ungnade,
f. ,
gegenstück zu gnade, auf das inbetreff der ableitung und der formerscheinungen zunächst zu verweisen ist (
neben häufigem collectiven plural erscheint selten schwach flectierter sing., z. b. in grosser ungnaden Sleidan
reden 244
Böhmer, vgl. ausz königlicher gnaden Luther
bei Dietz 2, 142
a;
vereinzelt ungenand Petri
D d d 1
b).
ahd. ung(i)nâda.
mhd. ung(e)nâde.
mnd. ung(e)nade.
mnl., nl. ongenade.
an. únáðir.
altschwed. onaþir.
dän. unaade.
schwed. on
d. Staub-Tobler 2, 660. Schmeller 1, 1725.
lux. 316
b. Mi 96
b. Dähnert 506
b.
vgl. ungnadbarkeit, ungnädigkeit; ungunst. II.
aus der sinnlichen theilvorstellung des vorausgesetzten etymons (Falk - Torp 751)
ergibt sich der im nordischen, mnl., mnd., mhd. entwickelte, im nhd. früh veraltete begriff der unruhe. I@11)
unruhe, aufruhr, verfolgung, feindseligkeit, kriegsplage u. ä.; vgl. unfriede. Cleasby - Vigfusson 663
b; Söderwall 2, 162
b;
mnl. wb. 5, 627;
mnd. wb. 5, 57
b;
mhd. wb. 2, 1, 342
a; Haltaus 1941: besser mit gutem gewissen in fahr und ungnad, denn mit bösem gewissen in fried und gnad leben Petri K 7
a;
aufruhr städtechron. 7, 370,
[] 9;
feindseligkeit, vexatio, persecutio: ongenade doen
mnl. wb. 5, 628;
mnd. wb. 5, 57
b; die ungnad, unwillen abzustellen und fallen zu lassen
Wilw. v. Schaumburg 74;
bedrückung Westenrieder 603;
nl. wb. 10, 1636, 4; da hab ich fried und platz, das mir der welt ungnad fürbasz ewig nit schad H. Sachs 3, 318, 7
Keller; mit ungenaden
feindselig 18, 165, 14
G. mehrdeutig im witz: Fischart
flöhhatz titelblatt. in einzelnen dieser verbindungen (
z. b. fahr und u., u. abstellen)
tritt auch das syn. ungunst
auf. I@22)
vom wetter; vgl. ungestüm, unfreundlichkeit, ungunst:
Iwein 646;
mnl. wb. 5, 628;
nl. wb. 10, 1636, 5;
verblassend wo ist der mensch, dessen organisation, gesichtsbildung, gesundheit ... nichts von auswärtigen erschütterungen, nichts von der ungnade der elemente, nichts von ungesunder oder übermäsziger nahrung ... gelitten hätte? Wieland 24, 143; die freude bei ihnen zu sein wird sie alle ungnaden des himmels gering schätzen lassen J. Grimm
an Dahlmann 1, 458.
wir brauchen in solchen fällen jetzt ungunst (
s. d. 2). I@33)
unruhiger, geplagter zustand, plage, noth, unheil, unglück, schaden: von der ewigen verdammnis ungnadone vlîz
himmel und hölle 154, 47
Steinmeyer; zuo den êwigen ungenâden
mhd. wb. 2, 1, 338
a; zungnâden faren
ad inferos ebda 342
b;
vgl. unten II 3 a; Walther 124, 14,
dazu mhd. wb. 2, 1, 342
b; taten da vil u. an brande unde an robe
thüring. fortsetzung der sächs. weltchron. 310, 39
Weiland; 317, 12 (
vgl. I 1);
liebesungemach mnl. wb. 5, 627;
mhd. wb. 2, 1, 343
b;
in selbstverwünschung mit ungenâden leben Reinmar v. Zweter 27, 3
und Röthe
z. d. st.; geistlicher schad ... ein ungenad
voc. predic. (1486) b 5
a; Jesaia redet von geystlichem finsternis, wilchs ist das grossest ungluck und ungnade, und von geystlichem liecht, wilchs ist das grossest gluck und gnade Luther 19, 133
W.; vgl. kein gnad (
glück) haben, die gn. nicht haben Schm. 1, 1724, Fischer 3, 721;
notfall Arigo 579, 36;
unfall, miszgeschick Staub-Tobler 2, 660, 2;
it. disgrazia, franz. disgrâce, engl. disgrace, ungunst 2, unglimpf 1, ungemach; '
böses' Mi 96
b;
verderben Sachs 6, 151, 27
K.; 11, 456, 18
K.; sie hat mir auch die grosze ungenad bewiesen mitt meim lieben mann
quelle bei Bolte
zu Freys
gartengesellschaft 199, 35 ('
den bösen streich gespielt'); andern ungnad und unglück machen Fronsperger
besatzung A 3
b; mit groszer u. (
plage) Luther
briefe 3, 471; on grosz ungnad nicht wider erlangen Kirchhof
wend. 1, 71; mit allen ungnaden (
vgl. mit ungemach
sp. 761,
steigernd, '
erbittert') Sachs 9, 66, 7
K., zugleich nach II 2 a
weisend. im engeren sinne (
wie ungemach, unglück
u. a.)
