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ungnade

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DWB
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Eintrag · Grimm (DWB, 1854–1961)

ungnade f.

Bd. 24, Sp. 1017
ungnade, f. , gegenstück zu gnade, auf das inbetreff der ableitung und der formerscheinungen zunächst zu verweisen ist (neben häufigem collectiven plural erscheint selten schwach flectierter sing., z. b. in grosser ungnaden Sleidan reden 244 Böhmer, vgl. ausz königlicher gnaden Luther bei Dietz 2, 142a; vereinzelt ungenand Petri D d d 1b). ahd. ung(i)nâda. mhd. ung(e)nâde. mnd. ung(e)nade. mnl., nl. ongenade. an. únáðir. altschwed. onaþir. n. unaade. schwed. ond. Staub-Tobler 2, 660. Schmeller 1, 1725. lux. 316b. Mi 96b. Dähnert 506b. vgl. ungnadbarkeit, ungnädigkeit; ungunst. II. aus der sinnlichen theilvorstellung des vorausgesetzten etymons (Falk - Torp 751) ergibt sich der im nordischen, mnl., mnd., mhd. entwickelte, im nhd. früh veraltete begriff der unruhe. I@11) unruhe, aufruhr, verfolgung, feindseligkeit, kriegsplage u. ä.; vgl. unfriede. Cleasby - Vigfusson 663b; Söderwall 2, 162b; mnl. wb. 5, 627; mnd. wb. 5, 57b; mhd. wb. 2, 1, 342a; Haltaus 1941: besser mit gutem gewissen in fahr und ungnad, denn mit bösem gewissen in fried und gnad leben Petri K 7a; aufruhr städtechron. 7, 370, [] 9; feindseligkeit, vexatio, persecutio: ongenade doen mnl. wb. 5, 628; mnd. wb. 5, 57b; die ungnad, unwillen abzustellen und fallen zu lassen Wilw. v. Schaumburg 74; bedrückung Westenrieder 603; nl. wb. 10, 1636, 4; da hab ich fried und platz, das mir der welt ungnad fürbasz ewig nit schad H. Sachs 3, 318, 7 Keller; mit ungenaden feindselig 18, 165, 14 G. mehrdeutig im witz: Fischart flöhhatz titelblatt. in einzelnen dieser verbindungen (z. b. fahr und u., u. abstellen) tritt auch das syn. ungunst auf. I@22) vom wetter; vgl. ungestüm, unfreundlichkeit, ungunst: Iwein 646; mnl. wb. 5, 628; nl. wb. 10, 1636, 5; verblassend wo ist der mensch, dessen organisation, gesichtsbildung, gesundheit ... nichts von auswärtigen erschütterungen, nichts von der ungnade der elemente, nichts von ungesunder oder übermäsziger nahrung ... gelitten hätte? Wieland 24, 143; die freude bei ihnen zu sein wird sie alle ungnaden des himmels gering schätzen lassen J. Grimm an Dahlmann 1, 458. wir brauchen in solchen fällen jetzt ungunst (s. d. 2). I@33) unruhiger, geplagter zustand, plage, noth, unheil, unglück, schaden: von der ewigen verdammnis ungnadone vlîz himmel und hölle 154, 47 Steinmeyer; zuo den êwigen ungenâden mhd. wb. 2, 1, 338a; zungnâden faren ad inferos ebda 342b; vgl. unten II 3 a; Walther 124, 14, dazu mhd. wb. 2, 1, 342b; taten da vil u. an brande unde an robe thüring. fortsetzung der sächs. weltchron. 