ungern,
ungerne,
adv. ,
selten adj. oder subst., gth. v. gern
th. 4, 1, 2, 3719
ff. ahd. ungerno;
an. úgjarna,
adv., úgjarn,
adj.; ags. ungeorne;
mhd. mnd. ungerne;
mnl. ongerne;
nl. ongaarne;
dän. ugjerne;
schwed. ogerna. Staub-Tobler 2, 427;
els. 1, 232;
lux. 315
a; Bauer-Collitz 108
a.
die verkürzte form ungern
schon mhd. in hss. des Parz., Suso 4, 31
B., mnl. wb. 5, 664;
die volle ungerne
noch nhd. allgemein neben ungern (
z. b. Luther, Lessing, Herder, Göthe, Kant, Mörike)
üblich. ungeren (
mhd. wb. 1, 535
a)
im 16.
jh. schriftsprachlich veraltend (A. v. Eyb
d. schr. 1, 49, 15; Sachs 14, 280, 34
G.);
mundartlich noch z. b. Staub - Tobler
a. a. o. ongern Sleidan
red. 131;
th. 7, 1204.
in mundarten verliert sich schlieszendes n (Staub-Tobler, Martin-Lienhart,
lux., mnl. wb. a. a. o.),
im schweiz. kann das stammwort zum suffix herabsinken und un
umgelautet werden (un I B 6).
im übrigen s. gern.
während die steigerungsformen von gern
i. a. schriftsprachlich verpönt sind, haben sie sich von ungern
erhalten, freilich nicht ohne widerspruch: s. gern I 3, Campe
wollte eher den superl. als den comp. gelten lassen: so vil ungerner
N. v. Wyle
transl. 93, 7
K.; Luther 30, 3, 48, 1
W.; invitius ungerner Alberus; P. Winckler
gedancken (1685) a vii
r; Lessing 17, 320; Göthe IV 4, 58, 6
W.; Schiller 3, 596; Gries
ras. Rol. 1, 42. aller ungernist
N. v. Wyle 76, 3
K.; am ungernesten Lohenstein
Armin. 1, 1238
a; am ungernsten Butschky
Pathm. 14; Lessing 8, 180; Herder 5, 46; Göthe 11, 51
W.; Hebbel
br. 7, 38.
vgl. 3 h.
vereinzelt als adj. (
s. das an. und nl. wb. 10, 1572
anm. 2):
in gloss. und wbb. wird invitus und invite hin und wieder unterschieden Diefenbach
n. gl. 230
b; Maaler 462
b; Schönsleder t 7
b; der hunger ist ungern Fr. Wilhelm
sprw. reg. a y
β 26; aber so ungern, so kurz das lachen auch ist Lessing 10, 90;
vgl. die substantivierung 3 k.
individuelle bildung ungernig:
von naturen, denen alle geistesfreiheit abgeht, daher entbindet auch der schlaf ihre züge nicht. ich nenne den ausdruck ungernig, sie sehen aus, als schliefen sie ungern Vischer
auch einer 2, 378.
die mundart kennt auch ungerig Staub-Tobler 2, 427. 11)
der ableitung am nächsten steht das gth. v. gern 1,
dem natürlichen '
begehren',
streben, trachten, wollen nicht entsprechend oder widerstrebend. mit ausdrücken des begehrens, wollens u. dgl. oder inhaltlich gleichbedeutenden umschreibungen: er sich ... ungern ... keinem menschen wolt offnen Suso 4, 31
B.; auch von unpersönlichem: die füsze wolten nur u. schritt für schritt gehen Polenz
Grab. 1, 290; ob nun wohl der könig ungerne dran wolte
volksb. v. g. Siegfr. 62
ndr.; Schnabel
Felsenb. 26, 28
U.; so ungern er auch daran kam Schmid
g. d. D. 4, 87; 1, 111.
wie bei kaum (
th. 5, 353) 1
oft können
ergänzt wird, so bei u.
oft wollen, mögen: aus guot kumbt man u. (
will man u.
kommen; kommt man, ohne es zu wollen), das bOesz wechszt selbs Nas
antip. 1, 44
a; u. wendet sich der blick von dem bescheidenen mystiker (
er möchte verweilen) Scherer
litg. 346.
