schrein,
m. behälter, schrank; altes lehnwort aus dem lat. scrinium,
ahd. scrîni,
n. scrinium, capsula Graff 6, 581,
mhd. schrîn,
n. m. mhd. wb. 2, 2, 271
a. Lexer
mhd. handwb. 2, 799,
altnord. skrin, skríni,
n., ags. scrín,
n., altfries. skrin, skren, schren Richthofen 1033
b;
erhalten auszer im deutschen im dän. schwed. skrin,
engl. shrine,
nld. schrijn (schrijne,
scrinium Kilian).
auf roman. gebiete vergleicht sich ital. scrigno,
schubkistchen, franz. écrin (Kluge).
der gebrauch des wortes ist im ags. und besonders im altnordischen fast ganz auf die kirchliche sphäre beschränkt; wahrscheinlich kam das wort mit der kirchlichen mission zu den germanischen stämmen und bezeichnet zunächst die behälter für cultusgegenstände, besonders für reliquien. diese thatsache spricht gegen die ansicht Francks,
der im etym. woordenb. 867
wegen der nd. und nld. nebenform schrên (schrain, schrēn Woeste 231
b; scrin, scren, schrien,
scrinium Dief. 521
a; in einen sgrene. Grimm
weisth. 3, 209)
ein älteres verwandtschaftsverhältnis zum lateinischen worte annimmt (
wie schon Adelung).
gewisz nicht von scrinium
abgeleitet, wie J. Grimm
wollte, ist das merkwürdige screuna, screona (
lex sal. 13, 5. 27, 22
und 23.
lex Fris. add. 1, 3.
lex Saxon. 33),
womit ein unterirdisches, verschlieszbares gemach (
hochd. tunc,
altn. jarðhús)
bezeichnet wird, in dem die mägde arbeiten J. Grimm
kl. schriften 7, 28. 8, 233. Müllenhoff
bei Waitz
altes recht d. sal. Franken 292. Wackernagel
kl. schrift. 3, 337
fg. 407. Diez
etym. wb.4 574.
im nhd. ist das neutrale geschlecht völlig durch das masc. verdrängt (Blumer
geschlechtswandel der lehn- u. fremdwörter 56,
als neutr. verzeichnet im cimbr. wb. 229
a). schrein
m., scrinium Schottel 1409.
im älteren nhd. tritt das wort ziemlich zurück (
belegt unten aus Geiler von Keisersberg, H. Sachs
im eigentlichen sinne, im bildlichen sinne bei Luther, Weckherlin); Maaler
verzeichnet schrein
nicht, aber schreiner.
als landschaftlich bezeichnet es Steinbach 2, 503.
bei Frisch 2, 225
b in eingeschränkter bedeutung: schrein,
m., ein kasten, scrinium, darein man absonderlich die kostbarkeiten legte und verwahrte. Adelung
bezeichnet es als '
ein im hochd. ungewöhnliches nur noch in einigen provinzen, sowol Ober- als Nieder-Deutschlands übliches wort, welches einen kasten, eine kiste, eine lade, ingleichen einen schrank bedeutet.'
über die jetzige verbreitung des wortes (
im sinne von schrank, schränkchen, spind, lade
u. a.)
in den mundarten geben die idiotica keine sichere auskunft. im bair. tritt es nach Schm. 2, 607
zurück gegen sinnverwandte ausdrücke wie kiste, kasten, lade, schrank; vgl. noch cimbr. wb. 229
a. Zingerle
lus. wb. 50
a.
in md. gegenden ist schreinchen
in verengerter bedeutung erhalten und bezeichnet ein mit zuckerzeug gefülltes holzschächtelchen. Regel
Ruhlaer mundart 268; schreinchen,
schachtel Frischbier 2, 316
a (
der es selbst allerdings in dieser bedeutung nicht gehört hat);
auch Jacobsson 4, 49
a verweist unter schrein
auf schachtel.