von krankheit (
zum übergang Sachs 5, 28, 29; 3, 536, 14
K., wobei noch bed. 4
zu berücksichtigen ist):
pest Siber
gemma 192; wenn auch diese u. einen ankeme mit hitze, so ... Burckhard Mitholini
wie man sich für der pestilentz bewaren sol (1552)
K 4
b; Haltaus 1941; der an der ungnad stirbet Prätorius
anthrop. plut. 3, 157; Lory
in d. festgabe für Heigel (1903) 297
f.;
zum wechsel mit ungenannt
s. sp. 780
f., zs. f. d. phil. 17, 228, 439;
vom viehsterben Schmeller 1, 1724;
unkraut ebda. I@44)
der zustand der unruhe, plage, des unglücks u. s. w., aufs gefühl bezogen; unruhige stimmung (
mnl. wb. 5, 627;
vgl. ungnädig A i 4),
unwillen, miszfallen, ärger, undank, bedauern, schmerz u. dgl.; s. auch ungunst 2:
hundes not 16
bei J. Grimm
Reinhard Fuchs 291; es erhebt sich vil unwillens und ungnad in dem volck wider sy Keisersberg
pater noster G 3; es soll sich ein biderman schamen, das er het ein fründ in eim kloster, da er in fawlheit, in gots findschafft, in der lüt ungnad iszt der armen leüt blutigen schweisz Eberlin v. Günzburg 1, 104
ndr.; us ungnad des absagens Zwingli
d schr. 1, 86; er sorgt, so bald die hertzogin seiner liebe gewar worden wAer, sye mOechte in grosze ungnad gen im gefallen sein Wickram 1, 4, 19 (
ganz anders also II 2 c, 4); C. kam in grosz ungnad der Römer Carbach
[] Liv. 53
b;
miszbilligung Spangenberg
ganskönig 1041;
undank Alberus
fabeln 48, 134
ndr.; der tod meines vaters tut mir u. (
syn. and) Staub - Tobler 2, 661, 3. 'ungnade, ungnädig
auch spottweise gebraucht, wenn man merket, dasz geringe leute etwas übel nehmen oder unwillen fassen' Dähnert 506
b;
s. ungnädig; früh morgens schläfft sie (
die frau) noch, wenn ich um acht aufsteh, und wenn ich ungefehr nicht auf den zähen geh, und sie davon erwacht, so hab ich ungenade Henrici 4, 344;
wie hier und in Dähnerts
erläuterung nach II 2 c (
vgl. Limb. chron. 84, 26
W.; Zedler 49, 1547)
gewendet, da die eigentliche bed. in n. spr. erloschen (
im adj. lebt sie länger fort). IIII.
