gewunder,
n. u. masc., verstärktes wunder (
s. d.),
in den einschlägigen belegen aber zumeist auf eine verbalthätigkeit zielend, entgegen dem gemeingebrauch des subst. wunder,
der das geschehnisz zusammenfaszt, auf das die verbalthätigkeit reagiert; vgl. auch gewunderig,
wo sich die gleichen erscheinungen von breiterer grundlage abheben. 11)
in einzelnen belegen liesze sich daher an eine spätere substantivbildung zum verbum wundern
denken, so im folgenden, wo überdies das genus unsicher bleibt: vele ghinghen vor de dOere stan mit gewunders late spreken: 'wat deid god noch vele teken!'
Braunschweiger schichtspiel 2207
s. dtsch. städtechron. 16, 172. 22)
anders in dem regen gebrauch der Schweizer mundart, die neben formen mit dem präfix auch solche ohne dieses in einer und derselben bedeutung verwendet und die in den meisten sicheren fällen überdiesz das masc. aufweist: wunder,
m., neugier, wofür auch das gewunder, die wundergierigkeit Stalder 2, 458; gwönder
m., (ohne mehrzahl), die neugierde (gewünder): er werd no för de gwönder oberchoh, er wird noch für die neugierde genug bekommen Tobler 248; der g'wunder, die neugier Seiler
Basler mda. 157; 'es nimmt mich wunder, wie die nächste wahl ausfallen wird' ... eine ausdehnung der bedeutung, die sicher ungerechtfertigt ist H. Blümner
zum schweizerischen schriftdeutsch s. 54.
auch aus dem südlichen Schwaben ist genau das gleiche bezeugt: gewunder
m., neugierde der fürwitz H. Fischer
schwäb. wb. 3, 640;
vgl. auch die formen ohne präfix der wunder (
aus Lirer)
bei Schmeller 2
2, 956
und für den wunder, aus neugierde Martin-Lienhart 2, 839
a.
überraschen könnte die bedeutung, die hier nicht das erstaunen über etwas geschehenes, das der gemeingebrauch v. wundern
z. b. voraussetzt, sondern die spannung zum ausdruck bringt, mit der man dem zukünftigen und dunklen entgegensieht. doch ist diese gleiche nebenbedeutung auch innerhalb des bedeutungsumfangs von lat. mirari und griech. θαυμάζειν beobachtet und kehrt in den entsprechenden germanischen bildungen wieder, vgl. got. sildaleikjan,
ahd. wuntarôn: Pilatus wuntrota, oba her iu entoti, inti gihalotemo waltambahte frageta inan oba her iu entoti
Tatian 212, 5 (
Pilatus autem mirabatur Marcus 15, 14; Peilatus sildaleikida ei is juþan gaswalt Ulfilas
ἐθαύμασεν; Pilatus wundert sich, ob er ieczunt wer tot
cod. Tepl.).
erst Luther
verwandelte die abhängige frage in einen einfachen objectsatz und hob damit auch den nachklang der alten bedeutung des verbums auf, die auch im folgenden gilt: was sie filu wuntar ziu ther ewarto dualeti so harto.
Otfrid 1, 4, 71 (
mirabantur, quod tardaret Lucas 1, 21); 'ich hett mit üch ze reden ain klain' so möcht si das wunder fressen, was die alt vergessen, und spricht: 'sag an was dir sig im sinn'.
teufelsnetz 10378
Barack; dazu vgl. die mhd. verbindungen mich hât, mich nimt wunder (
s. mhd. wb. 3, 813
b; Lexer 3, 987),
die nicht nur auf vollzogene und bekannte ereignisse, sondern auch auf das zukünftige und unbekannte zielen. das gleiche läszt sich —
ebenfalls an formen ohne präfix —
auch aus heutigen mundarten weit über den oben gezogenen kreis hinaus nachweisen. aus dem elsässischen vgl.: wundern, das schicksal befragen Martin-Lienhart 2, 839
b; wunderlich
in der nebenbedeutung von neugierig
ebenda; ich bin im wunder, wies gehn wird 839
a;
dazu vgl.: mich frisst der wunder Vilmar 461; es soll mich mal wundern ob das ... eintritt
aus dem bergischen nach Sanders.
das subst. mit präfix ist vor allem bei J. Gotthelf
viel belegt und —
wol nicht ganz ohne dessen vorbild —
auch in neuerer, rein mundartlicher litteratur. meist erscheint es in verbindung mit präpositionen (durch, us)
oder ähnlichen bindungen (voll gewunders).
bald giebt ein indefiniter satz die zielrichtung der verbalthätigkeit an, bald giebt der absolute gebrauch dem subst. mehr das gepräge einer charakterisierung: 2@aa) es nimmt mi numme ds tüfels wunder, wie es denn einist gah soll, wenn du nicht mehr da bist, ... das ist ein spruch, mit welchem man schon viele hundert dienste von ihren plätzen weggesprengt hat. es reitet sie der teufel immermehr durch den gewunder, wie es dann gehe, wenn sie nicht mehr da sind J. Gotthelf
Uli der knecht (5.
cap.) 54
Vetter; Uli war ganz voll g'wunder, was er im stübli solle, und stellte sich an der thüre auf (11.
cap.) 161; (es stach sie auch der gwunder, was ...)
geld und geist 35 (1852);
vgl.: wo d'frau doktor, us gwunder, was er ächt gha heig, seit: 'mei mannli los, wie hesch du ...'. J. Breitenstein
's Vreneli 75. 2@bb) nun nahm mich gewaltig wunder, was mir noch geblieben sei, aber ich armer teufel konnte den gwunder nicht so schnell stillen, als ich wünschte J. Gotthelf (
leiden u. freuden eines schulmeisters 1, 9) 5, 94 (1856);
Käthi die groszmutter 2, 145 (
d. gw. liesz ihr keine ruhe); ob sie gekommen aus g'wunder
geld und geist 180; die ... gerne kam, aus g'wunder und der leute wegen (13) 173; mängis blibt si stoh voll gwunder und güggelet ine. J. Breitenstein
der herr Ehrli 27;
dazu vgl.: auch bin ich im stande ... lieber auf der stelle Schweizer bürger zu werden, so sehr gefallen mir die leute, die wissen was sie wollen und ohne geschrei und gewunder einer für alle stehen O. Ribbeck
br. aus Bern (1857)
s. bild seines lebens in briefen 261.