traulich,
adj. herkunft. traulich
ist kein altes wort, sondern kommt erst im letzten viertel des 18.
jh. auf, und zwar in der poesie des hains: 1774 Hölty,
s. unten 3 c; 1776 Bürger,
s. 3 a; 1777 Fr. L. v. Stolberg,
s. 1 b; 1779 Claudius
s. 2 e; 1780 Boie,
[] s. 2 b.
das wort ist dann schnell, auch auszerhalb des hainbundes, beliebt geworden: 1781
in Thomsons vier jahreszeiten, s. unten 1 f, 1782
bei Blumauer,
s. 2 c, 1784 Kretschmann,
s. 2 e; 1785 Ratschky
ged. 158, 1786 E. C. Reichard, 1789 J. J. Ihlee,
s. 3 a, J. Fr. Schink
Abdera 2, 146, U. Bräker,
s. 2
d. dasz es in den 70
er jahren ganz neu war, geht auch daraus hervor, dasz manche dichter es später in verse aus dieser zeit hineincorrigiert haben, vgl. unten Voss 2 d
und e; J. G. Jacobi 3 c; Kretschmann 2 e.
abzutrennen ist ein früher (16.
jh.)
belegtes traulich
in anderer bedeutung, das die md. form von treulich (
s. d.)
darstellt; jedoch ist das abgeleitete substantiv traulichkeit
in einem zwar völlig isolierten, aber anscheinend ganz sicheren beleg des 17.
jh. bezeugt (
s. u. sp. 1435).
entstanden ist traulich
wahrscheinlich als analogiebildung: es stellt sich neben das vielfach gleichbedeutende traut
wie das ältere vertraulich
neben vertraut
steht. bedeutung und gebrauch. die mutmaszliche herkunft, von traut
und vertraulich
her, scheint sich auch in der bedeutung zu zeigen. traulich
weist von anfang an zahlreiche bedeutungsnuancen auf, die diejenigen der genannten verwandten worte wiederholen, abwandeln und steigern. sehr stark spielt auch zutraulich
herein. traulich
konnte die bedeutungen von zutraulich
und vertraulich
wohl deshalb in sich vereinigen, weil das neue präfixlose wort der festen bedeutungsbestimmung, die eben diese präfixe den älteren worten gegeben hatten, entbehrte und es so beim hörer alle möglichkeiten der auffassung offenliesz. infolge dieser ahnungsreichen unschärfe schwingt bei traulich
stärker als bei den componierten worten von anfang an ein gefühlsmoment mit, vgl. schon Maass-Eberhard
synonymik (1818) 5, 97. traulich
ist ein wort des gefühls, ja des gefühlscultus. die poesie der classiker um 1800
hat es in vollem umfange aufgenommen: Göthe
zeigt es in reichster, aus eigenem gesteigerter entfaltung. im 19.
jh. wird es schnell abgenutzt und ist heute ohne jede einschränkung wohl nur noch in der abgeschlossenheit traditionsgesättigter verssprache möglich, in der prosa gewinnt es leicht trivialen oder ironischen beiklang. in ungekünstelter umgangssprache hat es wohl nie seine stelle gehabt, vielleicht mit ausnahme der Schweiz, vgl. Pestalozzi
unter 1 a
und traulichkeit 1 a.
ein traulich '
vertrauenswürdig von personen'
bucht für das südlichste Schwaben Fischer
nachtr. 1764.
die verschiedenen bedeutungen von traulich
unterscheiden sich in der hauptsache danach, ob sie handlungen und handelnde personen (1)
bezeichnen oder zustände und objecte (2).
im ersten falle gilt traulich
vom standpunkt der handelnden person aus und von ihren handlungen, es hat ein activisches element in sich, es bedeutet etwa '
zutraulich'.
im zweiten falle bezeichnet traulich
mehr passivisch die wirkung der zustände und objecte auf den betrachter oder passiv beteiligten, das nächste synonymon wäre '
anheimelnd'.
beide gruppen, die activische und die passivische, flieszen zusammen in einer dritten (3),
bei der traulich
sowohl handlungen als auch deren wirkungen auf den betrachter und wechselweise auf die beteiligten bezeichnet. 11) '
zutraulich, voll vertrauen'. 1@aa)
der bedeutungsumfang reicht meist von einfachem '
zutraulich'
bis zu stärkerem, ethisch getragenem '
voll vertrauen': traulich kam die mutter herbei und küszte sie herzlich Göthe 50, 264
W. (
Herm. u. Dor.); ich sagte ihm, dasz ... diese trauliche annäherung ... ein glänzendes und eindrückliches beispiel der toleranz abgeben würde C.