310, 39 Weiland; 317, 12 (vgl. I 1); liebesungemach mnl. wb. 5, 627; mhd. wb. 2, 1, 343b; in selbstverwünschung mit ungenâden leben Reinmar v. Zweter 27, 3 und Röthe z. d. st.; geistlicher schad ... ein ungenad voc. predic. (1486) b 5a; Jesaia redet von geystlichem finsternis, wilchs ist das grossest ungluck und ungnade, und von geystlichem liecht, wilchs ist das grossest gluck und gnade Luther 19, 133 W.; vgl. kein gnad (glück) haben, die gn. nicht haben Schm. 1, 1724, Fischer 3, 721; notfall Arigo 579, 36; unfall, miszgeschick Staub-Tobler 2, 660, 2; it. disgrazia, franz. disgrâce, engl. disgrace, ungunst 2, unglimpf 1, ungemach; 'böses' Mi 96b; verderben Sachs 6, 151, 27 K.; 11, 456, 18 K.; sie hat mir auch die grosze ungenad bewiesen mitt meim lieben mann quelle bei Bolte zu Freys gartengesellschaft 199, 35 ('den bösen streich gespielt'); andern ungnad und unglück machen Fronsperger besatzung A 3b; mit groszer u. (plage) Luther briefe 3, 471; on grosz ungnad nicht wider erlangen Kirchhof wend. 1, 71; mit allen ungnaden (vgl. mit ungemach sp. 761, steigernd, 'erbittert') Sachs 9, 66, 7 K., zugleich nach II 2 a weisend. im engeren sinne (wie ungemach, unglück u. a.) von krankheit (zum übergang Sachs 5, 28, 29; 3, 536, 14 K., wobei noch bed. 4 zu berücksichtigen ist): pest Siber gemma 192; wenn auch diese u. einen ankeme mit hitze, so ... Burckhard Mitholini wie man sich für der pestilentz bewaren sol (1552) K 4b; Haltaus 1941; der an der ungnad stirbet Prätorius anthrop. plut. 3, 157; Lory in d. festgabe für Heigel (1903) 297 f.; zum wechsel mit ungenannt s. sp. 780 f., zs. f. d. phil. 17, 228, 439; vom viehsterben Schmeller 1, 1724; unkraut ebda. I@44) der zustand der unruhe, plage, des unglücks u. s. w., aufs gefühl bezogen; unruhige stimmung (mnl. wb. 5, 627; vgl. ungnädig A i 4), unwillen, miszfallen, ärger, undank, bedauern, schmerz u. dgl.; s. auch ungunst 2: hundes not 16 bei J. Grimm Reinhard Fuchs 291; es erhebt sich vil unwillens und ungnad in dem volck wider sy Keisersberg pater noster G 3; es soll sich ein biderman schamen, das er het ein fründ in eim kloster, da er in fawlheit, in gots findschafft, in der lüt ungnad iszt der armen leüt blutigen schweisz Eberlin v. Günzburg 1, 104 ndr.; us ungnad des absagens Zwingli d schr. 1, 86; er sorgt, so bald die hertzogin seiner liebe gewar worden wAer, sye mOechte in grosze ungnad gen im gefallen sein Wickram 1, 4, 19 (ganz anders also II 2 c, 4); C. kam in grosz ungnad der Römer Carbach [] Liv. 53b; miszbilligung Spangenberg ganskönig 1041; undank Alberus fabeln 48, 134 ndr.; der tod meines vaters tut mir u. (syn. and) Staub - Tobler 2, 661, 3. 'ungnade, ungnädig auch spottweise gebraucht, wenn man merket, dasz geringe leute etwas übel nehmen oder unwillen fassen' Dähnert 506b; s. ungnädig; früh morgens schläfft sie (die frau) noch, wenn ich um acht aufsteh, und wenn ich ungefehr nicht auf den zähen geh, und sie davon erwacht, so hab ich ungenade Henrici 4, 344; wie hier und in Dähnerts erläuterung nach II 2 c (vgl. Limb. chron. 84, 26 W.; Zedler 49, 1547) gewendet, da die eigentliche bed. in n. spr. erloschen (im adj. lebt sie länger fort). IIII. ungeneigtheit, unneigung, ungunst; mangel, verlust, entziehung, versagung der gnade, barmherzigkeit, güte, gunst, helfenden theilnahme u. s. f.; als unsinnliche theilvorstellung im etymon wohl seit alters vorhanden, im nord. spät, im mnl. gar nicht ausgebildet. II@11) die ä. spr. kennt eine nachdrücklichere bedeutung, die theilweise mit I 4 zusammentrifft, im ganzen aber diese noch merklich überflügelt: ze ungnâdon in severitate Graff 2, 1028; saevitia, hartherzigkeit, gefühllosigkeit, grausamkeit mhd. wb. 2, 1, 342b; mnl. wb. 5, 627, 2, 3; und (haben Christum) ... mit ungnaden und gespöt auszgefürt geystlich strasz (1521) F 4b; N. v. Wyle transl. 