wurm,
m., n. ,
kriechtier; schlange, drache; wurm (
vermis),
made, raupe; käfer, insekt. herkunft und form. das wort ist gemeingerm.: got. waurms '
schlange' (
s. W. Schulze
kl. schr. 571);
an. ormr '
schlange, drache',
nisl. ormur '
wurm, schlange',
norw. schwed. orm '
schlange',
dän. orm '
wurm, made'
; ae. wyrm '
reptil, schlange, drache, wurm',
ne. worm '
wurm, made, raupe'
; afries. wirm '
wurm' (
nur bei Holthausen
afries. wb. 130),
fries. wjerm '
wurm'
; mnl. worm, wurm '
wurm, insekt, schlange, drache',
nnl. worm '
wurm'
; as. wurm '
wurm, insekt, schlange',
mnd. worm '
wurm, wurmartiges geschöpf, schlange'
; ahd. mhd. wurm '
kriechtier; schlange, drachewurm; insekt'.
dazu ahd. wormo
und pl. worma '
vermi; culus (=
color purpureus)',
fries. worma,
ae. wurma, wyrma, '
purpur'
s. Kluge
nom. stammbildungslehre § 64
anm. 1; Schatz
ahd. gramm. § 13. wurm
ist mit mi-
formans zur schwundstufe der idg. wz. er- '
drehen, biegen, sich winden'
gebildet. auszerhalb des germ. ist identisch: lat. vermis (<
*ormis;
gemeinsame grundform * mis),
vgl. ferner böot. eigenn. Ϝάρμι-
χος,
aruss. vermie '
gewürm' (<
*vьrmьje Trautmann
bsl. wb. 343),
klruss. vermjanyj '
wurmfarben, rot'
und ablautendes gr. ῥόμος (
σκωληξ Hesych),
lit. varmas '
insekt, mücke',
apreusz. wormyan, warmun, urminan '
rot',
s. Walde-Pokorny 1, 271. —
zur synonymik in den idg. sprachen vgl. die aufstellung bei Buck
dict. of selected synonyms (1949) 193
f. (3. 84. worm)
und 194
f. (3. 85. snake).
senkung des stammvokals (u > o)
ist für das nd. sowie für teile des angrenzenden md. gebietes seit frühmhd. /
mnd. zeit nachweisbar: wormen (
dat. pl.,: worden) Lamprecht
Alexander (
Straszburger hs., rheinfränk.) 4072
K. (
aber: wurmes 1301
im versinnern); worm (:storm) Brun v. Schonebeck
d. hohelied 2778
F.; (:storm) Heinrich v. Neustadt
gottes zukunft 2317
S.; des Matthias von Beheim evangelienbuch 94
B.; (1381)
Magdeb. weichbildrecht 51 (§ 139)
W.; (15.
jh. anfg., rhein.-md.)
mhd. minnereden II 26, 20
Th.; (1433)
cod. dipl. Lusatiae sup. 2, 420;
hs. d. erlösung (15.
jh. md.) 940
B.; Diefenbach
gl. 12
c; 493
c; 551
b;
nov. gl. 241
a; 317
a aus md. vokabularen des 15.
jhs.; mlat.-hd.-böhm. wb. 282;
Alsfelder passionsspiel 144
Gr.; Pfolspeundt
bündthertznei 9
H.-M.; (1517,
Anhalt-Leipzig) Trochus
voc. rer. prompt. H 6
b; Agricola
sprichw. (1530)
nr. 208; Luther
w. (1521) 7, 567; (1528) 28, 80;
pl. wOerme (1543) 53, 616;
tischr. (1530—1535) 1, 413; 6, 81
W. (
neben vorherrschendem wurm).
während die o-
form nach Luther
in der schriftsprache gänzlich zurücktritt, ist sie in den neueren maa. —
zumal im nd. und md. —
weithin bewahrt. sie gilt (
landschaftlich zu woarm, waorm
diphthongiert)
in Oldenburg, [] Westfalen, Göttingen, dem Nordharz und Schleswig-Holstein, weiter östlich in der Altmark, Mecklenburg, Vorpommern und dem nd. teil Ostpreuszens. daran schlieszt sich im süden ein breiter md. worm-
streifen: Düsseldorf, Barmen-Elberfeld, Siegerland, Aachen, Trier, die Pfalz, Handschuhsheim/Heidelberg, Darmstadt, Ober- und Niederhessen, Kassel, Sachsen, Nordböhmen, Schlesien, das Samland. doch reichen die formen noch in das nördliche (
ostfränk. und badische)
grenzgebiet des obd. hinein (
Stadtsteinach /Bamberg, Henneberg, Taubergrund, Rappenau, Nordwestschwaben).
auch in teilen der Schweiz (
Bündner herrschaft, St. Galler Rheintal, Appenzell, Kesswil/Thurgau)
sowie in der Baar (
südwestschwäb.)
ist die senkung u > o (
vor r +
konsonant)
eingetreten, vgl. Jutz
alem. maa. 89.
demgegenüber besitzt die schriftsprachlich durchgedrungene u-
form ihr mundartliches kerngebiet im obd. (
Steiermark, Kärnten, Tirol, Österreich, Bayern, Nürnberg, Taubergrund, das hauptgebiet des alem. [
Schwaben, Schweiz, Elsasz]).
sie erscheint darüber hinaus in teilen des md., insbes. im westmd. (
Lothringen, Luxemburg, Eifel, Siebenbürgen, Hessen, Siegerland),
vereinzelt auch im ostmd. (
Nordwestböhmen, Ostpreuszen).
auf nd. boden haben das westfäl. (
Soest, Hahlen)
und Waldeck, ferner im äuszersten nordwesten das ostfries. (
z. t. diphthongische) u-
formen. zwischen den auslautenden konsonanten -rm
kann sich im ahd. (
zeugnisse seit dem 8.
jh.)
ein sproszvokal entfalten (
vgl. Reutercrona
svarabhakti im altdt. 123—128
mit reichem material),
jedoch nur auf obd. gebiet, da allein hier svarabhaktibildung zwischen r +
guttural oder labial stattfindet (Braune
ahd. gramm. § 69; Schatz
ahd. gramm. § 117).
im mhd. und frühnhd. nur ganz vereinzelt nachweisbar (pauch burem, moltwurem Diefenbach
nov. gl. 241
a; 347
b aus einem obd. vokabular des 15.
jhs.),
aber in der gesprochenen sprache sicher weiterhin durchaus lebendig, worauf auch das zeugnis der neueren maa. weist: verbreitungsgebiete sind das nordfries. (
Sylt, Helgoland mit würəm, wirəm, wurəm),
das mittelfränk. (wurəm, wūrəm, worəm
im luxembg., pfälz., lothring., nordsiebenbürg.),
das schwäb. (wurəm, wūrəm),
bad. (worəm
Rappenau),
ostfränk. (wūrəm, worəm
im Taubergrund)
sowie das alem. (
z. b. wurəm
Grindelwald, Mutten; worəm
St. Galler Rheintal).
im ostschwäb. und im süden der Schweiz kann der auslautende nasal in schwachtoniger stellung fallen (wūrə
neben wūrəm),
s. Jutz
alem. maa. 240 (
mit genauerer abgrenzung der gebiete); Fischer
schwäb. 6, 989
f. der wandel des auslautenden m > n,
der im ahd. nur flexionselemente ergriffen hatte (Schatz
ahd. gramm. § 273),
erfaszt im mhd. und frühnhd., zumal auf alem. gebiet, auch das stammhafte m
in haupttoniger silbe (Paul
mhd. gramm. § 84, 6; Moser
frühnhd. gramm. 1, 3, § 133, 2,
anm. 5): wurn Rudolf v. Ems
Barlaam und Josaphat 72, 31
K.; Walther v. Rheinau
Marienleben 208, 23
K.; var. d. Heidelberger liederhs. (
Zürich 14.
jh.)
zu Konrad v. Würzburg
kl. dicht. III 25, 1
Schr. sowie zum Marner 14, 288; 15, 161
Str.; Hugo v. Langenstein
Martina (
Basler hs., 14.
jh.) 117, 49
K.; wrn, wurn
voc. optimus (14.
jh., alem.) 42, 45, 46
W.; im reim mit verlurn
noch um die mitte des 15.
jhs. bei dem Württemberger Hermann v. Sachsenheim (
meister Altswert) 232, 28
K.-H. durch ausgleich ist -n
wieder beseitigt worden. die schreibung wurmb (Moser
frühnhd. gramm. 1, § 29, 3)
begegnet mehrfach während des 16. und 17. jhs.: (1567)
österr. weist. 5, 774;
volksb. v. dr. Faust 51
ndr.; Weckherlin
ged. 2, 67
F.; Lehmann
floril. polit. (1662) 1, 382; Abr. a
s. Clara
Judas (1686) 1, 152.
genus und flexion. genus (
s. Grimm
dt. gramm. 3, 362):
neben die ursprüngliche und auch in jüngster zeit durchaus vorherrschende verwendung als m. stellen sich seit dem beginn des 19.
jhs. einzelne fälle n. gebrauchs. sie bleiben auf wurm
in der übertragenen, mitleidig-affektischen verwendung '
armseliges, hilfloses geschöpf (
kind)'
beschränkt (
wofür [] im übrigen vielfach auch das m. eintritt)
und dürften unter der einwirkung n. synonyme wie etwa kind, wesen, geschöpf
stehen (A. Lasch
berlinisch 293
verweist auf die parallele balg,
m. und n.);
vgl. ferner die n. diminutivformen würmchen, würmlein, würmel(e)
in entsprechender verwendung. das n. behauptet sich in der literatursprache des 19.
jhs. (Kleist, Tieck, Holtei, Gutzkow, Freytag, Spielhagen, Fontane, Hauptmann,
s. die belege unter V 5 b
γ und δ sowie Sanders
wb. d. dt. sprache 2, 1681)
und erscheint etwa gleichzeitig in der mundartl. gefärbten umgangssprache einzelner landschaften (
Hessen, Berlin [Glaszbrenner],
Obersachsen, Preuszen, Wien).
eine auch die pluralbildung ergreifende unterscheidung zwischen wurm,
n. '
armer wicht',
pl. würmer,
und wurm,
m. '
vermis',
pl. würme,
wie sie Pfister 1.
erg.-heft 8
für das hess. bezeugt, hat —
wenn überhaupt —
nur sehr eingeschränkte geltung. —
der im 16./17.
jh. mehrfach belegte akk. ein wurm
deutet nicht auf n. gebrauch, sondern ist als lautlich-graphische schwundform (< ein'n)
aufzufassen. pluralbildung: der m. i-
stamm wurm (
pl.: as. ahd. uurmi,
spätahd. uuurme,
mhd. würme,
mnd. worme)
tritt seit der ersten hälfte des 15.
jhs. in die reihe der wörter mit -er-
plural über, der von haus aus nur den n. -iz-/az-
stämmen zukommt, aber schon im ahd. n. a-
stämme erfaszt und im frühnhd. auf masculina übertragen werden kann. die ursachen des flexionswechsels, der für wurm
am ausgang des 18.
jhs. im wesentlichen abgeschlossen ist, sind nicht befriedigend geklärt. jedenfalls erfolgt er unabhängig von der doppelgeschlechtigkeit des wortes (
vgl. über die bedeutung n. nebenformen PBB 27, 221
f.; 243);
denn das n. wurm
begegnet nicht vor dem 19.
jh. (
s. Paul
dt. gramm. 2, 31;
weiteres zur erklärung PBB 27, 253; 38, 223
f.). — er-
formen erscheinen zufrühest in bair.-ostfränk. quellen (Vintler
pluemen d. tugent 9849
Z.; Albrecht v. Eyb
spiegel d. sitten [
Augsburg 1511] 56
a),
sind aber schon in der ersten hälfte des 16.
jhs. auch im alem. (
N. Manuel
todtentanz str. 60
Bächtold)
und im md. nachweisbar (Agricola 750
sprichw. [1534]
nr. 208;
mehrfach, jedoch die zahl der würme-
belege durchaus nicht erreichend, bei Luther,
z. b. w. 15, 50; 33, 327; 41, 528; 47, 248;
tischr. 2, 48
W.).
bis um die wende vom 17.
zum 18.
jh. behaupten die r-
losen formen würme, würm
ein (
ständig schwächer werdendes)
übergewicht. in der ersten hälfte des 18.
jhs. wird der neue plural vorherrschend. die form würme
zieht sich zuletzt ganz auf den dichterischen sprachgebrauch zurück (Uhland, Tieck);
bereits für Adelung 5 (1786) 309
gehört sie der '
höhern schreibart'
an. zu einzelheiten vgl. Molz
die substantivflexion seit mhd. zeit in PBB: 27, 253; 31, 359; Gürtler
zur gesch. d. dt. -er-
plurale in: PBB 37, 527
f.; 38, 81; 91; 223
f.; Kehrein
gramm. d. dt. sprache d. 15.—17.
jhs. 1, 164 (§ 280); Paul
dt. gramm. 2, 32
f. in den heutigen mundarten (
s. Friedrich in:
zs. f. dt. philol. 33, 71)
stehen die beiden pluralformen weithin nebeneinander: -er
gilt im nordfries. (
Sylt, Föhr, Amrum, Helgoland),
nd. (
Schleswig-Holstein, Mecklenburg, Altmark, Nordharz, Göttingen),
md. (
Lothringen, Hessen; Obersachsen, Preuszen),
ostfränk.-nürnberg., schwäb. u. österr. (
Wien, Kärnten); -e
im nd. (
Elberfeld-Barmen, Westfalen, Göttingen, Altmark, Schleswig-Holstein),
md. (
Preuszen, Samland; Aachen, Siegerland, Luxemburg, Trier, Pfalz, Lothringen, Darmstadt, Hessen, Siebenbürgen)
und in weiten teilen des obd. (
Schweiz, Elsasz, Schwaben-Ostfranken, Bayern, Wien, Tirol, Kärnten, Lusern). —
das ostfries. und einzelne nd. maa. (
Schleswig-Holstein)
kennen daneben den -s-
plural. flexivische besonderheiten: im späteren mhd. und frühnhd. tritt an den akk. und nom. sg. vereinzelt ein unorganisches -e:
akk. einen bosen wurme
väterbuch 10 571
Reissenberger; ainen wurme Konrad v. Helmsdorf
spiegel d. menschl. heils 2462
Lindqvist (
beide male im vers);
nom.: ir wúrme
erste dt. bibel 1, 157
K.; wurme (
var. wurm)
voc. incip. theut. Diefenbach
gl. 520
b; Schede-Melissus
[] psalmen 82
ndr. die erscheinung ist auch mnd.: nom. sg. worme (1417
nd.) Diefenbach
nov. gl. 148
b; Veghe
wyngaerden 207
R. —
die form des (r-
losen)
dat. pl. greift im frühnhd. gelegentlich auf den gen. pl. über (
s. PBB 27, 246
anm.): der wuormen (1472) Albrecht v. Eyb
dt. schr. 1, 80; der würmen Paracelsus
opera 1, 98
c Huser; Irenäus
Adam u. Eva (1570) G 3
a; Albertinus
Gusman v. Alfarche (1615) 275; (1639) Mylius in:
ev. kirchenl. 3, 22
F.-T.; Abr. a
s. Clara
mercks Wienn (1680) 57
und noch bei Haller (
nach PBB 38, 223);
s. auch wirmen
als nom. pl. Follmann
Lothringen 550.
bedeutung und gebrauch (
vgl. auch gewürm
teil 4, 1, 4,
sp. 6814
ff.). II. '
kriechend sich fortbewegendes tier; kriechtier, reptil'
; ein nur den älteren sprachstufen eigener gebrauch (
s. Grimm
dt. gramm. 3, 362),
der an häufigkeit und verbreitung hinter den spezialisierenden anwendungen des wortes (wurm
als bezeichnung einzelner arten kriechender tiere wie anguis, draco, vermis)
weit zurücksteht. ob in ihm ursprüngliches nachlebt (wurm '
sich windendes'),
musz zweifelhaft bleiben, umso mehr, als die belege ein dem germ. fremdes, von auszen herangetragenes begriffsschema sprachlich ausfüllen helfen. die anschauung einer natürlichen vierteilung des tierreiches (
nach den vier arten der fortbewegung: laufend —
kriechend —
fliegend —
schwimmend)
ist im alten testament vorgeprägt (
gen. 1, 20—25 [
mit zusätzlicher unterscheidung iumenta/bestiae,
doch vgl. 1, 26];
deut. 4, 17—18:
similitudinem omnium iumentorum, quae sunt super terram, vel avium sub caelo volantium, atque reptilium, quae moventur in terra, sive piscium qui sub terra morantur in aquis)
und lebt als topos im latein. mittelalter fort (
leo rex est omnium bestiarum, aquila cunctarum avium regina esse videtur; cetus universorum est piscium imperator, basiliscus princeps est quorumlibet reptilium et serpentium, Buoncompagno, rhetorica novissima, zitiert nach Schönbach in:
WSB 145, 9, 2).
sprachlich entspricht der lat. vierergruppe bestiae (iumenta) — aves (volucres) — reptilia (serpentes) — pisces
im dt. tier (vieh) — vogel — wurm — fisch.
auch verbale umschreibungen begegnen, bekannt vor allem: (
ich) sach die vische fliezen, ... swaz kriuchet unde fliuget und bein zer erde biuget, daz sach ich Walther v.
d. Vogelweide 8, 32
Kr. (
s. Wilmanns
zur stelle).