übertragen: meine muse fühlt die schäferstunde, wenn von deinem wollustheiszen munde silbertöne ungern fliehn Schiller 1, 224. 22)
im gs. zu gern 2
mit verhütendem, vorbeugendem conj.: ich wolt u. an deren stat sin am jüngsten tag Eberlin v. Günzburg 1, 37
ndr.; und so gern ich geschriebene romane lese, so u. möchte ich in einem wirklichen mitspielen Holtei
erz. schr. 2, 192. 33)
gth. v. gern 3,
unfreudig, ohne willige unterwerfung, ohne völliges einverständnis, ohne frohe bereitwilligkeit, mit besonderer unlust, nicht ohne überwindung, zum leidwesen, ärger, verdrusz, bedauern, schmerz u. dgl.: ungerno
minus libenter Graff 4, 234; das haben wir ... nicht ungern und mit sunderen freuden gelesen Steinhausen
privatbr. 1, 63; darumb wir ungern lident
d. e. wiszheit betbüchlin c ii
a; mancher leihet ungerne
Sir. 29, 10; sterben Luther 18, 515, 29
W.; du hiltst ungern dein nasen drüber Sachs 17, 84, 20
G.; wie ungern er da urlaub nam Scheit
heimfart o iii
a; lassen (
verlassen) Göthe
Herm. u. Dor. 7, 153; ungerne stehn wir zu Gryphius
trauersp. 27
P.; leuten, die nichts ungerner als vergebung annehmen Lessing 2, 307, 20; wissen Kant 3, 25, 6; deine briefe werden alle gleich verbrannt, wie wohl ungern Göthe IV 8, 186
W.; folgend 49, 371, 25
W.; ἀέκοντε Bürger
Ilias 1, 327,
ebenso Voss.
M. ertrug es ungern, dasz (
aegre ferebat) Mommsen
r. g. 2, 154; 5, 45;
vgl.d. von nichtpersönlichem: u. wurzelt der anker noch im sande Tieck 1, 216; er (
der vogel) ist sehr u. von mir weggestorben Keller 4, 253;
für u. gesehen wurde: der nachklang drang zum himmel, bis dasz der abendstern die hirten schlieszen hiesz, der itzt zum erstenmal der welt sich ungern wies Ramler
einl. 1, 406.
die spannung des begrifflichen inhaltes ist erheblich; gemeint sein kann gutmüthig-leises bedauern (Göthe
Herm. u. Dor. 1, 33),
unzufriedenheit (Göthe 21, 37, 20
W.),
überwindung gesellschaftlicher anstandsbedenken (Hoffmann v. Fallersleben 5, 321),
verdrusz (Göthe
Herm. u. Dor. 1, 206),
schmerz (1, 153),
entrüstung (
Rein. Fuchs 4, 49, gantz node
Reinke de Vos 1834),
schauder (
Faust 6212);
vgl.h.
meist ist u.
stärker als nicht gern.
nach 5
weisen verbindungen wie u. und so gut als gezwungen Bürger 1, 257
B.; u. und halb gezwungen Ranke 8, 152.
zur heutigen abgrenzung gegen freiwillig (fr., aber u.)
und unwillig (
das den bezug auf äuszerung im betragen einschlieszt) Weigand 3, 856; Eberhard - Lyon 855.
insbesondere a) u.
thun: Gerhard v. Minden 138, 28
L.; Tauler
serm. (1508) 39
b; es wird auch ein leicht ding schwer, wenn mans ungern thut Petri d d iv
r;
allgemein. b)
hören u. dgl. wie ahd., mhd., mnl.: Murner
adel 20
ndr.; ungern und nicht ohne sondere bewegnüs ist den gesambten
f. f. und stenden zu vernehmen gewesen
act. publ. 2, 152
P.; man sagte ihm nach, und er hörte es nicht ganz ungerne Mörike 3, 30. c)
sehen: sonderlich sehen sie ungern, dasz das evangelium gepredigt wird Luther 34, 2, 242, 11
W.; ein ungerne gesehener gast H. v. Barth
kalkalpen 499; es wird sehr u. gesehen, wenn Moltke 4, 61.