146, 36 K.; aus ungnaden (bosheit, erbosztheit) Sachs 6, 41 K.; für crudelitas Murner bei Hutten 5, 460; Thilo d. j. bei Fischer-Tümpel 3, 106; sprüche Salom. 19, 1 s. III; vgl. ungnadbarkeit, ungenad, indignatio, ira, furor. diese begriffsstärke könnte in ra. nachklingen wie auf ungnad (mit der höchsten anstrengung) arbeiten, sich auf u. wehren Schm. 1, 1725; man sagt freilich auch arbeiten, sich wehren wie ein feind, wozu 2 a zu vergleichen wäre. II@22) die wichtigste durchbildung hat der begriff rechtssprachlich, in anwendung auf rechts- und gesellschaftsordnung erfahren. s. das rechtswb. II@2@aa) zur bezeichnung des strengen, die gnade ausschlieszenden rechtes, der strengen, schonungslosen rechtlichen verfolgung (vgl. I 1). überwiegend in formelhaften, meist präpositionalen verbindungen: wer auf gnade sündigt, wird mit ungnad abgedankt Graf-Dietherr 398, 622; geistlich gewendet Fischer-Tümpel 1, 261; Haltaus 1941; heler und steler solten grad zugleich beyd habn unser ungnad jedermanns jammerklage (1621) C 3a; vgl. 4; wegen diebstählen und anderen malefizfehlern in oberkeitliche ungnad gefallen quelle (1738) bei Staub-Tobler 2, 660; bey schwerer unser straff und ongenad (1511) lehnsurk. Schles. 2, 292; Fronsperger kriegsb. 1, F 6b; straffen nach allen ungnaden Aventin 4, 324, 19 (nach aller u. Megiser ann. Carinthiae 1033); ra. gnad dir gott die suppen, du wirst auf ungnad geschlagen (es wird dir nichts geschenkt?) Schm. 1, 1726; zu ungnad zur (unnachsichtlichen) strafe Ayrer 260, 3 Keller; büssen nach gnaden oder ungnaden Haltaus 653. im alten kriegsrecht: die man sollen gnad und ungnad warten Knebel chron. v. Kaisheim 16; erobert vil stett mit gnad und ungnad Stumpf chron. 225b; recipio victos dedititios in gratiam et vindictam, in veniam et poenam uff gnad und ungnad Alberus 7a; sie weder mit gnaden noch ungnaden aufzunemmen b. d. liebe 218d; das hus gǎbent si uf ungnad uf hist. volksl. 1, 290, 395 L.; auf gnad und u. aufgeben (1519) volksl. 492 Uhland; Frisius 275b; Kirchhof mil. disciplina 47; die andern ergabendt sich uff gnad und u. Tschudi chron. 1, 76; mich ergeben! auf gnad und ungnad! Göthe 8, 109, 20 W.; D. Scheinmann disputatio de deditione sub clausula clementiae et discretionis, vulgo von der ergebung auf gnade und ungnade Tübingen 1690, für soldatenbibliotheken empfohlen v. Fleming 84, 27; vgl. 4; schriftsprachlich nur noch in dieser verbindung lebendig. II@2@bb) gewaltthätigkeit, widerrechtlichkeit, unrecht, strafthat. vgl. ungericht: widerrechtliche abgabe (syn. sulfwolt) mnd. wb. 5, 57b; mnl. wb. 5, 628, 3; mhd. wb. 2, 1, [] 343a, 15; ackermann a. B. 15, 5, dazu Burdach 228; delictum Haltaus 1941; was do gesche von solcher ungenode alsz von morden, deube, wunden und ander ungenode Haltaus 1942. veraltet. II@2@cc) für die begriffsentwicklung am fruchtbarsten erwies sich u., offensa (Schröder rechtsgesch.5 120, 64), als entziehung der königlichen gnade, die den abbruch aller persönlichen beziehungen zum hof und verlust alles dessen bedeutete, was der betroffene an ämtern, gütern u. s. w. vom könig empfangen hatte; mit der allmählichen einschränkung der königlichen gewalt milderten sich die rechtsfolgen oder fielen ganz weg, so dasz in der n. spr. daran kaum mehr gedacht wird (nordische, mnd. und mnl. beispiele fehlen): Konrad v. Würzburg Otte 191, 642; gnediger und hochgeborner fürst, ich besorg mich eurer ungnad Eulenspiegel 37 ndr.; Tieck 13, 6; ein edler Franke, der vor Karls u. das land hatte räumen müssen Grimm sagen 2, 66. die u. mit treuen diensten auslöschen Lehman floril. 