mit der bibl. überlieferung hält sich die formelhafte verbindung (wurm
zuletzt wohl verstanden als '
vermis')
bis in die neuzeit hinein lebendig, doch sind nicht immer sämtliche vier glieder im sprachlichen ausdruck verwirklicht, auch schlieszen sich zweierpaare enger zusammen (tiere und vögel
teil 11, 1, 1, 374;
stabend fisch und vogel
teil 12, 2, 391): (
ae.: ne wyrce ge eow ... nane anlicnyssa ... ne fugeles, ne wyrmes, ne fisces Aelfric
deut. 4, 18
Crawford); vuanda in dirro uuerltsconi mit uns puent tier unde uuurme Notker 2, 594, 91; 199, 23 (24); 629, 13
P.; bestie et uniuersa pecora. serpentes et uolucres pennate. vualdtier unde ɐlliu feho. uuurme unde fogele
ders. 2, 603, 13; allez daz lebentich was, ez uluge gienge oder chras, wrm oder tiere die chomen uil schiere
Milstäter genesis 11, 5
Diemer; vgl. 4, 13; 8, 10; 29, 3; diu tier in dem waldeir weide liezen stâ
n. die würme, die dâ soltenin dem grase gân, die vische die dâ soltenin dem wâge vliezen, die liezen ir geverte
Kudrun 389, 2
Martin-Schröder; in elementen vieren vier geschepfde hânt ir leben: in dem lufte ein vogel und in dem wâge ein visch, in dem viur ein wurm und in der erde ein klein tierlî
n. vogeln, vischen, tieren, würmn hât got selch natûre gegeben, daz ein ieglîchz ist in sîner arte frisch der Marner 14, 228
Strauch; [] gotes gebot niht übergât wan der mensche, den er geschaffen hât; vische, vogele, würme und tier hânt ir reht baz danne wir Freidank
bescheidenheit 5, 13
Bezzenberger; tiere vnd wurme in wustung ..., schuppentragender vnd slipferiger fische in dem wage zuwachsung vnd merung
ackermann a. Böhmen 8, 10
Hübner; perg und auch tal, des voglin schal,der visch im wag, all würm und tier, gelaubet mir,was ich euch sag, ... erkent und lobt got Oswald v. Wolkenstein 94, 10
Schatz; meynsschen, beesten, vogele, dieren, vysschen, wormen, was god visieren cuonde und was her ye geschuoef, daz waz al tzo des meinsschen behuoef
mhd. minnereden 26, 20
Thiele; pildnuss in gestalt aines mans oder weibs oder viechs auf erden oder der vogel im lufft oder wurme in der erden oder der visch im wasser Berthold v. Chiemsee
teutsche theol. 591; 177
R.; was auff erd lebet inn gemein, vögel, thier, würme, sampt den vischen (1530) Hans Sachs 1, 436
lit. ver.; die würme, die nur schleichen, die schnellen fisch im meer, das wild in den gesträuchen, der vögel leichtes heer Simon Dach
ged. 429
Öst. die viergliedrige formel noch bei Lavater
physiogn. fragm. (1775) 1, 4 (
zitiert teil 12, 2, 391). —
vgl. zum vorausgehenden die reptile-glossierungen in vokabularen des 14.—16.
jhs. Diefenbach
gl. 493
c;
nov. gl. 317
a sowie im altengl. IIII.
schlange; drache; schlangen-, drachenartiges untier. der gemeingerm. verbreitete, im ahd. und mhd. kräftig entfaltete gebrauch bewahrt in ausläufern bis zum ende der frühnhd. zeit (
zuletzt namentlich bei obd. schriftstellern)
lebenskraft und wirkt in den neueren obd. maa. (
sowie in zuss. und in namen)
noch fort. die nhd. vertretungen der seit alters im wettbewerb stehenden sinnverwandten ahd. slango, tracho
drängen wurm,
das sich nunmehr auf den sinn '
vermis'
und '
made, käfer, insekt'
eingrenzt, in frühnhd. zeit ebenso zurück, wie sie ahd. mhd. unc '
schlange, natter' (>
nhd. unke '
kröte')
und mhd. serpent '
schlange, drache'
zum weichen bringen. die vokabulare des 14./15.
jhs. setzen für lat. draco
bereits fast ausnahmslos drache, trache,
für serpens
nur noch slange (Diefenbach
gl. 191
a; 530
a),
wennschon spuren der alten bezeichnung hier wie noch in den obd. wörterbüchern des 16.
jhs. nicht gänzlich erlöschen (
glossierungen wie die des lat. amphisbaena Diefenbach
gl. 32
a;
nov. gl. 21
b stehen allerdings auch stark unter traditionszwang).
kennzeichnend für die endzeit des wortgebrauchs sind die erläuternden paarformeln schlange und wurm, wurm und drache,
für die sich die belege im 16.
jh. mehren. die dichter der klassischromantischen zeit haben wurm
als bezeichnung des drachen und der schlange neubelebt, doch hat das wort auszerhalb der gehobenen literatursprache nicht wieder wurzel gefaszt. zwischen den anwendungen '
schlange' (1)
und '
drache' (
flügelschlange als fabelwesen) (2)
ist nicht in allen fällen sicher zu scheiden; hier und da bezeichnet das wort wie das mnl. worm (Verwijs-Verdam 9, 2812)
auch nur unbestimmt ein schlangen- oder drachenartiges untier (3).
in eigener tradition steht wurm
als bezeichnung der paradiesesschlange und danach des teufels (4).
in allen diesen anwendungen verbindet sich wurm
mit charakteristischen beiwörtern, wie stark, wild; giftig; vreislich, ungehiure; arg, böse.
ihr fehlen in ahd. zeit bestätigt, dasz sie dem (
vielleicht älteren)
formelbestand der mhd. dichtersprache entstammen, der erstarrt in frühnhd. zeit fortlebt. nach der wiederaufnahme im späten 18.
jh. bleibt wurm
kennzeichnenderweise wieder beiwortlos, abgesehen von der festen verbindung höllischer wurm (4),
für die besondere voraussetzungen gelten. [] II@11) '
schlange, schlangenähnliches tier (
eidechse, molch)';
auch '
frosch, kröte, schildkröte'
; zur synonymik in der älteren sprache vgl. Grimm
dt. gramm. 3, 362: (
got.: sai, atgaf izwis waldufni trudan ufaro waurme jah skaurpjono
ἰδοὺ δέδωκα ὑμῖν τὴν ἐξουσίαν τοῦ πατεῖν ἐπάνω ὄφεων καὶ σκορπίων Luk. 10, 19.
as.: so samo so the glauuo uurm, nadra thiu feha [
sicut serpentes Mt. 10, 16]
Heliand 1877
Sievers).
batis nomen serpentis (
vgl. corp. gloss. lat. 4, 210, 6
Sangallensis 912) uuurm (uurm
gl. K.; Ra.) namo natrun
Pa. (8./9.
jh.)
ahd. gl. 1, 56 (57), 27—29 (
batis uermis nomen serpentis R. 1, 57, 27);
batus (=
batis) uuurm
Pa. ahd. gl. 1, 56, 30 (uurmchunni
gl. K.; Ra. 1, 57, 30);
hedri uurmi
Pa.; Ra. (uuarmi
gl. K.)
ahd. gl. 1, 168 (169), 27; (
attoniti squamis adstantibus)
hydri vurmi (11.
jh.)
ahd. gl. 2, 641, 70 (
Vergilglossen, Georg. 3, 545); (
quinquaginta atris immanis hiatibus)
hydra uvrm (11.
jh.)
ahd. gl. 2, 657, 43 (
Aeneis 6, 576);
coluber uurm (10.
jh.)
ahd. gl. 3, 17, 61 (
gruppenglossar); (
niveis tradit deus ipse columbis pinnatum ...)
colubrum wrm (11.
jh.)
ahd. gl. 2, 594, 3 (
gl. z. psychomachie des Prudentius v. 789);
anguis uurm (11./12.
jh.)
ahd. gl. 3, 454, 18 (
einzelglossar de vermibus); der hirz slindet den uuurm unde ilet danne ze demo uuazzere Notker 2, 153, 20
P.; acuerunt linguas suas sicut serpentes. sie habent iro zunga geuuezzet also uuurme
ders., 2, 581, 8
P.; also Herkuli geskah to er den vuurm slahen solta der grece heizet ydra latine excedra
ders., 1, 272, 15
P.; der wâpenroc gap planken schî
n. ime berge zAgremuntîn die würme salamander in worchten zein ander in dem heizen fiure Wolfram v. Eschenbach
Parzival 735, 25
L.; merket alle drierlei worme, die mit vorgift vechten storme: aspis, tyr und basiliscus Brun v. Schonebeck
das hohelied 2778
Fischer; vil wilder wúrme htent sin (
des pfeffers) biz das ez zitic wirt irchant: so das geschiht, so koment zehant die lant lúte, als si sint gewon, und tribent mit fúre davon die slangin groz die man da siht Rudolf v. Ems
weltchron. 1517
Ehrismann; Idra heizet ein freislich wurm, gegen dem tet er (
Herkules) ouch strîtes sturm: daz houbt er von dem wurme sluoc Ulrich v. Eschenbach
Alexander 9941
Toischer; du scholt auch wizzen, daz die maister etswenn die slangen auch würm haizent Konrad v. Megenberg
buch d. natur 286, 32
Pf.; die sechste keich (
gefängnis) ist wunder reich von würmen, atern, slangen, sleich Oswald v. Wolkenstein 98, 50
Schatz; amphisibea zweihOeptiger wrm
vel slange (15.
jh. anf. obd.) Diefenbach
nov. gl. 21
b;
stellio ('
sterneidechse') sprinkelecht worm (15.
jh. obd.)
gl. 551
b;
nov. gl. 347
b;
lacerta eghedisse, eyn worm (15.
jh. nd.)
nov. gl. 225
b; syne finger ..., mit denen er (
Herkules) die zwen würm zerknistet Steinhöwel
de claris mul. 84
lit. ver.; der salmander ist ein schlang oder ein wurm, der vszwendig des feuers nit leben mag Keisersberg
brösamlin (1517) 2, 45
a; die schlang wert sich nach ihrer art mit stechen, beyssen und dem gifft. dem hund sie grosses leyden stifft. also der hund mit grossem sturm hin und her rucket mit dem wurm (1531) Hans Sachs 2, 275
lit. ver.; die vberwunderbarliche molla, schlange oder wurm, die man salamandra nennet Thurneysser
magna alchymia (1583) 4; sie waren auch in solchen vnsinnigen aberglauben gerathen, dasz sie vberdisz die schlangen vnd gifftigen würme, gleich als der götter boten ... ehreten Schütz
hist. rer. Pruss. (1592) 1, A 3
b;
[] halb todt wir all von dannen flohen, die beede würm daher starck zohen, vnd auff Laocoontem trangen Spreng
Äneis (1610) 27
b; als ich auf die buche gestiegen, wurde ich zweyer würm gewahr, die ich vor zwo erschreckliche schlangen ansahe Grimmelshausen 2, 492
Keller; giftige würmer
vermes venenosi, serpentes, angves, et aspides Stieler
stammb. (1691) 2584 (
s. a. Kramer
t.-ital. 2 [1702] 1407
c); die bösen geister ... unter abentheuerlicher gestalt der schlangen und grossen würme Chr. Lehmann
Oberertzgebirge (1699) 17.
in den neueren obd. maa. zumal des randgebietes halten sich reste dieses gebrauchs; so im schweiz. (
z. b. Friedli
Bärndütsch [
Grindelwald] 2, 201; 217; Clauss
Uri 47; Hunziker
Aargau 304 '
veraltet, aber noch verstanden'),
im tirol. (Schatz 715),
kärntn. (Schlegel
reise durch d. mittägl. Deutschland [1807] 402),
zimbr. (Schmeller-Bergmann 113)
und lusern. (Bacher 236).
zeugnisse aus dem md. und nd. bereich (Crecelius
Oberhessen 926; Mensing
Schleswig-Holstein 5, 689 ['
kreuzotter'])
bleiben dagegen gänzlich vereinzelt. in der gehobenen literatursprache seit dem ausgang des 18.
jhs. neubelebt: dort läge denn also die ausgewachsene schlange. der wurm, der entschlüpft ist, wird zwar mit der zeit auch gift brüten, hat aber doch für jetzt noch keine zähne Bürger
s. w. 300
Bohtz; dann hat er uns bescheidentlich verschwiegen, wie er als kind die otter überwand, die er um seiner schwester arm sich schmiegen, um die entschlafne fest gewunden fand. die amme floh und liesz den säugling liegen; er drosselte den wurm mit sichrer hand Göthe I 16, 177
W.; nachdem sich der wurm ... vor dem fürsten geneigt, führte er ihn an das ufer eines wassers, wo auf seinem nest ... eine übergrosze kröte sasz br. Grimm
dt. sagen (1891) 2, 76; die schlange Empusa in Afrika, die oben ein schön weib und unten ein garstiger wurm ist (1854/55) W. Raabe
s. w. I 2, 317; die bulle schmeiszt er flink hinein (
ins feuer), wie Paulus schlenkert in den brand den wurm, der ihm den arm umwand (1883) C.
F. Meyer
br. 159
Langm. mhd. und frühnhd. schlieszt wurm
als sammelbezeichnung auch '
frosch, kröte, schildkröte'
ein: diu krot ist ain vergiftiger wurm und hat ain schelmig gesiht Konrad v. Megenberg
buch d. natur 295, 26
Pf.; schiltkrot ein wurm ...
cortus, voc. theut. (
Nürnberg 1482) cc 5
a; alle kleine frösch vnd der glichen würm vff der erden oder in wassern vnd fischlin verschlucken sye (
die enten)
Petrus de Crescentiis v. d. nutz d. ding (1518) 142
b; das weyne ich, das mich got so ein feyne creatur geschaffen, nit szo ungestalt wie den worm (
er zeigt auf eine kröte), und ich das nie erkennet Luther 7, 567; 45, 99
W.; diese beyde abscheuliche würme (
kröte u. schlange) Grimmelshausen 2, 483
Keller. II@22) '
drache'
; im ahd. nicht bezeugt (
vgl.: dar ist inne diser zaligo draco [
übergeschr.: traccho], serpens antiquus [
übergeschr.: der alto uuurim] Notker 2, 440, 11
P.).
mit dem heldenepos und der höfischen und geistlichen fabulierdichtung der mhd. zeit setzt sich der wortgebrauch durch, vgl. die zahlreichen belege in den mhd. wbb.: ein wurm wûchs dar inni, der irdranc alli brunni ... der vreissami drachi (12.
jh. anf.)
lob Salomons 5
b, 9 (
MSD 1, 126).
er bleibt bis in das 17.
jh. lebendig: also erlöst der chönig Derthat die Römer von dem wurm Schiltberger
reisebuch 103
lit. ver.; (
in Beirut) zeigt man die statt da st. Geörg den wurm getödt hat (1483)
bei Röhricht
pilgerreisen (1880) 119; ein gyftiger wurm oder trach
ebda 392; (
im wilden gebirge,) da vil ungehürer tyeren und menger grosser wurm inne wonttent Etterlin
kronica (1507) 7
b; (
ein tischgast erzählt,) wie
[] Wolff Dietrich würm erschluog Scheit
Grobianus v. 2260
ndr.; dero zit was ein grosser trackh oder wurm im land Tschudi
chron. Helvet. (1734) 1, 146; (
der mann) saget herr(
n) Tristranten, dasz ein grosser vnnd grausamer drach in dem kOenigreich were ... herr Tristrant fraget, an welchem ende der wurm were ... als er nun den serpenten erschlagen hatt, schnitt er jhm die zungen ausz dem rachen
buch d. liebe (1587) 82
c; es hatt vor zytten jn den wildinen vnd bergen vmb die statt Lucern ... treffenliche grosse würm vnd tracken ghept ... vnd aber allwegen, so man einen solchen tracken oder wurm hinwegfüere, sölle ein schädlicher wasserguss ... ervolgen Cysat
in: Brandstetter
R. Cysat, begründer d. schweiz. volkskde (1909) 50; ir lieben getreuen, euch ist bekandt, dasz wir haben in vnserm landt ein grossen vngeheuren wurm mit einem sehr erschrecklichen furm, der vns beschedigt vieh vnd leut Ayrer
dramen 1039
lit. ver.; (
es) ward ein vnreiner wurm vnd grausamer track darinn (
in dem lande) gefunden Stumpf
Schweizerchron. (1606) 534
a; es (
Worms) hab den namen behalten von dem grossen wurm oder trachen Quadt v. Kinckelbach
teut. nation herligkeit (1609) 145; es hat der allmechtige gott diese insel vor 200 jahren mit einem grawsamen wurm oder gifftigen drachen zu straffen heimgesucht Heberer
Aegyptiaca servitus (1610) 198.
am ausgang des 18.
jhs. vor allem durch Schiller
und die romantiker wieder in die literatursprache eingeführt: und wo des bauches weiches vliesz den scharfen bissen blösze liesz da reiz ich sie den wurm zu packen Schiller 11, 277
G. (
kampf mit dem drachen); dich Sigurd ..., des Faffners tödter, des gewalt'gen wurms Fouqué
held d. nordens (1810) 1, 66; hättst du sie dort gesehn im drachenhorst, wie sie sich mit dem wurm zur wette bäumte Grillparzer
s. w. 5, 167
Sauer; Fafner, der wilde wurm lagert im finst'ren wald R. Wagner
ges. schr. u. dicht. 6 (1898) 86 (
Siegfried). II@33) '(
drachen-, schlangenartiges)
untier; ungeheuer': nu was da bi gelegen ein lant, daz hete einen viant, einen bosen wurme, der da quam, von dem das volc schaden nam (
bestia quaedam, quae hippopotamus appellatur)
väterbuch 10 571
Reissenberger; wier richten hie ein gejade zu mit wilden wurmen, genant dy sbarzen beeren (1490)
bei Steinhausen
privatbr. d. mittelalters 1, 287; das wasser war vol boeser wurme und mehrwunder Luther 29, 499
W.; o crocodil, du wilder wurm!