ungeneigtheit, unneigung, ungunst; mangel, verlust, entziehung, versagung der gnade, barmherzigkeit, güte, gunst, helfenden theilnahme u. s. f.; als unsinnliche theilvorstellung im etymon wohl seit alters vorhanden, im nord. spät, im mnl. gar nicht ausgebildet. II@11)
die ä. spr. kennt eine nachdrücklichere bedeutung, die theilweise mit I 4
zusammentrifft, im ganzen aber diese noch merklich überflügelt: ze ungnâdon
in severitate Graff 2, 1028;
saevitia, hartherzigkeit, gefühllosigkeit, grausamkeit mhd. wb. 2, 1, 342
b;
mnl. wb. 5, 627, 2, 3; und (
haben Christum) ... mit ungnaden und gespöt auszgefürt
geystlich strasz (1521)
F 4
b;
N. v. Wyle
transl. 146, 36
K.; aus ungnaden (
bosheit, erbosztheit) Sachs 6, 41
K.; für crudelitas Murner
bei Hutten 5, 460; Thilo
d. j. bei Fischer-Tümpel 3, 106;
sprüche Salom. 19, 1
s. III;
vgl. ungnadbarkeit, ungenad,
indignatio, ira, furor. diese begriffsstärke könnte in ra. nachklingen wie auf ungnad (
mit der höchsten anstrengung) arbeiten, sich auf u. wehren Schm. 1, 1725;
man sagt freilich auch arbeiten, sich wehren wie ein feind,
wozu 2 a
zu vergleichen wäre. II@22)
die wichtigste durchbildung hat der begriff rechtssprachlich, in anwendung auf rechts- und gesellschaftsordnung erfahren. s. das rechtswb. II@2@aa)
zur bezeichnung des strengen, die gnade ausschlieszenden rechtes, der strengen, schonungslosen rechtlichen verfolgung (
vgl. I 1).
überwiegend in formelhaften, meist präpositionalen verbindungen: wer auf gnade sündigt, wird mit ungnad abgedankt Graf-Dietherr 398, 622;
geistlich gewendet Fischer-Tümpel 1, 261; Haltaus 1941; heler und steler solten grad zugleich beyd habn unser ungnad
jedermanns jammerklage (1621)
C 3
a; vgl. 4; wegen diebstählen und anderen malefizfehlern in oberkeitliche ungnad gefallen
quelle (1738)
bei Staub-Tobler 2, 660; bey schwerer unser straff und ongenad (1511)
lehnsurk. Schles. 2, 292; Fronsperger
kriegsb. 1,
F 6
b; straffen nach allen ungnaden Aventin 4, 324, 19 (nach aller u. Megiser
ann. Carinthiae 1033);
ra. gnad dir gott die suppen, du wirst auf ungnad geschlagen (
es wird dir nichts geschenkt?) Schm. 1, 1726; zu ungnad
zur (
unnachsichtlichen)
strafe Ayrer 260, 3
Keller; büssen nach gnaden oder ungnaden Haltaus 653.
im alten kriegsrecht: die man sollen gnad und ungnad warten Knebel
chron. v. Kaisheim 16; erobert vil stett mit gnad und ungnad Stumpf
chron. 225
b;
recipio victos dedititios in gratiam et vindictam, in veniam et poenam uff gnad und ungnad Alberus 7
a; sie weder mit gnaden noch ungnaden aufzunemmen
b. d. liebe 218
d; das hus gǎbent si uf ungnad uf
hist. volksl. 1, 290, 395
L.; auf gnad und u. aufgeben (1519)
volksl. 492
Uhland; Frisius 275
b; Kirchhof
mil. disciplina 47; die andern ergabendt sich uff gnad und u. Tschudi
chron. 1, 76; mich ergeben! auf gnad und ungnad! Göthe 8, 109, 20
W.; D. Scheinmann
disputatio de deditione sub clausula clementiae et discretionis, vulgo von der ergebung auf gnade und ungnade
Tübingen 1690,
für soldatenbibliotheken empfohlen v. Fleming 84, 27;
vgl. 4;
schriftsprachlich nur noch in dieser verbindung lebendig. II@2@bb)
gewaltthätigkeit, widerrechtlichkeit, unrecht, strafthat. vgl. ungericht:
widerrechtliche abgabe (
syn. sulfwolt)
mnd. wb. 5, 57
b;
mnl. wb. 5, 628, 3;
mhd. wb. 2, 1,
[] 343
a, 15;
ackermann a. B. 15, 5,
dazu Burdach 228;
delictum Haltaus 1941; was do gesche von solcher ungenode alsz von morden, deube, wunden und ander ungenode Haltaus 1942.