2, 572; wie S. ... durch die u. des königs die verbittertsten letzten lebenstage gehabt habe Immermann 18, 42. ungnädige handlungsweise privatbr. 1, 64 Steinhausen; zustand, zeit der u.: andere mit in seine u. verwickeln Adelung; nach einer langen u. wieder zu ehren kommen Dahlmann franz. revolution 19; ausdruck der u.: Varnhagen v. Ense tageb. 4, 56; ungnädige äuszerung Bismarck gedanken u. er. 2, 237 volksausg.; ausbruch der u. 1, 170. von attributiven verbindungen seien erwähnt: unversünliche ungenad Fischart ehzuchtb. 245, 10 H.; grosze ungnaden Faber thes. 563a; höchste u. Harsdörffer gespr. 2, 90; geheime ungnaden Lohenstein Arm. 2, 709b; hohe Freytag 16, 133; herzogliche Schiller 1, 22; allergnädigste Bauernfeld 6, 154 u. s. w. veraltet mit gen.: wann diser fürst ir ... grosze ungnad hett Füetrer bayer. chron. 201. u. erzeigen Tschudi chron. 1, 72, stillen Spangenberg Hecuba 1699, verdienen Lobwasser calumnia G 4, machen (er vermeinet ihme bey dem commissario ungnad zu machen veraltet) Ayrer proc. 1, 13, ankündigen Birken ostl. lorbeerhayn 253, zu wegen bringen A. U. v. Braunschweig Octavia 1, 489, auf einen werfen Hahn reichshist. 3, 138, Lessing 1, 513, Göthe 18, 18, Ranke 2, 247, fühlen lassen Bismarck gedanken 2, 188, zu fühlen bekommen Treitschke aufs. 1, 377, auf sich laden (das si nicht leichtlich auf si laden wolten des künigs ungenad Füetrer bayer. chron. 107; sie laden eine allerhöchste u. auf ihren scheitel Gaudy 2, 53), sich auf den hals ziehen Heppe lehrprinz 82 (vgl. K. v. Würzburg Otte 642), einem, sich zuziehen Schubart briefe 1, 201 Str.; der u. entgehen Möser 1, 115, zur u. reizen Ch. Weise pol. redner 5, mit u. bedrohen Klinger 3, 134; in u. sein (der in seines rechten herren ungnaden ist Aymon a 6a; ich hoffe doch nicht, dasz ich in u. bin schr. d. Götheges. 4, 34; jedermann glaubt mich in u. Göthe 17, 123 W.), in u. stehen (veraltet der zeit hat er vom könig in ungnaden stehen müssen Xylander Plut. 232b; heute bei), in ungnade(n) bringen Ferdinand II speculum 22 ndr.; Gervinus gesch. d. d. dicht. 3, 497, in ungnade(n) kommen Murner adel 36 ndr., werfen Stumpf chron. 357b, gerathen Binhardus thüring. chron. 97, Brentano 5, 58, sich in u. setzen (ich würde mich sonst in rechten ungnaden bey dem könig setzen El. Charl. v. Orleans 1, 173), in u. fallen (tomber dans la disgrâce zs. f. d. wortf. 4, 128; als wir in des aller durchlüchtigesten fürsten ... ungnad gevallen sind Richental chron. d. Constanzer conzils 68, eines in des fürsten u. gefallenen mannes Klinger 9, 68, häufiger er ist bei dem fürsten in u. gefallen J. G. Neukirch anfangsgründe 415, Kaunitz 196, 415) u. s. w. da ... e. f. g. dasselbe in keinen ungnaden uns zue vermercken geruhen ... wollen acta publ. 2, 143 Palm, in ungnaden verdencken Harsdörffer secret. 