todes schweigen liegt überm ganzen hause schwer Schiller 11, 245
G.; auf das verwirrte untereinanderschreien folgte bald stille Bettine
die Günderode (1840) 1, 129; eine feierliche erwartungsvolle stille war über die schaar verbreitet Eichendorff
s. w. (1864) 2, 247; wie lang wird nicht eine woche, ja nur ein tag, wenn man nicht weisz, wo diejenigen, die man liebt, jetzt stehn und gehn, wenn eine solche stille darüber durch die welt herrscht, dasz allnirgends auch nur der leiseste hauch von ihrem namen ergeht, und man weisz doch, sie sind da und atmen irgendwo G. Keller
ges. w. 4, 18; eine lautlose stille folgte, als der knabe das gesprochen Storm
w. (1899) 1, 197; nach einigen augenblicken fühlbarer stille ... breitete Görge beide hände über seines sohnes rechte Hans Grimm
volk ohne raum 1, 188; eine peinliche stille war während der sonderbaren ansprache entstanden H. Carossa
der arzt Gion (1931) 167; stille bedeutet nicht nur die abwesenheit des redens; sie ist selber etwas. sie ist eine innere nähe; eine tiefe und fülle. stille ist ein ruhiges strömen des verborgenen lebens R. Guardini
wille u. wahrheit (1937) 31; die offiziere ... saszen ... stumm an der tafel; denn nun sollte doch die festrede auf die exzellenz steigen, ... also hörte man auch hier in der stille der erwartung wiederum das anbrausen des sturmes Gertrud v. Le Fort
die Magdebg. hochzeit (1938) 135. —
in besonderer färbung (
vgl. still,
adj., II B 1 c) '
andächtiges, ehrfurchtsvolles schweigen': ich bin alt geworden, und habe die wege des herrn betrachtet, so viel ein sterblicher in ehrfurchtsvoller stille darf Göthe 37, 156
W. häufig in adverbieller fügung in der stille, mit stille;
mehr oder weniger formelhaft, '
schweigend', '
stillschweigend'
: pausent in lecta sua cum omni silentio in pettum iro mit eocowelihheru stilli
Benediktinerregel 48
bei Steinmeyer
kl. ahd. denkm. 254, 15; war umbe? das ist wol ein notrede das man dem worte ze hörende nút bas enkan gedienen denne mit stillin und mit losende, mit swigende Tauler
pred. 182, 1
V.; swer dich mit ihtiu beswære, daz dû ez die wîle gedulteclîchen lîdest und mit stille Dav. v. Augsburg in:
dtsche myst. 1, 329, 4
Pf.; ein weib lerne in der stille (
mulier in silentio discat)
1. Timoth. 2, 11 (
codex Teplensis: in sweigung,
lesart: in der stille); kein end ich da könd finden (
wenn ich die menschen zählen wils in der still umgan
wollte) Spee
trutznachtigall (1649) 116; jederman mit groszer stille aufmerkte Anton Ulrich v. Braunschweig
Octavia (1677) 1, 11; nach vollendeter aria betete die gesammte gesellschafft in der stille das tischgebeth Ettner v. Eiteritz
mediz. maulaffe (1719) 51; die zuseher, die bisher in ziemlicher stille den aufzügen zu geschauet hatten Zesen
rosenmând (1651) 106; ich geniesze in der stille und lasse andere davon plaudern Lichtenberg
br. (1901) 2, 89; der könig betrachtet ihn mit nachdenkender stille Schiller 5, 413
G.; und zählte in der stille von eins bis zehn G. Freytag
verl. handschr. (1865) 2, 18. B@2@bb) stille
als zustand des schweigens, der ruhe, nimmt gelegentlich zeitlichen charakter an: zeit des schweigens, der [] ruhe, '
pause';
namentlich in verbindung mit adjektiven der dauer: klein, kurz; kleine stille, '
kurze zeit des schweigens': nach einer kleinen stille, müssen alle stimmen ... zugleich wieder mit einander anfangen Quantz
anweisung die flöte zu spielen (1789) 258; endlich, nach einer kurzen stille, sprach er Ulr. Bräker
s. schr. (1789) 1, 83; nach einer kleinen stille fing er an Heinse
s. w. 4, 14
Schüddekopf; dort ruh ich eine kleine stille, dann öffnet sich der frische blick Göthe 2, 115
W.; doch nach einer kleinen stille ... sagte meine schwester Klärchen Mörike
w. 1, 166
Göschen. B@33)
von menschlichen handlungen; vor allem in der wendung etwas in der stille (mit stille) tun, '
etwas leise, lautlos tun'.