veraltet. II@2@cc)
für die begriffsentwicklung am fruchtbarsten erwies sich u.,
offensa (Schröder
rechtsgesch.5 120, 64),
als entziehung der königlichen gnade, die den abbruch aller persönlichen beziehungen zum hof und verlust alles dessen bedeutete, was der betroffene an ämtern, gütern u. s. w. vom könig empfangen hatte; mit der allmählichen einschränkung der königlichen gewalt milderten sich die rechtsfolgen oder fielen ganz weg, so dasz in der n. spr. daran kaum mehr gedacht wird (
nordische, mnd. und mnl. beispiele fehlen): Konrad v. Würzburg
Otte 191, 642; gnediger und hochgeborner fürst, ich besorg mich eurer ungnad
Eulenspiegel 37
ndr.; Tieck 13, 6; ein edler Franke, der vor Karls u. das land hatte räumen müssen Grimm
sagen 2, 66. die u. mit treuen diensten auslöschen Lehman
floril. 2, 572; wie S. ... durch die u. des königs die verbittertsten letzten lebenstage gehabt habe Immermann 18, 42.
ungnädige handlungsweise privatbr. 1, 64
Steinhausen; zustand, zeit der u.: andere mit in seine u. verwickeln Adelung; nach einer langen u. wieder zu ehren kommen Dahlmann
franz. revolution 19;
ausdruck der u.: Varnhagen v. Ense
tageb. 4, 56;
ungnädige äuszerung Bismarck
gedanken u. er. 2, 237
volksausg.; ausbruch der u. 1, 170.
von attributiven verbindungen seien erwähnt: unversünliche ungenad Fischart
ehzuchtb. 245, 10
H.; grosze ungnaden Faber
thes. 563
a; höchste u. Harsdörffer
gespr. 2, 90; geheime ungnaden Lohenstein
Arm. 2, 709
b; hohe Freytag 16, 133; herzogliche Schiller 1, 22; allergnädigste Bauernfeld 6, 154
u. s. w. veraltet mit gen.: wann diser fürst ir ... grosze ungnad hett Füetrer
bayer. chron. 201. u. erzeigen Tschudi
chron. 1, 72, stillen Spangenberg
Hecuba 1699, verdienen Lobwasser
calumnia G 4, machen (er vermeinet ihme bey dem commissario ungnad zu machen
veraltet) Ayrer
proc. 1, 13, ankündigen Birken
ostl. lorbeerhayn 253, zu wegen bringen A. U. v. Braunschweig
Octavia 1, 489, auf einen werfen Hahn
reichshist. 3, 138, Lessing 1, 513, Göthe 18, 18, Ranke 2, 247, fühlen lassen Bismarck
gedanken 2, 188, zu fühlen bekommen Treitschke
aufs. 1, 377, auf sich laden (das si nicht leichtlich auf si laden wolten des künigs ungenad Füetrer
bayer. chron. 107; sie laden eine allerhöchste u. auf ihren scheitel Gaudy 2, 53), sich auf den hals ziehen Heppe
lehrprinz 82 (
vgl. K. v. Würzburg
Otte 642), einem, sich zuziehen Schubart
briefe 1, 201
Str.; der u. entgehen Möser 1, 115, zur u. reizen Ch. Weise
pol. redner 5, mit u. bedrohen Klinger 3, 134; in u. sein (der in seines rechten herren ungnaden ist
Aymon a 6
a; ich hoffe doch nicht, dasz ich in u. bin
schr. d. Götheges. 4, 34; jedermann glaubt mich in u. Göthe 17, 123
W.), in u. stehen (
veraltet der zeit hat er vom könig in ungnaden stehen müssen Xylander
Plut. 232
b;
heute bei), in ungnade(n) bringen Ferdinand II
speculum 22
ndr.; Gervinus
gesch. d. d. dicht. 3, 497, in ungnade(n) kommen Murner
adel 36
ndr., werfen Stumpf
chron. 357
b, gerathen Binhardus
thüring. chron. 97, Brentano 5, 58, sich in u. setzen (ich würde mich sonst in rechten ungnaden bey dem könig setzen El. Charl. v. Orleans 1, 173), in u. fallen (
tomber dans la disgrâce zs. f. d. wortf. 4, 128; als wir in des aller durchlüchtigesten fürsten ... ungnad gevallen sind Richental
chron. d. Constanzer conzils 68, eines in des fürsten u. gefallenen mannes Klinger 9, 68,
häufiger er ist
bei dem fürsten in u. gefallen J. G. Neukirch
anfangsgründe 415, Kaunitz 196, 415)
u. s. w. da ... e.
