gegenwart,
f. praesentia, ein vielfach merkwürdiges wort. II.
Geschichte, nebenformen, entstehung. I@11) I@1@aa)
ahd. nur ein adj. geginwart
praesens, auch gagenwarti
promptus Graff 1, 1008, kakanwarti Hattemer 1, 56
b,
nachher gagenwerte
u. ä. (
s. dazu 5,
b, β);
ebenso alts. geginward
und geginwerd
adj., altn. gagnvart
und gagnvert,
doch hier nur als adv., in der bedeutung gegenüber, vielleicht in einer vermischung mit vart
als adv. zu varr
genau u. ä.; ags., goth. fehlend (
vgl. 5,
a),
sodasz man für das altn. deutschen einflusz vermuten darf. die bedeutung gegenüber gibt aber den ursprüngl. begriff genau: in meinem gesichtskreis gegen mich gekehrt oder gegen mich herkommend, d. h. wie gegen,
ahd. gagan
eigentlich selbst schon (
s. sp. 2203
fg.),
sodasz geginwart, gaganwart
wie eine verdeutlichende ausmalung des einfachen wortes aussieht (
vgl. II, 2,
c),
mittelst wart,
d. h. gewendet, versus; vgl. die spätere verstärkung von gegen
durch nachgebrachtes wart, wert
sp. 2215,
z. b. mhd. gegen dem mere wart,
nhd. gen dem meer werts (
vgl.gegenwarts),
was denn eigentlich mit dem ahd. geginwart
zusammenfällt, da auch diesz zugleich eine bewegung bezeichnete, wie noch gegenwärtig (
s. d. II, 1,
a, vgl. hier II, 1). I@1@bb)
das adj. auch noch mhd. einzeln, noch im 14.
jh.: sô daʒ weip (
der viper) niht gegenwart ist, sô suocht si der man. Megenberg 286, 12;
auch mit dativ: daʒ er allen den gegenwart sî (
prope sit). Kelle
spec. eccl. 20,
d. h. wie noch heute gegenwärtig
und wie das ahd. und altn. wort, es ist derselbe dativ, den gegen
selber ursprünglich bei sich hat. auch mnd. jegenwart
adj.: is he aver dâr nicht jegenwart, den de hêre degedingen wil.
richtst. lehnr. 7, 4 (Hom. II, 1, 421),
in der md. übers. nicht geinwertig. I@1@cc)
bedeutsame nebenformen gegen
wert und gegen
wurt, jenes z. b. in md. keinwert (
vgl. 5,
b): nochdemmole ..
N. mit irer (
der klägerin) volbort und sy
keinwert sich mit im vorpfendet und vorlobt ...
Magd. fragen s. 79
var., d. h. selbst vor gericht anwesend; andere hss. haben keinwort (
oder keinwortig, kegenwertig).
letzteres mit echterem vocal md. jegenwurt adj. Lexer
nachtr. 184;
mnd. jegenwort,
s. bei Sch.
u. L. 2, 406
a, 5 an dessen kegenworden brêf (
gehängt, das siegel).
auch das zweite nhd. gegenwert
u. 2,
b kann adj. sein. beide nebenformen werden sich auch mhd. finden, wie sie ahd. bezeugt sind, gaganwurt (
oder -wurti)
in gaganwurter
obvius Virg. georg. 4, 24 Graff 1, 1008
und gaganwert Schm. 4, 161,
d. h. von gaganwerti
unterschieden, mit anderm e,
s. unter 5,
b, β. I@22)
ursprünglich auch ein subst. m., der gegenwart
gegner, wie sonst widerwart (widerwarte),
woher unser widerwärtig;
md.: daʒ er nicht underbrêche deme gegenwarte sîne wort.
pass. K. 73, 89,
in einer disputation. so wol nd. jegenwerd
gegner vor gericht, s. Homeyer
richtsteig landr. s. 166,
wo für (sime) jegenere
eine hs. ieghenuerde
hat. seltsam spät nhd. bei einem Schweizer: praevaricatio, heimlicher verstand (
einverständnis) mit der gegenwarth. Denzler 1, 840
b,
gegenpartei; es musz ausdeutung von gegenpart
sein, die aber selber doch ein nachleben jenes alten gegenwart
gegner bezeugen kann; vgl. II, 2,
a. I@33)
die gegenwart
dagegen ist ursprünglich und lange eine fragliche form, in den wbb. zu rasch angesetzt. I@3@aa)
so ahd. gaganwart
bei Graff 1, 1008 (
auch Schm. 4, 161),
aber die zeugnisse geben nur gagenwertî, geginwertî
f. praesentia, d. h. begriffliche substantivbildung zum adj. geginwart (
s. 1),
z. b.: ába déro éinvaltun gágenwerti (
so),
ex simplicitate praesentiae. Boeth. 280 (262); dô géretôst tû énes kágenwérti, dísses ábwérti,
illius praesentiam, huius absentiam desiderabas. 109 (118),
gleichsam gegenwärtigkeit und abwärtigkeit; im nom.: thiu mîn (
Christi) geginwertî. Otfr. V, 16, 26 (
s. II, 3,
b).
