trostgrund,
m. ,
ein erst in der zweiten hälfte des 17.
jhs. aufkommendes und dann (
nicht ohne inneren grund)
mit der aufklärung besonders häufig werdendes compositum, das gegenüber dem simplex einen allgemeineren, meistens unbestimmteren charakter trägt, auch nur gelegentlich die ganz prägnante, betonte bedeutung '
ursache eines trostes'
zeigt. seine sonderstellung gegenüber dem einfachen trost
besteht in der möglichkeit der pluralbildung, so dasz es geradezu die aufgaben des plurals für trost
zu erfüllen hat und daher auch weit überwiegend in der mehrzahl begegnet. der seltene singulargebrauch, bei dem ein ganz bestimmter einzelner trostgrund
genannt oder gemeint wird, ist bedeutungsmäszig gegenüber dem einfachen wort schon als umschreibung etwas abstrakter; ähnlich meint es, in der philosophischen sprache der aufklärung, wohl auch folgende definition: eine vorstellung in abstracten ideen, welche einen schmerz wenigstens gewisser maszen zu stillen fähig ist, heiszt ein trostgrund Chr. A. Crusius
kurzer begriff d. moraltheol. 2 (1773) 1075. 11)
im religiösen bereich: o des leidigen trostes! wer darauff bauen will, der bauet auff triebsand; von einem andern trostgrund werden wir hören in folgender predigt Dannhawer
catech.-milch (1657
ff.) 6, 485; (
predigt von der vergebung der sünden) ich gestehe zwar, dasz die biszher angeführten trostgründe göttlich, fest und unbeweglich sind, dennoch empfinde ich
noch keinen trost, sondern lauter schrecken, furcht und angst ... meine sünde ist immer vor mir Christian Scriver
seelenschatz11 (1737) 1, 310
a; so gewisz es ist, dasz auch in diesen umständen die heil. schrift einem christen viel stärkere trostgründe geben kann, als die vernunft Gottsched
in: d. neueste a. d. anmut. gelehrs. (1751
ff.) 6, 518; alle trostgründe der religion ... waren bei meiner empfindung ungültig Gellert
s. schr. 4, 213; die religion ... hat mächtigere trostgründe (
als die vernunft) solche wunden zu heilen L. A. Gottschedin
briefe (1771
ff.) 1, 280
Runkel; sein hauptsächlichstes augenmerk ist ... aus der religion trostgründe ... gegen die ... lasten des lebens aufzustellen
allg. dtsche bibliothek (1765
ff.) 56, 451; ich war vor kurzen ganz heimlich krank, weil ich kein freund von erbaulichen trostgründen bin Heinse
s. w. 9, 22
Schüddekopf; der ... geistliche ... hielt ... eine predigt über die trostgründe, welche der leidende aus der hoffnung eines künftigen bessern lebens schöpfen könnte. er ... bewies, dasz dem mancher trostgrund fehlen müszte, welcher an der unsterblichkeit der seele, und an dem künftigen leben zweifelte Fr. Chr. Laukhard
leben u. schicksale (1791
ff.) 3, 441; du hast die trostgründe der güte meines schöpfers ... wieder in meine seele gerufen Sophie v. Laroche
gesch. d. frl. v. Sternheim (1771) 2, 231; ich kenne trotz meines heidenthums alle lehren und trostgründe ihres frommen glaubens Gottfried Keller
nachgel. schr. (1893) 310
Bächtold; vgl. noch Schubart
leben u. ges. 2, 156; Caroline Pichler
denkw. 1, 141; Joh. Fr. Ferd. Delbrück
dtsche sinnverwandte wörter (1796) 78. 22)
in bestimmten situationen wie unglück und armut, krankheit und abschiedsschmerz: Climenen soll ich verlieren! und sie sagen mir den grausamen trostgrund vor, mein vater werde mir nichts schlechtes ausgesucht haben! v. Cronegk
schr. (1771) 1, 41; gefährten seines unglücks haben mag andern meinethalb ein schlechter trostgrund seyn Göckingk
ged. 1 (1780) 152; (
als überschrift) trostgründe bei dem zunehmenden mangel des geldes J. Möser
s. w. 1, 249
Abeken; ich fühle mich verbunden ... meine patientinnen mindestens mit wohlthätigem zuspruch und bewährten trostgründen zu versehen
Tiefurter journal in: schr. d. Götheges. bd. 7, 332; phantastische trostgründe (
