zwerch,
adj. und adv. ,
gemeingermanisches wort. got. þwairhs '
zornig',
ahd. dwerah, twerah (
über den lautwandel dw- > tw-
vgl. Braune ahd. gr. § 167,
anm. 8),
mhd. twerh,
ags. þweorh,
an. þverr,
schwed. tvär,
norw. tver.
seltener mit verlust des -h:
in ahd. tweren
bei Notker 1, 759, 15
P. (
und im abstractum tuuiri
ahd. gl. 2, 233, 63
St.-S., alemann. des 9.
jh.),
vgl. Schatz ahd. gr. § 242,
mhd. twer (dwer),
z. b. bruder Wernher
in:
minnes. 2, 231
b v. d. Hagen; mnd. dwer;
nhd. zwer L. Ercker
mineral. ertzt (1580) 6
b;
vgl. dazu quer teil 7, 2355.
im adverbiellen genetiv ahd. tueres (Notker),
mhd. tweres, twerhes,
mnd. dwers,
afries. thweres, dwers,
ags. þwéores,
an. þvers,
schwed. tvärs;
vgl. mundartlich (
Straszburg) zwergs Arnold
pfingstmontag (1816) 103.
die form des adv. ist im mnl. dwers
und holl. dwars, dwers
zum adj. geworden. umstrittener und unsicherer herkunft: nach Zupitza
gutturale 71, Persson
beitr. 122
zu einer (
sonst nicht bezeugten)
anlautsvariante mit t-
von idg. terk- '
drehen'
in lat. torqueo
u. s. w., nach Walde-Pokorny 1, 736
ist vorgerm. terk-
kontamination von terk-
mit ter- (
ahd. dueran),
nach andern (Walde-Pokorny 1, 751
fragend; Holthausen
aengl. etym. wb. 373)
gehört zwerh
als '
geschnitten'
zu avest. θwarəs- '
schneiden',
griech. σάρξ '
fleisch'.
vereinzelt treten auch auszerhalb des ahd. (
s. ahd. gl. 1, 256, 3; 2, 612, 68
St.-S.)
sproszvokale auf: zwerich
städtechron. 3, 167; zwerich Kramer
t.-ital. 2 (1702) 245
b und heute in alem. maa., vgl. z. b. tsweris Vetsch
Appenzell 60, Meisinger
Rappenau 216.
der auslautende guttural wird vereinzelt als -g
geschrieben, z. b. Murner
luth. narr 1019
Merker, Naumann
vögel (1822) 1, 200,
auch zu -sch
verbreitert, vgl. zwerisch Alberus
nov. dict. (1540) p 3
b;
J. de Aosta America (1605) 82,
mundartlich z. b. twersch Schambach
Göttingen 238, zwersch Schmidt
Westerwald 343.
sprachgeschichtlich unklar ist seltenes -i-
für -e-: zwirg
liedersaal 1, 375
Laszberg, twirhs Ulr. v. Liechtenstein 270, 14
L.; zwyrhen
herzmaner (
o. o. u. j.) 105
b.
vom mhd. bis ins 16.
jh. findet sich neben dem gebräuchlichen anlaut tw-
auch noch dw-,
vgl. S. Helbling 1, 1184
S., Forer
Gesners tierbuch (1563) 166
b. zw-
anlaut (
über die lautentwicklung vgl. Wilmanns
gr. [1911] 1, 115)
zuerst im 14.
jh. bezeugt: zwerhen Joh. v. Würzburg
Wilh. v. Österr. 8391
Regel; zweres
Karlmeinet 171, 42
K.; österr. weist. (
vor d. j. 1480) 7, 486,
dafür qu-
im alem. und besonders im md., s. quer,
das sich vom md. aus in der schriftsprache seit dem 18.
jh. durchgesetzt hat, vgl. Adelung 5 (1786) 464
b; zwerch
lebt nur noch in den maa., und zwar in allen obd. dialekten, im westmitteldeutschen und vereinzelt im schlesischen. 11)
eigentlich, als richtungs- oder lagebezeichnung wie quer. 1@aa)
eine längsrichtung kreuzend, oft im rechten winkel zu ihr: (
latitudo [
crucis]
est)
transversum lignum thuuerhaz holz (10.
jh.)
ahd. gl. 2, 342
St.-S.; dat twere holt (
des kreuzes), dat was
beleg bei Schiller-Lübben 1, 613; darnach teyl
mg (
linie) mit einer zwerchen
op in zwey teyl A. Dürer
underweisung d. messung (1525) k 2
b; den mastbaum, sampt dem zwerchen holtz, daran das segel gebunden H. v. Eppendorff
Plinius (1543) 38; der musz sich auf ein zwerges an einem seil hinunter gelassenes holtz setzen Harant
der christl. Ulysses (1678) 14. zwerchs wegs, zwerch des wegs
quer über den weg: ich wolde twerhes weges niht holde sie haben (
die kämpfenden priester)
Ludwigs kreuzfahrt 7240
Naum.; in dem kam ain vogler zwerchs wegs gegangen Steinhöwel
Äsop 147
lit. ver.; wann ihnen ein haasz zwerch desz wegs laufft H. Guarinonius
greuel d. verwüst. (1610) 309.