daher denn mhd. gegenwerte, das in den wbb. als nom. angesetzt sein müszte, das gegenwart
im mhd. wb. 3, 599
b fuszt nur auf der stelle bei Diemer 3, 9,
wo vielmehr gagenwurt
steht (
s. 4);
Alem. 3, 105,
woraus Lexer
nachtr. 180 gegenwart
angibt, steht vielmehr von sîner lîplichen gegenwerti.
md. geinwerte: in sîn (
des gegners) geinwerte.
Ssp. II, 3, 1,
nd. in sîne jegenwarde (
s. unter II, 2,
a),
aber auch jegenwerde II, 2,
c. I@3@bb)
daher noch im 16.
jh. auch gegenwert: wer nun bawen will, der musz .. zubusz anlegen und wochentlich inn gegenwert seines steigers ... sein anschnitt halten (
d. h. rechnung, auf dem kerbholz). Mathesius
Sar. 64
b (6.
pred.),
wie mhd. engegenwerte; ob ein jeder seinen nachbar und hausgenosz zur stelle und gegenwert vor handen habe oder nicht.
dreyding A iij (
vgl. Haltaus 245),
worin doch auch ein adj. gegenwert
vorliegen könnte (
s. 1). I@3@cc)
nhd. gegenwart
aber ist lange nicht zu finden, seinen platz hat vielmehr gegenwärtigkeit (
s. d.),
das an die stelle des ahd. geginwertî
getreten ist; so haben noch jetzt die Niederländer blosz tegenwoordigheid.
die einfache form finde ich in den wbb. nicht früher als im 17.
jahrh.: gegenwart,
gegenwärtigkeit, angesicht, conspectus, praesentia. Henisch 1423, 34; in gegenwart,
coram et sub oculis. Schönsleder S 8
b.
doch hat sie schon im 16.
jh. Fischart
bien. 230
a,
Garg. 188
a (
s. unter II, 4,
a. b).
es musz sich allmälich an die stelle des schleppenden gegenwertigkeit
gesetzt haben. I@3@dd)
dagegen mnd. neben jegenwerde
auch jegenwarde,
d. h. wol auf ein alts. geginwardî
weisend, d. h. eigentlich gegenwärtigkeit: beklaget man ênen man in sîne jegenwarde.
Ssp. II, 3, 1
u. ö. (
vergl. u. II, 2,
a);
der richter sal to jegenwarde sîn up den stûl,
s. Sch.
u. L. 2, 406
a,
vergl. jegenwardich
das., ohne umlaut. das yegenwart
ebenda musz wol spätere form sein, mit abgestosznem -e, bose yegenwart,
malus occursus aus einer nd. bibel 1 kön. 5, 4 (böse hindernis Luther). I@3@ee)
entsprechend doch auch oberd. schon im 14.
jh., d. h. in einer übersetzung aus dem nd.: der richter machet vride jenem der dâ (
so l.) chlaget und niht dem, den man
ze seiner gagenwarte vur ladet hât.
spieg. deutscher leute landr. 216,
nach an sîne jegenwarde
Ssp. III, 13; swem man sein guot vertailet in seiner gegenwarte.
lehnr. 127; die gewette, die auf ihn ertailet sint ân seine gegenwarte. 142,
nd. âne sîne jegenwarde 51 (
auch in der md. übers. bei Homeyer jegenwarde
s. 223. 231).
s. auch gegenwartich
im Deutschensp. lehnr. 193 (
s. 176),
daneben zuogegenwurtich 64, 4 (158).
da ist denn nd. einflusz auszer zweifel, dem freilich die bair. neigung, unter umständen auf unumgelautetem a
zu verharren, entgegen kommen mochte, also gagenwarte
gleich ahd. gaganwartî (
vergl. gagenwartîg Graff 1, 1010).
wegen gegenwart
s. übrigens noch unter 6 antwart,
auch folg. I@44)
dafür erscheint hd. gegenwurt u. ä. schon im 16.
jahrh., ja schon mhd. I@4@aa)
nhd.: uf derselben prugkn vordert der kaiser all sein fürsten .. schlueg also in gegenwurt der babstlichen heilikhait ritter.