während einer krankheit bei geldmangel) schlugen bei mir nicht an, und im reiche der wirklichkeit fand ich keine Laukhard
leben u. schicksale (1791
ff.) 2, 238; es (
mein weib) weinte und ich weinte, eins wollte das andre trösten, aber unsere trostgründe waren so wenig erheblich, und jedes traute den seinigen selbst so wenig, dasz sie unsere thränen nicht stillten (
in armut) Gotthelf
ges. schr. (1855
f.) 5, 12; diese und ähnliche trostgründe beruhigten das kind nach und nach über die trennung von Mathias Holtei
erzähl. schr. 6, 103;
vgl. auch 36, 86; die schonung und humanität, mit welcher sie mich behandelt hatten, war einer der trostgründe, welche mich aufrecht erhielten, als mir die anstellung abgeschlagen wurde Grabbe
w. 4, 364
Blumenthal; der alte glaubte selbst nicht an seine trostgründe, wenn er ihr beweisen wollte, Apollonius könnte nicht verunglückt sein Otto Ludwig
ges. schr. 1, 313
Schmidt-Stern. besonders häufig bei schmerz um einen verstorbenen: so habe doch durch dessen ... werthes condolenzschreiben eine ziemliche erleichterung bekommen, weil mich nicht allein sein hertzliches beyleid, sondern auch die trostgründe sehr wiederum befriediget Menantes
allerneueste art höf. u. gal. zu schreiben (1718) 178;
in der aufklärungszeit in gedichtüberschriften: grösze des kummers eines vaters, bey dem verluste eines hoffnungsvollen ... sohnes, nebst den kräftigen trostgründen dargegen Triller
poet. betrachtungen (1750) 5, 372; trostgründe für Clemens wegen dem tode Theodors Lichtenberg
nachlasz (1799) 129;
ähnlich: betrachtungen über den tod und trostgründe der alten wider die schrecken desselben
allgem. dtsche bibl. (1765
ff.)
anhang zu bd. 25/36, 960; wer sich vor dem tode wirklich nicht fürchtet, wird schwerlich davon mit so vielen kleinlichen trostgründen gegen ihm zu reden wissen, als hier Montaigne beybringt Lichtenberg
verm. schr. (1800) 2, 284; lassen sie sich das, was sie (
die verstorbene schwester) noch gegen das ende für sie gethan, bey diesem verluste zu einem trostgrunde dienen, den die entfernten freunde entbehren Göthe IV 23, 50
W.; ich will sie nicht mit kahlen, frostigen tröstungen betrüben, die nur allzusehr ein kaltes fühlloses herz verrathen, nein, ich will mit ihnen über den verlorenen edeln weinen, denn sein verlust ist unersezlich und für trostgründe zu grosz Schiller 1, 103
G.; sie (
die sterbende mutter selbst) hat für Julie ... die liebreichsten trostgründe Holtei
erz. schr. 27, 104; wenn der gegenstand der liebe aus diesem leben entrückt ist, so empfindet das herz oft eine unermeszliche vereinsamung. trostgründe sind da unrecht angebracht, sie füllen die leere nicht aus; aber liebe, die uns entgegenkommt, verhüllt doch wenigstens den abgrund Stifter
briefwechsel 3, 84; die menschen, wenn sie einander über den verlust geliebter personen trösten wollen, borgen diese trostgründe gewöhnlich von den attributen des nichts Hebbel
tagebücher 2, 329
Werner; obwol er ... condolirt hatte, sprach er jetzt doch wieder ... sein bedauern aus über das unglück ... indem er die gewöhnlichen trostgründe anfügte, die man auf dem lande zu wiederholen nicht müde wird Melchior Meyr
erz. aus d. Ries 2 (1868) 292. 33)
allgemeinerer gebrauch: man musz mit geistlichen und weltlichen trostgründen dem elende mächtig widerstehen Chr. Weise
polit. redner (1677) 505; es ist ein glück für die guten scribenten, dasz sie sich selbst so artig zu trösten wissen; aber ich befürchte, diese trostgründe werden, zur zeit der anfechtung, den stich nicht halten Liscow
samml. sat. u. ernsth. schr. (1739) 480; der gemeine mann bedarf nicht den zehnten teil der trostgründe wider tod und unglück Justus Möser
w. 5, 37
Abeken; (
