gezunft,
gezunfte,
f. später auch neutrum, verbalabstractum zu gezemen (
s. geziemen sp. 7063
ff.),
reicht in dieser form bis in das 16.
jahrh., wird aber schon in frühneuhochdeutscher zeit durch präfixlose formen stark zurückgedrängt, die sich wesentlich an die verengte bedeutung der innung (zunft)
heften. mit ihr reicht die sippe bis in die neuere zeit, wo die schriftsprache sie mit der engen bedeutung in geschichtlichen betrachtungen wiederholt, während mundarten wie die bayrische weiter ausgreifen: eine zünftige gesellschaft = ein kreis, der zusammen stiMt; da war's zünftig. 11)
die St. Galler glosse des 9.
jahrh.: conventione i. gizumti (
auf rasur)
zu Gregors homilien (1, 19
s. Steinmeyer-Sievers 2, 263)
steht dem lautbild des verbums am nächsten, vgl. auch dissensio ungizunt
glossen v. St. Peter (11.
jahrh. zur cura past. 3, 23)
ebenda 2, 241. 1@aa)
sonst tragen die überaus zahlreichen althochd. zeugnisse für das substantiv und seine weiterbildung im kreise der adjectiva und verba dem übergangslaut rechnung, der von der labialen liquida zum dentalen verschluszlaut überführt: gezumpht, gezumft
u. a. s. Graff 5, 666
f.; vgl. aber auch: dissensionibus, ungizumptin
Tegernseer glossen des 10.
u. 11.
jahrh. zu Gregors hom. 2, 24
s. Steinmeyer-Sievers 2, 298.
wo der übergangslaut nicht bezeichnet ist, darf aus der schreibung nicht zu viel geschlossen werden. vgl. z. b. gezunf Steinmeyer - Sievers 2, 146
u. a. der nasal ist zunächst als m
gekennzeichnet, der übergang zu n
ist in einer Freisinger glosse 9.
jahrh. beobachtet: consensu, gizunfti (
zu Gregors cura past. 3, 22) Steinmeyer-Sievers 2, 173.
auch in der Tatianübersetzung ist sie für das substantiv schon durchgeführt, nicht aber für die adjectiv- und verbalableitungen: gizumftigiu, gizumpftigô
n. noch bei Notker
überwiegt die alte schreibung: kezumft
u. a., aber ungezunfto. 1@a@aα)
ohne präfix ist althochd. nur ein zeugnisz der Benedictinerregel erbracht: in zunfti,
in conventu s. Graff
a. a. o. ableitungen und weiterbildungen treffen vor allem das verbum: convenisti mecum, kezumftost dich
u. a. Steinmeyer - Sievers 1, 715;
confoederentur, gizumftit werdan 2, 435;
concordare, gizunftan 2, 172;
vgl. auch: complexu ac foedere ... zesamine gehalset unde gezumftet Notker
Mart. Capella s. Hatt. 3, 266
b.
zum adjectiv vgl. conveniens, gezumftilih Steinmeyer-Sievers 2, 148;
consonanter, gezumftigo
vel gemenlicho 2, 147;
vgl. Tat. 189, 2; epangazumftlicho 2, 98
u. a.; vgl. die neue verbalableitung gezumftigon
s. Tat. 98, 3; 109, 3. 1@a@bβ)
der bedeutung nach ist schon aus diesen ableitungen, wie aus ihren lat. und deutschen entsprechungen (gehellen, eins werden)
der grundbegriff der übereinstimmung gegeben, wie er auch oben für geziemen
festgestellt wurde, und zwar in beiden formen, der von haus aus gegebenen, wie der erst angestrebten und erzielten übereinstimmung. am deutlichsten wird dieser innere zusammenhang mit geziemen
in einer bibelstelle, wo der älteste übersetzer gezumftig,
die späteren aber eine unmittelbare ableitung vom verbalstamm einführen: inti gizunftigu iro giwiʒscefi ni warun,
convenientia testimonia illorum non erant Tatian 189, 2 (
Marcus 14, 56 di gezeug waren nit zimler
cod. Tepl. zimlich
Augsburger bibel). 1@a@b@11))
wenig ergiebig ist die bedeutungsrichtung von consentire,
wie sie in der glosse consensu, gizunfti (Steinmeyer-Sievers 2, 173)
sich ausspricht, vgl. auch conventio, gezumft
Tegernseer glossen 11.