meist frühnhd. von den festen präpositionalen fügungen in adverbieller funktion unter C 3 (
sieh unten sp. 3001)
oft kaum zu trennen, da '
leises, vorsichtiges'
und '
heimliches'
handeln dasselbe sein können: (
wenn es) also die noth erforderet, die (
bienen-)ständ zu verenderen, so soll man das bey nacht unnd in der stille thun, unnd die körbe mit plahen verdecken Mich. Herr
d. feldbau (1551) 179
b; mit groszer zucht und stille (
die tafeln) von den dreyen knechtenn gedient (
bedient) waren Arigo
decamerone 15
Keller; stiegen die Römer ... in groszer still ... uber die mauren H. W. Kirchhof
militaris disciplina (1602) 15; den 29. aprilis sind beyde herren ... in eyl und still ... auff Stulweyssenburg geruckt Stumpf
Schweizerchron. (1606) 42
b; inzwischen liesz er ... in möglichster stille ... die wagen und das heergeräthe ... zurücke ... gehen Lohenstein
Arminius (1689) 1, 56
b; er ... entfloh heimlich mit einigen vertrauten nach Civitavecchia, wohin er in der gröszten stille einige genuesische galeeren hatte kommen lassen
M. I. Schmidt
gesch. d. Deutschen (1778) 3, 46; nun kam auch die armee heran und postirte sich auf einer anhöhe; durchaus herrschte die gröszte stille und ordnung Göthe 33, 99
W. — er ... murmelt in der stille vor sich hin einmal ums andere mal: 'sapperlot' S. Brunner
erz. u. schr. (1864) 1, 122; das volk aber murrte anfangs in der stille, dann lauter Raumer
gesch. d. Hohenst. (1823) 1, 180; nun ... blickte sie lange zum himmel, betete in der stille, ... und verschied Christoph v. Schmid
ges. schr. (1858) 1, 92. B@44)
nur mhd. diu stille
als '
canon missae' (
leise gebetet; s. unter still,
adj., sp. 2957),
auch stillmesse,
f., und mhd. stillnisse,
f., genannt; vgl. mhd. wb. 2, 2, 637
b; Lexer 2, 1196: so man die stillen uz gelas, der licham unsers herren was gebenediet dougen
leben d. hl. Elisabeth 2843
Rieger; wanne die stille ane gienc unde der priester ane vienc daz sacrament zu handelne 2798. CC.
die '
zurückgezogenheit', '
verborgenheit', '
heimlichkeit'. C@11)
die '
zurückgezogenheit', '
verborgenheit',
als raum, wo man nicht gesehen wird, oder als zustand des verborgenseins; gelegentlich sich dem begriff der '
einsamkeit'
nähernd. noch nicht formelhaft und meist durch deutliche anschauung von dem adverbiellen gebrauch in der stille =
im stillen (
s. unten 3 a)
geschieden: daz an im in der stille geschehe gotes wille
väterbuch 22, 869
Reissenberger; dô dû (
Jesus) uns gelêrtest in dîner stille biz an drîzic jâr alle die volkomenheit Dav. v. Augsburg in:
dtsche myst. 1, 343, 24
Pf.; denn wir haben ja bisher inn der stille geleret und gelebet, kein schwerd gezuckt, niemand verbrennt, gemordet, beraubt, wie doch sie bisher gethan und noch thun Luther 30, 3, 278
W.; und zeigen darnach auff der pfaffen ehe, so sich mit züchten und inn der stille zu einem weibe halten 26, 533
W.; ein heimlich ort ..., darin man in der still mit dem himmelischen vater reden könnte Zwingli
dtsche schr. (1828) 1, 305; so wolt er lieber in der still bleiben, und in dem winckel Eck
concilij tzu Constantz ... entschuldig. (1520) a 1
b;
[] auff dein reichthumb dich nit verlasz, denck nicht: ich hab gnug in der stillen Hans Sachs 19, 20
K.-G.; wolt ich doch ohn dich Karille, alles schlagen in den wind: besser bey dir in der stille, als wo kron und zepter sind Casp. Stieler
geharn. Venus 90
ndr.; so weltind wir in heimlicher stille vom hOer abscheiden Äg. Tschudi
chron. Helv. (1734) 1, 405; ist es nicht besser ohne glanz ... in der stille dahin zu leben J. G. Zimmermann
von d. nationalstolze (1758) 107; du bist der demuth ebenbild, die in der stille wohnt R.