Wilw. v. Schaumb. 9; da man in gegenwurt von allerlei handeln wird. Luther
br. 4, 642,
d. h. persönlich, mündlich, nicht blosz brieflich; daʒ in gegenburt (
so) aller menschen ganz menschlich geschlächt miteinander geurtailt werde. Berth. v. Chiemsee
t. theol. 100, 12 (
bair. mit b
für w),
d. h. alle menschen als betheiligte, s. II, 2. 3.
mhd. (
s. die wbb.)
z. b.: dô geschuof er (
gott) zehen chôre .. daʒ si in sîne gagenwurt (
vgl. II, 2,
a) hêten (
hielten) himelischeʒ lob. Diemer
ged. 3, 9; vertrîbe, hêrre, si von der gagenwrte mîner riuwe. 380, 16 (w
oder uu
gleich uuu).
dazu gegenwürtig,
auch nhd. noch lange in geltung (
auch gegenwürtigkeit),
wie schon mhd. gegenwürtic,
ahd. gagenwurtîg. I@4@bb)
auch gegenwürt f., d. i. gegenwürte: wo er (
ein freier) fand ein züchtig magt, von deren eltern (
so l.) niemant clagt, die da waren erber leüt in gegenwürt und lange zeit (
seit lange) .. Murner
schelmenz. e 1
a (55, 12).
dasselbe ist gegenwurte,
z. b. in der Zimmerischen chron., blosz mit unbezeichnetem umlaut, wie z. b. in Wurtemberg
das.: in gegenwurte der ganzen versamlung macht er seine bossen. I, 390, 8; in gegenwurte und beisein des herzogen. 508, 7; do erschrack der pfaff so übel ob seiner (
des grafen) gegenwurte (
in der predigt). III, 150, 19
u. ö. I@4@cc)
so mhd. gegenwürte, geinwürte
f., z. b.: die giengen ouch ze lôʒe ze sîner (
des herzogs) gegenwürte, welher im antwürte
u. s. w. Trist. 5961 (151, 3); daʒ man si her besende z'unser aller gagenwürte (: antwürte). 15419 (388, 34).
meist ohne bezeichneten umlaut, auch md. geinwurte, kegenworte: den man an sîne (
des richters) geinwurte vorladet.
Ssp. III, 13 (
nd. an sîne jegenwarde); das der richter selbir dôr zu kegenworte sy.
Kulm. recht 2, 13. 5, 29.
ahd. gaganwurtî
neben gaganwertî,
und auch kakanwirtî Graff 1, 1009. I@4@dd)
auch im 16.
jahrh. zwar gegenwirte, schwäb.: haben sy .. im (
dem herzog) die stat yberantwurt und aufgeben in gegenwirte aller reysingen, die dem bund zuogeherig sind gewesen. Baumann
qu. zur g. des bauernkr. in Oberschw. 616;
wie gegenwirtig
das., gegenwirtigkait 622. 624;
doch wird das i
nur ü
meinen, wie in Minchen, Tibingen, geschitz
ebenda. von echtem altem i
s. 5,
b, α. I@4@ee)
nd. entspricht gegenwort
f. (
nicht bei Sch.
u. L.): dat ik hir .. queme in den hof in juwe jegenwort openbare.
Rein. vos 4335,
Reineke vor den könig. auch mnl. te jegenworde staen, ten jegenworde (
also n.),
s. Oudem. 3, 261. 260.
vergl. md. kegenworte
u. c. I@55)
weitere aufklärung über die formen wie über das wort überhaupt bietet glücklich eine ältere schwesterbildung mit gleicher manigfaltigkeit. I@5@aa)
goth. hiesz es andvairþs
adj., gegenwärtig, mit adv. andvairþis
gegenüber (
vergl.gegenwarts),
subst. andvairþi
n. gegenwart, d. h. mit and-
gleich dem gegen-,
womit gegenwart
u. s. w. als jüngere umbildung an jenes stelle getreten ist, als das and-
nicht mehr deutlich genug war, wie z. b. auch im ahd. geginsacho
widersacher neben alts. andsaco,
ags. andsaca (
s.gegensacher).