bei Opel-Cohn
dreiszigj. krieg (1862) 143. II@44)
die schlange im paradies; übertragen (
wie mhd. slange, trache, serpant, unc)
der teufel; vgl. auch mhd. hellewurm, lintwurm
in entsprechender verwendung (
dazu W. Grimm
in der einleitung zu seiner ausgabe der gold. schmiede Konrad
s v. Würzburg LIII): swaswe waurms Aiwwan uslutoda filudeisein seinai (
ὡς ὁ ὄφις Εὔαν ἐξηπάτησεν ἐν τῇ πανουργία αὐτοῦ)
2. Kor. 11, 3; der wrm ungehivre sr uil tivre daz si niht ersturben swie sat si uon dem obiz wrden
Milstäter genesis 13, 27
Diemer; vgl. 16, 21; do er (
gott) sich an dem wurm gerach, zuo dem wibe er do sprach
anegenge 18, 72
Hahn; wie der mensche wart erlôst von der helle sturme, von dem tûfelischen wurme, der uns verleitet hêt alsô
erlösung 940
Bartsch; vgl. passional 4, 3
Köpke; das ich nicht wil verschrenken den giftikleichen wurm, der mir die sel maint krenken schärffleich mit hertem sturm Oswald von Wolkenstein 91, 46
Schatz; [] jha, sagt der teuffel, gott hats gebotten? (
vom baum der erkenntnis zu essen) flucht unserm herrgott und lernet Adam auch fluchen, und folget dem gifftigen wurm (1538—40) Luther 47, 66
W.; vgl. tischr. 5, 631
W.; der böse wurm pflegt seinen trewen dienern zu letzt also zu lohnen (1539)
ders., 50, 409
W.; der teuffelische wurmb (
Beelzebub) schwang in solche klufft hineyn mit
d. Fausto (1587)
volksbuch v. dr. Faust 51
Petsch; als nun der wurm der finsternisz sah das gebot gottes (1619) J. Böhme
s. w. 3, 103
Schiebler; der höllische wurm
il verme (
serpente)
infernale Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1407
c; wer beredete sie (
die engel) zu dem schändlichen aufstand (
wider gott)? der höllische wurm Bodmer
slg. crit. poet. schr. (1741) 1, 3; dasz ich dich hasse — hasse wie den wurm des paradieses (1783) Schiller 3, 158
G.; sie sagen, es sei der höllische wurm, der singe aus mir, zu der menschen verderben
moderne dichtercharaktere 250
Arent-C.-H. II@55)
zu anfang des 16.
jhs., namentlich während der reformationszeit und vor allem in den schriften Luther
s erfährt wurm
als verächtlich-herabsetzende bezeichnung für menschen nochmals eine stärkere belebung, vorwiegend in den fügungen giftiger, böser wurm.
vgl. dazu verwendungen wie: (
die Juden) hielten jhn (
Christus) für den schedlichsten worm, so ihe auff erden komen were Luther 28, 80
W.; also helt die welt uns aposteln und prediger des euangelij ... für die gifftigsten würme und grosste plagen auff erden uber krieg, pestilentz
ebda 46, 15; ouch sagt man, eyn katz syg der nün bösen würm einer (1521)
Karsthans 77
Burckhardt; ein böses weib ist vber alle böse würme Agricola
bei Schulze
bibl. sprichw. (1860) 117; wer da wissen wil, was ein weib oder frewlein sei ..., der sol sie keines weges halten oder ansehen für ... der sieben bösen würmen einer, sonder sol sie ansehen und halten für gottes geschöpff
M. Chr. Irenäus
Adam u. Eva (1570) G 3
a. II@5@aa)
allgemein für den gottes gebot zuwider lebenden, moralischer verderbnis verfallenen menschen der '
welt',
auch mit der nebenvorstellung des falschen und heimtückischen: 'der gerecht fürcht sich nicht für solchem geschrey' (
lästerung, nachrede); er weys, das es gut und gerecht ist, aber die bösen würme müssens besüdeln und beschmeysen (1526) Luther 19, 331
W.; wie jtzt solcher gifftigen bosen wurme viel sind, die sich widder uns auffs aller bitterst erzeigen (1532)
ebda 32, 364; (
die kornwucherer sind) gifftige wurm, quod freude haben, quod aliis ubel gehet (
hi sunt pestilentissimi serpentes) (1531)
ebda 34, 1, 334; (
die hl. schrift) hat zu schaffen mit geistlichen würmen und scorpionen, die vor der welt ein schein haben der heiligkeit (1530/35)
ders., tischr. 1, 572
W. vereinzelt der mensch schlechthin in seiner kreatürlichen sündigkeit: der thürhütter hie (
im evangelium) ist der prediger, der das gesatz rechtt leeret, nemlich, das es nur da ist und zayge uns was wir für kreütle sein und wie gifftige würme wir sind (1526)
w. 10, 1, 2, 289
W. II@5@bb)
im theologischen streitschrifttum der reformationszeit, namentlich bei Luther
als schimpfwort für den konfessionellen gegner: mer secten im orden seynd dann tag im jar, conuentales, marttiniani, obseruantini ... wer kan die würm vnd das geschwürm alles ertzelen Eberlin v. Günzburg
s. schr. 3, 48
ndr. (
vgl.gewürm
teil 4, 1, 4,
sp. 6827); drey ding hatt Rhom am meysten, alte türm, vorgifftig würm, schendliche kirchen Hutten
opera 4, 266
Böcking; das er (
Alveld) mich schillit eynen ketzer, unsinnigen, blinden, narren, besessenen, schlangen, vorgifften wurm (1520) Luther 6, 290
W.; ich habe manche böse that von cardinalen gehöret vnd gesehen, aber einen solchen vnuerschempten bösen wurm hette ich e. cardinalische heiligkeit nicht gehalten (1536)
ders., bücher u. schr. 6 (1568) 361
a; wie hertzlich gon ich das dem verzweivelten bosen wurm (
erzbischof Albrecht) zu Meintz, der des unglücks alles bisher meister gewest
ders., br. 10, 125 (
monstro illi Moguntino 10, 118)
W.; gott hette ihn (
Luther) wunderlich wider den greulichen
[] wurm, den babst, gefuret (1539)
bei Luther
tischr. 4, 432
W.; (
Witzel) sich zu dem gifftigen wurm vnd vffrhürischen menschen Jacob Straus gehalten hat Alberus
widder Jörg Witzeln mammeluken (1539) F 7
a.
auch für Juden und Sarazenen: ich hoffe, die Jüden, wie gifftig, böse wörme sie sind, werden sie ja nicht sagen können, das wir diesen spruch (
5. Mose 18, 15) ertichtet haben (1543) Luther 53, 616
W.; drumb wollestu, o herr, doch dieses volck beschirmen, so dein grab hat errett' von den vergifften würmen Dietrich v.
d. Werder
ras. Roland (1636) 2, 82. II@5@cc)
wie drache
als bezeichnung eines zänkischen, unleidlichen weibes: der teufel würde in (
den landsknecht) sunst mit dem bösen weib und kifechten wurm ewiglich beschissen haben (1556) J. Frey
gartenges. 62
Bolte; der böse wurm sitzt vielmal in der kirche und hat das buch umgekehrt Weise
Catharine 106
Fulda. vom schlangenhaft falschen wesen: komm in deiner ungeheuren fruchtbarkeit, schlange, spring an mir auf, wurm (
Louise) (1784) Schiller 3, 499
G. IIIIII.
insekt, käfer, käferlarve. in dieser verwendung seit den anfängen der bezeugung auf hoch- und niederdeutschem gebiet nachweisbar (
in gleichem sinne mnl. worm Verwijs-Verdam 9, 2811);
vgl. dazu vogel
teil 12, 2, 394 (
benennung vogelähnlicher lebewesen wie fliegen, bienen, schmetterlinge, heuschrecken, fledermäuse);
ferner die zusammensetzungen mit -wurm '
käfer'
im zweiten glied; häufig erscheinen die diminutivformen würmlein
und würmchen: huuand it rotat hir an roste, endi regintheobos farstelad, uurmi auuardiad, uuirdit that giuuati farslitan, tigangid the glotuuelo
Heliand 1645
Sievers (
Mt. 6, 19:
nolite thesaurizare vobis thesauros in terra, ubi aerugo et tinea demolitur; dazu Hrabanus: aliae [
res] ...
a vermibus vel putredine solvuntur, ut sunt vestes et vasa lignea);
glis ... gljmo der uurm (9.
jh.)
ahd. gl. 4, 230, 35 ('
glühwürmchen',
s. gleim
teil 4, 1, 4,
sp. 8285); de keiser Arnolt ward siek unde starf von den wormen, de den luden sin an den clederen Eike v. Repgow
sächs. weltchron. 156
Weiland; wenn dy ben (
biene) ein wilde worm ist (1381)
sächs. weichbildrecht 51 (§ 139)
Walther; was in den wipffeln von den würmelyn (
ameisen) vermackelet ... ist, das soll man mit den henden zerriben
Petrus de Crescentiis vom ackerbau (1518) 55
a; in diesser insel (
Zypern) wachssen in den aeckern viel würm, heissendt die heuschrecken (1521)
bei Röhricht
pilgerreisen (1880) 384; alle böse würm, so da schaden thun im felde, raupen, fliegen, zwifalter, emmeisse, kefer, brenner und der gleichen geschmeis Luther
gl. zu 2. Mos. 8, 21 (
bibel 3, 241
W.); ist diser (
irdische) schatz oder got an kleydern, so muosz man seiner warnemen und bschützen vor den allergeringsten würmlin, vor den schaben, das jhn die nicht verderben (1526) Luther 10, 1, 2, 374
W.; tipula ... ein kleins würmle oder wasserspinn mit sechs füssen, also leycht dasz sy nit im wasser vndergadt Frisius
dict. (1556) 1312
a; also auch umb Elbing schädliche wrme in gestalt der krebse gefunden (16.
jh.) Himmelreich
Elbinger chron. 11;
tineae corrodunt vestem die motten gnagen das kleid, die wrm sein in dem kleide
nomencl. lat.-germ. (
Hamburg 1634) 169; zweyfalter oder zwiefalter ... ist ein würmlein, so da fleuget Gueintz
dt. rechtschreibung (1666) 173; die kleinste creatur erhebt des schöpfers preis, ein fliegend würmgen zeigt witz, vorsicht, kunst und fleisz. es hat kein sterblicher bishero noch entdecket, was für ein wunderwerk in einer biene stecket Brockes
ird. vergnügen (1721) 2, 35; wurm (
vom goldkäfer)
ebda 1 (1744) 100; wann ein
e ameise einen hohen baum hinan klimmet, ... so ist und bleibet sie doch ein wurm, wie sie war, als sie an der erden kroch Scriver
seelenschatz (1737) 1, 839
a; ich lerne dann, ob eine seele das goldene würmchen (
frühlingskäfer) hatte (1759) Klopstock
oden 1, 135
M.-P.; [] der leuchtende wurm (
johanniskäfer) ist nicht allein (1772) Herder 29, 366
S.; die bunten schmetterlinge und die beflügelten würmchen fliegen wieder froher im sonnenschein S. Gessner
schr. (1777) 1, 42; o geb' ein guter gott uns auch dereinst das schicksal des beneidenswerthen wurms, im neuen sonnenthal die flügel rasch und freudig zu entfalten Göthe I 10, 230
W.; die würmchen summen lustig durch die blätter, die blümchen schließen ihre augen auf Grillparzer
s. w. 11, 124
Sauer; marienvogel kleine ... ist er (
der finger) nicht ein hoher turm für so kleinen roten wurm? W. Raabe
s. w. I 1, 82.
aufschluszreich sind die lexikalischen zeugnisse des spätmittelalters: cicindela ('
glühwürmchen') schinentter worm (15.
jh. obd.) Diefenbach
nov. gl. 88
b;
rimea (=
tinea?) mutte, ein worm (1425
nd.)
gl. 498
c;
myocia teke, eyn worm (16.
jh. nd.)
nov. gl. 254
a;
crabrona ('
hornisse') ein bOese fliegender wurm (1440
md.)
gl. 154
c;
tarantula eyn vorgiftich worm (15.
jh. nd.)
nov. gl. 358
b;
scorpio werre, ist ein vergifftiger wurme (
voc. incip. theut. ante lat.)
gl. 520
b. —
zu würmchen:
lucipeta ('
glühwürmchen') en vleghende wormekin (1425
nd.) Diefenbach
gl. 337
c;
lens ('
nisse, lausei') nete, eyn clene wormeken in den haren (15.
jh. nd.)
nov. gl. 231
b;
s. Schiller-Lübben
mnd. wb. 3, 179;
zu würmlein: nachtscheinent wurmelein
noctilia, noctiluca vocab. theut. (
Nürnberg 1482) x 1
b;
s. auch Diefenbach
gl. 381
c; Alberus
nov. dict. genus (1540) Xx 2
a; Frisius
dict. (1556) 870
b;
fischbüchlein (
Nürnberg o. j.) 45.
in den neueren maa., zumal des nd. gebiets, tritt wurm
an die stelle von käfer (
Mecklenburg-Pommern, verstreut märkisch und ostmd.)
und motte (
Emsland [
vgl. auch ter Laan
Groningen 1216 ]
und verstreut im nd.),
s. Mitzka
dt. wortatlas 1 (1951)
karte 24; 33;
ferner Schütze
Holstein 4 (1806) 375 ('
käfer'); Frederking
Hahlen 178 ('
insekt'); Müller-Fraureuth
sächs. volkswörter 51 ('
kerbtiere, maikäfer'); Kisch
Nösner wörter 175 ('
käfer').
in der diminutivform: das wermla
käfer Knothe
Nordböhmen 547; wiemla, wormla '
kleiner wurm', '
kerbtier, biene' Stauf v.
d. March
nordmährisch 96.
namentlich bezeichnet wurm
schädlinge (
käfer und käferlarven),
die organische substanzen zernagen. III@11)
holzwurm (
bohrkäfer, borkenkäfer und deren larven),
in lebendem oder totem holz; s. auch Unger-Khull
steir. 640 (fliegender wurm '
borkenkäfer'); Krauss
nordsiebenbürg. handwerkssprachen 1081: dû bist sam der cêderboum, den dâ fliuhet der wurm, Sancta Maria
Melker Marienlied in: Müllenhoff-Scherer
denkm. 31, 153; daz (
gleichnis vom wurmzerfressenen baum) bezeichnet den der uzen wole redet man unde ualsches in deme herzen phleget. er dunchet uzen uol, sin muot ist innen hol: den hat der wurm gehechet
Rolandslied 1974
Wesle; do gelanget an ein rat, wie solichs (
holz) der wurm angriffen het (
um 1470) Tucher
baumeisterb. d. st. Nürnberg. 79
lit. ver.; andere die betten in irem husz, vnd muosz gantz stil vmb sie sein, sie yrret wann nur ein wurm in ein holtz naget oder nur das gieszfasz tropfft Keisersberg
brösamlin (1517) 1, 28
b; solches (
dasz ein baum wurmstichig wird) ist nicht unsers herren gottes schuld ... sonder der würm und des unzifers (1544)
bei Luther 52, 451
W.; nullum puta sine teste locum die meusz vnd würm im balcken hOeren auch S. Franck
sprüchw. (1545) 1, 72
a; die bäum haben grosse anstösz vnnd mancherley vngemach von wind vnd regen ..., von würmen, vogeln vnd andern thieren
M. Walther
erläuterung d. proph. Daniel (1645) 1, 521; hole bäume, welche inwendig von den würmern oder sonsten woher
[] zerfressen oder ausgehölet seyn Prätorius
winterfl. d. sommervögel (1678) 92; die kunst der zeichnung unter den Ägyptern ist einem wohlgezogenen baume zu vergleichen, dessen wachsthum durch den wurm ... unterbrochen worden (1763) Winckelmann
w. 3 (1809) 4; stille ..., die den nie ruhenden wurm in den alten meubeln hörbar machte Arnim
s. w. (1853) 15, 67; nach 2—3 wochen kommt der schwarzbraune käfer (
bostrychus typographus) zum vorschein, welcher auch unter dem namen des schwarzen wurms bekannt ist Oken
allg. naturgesch. 5 (1836) 1679; die vergoldeten stühle ... sind doch von holz und der wurm verschont es nicht W. Grimm in:
briefw. zw. Grimm, Dahlmann u. Gervinus (1885) 1, 347; um ... den wurm zu vermeiden, musz der baum vor ... ende januar gehauen ... werden Rossmässler
d. wald (1863) 526; immer wieder werden welche (
ikonen) notwendig; (
nämlich:) wenn eines zerbricht vor alter und wurm Rilke
ges. w. (1927) 4, 108; auch einen 'groszen wurm' kennt der holzhändler, es ist die larve des groszen braunen eichenbockkäfers Sellheim
tiere d. waldes (
o. j.) 35. III@22)
bücherwurm (
bohrkäfer): wie wyr erfaren und gesehen haben, das mit so viel mhe und erbeit man die sprachen und kunst dennocht gar unvolkomen aus ettlichen brocken und stucken allter bcher aus dem staub und wrmern widder erfr bracht hatt (1524) Luther 15, 50
W.; es klagen auch über die würmlin die studenten der bücher halben, dasz sie jnen die selbigen zernagen und verderben
Petrarcha, von hülff u. rath (1551) 108
b; bis zur ausfAertigung meiner schon lAengst in Holland den wrmern zur speise gelegenen hoch- und niederdeutschen reim- und dichtkunst Zesen
verm. Helikon (1656) 1, 5; (
das) original, so von würmen und buchschaben gar verfressen Agyrta
grillenvertreiber (1670) 68; es lebt dein ruhm in mancher schrift, was darf ihn dieses blatt beschreiben? das leichtlich wurm und motte trifft Gottsched
ged. 1 (1751) 170; es musz ein edler geist den leser an sich ziehn, soll anders eine schrift staub, wurm und trödel fliehn Hagedorn
vers. einiger ged. 58
ndr.; beschränkt von diesem bücherhauf, den würme nagen, staub bedeckt Göthe I 14, 28
W. III@33)
korn-, getreidewurm (
käfer u. larve);
s.kornwurm
teil 5,
sp. 1832: wurm der kleider, korn oder kraut
tarlo Hulsius
t.-ital. (1618) 279
b; getreide, wenn würme hinein kommen und solches lebendig wird Prätorius
Katzenveit (1665) K 4
b.