Z. Becker
mild. liederb. (1799) 17; sonst bedenke und besorge ich allerley in der stille, das ihnen nach und nach entgegen wachsen soll Göthe IV 9, 119
W.; noch halte ich mich (
in Rom) immer in der stille und sogar ... die frauen haben keinen theil an mir IV 8, 262
W.; wie oft denke ich mir sie, in der stille für sich sitzend I 21, 133
W.; sein (
Wallensteins) plan war nichts weniger als ruhe, da er in die stille des privatstandes zurücktrat Schiller 8, 143
G.; in der stille dieses wittwentumes G. Keller
ges. w. 1, 31; Nolten hielt sich vorerst in der stille zu haus Mörike
w. 3, 86
Göschen. C@22)
von geistigen und seelischen vorgängen: '
im innern', '
im herzen', '
bei sich' (
vgl. still,
adj., III 2 b
u. c): und dessen (
des Achilles) geist, der in der still mit gwalt die jungfraw haben will Wolfh. Spangenberg
griech. dram. 1, 209
Dähnhardt; o ihr reiche ... wie nutzlich würde es euch seyn, wann ihr ... euch also in der still fragetet Abr. a
s. Clara
etwas für alle 2 (1711) 87; ich habe diese unglücklichen zeiten (
für die musik) vielmal in der stille beseufzet J. A. Scheibe
d. crit. musicus (1745) 110; sie würde also, wenn sie gleich wirklich beleidigt wäre, die ihr angethane schmach in der stille verschmerzen Liscow
samml. sat. u. ernsth. schr. (1739) 208; schweigen wir künftig von dem vorgänger, und suchen für uns in der stille das verständnis des ländlichen Virgils zu fördern J. H. Voss
antisymb. (1824) 2, 68; und indem er (
der mensch) nun immer so fortdenket, und, wie wir gesehen, jeden gedanken in der stille mit dem vorigen und der zukunft zusammenhält Herder 5, 100
S.; in der stille sagt man zu sich selbst 22, 84
S.; wie oft hab ich nicht das lied (
Mariannes: '
ach, um deine feuchten schwingen') singen hören, wie oft dessen lob vernommen und in der stille mir lächelnd angeeignet, was denn auch wohl im schönsten sinne mein eigen genannt werden dürfte Göthe IV 38, 137
W.; in der stille wird jeder sein gutes gewissen preisen, wenn lady Macbeth ... ihre hände wäscht Schiller 3, 515
G.; die bemerkung über Lothar war mir nicht neu — ich hatte sie in der stille auch schon gemacht Stifter
s. w. (1901) 1, 167; was de geschehn is, bereu ich nich: wenn ich o hab genug in der stille muszt leiden. ich meene, für mich aso in der zeit G. Hauptmann
Rose Bernd (1904) 16. C@33)
feste präpositionale fügungen in adverbieller funktion; im wesentlichen übereinstimmend mit im stillen (
s. unter still,
adj., sp. 2984),
also in der bedeutung '
im verborgenen, geheim'.
die gleichen wortverbindungen kommen, wie das auch bei im stillen
der fall ist, in nicht eigentlich adverbiellem gebrauch vor, bei dem dann stille
seinen vollen inhalt hat (
vgl. oben B 2 a, B 3, C 1,
sp. 2999
f.).