F. Bahrdt
gesch. s. lebens (1790) 2, 240; der könig ... sendet die begleitung vorauf in das theater er will sich traulich unter die menge mischen, die ihm doppelt fröhlich zujauchzen wird Droysen
gesch. Alexanders d. gr. (1833) 53; traulich und neugierig schauten sie ihn an ... der knabe Arnold hingegen ... schlug verschüchtert die augen nieder G. Keller
ges. w. (1889) 8, 40; (
das holde wesen), das so ganz frei und traulich dem
[] königlichen mann ins auge sah Hölderlin 2, 12
Litzmann; sein munteres, trauliches wesen brachte ihn bald mit allen ... frauenzimmern ... in naive berührung Immermann 1, 206
Boxb.; von geselligem verhalten gesagt: er hat als ein ächt katholischer christ, ohne sein gewissen zu beschweren, mit einem rein protestantischen heiden sich recht traulich benommen Göthe IV 26, 43
W.; in der poesie Göthes
klingt die bedeutung '
voller vertrauen'
sonst meist stärker an: wo find ich jenen gutgesinnten mann, der mir die hand so traulich angeboten? an ihn will ich mich schlieszen! 10, 378
W. (
nat. tochter 2850); so ist es also, wenn ein sehnend hoffen dem höchsten wunsch sich traulich zugerungen 15, 6
W. (
Faust 4705); dir, der unberührbaren, ist es nicht benommen, dasz die leicht verführbaren traulich zu dir kommen 15, 334
W. (
Faust 12020).
so von gläubiger gewiszheit: pflückt ihr pambeh, mögt ihr traulich sagen: diese wird als docht das heilge (
das feuer) tragen 6, 241
W. prägnanter, dem heutigen '
offen'
sich nähernd, in einer reihe älterer belege, ein gebrauch, der so ausgeprägt nach dem anfang des 19.
jh. nicht mehr begegnet: ein sehr bescheidener, traulicher junger mann J. v. Müller
sämtl. w. (1810) 5, 201; da ich die livree der wizlinge trug und ein traulicher, aller welt offener, sorgloser wüstling war Schubart
leben u. gesinn. (1791) 1, 171; 'worum doch das nicht' erwiderte der trauliche landaman Pestalozzi 10 (1931), 134
krit. ausg.; wir wollen traulich seyn, herr pronotar, ich biet euch meine hand mit biedersinn
Z. Werner
söhne des tals (1804) 2, 11; freundlich ist der herzog und, wie mich dünkt, seit einigen wochen auch traulicher gegen mich als gegen manche andre A. v. Knigge
Mildenburg (1797) 2, 40. 1@bb)
so ist traulich
als ausdruck vorhandenen vertrauens der grusz und die ihn begleitenden gesten: den landmann blickst du mit verachtung an und schämst dich seiner traulichen begrüszung Schiller 14, 308
Göd. (
Tell); nach Sevilla, nach Sevilla; wo die letzten häuser stehen, sich die nachbarn traulich grüszen, ... dahin sehnt mein herz sich sehr H. Laube
ges. schr. (1875) 8, 12; wenn er vorübersprengte, so durfte man gewisz sein, dasz er dort mit dem schwert in der hand herüber grüszte und traulich nickte W. Hauff
sämtl. w. (1890) 1, 65; fried und freude dem sänger zuvor, und traulichen handschlag! Fr. L. v. Stolberg
im dt. museum (1777) 222; was soll des freundes traulicher handschlag mir? Hölderlin 1, 90
Litzmann; und traulich bieten wir die hände dir Fouqué
held. d. nord. (1810) 2, 23; wenn er mir zumal vom pferd herunter seine hand bot, die meinige traulich schüttelte U. Bräker
sämtl. schr. (1789) 1, 145; einige von ihnen geleiteten den magister bis zu seiner ... pfarrwohnung und schüttelten ihm dort traulich die hand G. Keller 6, 365; geblendet und errötend grüszte sie graf Heinrich nur mit einer stummen verbeugung; sein vater hingegen faszte sie traulich bei der hand und sagte: 'ei, was für eine königliche gestalt ist das kleine Luischen geworden' Langbein
sämtl. schr. (1835) 31, 76. 1@cc) traulich
sind darüber hinaus überhaupt rede und antwort: ihr seid gemeine männer nur, doch denkt ihr nicht gemein, ihr scheint mirs wert vor andern, dasz ich ein traulich wörtlein zu euch rede Schiller 12, 303
Göd. (
Wallenst. tod 1978); verdiene ich denn kein trauliches wörtchen aus ihrem eigenen munde? Kotzebue