das alte galt aber noch voll im ags. und altn. (
denen gegenwart
bis auf die spur u. 1,
a fehlt),
im altn. öndverðr,
mir zugekehrt, entgegengekehrt, mit anderm vocal ags. andweard
zugekehrt, gegenwärtig (
s. b).
beide aber, die alte und die jüngere bildung, begegnen sich auf deutschem boden, wo die zweite entsprosz; denn wie im Hel. neben dem doch schon vorwiegenden geginward
adj. auch noch andward
gegenwärtig einzeln erscheint, so ahd. anfangs noch antwart
praesens Graff 1, 1001, Schm. 4, 161 (
s. auch b, β),
ja noch nhd. in antworten, überantworten,
d. h. eigentlich in gegenwart, von hand zu hand oder vis-à-vis, nicht durch boten, übergeben, das nur dann, im sprachgefühl vereinsamt, zu antwort
hinübertrat (
auch bei J. Grimm
oben I, 510),
s. dazu II, 2,
b, auch antwordes
adv., in gegenwart, unter gegenwarts. I@5@bb)
der vocal des zweiten theils zeigt aber über das goth. hinaus die vollste entwickelung im ablaut, in beiden bildungen. I@5@b@aα)
dem goth andvairþi (
mit aí
für i)
entsprechend noch im 12.
jh. bei uns antwirt
f., es heiszt von den im glaubenskampfe gefallenen helden, welche ze himele sint gestigen .. ze gotes antwirt sint si vil grôʒe.
Rol. 284, 3.
vor gottes antlitz, an seinem throne; die form ist merkwürdig alterthümlich (Bartsch
schreibt antwirte,
vergl. unter 6).
sonst dauerte das ursprüngliche i
nur, wenn es an einem folgenden i
eine stütze hatte, so im alts. geginwirdî
f., ahd. kakanwirdî,
auch gaganwirda (Schm. 4, 161),
vergl. noch mhd. gegenwirtikeit
wb. 3, 600
b, 26, antwirten Lexer
nachtr. 29;
doch kann später da i
auch für ü
stehen, wie nhd. u. 4,
d. aber echt ist doch noch gegenwirtig, gegenwirtigkeit Maaler 163
a. I@5@b@bβ)
meist erscheint das ursprüngliche i
als gebrochnes ë,
wie im altn. öndverðr,
so in den ahd. nebenformen antwert
oder antwerdi
praesens (
denkm. LVI, 17),
vergl. antwerdîn
praesentia Isid., dann in gaganwert Schm. 4, 161,
wie alts. geginwerd,
altn. gagnvert (
s. 1,
a),
md. keinwert (1,
c);
in den formen mit endendem -i (
z. b. 3,
a)
mischt sich das für uns freilich mit den auf -wart
zurückgehenden. aber das ë
lebt heute noch in vorwärts, hinterwärts
u. s. w., nur fälschlich zu a
hinübergezogen (
vergl. gegenwarts). I@5@b@gγ)
gegen andvairþs, antwirt, gegenwirtic
stehen aber ahd. antwart
und antwurt, geginwart
und gaganwurt
adj. (
mhd. gegenwertic
und gegenwürtic),
auch im subst. bei Williram
neben antwert
sowol antwart
als antwurt (
vergl. 6);
alts. nur andward, geginward
adj., ags. nur andweard.
ebenso in einer dritten schwesterbildung: ahd. neben widarwert
contrarius (
mit ë
aus i) widarwart
und widarwurt,
bezeugt wenigstens widarwurtîg,
vgl. widarworto
adversarius Tat. 27, 2;
alts. nur wiðerward
und wiðerword,
ags. nur wiðerweard,
goth. viþravairþs,
gegenüberliegend, stehend u. ä. man sieht, wie die drei bildungen mit ant- gagan-
und widar-
sich neben und an einander entwickelt haben, auch in der bed. von éinem sinnlichen punkte aus, während uns jetzt freilich gegenwärtig
und widerwärtig
weit aus einander gehen. I@5@cc)
dasz das wirt, wart, wurt
auf werdan
fieri zurückgehe (Schm. 4, 161),
ist mir recht wahrscheinlich, bedürfte aber besonderer, weiter greifender untersuchung; werden
müszte dann ursprünglich auch die bed. herankommen gehabt haben, eigentlich in meinem gesichtskreise gröszer werden, gleichsam wachsen (
vergl. sp. 1890
m., auch u. g das.).