hierbei kann es sich um vorstufen des adverbiellen gebrauchs handeln, oder auch, so im 19.
jh., vor allem bei Göthe,
um neufüllungen und auflösung der formel. die grenze zwischen nichtformelhaftem und formelhaftem gebrauch ist oft schwer zu ziehen. inhaltlich gehört die formelhafte anwendung hauptsächlich zu C, '
verborgenheit',
weshalb sie hier zusammenhängend aufgeführt ist. nur bei in der stille,
dem am häufigsten vorkommenden ausdruck, und bei mit stille
ist die bedeutung '
lautlosigkeit, schweigen'
stärker entwickelt (
vgl. oben sp. 2999
f.). C@3@aa)
in der stille, adverbielle formel, '
im verborgenen, heimlich'
; häufig, namentlich im 16.
und 17.
jh., als sinnentleerte [] reimformel (
auf will(e), spil
u. s. w.).
beispiele für den nicht formelhaft adverbiellen gebrauch von in der stille
unter allen bedeutungsgruppen, namentlich unter B
und C 1
u. 2.
die grenze, an der die adverbielle formel beginnt, ist nicht fest, zumal, wie bei im stillen,
die formel in ihre ursprünglichen bestandteile zerlegt werden kann: unser rat sol auch pleiben in der stille
altdt. passionssp. aus Tirol 17
Wackernell ir söllend uns flyssige oren geben, so wil ich üch sagen in der still was wir da haltend für ein spil
schweiz. spiele d. 16. jhs. 2, 10
Bächtold; die ... zogen in der stille zu dem heymlichen aussgang hinauss
hertzog Aymon (1535) e 3
b; und heymlich hören in der still, was sie doch bit, beger und will Hans Sachs 17, 191
K.-G.; dann so bald der schnepff verstunde ursach der legation, wölche in der still solt volzogen werden, als bald den andern tag stygg er auff den predigstul Joh. Nas
d. antipap. eins u. hundert (1567) 2, b 1
b; demnach wird ich mich in der still auffmachen und schiffen zuhandt, von dannen in mein vatterlandt Spreng
Ilias (1610) 4
b; für andern dingen ihm (
Grison) am besten nun gefiel, von dannen unvermerckt zu reiten in der still D. v.
d. Werder
hist. vom rasenden Roland (1636) 17, 92; dasz vor die ... cron Schweden ... in ihren territoriis ... freye werbung, wo nicht offentlich mit trommelschlag, doch aufs weinigste in der stille verstattet würde Chemnitz
schwed. krieg (1653) 2, 194; gienge er aber hinein ins hausz in der still haimblich
österr. weistümer 2, 296 (
ca. 1700); so aber wurde alles wieder geschwind und in der stille in ordnung gebracht Archenholz
England u. Italien (1785) 1, 59; so suchten die herzoge und andere groszen, wenigstens in der stille, es zu untergraben
M. I. Schmidt
gesch. d. Deutschen (1778) 2, 113; ich thue meine dinge alle gern heimlich und in der stille Lessing
w. 2, 28
M.; schon hatte man das unglückliche paar ... abgesetzt, und sie in der stille hineingeführt Göthe 21, 71
W.; dieser seufzer ward in der stille von mir erwidert 24, 74
W.; beide ... verehren ihr glückliches schicksal öffentlich und in der stille Schiller 1, 22
G.; er hatte sein modell den vereinigten architekten nicht vorzeigen wollen, in der stille liesz er es nun diejenigen sehen, von deren stimme der zuschlag abhing Herman Grimm
Michelangelo (1890) 1, 34. C@3@bb)
in aller stille, seit dem frühnhd.; '
zurückgezogen', '
im verborgenen, geheim, heimlich'.