sämtl. dram. w. (1828) 31, 151; zwei trauliche fragen gestatten sie wohl dem, der es
[] redlich meint und dies auch künftig zu beweisen lust hat K. A. Böttiger
an Grillparzer, im jb. d. Grillparzerges. 1, 189; als er emporkam wieder vom tiefen meer der gedanken, fragt ihn traulich ein freund: bringest du uns ein geschenk? Herder 26, 372
Suphan; ein paar gleichgültige worte, die ich an sie richtete, und die trauliche weise, in der sie antwortete J. Venedey
Irland (1844) 2, 4; 'um ihnen indes', fuhr er traulicher fort, 'auch die kleinste bedenklichkeit zu ersparen' Thümmel
reise (1791) 3, 288; und nun gar ein verstorbener, der so traulich mit ihnen zu plaudern wuszte Immermann 1, 14
Boxb.; in besonderem sinne, '
aufdringlich vertrauen heischend': er (
Pius IV.) ergieszt sich dann in tausend traulichen versicherungen, wie er die bösen von herzen hasse, von natur die gerechtigkeit liebe Ranke
sämtl. w. 37, 208. 1@dd)
von körperlicher annäherung als ausdruck des zutrauens: auf der madonna della sedia ist es ... ein heldenknabe, im fröhlichen gefühl der stärke, und doch so traulich an die mutter angeschmiegt Fr. Schlegel
sämtl. w. (1846) 6, 36; Bettine
Göthes briefw. m. e. kinde (1835) 3, 53; die trauliche anschmiegung ihrer ideen an die meinigen Cl. Brentano
Godwi (1801) 1, 21; eine hand, die sich traulich mit der unsern zusammenschlieszt Göthe 18, 382
W.; sie legt traulich ... haupt und hände ihm auf knie und schoosz R. Wagner
ges. schr. u. dicht. (1897) 6, 37; lasz dich traulich umschlingen Cl. Brentano
ges. schr. (1852) 1, 353; der obrist, plötzlich von allem unmut, von allem zorn verlassen, ... setzte sich traulich hin dicht neben das liebe süsze kind E. T. A. Hoffmann 8, 109
Grisebach; die vergangenheit trat freundlich auf mich zu und setzte sich traulich an meine seite Tieck
schriften (1828) 8, 26; der fingerhut wohnte traulich zwischen dem gewonnenen spielgelde und scheuerte sich freundschaftlich an den thalern G. Keller
ges. w. (1889) 5, 30. 1@ee) traulich
heiszen tiere, die zutraulich sind und sich ans haus halten: so wie es hausherrn gibt, die auch der traulichen schwalbe keinen winkel im gesimse ihrer scheunen gönnen (1788) grafen zu Stolberg
ges. w. 3, 240; die trauliche grasmücke Cl. Brentano
ges. schriften 5, 20; zuletzt wird es (
das rotkehlchen) ganz traulich
Thomsons vier jahreszeiten (1781) 294; im häuschen so reinlich, so niedlich und klein, nist't traulich das friedliche täubchen sich ein S. Mereau
gedichte 1 (1800), 82; heisz ist der tag; die sonne prallt von meiner zelle wand. ein traulich vöglein flattert ein und aus A. v. Droste-Hülshoff
werke (1879) 3, 77 (
geistl. jahr); (
die hunde) umschnoberten traulich ihm lippen und kinn Bürger 82
Bohtz (1788); die seite seines weichen felles gegen meine hand krümmend und stemmend, hob er (
der kater) sofort sein traulich spinnen an Stifter
sämtl. w. 1 (1901) 12; tiere ..., die euch jetzt fliehen ..., kamen damals so traulich zu mir maler Müller
werke (1811) 1, 23. 22) '
anheimelnd'. 2@aa) traulich
in diesem sinne geht vor allem auf die nähe im gegensatz zur ferne: die volkssage ... ist traulich, der mythus steht in unabsehbarer ferne J. Grimm
kl. schr. 7, 543; die natur schien ihm nur deswegen so unbegreiflich, weil sie das nächste und traulichste mit einer solchen verschwendung von mannichfachen ausdrücken um den menschen her türmte Novalis
schriften 4, 128
Minor; so auch, doch umfassender: wie soll ich dem, den ich so lang begleitet, nun etwas traulichs in die ferne sagen Göthe I 4, 18
W. (
an Lord Byron); es scheint wirklich zeit zu werden, dasz der zwischen uns so lange wunderbar genug niederhängende schleier endlich falle und eine herzlich anerkennende gegenwart uns für die zukunft traulich vereinige IV 33, 42 (
an Nicolovius).