als überschrift:) über mancherley ... bekümmernisse in diesem leben und die trostgründe dagegen
allg. dtsche bibl. (1765
ff) 64, 393; man kann wirklich bisweilen durch trostgründe die nicht genau treffen, den kummer nur unüberwindlicher machen Lavater
geheimes tagebuch 2 (1773) 25; noch der abgelebte greis sucht aus den entferntesten dunkelsten winkeln seines gedächtnisses trostgründe hervor, um sich über sein leben zu beruhigen L. Tieck
schr. (1828
ff.) 9, 154; ich rede von einer betäubung, worein wir zuweilen verfallen, wo gleichsam das vermögen, uns an unsre groszen und gewohnten trostgründe zu halten, in uns erstirbt G. Forster
s. schr. (1843) 7, 213; was helfen trost- und beruhigungsgründe, über welchen beständig das Damoklesschwert der enttäuschung schwebt Schopenhauer
w. 5, 358
Grisebach. 44)
bezeichnend für den allgemeinen und verschwimmenden sinn des wortes sind bestimmte häufig wiederkehrende verbindungen wie allerlei, allerhand,
besonders alle trostgründe
u. ä.: o freund, bedaure doch Alcesten, ... ihn, der sich laut durch manchen trostgrund lehrte, und doch sein herz viel lauter seufzen hörte Gellert
s. schr. (1784) 1, 216; nach dem ersten schreck, der nun allmählig vorüberging, fand die baronin manchen trostgrund in der nähe und in der ferne, den sie ihrem gemahl mittheilte Hippel
s. w. 8, 23; sie freuten sich jedoch des friedens, obgleich in sorge wegen einer anderen drohenden gefahr ... doch lieszen sich allerlei trost- und hoffnungsgründe beibringen Göthe I 25, 111
W.; vergebens suchte ich ihn durch allerhand trostgründe zu beruhigen Immermann
w. 10, 36
Boxberger; vgl. auch 7, 157; die alte freundin ... erschöpfte sich in einer menge von trost- und gleichgültigkeitsgründen, die alle auf eine sehr leichte ... ansicht vom leben hinausliefen Gutzkow
ritter v. geiste (1850
ff.) 2, 385; dergleichen und noch mehrere trostgründe sagten wir ihr
Holston u. Augusta (1780) 37; was helfen aber alle trostgründe gegen die schmerzen getrennter liebe Hegner
ges. schr. 2, 258; ich meinerseits ... rief mir (
beim anblick von räubern) alle trostgründe und regeln ins gedächtnis zurück, die mir von jeher meine freunde ... auf den fall in treue verwahrung gegeben hatten Jung-Stilling
s. schr. 4, 237;
vgl. auch 6, 247; die seele scheint mit fleisz nach allem zu haschen, was sie in noch tiefere verfinsterung stürzt, und vor allen trostgründen mit rasendem widerwillen zurückzuschaudern Schiller 1, 167
G.; endlich, da alle trostgründe niedrer schicht nichts helfen wollten, wählte er als letzte arznei die fügungen des himmels Immermann
w. 5, 82
Boxberger; alle trostgründe ... waren eben so vergeblich, als der eigene schwächliche versuch, sich selbst zu überzeugen, dasz man wohl schon etwas schlimmeres durchgebissen habe Raabe
Abu Telfan (1870) 81.
allgemein sentenzartig: einem freunde sein herz entdecken und sein mitleiden sehen, beruhigt oft mehr, als alle trostgründe Gellert
s. schr. 3, 324; das gefühl überlebt die einsicht, wie der schmerz die trostgründe Jean Paul
w. 59/60, 64
Hempel. bei der entsprechenden negation begegnet auch der singular: (
klage über die ungerechtigkeit der welt) kein öl für meinen schmerz, kein trostgrund für mein leid, und meine zukunft schwarz, so wie mein trauerkleid Hippel
s. w. 7, 299; hier ist genug, wenn wir wissen ... dasz kein trostgrund stark genug war, ihn der jenseitigen seligkeit zu versichern Ranke
s. w. 35, 114. 55)
entsprechend von trost III 5,
wo jeder umstand, jede handlung, ja jeder gegenstand trost gewähren kann, mit den verschiedenartigsten subjekten; hier also meist singulargebrauch; die situation selbst ist für den sinngehalt oder die verwendung des wortes ganz nebensächlich geworden: 5@aa) mit diesem trostgrund wagt ichs denn, die dritte schwester zu bestehn J.