als krankheitsbezeichnung (
s. unten V 3 f): das getraid hat den wurm
il grano è corcogliato Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1407
b; wurm '
krankheit des getreides' (
auch des holzes und papiers) Crecelius
Oberhessen 926. IVIV.
insekten- (
fliegen-, schmetterlings-)
larve, made, raupe; s. Jensen
nordfries. 718; Schütze
Holstein 4 (1806) 375; Block
Eilsdorf 102; Leithäuser
Barmen 173; Heinzerling-Reuter
Siegerland 331; Frischbier
pr. 2, 483; Schatz
Tirol 715; Fischer
schwäb. 6, 992; Friedli
bärndütsch (Guggisberg) 3, 178. IV@11) wurm
als schädling pflanzlichen wachstums, insbesondere als zerstörer der knospen- und blütenteile sowie der früchte; vielfach bildlich: nu kemen dise unreinen wúrme und slúffen us den wurmessigen Oephelen und essent das edel guot krut und machent es locherechtig Tauler
pred. 184
Vetter; ich hett mir ein apfel, war hubsch und rott, hatt mich verwundt bisz in den todt, noch war ein wurm darinne
lieder d. Heidelberger hs. Pal. 343 83, 28
Kopp; einen apfel, der schön ist von gestalt und äuszerlicher farbe, ... inwendig aber ist er faul und voller würme
bei Luther
tischr. 6, 55
W.; wann die bonen von den würmen zerstochen vnd gehülcht werden
M. Herr
feldbau (1551) 50
b; wo etwas guts blühet do setzt der
[] teuffel einen wormb darein, der es nagt Lehmann
floril. polit. (1630) 350; (
im august soll man) die würme vom kraut fleissig abklauben lassen Hohberg
georg. cur. (1682) 1, 129; die früchte, so der baum der keuschen liebe bringet, sind nicht der würmer kost Neukirch
anfangsgründe (1724) 174; unglücklicherweise hatte der kaiser (
Karl V.), da er seinem sohn die herrliche blume (
Oranien) pflanzte, auch schon den wurm mit erzogen, der ihre blüthe zernagte Schiller 7, 84
G.; früchte, die am zweige hängend uns noch lange die schönste hoffnung geben, indesz ein heimlicher wurm ihre frühere reife und ihre zerstörung vorbereitet Göthe I 23, 201
W.; die antwort auf diese frage ... ist der wermuth in dem becher seiner freuden, der wurm, der an der wurzel seiner grösze nagt Droysen
gesch. Alexanders d. gr. (1833) 236; an des jünglings gesundheit begann aber, wie am rothwangigen apfel, innerst ein wurm zu nagen (1860) J. Grimm
kl. schr. (1864) 1, 165; bald wird sie verpuppt sein (
ein kokon), und es soll mich doch wundern, ob wir's erleben, dasz sich die wandlung vollzieht und die psyche daraus hervorschlüpft, ihr kurzes, leichtes flatterleben zu führen, wofür sie als wurm so viel gefressen Th. Mann
Lotte in Weimar (1946) 342. IV@22)
seidenraupe (
s. seidenwurm
teil 10, 1,
sp. 187
und unten wurmseide;
ferner vgl.: de bombicibus id est vermibvs sericas vestes texentibus i. dia uurmi dia daz gotuuueppi machont [10.
jh., Aldhelmi Aenigmata]
ahd. gl. 2, 8, 16
St.-S.): alls die seyd würt gespunnen ausz den würmlin Keisersberg
granatapfel (1510) d 6
d; was seindt die seiden vnd sammet anderst als ein koth der verächtlichen würmen? Albertinus
Gusman von Alfarche (1615) 275; Harsdörffer
frauenz.-gesprächsp. (1641) 1, F 4
b; was ist der seiden pracht? wer hat den pracht gemacht? es habens würm gemacht, den gantzen seiden pracht Abr. a
s. Clara
etwas f. alle 2 (1711) 108; der würme werck, der saft der erden, musz mir zur deck und kleidung werden Brockes
ird. vergnügen 1 (1744) 330; (
der erste mensch) konte von dem bieber lernen holtz fällen, spalten, bauen; von dem maulwurfe graben, von dem wurme spinnen Bodmer
abhandl. v. d. wunderbaren (1740) 187; wo hast du armer wurm dein spinnen wohl gelernt? Kästner
verm. schr. (1755) 1, 162; nimmt August nicht dem elefanten das elfenbein, das öl der bisamkatze, dem panthertier das fell, dem wurm die seide? H. v. Kleist
w. 2, 373
E. Schmidt. IV@33)
fliegenlarve, made (
an fäulnisstellen, in verfaulenden substanzen);
häufig in paarformel (würmer und maden),
vgl. auch die zuss. speckwurm, fleischwurm, käsewurm (
bereits 1443
als personenname Jacobus Chaeswurm de Radstat
bei Menhardt
handschriftenverz. d. Kärntner bibl. [1927] 121; keszewurmlin Luther 8, 712
W.): tarmus haizt ain speckmad, wan daz ist ain wurm, der in speck wehset Konrad v. Megenberg
buch d. natur 309, 20
Pf. (
s. Diefenbach
gl. 574
a;
nov. gl. 359
a s. v. tarmus); etlich von in die lieszens (
das manna) vntz an den morgen: das es begund zekrichen mit wurmen vnd faulte (
scatere coepit vermibus exodus 16, 20)
erste dt. bibel 3, 275
Kurr. (da wuchsen wurme drynnen Luther); ain wasser das altzeyt still stat ..., das fahet gewonlich an zuostincken vnd wachszent würm darinn Keisersberg
predigen teütsch (1508) 36
d; eynem new geschlagnen fleysch saltz von nöten ist, auff dasz es nicht würme oder maden vberkomme Agricola 750
teutscher sprichw. (1534) C 4
a; darumb man fleisch, fisch, vogel gut für die würmer einsaltzen thut Eyering
proverb. copia (1601) 1, 258;
[] da sey das brod schimlich, das fleisch voller würm (1669) Grimmelshausen
Simpl. 285
Scholte; nach dem alten sprichwort, wo fäulnisz ist, hecken insekten und würmer Herder 24, 70
S.; eine nahrung, die nicht stank und von würmern wimmelte Ina Seidel
d. labyrinth (1922) 134. IV@44)
leichenwurm, made im menschlichen leichnam (
vgl. Notker 1, 787, 23
P.);
mnl. worm Verwijs-Verdam 9, 2809: sô muoz der lîp in dem grabe von maden und von würmen, die umbe in strîtent nâch ir labe, verdulden al die wîle ir stürmen, unz sie daz fleisch gefrezzent abe Lamprecht v. Regensburg
tochter Syon 2385
Weinhold; sô kan mir der kerenter (
das beinhaus) mit dem gebeine künden, daz mich die würme nagende werdent mit unreinen münden Konrad v. Würzburg
kl. dicht. 32, 267
E. Schröder; (
denen, die das leben wagen,) kein ander lon enwirt denne das fleisch den wúrmen und die sele dem túfel Tauler
pred. 327
Vetter; nichts ist schnöders dann der mensch, ausz dem menschen werden würme und ausz würmen Aeschen Albrecht v. Eyb
spiegel d. sitten (1511) A 6
b; (
der tod:) herr vogt, ich muoss üch ouch recht wisen, üwer lib wirt die würmer bald spisen! (1514—22)
N. Manuel
todtentanz str. 60
Bächtold; gedenck der vile der verstorben, yr vngestalt in den grAebern, wie sie voller wrm vnd schlangen kriechen S. Franck
cron. u. entwerffg. d. Türckey (1530) J 4
a; mein gut befehle ich der welt, mein leib den würmern
bei Luther
tischr. 2, 48
W.; wolt du es deiner dienerinnen rathen, dasz sie Christum verwerffen und sich zu einem zergencklichen menschen, den die würme bald fressen werden, vermählen solt? Fabricius
auszzug bewerter hist. (1599) 187; wer wird hernach, mein lieb, wer wirdt hernach dich preisen, wann disz mein jrrden fasz dann wirdt die würme speisen? (1618) Opitz
teutsche poemata 126
ndr.; aber Jehovah wird seine seele nicht in der hölle, seinen leib der verwesung, dem wurm zur beute nicht lassen (1766) Lenz
ged. 10
Weinhold; bei uns ... will man auch noch im sarge coquettiren und die würmer in einem frisirten todtenhemde empfangen (1768) Möser
s. w. 1, 213
Abeken; würmer fühlte man (
an der leiche) von auszen keine (1778) Schiller 1, 53
G. (
sektionsbericht); (
er) studierte dennoch tag und nacht, als wenn er besorgte, die würmer möchten einige ideen zu wenig in seinem kopfe finden (1826) H. Heine
s. w. 3, 143
Elster; sacht, sacht! laszt ihn nicht fallen! — lieber himmel, die würmer sind schon daran (
an der leiche)! (1842) A. v. Droste-Hülshoff
ges. schr. (1879) 2, 314.
feste wendungen (wurm
in bildhaften umschreibungen für den vergänglichen menschlichen leib und sein schicksal der verwesung). IV@4@aa) der würmer speise (spiel, spott) sein, den würmern zur speise werden;
anklingend an biblische wendungen, s. teil 10, 1,
sp. 2096;
seit mhd. zeit fest; daher auch früh die zuss.: wurmspeise
ackermann a. Böhmen 24, 14
Hübner; würmerspeise
Shakespeare 1 (1797) 89; 4 (1799) 223; würmerspott
bei Lessing 11, 185
L.-M.; wurmesspott Cornelius
liter. w. (1904) 4, 131.
vgl. auch Hugo v. Langenstein
Martina 117, 44
K.: so wirt sin (
des toten menschen) vleisch der wurme spil
kl. mhd. erz., fabeln u. lehrged. 98, 66
Rosenhagen; du muost vor war ein spise sin den maden und den wormen, die dir den lip zerstormen Heinrich v. Neustadt
visio Philiberti 105
Singer; (
die seele sagt zum leib:) der worme spyse du unreyne saek
v. d. jungesten tage (
text 2) 106
Willoughby; [] der iez als einiu rose rot schon blüjet, der ist morne tot unt wirt der würme spise
schausp. d. mittelalters 1, 218
Mone; (
der mensch) musz werden ein speys des feuors, ein essen der wuormen (1472) Albrecht v. Eyb
dt. schr. 1, 80
Herrmann; mein leib zoch ich mit lustes fleysz, nun ist er hj der wrme speysz Johann v. Schwarzenberg
teutsch Cicero (1535) 114
b; vmb das fromm mensch ists jmmer schad, das er soll sein der würme speis (1553) C. Scheit
frölich heimfahrt (
o. j.) E 4
a (
v. 1059
Strauch); da vnten in der finstern erdn, müszt jhr der würme speise werdn (1605) Hollonius
somnium vitae hum. 27
ndr.; dieser leib vnd diesz gebein, ob ich noch so ängstlich zage, musz der würmen frasz doch seyn, vber wenig tage (1639) Mylius
bei Fischer-Tümpel
ev. kirchenl. 3, 22; sol denn mein fleisch, der würmer spott, ohn lebenstrost verstäuben? (1645) Simon Dach 182
lit. ver.; mein leib bleibt hier der würme spott, die seele lebt bey ihrem gott Neumark
fortgepfl. musik.-poet. lustw. (1657) 1, 114 (= 116); jetzt (
im grabe) ist alles ... ein haufen wust, ein versammlung kots, ein köder der würme (1679) Abr a
s. Clara
w. 2, 95
Strigl; doch wisst (
eitle herrscher), dasz, einst der würmer speise, man unterm stein vom höchsten preise (
den pyramiden) nicht besser als im rasen ruht (1728) Haller
ged. (1882) 12; dieser leib ... ist schon ein moderndes ekelhaftes scheusal, eine speise der würmer Wieland I 2, 458
akad.; der naturkundige gewöhnt sich endlich daran, ... zu glauben dass wir den zweck unsers daseyn erfüllt haben, wenn wir den würmern zur speise gedient ... haben Schubert
verm. schr. (1823) 1, 6. IV@4@bb) würmer des menschen bett: die würme suln uns bette sin, da ist unriuwe, eiterwin (13.
jh.)
v. d. jungesten tage 67
Willoughby; wan die motten deine dekke und die würme dein bette seyn werden Schottel
teutsche haubtspr. (1663) 119; dein unterbett sind würmer und motten deine decke Görres
ges. schr. (1854) 1, 241. IV@4@cc) den würmern zuteil werden: wa is min vleisch des ich so wale plach, deme ich indede ingein ungemach! owi wi is it den wrmen ein deil gedain!
die lilie 18, 7
Wüst; von schulden muosz ich clagen das das es den wúrmen wirt zuo teil, dar an der manheit hOechstes heil von angeng was und úmer ist
mhd. minnereden 21, 120
Thiele; ich habe lange gnug gelebt, gott beschere mir ein selig stundlin, darin der faule, vnnütze madensack vnter die erden kome zu seinem volck vnd den würmen zu teile werde (1544) Luther
br. 10, 548
W.; welches mehrentheils denen würmern zu theil wurde
d. Leipz. avanturieur (1756) 1, 54. VV.
wurm im zoologischen sinne (
vermis);
wirbelloses, langgestrecktes weichtier, das sich durch zusammenziehen der hautmuskulatur kriechend fortbewegt. V@11)
in allgemeinem gebrauch; ahd. uuurm, uurum
vermis Benediktinerregel 216, 5
St. (
s. unten 5 b
α);
Tatian 95, 5
S.; vgl. auch ahd. gl. 2, 8, 16
St.-S. (IV 2)
sowie unten 2 a (
wurmsegen); Diefenbach
gl. 613
b: vermis haizt gemainleich ain iegleich wurm Konrad v. Megenberg
buch d. natur 310
Pfeiffer; die Egypter ... gleubten, das ein ochse, hund, fisch, schlange, wurm ... götter weren (1542) Luther 53, 410
W.; [] so sehr von einer pflantz' ein wurm sich unterscheidet, von einem wurm ein thier, ja wie das thierreich sehr in sich verschiedlich ist Brockes
ird. vergnügen (1721) 4, 483; an nackten molusken, würmern und zoophyten ist die fauna vorzüglich reich Chamisso
w. (1836) 2, 221. wurm
am haken der angel (
als köder);
gerne bildlich: der wurm an der angel ist Christus gewesen (1522) Luther 10, 3, 100
W.; wer kein wurm vnnd speisz am angel hat, der fehet kein fisch Lehmann
floril. polit. (1630) 90; suchte man die mäurerei durch geheimnishunger so weit ins garn zu locken, dasz sie, ohne rücksicht, sich ergeben, die autorität der unbekannten obern ... anerkennen, mit einem wort nach dem wurm schnappen sollte Wekhrlin
paragrafen 1 (1791) 69. V@1@aa)
der wurm gilt als winziges, der gewalt wehrlos preisgegebenes geschöpf, das sich in schmerz und todesangst windet; daher redensartliche fügungen des typus sich winden, sich krümmen wie ein wurm (
s. auch winden
sp. 290
f. und krümmen
teil 5,
sp. 2460): du leydest ee (
bevor du reichtum erlangst) manigen sturm, das du dich pewgest als ain wurm Heinrich v. Neustadt
Apollonius 4219
Singer; (
er) wande sich von nOeten umb und umb, als ein wurm tuot, so man in mit spizigen nadlen stichet Seuse
dt. schr. 39
Bihlm.; sie teten einen scharpfen sturm, ir maneger rimpft sich wie ein wurm von werfen unde schieszen (1400)
bei Liliencron
hist. volkslieder 1, 182; 2, 66; das büblein mochts (
den schmerz) erleiden nit, sonder krümbt sich gleich einem wurm vnd schrey als ob man lauttet sturm (1573) Fischart
flöhhatz 17
ndr.; in dem ich mich (
vor schmerz) ... wie ein wurm krümte Grimmelshausen 2, 555
Keller; er ... wrunge sich wie ein wurm A. U. v. Braunschweig
Octavia (1677) 1, 1059; sich winden und krümmen wie ein armer wurm Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1407
b; dein hertze musz sich ja als wie ein würmgen krümmen Henrici
ernst-, scherzh. u. sat. ged. (1727) 1, 498; ich rang, wimmerte, krümmte mich wie ein wurm Bräker
s. schr. (1789) 1, 56; es (
das mädchen Mignon) wand sich wie ein wurm an der erde Göthe I 23, 173
W.; windet sich der ärmste nicht in seinen qualen wie ein gemarterter wurm? Holtei
erz. schr. (1861) 5, 147; 24, 227; da hast dich ja wie a wurm gekrimmt Gerhart Hauptmann
Rose Bernd (1904) 130.