adverbial: men voirte dat burnehoultz von Molenheim mit karren ind perden zwers over dat is bis vur die stat Coelne (
a. d. j. 1499)
städtechron. 14, 774; man ... gap im fisch, da er die asz, da kam im ein grat zwerchs in die kelen
der heiligen leben, winterteil (1471) 146
a; zohe er eine stang oder schmalen balcken zwärig uber die gaszen J. J. Grasser
schatzkammer (1610) 363; mer zeiht sie (
die weidenrute) zwergs imm kind durchs mul Arnold
pfingstmontag (1816) 103. 1@bb)
in zwercher finger, zwerche hand
und ähnlichen maszbezeichnungen, vgl. teil 3, 1653; 4, 2, 360:
mit dem sinne '
quer, der breite nach gemessen': zersnaid alle die klaider ... zu clainen riemen zwaier zwerher finger brait (
um 1500
Nürnberg)
städtechron. 10, 552; ein flachsz, ungefehrlich eines zwerchen fingers weit L. Fronsperger
kriegsb. (1573) 2, 188
a; das salz ... über einen zwerchen finger nicht dick hacken (
v. j. 1614) v. Lori
baier. bergrecht 393
a; streichet den teig ... eines zwerchen fingers dick darauf v. Hohberg
georg. cur. (1715) 3, 1, 165
a; zwey zwerche fingerbreit
Parnassus boicus (1722) 1, 67; ain zagel ... ungefarlich ainer zwerchen hand lang (
Augsburg 16.
jh.)
städtechron. 25, 48; ich brauch des himels auch ein theil einr zwerchen handt breit oder drey Er. Alberus
fabeln 173
ndr.; in eine höltzerne schachtel, die langlecht und einer zwerchen hand tief ist v. Hohberg
georg. cur. (1682) 1, 220; an den (
dingen) der êwigen sêlikeit niht lît eines twerhen halmes breit Hugo v. Trimberg
renner 16614
Ehr.; die indianische haselnusz ist eines zwerchen daumens lang Tabernämontanus
kräuterbuch (1687) 1333. 1@cc)
adverbiell, durch ein gelände querfeldein: über velt wil ich draben ... und alle welt dwerhes
Helmbrecht 418; wiltu aber zwerich dardurch (
durch Böhmen) ziehen, so thustu es in dreien tagen
städtechron. (15.
jh. Nürnberg) 3, 167; hiernächst setzt der könig seinen marsch zwerchs durchs land Er. Francisci
luftkreis (1683) 160; sahen sie ... den schimmel ... zwerch über ein frischgeackertes feld traben Musäus
volksmärchen (1842) 301.
als adj., vgl. limes zwercher weg (
v. j. 1516) Diefenbach
gl. 330
a;
limes ein zwercher fuszweg durch ein acker Calepinus
XI ling. (1598) 823
a. '
querfeldein',
vgl. zwerchfeld: nu fuor er twerhes veldes
jüng. Titurel 1286
Hahn; schön Els und Äll gant den zelt hin gumpen über twerches veld Oswald v. Wolkenstein 145
Schatz. unversehens: die trübsalen ... ungeferds und wie man sagt zwerchs felds daher kemen J. Gretter
epistel s. Pauli (1566) 523. 1@dd)
für die tiefenrichtung, mitten durch einen körper hindurch: ehe müste ich mir mit zwantzig lantzen, schwerd und spiessen zwerch und uber zwerch den ganzen leib durchgraben lassen Fr. v. Spee
gold. tugendb. (1649) 109; strahlen von der groszen sonne der gerechtigkeit zwerch durch ein gewölcke Chr. v. Ryssel
v. d. seelenfrieden (1685) 302; ich ... lief zwerchs durch den hauffen
theatr. amoris (1626) 97; zwerchs durch den feind dringen
scagliarsi, dare à traverso dè nemici Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1493
a. 1@ee)
von der seite her, nach einer seite hin von der geraden richtung abweichend, schief, schräg: der uuint tueres taz skef anagando in unhant fuoret Notker 1, 239
P.; ich mache dir sô dwerhen munt, daz allen liuten wirt unkunt, ob sî dînen gelîchen ie gesæhen in den rîchen
d. böse frau 751
Schr.; (
von einer schlange) ist rot und schwartz, kreucht langsam, nit für sich, sonder zwerisch Er. Alberus
nov. dict. (1540) k 2
a; (
die afterklauen) seind ... viel stumpfer, auch mehr zwerch als länglicht, wie beim thier in der ferte zu sehen seynd H. v. Göchhausen
notabil. venatoris (1741) 26; schief, zwerch hinab schlingt sich ein kleiner, schmaler steig A. G. Meiszner
skizzen (1778) 3, 179; nasenlöcher (
des adlers) ... schief oder zwerg stehend J. Naumann
naturgesch. d. vögel (1822) 1, 200.