jahrh. zu 2. Korinther 6, 15 (waʒ gemainsamung ist Kristi zu Belial
cod. Tepl.; was gesellschaft Eck; wie stimpt Christus mit Belial Luther) Steinmeyer-Sievers 1, 764.
vgl. die zahlreichen zusammensetzungen mit un
für den gegensatz: dissensione, ungizumfti
Frankfurter glossen 9.
jahrh. zu den canones s. Steinmeyer-Sievers 2, 147;
vgl. auch (
dissentionibus, ungizumptin) 2, 298; 2, 24;
vgl.was ... ungizunft gitan untar then Judaeon
Tatian 133, 15 (
dissentio iterum facta est Joh. 10, 19, mishellung
cod. Tepl., zweiunge Beheim, zwitracht
spätere bibel und Luther);
desgl. messezumft
Tatian 129, 7; menniscon herzen. fone diên diccho irrinnent tempestates seditionum (diû ungewittere strîto) unde dissensionum ungezunfto Notker
zu psalm 106, 23
s. Hattemer 2, 391
a. 1@a@b@22))
dagegen führt die übereinstimmung, die erst erstrebt und erzielt wird, zu manigfacher entwicklung: conventione autem facta cum operariis ex denario diurno, gizumfti gitanera mit then wurhton fon tagelone
Tatian 109, 1 (
Matth. 20, 2 do er het gemacht geding mit den werkern
cod. Tepl., da er mit den erbeitern eins ward Luther);
vgl. conventione, gethinge, gezumfti
Xanthener glossen 9.
jahrh. u. a. zu dieser stelle Steinmeyer-Sievers 1, 715;
vgl. auch Reichenauer glossen zu Galat. 2, 9;
ebenda 1, 768.
hiervon gehen die gleichungen mit foedus
und pactum
aus: 1@a@b@2@aa))
foedere kezumfte
Reichenauer glossen 11.
jahrh. zu Römer 1, 31 (
absque foedere, trewlosz Eck
u. a.)
s. Steinmeyer-Sievers 1, 756;
foedere, gizumfti
Emmeraner glossen 11.
jahrh. zu Prudentius s. Steinmeyer-Sievers 2, 415 (
vgl. dagegen foedus, cafôcsâmi
Hrab.-Keronische glossen ebenda 1, 152);
foedere complecto sub quo natura jugatur, mit liêbsamero gezumfte, mit tero des comenes und dero brute natura gesippôt wirt Notker
Mart. Capella s. Hatt. 3, 264
b;
desgl. für foedus (
Boethius) 3, 94
a; 94
b; 226
b. 1@a@b@2@bb))
pactum, kizumft
Junische und Reichenauer glossen 9.
jahrh. zu 1. Mos. 17, 4 (und hab meinen bund mit dir Luther) Steinmeyer - Sievers 1, 286 (
vgl. aber: pactio, mahal, kimahhitha
Harab.-Keron. glossen s. ebenda 1, 225;
pactum, ewa
zu Jeremias 31, 32
ebenda 1, 636);
pactum, gizumpft
Tegernseer glossen 11.
jahrh. u. a. zu Ezechiel 16, 59
s. Steinmeyer - Sievers 1, 645; ioh
omne pactum et placitum (iêgelih kezumft ioh eînunga) heiʒʒet
testamentum Notker
zu psalm 82, 6
s. Hattemer 2, 297
b;
dazu vgl.: immer aber erfolgte die volksrechtliche gesetzgebung in gemeinsamer mitwirkung von könig und volk. man bezeichnete das in dieser weise zur aufzeichnung gelangte recht als pactum, pactus, gizumpht R. Schröder
rechtsgeschichte5 240. 1@bb)
der mittelhochdeutsche gebrauch schon streift das präfix gern ab, vgl. mhd. wb. 3, 892
a: 1@b@aα) ... sâht ir für iuch varn zwên ritter die sich niht bewarn kunnen an ritterlîcher zunft? si ringent mit der nôtnunft und sint an werdekeit verzagt: si füerent roubes eine magt. Wolfram
Parzival 122, 17; welhe semfte mit der meisten zumfte da guinnent, die durch got die viante tragent unde minnent.