mundartl. zeugnisse (
zum teil übertragener gebrauch): sich wie ein wurm krümmen
sich nur schwer zu einer ausgabe entschlieszen Spiess
Henneberg 285;
luxemb. wb. (1906) 493; Kern-Willms
Ostfriesland 80; Jensen
nordfries. (Wiedingharde) 718; Damköhler
Nordharz 229; he wund sikk as een worm
er wollte nicht daran Dähnert
Pommern-Rügen (1781) 557; Mensing
schlesw.-holst. 2, 688. V@1@bb)
mit dem nebensinn '
sich sträuben',
den bereits einige belege der vorangehenden gruppe erkennen lassen; deutlicher faszbar in dem sprichwort auch der wurm krümmt sich, wenn man ihn tritt,
gegenwert des lat. et formicae sua bilis. älter sind abweichende fassungen: nun spricht man, wer ain wirmlin trit, so krümm es seinen schwanz darvon (1511)
bei Liliencron
hist. volkslieder 3, 57; man trit vff einen wurm so lang, bisz das sich krümpt ein solcher schlang (1522) Murner
dt. schr. 9, 95
Merker; wann man ein wurm lang trit, so krümpt er sich S. Franck
sprüchw. (1545) 1, 52
a; man tritt ain wurm so lang, bisz er sich zuo letst krimbt G. Mayr
sprüchw. (1567) E 6
a; Schottel
haubtspr. (1663) 1114. — sie (
die kathol. geistlichen) sind auch menschen; und ein wurm sogar windet sich, wenn er getreten wird
anmuth. gelehrsamk. 6 (1756) 312
Gottsched; du kennst mich noch nicht, wenn ich in wuth gerathe! der wurm krümmt sich, wenn er todtgetreten ist Eichendorff
s. w. (1864) 4, 411.
freier: [] es ist kein würmlein nicht so klein, es krümpt sich, würft man drauf ein stein (1573) Fischart
flöhhatz 30
ndr.; kein würmlein ist so schwach es giebet der gewalt nicht, als gezwungen, nach (1633) Opitz
opera geist- u. weltl. ged. (1690) 3, 298.
vgl. noch: auch der wurm muckst auf, wenn ihn jemand drückt Rother
schles. sprichw. 220
a. V@1@cc)
in der literatursprache treten seit der zweiten hälfte des 18.
jhs. von a
und b
ausgehende fälle freieren gebrauchs hervor (
zumeist bildhaft, s. unten 5 b): ich bin nun nicht mehr Marwood; ich bin ... ein getretner wurm, der sich krümmet und dem, der ihn getreten hat, wenigstens die ferse gern verwunden möchte Lessing 2, 325
L.-M.; bist du es, der, von meinem hauch umwittert, in allen lebenstiefen zittert, ein furchtsam weggekrümmter wurm? Göthe I 14, 32
W.; doch einen stachel gab natur dem wurm, den willkühr übermüthig spielend tritt Schiller 12, 258
G.; so krümmt und windet sich der wurm unter des vogels krallen, wie ich mich ... unter meines schmerzes, unter meiner reue geständnisse wand Holtei
erz. schr. (1861) 12, 104. V@1@dd)
der wurm als winzigstes, unbedeutendstes glied der schöpfungswelt; gern erscheint wurm
in dieser verwendung in der diminutivform; s. auch gewürmlein
teil 4, 1, 4,
sp. 6228
u. die belege für würmlein
in den mhd. wbb.: daz ih got uuolta uuerden. ioh eîn uuurmeli irsterbin mag Notker 2, 76, 23
P. (
a minutissima bestiola mortem timens 3, 1, 124
S.-St.); es ist niergent enkein so klein wúrmelin: hette es vernunft, es solte billichen sin hǒbet uf heben im (
gott) ze eren Tauler
pred. 292
Vetter; heiliger odem! küssest ja dort auch liebend das würmlein, dasz es sich wonnig wälzt in dem staube Kerner
bilderbuch (1849) 316; o mensch, des herren aug sieht weit, es sieht des würmleins pfad in blattes flaum A. v. Droste-Hülshoff
ges. schr. (1878) 3, 50.
durch entsprechendes epitheton gekennzeichnet: das kleineste moosz ... sey die grösse gottes fürzubilden grosz genug. der geringste wurm diene zum beweiszthume seiner lebhafften gegenwart Lohenstein
Arminius (1689) 1, 10
a; ich bin überzeugt, dasz die natur nicht einmal den verachtetsten wurm umsonst schafft Rabener
schr. 4 (1755) 313.
in der literatursprache namentlich der zweiten hälfte des 18.
jhs. in diesem sinne vielfach als glied antithetischer, die spanne zwischen dem höchsten und niedrigsten im schöpfungsganzen umschreibender fügungen (
vgl. dazu wesen
teil 14, 1, 2,
sp. 560
und 562): er (
der mensch) erkennet wohl, dasz die natur ... aus ihm nicht mehr werks mache, als aus dem geringsten wurm Liscow
slg. sat. u. ernsth. schr. (1739) 607; kein zweifel! die natur folgt ewigen gesetzen. die weisheit schrieb sie vor, und sollte sie verletzen, sobald wurm oder mensch die ausnahm kühn begehrt? (1760) Uz
w. 261
ndr.; ihr (
menschen) habt den weg vom wurme zum menschen gemacht, und vieles ist in euch noch wurm (1883) Nietzsche
also sprach Zarathustra (1930) 8. — der mensch, zu irdisch noch dem glük das engel krönet, zu edel vor die lust, wornach ein wurm sich sehnet (1752) Wieland I 1, 228
akad.; (
das schicksal) aller, des engels am stuhl, und des wurms im niedrigsten staube Giseke
poet. w. (1767) 32; wollust ward dem wurm gegeben, und der cherub steht vor gott (1786) Schiller 4, 2
G.; den göttern gleich' ich nicht! zu tief ist es gefühlt; dem wurme gleich ich, der den staub durchwühlt Göthe I 14, 38
W.; [] was? vom wurme soll der gott abhängen? der gott in uns, dem die unendlichkeit zur bahn sich öffnet, soll stehn und harren, bis der wurm ihm aus dem wege geht? Hölderlin
s. w. 2, 118
Hell.; dasz das würmchen, das in der sonne fliegt, und der seher, der über alle sonne hinausfliegen mögte, einem gesetz gehorchen (1814) E.
M. Arndt
schr. (1845) 2, 138; eine weltseele, die alle materie der elemente durchdringt, und über sie gewalt hat, in dem in der erde steckendsten wurm und himmelhöchsten adler Heinse
s. w. 4, 277
Sch. — für das kleineste würmichen, so auff erden kreucht, sorget er (
gott) ja so wol, als für die grösten und sterckesten elephanten
F. Rhot
Jesus Sirach (1587) 1, 224
a; der wurm und der elephant (
titel einer fabel) (1748) Werlhof
ged. (
21756) 80; vom wurm zum elephanten, von einzelnen männern zu ganzen nationen Herder 18, 347; 22, 237; 12, 229
S. V@1@ee) wurm
als vergleichsgrösze für etwas sehr winziges, unbedeutendes; vgl. die zuss. wurmwinzig
bei Fischer
schwäb. 6, 996: du (
gott) kommst mit donner, blitz und sturm, wer ist der grosze feind? ein wurm! Günther
ged. (1735) 66; und in der kette deiner (
gottes) wunder ist eine sonne nur ein zunder und eine erde nur ein wurm Seume
ged. (1804) 53.
redensartlicher festigkeit sich nähernd: sie (
die tochter) hat doch kein würmchen betrübet! maler Müller
w. (1811) 2, 320; du, deinen sohn schlecht behandeln? du ..., der kein würmchen beschädiget? Holtei
erz. schr. (1861) 19, 95.
vgl. auch: ein weib, die solchen zörnigen man leyden musz, welcher wegen desz geringsten würml erzürnet Abr. a
s. Clara
Judas (1687) 1, 35.
mundartlich: dat is nich'n worm wert
gar nichts (
Fehmarn) Mensing
schlesw.-holst. 5, 688. V@22)
der wurm als krankheitserreger im menschlichen oder tierischen körper (
doch handelt es sich im folgenden nur zum teil um wirkliche würmer, weithin vielmehr um krankheitsdämonen in wurmgestalt, die nach volksheilkundlicher auffassung im menschlichen leibe, in dem betroffenen gliede nagen; die übertragung ist veranlaszt '
durch die ähnlichkeit der empfindung, welche die schmerzen des erkrankten körperteils hervorrufen' Lessiak in:
zs. f. dt. altertum 53, 120; 129;
s. auch Höfler
dt. krankheitsnamenb. 820—835). V@2@aa)
der beschwörung des wurms als krankheitsdämons dienen die seit ahd. zeit bezeugten wurmsegen (
MSD 32, 276—281; 303—305
mit zahlreichen nachweisen; Steinmeyer
kl. ahd. sprachdenkm. 370—375;
s. auch ahd. nesso [
dazu Steinmeyer
a. a. o. 375 ]): ih besuere dih, sunno, bi sancto Germano, daz tu hiuto nescin, e demo — dic colorem — fiehe die wurme uzsin (
contra uermes pecus edentes)
kl. ahd. sprachdenkm. 373
St.; Jôb lag in dem miste. er rief ze Criste, er chot 'du gnâdige Crist, du der in demo himile bist, du buoze demo mennisken des wrmis.
N.' (
Hiobsegen) Müllenhoff-Scherer
denkm. 31, 181 (47, 2); der heilige Crist bǒce disime rosse.
N. ouervaggenes. gerâys. thes vvâmbiziges. thes vvûrmes. unte alles thes. the ime scathene si (
vatikan. pferdesegen)
kl. ahd. sprachdenkm. 370
St.; libera seruum istum ... vone demo wurme cancro et talpone et omnibus uermibus. wrm ich gebivte dir bi gots worten ..., daz tusen (
du diesen) man ... mer enbizzest
Innsbrucker arzneib. in: denkm. dt. prosa d. 11. u. 12. jhs. 11, 88
F. Wilhelm. die überlieferung der wurmsegen schwillt im späten mittelalter erheblich an und reicht mit zahlreichen zeugnissen bis in die gegenwart. zur fortdauer der auffassungsweise in jüngerer zeit vgl. etwa: ob nun euch als vnserm membro ein wurm ist in das glid kommen
bei Luther
tischr. 3, 506
W.; (
der bauer) zeigte darauff dem artz sein linckes ohr, vnd hinder demselben einen grossen beulen, mit bericht,
[] dasz jhm an diesem orth der wurm sesse vnd tieff eingefressen hätte Moscherosch
gesichte (1646) 3, 316; so bald man empfindet, dasz ein glied wehe thut, ... dasz man besorgt, es möcht ein wurm wachsen Hohberg
georg. cur. 3, 1 (1715) 201
b; gar manchem nagt ewig ein wurm am leben, aus dessen gesichte man es nicht schlieszen sollte Bremser
mediz. paroemien (1806) 200; er galt ihnen als sehr gelehrter mann, den man nebenbei auch über eine wassersucht und die heilung des verdammten wurmes befragen konnte Dörfler
Peter Farde (1929) 248.
redensartl. noch jem. den wurm segnen
ihn von einer unart, einem tadelnswerten verhalten abbringen (
s. unten e den wurm schneiden): der Papenschneider werde ich den wurm segnen ('
durch segnen vertreiben')
qu. a. d. j. 1937. V@2@bb)
über die art der jeweils vorliegenden erkrankung geben die alten wurmsegen nur selten deutlich aufschlusz; erst jüngere arzneibücher vermitteln einige anhaltspunkte: swem wurme die zende holnt unde die bilare (
das zahnfleisch) ezent, nime bilsenole
dt. arzneib. d. 13.
jhs. 32, 33
Pfeiffer; sô die wurme wahsent in den ôren ..., sô nim phersichpleter
ebda 39, 3; dye xxx. (
krankheit) ist so würm in der muoter wachssen als die kürbis keren (
vor 1500) Ortolff v. Bayerland
frauenbüchlein 11
Klein (
vgl. Ruoff
hebammenbuch [1580] 95); (
wermut) vertreibt die würm in den oren Tollat v. Vachenberg
Margarita medicine (1516) 2
b; würm in zenen Wirsung
artzneybuch (1584) 192; neige das ohr, darinn die würm seynd, auff heisser milch dampff, so kreucht das gewürm der süssin nach
ebda 120; würmlin mögen so wol in ohren als ingeweid wachsen, wiewol das erste nicht so gemein ist
ebda (1588) 120; mitesser oder zehrwürme ..., crinones oder dracunculi genannt, sind kleine würmlein, so in der haut der jungen kinder ... stecken Amaranthes
frauenz.-lex. (1715) 1273; dasz etliche kinder mit solchen würmern in der haut geplagt werden, die man insgemein die mitesser, auch an vielen orten die zehrenden elben zu nennen pflegt J. G. Schmidt
gestrieg. rockenphilos. (1706) 1, 66. V@2@cc) '
eingeweidewurm, spulwurm'
im menschlichen oder tierischen körper; mnl. worm Verwijs-Verdam 9, 2809: (der mirr) zeuht die gepurt auz dem leib und die würm, die in dem leib wahsent Konrad v. Megenberg
buch d. natur 371, 2
Pf.; vgl. 381, 1; wär es, das der valck würm in im hat vnd die von im mit dem geschmaisz giengen Mynsinger
v. d. falken 25
lit. ver.; wie sy dem iungen kinde die würm in dem pauche beschweren Arigo
decameron 418
lit. ver.; gleich wie man den kindern, so würm im leib haben, das bitter würmmeel mit honig eingibt Alberus
fabeln 2
ndr.; dieselbig (
blume) gedörrt ist guett wann ein gaull würm im bauch hat Seuter
roszartzney (1588) 182;
vgl. 177; bey den weibern schreiben sie (
die quacksalber) alle krankheiten der mutter zu, bey den kindern müssen alles die würm gethan haben Ettner v. Eiteritz
mediz. maulaffe (1719) 972; unsre zwey knaben sind diese lezte zeit über auch unpasz gewesen, besonders Karl, der von würmern viel leidet (1802) Schiller
br. 6, 421
Jonas; reichliche schleimabsonderung im darmkanal begünstigt die entwicklung von würmern Sömmerring
v. baue d. menschl. körpers (1839) 8, 1, 389; da versichertest du ..., dasz die dame nur an den würmern leide Storm
s. w. (1900) 3, 136.
mundartl. zeugnisse: Frischbier
pr. 2, 483; wîrem hun
luxemb. wb. (1906) 493; Haltrich
Siebenbürg. 116; Meisinger
Rappenau 234; diss kint het wirm Schmidt
Straszburg 118; Friedli
Bärndütsch (Grindelwald) 2, 201; (
Lützelflüh) 1, 447.
dazu redensartliche wendungen wie êr dat geschüt, gêt em en grainen worm af Woeste
westf. 328; et geht em en worm af
er musz bezahlen Elberfeld 177;
er kann sich schlecht von etwas trennen Müller-Schlösser
Düsseldorf 269; dem werden sie die würmer abtreten (
drohung) Rother
schles. sprichw. 313
a; Müller-Fraureuth 2, 683.
vgl. auch: jemand ein würmchen aus dem kreuze leiern
einen drillen Mauszer
soldatensprache 43.