[] 2@bb) traulich
ist das altgewohnte, das heimische und angestammte: bis auf den heutigen tag wohnt daher der marschbauer, nach uralt traulicher sitte, mit seinem gesamten vieh unter einem dache H. Allmers
marschenbuch 221; nur der alte, trauliche taktmäszige schlag der dreschflegel hat neuestens in unseren dörfern dem sausen und pfeifen der dampfmaschine weichen müssen Wimmer
gesch. d. deutsch. bodens (1905) 204; die sprache der platten hat so etwas trauliches und gemütliches K. J. Weber
Deutschland (1828) 3, 755; gelandet bald an Holsteins küste, die heimisch zwar und traulich winket H. Chr. Boie (1780)
bei Weinhold
Boie 334; von der lieben traulichen väterburg? Fouqué
altsächs. bildersaal (1818) 4, 113; es schauen vom wappenschilde die löwen so traulich mich an Chamisso
werke (1836) 3, 75; die damals so traulichen straszen ihrer vaterstadt sah sie belebt von ... kindergestalten Storm
werke (1899) 1, 225;
so auch: das herz, welches weniger seine ewigkeit zu retten wünscht als die traulichen erinnerungen an seine irdische jugend C. G. v. Brinckmann
filos. ansicht. (1806) 87; schriftzüge des traulichsten andenkens zu erhalten Göthe IV 37, 18
W. (
an Auguste v. Stolberg). 2@cc) traulich
sind örtlichkeiten, die infolge ihrer kleinheit oder abgelegenheit das gefühl anheimelnder enge und nähe hervorrufen: ein trauliches tal, ein stiller see gibt den hintergrund zu einer gruppe heiliger personen Fr. Th. Vischer
ästhetik (1846) 2, 480; links öffnete sich das Zillerthal, das sich heimlich und traulich in die berge hineinschleicht H. Laube
ges. schr. (1875) 8, 209; hinten an, bebuscht und traulich, steigt der felsen in die höhe Göthe 6, 20
W.; säh ich ihn wandeln im traulichen wald Blumauer
ged. (1782) 27; die trauliche amtssäge im Gleirschtal gab mir ... wieder freundliches obdach H. v. Barth
Kalkalpen 513; (
wir) hätten uns hier in den traulichen fischerhütten (
auf den Rheininseln) vielleicht mehr als billig angesiedelt, hätten uns nicht die entsetzlichen Rheinschnaken nach einigen stunden wieder weggetrieben Göthe 28, 29
W.; in den traulichen bogengängen lustwandelte das empfindsame paar Musäus
volksmärchen 1, 10
Hempel; überall an passenden stellen sind lauschige sitze oder trauliche lauben angebracht H. Seidel
Leberecht Hühnchen (1899) 224; trauliche gärten mit laubigen schatten O. Ludwig
ges. schr. (1891) 1, 235; vögel hatten daselbst ihre traulichsten nester angebracht Gutzkow
ritter v. geiste (1850) 2, 18; eine buche, welche sich gleich über dem boden in drei stämme teilte und zwischen denselben einen traulichen sitz darbot G. Keller
ges. w. 6, 66. 2@dd) traulich
ist ganz besonders das zimmer. kleinheit und abgelegenheit werden auch hier gern hervorgehoben: ihre kleine, ländliche wohnstube war freilich nur sehr einfach, allein sehr heiter und traulich Chph. v. Schmid
ges. schr. 3, 218; das wohnzimmer der familie Frey. nicht grosz, traulich, dunkle, unmoderne möbel G. Hirschfeld
die mütter (1896) 96 (
scenerie); dort gegen westen, traulich unterm dach, liegt froh und abgeschieden das gemach G. Keller
ges. w. (1889) 9, 156; die zierlichen zimmer reihn um den einsamen hof heimlich und traulich sich her Schiller 11, 193
Göd. (
Pompeji u. Herkul.); mein stübchen ist jetzt so traulich, so ganz für sie (
anrede) geordnet A. v. Droste-Hülshoff
briefe an L. Schücking (1893) 129. traulich
erscheint das zimmer besonders beim rückblick auf eine vergangene zeit: das einst so trauliche zimmer des guten oheims Storm
werke (1899) 1, 166;
ähnlich: es war ein heiterer frühlingstag, als ich ... mich noch einmal in meinem traulichen zimmer umsah und dann es verliesz Doro Caro
novellen (1795) 37,
