stechbahn,
f. ,
turnirplatz. unter dem einflusz des niederd. stekebân
findet sich auch ein seltenes stechebahn: ichteswelke van der herschop steken up deme markede scharp unde de stekebane was umme beplantet (
lies beplanket) mit breden unde gestrouwet mit sande
Lübecker chronik 2, 406. 11)
für das mittelalter ist das wort nicht zu belegen; es scheint vielmehr erst unter dem eindruck von kaiser Maximilians ritterlichen bestrebungen sich den boden gewonnen zu haben: also zogen sie ab von der stechban
nachtbüchlein (1559) 59 Bolte; und o schaffet, dass mein arm bald verbunden werde, dann mich verlanget zu sehen, was sie auf der
stechebahn zu Kyrene vor händel machen werden Bucholtz
Herkuliskus und Herkuladisla (1665) 1014; (
bewunderer und anbeter), die bereit sind für ihre damen nach alter sitte auf der stechbahn das leben aufzuopfern Musäus
volksmärchen 3, 45 (
Richilde); die zirkelrunde stechbahn, in welche die ritter eingeschlossen werden, nebst der amphitheatralischen erhöhung ringsumher mit unzähligen zuschauern angefüllt, der schauerlichen backofengestalt zu vergleichen
ebenda 2, 34 (
der geraubte schleier); doch tummelten sich die ritter schon wacker auf der stechbahn herum
ebenda 2, 48 (
stumme liebe); ihr guten fräuleins, laszt diesen albernen schauer, der euch so übel als einem muthlosen knaben zu gesichte steht, der seinem ritter auf der stechbahn das schild vortragen soll Thümmel
reise 3, 490; ihn kann auf der stechbahn kein ritter bestehen
allgemeine deutsche bibliothek 96, 184; seit die ausbildung des reisigen mannes für sport und turf der stechbahn hauptsache wird, ist seine brauchbarkeit im kriege auffällig verringert Freytag 19, 30 (
bilder 2, 1); vielleichte wil er auf den plan ein ritt thun auf der
stechebahn Dedekind
christl. ritter (1590) 82
b (5, 4); bald langt mit Rezia herr Hüon vor den planken der stechbahn an Wieland 23, 297 (
Oberon 12, 83).
doch dieser blutige ernst, der aus unserm wort hervorleuchtet, feiert doch mehr nur ein litterarisches leben. die wirklichkeit kannte nur noch harmlose reiterspiele auf der stechbahn, mehr geeignet die geschicklichkeit im reiten zu zeigen als das leben von rosz und reiter zu gefährden, und gestochen wurde nach dem kopf oder schild einer puppe, die drehbar dem ungewandten stecher leicht einen schabernack spielen konnte, nach einem ringe (
s. ring 2
a, th. 8,
sp. 987, ringelrennen
sp. 999
und ringrennen
sp. 1013; ringelstechen
sp. 1000
und ringstechen
sp. 1015;
s. auch unten stechen
verb. 1
e)
und dergleichen: stechbahn
arringo, lizza, campo, steccato da correre la chintana Kramer
dict. 2 (1702), 919
b; stechbahn
hippodromus (
so ungefährlich wird das vergnügen!) Steinbach 1 (1734), 62;
curriculum; locus, ubi certant, qui annulum lancea petunt Frisch 2 (1741), 324; '
der lange ebene platz, wo man mit lanzen zu pferde nach einem aufgesetzten oder aufgehängten ziele zur lust stach' Heinsius 4, 758
a; die graue stechbahn trank der rosse schweisz Pfeffel
poet. versuche 4, 100. 22) stechbahn
als straszenname, besonders in residenzstädten, eine erinnerung an das vorige; am bekanntesten die stechbahn,
ein bogengang am schloszplatz zu Berlin Heinsius 4, 758
a; er sank, als es anfieng dunkel zu werden, beynahe ohne es selbst zu wissen, unter dem bogengange der stechbahn in einem winkel trostlos nieder Nicolai
Seb. Nothanker 2, 41. (
vgl. auch Alexis
Roland von Berlin 127,
Reclam, und siehe weiteres unter 4).