die vorstellung des leisen, lautlosen kann mit hineinspielen: (
die königin) verschuf in aller still und geheim ein bancket anzustellen Kirchhof
wendunmuth 2, 95
lit. ver.; seindt sie als bald es tag worden inn aller still sicher aussgetretten Xylander
Polybius (1574) 70; zogen in aller stille die belagerten zu entsetzen
M. G. Schütz
histor. rerum Prussic. (1592) 1, h 2
a; entgegen sich bald machet auff in aller still der Griechen hauff Spreng
Ilias (1610) 29
b; euch Bellin hie in aller still gewisz ich das aussagen wil
Reinicke fuchs (1650) 214; dessen (
Lovewells) frau in aller stille war misz Fanny Gerstenberg
recensionen 76
dtsche lit.-denkm.; sie möchte ... tag und stunde bestimmen, wann sie die ehre seines besuches in aller stille annehmen könnte Klinger
w. (1809) 4, 27; ew. königlichen hoheit glücklich wiederkehrendes fest kann ich in aller stille und sammlung feyern, da die rauschende bewegung von pferd und wagen, womit gestern der diplomatische kreis aus einander ging, nunmehr auch in ihren folgen gänzlich verklungen ist Göthe IV 32, 4
W.; wir sezen also in aller stille den musikus fest Schiller 3, 425
G.; gestern feyerte ich meinen geburtstag in aller stille Caroline 1, 23
Waitz; wo sie ... den andern tag in aller stille zubringen wollten
[] Fontane
ges. w. I 5, 186; ich habe sie sogar in verdacht, dasz sie mit ihrem jetzigen hauslehrer, ... der ... ein grundgelehrter jüngling war, in aller stille ... griechisch treibt Spielhagen 1, 13; vielmehr ist es in unserer zeit nützlich und gut, wenn an die öffentlichkeit kommt, was in aller stille junge Deutsche auf der welt unter einsatz aller kräfte, getragen von hoher begeisterung geleistet haben Alb. Penck
bei Walt. Penck
Puna de Atacama (1933) 15. —
so auch ganz in der stille: misz Marchmont hatte ihr herz ganz in der stille an einen herrn Sidney gehangen Gerstenberg
recensionen 52
lit.-denkm.; die übrigen werden ... ganz in der stille auf eine grenzfestung gebracht Göthe 17, 244
W.; ganz in der stille schlage ich die hände zusammen über alle narrheit Bettine
Cl. Brentanos frühlingskranz (1844) 29; das hätten sie ganz in der stille abmachen können Schleiermacher
s. w. (1834) I 5, 7; ganz in der stille stiehlt sich ... ein einzelner bei seite Dahlmann
gesch. d. frz. revolution (1845) 5. C@3@cc)
in verbindung mit trauung
und begräbnis: in der stille, ganz in der stille, in aller stille (
in den ausdrücken stille trauung
u. s. w. ist im gegensatz zu diesem gebrauch die vorstellung des lautlosen vorherrschend, s. still,
adj., II A 3 b);
vgl. noch oben unter in aller stille: ein fest in aller stille feyern Göthe IV 32, 4
W. und Caroline 1, 23
Waitz: die beisetzung fand in aller stille statt: daher wie Artabazes schlecht und in der stille beerdiget ward, also bauete man Olympien ein prächtiges grabmahl Lohenstein
Arminius (1689) 1, 243
a; bald darauff ist zum beylager zugeschicket, und im jahre Christi 1647 ... im 22. jahre der braut alter gehalten worden, und zwar ohne sonderlich gepränge in der stille A. Olearius
persianische reisebeschreib. (1696) 129; und die vermählung (zwar wegen der immerwerend-widerwärtigen zeitungen ganz in der still) Frz. Ad. graf v. Brandis
d. Tirol. adlers ehrenkräntzl (1678) 216; dieszen abendt umb 5 wirdt die versprechung undt contract unterschreiben ins königs cabinet vor sich gehen undt morgen 11 wirdt die vermählung geschehen gantz in der stille Elis.-Charlotte v. Orleans
br. 154
Menzel; kein priester begleitet ihn, man knüpfte ihn, ganz in der stille, auf dem platz del popolo auf H. v. Kleist
s. w. 3, 376
E. Schmidt; das junge paar hat sich in aller stille bereits trauen lassen Gerstenberg
schlesw. lit.-br. 148
lit.-denkm.; wo wir in aller stille getraut werden können A. v. Arnim
w. (1839) 1, 107. C@3@dd)
nur in älterer sprache, spätmhd. und frühnhd., begegnen eine reihe adverbieller formeln von gleicher bedeutung ('
heimlich, im verborgenen').