oder in abendlicher beleuchtung (
vgl. e): ich war zu ende und die zeit verflogen, schon dunkelte das trauliche gemach Arent-Conradi-Henckell
mod. dichtercharakt. (1885) 294;
[] die geschlossenen vorhänge gaben den zimmern ein trauliches aussehen G. Freytag
ges. w. (1886) 7, 149; wachst du noch oben, mein kind, bei der lamp im traulichen stüblein J. H. Voss
sämtl. ged. (1802) 2, 129 (
noch nicht im erstdruck in Vossens musenalmanach 1778, 14); die finsternis verhüllt die welt, doch hell winkt ihm ein licht ins trauliche gemach Hebbel
werke 1, 153
Werner; bald prasselte das feuer von zugelegtem holze noch höher auf, erhellte traulich den finstern raum und spendete wohlthätige wärme L. Steub
bilder aus Griechenland (1841) 2, 28. 2@ee) traulich
ist die dämmerung, der abend, die nacht, weil sie die umwelt enger und näher erscheinen lassen: wie ist die welt so stille und in der dämmrung hülle so traulich und so hold!
M. Claudius
sämtl. w. 4, 91 (1779) (
zur stimmungsmäszigen verwandtschaft mit d
vgl. die fortsetzung: als eine stille kammer); komm, dunkelheit, mich traulich zu umnachten K. v. Günderode
bei Bettine
die Günderode (1840) 1, 410; ich hasse die menschen, die mit ihrer nachgemachten kleinen sonne in jede trauliche dämmerung hineinleuchten Tieck
schriften (1828) 6, 51; die armut ... verklärt ihr dunkles dasein mit einem traulichen dämmerschein humoristischer poesie W. H. Riehl
die deutsche arbeit (1861) 118.
das moment erhöhter geselligkeit spielt im übrigen sehr oft mit herein (
vgl. unten 3 d): wann uns trauliche nacht bei dem dirceïschen päan und dem gesang brittischer barden fand J. H. Voss
sämtl. ged. (1802) 3, 17 (
noch nicht im erstdruck im Göttinger musenalmanach 1774, 99); auch selig war im mondenscheine die traulich holde sommernacht mit deinen freunden bald im haine, bald in der gartenlaube in himmlischem gespräch durchwacht Kretschmann
sämtl. w. (1784) 2, 136 (
noch nicht im erstdruck von 1770); wir saszen ja so manchen traulichen abend beisammen K. Meisl
theatr. quodlib. (1820) 4, 156; in einer traulichen abendstunde sagte sie daher zu ihr Tieck
schriften (1828) 4, 307; nun kommen die traulichen winterabende, da wollen wir zusammen lesen und brav recensiren Göthe
gespräche 8, 287
Biedermann; in enger berührung mit c: im traulichen dunkel der grotte meine seele mit der deinen ... verschmelzen fürst Pückler
briefw. u. tageb. (1873) 1, 95. 2@ff)
mond und sterne erhöhen den anheimelnden charakter des abends und der nacht; auch sie sind traulich: sein alter, sanfter freund (
der mond) blickte vom dunklen nachthimmel traulich über die schlafende erde G. Freytag
ges. w. (1886) 13, 138; traulich glänzte hier des vollmonds schimmer Jung-Stilling
sämtl. schr. (1835) 2, 418; die sterne, die funkeln so traulich Körner
werke 2, 75
Hempel; oft sahst du der sterne trauliches licht. dort wohnet der herrgott, der lässet uns nicht Hebbel
werke 7, 67
Werner. 2@gg) traulich
ist alles, was uns anheimelt, wenn wir es mit den sinnen wahrnehmen: die stimme der schönen Trude klang so süsz und traulich Storm
werke (1899) 2, 242; ihr vortrag dabei hatte das herzliche, edle trauliche nicht Schiller
briefe 1, 11
J.; das allegro eines traulichen gesellschaftsliedes J. G. Bremser
mediz. paröm. (1806) 19;
stark nach 3
hin: o wie traulich ist erklungen unser landsmannschaftlich du Rückert
werke (1867) 1, 605; (
der kleine flusz), der bald traulich murmelnd durch die strasze rieselt, bald heftiger rauscht J. Fr. Zöllner
briefe über Schlesien 2 (1793) 168;
mit 1 d
sich berührend: feine wollene decken mit purpursäumen, ein lager zu bereiten, das uns traulich und weichlich empfängt Göthe 1, 270
W. (
Alexis u. Dora).