ähnlich: u. aber habe ich zu bemerken gehabt Göthe II 11, 78
W.; finden Bode
Yor. 1, xiv. d)
haben: habens doch die grossen herrn so trefflich ungerne, so man sie schilt und strafft Luther 19, 195
W.; Tschudi 1, 118; ich hab's doch nit u. g'habt Pocci
kom. 6, 126; H. hatte den kurzgeschorenen ziegenhirten nicht ungern Scheffel 1, 191. ein ding u. haben und darob übel zufriden sein, etwas u. haben und darob zürnen, u. und nit verguot haben
aegre ferre Maaler; ungern haben
n'aimer point Frisch (1730) 623;
übel nehmen Staub - Tobler 2, 427. e) u. wo
sein: wenn dich eyn herr ynn kerker gefangen hette, und du ausz der maszen ungerne drynnen werist Luther 10, 1, 1, 459
W. auch in der bei gern 3 e
bemerkten verkürzung: höchst u. weisz ich das liebe kind in der pension Göthe 20, 17, 3
W. f)
mit adjectiven (
aber oft aufs subject oder den verbalbegriff zu beziehen): u. freigebig, schweigsam, keusch, froh
u. s. w.; vgl. ungern heylsame geschwAer,
s. 8. g)
gth. v. gern 3 g,
der gewohnheit und neigung nicht entsprechend: ich ... lache ungerne sô man bî mir weinet Walther 48, 2, Gerhard v. Minden 117, 78
L.; es was ein bruder in einem kloster, der gieng gar ungern zuo der mettin Pauli
schimpf u. ernst 172
ndr.; Opel-Cohn 208; Klopstock
br. 102
L.; die Deutschen ..., die sich fremden klängen, quantitäten und accenten nicht u. gleichstellen Göthe 7, 2, 24
W. h)
verstärkt durch vast, trefflich (
s. Luther d), gar, gar zu, nur zu, so, recht, reichlich, ziemlich, sehr, auszerordentlich, unsäglich, gewaltig, ungeheuer
u. ä., im alltagsdeutsch auch schrecklich, gräszlich, eklig, scheuszlich
u. s. w., in der mundart z. b. durch angstlich H. R. Manuel
weinsp. 1368
ndr. (Staub-Tobler 1, 339, 2 b), herzlich u. (
früher auch von hertzen u. Luther 34, 1, 63, 34
W.), blutsungern Sanders
erg. 227
b; hundsu. Staub-Tobler 2, 427, mordsungern.
wie gern 3 h
δ ironisch: also sprach er, und Zeus klaräugige tochter Athene hielt ihm die hände noch fest, die schrecklichen, denen im streite ungern nahet ein mann, und wenn er der trefflichste wäre Göthe
Achilleis 446.
gemildert: ein wenig u. Frisius, Stieler; ein bisgen Göthe IV 3, 19, 5
W.; etwas, ziemlich
u. s. w. i)
als antwort ist u., gern
gegenüber, kaum fest entwickelt. k)
subst.: u. hilfft nicht, macht ubel arger Wander 5, 1782; du sahst ja .. mit wie viel schmerz und zwang und ungern (
grosz geschrieben) ich dir willfuhr Schiller
br. 1, 6; das gern oder u. kommt nicht in frage; ungerneres hette nie Rinaldo was verrichtet D. v.
d. Werder
ras. Rol. 33; nichts ungerneres Stieler, Frisch, Staub - Tobler; das ungernste, was ich thue. 44)
gth. v. gern 4,
unvorsätzlich, unabsichtlich, nicht mit fleisz; der grundbed. gegenüber abschwächung, aber alt (Bosworth - Toller 1111
a, 2);
ἀβούλητος Decimator, Garth; net gern
unabsichtlich Fischer
schw. wb. 3, 422, 2: ob du nu eyn wenig zu viel nemest unwissend und ungerne Luther 15, 297, 9
W.; Comenius
ja nua 280; Klinger 1, 66; folgend unlöschbarem durste, gelangt' er zur welle des bornes, armer! und sah ungern, was zu erschauen nicht ziemt A. W. Schlegel
Athenäum 1, 135; so wisse nur, dasz wir u. gefehlt haben Schleiermacher
Plat. 6, 89.
