traulichkeit,
f. das zum adj. traulich gebildete abstracte substantivum geht in seiner bedeutungsentfaltung, ohne irgendeinen spürbaren zeitlichen abstand, genau mit dem grundwort zusammen, doch beachte einen merkwürdig isolierten, aber anscheinend eindeutigen beleg bei Simon
Dach unter 3 a. 11) traulichkeit
dient zum ausdruck eines zutraulichen verhaltens. 1@aa)
wie beim adj. (
s. traulich 1 a)
in besondrer prägnanz eine gutmütige offenheit bezeichnend, die zugleich als landeseigentümlichkeit gerühmt wird: und noch neulich ... drückte sich ein mann von bedeutung, der mich sonst liebt, mit schweizerischer traulichkeit hierüber so aus Pestalozzi 13 (1932) 186
krit. ausg.; eltern und kinder (
in einem französ. gasthof) schieden von mir mit händedrücken, welche den deutschen und schweizerischen an inniger traulichkeit gar nichts nachgaben Matthisson
schr. 6, 322; unser edles land, ... gekränzt mit den einzig grünen wiesen, auf denen so liebe traulichkeit und einfacher sinn wohnt Tieck
schr. (1828) 4, 16 (
vgl. 3); deutschheit und traulichkeit leiden unter dem neuen ton, so viel vorteile er auf der andern seite hat G. Fr. Rebmann
briefe über Jena (1793) 91 (
vgl. b). 1@bb)
sonst einfach ungezwungenes verhalten im umgang mit menschen: seine miene, seine sprache ... alles war voll eines edlen ernstes, und flöszte, ohne der traulichkeit zu schaden, ehrfurcht ein C.
F. Bahrdt
gesch. s. lebens (1790) 1, 61; wie du ... mit der würd eines feldherrn die traulichkeit eines freundes verbandest A. G. Meissner
Alcibiades (1781) 4, 42; so wie sie bekannter ward mit jemand, der sie nicht gleich zurückschreckte noch ihr misztrauen einflöszte, gab sie sich ihrer heitern, süszen traulichkeit hin wie ein fröhliches kind E. Höfer
auf deutscher erde (1860) 1, 227 (süsze tr.
s. im übrigen unter 3 b). 1@cc) traulichkeit
in diesem sinne kommt besonders beim grusz und jeder art begegnung zum ausdruck (
vgl. traulich 1 b): und von den alten, treuen geistern unten mit elterlicher traulichkeit begrüszt, erforschten sie manch edlen schatzes kammer Fouqué
held d. nordens (1810) 1,
widmung a 1
b; dann ging er unter die truppen und grüszte sie mit gefälliger traulichkeit Heinse 3, 362
Schüddekopf; der landgraf erfaszte mit biedrer traulichkeit die hand seines vasallen Musäus
volksm. (1826) 5, 13; da nahte sich mit kühner traulichkeit mir eine krähe Pfeffel
poet. vers. (1812) 8, 86 (
vgl. traulich 1 e);
selten pejorativ: die günstlinge und kreaturen des mächtigen juden traten ihm mit jener lästigen traulichkeit ... entgegen, wie etwa diebe und falsche spieler einem neuen genossen ihrer schlechtigkeit beweisen W. Hauff
sämtl. w. (1890) 5, 246. 22) traulichkeit
bezeichnet den anheimelnden charakter von gegenständen und örtlichkeiten: die traulichkeit in den bildern van Eycks ist bezaubernd Gutzkow
ges. w. (1872) 11, 384; diese stadt (
Genua) ist alt ohne altertümlichkeit, eng ohne traulichkeit und häszlich über alle maszen Heine 3, 283
Elster (
vgl. traulich 2 c); Pauline hatte sich freilich mehr traulichkeit gewünscht in ihrer stube, die auszer bett, schrank, tisch und stühlen nichts enthielt W. v. Polenz
Büttnerbauer 3, 286; die (
von petroleumlampen) gelblich beleuchtete traulichkeit der mannschaftsstuben J. Roth
Radetzkymarsch (1932) 107 (
vgl. traulich 2 d);
nach 3
hinüberreichend: ihm selbst verging die zeit unter rüstiger arbeit und in häuslicher traulichkeit und beschaulichkeit Rosegger
schriften (1895) I 1, 154; lieblichkeit, und wenn man so sagen darf, freundschaftliche traulichkeit, ist der grundton dieses herrlichen instruments (
des waldhorns) Schubart
ästh. d. tonkunst 314. 33) traulichkeit
bezeichnet einen geselligen zustand wechselseitigen vertrauens. 3@aa)
besonders bei ausmalung guter freundschaft: wie wir nun so lange zeit immer sind gefunden worden in der treuen freundschaft orden und in rechter trauligkeit S. Dach 839
lit. ver.; schwer gings von Ulm, denn in dieser stadt herrscht eine traulichkeit, die so ganz an den brudersinn der Christusjünger grenzt Schubart
briefe bei D.