2, 30, mit ungnaden ansehen Lehman floril. 2, 637, mit ungnaden bewogen sein wider jem. (veraltet) Rätel chron. 44, zu u. gereichen Göthe 13, 273 W. (vgl. Waldis Esopus 2, 271, veraltet), in u. von dem hoffe gestossen werden engl. com. 205, 28 Creiz.; er erhielt in ungnaden seinen abschied Immermann 1, [] 40, in u. entlassen Mommsen m. gesch. 1, 343. mit 2 a sich mischend: bey vermeidung unser undt desz h. röm. reichsz schwere ungnadt undt straff urk. z. gesch. des schwäb. bundes 1, 38; gepoten bey kinicglicher ungnad Knebel chron. v. Kaisheim 88; Spee tugendb. 192; bey unserer höchsten ungnade engl. comedien (1624) F 1b; bei strafe seiner u. befehlen Göthe 44, 30, 13 W.; aber bei meiner u., jetzt kein wort mehr Hauff 1, 259, 7. gelegentlich mit umkehrung von ew. (seine) gnaden (s. d.): ewr fürstlichen ungnaden Luther bei de Wette 2, 285; bis sein ungnaden mich belauscht Petrasch lustspiele 1, 247. II@33) im kirchlich-theologischen sinne (nicht an., mnl.). II@3@aa) bed. I 3 war früh dem kirchlichen vorstellungskreise angepaszt (s. o.); die n. spr. ist geneigt, die bed. nach II umzubiegen: u. erben von den folgen der sünde mhd. wb. 2, 1, 342a, vgl.erbungnade; im fall wir halsstarrig ... seinem (gottes) willen ... uns erweisen, droht er solches mit zeitlich und ewiger u. abzustraffen Hohberg georg. 1, 94; vgl. unten Pomarius. die objective bed. (I 3) schlägt in frühnhd. zeit immerhin noch stark durch: die wort sein nit mein, sonder meines vaters, das er uns ja bring zuom vater, eintweder mit genaden (auf gütlichem wege) oder mit ungnaden (unheil, plage, strafe), eindtweder mit lust, liebe oder mit forcht Luther 103, 160, 3 W.; gott hat uns diesen keyser geben zu gnaden und ungnaden Zinkgref apophthegm. (1628) 136; Murner bei Hutten 5, 460; und wird demnach dieser gnadentag ... ihnen ein tag der ungnaden und alles unheils ... sein J. Pomarius gr. postilla 1, 24a; vgl. oben Hohberg. den englischen grusz parodierend: pabst vol ungenaden gottes, der teuffel mit dir Nas antipap. eins und hundert 2, 199b, wobei der zusatz gottes von der obj. zur subj. bed. überführt. II@3@bb) in weitestem umfang ist der unter II 1, 2 entwickelte gebrauch (II 2 b ausgenommen) auf religiöse vorstellungen übertragen, ohne dasz von dem dogmatischen gnadenbegriffe geredet werden könnte: an uns tuot got grôʒ ungenâde schîn mhd. wb. 2, 1, 343a; var. für unwirdigkeit erste d. bibel 4, 5, 7; des selben menschen het er ungnod Keisersberg bilgersch. 28b (vgl. II 1, I 4); das wir ynn gots ungnad gewest Luther 342, 484, 15 W.; 18, 30, 13 W.; mit ungnaden straffen 32, 421, 7 W.; 102, 105, 11 W.; zustand der ungnade 11, 107, 10 W.; 97, 28 W.; tod heiszt hie die ungnad gottes Zwingli d. schr. 1, 233; Sachs 18, 67, 25 G.; der (Christus) mit der gantzen last des vaters ungenaden und unser bösen that hengt an dem holtz beladen Opitz poemata 189, 521 ndr.; Bodmer v. wunderb. 