der ausgangspunkt ist wohl in dem artikellosen gebrauch zu sehen, wie etwa in stille und in raste Tauler 87, 2
V. (
s. oben A 2 a), in stillin und in swigende 244, 8 (A 4 b
β); geduldeclichen ... unde mit stille David v. Augsburg in:
deutsche mystiker 1, 329, 3
Pf. (B 2 a).
in einer still(en): das procht der stromer hinter den predigern in einer still ('
ohne aufsehen, heimlich') mit listen (15.
jh.)
chron. d. dt. städte 10, 143; er het drey sun beweipt nach all seim willen, den det er heymlich zillen, fragt sie in eyner stillen was yeder ym zu thun gehisz nach seinem tod Hans Folz
meisterlieder nr. 23, 7
Mayer; ich leyd und meyd, ist nit mein will inn einer styll, das bringt meinem herzen pein
volks- u. gesellschaftslieder 158, 1
Kopp; in ain stillen (16.
jh.)
bei Fischer
schwäb. 5, 1770.
in still(e): ich lasz in reden was er will — inn still mich treibt so vil
volks- u. gesellschaftslieder 204, 31
Kopp; in stil spreng dich zu ir, hor selber ir begir Hans Folz
ged. 50, 26
Mayer; [] der abte ... in stille (
pianamente) in dem schlaffehausz ... spacieren ginge Arigo
decamerone 36
Keller; in still und geheym 255; dasz er sie ... für das allerhübschest freuwlin auff erden hielt, unnd in stille zum Agraies sagt
Amadis 397
lit.-ver.; verschuff, den jüngling ... in still zu fahen Wickram
w. 1, 225
Bolte; und teil mit mirdein hertzlich gir heimlich in stil Forster
fr. teutsche liedlein 13
ndr.; mein trauter knabbey mir suchst lab, der will ich dich geweren, doch halts in still,das ist mein will, thu mich nieman vermeren 27; sonder daz sich der mensch unverporgenlich, zuo zeugnus seiner christenlichen gehorsam ertzaig mit der peicht, aber dieselb in still vor dem priester verbringe Berth. v. Chiemsee
tewtsche theologey 508
Reithm. in stillen, zum schwachen fem. stille (
s. etwa oben unter A 2 a in stillin Tauler 238, 29; 178, 26; A 4 b
β Tauler 244, 8): sust tatet ir in stillen gewalt den tohtern vorwar uz der Israhelen schar
Daniel 7784
Hübner; wand ieclicher in stillen gedachte gantz volbringen al sines herzen ringen listlich an der vil guten 7472; Crist, hie schaw ane ob nicht in stilln dir heimlich ongefere ein haller pesser were geben um gottes ere dan sulch hoffart die gott vermacht Hans Folz
ged. 23, 109
Mayer; o nachtpawr, halt die sach in stillen! ich wil ir kauffen, was sie begert Hans Sachs 9, 125
K.; der edel ritter Nestor alt, gab widerumb sein antwort bald, und zu dem könig sprach instillen Spreng
Ilias (1610) 126
b.
mit stille(n), mit still: halt den anfang, ret Muscapluot mit stillen Muskatblüt 46, 45
Groote; und giengen von Petershusen vast züchteklich mit stille und gemachem gesang v. Richental
chron. d. Constanzer concils 101
lit. ver.; so er des tags ein mal an der predig gewesen ist und das andermal nit darein will, soll er doch dieselbigen zeit sich mit stille in seinem haus oder anderszwo unergerlich enthalten
d. fürstenthumbs Wirtemberg newe landsordn. (1536) a 3
a; (
der mann) mit stille zu dem türlein ausz gelassen (
ward) Arigo
decamerone 64
Keller; mit still und gehaim bayd in ir kammer kamen Montanus
schwankb. 224
Bolte. DD.