der heutigen umgangssprache ist das wort fremd in der gewöhnlichen bedeutung von schrank, schränkchen (
s. unter 3);
vertraut ist uns das wort für reliquienbehältnis, einfassung eines flügelaltars und diesen selbst, und in dichterischer sprache für sarg. 11)
behältnisse zur aufbewahrung von gegenständen des cultus, besonders von reliquien, gewöhnlich reich verziert (reliquien-, heiligenschrein): vele unde mannigerleie gulden unde sulver unde elpenbene scrineken mit mennigerleie hilgedom.
deutsche chroniken 2, 603, 16; dat grote sulverne scryn sunte Cosme et Damiani,
s. Magnus schrin in Norderland. Schiller-Lübben 4, 138
a; en wiste nement, wat hilligdomes by namen were an deme sulven olden schrine vorschreven.
d. städtechron. 17, 517, 1; mit dem hilgen sacramente unses hern Jhesu Christi und unser lever vruwen schrin. 7, 412, 24; er kam ouch gein Haselo und det sant Florencien schrin ufbrechen. 8, 483, 9,
vgl. Frisch 2, 225
b.
von flügelaltären, die sich schlieszen lassen (altarschrein),
dann überhaupt von jedem ein gemälde oder eine plastische darstellung einschlieszenden altar, auch von bildstöcken, in neuerer sprache: vor einem bunten schreine der muttergottes angelangt. C.
F. Meyer
Jenatsch 38.
frei in schönem bilde: wenn Eos die blöde, mit glühendem schein die teppiche röthet am heiligen schrein, und hinter dem teppich das liebchen hervor, mit rötheren wangen, nach Helios thor, nach gärten und feldern mit sehnsucht hinaus die blicke versendet. Göthe 40, 378.
zur bezeichnung der behältnisse römischer ahnenbilder: hernach stellen sie sein bildnisz an dem scheinbarsten orte des hauses auf, und schlieszen es in hölzerne schreine ein. Lessing 11, 194.
in ähnlicher anwendung: schön ist die rolle (
ein portrait), und es soll sogleich ein feiner schrein dazu gezimmert werden, der es vor staub und vor der luft bewahrt. Tieck 2, 102. 22)
übergehend in die bedeutung von sarg, zunächst von solchen, die heilige oder verehrungswürdige gebeine aufnehmen, dann im allgemeineren gebrauche: sarh scrine, lihkar,
loculum Graff 6, 581; schrijne, dood-kiste,
capulus Kilian; si namen daʒ gebeine clar unde also reine, wiʒ alse ein gevallen sne. — vermahten iʒ in schrine besloʒʒen, wol bewunden.
Elisabeth 5588;
bei Ködiz: spannuwe schrine unde lade, wordin da bereit, daʒ furstliche gebeine dar in geleit wol bewart unde besloʒʒin. 62, 27,
vgl. Schiller-Lübben 4, 138
a.
von Muhammeds sarg: do vermahtent sü Machemetz lip in einen yserin schrin.
d. städtechron. 9, 534, 16; todtenschrein,
locucium, capulum, urna alias sarg Stieler 1930.
im sinne von sarg wird totenschrein
oder auch das einfache schrein
noch in gehobener rede gebraucht: der tischler bringt den schwarz gebeizten schrein; er wird hineingelegt. Ramler
fabellese 534; und als sie traten zur kammer hinein, da lag sie in einem schwarzen schrein. Uhland
gedichte (1864) 237; da ruft der blutfleck sie empor vom schrein, und wandeln musz sie an der schauerstätte. Geibel 1, 180.