63; so gott in ungnaden es gefügt hat Scheffel 3, 23; ausz der gnad odder ungnad gottes Franck chron. Germ. (1538) 3a; M. I. Schmidt gesch. d. deutschen 1, 11; ego eciam doctor sum und yn der welt gewandelt von gotes gnaden und ungnaden Luther 29, 471, 26 W.; alle, die sichs unterstehen, sollen selbst unterdruckt werden, etliche mit gnaden, die andern mit ungnaden 23, 644, 21 W. in gelegentlicher umkehrung der formelhaften verbindung von gottes gnaden (s. d.): Henricus von gotis ungnaden könig von Engellandt Luther 102, 227 W.; Brentano 2, 77; Raabe hungerpastor 1, 210. verbale verbindungen: gottes (gen. subj.) ungnad haben B. v. Chiemsee 23; gott zu ungnaden bewegen Carlstadt von gelübden A 2b; in gottes u. sein s. o.; da der könig bei gott in u. war Stilling 6, 501; in gottes gnad oder ungnad stehen Fischart binenkorb 216b; des menschen geist, der hie in ungnad fellt B. v. Chiemsee 204; Zwingli d. schr. 1, 36 u. s. w.; auch die u., in welche sein leib bey der natur gefallen ist discourse d. mahlern 2, 155. vgl. ungunst. II@3@cc) im engsten sinne der gnadenlehre, bes. vom mangel des gnadenstandes, status gratiae (s.ungnadenstand): wie ein mensch in der ungenad sich schicken soll M. Stifel christförmige lehre Luthers 56; niemals darf es ersichtlich werden, ob jemand den beichtstuhl im stande der u. verläszt Gutzkow zauberer v. Rom 4, 92. vgl. ungnadenwahl. [] II@44) die heutige hauptbedeutung, von Adelung als das 'miszfallen der erregten thätigen abneigung eines höhern gegen einen weit geringern' erläutert, beruht auf verallgemeinerung und abschwächung der bed. II 2 c. einerseits wird der ursprüngliche vorstellungskreis aufgegeben, anderseits tragen vergleich, bild, höflichkeit, bedientenhafter ton oder scherz in ausdrücke, denen an sich keine rechts-, rang-, dienst-, autoritäts- u. dgl. verhältnisse zu grunde liegen, solche hinein. oft steht ungunst nahe. im minnedienst redet man von der herrin gnade und u.: Walther 63, 36, vgl. unten III, Neidhart 82, 8, nl. wb. 10, 1636, 3; ich weisz wohl, dasz sie L. ... ein wenig demüthigen wollten, bey welcher sie ... in u. gefallen waren Schwabe belustigungen 8, 371; der jünger kommt in seines meisters u. passionssp. a. Tirol 34 W.; bücher haben keines menschen u. zu fürchten Butschky Pathmos 4; u. des glücks Schottel friedenss. 16 ndr.; Bode Montaigne 2, 186; nl. wb. 10, 1636; u. s. w. die II 2 c eigenen verbindungen erscheinen wieder, z. b. seyt bin ich bey dem ammengeschlecht in höchsten ungnaden gewesen Schupp freund in d. not. 40, 22 ndr.; es möchte ... mein schlechter discours in ungnaden auffgenommen werden med. maulaffe 447; bedencket nun, herr Galenus, ob es wol möglich seyn könnte, dasz ich wider euch disputiren und dadurch eure u. mir muthwillig auf den hals ziehen sollte ollapatrida 209, 30 ndr.; niemand steht bey mir in gröszeren ungnaden als der tod Kotzebue 1, 165; in förmliche u. fallen Gutzkow ritter v. geiste 5, 457; werfen s' auf den F. auch kein' ungnad Raimund 1, 142; das kind ... entliesz mich in ungnaden G. Keller 5, 56. gnade und u. einer erbtante Raabe hungerpastor 2, 9. die ausdrücke des kriegsrechts (auf gnade und u. u. dgl.) verschieben sich und werden anders gewendet, z. b. das neue paar war ... wenig gewöhnt, sich auf gnade und u. des ersten eindrucks zu ergeben Hippel kreuz- u. querzüge 1, 109; auf gnade und u. habe ich ihnen mein geheimnisz ausgeliefert Ebner-Eschenbach 4, 109. früh verblassen ausdrücke wie bei groszer u., z. b. welcher der welt guot gesell sein will, muosz disz säuisch laster (der trunkenheit), bey