syntaktische fügungen. D@11)
verbale verbindungen. unter den zahllosen möglichkeiten sind einige zu festeren wendungen geworden. sie beschränken sich auf stille
als '
lautlosigkeit' (B),
besonders '
schweigen' (B 2). D@1@aa)
um auszudrücken, dasz '
ruhe'
oder '
schweigen'
gefordert wird, heiszt es mhd. einer stille bitten: ze jungist nam sich ainer ûz, gehaizen Odnâtus, er bat ainer stille
kaiserchron. 4905
Schröder; frühnhd. eine stille bitten: vil leisz die frawe do hin trat. ein gmaine stille man do pat, bisz das die fraw es alles sach und horet, was der pfarrer sprach
pfarrer v. Kalenberg 157
ndr. —
seit dem mhd. stille gebieten: e daz (
das lesen) man anehbe geboten wart ein stille
jg. Titurel 1835, 1
H.; der hertzog zuohand durch die herolten ein stille gebieten ward Wickram 1, 75
Bolte; neun laut rufende kunder geboten den lärmenden stille Bürger
w. 195
Bohtz; [] den hauptleuten, indem sie den unheilkündigern stille gebieten wollten, erstarb vor ahnungsvollen schauern das wort im munde Fouqué
d. zauberring (1812) 3, 54. —
vereinzelt unter anderem: nu hiez man ruofen in den sal eine stille über al Gottfried v. Straszburg
Tristan 12222
Ranke; nun saz der künig in seinem künigklichen sal und liesz ruffen ein stil und sprach also
hist. v. d. künigklichen statt Troia (1499) 35
b; undt folgendts durch den feldt trummeter ein stille blasen Fronsperger
kriegsb. (1573) 3, 6
b. D@1@bb)
man sagt: eine stille tritt ein; eine stille herrscht, eine stille unterbrechen (
weitere beispiele sieh oben unter B): so wurden wir auch alle drei, der rote wein, der schlangenfresser und ich ins auge gefaszt, und ich fühlte, dasz ich so rot wurde, wie der wein, als eine vielsagende stille eintrat G. Keller
ges. w. 2, 98; als eine aufmerksame stille eingetreten war, erhob er sich und sprach Stifter
s. w. (1901) 10, 37; es herrscht eine augenblickliche stille Schiller 12, 114
G.; nichts unterbrach die ungeheure stille um sie her Storm
s. w. (1899) 4, 135. D@22)
attributive bestimmungen. zur bezeichnung des grades der ruhe, lautlosigkeit, des schweigens; äuszerlich und innerlich: lange stille Schiller 5, 199
G.; Raumer
Hohenst. (1823) 4, 161. kleine stille Göthe 23, 159
W. allgemeine stille 25, 148
W.; Forster
s. schr. (1843) 2, 294. vollkommene stille Melchior Meyr
erz. aus d. Ries (1868) 1, 28. durchgehende stille Joh. Riemer
polit. maulaffe (1679) 203. stete stille Triller
poet. betracht. (1750) 1, 105. tote stille: die todte stille wiederholt jeden schall Tieck
schr. (1828) 7, 228.
am geläufigsten grosze stille, tiefe stille; grosze stille
seit dem mhd.: da wart grosze stille
märterbuch 26342
Gierach; und ward eine grosze stille
Marc. 4, 39;
alta silentia grosze stille Frisius
dict. (1574) 1212
a;
vgl. noch michel still
cod. Teplensis 10
Huttler. tiefe stille: Lessing 8, 37
M.; Göthe 17, 229
W.; und tiefe stille brach herein Strachwitz
ged. (1850) 50; in tiefster stille bestiegen die verschworenen ihre wagen Marie v. Ebner-Eschenbach
ges. schr. (1893) 2, 85.
hierher auch lautlose stille,
häufig: Bettine
Brentanos frühlingskranz (1844) 220; bald ... tritt lautlose stille ein G. Keller
ges. w. 3, 41; Marie v. Ebner-Eschenbach
ges. schr. (1893) 4, 208.
zur bezeichnung der stille
als zustand der natur, umgebung, als atmosphäre des seins dienen etwa: nächtliche stille Dahlmann
gesch. v. Dännemark 3, 197; ländliche stille W. v. Polenz
Grabenhäger 1, 68; häusliche stille S. Gessner
w. (1778) 2, 26; in eines gartens abgeschiedner stille Schiller 14, 46
G.; süsze stille Chr.