[] 33) traulich
dient schlieszlich zur kennzeichnung eines zustandes und einer stimmung, die man recht eigentlich als '
gesellig'
bezeichnen kann und die überall dort entstehen, wo mehrere teilnehmer sich traulich
zueinander verhalten (
wie 1)
und dadurch traulich
aufeinander und in ihrer gesamtheit auf dritte wirken (
wie 2).
das zusammenwirken der beiden für den bedeutungsgehalt von traulich
charakteristischen componenten — '
zutraulich'
und '
anheimelnd' —
macht das kennzeichen dieser dritten gruppe aus. berührungen und überschneidungen mit den beiden andern verstehen sich dadurch von selbst. 3@aa)
voran stehen eine reihe von meist älteren belegen, die traulich
in einem uns heute verlorenen sinne gleichbedeutend mit '
vertraulich'
und '
vertraut',
mit '
intim'
und z. t. '
discret'
zeigen: sonst hatte ich während meines aufenthalts in der Pfalz eine menge bekanntschaften mit mädchen errichtet, wovon einige sehr traulich waren Laukhard
leben u. schicksale (1791) 2, 13; S ... hatte mit einer schönen frau im traulichsten verhältnis gestanden Holtei
vierzig jahre (1843) 1, 80;
ohne den erotischen einschlag: eine trauliche mitteilung fand noch gar nicht zwischen uns statt Steffens
was ich erlebte (1840) 1, 296; zu prüfen ob ich noch etwas wüszte, wie mirs Lavater, vor alter zeit, traulich überliefert Göthe 2, 268
W.; hierher wohl auch: jedes mitglied verpflichtete sich in der vierzehntägigen versammlung ein gedicht oder eine erzählung vorzulesen, welches denn auch traulich und regelmäszig geschah 41, 2, 48
W.; eindeutig beim briefwechsel: ich schrieb ... an den prinzen L., welcher damals in traulichem briefwechsel mit mir stand C.
F. Bahrdt
leben (1790) 3, 203;
zu 2 g
hin neigend: das blättchen im apfel sasz heimlich und tief, drauf stand gar traulich geschrieben ein brief Bürger 33
Bohtz (1776). 3@bb) traulich
im sinne geselliger wechselwirkung ist besonders das gespräch: trauliches gespräch würzte die einfache kost J. J. Ihlee
ged. (1789) 151; er fand seine mutter in traulichem gespräch mit der alten, gutmütigen frau des schlosses Novalis
schriften 4, 104
Minor; da würde ... Shakespeare mit Cervantes trauliche gespräche wechseln Fr. Schlegel im
Athenäum 3, 126; am ofen saszen die alten, mit den besuchenden nachbarn ... trauliche gespräche führend Göthe 25, 125
W.; wir saszen in traulichem gespräche vor der flamme Holtei
erz. schr. 2, 40; ich hoffe, sie (
anrede) und ihre frau gemahlin wohl und munter zu finden, wobei ich mich dann ... auf manches trauliche gespräch freue fürst Pückler
briefw. u. tageb. (1873) 3, 121.
auch mit andern, ähnlichen hauptworten, durch die z. t. das bedeutungselement des geselligen oder vertrauten noch stärker zum ausdruck kommt: das trauliche, gutlaunige geschwätz beim abendstern in einer sommerlaube Wieland
werke (1795) 9, 135;
ähnlich Holtei
erz. schr. 1, 121; und bald saszen die liebenden ohnweit der hecke und des hauses in traulichem geplauder
M. Meyr
erz. a. d. Ries (1868) 1, 38; rüstig klomm er die sprossen entlang und rief halblaut den namen der älteren base, worauf das fenster leise aufging und ein trauliches geflüster begann G. Keller
ges. w. 1, 298; Peter ... brach ihr trauliches zwiegespräch ab Holtei
erz. schr. 21, 182;
stark an die bedeutung '
intim, discret'
anklingend: schwerlich wird von so traulichen zwiesprachen ein ehrenmann etwas gehört haben J. H. Voss
antisymbol. (1824) 2, 317.
