vertraulich,
adj. und adv. ,
berührt sich vielfach mit vertraut (
s. d.).
es erscheint zuerst in adverbialer form als vertrawenlîchen, vertrawenlich, vertrewlichen
in der Zimmerischen chron. vgl. Lexer 3, 276; Fischer 2, 1385;
die form vertraulichen
zum letzten mal bei Schweinichen: darum es auch niemanden vertraulichen zu lesen gegeben 7.
die form verträulich,
richtiger vertreulich
geschrieben auf grund von mhd. vertriuwelîch,
hält sich obd., schriftsprachlich noch bei Bodmer
Noah 15 (1, 311); Hafner
lustspiele 2, 4; Ayrenhoff
werke 4, 286;
rein mundartlich österr. fadraili Castelli 122; kám mainst, as wird wiedá voträulig und recht, da sötzts in dá christenhait gfámmát und gfecht Stelzhamer
dichtungen 1, 221;
elsäss. verträulich,
schwäb. verträulich
neben vertraulich Martin-Lienhart 2, 736
b; Fischer 2, 1385
f. im ganzen ist das wort wohl wenig verbreitet in rein mundartlicher ausdrucksweise. Kramer 2, 1116
f. setzt die form verträulich
allein an; die übrigen lexicographen nur vertraulich: Calepinus 303
a, 561
b; Dentzler 315
a; Steinbach 2, 842
f.; Frisch 2, 382
b; Adelung; Campe.
ins nl., fries., dän., schwed. aus dem deutschen aufgenommen: nl. vertrouwelijk;
helgoländ. fərtráuəlk Siebs 219
a;
dän. fortrolig;
schwed. förtrolig. vertraulich
berührt sich zwar verschiedentlich mit vertraut (
sp. 1952
ff.),
ist aber im heutigen gebrauch vielfach davon geschieden. 11)
die bedeutung '
zuverlässig'
ist mit sicherheit nur vereinzelt nachzuweisen: fiduciaria tutela, vertrauliche vormundschafft Frischlin
nomenclator 237
a; ein fürst könne kein bessern oder vertraulichern leibschützen oder trabanten haben, als die lieb seiner underthanen Zinkgreff
apophthegmata 62.
veraltet und durch vertraut
ersetzt ist die verwendung '
nahe bekannt mit etwas' (
vgl. vertraut 2
sp. 1952
f.): ihr mit dem kommenden weltgerichte vertrauliche seelen, hört mich Klopstock
Messias 1, 22; nach und nach wurde unser volk vertraulich mit ihnen Wieland
Agathon 1, 22; um sich mit allem, was gefahr heiszt, vertraulich zu machen Lessing 2, 254 (
Minna 5, 9); diese fortwährende erinnerung machte mich insgeheim immer kecker und vertraulicher mit ihrem bilde Keller 1, 284.
ebenso in der verbindung '
intimer freund' (
vgl. vertraut 3
sp. 1953): mein vertraulicher freund
schausp. engl. com. 273, 26
Creizenach; ist das nicht, o Jedidda, der holde vertrauliche lehrer? Klopstock
Messias 1, 694.
auch subst. '
die vertrauten': die alten vertreulichen seyn schon nicht viel nütze, bey der jungen leute zusammenkunften Butschky
Pathmos 34; wanns ja zum schiffbruch kommen solte, wolten wir als alte vertrauliche einander in die arme schlieszen Olearius
reisebeschreibungen 33; du deinen freunden liebster Quintilius, der unverstellten wahrheit vertraulichster Klopstock
oden 1, 24.
elsäss. noch vertroülichi fründ Martin-Lienhart. 22)
die bedeutung '
zuversichtlich, zutraulich, offenherzig, vertrauensvoll',
bei vertraut (
sp. 1952)
nur vereinzelt und veraltet, ist bei vertraulich
ganz üblich. von thieren wie vertraut
: der hirsch geht vertraulich,
wenn er auf der weide langsam herumzieht und sich wenig umschaut vgl. Heppe lehrprinz 127;
jäger 383
a; Weber
öcon. lex. 616
b;
österr. von wilden thieren, die man zahm gemacht hat Castelli; das scheue wild weidet noch vertraulich neben den menschen Göthe 48, 160
Weim.; als die hunde nahrung empfingen, fügten sie ihr nicht das geringste leid zu, sondern wurden ganz vertraulich und zahm Bürger 1, 267
b.