auch müszten sich gaganwart
u. s. w. schon früh im sprachgefühl von werdan
gelöst haben, nach der verschiedenen lautstufe des auslauts, die doch im goth. andvairþs
und vairþan
noch eine ist, im ags. weorðan
und weard
schon nicht mehr. man konnte dabei an ahd. wartên
blicken denken, alts. wardôn,
da die gegenwart
auch als ein entgegenblicken gedacht war (
s. II, 3,
c);
so begriffe sich auch umgekehrt anawurte
speculator Graff 1, 1000
neben anawartên
spectare 952. I@66)
auch die endbildung erheischte genauere prüfung. das adj. zeigt hd. von haus aus doppelte bildung, geginwart
und gagenwarti (-werte),
ebenso antwurti
praesens und gewiss auch antwurt
u. s. w. anderseits zeigt aber auch das subst. eine solche doppelheit, denn neben dem gewöhnlichen geginwertî
f. heiszt es auch zi geginwert,
gegenwärtig Otfr. V, 23, 38, in mînes fater geginwert 7, 58,
neben antwurtî
auch in gotes antwurt, antwert, antwart Graff 1, 1002,
mhd. antwirt 5,
b, α, gagenwurt 4,
a (
neben gegenwürte),
was denn dem fraglichen gegenwart
u. 3
doch eine genügende stütze gibt. woher aber diese stumpfe, eig. unbezeichnete begriffliche substantivbildung, die bei einem n. begreiflich wäre (
als n. des adj.)
wenigstens im nom. und acc., aber beim f.? es scheint, als wäre das wort durch massenhaften gebrauch sehr früh auf den weg der gleichgültigkeit gegen die endung gekommen, der in der entwickelung der sprachen immer breiter wird, als schmaler pfad aber sehr früh beginnt. I@77)
hand in hand damit geht, wie es scheint, ein schwanken in bezug auf die wortgattung. I@7@aa)
so konnte oder muszte das adj. unter umständen den schein eines adv. annehmen, schon ags. z. b. in andweard standan, sittan (
mit dat. der person),
gegenüber sitzen, mehr noch in andweard cuman (
gleichsam coram venire)
Andr. 783;
alts. ähnlich in andward standan
Hel. 121. 3795, geginward sittian (
mit dat.) 1287, thie hier geginward stêd 5617.
das altn. gagnvart
wird durchaus nur noch als adv. behandelt (
s. 1,
a),
z. b. sitja gagnvart einum.
entschieden als adv. im 15.
jahrh. md. keginwert,
inpresenciarum Dief. 217
a,
schon im 13.
jahrh. gagenwurt Leyser
pred. 6, 23,
von der zeit, s. II, 7. I@7@bb)
gerade hd. bleibt sonst das adj. auch da deutlich, wenigstens ahd., z. b. geginwerte stân,
von einer mehrheit Otfr. IV, 17, 18 (
vergl. mhd. u. 1,
b),
und die starke kürzung von wart, wert,
die z. b. in widarort
und widarert,
rückwärts, erscheint (Graff 1, 640)
und den übergang in das adv. entscheidet, zeigt sich nicht bei geginwart.
aber auszerdem hat -wart
und -wert
diese herabsetzung reichlich erfahren in anawert
künftig, inwert
intus, ûzwert, afterwert
u. a., obwol adjectivische adverbialbildung meist daneben geht, wie afterwartes, ûʒwertes (
vergl.gegenwarts).
die entstehung scheint doch dieselbe wie beim lat. versus, adversus
als praep., eigentlich doch wol das erstarrte part., also wie u. a. I@7@cc)
aber auch das subst. erscheint doch in mischung mit dem adj.; merkwürdig z. b. im 16.
jahrh.; hat auch ofentlich in gegenwertig viler prelaten .. gesagt. Fischart
bien. 208
b (6, 3),
in der ausg. 1588
gebessert in gegenwart 230
a,
wie bei Marnix in tegenwoordicheydt 222
b.
aber ähnlich ist z. b. on gefehrlich
sp. 2083: (
dasz du) dissen geschwornen urpheiden stet und vest halten wollest .. treulich und ohne geferlich. Michelsen
rechtsd. 499,
in mischung mit mhd. âne geværde
u. ä., s. sp. 2076.
so stehen sich im gebrauch ganz gleich schon mhd. ze gegenwerte
und zegegene, engegenwert
und engegene,
s. II, 2,
c. vergl. übrigens u. gegenwärtig II, 2,
b dieses mit dem gen. der person. I@88)
für gegen-
findet sich aber auch entgegen
oder dessen nebenformen, wenn auch nicht in dem einfachen worte wie es scheint; aber nrh. entgenwordicheide
Haupt 10, 40. 43,
Germ. 6, 156, untgainwordig
sp. 2200 (
β),
nd. unjegenwardich Hom.