ähnlich vom mahl: rund um das gastliche tuch, des traulichen mahles genieszend Kosegarten
Jucunde (1843) 165; denn solch ein traulich mahl am stillen herd hat mich seit langer zeit nicht mehr gelabt Uhland
ged. (1898) 1, 128;
[] als es später zur tafel ging, welche zu einem mehr traulichen als prunkenden mahle gerüstet war G. Keller
ges. w. 2, 226;
mit starkem anklang an 1 '
zutraulich': traulich auf ein schmal gericht seid ihr eingeladen J. H. Voss
sämtl. ged. (1802) 5, 21; wie sie traulich beim frühstück saszen Alexis
Roland v. Berlin (1840) 3, 61;
gewichtiger, '
voller vertrauen': sie wechseln von nun an wie der freund mit dem freund traulich die becher des mahls Schiller 11, 73
Göd. (
deutsche treue). 3@cc)
von jedem beisammensein, besonders der liebenden: da wandelte ich traulich mit ihnen (
anrede), hand in hand, unter den blumen ihres Sanssouci Gleim
briefw. 1, 175
Körte; traulich wanderte er mit ihr zurück A. v. Arnim 8, 152
Grimm; man rückte traulich zusammen wie die hinterbliebenen im verwaisten hause Treitschke
dtsche gesch. (1897) 1, 296; wir sitzen hier traulich und warm beisammen E. T. A. Hoffmann 14, 189
Grisebach; nun saszen wir alte kriegs- und garnisonskameraden wieder traulich und froh neben ... einander Göthe 33, 16
W.; noch saszen wir so in traulicher stille beisammen Pfeffel
pros. vers. (1810) 5, 121; mein liebchen, wir saszen beisammen, traulich im leichten kahn Heine 1, 81
Elster; und geh nun nimmer an jenen unglücksort, wo einst wir traulich saszen Herder 25, 592
Suphan; metaphorisch: traulich stehen sie nun, die holden paare, beisammen (
die samengefäsze der blüte) Göthe 3, 86
W.; an der schmalen grünen bergstufe liegen die braunen holzhäuschen traulich beisammen H. v. Barth
Kalkalpen 195; da schweben die wolken traulich nebeneinander Chr. A. Fischer
Genf (1796) 2; sie werden mit demut erkennen, dasz der mensch sich hier unten mit seiner heimat recht inniglich und traulich zusammenleben und zusammenleiben musz E.
M. Arndt
schr. für u. an s. l. Deutschen (1845) 2, 148; die neigung der Deutschen zu einem traulichen familienleben Ranke
sämtl. w. (1867) 2, 10; aber wie donner vom hellen himmel scholl in unsre trauliche gesellschaft die nachricht Schubart
briefe bei D. Fr. Strausz 9, 188;
anders, äuszerlicher: es ist angenehm, in dem büchlein (
einem namenbuch) so viele namen bedeutender persönlichkeiten gleichsam in traulicher gesellschaft beisammen zu finden Ranke
sämtl. w. 25, 194;
mit ironischem beiklang: erzengel und engel, nicht zuletzt die ansehnliche schar der teufel leben in unserem volke traulich gesellt zu weiszen frauen und dem wilden jäger G. Freytag
ges. w. (1886) 14, 51;
nach 1 d: zwei jünglingsfreunde, an einander traulich gelehnt Göthe 49, 1, 310
W.; zwei flammen gottes führen sie, einander traulich umschlingend Schubart
sämtl. ged. (1825) 2, 197; sie umarmten sich still traulich A. v. Arnim 1, 113
Grimm; wenn hirt und schäferin am herde traulich spielen J. G. Jacobi
sämtl. w. (1807) 1, 16 (
anders noch in der ausgabe von 1770); wir hatten's so heimlich, so still und bequem, und koseten traulich von diesem und dem Bürger 58
Bohtz (1779); auf dem rotbeblumten klee könnten wir so traulich kosen v. Salis
ged. (1793) 26; so ruht traumkönig beim liebchen fein in traulichem küssen und kosen Geibel
werke (1888) 1, 89; selig preis ich dich dann, flötende nachtigall weil dein weibchen mit dir wohnet in einem nest, ihrem singenden gatten tausend trauliche küsse gibt Hölty