[] V@2@dd) würmer,
die den menschen lebendigen leibes annagen, zerfressen (
biblisch als von gott verhängte plage; vgl. Notker 2, 623, 21
P.):
Judith 16, 21
dabit enim ignem, et vermes in carnes eorum wann er gibt fewer vnd wúrm in ire fleysch
erste dt. bibel 7, 82
Kurr.; sandt jmm (
Antiochus) got durch sein grossen grimm das läbendig würm wuochszsen vsz jmm Gengenbach 86
Goedeke; gott sahe zu (
dem treiben des Herodes) bisz auff sein zeyt, da straffet er jn mit einer schweren, greulichen kranckeyt, das jm würm im leibe wuochssen (1544)
bei Luther 52, 704
W. (
vgl. Murner
badenfahrt 125
Michels); es wuchsen maden und würm in seinem (
des Antiochus) leib vnd verfaulet mit grossem schmertzen Reiszner
Jerusalem 2 (1565) 55
a.
so noch: ... (
er) ist ein verfluchter haid. winsch, dasz ihm die wirm frösen vnd voll leisz würd in der pfaid!
volksschausp. i. Bayern u. Österr. 369
Hartmann-Abele. V@2@ee)
der wurm (
eig.: die wurmförmige sehne)
unter der zunge der hunde, der nach Plinius
nat. hist. 29, 100
namentlich tollwut verursacht und daher den jungen tieren entfernt werden soll: est vermiculus in lingua canum, qui vocatur a Graecis lytta, quo exempto infantibus catulis nec rabidi fiunt nec fastidium sentiunt. das dt. wort in diesem sinne ist erst seit den anfängen der humanistischen lexikographie zu beginn des 16.
jhs. nachweisbar (
ebenso engl. worm
lex. seit 1530),
als gegenwert des von Plinius
angeführten grch.-lat. lytta (
voc. rer. ex prompt. Jo. Piniciani [
Augsburg 1521]:
litta wirmlin das in der hundszungen wechszt,
nach Diefenbach
gl. 334
a):
lytta ein taubwurm (
tollwurm), der wurm so die jungen hünd vnder der zungen habend Cholinus-Frisius
dict. lat.-germ. (1541) 528;
lytta ... ein kleins würmle, welches die jungen hünd vnder der zungen habend, welchen man jnen in der jugend nimpt, damit sy nit taub werdind, taubwurm Frisius
dict. lat.-germ. (1556) 790;
in späteren wbb. für lytta überwiegend zuss. (taub-, toll-, hundswurm); offtermals verdorren die hunde, ob sie gleich viel zu fressen haben ... so werden sie würmer unter der zungen haben, die musz man jnen mit einer nadel heraus graben
viehbüchlein (1667) 93 (
die von Plinius
an zweiter stelle erwähnte freszunlust); einem hunde den wurm schneiden
ihn von einem wurm, der ihm unter der zunge gewachsen, befreyen Ludwig
t.-engl. (1716) 2548; vor der wuth ... ist das sicherste mittel die hunde zu praecaviren, wenn man ihnen den wurm nimmt. selbigen haben sie unter der zunge Döbel
neueröffn. jägerpractica (1754) 2, 110; ein fahrender arzt, der ... den hunden den wurm schneidet und die ohren stutzt W. Hauff
s. w. (1890) 1, 144. V@2@ff) den wurm schneiden, nehmen (
in übertragenem sinne).
die frühesten belege für die seit der mitte des 17.
jhs. bezeugte wendung stehen unter dem einflusz der abwertenden auffassung, der sich das mit vielfältigen betrügerischen praktiken verbundene jahrmarktsgewerbe des wurmschneiders (
s. d.)
nicht zu entziehen vermag. '
betrügen, übervorteilen, prellen': o ho sagte der wurmschneider ... sag an mein liebes bAewerlein, hastu niemals zuvor deiner eigenen obrigkeit den wurmb geschnitten, hastu nicht deinen juncker im zehenden betrogen ...? Moscherosch
gesichte (1646) 3, 316; dreyfach nehmen sie (
die bauern) ihren lohn, ... schnitten den wurm ohn alle scham
alamode politicus (
zuerst 1647)
bei Wander
sprichwörterlex. 5, 464.
offenbar die gleiche ausgangsvorstellung liegt zugrunde, wenn Chr. Weise
die wendung in dem sinne '(
einen törichten, einfältigen menschen)
narren, nasführen, hinters licht führen, ihm einen bären aufbinden'
gebraucht: Eurylas, dem nichts mehr zu wieder war, als wenn sich jemand mb frembde hAendel bekmmerte, machte alsobald den schlusz, er wolte dem vorwitzigen kerln einen artigen wurm schneiden (
er erzählt eine erfundene geschichte, die den vorlauten, der sie für wahr hält, in höchste unruhe versetzt) (1673)
erznarren 30
ndr.; was will Melane, das rabenaasz, halt,
[] ich (
der verkleidete) wil ihr auch einen wurm schneiden
überfl. ged. 199
ndr. dagegen ist der im 18.
jh. sich festigende gebrauch im sinne '
jem. von einer torheit heilen'
von der ausgangsvorstellung bestimmt, dasz jungen hunden der angeblich tollwut verursachende wurm
unter der zunge entfernt werden musz; gleichzeitig wirkt wurm V 4 '
marotte, schrulle'
ein: man musz ihm den wurm schneiden
ad sanitatem revocandus est, poenam stultitiae suae ferat Stieler
stammb. (1691) 2584; einem den wurm schneiden
ò nehmen Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1407
b; Frisch (1741) 2, 461
a; es ist der sache gottes daran gelegen, ... denen aufgeklärten geistern richtige begriffe beizubringen, denen blöden aber und öffters nicht weit über die vorstellungen der kinder erhabenen gemüthern, nur den wurm zu nehmen,
d. i. dasjenige bei ihrer religion abzuschneiden, was sie an der seelen seeligkeit hindern kan Zinzendorf
kl. schr. (1740) 474; (
der narr) bespöttet eines jeden fürm, treibt sie ins bad, schneid't ihnen die würm' und führt gar bitter viel beschwerden, dasz ihrer doch nicht wollen wen'ger werden Göthe I 16, 127
W. (
H. Sachsens poet. sendung).
vgl. dazu oben V 2 a den wurm segnen;
ferner: an in (
den) wurm nehma
den übermut dämpfen Jakob
Wien 222. V@33) wurm
als krankheitsname; vgl. mnl. worm Verwijs-Verdam 9, 2810. V@3@aa)
eiternde sehnenentzündung des finger- (
seltener zehen-)
endgliedes; wurm am, im finger,
sonst umlauf, beinfrasz, ungenannt (
s. zs. f. dt. wortf. 10, 134
und teil 11, 3, 781);
lat. panaritium, paronychia: ist dz ein mensche den wurm oder den vngenante het an dem vinger oder an der zehen, der neme liligen confenigen
elsäss. arzneib. d. 14.
jhs. in: Alemannia 10, 227; item vor den worm in den fynger ader handt (
rezept) Pfolspeundt
bündthertznei 9
H.-M.; wurm am finger ... disz geschwer ... ist mehr ein scharpffe vnd hitzige apostem, dann wie der gemein mann beredt ist, ein lebendiger gewachszner wurm in den fingern Wirsung
artzneyb. (1588) 565
a; von einem nagelgeschwer so vom gmeinen böffel der schlaffende wurm ... geheissen wirdt Würtz
practica d. wundartzn. (1612) 265; (
mittel) für den wurm am finger Hohberg
georg. cur. (1682) 1, 293;
Blancard, arzneiw. wb. (1788) 2, 512
a.
in verwünschungsformeln: das rad, der galgen si din grab! den grind, den stich, die ruden hab, den wurm an allen fingren und glidern! (1530)
N. Manuel
Elsli v. 119
Bächtold; den wurm an alle finger welche drucken! (1789) Schiller 6, 30
G. mundartl. weit verbreitet: Frischbier
pr. 2, 483; Dähnert
Vorpommern-Rügen 557; Mensing
schlesw.-holst. 5, 688
f. (
mit belegen für segensformeln; in gleicher bedeutung adel 1, 52
und fiek 1, 82); Woeste
westfäl. 328 (
syn. middel, wormteken); Schambach
Göttingen 304; Bauer-Collitz
Waldeck 115; Müller-Schlösser
Düsseldorf 269; Schmitz
Eifel 232; Christa
Trier 219; Follmann
Lothr. 550; Kisch
Nösner wörter 175; Crecelius
Oberhessen 926; Müller-Fraureuth
obersächs. 2, 683 (
mit belegen); Blumer
Nordwestböhmen 94; Hügel
Wien 191; Schatz
Tirol 715; Unger-Khull
steir. 640; den wurm töten
den beinfrasz am finger heilen Schmeller-Frommann
bayer. 2, 1001; Fischer
schwäb. 6, 990
f. (
syn. ungenamt, umlauf;
mit zahlreichen zeugnissen für segenssprüche gegen den wurm); Seiler
Basel 320; Hunziker
Aargau 304; Bühler
Davos 2, 27; Martin-Lienhart
elsäss. 2, 854. V@3@bb)
krebsartiges geschwür; fressender, beiszender, schlafender wurm, wolf (
s. sp. 1249
f.),
lat. phagedaena, herpes, lupus vulgaris (
hierher vielleicht schon: oxia '
morbus acutus' eyn scharph worm [15.
jh.] Diefenbach
gl. 404
a):
phagedena, latine vermis der worm Trochus
voc. rer. prompt. (1517) O 1
a;
ein geschwer, das bisz auff das beyn frisset der wurm Dasypodius
dict. lat.-germ. (1536)
[] 175
c; der schlaaffend wurm Frisius
dict. (1556) 1001
b;
herpes ... der wurm, wolff ...
eine gattung geschwär, das under der haut fortkriechet und immerdar die nächstgelegenen theile mit hefftigem jucken angreifft Blancard, mediz. wb. (1710) 302;
arzneiwiss. wb. (1788) 2, 431: hat ... einer den wurm, so nime des Oele ein wenig Gersdorff
wundtartzney (1517) 26
b; also auch im menschen der wurm, der wolff, der krebs wechst, das nit anderst als allein eim lebendigen thier zuvergleichen ist Paracelsus
chirurg. bücher u. schr. (1618) 403
A; krebs vnd würm der brüst (
überschrift) ... zum gebrechen, den die wundärtzt den wurm nennen, ist folgends jhr gemein pflaster Wirsung
artzneyb. (1584) 225; ist gut den bösen und unheilsamen gesweren, dem krebs, dem wurm genant phagedena, den fisteln
M. Quad
teutscher nation herligkeit (1609) 445; kräbs, schlaffend wurm, fistlen, auszsatz und frantzosen Guler v. Weineck
Raetia (1616) 169
b; ihr ärzte wisset wol, wie schwer darnider liegen die den fressenden wurm in ihre glieder kriegen, ... er bleibt nicht an dem ort, da er erst ist gesessen, sondern man siehet ihn weit und breit um sich fressen
bei Opel-Cohn
dreiszigj. krieg 282; die so genannte königskranckheit oder den schlaffenden wurm durch blosses anrühren zu heilen Ziegler
tägl. schauplatz d. zeit 31 (1728) 7
a; beiszender wurm '
krebskrankheit' Unger-Khull
steir. 640. V@3@cc)
krebsartige pferdekrankheit; sonst bürzel (
s. teil 2,
sp. 554), ungenannt (
teil 11, 3,
sp. 780
f.), rotz (
teil 8,
sp. 1327);
häufig mit bestimmendem zusatz: auswerfender, aufwerfender, ausfressender, ausbeiszender, flieszender, fliehender, fliegender, reitender wurm (
s. zum folgenden auch die belege bei Schmeller-Frommann
bayer. 2, 1001; Fischer
schwäb. 6, 992
sowie die ahd. vieh- und pferdesegen unter V 2 a;
ferner Meyer-Lübke
rom. etym. wb. 799 [
nr. 9570]
und Heinrich der Teichner 83, 11
Niewöhner);
der wurm
der pferde ... ist eine schärfe der säfte, welche sich durch kleine braunrothe bäulen an verschiedenen theilen äuszert und ein vorbothe des rotzes ist Adelung 5 (1786) 309: item dem smede, der den pherden am pirczel (
bürzel) und worm gehulffen hat, 20
gr. (1433)
cod. dipl. Lusatiae sup. 2, 420; das pferd gewynt auch dick den vszwerffenden wurm zwischen hawt vnd flaisch ... vnd friszt die hawt an vil enden vff, als ob sy ain wurm zernagen hab Mynsinger
v. d. falken 77
Hassler; wider den wurm der heizet der wirzel sprich dise wort
wurmsegen (
bei krankheit der pferde)
Londoner hs. d. 15.
jhs. (
aus dem Nürnberger Augustinerkloster)
zs. f. dt. altert. 38 (1894) 15; der wurm bekompt den pferden in der brust, bei dem herzen und in den diechen ... lauffen aus den naszlöchern wasser und stinckende feuchtigkeiten, dann würt es genannt der fliehende wurm (
nasenrotz)
vieharzneib. (
oberrhein. 1535)
in: Alemannia 3, 73; wider den fliesenden wurm: du solt dem pferde an schläfen blut lasen Sebiz
feldbau (1579) 158; (
man nennt die krankheit ungenannt,
weil) vil den aberglauben haben, wann einer sag, das pferdt hat den wurm, so werde das pferdt dardurch gleichsam beschryen vnd nemme die kranckhait noch mehr zue Seuter
roszartzney (1588) 187;
vgl. 177; Uffenbach
neues roszbuch (1603) 2, 29; brauche die nachfolgende artzney für den reitenden wurm Walther
pferde- u. viehzucht (1658) 129; der ausbeissende wurm ... ist auch unterschiedlicher arten, als der pürtzel, der reitende, der ausbeissende, der fliessende Hohberg
georg. cur. (1682) 2, 226
a; Pinter
pferdschatz (1688) 410; ihre sonst so glatten pferde magerten ab und verreckten am rotz und wurm (1818) Arndt
mährchen (
21842) 1, 346. V@3@dd)
krebsartige krankheiten anderer tiere; so der rinder am schwanz: Vilmar
Kurhessen 461; Hofmann
Niederhessen 266; '
kröte' (
Glarus) Stalder
schweiz. 2, 460; Bauer-Collitz
Waldeck 115; '
rückenblut' Mensing
schlesw.-holst. 5, 688;
der hunde an den ohrrändern: Vilmar
und Bauer-Collitz
a. a. o. [] V@3@ee)
die durch den sog. drehwurm (
coenurus cerebralis)
hervorgerufene drehsucht der schafe: die kühe geben blut statt milch, die schafe kriegen den wurm, die pferde werden kollrig (1896) Gerhart Hauptmann
versunkene glocke 227. V@3@ff)
pflanzenkrankheiten (
s. auch oben III 3): wurm ...
eine krankheit der bäume im gartenbau, wenn einer durch schlagen oder stossen beschädigt worden, dasz die rinde vom holtz abstehet, so wachsen würmlein darunter, so die rinde durchfressen, dasz der baumsafft dadurch verrinnet, compend. u. nutzb. haussh.-lex. (1728) 1057 (
s. lat. vermiculatio, ferner unten wurmtrocknis). —
unter wurm
des tabaks versteht man eine sehr gefährliche krankheit, welche meist durch anhaltendes regenwetter entsteht und sich durch fäulniss ... kennzeichnet Schwerz
prakt. ackerbau (1882) 601. V@44) '
schrulle, grille'.
ein gebrauch, der sich seit der ersten hälfte des 17.
jhs. unter dem einflusz der auch wurm V 2
zugrunde liegenden auffassung (wurm
als krankheitserreger, hier übertragen auf die geistes- und gemütsverfassung des menschen)
entwickelt (wurm im kopf, im verstand;
dazu Lessiak in:
zs. f. dt. altertum 53, 133;
vgl. ferner im engl.: he has worms, maggots in his brains [17.
jh.]
bei Murray
s. v.),
zugleich aber in der übertragenen verwendung anderer tiernamen seine parallele findet, s. raupe
teil 8,
sp. 299; grille 4, 1, 6,
sp. 318
ff.; mucke, mücke 6,
sp. 2605
f.; 2609; schnake 9,
sp. 1153
f.; vogel 12, 2,
sp. 402; taube 11, 1, 1,
sp. 168; egel 3,
sp. 33.
zur synonymik vgl. auch Eberhard
allg. dt. syn. 6 (1802) 338; Jahn
w. (1884) 1, 41; Weigand
syn. 3 (1852) 1141; Sanders
wb. dt. syn. (1871) 736.
die fügung einen wurm haben
ist (
mit leicht verändertem sinn)
in die neunord. sprachen gedrungen: ha en orm (vurm) for noget '
eine an kränklichkeit grenzende neigung zu etwas haben',
s. Falk-Torp
norw.-dän. etym. wb. 1 (1910) 801;
schwed. vurm '
liebhaberei, manie, schrulle'. V@4@aa)
während der frühzeit der bezeugung stehen ebenso wie in den anfängen des gebrauchs von wurmen
und der fügung den wurm schneiden (
oben 2 f)
mehrere abweichende verwendungsweisen nebeneinander. so scheint das wort zunächst einen fehler, schaden der intellektuellen anlage zu bezeichnen (
vgl. dazu unten die mundartl. nachweise im sinne '
verrückt'
unter e): der borgt ohn pfand, der hat ein wurm im verstand Lehmann
floril. polit. (1630) 103; wer antwort, ehe er hört, der hat ein wurm im kopff
ebda 36.
in anderen fällen bezieht sich wurm
eher auf eine grillenhafte (
aber nicht harmlos-närrische, sondern zumeist unmutbestimmte)
einbildung, die den betroffenen (
z. b. im rausch, in übler laune)
vorübergehend anwandelt und ihn zu zänkischem, unverträglichem verhalten verleitet (
vgl.wurmen 3): wann die flöh die weiber necken, wil die lufft bald näsz erwecken; wann sie sticht der böse wurm (
üble laune?), folgt gewisz ein hagelsturm (1638/39) Logau
sinnged. 76
lit. ver. (
nr. 286);
vgl. 173 (
nr. 752); die Abigail, wann sie sahe, dasz Nabal einen wurm hatt da schwieg sie still, bis der wein von ihm kam. da stund sie auff, und thät ihm eine solche predigt, dasz ihm die augen davon wässerten (
1. Sam. 25, 36:
erat ei [
Nabal]
convivium in domo eius, ... et cor Nabal iucundum: erat enim ebrius nimis) Creidius
nuptialia 2 (1657) 72; so bald er solches (
zaubermittel) hatte, bekam er würm über würm im kopff; wann er nur einen kerl ansahe, der ihme sein tage niemahl nichts leids gethan, so hätte er ihn gleich an hals schlagen mögen (1670) Grimmelshausen
Courasche 133
Scholte; herr Esau ist toll und thöricht ... aber weisz denn niemand, wer ihm so einen wurm in den kopff gesetzet hat? Chr. Weise
comöd. (1696) 155; gegen mich bezeigte er sich, wenn er keinen wurm im kopfe hatte, ganz ungemein wohl
ehe eines weibes (1735) 196;
vgl.: er hat den wurm
stomachatur (
ist ärgerlich, unmutig) Steinbach
dt. wb. (1734) 2, 1053.