nach Campe
bezeichnet man in manchen gegenden mit schrein '
die hölzerne einfassung eines grabes, welche einem oben offenen kasten gleicht, oft aber auch oben verschlossen ist, und welche an den vier seiten mit angeschriebenen oder eingeschnittenen bibelversen, leichentexten u. ä. versehen ist.' 33)
in allgemeiner anwendung verschlieszbares behältnis zur aufbewahrung von kleinodien, schmuck, geld, kleidern u. s. w. in der entwickelten neuhochd. schriftsprache nur in gewählter ausdrucksweise gleichbedeutend mit schrank, also als aufrecht stehendes oder an der wand hängendes behältnis (
im sinne von kiste, lade ist es nicht mehr gebräuchlich),
sonst in engerer bedeutung von einem durch material, kunstvolle arbeit oder inhalt kostbaren hangenden behältnis, besonders auch von einem aus alter zeit stammenden: scrine,
zaberna Graff 6, 581;
scrinium, schrein, kist
vel beheltnisz Dief. 521
a;
archa, arke, schrin, caste, lade
nov. gl. 32
a; ein schrein, kisten, laden,
scrinium Calepin
dict. 570;
scrinium, ein schrein, ein schranck Corvinus
fons lat. 578 (1660); archen oder laden oder schrein Megenberg 338, 16,
zur aufbewahrung von hab und gut, kleidern, geld, besonders von kleinodien; formelhaft: an sina skrine ieftha an sina skate. Richthofen
altfries. wb. 1033
b; taten do ir schrin uf und gabn im ir oppher: golt, wiruoch und myrren. Schönbach
pred. 1, 154, 12; unnd haben uffgeschlossenn ire schryn, unnd haben jm geopfferet die goben, namlich gold, wyrhouch unnd myrrhen. Keisersberg
post. 1, 18
a (und theten ire schetze auff. Luther); gelt in den schrein legen. Stieler 1930; sie eröffnet den schrein, ihre kleider einzuräumen. Göthe 12, 143; in ihren schreinen sammelte sich das geld. Freytag
bilder 1, 292; dô wart ûʒ schrînengesuochet guot gewant.
Nib. 275, 1; mit edelem gesteineladet man ir diu schrî
n. 489, 1; ir tiuscheʒ silber vert in mînen welschen schrî
n. Walther 34, 11; do stal he ein scrin der konniginnen, dar vingerlîn vele was enbinnen. Gerhard v. Minden 103, 17; behielt ich mir zu hinterhut ein summa gelts in einem schrein. H. Sachs 2 (1570), 2, 106
a; (
die hausfrau) sammelt im reinlich geglätteten schrein die schimmernde wolle, den schneeigten lein. Schiller 11, 309; und heute noch, verwahrt im edlen schrein, erhältst du gaben, die du nicht erwartet. Göthe 9, 274; vielleicht verbirgt sich wünschenswertheres im reichen schrein. 300; stellt's hier nur immer in den schrein. ich schwör euch ihr vergehn die sinnen. 12, 140; (
der geizige spricht:) ich eiferte für kist' und schrein. 41, 48; in alle taschen blickt' ich ein, durchsichtig war mir jeder schrein. 215.
zur aufbewahrung von lebensmitteln: 1 schryn mit botter, en schrin, dar me spise in deit. Schiller-Lübben 4, 138.
gefüllter schrein
zeigt wohlstand, leerer armuth an: sô ist gelesen mir der win und sint gefüllet mir diu schrî
n. Helmbrecht 1400; da eʒ was ir meiste pîn, daʒ si die kasten und die schrîn elliu lær dâ funden. Ottokar
reimchron. 31039; wenn der schrein ist leer, ist das sparen schwer. Wander
sprichw. lex. 4, 342.
der schrein
ist kunstvoll gearbeitet: schrein von eingelegter arbeit,
scrinium opere intestino seu vermiculato factum; fürstenschrein,
scrinium superbum, auro, vel gemmis pretiosum Stieler 1930; geschnitzer schrein.
mit bezeichnung des stiles, nach dem er gearbeitet ist: gothischer schrein.
der schrein
als verschlieszbares, sicherndes behältnis: schrein verschlieszen, verschlossener schrein. Stieler 1930; up einen getreuwen, verwarlichen ordt als in der kerken to Ankem in einen sgrene verslotten. Grimm
weisth. 3, 209; die kneht begunden sturzen manic schrîn unde kisten. ob si den sluʒʒel vermisten, des enahten si kleine. Ottokar
reimchron. 29354; sicher als in einem schrine. Liliencron
hist. volksl. 1,
nr. 25, 6; Alhait, liebu dienarin mein, nim die schlüssel zu dem schrein.