ged. 102
Halm (1774). 3@dd)
im einzelnen auch von art und anlasz, ort und zeit des beisammenseins: das trauliche treiben am winterlichen
[] herde Treitschke
hist. u. pol. aufs. (1886) 1, 5 (
vgl. 2 d); der herd, die opferstätte traulicher geselligkeit O. Ludwig
ges. schr. (1891) 2, 175; und oft wiederholten sie sich auf ihren traulichen spaziergängen das feierliche gelübde Pfeffel
pros. vers. (1810) 5, 173; ist es erlaubt, so zerstreut zu sein? gute gesellschaft zu fliehen, seinen freunden die lust traulicher stunden zu verderben? Göthe 17, 119
W.: in traulichen stunden erzählt er Tieck 1, 61
Minor; im schosz seiner familie gab es einen traulichen abend, wo Engländer, Franzosen und Deutsche ihre vorurteile auf dem altar der häuslichkeit niederlegten Gutzkow
briefe aus Paris (1842) 1, 180; ... nach solcher brüderlichkeit, so traulichen festen Klopstock
oden 2, 91
M.-P.; ihr sitzt vielleicht mit traulichem behagen um einen deutschen krug herum Schiller 1, 353
Göd. 3@ee)
ziemlich inhaltsleer als gräcisierendes episches beiwort: und so sasz das trauliche paar Göthe 50, 191
W. (
Herm. u. Dor.); dort nach bewirtendem mahl, als wohlerprobeter gastfreund, würd ich des frommen Homers traulicher reisegenoss J. H. Voss
sämtl. ged. (1802) 3, 135; die musen flüchteten nach Italien, und mit ihnen auch Polyhymnia, Uranias trauliche schwester Schubart
ästhet. d. tonkunst 35. 44)
wegen seines complexen, gefühlsbestimmten gehalts ist traulich,
z. t. in adverbieller function, als erstes glied in zusammenrückungen mit andern adjectiven häufig. zu 1 '
zutraulich':
traulich-froh: unserm meister geh! verpfände dich, o büchlein, traulich-froh Göthe 7, 258
W.; von hier nach 3 '
gesellig'
reicht traulich-friedlich: (
ich) erholte mich vom ärger vergangener nacht im traulich-friedlichen verkehr mit den lieben freunden Holtei
erz. schr. 38, 223.
an 2
grenzt traulich-heimisch: wo so wenig ... reichtum der charaktere, dürfen die situationen nicht so rasch wechseln, denn wenigstens in einem von beiden will zuschauer wie leser traulichheimisch werden O. Ludwig
ges. schr. (1891) 5, 381.
zu 2 '
anheimelnd'
und dementsprechend vorzugsweise von örtlichkeiten gesagt: traulich-still: ihr traulich-stillen täler lebet wohl! Schiller 13, 187
Göd. (
jungfr.);
traulich-ernst: wer Tegel kennt, der wird sich unwillkürlich im lesen an jene traulich-ernste begräbnisstätte zu füszen der hoffnung ... versetzt fühlen W. Scherer
kl. schr. 1, 203;
traulich-klein: bis an ein gäszchen, schmal und traulich-klein Heine 2, 14
Elster; traulich-heimlich: das plateau des schloszplatzes ... hatte etwas traulich-heimliches H. Laube
ges. schr. (1875) 2, 23;
anders nur traulich-angenehm: und ich meinte jetzt, es sei doch eigentlich recht traulich-angenehm, wenn das schiff hin und her schaukelt Heine 3, 30
Elster. hierher auch traulich-süsz: und doch irrt noch mein gang so gerne um jene traulichsüsze ferne, wo Höltys saiten, rein und voll, der dichtkunst silberlaut entquoll H. Chr. Lindenmeyer
ged. (1803) 156.
zu 3
stellt sich traulich-gesellig: als sie ihrerseits alles tat, das traulich-gesellige verhältnis zu erhalten Immermann 6, 180
Boxb.; nur durch das hauptwort hierher gewiesen traulichstill (
s. oben zu 2): oder wars der plötzliche übergang aus dem traulichstillen zusammensein mit dem träumenden schneider in die auszergewöhnlich lebhaften gassen W. Raabe
Abu Telfan (1870) 70.