[] V@4@bb)
seiner hauptverwendung nach bezeichnet wurm
jedoch eine harmlose, wenn auch eigensinnig festgehaltene grillenhafte dauereinbildung (
schrulle, marotte, lieblingstorheit, fixe idee): also dasz der patient allbereit den namen trüge eines ... narren, der den kopf so voller würm, mucken, grillen, dauben und anderer tausendfältiger phantasey und thorheit stecken hätte (1671) Grimmelshausen
Simpliciana 46
Scholte; also musz man offt die bittere warheit mit zucker überziehen, sonderlich bey den leuten, denen der kopff und das gantze gemüth voll würme steckt Schupp
schr. (1663) 273; wurm
eines wunderlichen menschen oder ein schieffer im kopff, ein wunderlicher vnd fantastischer sinn ... vne estrange folie, mira dementia, mirabiles animi motus et impetus, vel infirmitas et imbecillitas intellectus Duez
t.-frz.-lat. (1664) 697: ein schulfuchs, der den kopf voll griechscher würmchen trägt, brodt, käse, buch und kiel in eine schachtel legt J. Chr. Günther
s. w. 4, 300
Krämer; der kerl ist ein phantast — ein sonderling — hat einen wurm ...
der neue Diogenes (1777) 8; (Falk:) er ist von denen, die in Europa für die Americaner fechten ... und hat die grille, dasz der congresz eine loge ist; dasz da endlich die freymäurer ihr reich mit gewafneter hand gründen. ... (Ernst:) und woraus nimst du diesen wurm ihm ab? (Falk:) aus einem zuge, der dir auch schon einmal kenntlicher werden wird Lessing 13, 400
L.-M.; er hat ... eine fixe idee, die aber unschädlich ist, so dasz man eigentlich nicht behaupten kann, er sei übergeschnappt, sondern man kann es wohl nur einen wurm nenne, einen sporn Tieck
schr. (1828) 5, 518; seine spartanischen vorstellungen (
hatten) sich zu einer sogenannten unschädlichen schrolle oder zu dem, was man den wurm bei einem menschen nennt, gemildert Immermann
w. 1, 78
Hempel; wo da die gewissenhaftigkeit stecken soll, ist mir völlig schleierhaft. für so was habe ich nur eine benennung: spahn — auch wurm — spleen — so was (1889) Gerhart Hauptmann
vor sonnenaufgang 6 13. V@4@cc)
sprichwörtlich: ein jeder (mensch) hat seinen wurm (
s. die parallelen bei Wander
dt. sprichwörterlex. 5, 463
nr. 24): ein ieder ist seines wurms vergewiszt: Bisselius (
der erfinder des giftpräservativs '
auff 30
jahr') des seinen J. J. Becher
närr. weisheit (
31707) 181 (
erstausg. 1686); weil ... ein jeder mensch seinen absonderlichen wurm hat Thomasius
kl. teutsche schr. (
21707) 209; ein jeder hat seinen wurm ...
admixtum habet aliquid stultitiae, in quo sibi sapientiae titulô placet Pistorius
thes. paroem. (1715) 701; ein jeder mensch hat seinen wurm. des Gert Westphalens wurm nun besteht darinnen, dass er die leute mit unnöthiger plauderey aufhält
Holberg, dän. schaubühne (1743) 2, 357; noch spukt der Babylon'sche thurm, sie sind nicht zu vereinen! ein jeder mann hat seinen wurm, Copernicus den seinen Göthe I 2, 231
W.; wir wollen ... (
es ihm) nicht vorrücken, ein jeder mensch hat seinen wurm A. Ruge
s. w. (1847) 6, 112. V@4@dd)
vereinzelt treten nebenvorstellungen bestimmter hervor, so die der hochmütigen, anmaszenden einbildung: ein spötter küzle sich, ich gönn ihm seinen wurm und nehme die gedult, den harnisch aller wafen (1718) J. Chr. Günther
s. w. 4, 96
Krämer; dass ein gelehrter narr, der voller mängel steckt, doch fremde mängel stets durch seinen wurm entdeckt B. Neukirch
ged. (1744) 116; was man aber einen wurm nennt (nicht gemüthskrankheit; denn darunter versteht man gewöhnlich schwermüthige verschrobenheit des inneren sinnes) ist mehrentheils ein an wahnsinn gränzender hochmuth des menschen (1798) Kant
s. w. 10, 215
Hart. oder die nebenvorstellung der liebhaberei, manie, leidenschaftlichen neigung: [] wer hat denn dem baron diesen wurm (
die antiquitätensucht) zuerst in den kopf gesezt? Kretschmann
s. w. (1784) 4, 2, 128.
vgl. dazu etwa dän. orm,
schwed. vurm
in diesem sinne sowie: der bauherr war der fürstbischof Phil. Franz von Schönborn ... er ist vom 'bauwurm' ganz besessen Dehio
gesch. d. dt. kunst 3 (1926) 362. V@4@ee)
mundartl. und umgangssprachlich: du hast wohl'n wurm?
bist nicht recht gescheit (
Leipzig) Müller-Fraureuth
obersächs. 2, 683; er hat wirm
er ist verdreht Schön
Saarbrücken 232; dän hoad wörm
schwätzt dummes zeug Christa
Trier 219; dien wurm im kopə
verrückt Martin
Waldeck 285; he hett'n worm (in'n kopp)
ist eingebildet, verrückt Mensing
schlesw.-holst. 5, 688; hî hji wyrme ôn 't hr
er ist verrückt Jensen
nordfries. (
Wiedingharde) 718.
mit anderer sinnwendung: e wîremchen am kapp (
kopf) hun '
eigensinnig sein'
luxemb. wb. 487. V@55)
bildlicher gebrauch (
s. auch V 1 c, 2 f
und 4). V@5@aa)
übertragungen auf seelische vorgänge. V@5@a@aα)
das bild, das der verbindung (nagender) wurm des gewissens (
s. auch gewissenswurm
teil 4, 1, 3,
sp. 6337)
zugrundeliegt, geht zurück auf Mark. 9, 48
bzw. Jes. 66, 34: vermis eorum (
der verdammten) non moritur et ignis non extinguitur,
bei Tatian: iro uuurm ni stirbit inti fiur ni arlisgit. 95, 5
S. in religiöser sprache häufig bezeugt, vgl. auch gewissen
teil 4, 1, 3,
sp. 6235, 6261, 6274, 6277
und für das mhd. Hugo v. Langenstein
Martina 117, 46
K.: das inwendig fewr des menschen das nit zeleschen ist. und ist der bisz des wurms der gewissend, der vernüsset nit (
conscientiae remorsus assiduus) Steinhöwel
spiegel menschl. lebens (1479) 131
a;
vermis infernalis ... der worm der da nagt conscientiam et cor inferno eternaliter Melber
voc. pred. (1482) Ee 5
a; sy (
die menschen) haben ausznen ainen hübschen schein der tugent ..., aber ynnwendig sind sy vol würmme der straffenden conscients Keisersberg
predigen teütsch (1508) 78
d; wer ... einen wurm im gewissen hat, derselbige halte sich erstlich an den trost des göttlichen worts (1531) Luther
tischr. 1, 122
W.; vgl. ebda 4, 700; da wirt er erst in seym gewissen von den nageten würmlein bissen (1531) Hans Sachs 3, 80
lit. ver.; ihm ganz geläufig vgl. 1, 452; 18, 99; 22, 450; dann sein onreyns gewissen war den menschen vnd gott gehässig, vnd kunnt nit, weder tag noch nacht mer ruo haben, also bisse jn das würmlin (
ita conscientia mentem excitam vastabat)
Sallust (1534) a 4
b Cammerlander; hüte dich, lieber geselle, fur einem bösen gewissen! du weiszt noch nicht, was es fur ein bös wörmlein ist (1539)
bei Luther
tischr. 4, 346
W.; als der könig diese ... hört nennen ..., presentierten sich gleich vor jhm die nagende würmlin desz gewissens (1569)
Amadis 414
Keller; mit dem kostbaren blut desz herrn Jesu Christi ... den nagenden wurm vnter der lincken brust dämpffen vnd vmbbringen
M. Walther
erläuterung d. proph. Daniel (1645) 1, 740; was ... böses vorgangen zu recordiren ist im alter ein nagender wurm Lehmann
floril. polit. (1662) 1, 299; den könig, meinen gatten, liesz ich morden, und dem verführer schenkt' ich herz und hand! streng büszt' ichs ab mit allen kirchenstrafen, doch in der seele will der wurm nicht schlafen (1801) Schiller 12, 564
G.; hier (
in den '
räubern') wird man ... unterrichtet werden, wie alle vergoldungen des glüks den innern wurm nicht tödten (
var. den innern gewissenswurm 2, 337
G.) (1781)
ders., br. 1, 51
Jonas; wie Faust den wurm, der an seinem herzen zu nagen anfing, durch die wildesten genüsse zu betäuben suchte Klinger
w. 3 (1815) 234.
daran angelehnt mit näherer bestimmung: (
der sünde) wurm (1646) Simon Dach
ged. 3, 134
Z.; bereuter laster wurm (1730) Haller
ged. 75
H. [] V@5@a@bβ)
das 16.
jh. zeigt bereits eine weitergreifende übertragung, die auf quälende empfindungen aller art ausgedehnt wird: darumb so lond uns den schantlichen und gifftigen wurm (
den neid) weit von uns treiben, damit er in unsere hertzen nit ynnisten thuo (1556) Wickram
w. 3, 239
lit. ver.; es ist keyner den nit heymlich ein schuoh trck, der nit einn nagenden wurm vnd heimlich leiden hab S. Franck
sprüchw. (1541) 2, 141
b; ach, wie vil sein ir noch auff erden, die müssen von den nechsten freünden verklagung, verfolgung und verletzung leyden ..., dardurch sie stäts creütz und leyden spüren und einen nagenden wurm an dem hertzen haben Schumann
nachtbüchlein (1559) 70
Bolte; ebda 195; (
ihr) war dieser scharffe einhalt ein täglich-nagender wurm im hertzen Lohenstein
Arminius (1689) 1, 157
b; sorge? — dieser wurm nagt mir zu langsam (1781) Schiller 2, 58
G.; schon damals ... nagte mir der wurm am herzen, ich sah die folgen voraus dessen, was in meinem vaterlande vorging Göthe I 33, 66
W.; ruhig, als ob nicht in ihrer seele ein wurm nagte, sprach sie mit Markus von geschäften Zahn
frau Sixta (1926) 259.
ganz üblich ist die zufügung eines näher bestimmenden genitivs: der wurm der sorgen (1734) Haller
ged. 139
Hirzel, des kummers (1792) Schiller 6, 386
G., des inneren grams Fr. A. Müller
Adelbert (1793) 1, 17, des zweifels Lichtenberg
verm. schr. (1800) 3, 95, des unmuths Görres
ges. br. (1858) 2, 562, des nagenden heimwehes Schubert
selbstbiogr. 3 (1856) 156, des zornes Raabe
s. w. I 4, 99, der rache Mommsen
röm. gesch. 2 (1889) 248.
redensartlich: ihr (
tut) besser, wenn ihr durch eine anderweite profitable heyrath ihm einen wurm (
ärger) in das hertz setzet Schnabel
Felsenburg (1731) 3, 177; über Krischans gesicht kroch finsternis ... 'du hast einen wurm (
argwohn, zweifel) in meine seele gesetzt' Ehm Welk
heiden v. Kummerow (1958) 262.
auch die maa. kennen eine anwendung in verschiedenem sinne: dat is mi een nagend worm
die sorgen verzehren mich Dähnert
Vorpommern-Rügen (1781) 557; der ht an wurm
einen heimlichen ärger Jakob
Wien 222. V@5@bb)
als bild einer (
den dingen innewohnenden)
um sich greifenden verderbnis, ausgehend von der vorstellung des wurms als schädlings (
s. ob. III 1; IV 1; IV 3)
oder krankheitserregers (
s. ob. V 2);
vgl. dazu: alle ding haben iren wurm der in inen wachszt ... also ausz reichtumb vnd gesuntheit wachszet hochfart, das ist ir wurm Keisersberg
Emeis (1516) 60
b; wann man etwas wil verbösern vnd verderben, so musz man ein wurm in handel setzen Lehmann
floril. polit. (1662) 2, 795; lieber gar keine (
justiz) als dergleichen ..., die ... gleichsam der nagende wurm werden musz, der ... das marck selbsten von des landes vermögen heimlich verzehret Thomasius
ernsth. ged. u. erinn. (1720) 2, 3; entstellt' ihn (
den knaben) gram, der schönheit wurm, nicht, nenntest du mit recht ihn wohlgebildet
Shakespeare 3 (1798) 35; sobald ich ... von privilegien höre, mag ich mich weiter nicht um das staatsrecht eines solchen staates bekümmern. der wurm sitzt im marke Seume
s. w. (1835) 356
Wagner; wir kannten den wurm, der darin (
in den palästen) bohrte; aber wir wuszten nicht, wie tief er diese welt unterwühlt hatte Ruge
briefw. u. tageb. 2, 362
Nerrlich; das leben, welches die beiden führten, liesz nichts zu wünschen übrig; dennoch sasz sowohl in dem hause wie in dem leben der wurm (1861/2) W. Raabe
s. w. I 5, 181; (
die schüler) hatten einen guten zusammenhalt, ... der wurm kam in die klasse damals, als es anfing, mit dem einladen und mit dem tanzen G. Gaiser
schluszball (
21958) 104; in beiden beispielsätzen könnte die präposition 'durch' die beziehungen richtigstellen. der wurm bliebe dennoch drin
sprachpflege 1 (1957) 4.
so heute umgangssprachlich allgemein da ist doch der wurm drin!
es ist etwas faul an der sache. hierher auch die fügung [] wurm der zwietracht:
qu. v. j. 1929;
F. Lenz der ekle wurm der deutschen zwietracht (1953)
titel. —
auch auf das physische befinden des menschen beziehbar: (
ein rezept,) das jedem hülfe, sofern er seinen wurm (
todeskeim) noch nicht im leibe hätte W. Schäfer
erz. schr. (1918) 1, 195. — wurm des todes: des todes wurm im eingeweide, melancholey in geist und sinn (1745) Götz
ged. 10
ndr.; (
ein gegensatz,) der durch seine spannung die einheit der griechischen grösze begründete, aber auch den wurm ihres todes in sich trug Vischer
ästhetik 2 (1847) 240. V@5@cc)
übertragen auf menschen; vgl. mnl. worm Verwijs-Verdam 9, 2810. V@5@c@aα)
Christus geschändet am kreuze, im zustand der ohnmacht und hilflosigkeit gegenüber seinen verfolgern (
ps. 22, 7
ego autem sum vermis, et non homo: opprobrium hominum, et abiectio plebis): ih keuuisso pim uurum ... nalles man, ituuiz manno
Benediktinerregel 216, 5
St.; ich aber bin ein wrem u nieht ein mennisk
frühmhd. interlinearversion d. psalmen (
cod. pal. Vind. 2682) 21, 7
Törnqvist; er erfulte, daz Davit dort sprach: ich bin ein wurn, ein mensche niht Rudolf von Ems
Barlaam und Josaphat 72, 31
Köpke; dann da Christus im tod war, da lebet er, do er ein wurm war und für den aller geringsten und verachtesten geacht, ward er der ehrlichste und höchste für got gehalten (1526) Luther 10, 1, 2, 303
W.; 19, 250; 47, 606; 54, 92;
tischr. 6, 81
W.; warumb werd ich, ich armer wurmb, mit füssen nu zutretten? ach? kein mensch bin ich mehr, sondern der menschen schmach Weckherlin
ged. 2, 67
Fischer; er ... war eine hieroglyphe des leidens, ein wurm und kein mensch El. Langgässer
märk. Argonautenfahrt (1950) 123. V@5@c@bβ)
der mensch als schwaches, hilfloses geschöpf vor gott, vor überpersönlichen mächten; im religiösen schrifttum immer wiederkehrend: noli timere vermis Iacob vorchte dich nicht, du wurmelin Jakob, di ir tot sijt uz Israhel Claus Cranc
prophetenübers. Jes. 41, 14
Ziesemer; aber wie tuont wir armen wurmelin, die hie noch kriechent in der erden, in der eschen? Tauler
pred. 409
Vetter; (
gott,) versmahe nit von mir ungenemen wurme min girde dines lobes Seuse
dt. schr. 305
Bihlm.; we byn ik, dat ik dar to dy (
gott) spreken? ik byn dyn alder armeste knecht unde eyn vor worpen wormeken
imitatio Christi 24
Hagen; das der schöpffer des himels vnd der erden vnnd aller creaturen vnns arme würmlein hatt wöllen sein brüder nennen Keisersberg
predigen teütsch (1508) 93
b; ist in Christo nach der menscheit ein sulcher wille gewesen, was wollen wir armen wormlein dan brangen, das unser wille guth sey? (1518) Luther 9, 137
W.; 2, 737; 6, 235; 9, 390; 16, 137; sie (
Maria) hat wol mögen sagen 'wer bynn ich armes würmlin, das ich ein künig solt geberen?' (1523)
ebda 12, 459;
bei ihm auch: gegen ihnen (
den heiligen vätern) gehalten, bin ich (
Luther) ein wörmlein und nichts anzusehen (1539) Luther
tischr. 4, 287
W.; 3, 259; ach wirf dein aug auf mich, der ich schier gar nichts mehr! ach mein got schaw doch an mich würmlein gantz zertretten! Weckherlin
ged. 2, 139
Fischer; wie gar tieff läszt sich doch der majestätische gott herunter, uns armen würmen zu lieb J. D. Frisch
neukling. harpfe Davids (1719) 790; ich stehe hier in den angelegenheiten eines grösseren herrn, und rede mit einem, der wurm ist wie ich, dem ich nicht gefallen will (1781) Schiller 2, 182
G.; sind wir nicht gegen das wesen der wesen alle gleich? könig und bettler, philosoph
[] und bäuerlein, arme blinde würmer? Heinse
s. w. 4, 31
Sch.; so wirf dich in den staub, da nichts wie du (
des menschen seele) so klein! du würmchen in dir selbst, doch reich durch gottes hort, so schlummre, schlummre nur, mein seelchen, schlummre fort! A. v. Droste-Hülshoff
ged. (1844) 124; o herr, du bist, und ich blinder wurm (
ein gottesleugner) habe dein dasein verneint
M. v. Ebner-Eschenbach
ges. schr. (1893) 1, 161;
auch der untertan aus der sicht des despotischen herrschers: (sultan Mahomet:) wagten es auch einige verwegene, auf unsre verbindung zu schmähen — das schmähen dieser würmer durchdringt nicht den staub (1781) Ayrenhoff
s. w. (1814) 2, 340; gott im himmel erfährt nichts von euch würmern, geschweige der regent (1788) Göthe I 8, 248
W. V@5@c@gγ) armer (armes) wurm
als bedauernd-mitleidige bezeichnung eines schwachen, kümmerlichen menschen, anschlieszend an vergleiche wie: andere sind gegen dir wie gense oder wie arme wurmer Luther 47, 248
W.; ich liege hier, als ein armer wurm Ziegler
asiat. Banise (1689) 92; ich schäme mich, wie ein armer wurm vor ihnen zu liegen Göthe 1, 22, 88
W. vgl. ferner unglückswurm,
m., n., teil 11, 3,
sp. 1010; da wuszte ich armer wurm noch nicht, dasz du mich nicht mehr lieben willst ... und mich nur aus barmhertzigkeit, genannt 'galanterie', heiraten willst (1843) L. v. Gall in:
s. br. 302
Muschler; wissen sie was, Bernhard, lassen sie 'das arme wurm' — (Peter fing bereits an, einzelne Berliner ausdrücke zu gebrauchen ...) — lassen sie das arme wurm (
die geliebte) nicht blau anlaufen im gesichte Holtei
erz. schr. (1861) 22, 110; 'was ist's? ist die Anne wieder kränker?' fragte Rose ... 'kränker! ach, du lieber gott! todt ist sie — das arme wurm!' Spielhagen
s. w. (1877) 3, 281; eine frische, freudige, gesunde nonne ist etwas herzerquickendes, solch armes wurm aber (
ein lebensabgewandtes frommes fräulein) ... ist zum weinen (1889) Fontane
ges. w. (1920) II 5, 259; an uns armen würmern (
den steuerzahlern) hat das finanzamt doch schon immer gut verdient
neue Berliner illustr. 4 (1954) 11. V@5@c@dδ) '
kleines kind, neugeborenes'
im zustand der hilflosigkeit, des leidens. oft in diesem sinne auch als neutrum gebraucht; in gleicher verwendung würmchen
und würmlein (
belege unten);
selten ohne epitheton, meist als armer (armes) wurm: wer hat die mutter alda gelernet, wie sie dem armen wurmleyn (