doch auch andere städte haben ihre stechbahn,
so Celle an der Aller, ja sogar das kleine waldecksche städtchen Corbach eine
stechebahn (Bauer-Collitz
waldecksches wörterbuch 174). 33)
auch der kampfplatz des merkwürdigen kampfläufers oder streitvogels (
totanus pugnax),
dessen männchen sich vor der paarungszeit täglich mehrere male duelliren, wird die stechbahn
genannt Naumann
bei Brehm
thierleben 6, 25
Pechuel-Lösche. 44) unter der stechbahn
zu Berlin wohnte der buchhändler und litterarische intrigant Friedrich Christoph Nicolai (à monsieur, monsieur Nicolai, libraire très renommé unter der stechbahn in seinem hause Lessing 17, 236),
und so kommt es, dasz unser wort an dem mummenschantz theilnimmt, welcher mit diesem manne von seinen gegnern gespielt wird: lust ..., dem ritter von der stechbahn die hosen, die bunten hosen, angesichts des ganzen ehrsamen publici abzuziehen, damit er dastünde so nackt und blosz wie er von mutterleibe kommen ist Goeckingk
an Bürger 15.
nov. 1776 (
des letzteren briefe 1, 362
Strodtmann); den spaszvogel unter der stechbahn hab ich einstweilen ein bissel gezwiebelt Bürger
an Sprickmann 26.
dez. 1776 (1, 382
Strodtmann)
und mit deutlicher beziehung auf Goeckingks
brief: Fips Buntjack von der stechbahn! halt hos und athem recht an! 383.
vgl. auch noch 1, 386.
im spott über Nicolais allgemeine deutsche bibliothek: dürft nur die allgemeine bibliothek lesen; ich, lieber vater, arbeite dran, wie euch, wenn ihr wolt, der artikel: schöne wissenschaften, beweisen kann. bin sehr bekant auf der stechbahn. da hau' ich euch die grossen geister, Göthe, Wieland und Lenz zusammen Schinck
marionettentheater (1778) 117; (
das wort ist hier wie im folgenden bald fett, bald gesperrt gedruckt.) mögen sie nun immer ihren rachen gewaltig drüber aufsperren im ton der bibliothek, die da geschmiedet wird auf der stechbahn 123; so möcht' ich doch nicht um aller welt willen euch glauben machen, als wär' ich etwa'n so'n lüftiger gesell von der stechbahn, dem's zeitvertreib wär' in groszen pasquillen die Goethe und Lenze zu blaffen an 121.
sogar ein adjectiv stechbahnisch erscheint: doch komt, ich mus euch ein neues stück vorlesen aus der stechbahn'schen fabrik, es ist der klein fein almanach 118. (
Nicolais feiner kleiner almanach, besonders gegen Bürger gerichtet, war 1777
und 1778
in zwei theilen erschienen.)
es wird durchaus zum litterarischen schlagwort; so warnt Georg Christoph Lichtenberg: steht irgend einmal ein kenner in einem journale oder einer zeitung, die in höheren wissenschaften credit hat, auf, und redet die wahrheit, so nennt es die menge in stolzer bequemlichkeit, intrigue der stechbahne oder gelehrte pedanterey
verm. schriften 4, 117. 55)
im zusammenhang mit dem vorigen bewegt sich: ein kunstrichter, der das wehrlose gesindel der krüppel und lahmen abwürgt, die sich jetzt so dreiste auf die literarische stechbahn wagen Musäus
volksmärchen 1, 83 (
Melechsala).
wohl angeregt durch das vorige kommt J. Paul
zu einer neuen verwendung: übrigens führte er seinen Viktor mit keinem pedantischen marschreglement auf die eisbahn und stechbahn des hofes
werke 7, 230 (
Hesperus 1),
um die gefahren, noch mehr die intrigen des hoflebens dahinter zu verstecken. 66)
in Berlin die stechbahn
obscöne bezeichnung der vulva, genauer der vagina (
schriftliche mitteilung von dr. Wagner
aus Pöszneck)
vgl. dazu unten stechen
verb. 20.