von menschen: confident Wächtler 114;
offenherzig, redlich, wenn man sich einem andern gänzlich entdeckt und alles heimliche heraussagt vgl. Gottsched
beobachtungen 221; vertraulich einem seyn Reyher
thesaurus u 5 v
b; wem soll ich jetzt mein elend klagen? wem soll ich jetzt vertraulich seyn?
d. volkslieder 3, 77
Erlach; und noch viele freundes herzen, ihr und ihrem herrn vertraulich, folgten treu dem zug der schmerzen Brentano 2, 545; nach dem, so wüntsch ich mir, dasz nach uns so dein kind und mein kind, wie auch du und ich, verträulich sind Logau
sinnged. 183 (798;
vgl. dazu Lessing 7, 406); gegen welchem wir uns vertraulich erweisen, denselbigen gewinnen wir darmit Fischart
ehzuchtbüchlin 169.
einen vertraulich machen: insonderheit liebkosete Tiberius dem Flavius, umb ihn verträulich ... zu machen Lohenstein
Arminius 2, 514
b; doch machen wir sie vertraulich, dasz sie an uns gewohnen Weise
comödienprobe 238; ein titel musz sie erst vertraulich machen, dasz eure kunst viel künste übersteigt Göthe 14, 95
Weim. (
Faust 2029). 33)
adverbial, '
im vertrauen'
: confidenter, fidenter, vertraulich, standhafftiglich, sicherlich Calepinus;
simpliciter et candide, bona fide Dentzler; darumb welle ich ... mich und mein absolution dem allmächtigen bevelhen und vertraulich glauben Berthold v. Chiemsee
theologey 516; nicht einen .., darauff er sich vertraulich verlassen dörffte Fischart
discours B 1
b; das wir umb die ding, so wir sonst nicht on scham bitten dürfften, frey und vertreulich E.
M. bitten Luther
Kei. Maj. schreiben an bapst Adrianum 2, 176
a; durchleuchtiger könig, weil du mich liebest und mir vertreulich untergiebest dein reych sambt dem gemeinen nutz Sachs 11, 133, 26
Keller-Götze; so werd' ich ihn dürffen vertreulich umbfassen? Silesius
seelenlust 49
neudr.; ihr fingt soeben an, vertraulicher mit ihm zu sprechen Lessing 3, 67 (
Nathan 2, 619); weisz man die männer, die er mehr als andre begünstigt, die sich ihm vertraulich nahn? Göthe 10, 130
Weim. (
Tasso 626).
bisweilen tritt der sinn '
insgeheim'
hinzu: es wardt graf G. W. vertrauenlich zu wissen gethon
Zimmer. chron. 4, 158; dasz eüch jemand ... euere fehler vertraulich anzeigete Moscherosch
insomnis cura 38
neudr.; ihm Vasaces vertreulich entdecket, wie sein könig sich in Rom befände A. U. v. Braunschweig
Octavia 1, 33; er hat mir vertraulich geschrieben Steinbach; immer mehr, fügte er vertraulich hinzu, werde die hinterlist des papstes dem kaiser bekannt Ranke 4, 216.
dann nimmt vertraulich
den sinn '
intim'
an: familiär, bekannt, gemein Spanutius 251;
communicatif Schwan 2, 937
b; familiär Campe
verdeutschungswb. 311
b; vertraulich gegen wenige, höflich gegen alle Wander
sprichw. 4, 1617; vertraulich mit einem sein, leben, umgehen Kramer, Frisch, Steinbach, Adelung; einen alten bekannten .., mit welchem er vor diesem auf universitäten gantz vertraulich gelebt hatte Weise
erznarren 61
neudr.; wir gingen vertraulich zusammen, faszten uns bald bei der hand Göthe 25, 46
Weim. (
Meister).