F. Ratschky
ged. (1785) 136; der listige kapuziner war seines mannes zu gewisz, um bey diesem trostgrunde etwas zu wagen Schiller 8, 141
G.; ein andrer trostgrund gegen die ... unverständlichkeit des Athenaeums liegt schon in der anerkennung selbst Friedr. Schlegel
im Athenäum (1798
ff:) 3, 349; so kam mir jüngst ein trostgrund her von einem guten Christen: sie (
meine lieder) seien in sich selbst musik und brauchten nicht das tongequick; der trostgrund soll mich fristen Fr. Rückert
w. 7, 158
Sauerländer; trotz so heller einsicht in die mängel des beschlossenen fand der gutmüthige mann bald wieder einen trostgrund Treitschke
hist. u. polit. aufsätze (1886
ff.) 1, 172. 5@bb)
rein gegenständliches subjekt: einige tage gab man sich mit allerlei gedanken zufrieden, und das bild gab einen so schönen trostgrund Fr. Creuzer
an Karoline v. Günderode (1805)
bei Preisendanz
d. liebe d. Günderode 201; fruchtlos, dasz er an den pfühl, wie an einen letzten trostgrund, sich mit beiden händen klammert Immermann
w. 12, 94
Boxberger; 66)
trost der philosophie, der poesie u. ä.: hierauf lieszen es die gottesfürchtigen nicht an betrachtungen, die philosophen nicht an trostgründen, an strafpredigten die geistlichkeit nicht fehlen Göthe I 26, 42
W.; wenn man ... den geist durch sittliche trostgründe beschwichtigt hatte, so wechselten doch immer hoffnung und sorge, verdrusz und scham in der schwankenden seele
ders. I 33, 102; innerhalb der ästhetischen geistesstimmung regt sich kein bedürfnisz nach jenen trostgründen, die aus der speculation geschöpft werden müssen Schiller
briefe 5, 27
Jonas; mit eben dem fleisze sammelten dichter und moralisten, was ihnen vernunft und phantasie von trostgründen darbeut, damit sie sich und ihren zeitgenossen das zu erwartende letzte stündlein versüszen Joh. Georg Jacobi
s. w. 6, 96; zogen sie aus der logik trostgründe gegen das podagra? J. J. Chr. Bode
Montaigne (1793
ff.) 3, 375; vergebens bot ihr ihre vernunft alle trostgründe dar, sich über ein verhängnisz zu beruhigen, das sie weder hätte vorhersehen, noch ihm hätte entgehen können Sophie Mereau
Kalathiskos (1803) 2, 114; dichterische trostgründe Holtei
erz. schr. 7, 101; ich rathe ihnen herzlich, einen genügenden vorrath philosophischer trostgründe einzulegen W. Raabe
schüdderump (1870) 3, 231. 77)
der nachdruck liegt bedeutungsmäszig auf dem zweiten bestandteil des wortes; der bedeutungsgehalt des trostes selbst ist ganz verblaszt: auf beweise und trostgründe zu hören, ist nur dem schon verringerten affekte möglich A. G. Meiszner
skizzen (1778
ff.) 1, 17; wir befürchten, dasz in diesen trostgründen ('
grundsätzen') mancher eher aussprüche des skepticismus, als positive weisheit finden werde Hegel
werke (1832
ff.) 16, 215;
etwas konkreter in der bedeutung '
trostmittel': (
als überschrift:) trostgründe wider eine bittere recension G. Chr. Lichtenberg
aphorismen 2, 111; nun wollen wir setzen, die priester und leviten hätten dem verfluchten menschen (
gotteslästerer) unterschiedliche trostgründe und hertzensstärckung (
für ihre verstockung) beigebracht J.
M. Meyfart
d. hellische Sodoma (1640) 1, 116.