f. g. dasselbe in keinen ungnaden uns zue vermercken geruhen ... wollen
acta publ. 2, 143
Palm, in ungnaden verdencken Harsdörffer
secret. 2, 30, mit ungnaden ansehen Lehman
floril. 2, 637, mit ungnaden bewogen sein wider jem. (
veraltet) Rätel
chron. 44, zu u. gereichen Göthe 13, 273
W. (
vgl. Waldis
Esopus 2, 271,
veraltet), in u. von dem hoffe gestossen werden
engl. com. 205, 28
Creiz.; er erhielt in ungnaden seinen abschied Immermann 1,
[] 40, in u. entlassen Mommsen
röm. gesch. 1, 343.
mit 2 a
sich mischend: bey vermeidung unser undt desz h. rö
m. reichsz schwere ungnadt undt straff
urk. z. gesch. des schwäb. bundes 1, 38; gepoten bey kinicglicher ungnad Knebel
chron. v. Kaisheim 88; Spee
tugendb. 192; bey unserer höchsten ungnade
engl. comedien (1624)
F 1
b; bei strafe seiner u. befehlen Göthe 44, 30, 13
W.; aber bei meiner u., jetzt kein wort mehr Hauff 1, 259, 7.
gelegentlich mit umkehrung von ew. (seine) gnaden (
s. d.): ewr fürstlichen ungnaden Luther
bei de Wette 2, 285; bis sein ungnaden mich belauscht Petrasch
lustspiele 1, 247. II@33)
im kirchlich-theologischen sinne (
nicht an., mnl.). II@3@aa)
bed. I 3
war früh dem kirchlichen vorstellungskreise angepaszt (
s. o.)
; die n. spr. ist geneigt, die bed. nach II
umzubiegen: u. erben
von den folgen der sünde mhd. wb. 2, 1, 342
a,
vgl.erbungnade; im fall wir halsstarrig ... seinem (
gottes) willen ... uns erweisen, droht er solches mit zeitlich und ewiger u. abzustraffen Hohberg
georg. 1, 94;
vgl. unten Pomarius.
die objective bed. (I 3)
schlägt in frühnhd. zeit immerhin noch stark durch: die wort sein nit mein, sonder meines vaters, das er uns ja bring zuom vater, eintweder mit genaden (
auf gütlichem wege) oder mit ungnaden (
unheil, plage, strafe), eindtweder mit lust, liebe oder mit forcht Luther 10
3, 160, 3
W.; gott hat uns diesen keyser geben zu gnaden und ungnaden Zinkgref
apophthegm. (1628) 136; Murner
bei Hutten 5, 460; und wird demnach dieser gnadentag ... ihnen ein tag der ungnaden und alles unheils ... sein J. Pomarius
gr. postilla 1, 24
a;
vgl. oben Hohberg.
den englischen grusz parodierend: pabst vol ungenaden gottes, der teuffel mit dir Nas
antipap. eins und hundert 2, 199
b,
wobei der zusatz gottes
von der obj. zur subj. bed. überführt. II@3@bb)
in weitestem umfang ist der unter II 1, 2
entwickelte gebrauch (II 2 b
ausgenommen)
auf religiöse vorstellungen übertragen, ohne dasz von dem dogmatischen gnadenbegriffe geredet werden könnte: an uns tuot got grôʒ ungenâde schîn
mhd. wb. 2, 1, 343
a;
var. für unwirdigkeit
erste d. bibel 4, 5, 7; des selben menschen het er ungnod Keisersberg
bilgersch. 28
b (
vgl. II 1, I 4); das wir ynn gots ungnad gewest Luther 34
2, 484, 15
W.; 18, 30, 13
W.; mit ungnaden straffen 32, 421, 7
W.; 10
2, 105, 11
W.; zustand der ungnade 11, 107, 10
W.; 97, 28
W.; tod heiszt hie die ungnad gottes Zwingli
d. schr. 1, 233; Sachs 18, 67, 25
G.; der (
Christus) mit der gantzen last des vaters ungenaden und unser bösen that hengt an dem holtz beladen Opitz
poemata 189, 521
ndr.; Bodmer
v. wunderb. 63; so gott in ungnaden es gefügt hat Scheffel 3, 23; ausz der gnad odder ungnad gottes Franck
chron. Germ. (1538) 3
a;
M. I. Schmidt
gesch. d. deutschen 1, 11; ego eciam doctor sum und yn der welt gewandelt von gotes gnaden und ungnaden Luther 29, 471, 26
W.; alle, die sichs unterstehen, sollen selbst unterdruckt werden, etliche mit gnaden, die andern mit ungnaden 23, 644, 21
W. in gelegentlicher umkehrung der formelhaften verbindung von gottes gnaden (
s. d.): Henricus von gotis ungnaden könig von Engellandt Luther 10
2, 227
W.; Brentano 2, 77; Raabe
hungerpastor 1, 210.