besonders vom umgange bei personen zweierlei geschlechts, wo die nöthige zurückhaltung und wohl gar sittsamkeit mangelt Campe; eine ledige weibsperson .. macht sich mit den manns-bildern nicht .. verträulich Abraham a St. Clara
etwas für alle 2, 344.
subst.: folglich alles niedrige, vertrauliche (
in der ausdrucksweise) ... hier verwerflich wird Adelung
magazin 2
1, 128. 44)
als attribut bei sächlichem subst. '
zuversichtlich, vertrauensvoll': diesen streflichen handel zeigen wir euer edelkeit vertreulicher guter meynung ... an
verhandlungen über Absberg 303; mit was christlichem gemüt und vertreülichem hertzen mag doch ein mensch sagen, das er seiner seligkeit halben seinen eltern nachvolge
reformations - flugschriften 2, 362
Clemen; in diesen gesinnungen täuschten sie alle vertrauliche hoffnungen des volcks Niebuhr
röm. geschichte 2, 138; vergebens harren wir schon jahre lang auf ein vertraulich wort aus deiner brust Göthe 10, 5
Weim. (
Iphigenie 68). '
intim': und ein vertraulich band umschlinge fortan die kronen Frankreich und Brittannien! Schiller 12, 451 (
M. Stuart 1223); schlieszet er mit Planco eine verträuliche freund- und brüderschafft Harsdörffer
gesprechspiele 2, 83; sich einer mehrern, nähern, vertreulichern verständnusz und zusammensetzung mitteinander .. zu vergleichen Chemnitz
schwed. krieg 1, 4; dann wir unsz die uhralte vortrau- und nachbarliche correspondentz gern .. erhalten helffen wollen
acta publica 1, 35
Palm; mein herr, sie beschimpfen mich jetzt mit dieser vertraulichen benennung Lessing 2, 243 (
Minna 4, 6); die einfalt des ausdrucks und der empfindung in seinen vertraulichen briefen Treitschke
deutsche geschichte 1, 290; euch mit dem 'vertraulichen du' zu begrüszen Gutzkow
werke 10, 196; aber an die stelle huldreich vertraulicher herablassung war feyerliche förmlichkeit getreten Schiller 12, 97 (
Piccolomini 656). '
heimlich, traulich. anheimelnd': dir nur, liebendes herz, euch, meine vertraulichsten thränen, sing' ich traurig allein diesz wehmütige lied Klopstock
oden 1, 31; da geht der vertrauliche becher herum Kretschmann 1, 69; sagte sie im vertraulichen landesdialekt Keller 3, 66; weder das licht der sonne noch eine vertrauliche kerze wird ihr holdes angesicht jemals wieder erleuchten Göthe 23, 101
Weim. (
Meister); vorm angesicht des vertraulichen mondes Herder 15, 276; aber hier am Zürchersee ... ist alles näher, lieblicher, vertraulicher, freundlicher, inniger Zimmermann
einsamkeit 4, 87; ich stelle mir eure lebensart recht still, vertraulich und heimlich vor Bettine
Günderode 2, 196; so vertraulich ist die nacht und voll zaub'rischer gewalten Eichendorff
werke 4, 290; gehört sie (
die that) jenen tück'schen mächten an, die keines menschen kunst vertraulich macht Schiller 12, 216 (
Wallensteins tod 191).
als neutrales subst. bedeutet es bald '
geheimes',
bald '
anheimelndes': dieweil aber der wirth und hauszknecht stets ab- und zugiengen, konten wir einander nichts verträuliches erzehlen
Simpl. 367
Kögel; die feierliche stille, das vertrauliche, welches die nacht der gesellschaft einflöszt, alles giebt dem auftritt einen besonsonderen reiz
aus einem briefe bei O. Jahn
Mozart 3, 201
anm.