in der krippe) hat kunnen helffen? (1530) Luther 32, 254
W. seit der mitte des 17.
jhs. zusammenhängend bezeugt: (
auf den tod eines kindes:) du armes würmlein hast genug nach deinem alter auszgestanden, eh als dein seelchen seinen flug genommen ausz des leibes banden (1638) Simon Dach 848
Öst.; wenn man ein kleines unmündiges kind nennet ein würmichen, igel, ding, thier
etc., so beschreyet man es Prätorius
philos. colus (1662) 101 (
vgl. Bach
dt. namenkde 1, 565); das kleine würmgen kan ja noch nicht reden Riemer
glückl. bastard (1678) 5
in: zs. f. dt. wortf. 11, 210; einen nagenden wurm (nagwurm) an der brust haben
haver' ... un bambino insatiabile Kramer
t.-ital. 2 (1702) 100
b (
vgl. oben a); vier unmündge würmer (1712)
bei Weichmann
poesie d. Niedersachsen (1721) 1, 211; (
milch u. gemüse, womit) ich das kleine würmlein ungemein kräfftig stärcken und ernehren konte Schnabel
Felsenburg 175
ndr.; ich armer 6 jähriger wurm
ebda 261; ich habe ... ein einziges kind, und das arme würmchen ist immer kränklich (1752) Rabener
s. schr. 3 (1777) 35; da konnte sie (
die mutter) nun nicht dran dencken das arme würmgen selbst zu träncken Göthe I 39, 281
W. (
Urfaust); (
Gretchen zu Faust:) siehst du's zappeln? rette den armen wurm, er zappelt noch!
ebda 317;
[] da schleifte uns das wasser ein ertrunken kind ans ufer. wir zogen's drauf heraus, bemühten viel uns um das arme wurm (1803) H. v. Kleist
w. 1, 128
E. Schmidt; ein kleines mägdlein von höchstens sechs wochen streckte ihm aus den lümpchen, womit der arme wurm kümmerlich bekleidet war, wie hilfeflehend die ärmchen entgegen (1838) Immermann
w. 1, 65
Hempel; nun isz, nun trink, mein würmchen arm! A. v. Droste-Hülshoff
ged. (1844) 413; ich ... erblicke einen schmutzigen arbeiter, der ein kläglich zusammengekauertes kleines wurm mit halberfrorner nase in die noch kühle nachtluft trägt Gutzkow
ges. w. (1872) 7, 206; der stipendiarius (
gestand), dasz das arme würmlein noch nicht getauft (
sei) G. Keller
ges. w. (1889) 6, 256; 'wozu ist das wurm nun geboren?' murmelte er düster, dann kniete er neben der wiege nieder (1887) H. Sudermann
frau Sorge (
1001907) 4; ich hab selbst so'n paar würmer zu haus, will sagen, meine sind würmer (1909) Th. Mann
kgl. hoheit (1953) 68; was half es denn auch, wenn sie nächtelang vor diesem blassen würmchen kauerte und sich den schlaf versagte! Waggerl
mütter (1935) 44; die bahre ..., auf der die Felberin mit ihrem wurm so zufrieden lag, als gäbe es keine schönere wochenstube Ina Seidel
Lennacker (1938) 236.
mundartl. namentlich in der verbindung armer, armes wurm
über weite teile des sprachgebietes verbreitet, z. t. auch in der mundartl. diminutivform für würmlein
und würmchen (
Westfalen, Nordharz, Brandenburg, Preuszen; Luxemburg, Mainfranken, Sachsen, Böhmen; Elsasz, Schwaben, Schweiz, Wien). V@5@c@eε)
als spöttische oder verächtliche bezeichnung für einen nichtswürdigen: du wurm, schlecht vnnd geringer schelm, warumb hastu nicht ein erschrockenes hertz
engl. comödien u. trag. (1624) D 5
a; eure (
des fürsten) brust voll himmelssinnen lachte, wann ein kotig wurm (
nichtswürdiger schmäher) eures geistes hohen zinnen bote spöttisch einen sturm (1651) Logau
s. sinnged. 439
lit. ver.; alleine sagt uns an: ob ein unfruchtbar weib vernünfftig urtheiln kan von müttern? meint der wurm (
die hure): dasz ein recht mutterhertze wie ein unkeuscher balg mit ihren buhlern schertze? (1665) Lohenstein
röm. trauersp. 30
Just; ich will diesem thörichten menschen beweisen, dasz er gegen mich ein wurm sey Petrasch
sämtl. lustsp. (1765) 1, 368; (Faust:) hund! abscheuliches unthier! — wandle ihn, du unendlicher geist! wandle den wurm (
Mephisto) wieder in seine hundsgestalt Göthe I 14, 225
W.; ein kleines würmchen von einem kunstrichter Bode
Thomas Jones (1786) 4, 7; 'die hand weg!' knirschte der welsche ... 'hätt ich mein sdégena —' 'wurm!' rief der jüngling. 'bring nur deinen degen mit, das nächste mal' Heyse
Meraner nov. (1923) 304.
so auch mundartl.: dat is'n worm
ein elender mensch Dähnert
Vorpommern-Rügen (1781) 557; so e elender worm! (
verächtlicher mensch) Müller-Fraureuth
obersächs. 2, 683; Grassow
Kassel 88. V@5@c@zζ)
frühnhd. (
namentlich im 16.
jh.)
als abfällige bezeichnung für finanzielle nutznieszer, raffer, aussauger: haben wir under andern mängeln befunden, das die nagenden unnd schädlichen würm, die Juden, in unserm abwesen mercklich eingerissen
d. fürstenth. Wirtemberg newe landsordn. (1536) K 3
a; (
geld,) dauon man solt zu gottes ehrn die arme iugend lassen lern, das müssen solche wurm (
die konkubinen) verzern, die welt will jhr nicht lassen wern (
wehren) (1550) Alberus
fabeln 167
ndr.; [] wenn nu vber das sie (
die landleute) eim jeglichen pracher, vnd den beissenden würmen, den gartenbrüdern, auch geben sollen, wo nemen sie es denn?
theatrum diab. (1587) 2, 181
b.
so auch in zuss.: (
der graf war) ain rechter erdenwurm und dem nit erden und lands gnug werden konnte
Zimmer. chron. 21, 272
Bar.; ob erwehnten kornwürmen (
kornwucherern) die angewohnete unchristliche monopolia weiter nicht gestatten ... werden möge (
Braunschweig 1597)
bei Adrian Beier
de collegiis opificum (1727) 500 (
zu kornwurm 2,
teil 5,
sp. 1832). V@5@c@hη)
anknüpfend an wurm V 4
während des 17./18.
jhs. vorübergehend als bezeichnung für einen närrischen, kauzigen, geckenhaften menschen geläufig, vielfach mit verächtlichem beiklang (
s. auch Dannhawer
unter wurmen 3); ein wunderlicher wurm vnd ein wunderlicher kautz, der einen wurm oder ein schieffer hat
vn estrange homme, ... d'une humeure bijarre, un fantasque et un capricieux Duez
t.-frz.-lat. (1664) 697: die haar werden mit ... poudre dermassen besprengt, dasz dieser wurm (
à-lamode-geck) eines müllers sohn nicht ohngleich herausz sihet Hüppert
schädl. wurm (1648)
in: zs. f. dt. wortf. beiheft z. 15.
bd., 19; verdrusz ... über den verliebten wurm Narcissus
vernünft. tadlerinnen (1725) 1, 119
Gottsched; die erfahrung hat es ... gezeiget, dasz die allerexcellenteste mathematici ordinairement die allertummeste leute in andern vorwürffen sind und meist recht ridicule würmer Dippel
abgewiesene fatale abfertigung (1753) 128; die reisen schleifen uns die rauhen sitten ab, die uns ein alter wurm noch in der schule gab Neukirch
ged. (1744) 111.
vgl. dazu nd. worm '
geck, phantast'
brem.-nds. wb. 5 (1771) 290
und wendungen wie er heist Hans Wurm Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1407
b (Hans Wurm
etiam pro stulto, fatuo, capitone, obstinato et contumace sumitur Stieler
stammb. [1691] 2584);
ferner: wie erstgedachter Wurmius (
ein argwöhnischer, unleidlicher kavalier) in die kammer eingetretten (
in der die mildtätige frau einen bettler sich ausruhen läszt) Abr. a
s. Clara
Judas 2 (1690) 20. V@5@dd)
übertragen auf dingliches, namentlich in mundart und fachsprache (
s. auch Fischer
schwäb. 6, 992). V@5@d@aα) wirmer
fein getrocknete suppennudeln (
kindersprache) Follmann
Lothr. 550.
vgl. dazu: in wormleins wis (
den teig schneiden)
Heidelberger kochen meysterey (15.
jh.)
in: Alemannia 18, 264; würmlisuppe
suppe mit fadennudeln, schweiz. id. 7, 1252; wirmknödel
eiernudeln Follmann
a. a. o.; würmergen (
nudeln aus stärkemehl) Müller-Fraureuth
obersächs. 2, 683;
s. auch unten wurmnudel. V@5@d@bβ)
in der anatomie der mittlere, stark gefaltete teil des kleinhirns, wegen der ähnlichkeit mit einem ringelwurm, lat. vermis cerebelli (auffwachsung mit wurms bildnusz Bauman
kurzer auszug [1551]
bei Hyrtl
kunstw. d. anatomie [1884] 12):
eine dem übrigen bau des kleinen gehirns ähnliche substanz, die die gestalt eines rings hat und die wurmförmige erhabenheit
oder der wurm (
protuberantia vermiformis)
genennet wird Blancard, arzneiw. wb. (1788) 1, 516
a; mehrere venen von der oberen fläche des kleinen gehirnes, besonders vom oberen wurme Sömmerring
v. baue d. menschl. körpers (1839) 3, 269. V@5@d@gγ)
in der buchdruckersprache so viel wie norm '
der in kleiner schrift am fusze jeder ersten seite eines druckbogens erscheinende abgekürzte titel eines buches' Martin
fremdwb. d. buch- u. schriftwesens (1959) 107.
wohl wegen des wurmartigen aussehens der titelzeile, unter gleichzeitiger lautlicher anlehnung an norm: wenn hier der setzer nicht aufs neue was verwirret, ... wird die revision dem setzer überreichet, der spiesse niederdrückt, wurm, signatur erhält (
um 1740) Wildenhayn
erneuerte ehrenged. (
o. o. u. j.) 83; wurm
wird genennet, wenn man in den wercken, so aus mehr als einem theile oder bande bestehen, auf jede erste [] seite des bogens unten: erster, zweyter, etc. theil, oder dergleichen setzet Noël Chomel öcon.-physic. lex. (1750) 2, 675; Täubel
wb. d. buchdruckerkunst 2 (1805) 76; Bucher
kunstgewerbe (1884) 443
b; Hoyer-Kreuter
technol. wb. (1902) 1, 859. V@5@d@dδ)
übertragungen auf technische geräte oder teile von ihnen: die vornehmste stücke einer garnitur seynd die kappe, der bügel, das seitenblech oder der wurm Stahl
d. gewehrgerechte jäger (1762) 111;
schraube ohne ende Hoyer-Kreuter
technol. wb. (1902) 1, 859;
gang in der mutterschraube, luxemb. ma. (1906) 493;
spindel an der handbohrmaschine (
im Saarbergbau) Schön
Saarbrücken 232. V@5@d@eε)
langgezogene reihe: (
wir sahen) einer scharfen linie entlang einen braunen wurm (
einen eisenbahnzug) kriechen und darüber ein rauchwölklein schweben Rosegger
waldbauernbub (1959) 70; der breite, lange wurm der marschierenden O.
M. Graf
unruhe (1948) 121 (
vgl.heerwurm 1
teil 4, 2,
sp. 762). V@5@ee)
redensartliche fügungen. V@5@e@aα) das würmlein kommt ihm, beiszt ihn in die nase '
er wird ärgerlich, ungehalten, zornig': wenn der bösz gaist gegen dir schlecht, das dir das würmlin geradt in die nasen komen, so man etwan dein gelacht oder gespott oder dich sunst saur angesehen hatt und du bist zornig Keisersberg
granatapfel (1510) aa 6
b; bald gheswylt ynen der bauch, vnd das wurmlyn beisset sy bald yn ire nasen, wan eyner etwas redt, thuot, oder lasset, das wyder iren wolgefallen yst Karlstadt
v. manigfeltigk. d. eynfeltigen eynigen willen gottes (1523) B 3
b; da war es auss, da hatt S. Velten mehr gedult gehabt, da kam mir das wörmel auch in die nase, dasz ich ... ihm ein ... ungehewre maulschell geben hab Moscherosch
gesichte (1650) 2, 510;
illi bilis sedet in naribus das würmlein kriecht ihm bald in die nasen Dentzler
clavis ling. lat. (1686) 1, 90.
in anderer wendung: exagito ... vexieren, fatzen, eim das würmle in die nasen bringen Frisius
dict. (1556) 491
b; Maaler
d. teütsch spraach (1561) 467
a; solche red jagt dem mönch den wurm vber die nasen vnd antwortet keck vnd vnerschrocken Kirchhof
wendunmuth 1, 495
Öst. V@5@e@bβ) jemandem die würmer aus der nase ziehen
ihm ein geheimnis entlocken, ihn aushorchen (
durch unverfänglich wirkende fragen),
frz. tirer les vers du nez; ähnlich im engl. to worm out '
to extract (
a secret)
by insidious questioning' (
s. a. Wander
dt. sprichw.-lex. 5, 464); einem die würmer aus der nase ziehen
scorgere i secreti dalla bocca d'un goffo Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1407
c: lasst mich nur gehn! bei einem vollen glase, zieh ich, wie einen kinderzahn, den burschen leicht die würmer aus der nase Göthe I 14, 103
W.; wenn es sich dir schickt, vetter, so lose Uli ab, was er denkt, ziehe ihm die würm aus der nase, es wäre mir lieb, wenn ich wüszte, woran ich mit ihm wäre Gotthelf
Uli der knecht (1841) 294; dieser fuchs will uns die würmer aus der nase ziehen Mügge
täuschungen u. wahrheit (1859) 61; der kerl lockt ihm alle würmer aus der nase und ist dabei preuszischer spion! (1867) Fr. Engels
an Karl Marx in: briefw. 3, 426; nun suchten sie sich gegenseitig die würmer aus der nase zu ziehen, mit der gröszten vorsicht und friedfertigkeit, in halben worten und auf anmutigen umwegen G. Keller
ges. w. (1894) 4, 225; dem des alkohols ungewohnten die würmer aus der nase zu ziehen Weigand
die gärten gottes (1930) 315.
mundartl. und umgangssprachlich weit verbreitet: Friedli
Bärndütsch (Grindelwald) 2, 596; (
Lützelflüh) 1, 447; Hunziker
Aargau 304; Martin-Lienhart
elsäss. 2, 854; Follmann
Lothr. 550; Christa
Trier 219;
luxemb. wb. (1906) 493; 487; Dang
Darmstadt 206; Müller-Fraureuth
obersächs. 2, 683; Mensing
schlesw.-holst. 5, 688.
auch: dî skell ik nôch e wyrme yt e naz teîe (
beim abholen der trümpfe im kartenspiel) Jensen
[] nordfries. (
Wiedingharde) 718;
vgl. Mensing
schlesw.-holst. 5, 904.