schräg, abschüssig vom gelände: darumb soll man ... wol bedencken, das die niderträchtigen räben am füglichsten gesetzt werden an unebene zwerche ort, die ein wenig bühelecht sein
M. Herr
feldbau (1551) 74
a. 22)
übertragen verwendet; von menschlichen verhältnissen, '
verkehrt, verdreht'
; vgl. auch: sô was ouch er küene an etelîchem tage dar nâch ein weltzage. ditz wâren zwêne dwerhe (
widerspruchsvolle) site, dâ verswachete er sich mite Hartmann v. Aue
Erec 4657; der mittel (
sc. sanc ist) gar ze spæhe an disen twerhen dingen Walther v.
d. Vogelweide 84, 27; ich hab es doch vor mals me gehört, wer eine freie wal begert, dem gibt man sie zu Nürenberg wie er wil, schlecht oder zwerg Th. Murner
luth. narr 131
Merker; die von Deventer sin noch mit kreichsfolck besweirt und ist alles zwers (
v. j. 1577)
buch Weinsberg 2, 359
Höhlbaum; domit dann das regiment under solchen scheinnamen zwerchs und ubel gehandhabt wurde Dreyfelder
hist. d. hauses Est (1580) 126
a.
in dieser bedeutung in rheinischen maa. noch lebendig, vgl. Schmidt
Westerwald 343, Schön
Saarbrücken 235, Hönig
Köln 210, Köppen
Dortmund 61.
adverbiell zwerchs gehen,
nicht nach wunsch gehen: einem alles zwerchs gehen
andare, auvenire ad uno ogni cosa di ò à sbieco cioè contrario Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1493
a; es geht alles zwerchs Schwan
nouv. dict. (1783) 2, 1147
a.
bildlich vom menschen, '
nicht willfährig': anstatt, dasz er ... wolte zu willen seyn ..., war er allzeit zwerch in dem weg J.
M. Merck
traurschaubühne (1665) 607.
vom schrägen, schielenden blick ausgehend, ahd. und mhd. häufig im sinne '
zornig, böse, unwirsch, scheel': aber Juno uuarteta mit tuueren ougon an sine grozen arma unde an sin guollih keinon Notker 1, 759, 15
P.; sô wird ich mit twerhen ougen schilhend an gesehen Walther v.
d. Vogelweide 57, 36; do warf der alte sinen spot uf den unreinen abgot, den er vil twerches ansach
passional 278, 53
Köpke; vgl. in der mundart: der blick ist zweer
M. Buck
volksglaube u. volksabergl. aus Schwab. (1865) 12;
dazu zwergaugen, schäle augen
limi oculi, limuli Aler
dict. (1727) 1, 192
a und zwerchblick. 33)
zwerch-composita (
sieh unten an alphabetischer stelle)
sind seit ahd. zeit bezeugt, im ahd. und mhd. bleiben sie vereinzelt: zwerchaxt, -bach, -bank, -finger, -graben, -haue, -holz, -lehre, -nacht.
das 16.
jh. ist in neubildungen am fruchtbarsten, im 17.
treten sie dagegen schon zurück und werden seit dem 18.
jh. seltener, weil durch quer-
composita zurückgedrängt, s. teil 7, 2356
ff.. schriftsprachlich bleiben nur zwerchfell
und zwerchsack (
neben quersack)
und einige technische ausdrücke lebendig wie: zwerchaxt, zwercheisen, zwerchhobel;
sonst finden sich zwerch-
composita nur noch bei obd. schriftstellern. bis in das 19.
jh. ist die schreibung zwerg-
fast ebenso geläufig wie zwerch-.
die form zwer (
s.zwerch sp. 1084)
hat sich nur in wenigen compositis erhalten: zweraxt, -balken, -bank, -finger, -holz, -linie, -sack, -strichlein, -stück, -waffen.
vereinzelte bildungen mit zwerchs-,
besonders in adv.: zwerchsweise (J. Th. de Bry
archelei [1614] 6), -lehre, -über.
ganz für sich steht zwürch-
in zwürchgabel (
s. u.zwerchgabel),
vgl. dazu die form zwirch
oben sp. 1085. zwerch-
composita sind fast ausschlieszlich subst., adj. und adv. treten nur vereinzelt auf: zwerchblau, -eckig, -über, -weise.