fastn. sp. 501, 25; ich hab daheim ein kleinen schrein beschlagen und versperret wol. Sachs 2 (1570), 2, 105
d; wie kommt das schöne kästchen hier herein? ich schlosz doch ganz gewisz den schrein. Göthe 12, 143.
daher sprichwörtlich: wein hat einn offnen schrein. Franck
sprichw. 2, 38
a. schrein
zur aufbewahrung von urkunden (
s. schreingut, -halter, -herr, -pfand, -schreiber, schreinsbuch, -meister
und Gengler
stadtrechtsalterth. 65): aber der schrein war meinem bruder von werth. er enthielt documente von seltener wichtigkeit. Gutzkow
ritter vom geist 1, 111.
vergl. oben erzschrein
theil 3,
sp. 1099.
daher ûf das schrîn geben,
urkundlich geben: mit sîner rîcheit manicvalt gap er eʒ rehte ûf daʒ schrîn, daʒ der bâbest solde sîn des gestifts schirmêre.
Heinrich u. Kunigunde 1875.
bücher im schrein: in deme scrine plach ok eyn hillich buk to wesen. Österley
nd. dichtung 52.
zahlreiche zusammensetzungen bezeichnen die bestimmung des schreines: briefschrein,
archivum; rechtsschrein,
scrinium monumentorum, et ubi acta forensia conduntur Stieler 1930; bücher-, geld-, kleider-, schriften-, silber-, speiseschrein Kramer
deutsch-ital. dict. (1702) 2, 663
a; kirchen-, zechschrein,
zur aufbewahrung der kirchengelder Schm. 2, 607;
mhd. soumschrîn, leitschrîn
mhd. wb. 2, 2, 217
b. 44)
in bildlicher anwendung; über den mannigfaltigen gebrauch der alten sprache s. mhd. wb. 2, 2, 217
b. Lexer
mhd. wb. 2, 799. Schm. 2, 607.
von dort verwandten bildern lebt besonders der schrein des herzens
fort, das innerste, verschlossene, bergende bezeichnend: hertzens-schrein,
l'intimo, il fondo del cuore Kramer
deutsch-ital. dict. (1702) 2, 663
a; dem offen sein all hertzen schrein, grâb, tadelhäfftig, swach, guot vein, das er dorein sicht allerlay gedencke. O. v. Wolkenstein 100, 2, 2; freunntlîcher plick wundet sêr meins hertzen schrein. 76, 1, 2; ir allerliebste pule mein, schliszt auf gen mir eurs herzen schrein.
fastn. sp. 149, 30; begehrest du dasz Christ zeuch bey dir ein, so mach dein hertz von allen sünden rein, so ist es jhm ein angenehmer schrein. Weckherlin (1648) 309 (
hier, am schärfsten aber in der unten folgenden stelle aus dichtung und wahrheit tritt die vorstellung des altarschreines hinzu); ach mein hertzliebes Jesulein, mache dir ein rein sanfft bettelein, zu ruhen in meines hertzen schrein. Schuppius 194; wollt' lieber eine zwiebel anbeten bis mir die thrän' in die augen träten, als öffnen meines herzens schrein einem schnitzbildlein, querhölzelein. Göthe 13, 82; alle rechte sollen im schrein seines hertzens sein. Luther 6, 493
b,
vergl. tischreden (1568) 247
a; (
sie sind) in dem schrein des hertzens gottes (wie man pflegt zu reden) erwehlet gewesen. Gretter
ep. Pauli an die Römer (1566) 521; dasz sie wohl verdiente, in dem schrein des herzens eine zeit lang als eine kleine heilige aufgestellt zu werden. Göthe 25, 109.
andere bildliche wendungen: so ungestalt es wär eynem groben pauren genuog gewesen, aber in synnen und weltlichen rechten eyn schrein der kunst von allen weisen gehalten was. Steinhöwel
decam. 390, 14
Keller; zum schrein der mystischen einheit im allgemeinen begriff. Hamann (1824) 6, 7; hab ich verzeichnet bald in der gedechtnus schrein. Weckherlin
ged. (1648) 764.
obscön: obe mir nit der minnen schryn besloʒʒen were von minem man. Keller
altd. erzähl. 259, 9.