F. Weise
lieder f. kinder (1767) 48; friedliche stille eines hirtenthals Solger
nachgel. schr. (1826) 1, 38. sanfte stille: bei sanftester stille des himmels S. Gessner
schr. (1777) 1, 143;
Shakespeare 4, 136.
häufig sind: feierliche, heilige stille: es herrscht eine feierliche stille Hippel
lebensl. (1778) 1, 24; Galathea ging in feyerlicher stille Pfeffel
poet. vers. (1812) 1, 50; der klingende ton der grillen durch die feierliche stille schrillte Göthe 21, 34
W.; Mörike
ges. w. 3, 43. — jetzt schweiget die ganze natur, nichts störet die heilige stille Gieseke
poet. w. (1767) 112
Gärtner; nicht das mindeste geräusch war zu hören, eine heilige stille umgab das herrliche schauspiel Novalis
schr. 4, 55
Minor; fanden sie die ruhe wieder und ihr herz in blumen, bäumen, bergen und der heilgen stille Tieck
schr. (1828) 1, 278.
eigenartiger sind attribute, die die wechselwirkung zwischen mensch und stille bezeichnen, in dem entweder die wirkung der stille auf den menschen ausgedrückt wird (betäubend,
[] unerträglich)
oder der zustand des die stille empfindenden oder hervorrufenden menschen auf die stille
selbst übertragen wird, oder auch beide wirkungen ineinandergehen (ängstlich, angstvoll, traurig
u. s. w.): eine ängstliche stille schien jeden atem festzuhalten Novalis
schr. 4, 98
Minor; ich suchte die ängstliche stille einmal durch einen husten zu unterbrechen Tieck
schr. (1828) 2, 310; nur einzelne worte und seufzer unterbrachen die angstvolle stille Klinger
w. (1809) 4, 17; atemlose stille tritt ein, als nun klar und fest eine eherne stimme über den platz hallt Zöberlein
d. bef. d. gewissens (1937) 822; alles ging wieder in betäubende stille über Lenz
ges. schr. 3, 116
Tieck; Theodor konnte nicht sprechen, und eine düstere stille herrschte einige augenblicke in dem zirkel Pfeffel
pros. vers. (1810) 5, 176; (
es) herrschte eine düstere stille O. Jahn
Mozart (1856) 2, 26; geheimnisvoll, mit einer finstern stille stellt jedes corps sich unter seine fahnen Schiller 12, 284
G.; preis dir, unendlicher! für nahrung, schlaf und hülle; selbst für der einsamkeit oft fürchterliche stille Schubart
s. ged. (1825) 1, 9; und der sich vorher im geräusch der geschäftigen welt verlohr, flieht den anblick der menschen, und entweicht in düstere melankolische stille Schiller 1, 167
G.; bangt mein herz in öder stille Chr. A. Overbeck
samml. verm. ged. (1794) 15; eine schaudervolle stille herrschte durch die dicke, düstre finsterniss Klinger
w. (1809) 3, 17; dich ... bet ich an in schauervoller stille J. A. Cramer
s. ged. (1781) 1, 45; alle empfingen von ihm das brodt, das er hatte geweihet, und den heiligen kelch. sie kamen alle mit demuth, und in trauernder stille, von seiner hand es zu nehmen Klopstock
w. (1800) 3, 251 (
Messias IV 1165); dir, traurge stille, sey mein zärtlich lied geweiht v. Cronegk
schr. (1766) 2, 3; endlich, um nur die unerträgliche stille zu brechen, sagte er Eichendorff
s. w. (1864) 3, 367; nun steht es endlich auf der erhabnen burg, und schaut in unglückschwangrer stille auf die gebäude der armen Troja Herder 27, 114
S.; kanonendonner, sonst unheimliche stille H. Laube
ges. schr. (1875) 1, 7; hier sitz ich in zufriedner stille, von streit und zank und lärm befreyt Brockes
ird. vergn. (1721) 8, 56.