verbale verbindungen: gottes (
gen. subj.) ungnad haben B. v. Chiemsee 23; gott zu ungnaden bewegen Carlstadt
von gelübden A 2
b; in gottes u. sein
s. o.; da der könig bei gott in u. war Stilling 6, 501; in gottes gnad oder ungnad stehen Fischart
binenkorb 216
b; des menschen geist, der hie in ungnad fellt B. v. Chiemsee 204; Zwingli
d. schr. 1, 36
u. s. w.; auch die u., in welche sein leib bey der natur gefallen ist
discourse d. mahlern 2, 155.
vgl. ungunst. II@3@cc)
im engsten sinne der gnadenlehre, bes. vom mangel des gnadenstandes, status gratiae (
s.ungnadenstand): wie ein mensch in der ungenad sich schicken soll
M. Stifel
christförmige lehre Luthers 56; niemals darf es ersichtlich werden, ob jemand den beichtstuhl im stande der u. verläszt Gutzkow
zauberer v. Rom 4, 92.
vgl. ungnadenwahl.
[] II@44)
die heutige hauptbedeutung, von Adelung
als das '
miszfallen der erregten thätigen abneigung eines höhern gegen einen weit geringern'
erläutert, beruht auf verallgemeinerung und abschwächung der bed. II 2 c.
einerseits wird der ursprüngliche vorstellungskreis aufgegeben, anderseits tragen vergleich, bild, höflichkeit, bedientenhafter ton oder scherz in ausdrücke, denen an sich keine rechts-, rang-, dienst-, autoritäts- u. dgl. verhältnisse zu grunde liegen, solche hinein. oft steht ungunst
nahe. im minnedienst redet man von der herrin gnade und u.: Walther 63, 36,
vgl. unten III, Neidhart 82, 8,
nl. wb. 10, 1636, 3; ich weisz wohl, dasz sie L. ... ein wenig demüthigen wollten, bey welcher sie ... in u. gefallen waren Schwabe
belustigungen 8, 371;
der jünger kommt in seines meisters u.
passionssp. a. Tirol 34
W.; bücher haben keines menschen u.
zu fürchten Butschky
Pathmos 4; u.
des glücks Schottel
friedenss. 16
ndr.; Bode
Montaigne 2, 186;
nl. wb. 10, 1636;
u. s. w. die II 2 c
eigenen verbindungen erscheinen wieder, z. b. seyt bin ich bey dem ammengeschlecht in höchsten ungnaden gewesen Schupp
freund in d. not. 40, 22
ndr.; es möchte ... mein schlechter discours in ungnaden auffgenommen werden
med. maulaffe 447; bedencket nun, herr Galenus, ob es wol möglich seyn könnte, dasz ich wider euch disputiren und dadurch eure u. mir muthwillig auf den hals ziehen sollte
ollapatrida 209, 30
ndr.; niemand steht bey mir in gröszeren ungnaden als der tod Kotzebue 1, 165; in förmliche u. fallen Gutzkow
ritter v. geiste 5, 457; werfen s' auf den
F. auch kein' ungnad Raimund 1, 142; das kind ... entliesz mich in ungnaden G. Keller 5, 56. gnade und u.
einer erbtante Raabe
hungerpastor 2, 9.
die ausdrücke des kriegsrechts (auf gnade und u.
u. dgl.)
verschieben sich und werden anders gewendet, z. b. das neue paar war ... wenig gewöhnt, sich auf gnade und u. des ersten eindrucks zu ergeben Hippel
kreuz- u. querzüge 1, 109; auf gnade und u. habe ich ihnen mein geheimnisz ausgeliefert Ebner-Eschenbach 4, 109.