in neueren beispielen mit vorliebe nach bed. 1—3
umgebogen. 55)
gth. v. gern 5 (6),
nicht aus freien stücken, unfreiwillig, gezwungen: dieweil sie es u. thuon, werden sie ubel dar zuo geschlagen Agricola
sprichw. Cc vii
b; Tschudi 1, 45; es ist aber ein herter zwang, das der mensch ungern on sein danck musz eygen sein und underthan B. Waldis
Es. 1, 181
K.; wenn sie ungerne verlassen sollen, wobey sie gerne länger geblieben wären Chr. Wolff
v. d. m. thun 305;
im bilde (
vgl. 3): die erde trank ungern der enkelsöhne blut Schiller 15, 1, 34.
undeutlich gegen 3
abgegrenzt: nur u. fügte sich E. in die forderung Ranke 1, 280.
zur syn. s. 3. 66)
gth. v. gern 8,
von thieren, pflanzen u. s. w., sowie von naturereignissen, um das gth. oder den mangel einer vorliebe, neigung auszudrücken: wenn auch der künig vil seind, so bringen sye (
die bienen) die u. umb Eppendorff
Plin. 11, 185; es henckt sich das quecksylber .. ongern an das sylber Münster
cosm. 10; kein ärger erdreich ist ... dann es laszt sich u. erbawen Sebiz 24; Lehman 1, 227; wo gotteshäuser sind, da nisten an den wänden nicht ungern, wie man sieht, sich diese vögel ein Hoffmannswaldau-Neukirch 2, 163.
so noch heute. 77)
gth. v. gern 9
von erfahrungstatsachen '
in der regel nicht, selten'
; oft von 6
kaum zu unterscheiden: wie u. auch der allt schlauch diessen weyn fasset, jah auch nicht fassen und hallten kan Luther 10, 2, 325
W.; was in die höhe geimpffet wurt, das bekleibt ungern Herr
feldb. 69
b; nicht u. gehen sie den bischof vorbei und wenden sich an den papst Ranke 1, 170. 88)
gth. v. gern 10 '
schwer, mit mühe, kaum, schwerlich'.
vgl. nicht gern, nie gern:
ahd. nals ungerno
haud difficulter Graff 4, 234; dann es (
geschmolzenes metall) gar u. fleuszt Paracelsus 2, 550; jede sprach .. laszt sich u. in ein andere sprach bringen ohn abgang Xylander
Pol. 6; u. heilen Graff
a. a. o.; Gäbelkover 2, 97; ungernheylsame geschwAer Sebiz 95;
difficulter movetur es geht u. Schönsleder t 8
a; '
die fahrbahn ist schlecht' Staub-Tobler 427; ihre handlung verträgt u. dramatische ausarbeitung der charaktere Freytag 14, 40; die leute ... lassen sich ungerne (
nicht leicht) irgend eine gelegenheit zu taktlosigkeiten .. entgehen
jahrb. d. Grillparzerges. 6, 53; das messer haut schülich u.
schneidet sehr schlecht, ist stumpf Staub - Tobler
a. a. o. schriftsprachlich heute wohl regelmäszig umgedeutet. 99)
wie selten 2, kaum 2, schwerlich 2 b
η zur vertretung der negation, '
fast nie, wohl in keinem falle, wohl nicht'
u. dgl. vgl. den iron. gebrauch 3 h: Hartmann
Iw. 1041; Walther 54, 22; Suso
d. schr. 76, 14
B.; wann das wär, das got nit wöll, das ich in müst on schuld begeben, so wölt ich fürbas ungern leben Hätzlerin 117
a; unsz ist angeboren ein glaubhafftigkeit und einfaltigkeit, das wir meinen, andere wolten unsz so ungern betriegen, als wir sie nit wolten laichen Eberlin v. Günzburg 1, 80
ndr.; veraltet. 1010)
in verb. mit gern.
s.gern 7: so gerno so ungerno Notker 2, 476, 9
P.; wolten sie nicht gerne, so musten sie mit unlust und ungerne Bütner
epitome 465
a; gern oder u. Weckherlin 2, 236
F.; Hohberg 1,
a ij; Schiller 1, 256; Hebel 2, 159, 1
B.; Ranke 14, 33; Scheffel 2, 97;
vgl.gern oder nicht; gern und u. Lehman 2, 680; wir müssen .. gestehen, das wir diese unvollständigkeit fast eben so gern als u. bemerkt haben Lessing 7, 15, 28; theils gern, theils ungerne Kortum
Jobs. 3, 107; gern oder doch nicht u. Fontane I 4, 156
u. ä. —