himmelreich v. 219
s. ztschr. d. a. 8; dar zuo hant wir inen bestetiget alle irin recht friheit und guote gewonheit, und die gesetzde, die man da nemt zünfte in allen dem rechte, alse si bischof Liutold und ander unser vorvarn sarten
urkunde Johanns bischofs v. Basel 1337
s. Wackernagel dienstmannen recht s. 24 (
beilage 7).
hier ist auch der übergang zur corporativen zusammenfassung schon angebahnt: das nieman kein zunft noch geselleschaft noch meisterschaft ... mit eiden machen soll in dirre stat
richtebrief der bürger von Zürich (
handschr. 14.
jahrh.)
s. Helvetische bibl. 2, 43. 1@b@bβ)
das präfix ist hier nur aus mitteldeutschen zeugnissen belegt und an ein neutrum gebunden, das den collectivbildungen auf e
angeglichen ist. auch in der bedeutung weicht diese form nach der seite von gezeug, gezog
im sinne von gefolge
aus: die herren konege alle drî, von Saba, Tarsis und Arabî und alleʒ ir gezunfte.
erloesung 3164
Bartsch; desgl. 3382; der solde in disen ziden mit sime herren riden unde ander sin gezunfte.
Elisabeth 1273
Rieger; ir megde unde ir juncfrouwen ... und alles ir gezunfte, waʒ an der frouwen kunfte mit ir zu wegeverte schein. 5513. 22)
in der urkundensprache frühneuhochdeutscher zeit sind aus der gegend um Speier noch länger formen mit präfix bezeugt. das grammatische geschlecht weist durchweg auf das fem. der bedeutung nach ist ausschlieszlich die corporative bindung an gemeinsame bestimmungen gekennzeichnet: 2@aa)
für den singular: das fur uns und unsern rat komen sint die gezunftmeister und die gezunft gemeinlichen der duchere hie zu Spire, die hant uns zu wiszen getan und furbraht von irre gezunfte wegen solichen groszen komber und gebresten
verordnung des raths zu Speier (1381)
s. ztsch. gesch. Oberrh. 9, 166; anders sie mochten ire gezunft furbaʒ nie nit gehalten als sie biʒher getan hetden; und muosten die laszen zurgeen ... daʒ sie sich baʒ mochten begeen in der wober gezunfte dann bi den duchern, und batden uns, daʒ wir in erlaubeten, der wobere gezunft zu gewinnen
ebenda; daʒ sie nieman ir gezunft lihen sollent 167 (1401); der sol der duchere gezunft koufen
ebenda (
aber: uszwendig irer zunft);
vgl. auch dem gezunftmeister, der danne ist in der gezunfte meister 17, 43;
vgl. auch: ... haben wir die meistere snider hantwercks der statt Meintz ... unser gezunffte ingesiegel gehenckt an diesen brieff (
urk. der schneider 1457) 13, 164. 2@bb)
für den plural: wir die driczehen gezunfte zu Spire, die ducher, gewender ... und alle die die in die vorgenanten gezunfte gehorent, veriehent offenlichen an disem gegenwertigen briefe ... ob ieman deheinen unsern burger, der gezunft hetde, wolte geweltigen wider reht, daʒ wir alle dem widersten sollen
vereinung der 13
zünfte zu Speier (1327)
ztsch. gesch. Oberrh. 17, 43 (1359: zunft
ebenda s. 35;
desgl. 33
u. a); zweiunge ... zwischen dem alten rate ... uszer der stat ... uffe ein site, unde dem rate, den gezünfften unde den burgern allen geminlich zu Spire in der stat uffe die ander site Speierer
vereinbarung v. 1330
s. Schaab gesch. d. gr. rhein. städtebundes 2,
no. 81; in der selben rahtunge und süne, des rates, der gezunfte, unde der burger von Spier
ebenda; wir auch die richtere, der rhat, die gezünffte und alle burgere ... von Spire
bei Lehmann
chron. v. Speier (1612) 630 (
der verfasser selbst spricht von rath, burgerschafft und zünfften
ebenda).