früh verblassen ausdrücke wie bei groszer u.,
z. b. welcher der welt guot gesell sein will, muosz disz säuisch laster (
der trunkenheit), bey groszer ungnad (
um alles in der welt, um keinen preis u. ä.) nicht straffen Ambach
v. zusauffen A 2
a; by unser ungnad (
unter allen umständen), soll jederman ... all fyrtag morgen in die kirche kommen Eberlin v. Günzburg 1, 109
ndr. häufig verflieszen die bedeutungen in einander, besonders I 4
und II 2 c;
z. b. Hätzlerin 76, 100; e. k.
f. gnaden wollt nicht u. drob tragen Luther
br. 1, 316; u. empfangen uber 1, 77; und wer mir sagt der warhait grundt, mein ungenad di wrt im kundt Schwarzenberg
Cicero 134; damit ich nicht gantz in ungnaden gegen euch (
brüder und freunde) stehe
b. d. liebe 252
b; 247
d; er möchte ... in u. seines schwehers gerahten Schütz
hist. rer. Pruss. 6,
G 4
a; sie
(unartige kinder) han etwan gefüget schad oder sind sonst in ungenad ihrer eltern, frawen und herrn Eyering
prov. copia 2, 70; zu viel gnad ist die höchste ungnad, dann zucht und ehr geht darvon unter Lehman
floril. 1, 376; in ungnaden gedenken (
von gelehrtenpolemik) Gottsched
das neueste 4, 395; ich befürchte deinen zorn und u., theuerster aller freunde Winckelmann 10, 42; das nempt nit zuo ungnad (
nicht übel, verzeihet) Wickram 1, 314, 7;
b. d. liebe 251
d;
ähnlich in ungnad auffnehmen Schumann
nachtb. 93; in ungnaden vermercken Lohenstein
Arm. 2, 1521
b;
dafür in adverbialem dativ nit ungnaden vermerken Hainhofer (1610) 6; nehmen mir der herr amtmann nicht zur u., es geht wahrhaftig nicht an Iffland 2, 141;
veraltet. IIIIII.
persönlich vorgestellt, im vergleich und bild: Walther 63, 36 (
zwischen personification und appellativischem gebrauch schwebend); diu ungenâde ist mir holt
Biterolf 2348
Jänicke; kinder des zorns und der ungnaden Luther 20, 228, 2
W., s. th. 5, 724;
[] die gnad zu hof wer krank und lam, darum werts lang, ehe sie ankam; die ungnad wer gesund, stark, frisch, darum lief sie und sprünge risch, dasz wenig ihr mochten entlaufen Rollenhagen
froschm. 1, 2, 20, 85 ff.
Gödeke. als charakter- u. familienname Wolf Ungnad nachrichter (
vgl. II 1, 2 a) H. R. Manuel
weinspiel 3916;
Zimm. chron. 4, 384, 22
ff.; Zedler 49, 1549 ff.,
bis heute lebendig. die u. des königes ist wie das brüllen eins jungen lewen
sprüche Salom. 19, 12; Agricola
bei Wander 4, 1460; Schupp
schriften (1663) 30. u.
siegt, liegt einem auf dem rücken, ungenâde horden ûf
mhd. wb. 2, 1, 342
b;
sie lastet auf Chamisso 1, 54; Opitz
poemata 189, 521
ndr.; so werden sie in den stal der ungnaden getriben
Rein. Fuchs (1650) 351; doch liesz er sich die u. nichts anfechten Weise
erznarren 36
ndr.; wo sie nicht ... ihre ungenade mit den haaren zu sich ziehen wolte Lohenstein
Arm. 2, 98
a; meine gönner ..., zeigten mir stirnen, von denen die u. des fürsten frostig auf mich schauerte Schubart
leben 1, 228. IVIV.
eine blume: von liebsstückel zwar der korbe war zierlich zusamm getrungen, von ungenad also von eim draht die reif abr drum geschlungen Hoffmann v. Fallersleben
gesellschaftslieder (1844) 46,
nr. 26, 3 (161) VV.
zusammensetzungen, durchweg indiviauelle bildungen, meist aus dem gth. gewonnen: ungnadenexil Rahel 2, 512, -gehalt, -kette J. Paul 33, 10, 48, 203, -spielraum Pestalozzi 6, 106, -stand Kramer (1702) 2, 930
c, -thür J. Paul 31, 14, -wahl Schopenhauer 1, 382, -wirbel Pestalozzi 10, 169
u. a. —