groszer ungnad (um alles in der welt, um keinen preis u. ä.) nicht straffen Ambach v. zusauffen A 2a; by unser ungnad (unter allen umständen), soll jederman ... all fyrtag morgen in die kirche kommen Eberlin v. Günzburg 1, 109 ndr. häufig verflieszen die bedeutungen in einander, besonders I 4 und II 2 c; z. b. Hätzlerin 76, 100; e. k. f. gnaden wollt nicht u. drob tragen Luther br. 1, 316; u. empfangen uber 1, 77; und wer mir sagt der warhait grundt, mein ungenad di wrt im kundt Schwarzenberg Cicero 134; damit ich nicht gantz in ungnaden gegen euch (brüder und freunde) stehe b. d. liebe 252b; 247d; er möchte ... in u. seines schwehers gerahten Schütz hist. rer. Pruss. 6, G 4a; sie (unartige kinder) han etwan gefüget schad oder sind sonst in ungenad ihrer eltern, frawen und herrn Eyering prov. copia 2, 70; zu viel gnad ist die höchste ungnad, dann zucht und ehr geht darvon unter Lehman floril. 1, 376; in ungnaden gedenken (von gelehrtenpolemik) Gottsched das neueste 4, 395; ich befürchte deinen zorn und u., theuerster aller freunde Winckelmann 10, 42; das nempt nit zuo ungnad (nicht übel, verzeihet) Wickram 1, 314, 7; b. d. liebe 251d; ähnlich in ungnad auffnehmen Schumann nachtb. 93; in ungnaden vermercken Lohenstein Arm. 2, 1521b; dafür in adverbialem dativ nit ungnaden vermerken Hainhofer (1610) 6; nehmen mir der herr amtmann nicht zur u., es geht wahrhaftig nicht an Iffland 2, 141; veraltet. IIIIII. persönlich vorgestellt, im vergleich und bild: Walther 63, 36 (zwischen personification und appellativischem gebrauch schwebend); diu ungenâde ist mir holt Biterolf 2348 Jänicke; kinder des zorns und der ungnaden Luther 20, 228, 2 W., s. th. 5, 724; [] die gnad zu hof wer krank und lam, darum werts lang, ehe sie ankam; die ungnad wer gesund, stark, frisch, darum lief sie und sprünge risch, dasz wenig ihr mochten entlaufen Rollenhagen froschm. 1, 2, 20, 85 ff. Gödeke. als charakter- u. familienname Wolf Ungnad nachrichter (vgl. II 1, 2 a) H. R. Manuel weinspiel 3916; Zimm. chron. 4, 384, 22 ff.; Zedler 49, 1549 ff., bis heute lebendig. die u. des königes ist wie das brüllen eins jungen lewen sprüche Salom. 19, 12; Agricola bei Wander 4, 1460; Schupp schriften (1663) 30. u. siegt, liegt einem auf dem rücken, ungenâde horden ûf mhd. wb. 2, 1, 342b; sie lastet auf Chamisso 1, 54; Opitz poemata 189, 521 ndr.; so werden sie in den stal der ungnaden getriben Rein. Fuchs (1650) 351; doch liesz er sich die u. nichts anfechten Weise erznarren 36 ndr.; wo sie nicht ... ihre ungenade mit den haaren zu sich ziehen wolte Lohenstein Arm. 2, 98a; meine gönner ..., zeigten mir stirnen, von denen die u. des fürsten frostig auf mich schauerte Schubart leben 1, 228. IVIV. eine blume: von liebsstückel zwar der korbe war zierlich zusamm getrungen, von ungenad also von eim draht die reif abr drum geschlungen Hoffmann v. Fallersleben gesellschaftslieder (1844) 46, nr. 26, 3 (161) VV. zusammensetzungen, durchweg indiviauelle bildungen, meist aus dem gth. gewonnen: ungnadenexil Rahel 2, 512, -gehalt, -kette J. Paul 33, 10, 48, 203, -spielraum Pestalozzi 6, 106, -stand Kramer (1702) 2, 930c, -thür J. Paul 31, 14, -wahl Schopenhauer 1, 382, -wirbel Pestalozzi 10, 169 u. a.
22752 Zeichen · 642 Sätze