F. Strausz
werke 9, 245; zwischen den abenden, in stillbrüderlicher traulichkeit verlebt, leuchteten die stunden in frau Minnetrostens wohnung hell und farbig herauf Fouqué
zauberring (1812) 2, 115; in herzlicher traulichkeit erzählten wir zwei waisen einander unsere schicksale J. Gotthelf
ges. schr. (1855) 1, 180 (
vgl. 1 a); so endigt sich der zwist der freunde in wärmerer traulichkeit Heinse 3, 425
Schüddekopf. 3@bb)
das besondere beiwort für traulichkeit
als zustand ist süsz: eine süsze traulichkeit war unter alle gekommen Hölderlin 2, 25
Litzmann; aus den himmeln steigt die liebe nieder, männermut und hoher sinn gedeiht, und du bringst die göttertage wieder, kind der einfalt, süsze traulichkeit! 1, 126
Litzm.; da kam die mutter wieder und hiesz auch den vater kommen, und da war die süsze traulichkeit wieder davon J. Gotthelf
geld und geist (1890) 124; du sprichst von zeiten süszer traulichkeit Fouqué
held d. nordens (1810) 2, 20 (
vgl. c). 3@cc)
noch häufiger erscheint in gefühlvollem rückblick die alte traulichkeit (
vgl. traulich 2 b): alte bekannte, von denen ich mich vergessen glaubte, näherten sich wieder, als wäre die alte traulichkeit nie gestört worden U. Hegner
ges. schr. (1828) 5, 10; die alte traulichkeit stellte sich ganz wieder her
F. H. Jacobi
werke (1812) 5, 452; man ist scheinbar in alter traulichkeit beisammen D. Fr. Strausz
ges. w. (1876) 11, 116; zu seiner gröszten befremdung habe ihn dieser mit alter freundlichkeit und traulichkeit empfangen (
zu 1 a) K. L. Woltmann
memoiren (1815) 1, 135;
mit ähnlichen adjectiven: die vorige traulichkeit, der alte friede kommen zurück W. v. Humboldt
ges. schr. (1903) 1, 298; im dicksten regen wandelte ihr alter blauer mantel, wenn es schon dämmerte, scheuen schrittes wie ein gespenst um die stätte früherer traulichkeit O. Ludwig
ges. schr. (1891) 2, 207. 44)
der plural traulichkeiten
bedeutet, etwas spielerisch, soviel wie liebesbeweise, zärtlichkeiten (
vgl. traulich 3 c
schlusz und vertraulichkeiten
teil 12, 1, 1964): schön ist sie; um unsre traulichkeiten schwebt ein zedern- und zypressendach Tiedge
werke (1823) 4, 121; durch die kleinen traulichkeiten maszte er sich schon halb und halb ein recht an Heinse 5, 199
Schüddekopf; vor der welt nach alter weise nenne mich Biondette noch, Aelia Lälia Crispis heisze mich in traulichkeiten doch Cl. Brentano
ges. schr. (1852) 3, 416.