giefen,
gifen giffen,
vb. , '
klaffen, den mund aufsperren, mit offenem munde nach etw. verlangen'.
herkunft und form. gemeingermanisches wort. doch gehen die einzelnen sprachen in der quantität des wurzelvokals auseinander: länge wie hd. geifen,
nd. gīpen '
gähnen', '
verlangen'
rhein. wb. 2, 1138; giepen '
luft schnappen' Mensing 2, 375
hat auch mnl. gîpen '
offen stehen' (
vom munde) Verwijs-Verdam 2, 1976,
nl. gijpen '
nach luft schnappen'
nl. wb. 4, 2343
und norw. gîpa,
f., '
tief klaffende wunde'
; schwed. (mun)gipa '
mundwinkel'
; kürze dagegen zeigt norw. gipa '
klaffen machen, nach luft schnappen' Torp 154,
schwed. dial. gipa '
den mund aufsperren, ohne unterscheidung und nachdenken schwatzen' Hellquist 187
und wahrscheinlich ags. gypigendum
hiulcis Toller
supplem. 470 (y
aus älterem eo
durch o/a-
umlaut Sievers
ags. gr. § 107, 4 ?);
unsicher ist die quantität von anfrk. gipondi
patens altostnfrk. psalmenfragmente 72
van Helten, wenn auch die länge im hinblick auf das mnl. und nl. wahrscheinlicher ist. ablautend gehören weiter dazu anord. geipa '
plaudern, den mund gehen lassen',
norw. geipa '
offen stehen lassen, den mund verziehen, den mund gehen lassen',
schwed. dial. gepa '
spotten, schwatzen'
und bair. gaiffen '
auseinanderstehen, offenstehen' (
bes. von wunden).
germ. geip-, gīp-
ist eine auszerhalb des germ. nicht nachgewiesene erweiterung der idg. wurzel ghēi- '
gähnen, klaffen'
in lat. hiare,
ahd. gīēn
u. s. w., vgl. Walde-Pokorny 1, 551;
zur weiteren etymologie s. oben unter gieben.
vgl. auch geifen
teil 4, 1, 2, 2564
und geiben 2558.
im deutschen ist giefen
mundartwort, das sich besonders alem. und niederrhein. bewahrt zeigt; in dieser form erscheint es bis ins 17.
jh. auch literarisch häufig, vereinzelt dagegen mit diphthongierung als geifen;
ob die im niederrhein. sporadisch auftretende form mit kurzem i,
vgl. rhein. wb. 2, 1138
alte kürze fortsetzt oder auf junger entwicklung beruht, ist nicht zu entscheiden; sonst ist alte vokallänge sowohl durch die maa. (
vgl. gīfen, gīffen Staub-Tobler 2, 129, gîfen
rhein. wb. 2, 1226)
wie durch geifen
in älteren drucken, vgl. Zürcher bib. (1531) 2, 59
c gesichert; das neben dem diphthongierten gîfen > geifen (
und geipen
lux. ma. 133
b, Vilmar
kurhess. 141)
stehende geifen
mit altem ei (
z. b. gaifen, goafen '
abstehen' Schmeller-Fr. 1, 874, Schöpf 168)
steht auf gleicher stufe mit anord. geipa,
s. unter geifen.
wurzelverwandt sind gieben, giebsen, gieb
u. 3giebel.
bedeutung und gebrauch. 11)
in der wurzelbedeutung '
klaffen, offen stehen',
vgl. bair. gaifen '
klaffen' (
von wunden),
norw. gipa '
tief klaffende wunde'
; so bereits altndfr. gipondi
patens s. oben; alem. als '
aufklaffen, aufspringen' (
von dingen)
gut bezeugt, vgl. discedere terra dicitur zerspalten, sich aufthun, gyffen, aufklecken Frisius
dict. (1556) 423
b; gyffen, aufklecken
dehiscere Maaler 202
b; Henisch 1615;
ebenso in heutiger alem. mundart, vgl. gifen, gîffen, gifelen '
bersten, voneinanderklaffen' (
von hölzernen geschirren), '
sich spalten' (
von nuszhülsen) Staub-Tobler 2, 129;
dazu gîffe '
türspalte'
ebda 130;
vgl. westf. gepen '
etwas klaffen, offenstehen' (
von der tür) Woeste 76
b.
hauptsächlich vom offenstehen des mundes; '
begierig den mund aufsperren': (
sie) geyffetend mitt irem mund wie der boden auff einen spaaträgen
Zürcher bib. (1531) 2, 10
d (
Hiob 29, 23);
von vögeln '
gierig den schnabel aufreiszen': (
der reiche beargwöhnt seine freunde) dan er urtheilet sy all gyren und rappen, die uff den schelmen sitzen und gyffen oder schryen (
omnes vultures iudicat, cadaveri inhiantes) Adelphus
Erasmi enchiridion (1521) 93
a;
vgl.gepen den schnabel aufsperren Woeste-Nörr. 76
b;
im rhein. speciell für '
gähnen',
mit giwen (
vgl. Graff 4, 107,
mhd. wb. 1, 543
a)
und gieben (
s. d.)
sich berührend, vgl. gîfen, gifen '
gähnen' (
Eifel)
rhein. wb. 2, 1250
s. v. giwen, 1138
s. v. geifen;
vgl. auch geipen, gîpen 1144, 1240;
besser fernzuhalten ist mhd. giffen '
mit offenem munde gaffen',
das spielerische ablautbildung von gaffen
sein wird, vgl. gippen gappen
unter gib,
adj.: mit mir ze hoffe was im gach ... grosz giffen gaffen was mir nach
Neithart fuchs in Bobertag
narrenb. 153. 22)
von der sinnlichen bedeutung aus meist auf abstracteren gebrauch übertragen; als '
gierig (
mit offenem munde)
nach etwas begehren, verlangen'
im 15.-17.
jh. literarisch im alem. belegt; entsprechend nd. giepen
und giepern (
s. d.)
mit objectsangabe; noch im bilde: wie vil sind deren, die ... ein sollich giffen haben nach der geistlichen speisz Geiler v. Keisersberg
seelenparad. (1510) 155
c;
abstracter: (
sie) gyffent noch der süsze, die sie sehen (
und nicht nach gott, dem schöpfer)
bilg. (1512) 126
c; wer recht thut ... (
der) angstet nitt noch gyffet nitt uff die sachen, do mit die welt umb got
post. (1522) 2, 51
b; bist du der erretter und held, darauff die zwölff geschlecht Israel gegiffet und gewartet Dannhawer
ev. memorial (1661) 29;
s. noch Staub-Tobler 2, 129; Scherz-Oberlin 1, 584.
participial gebraucht im sinne von '
begehrlich, unbefriedigt': (
mit irdischen gütern hat die seele) kein vergnügen, sie würt nit satt, bleibt ewiglichen giffen und hungerig Geiler v. Keisersberg
seelenparad. 154
b;
vgl. der faul und traag geyffet, er hat aber armuot
Zürcher bib. (1531) 2, 59
c (
spr. Sal. 13, 4);
niederrhein. neben jîpen
u. ähnl. auch gîfen '
verlangend hinschauen, gern etwas geschenkt haben'
u. ähnl. rhein. wb. 2, 1138; 1144;
vgl. auch geiben.