Lautwandel-Kette

Von der indoeuropäischen Wurzel bis zur Mundart

Pro Sprachstufe der prominenteste Beleg. Klick auf eine Form öffnet das Wörterbuch.

  1. 1200–1600
    Mittelniederdeutsch
    ungnadeF.

    Köbler Mnd. Wörterbuch · +2 Parallelbelege

    ungnade , F. Vw.: s. ungenāde L.: Lü 438a (ungnade)

  2. 15.–20. Jh.
    Neuhochdeutsch
    Ungnade

    Adelung (1793–1801) · +3 Parallelbelege

    Die Ungnade , plur. inus. außer in einigen Fällen, besonders des gemeinen Lebens, wo der Plural Ungnaden ohne Artikel ge…

  3. 18./19. Jh.
    Goethe-Zeit
    Ungnade

    Goethe-Wörterbuch

    Ungnade [bisher nicht publizierter Wortartikel]

  4. modern
    Dialekt
    Ungnadef.

    Pfälzisches Wb.

    Un-gnade f. : FlN, amtl. Ungnad [ HB-Einöd Schwarzack ]. a. 1578: Item die Werßbach ... ligt zwischen der Vngnad vnd dem…

  5. Sprichwörter
    Ungnade

    Wander (Sprichwörter)

    Ungnade 1. Die Vngnade des Küniges ist wie das brüllen ains jungen Löwen, aber sein Gnade ist wie Thaw auff dem Grase. –…

  6. Spezial
    Ungnade

    Deutsch-Ladinisch (Mischí)

    Un|gna|de f. (-) desgrazia f.

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Wortbildung

Komposita & Ableitungen mit ungnade

1 Bildungen · 0 Erstglied · 1 Zweitglied · 0 Ableitungen

Ableitung von ungnade

un- + gnade

ungnade leitet sich vom Lemma gnade ab mit Präfix un-.

Zerlegung von ungnade 2 Komponenten

ung+n+ade

ungnade setzt sich aus 2 eigenständigen Lemmata zusammen. Die Klammerung zeigt die Hierarchie der Komposition; Klick auf einen Bestandteil öffnet seine Etymologie.

ungnade als Zweitglied (1 von 1)

erbungnade

DWB

erb·ungnade

erbungnade , f. inclementia hereditaria: gleichwie von einer leibeigen magd leibeigen leut und erbknecht geboren werden, so sei die erbsünd …