richtst. landr. s. 299
var.; in reiner gestalt auch mhd. engegenwertic
oder -würtic (
vergl. oben III, 538),
und engegenwert,
eigentlich in gegenwerte,
ist darnach gewiss auch als engegen-wert
aufgefaszt worden. im md. entspricht kegenwertig (
noch nhd.), keinwertig
u. ä., auch einfach keinwert, kegenworte
u. ä. (1,
c. 4,
c),
da kegen
aus entgegen
entstanden ist (
sp. 2199). IIII.
Bedeutung und gebrauch. II@11)
die ursprüngliche bed. eines feindlichen entgegenstehens, die uns in widerwärtig
noch anklingt, in mhd. zeit auch in gegenwart
m. gegner vertreten (I, 2),
zeigt sich in dem begrifflichen subst. nd. in dem bose yegenwart
für malus occursus I, 3,
d, eigentlich was mir feindlich entgegentritt; man sehe dazu gegen
in seiner entstehung sp. 2203
fg. 2208.
dasz ursprünglich auch bewegung mitgedacht sein konnte, zeigt z. b. ahd. gaganwerter
obvius Graff 1, 1008,
vergl. I, 1,
a. in das kampfleben aber unmittelbar führt noch ags. andweard
adj. im Beow. 1288,
vom schwerte gegenüber dem eber auf dem helme des gegners, den es zerhaut (andweard scireð).
s. bes. auch gegenwärtig II, 1,
a. II@22)
von da mag es zunächst in den gebrauch vor gericht übergegangen sein. II@2@aa)
wie da die gegner gegen
einander handeln, reden (
s. sp. 2218),
so hiesz diesz entgegenstehen beider ihre gegenwart,
im Sachsensp.: beclaget man einen man in sîn geinwerte umbe eigen. II, 3, 1,
nd. in sîne jegenwarde; swer sô ungerichte claget ûf einen der dâ nicht zu geinwerte enist. II, 8,
nd. to jegenwarde;
vgl. das merkwürdige gegenwart
für die gegenpartei selber unter I, 2 (
und dazu 5,
b).
jener acc. bei in
in diesem falle ist die regel, auch hd. (
vergl. sp. 2202
unten),
s. in sîne gagenwurt I, 4,
a, nd. auch an sîne jegenwerde
u. c; weme der richter wett kundigit in syne keinwertikeit. Michelsen
rechtsd. aus Thür. 215; beclagte in der richter .. in sein antwort.
Magd. fragen s. 216. II@2@bb)
gerade im rechtsleben ist nämlich im 13. 14.
jh. das ältere antwerte
daneben noch geläufig (
s. I, 5,
a. b, γ),
z. b.: swen man vor gerichte schuldiget in sîn antwerte (
acc.).
Ssp. II, 45,
nd. in sîn antwerde; in sîn antworte. II, 3,
überschr.; ebenso zu antwerte, antwurte
gegenwärtig. da aber vor gericht das antworten, gegenreden die hauptsache war, ist es begreiflich dasz sich die begriffe gegenwart und antwort verflochten, da zumal auch das erste die form mit u (o)
hatte, s. I, 4. 5,
c; die mischung ist so völlig, dasz auch die form mit e (
eigentlich i)
vom antworten gebraucht war, z. b. sik antwerdes weren
von einem beklagten, der nicht antwerden
will. Ssp. III, 30 (
md. antwurte
gen., antwurten);
lebt sie doch noch in unserm deutsch in überantworten (
s. I, 5,
a a. e.).
ja das auffallende fem. von unserm antwort (
s. d.)
mag sich eben aus dieser mischung herschreiben. selbst gegen
und ant
gehäuft findet sich, aus einer md. hs. des Ssp. bringt Homeyer
im reg. unter antwort
bei zu geginantworte,
gemeint wol: als gegenwärtig zur verantwortung, vergl. iegenwardich tur antwerde
richtst. landr. 47, 2. II@2@cc)
besonders das ze gegenwerte,
schon ahd. zi gagenwertî
u. ä., auch in gegenwerte
u. ä. waren so in täglichem abstumpfendem gebrauch, besonders eben vor gericht, als gewichtige formel, dasz sie mit dem älteren einfacheren zegegene, engegene
u. ä. eigentlich zusammenfielen, wie sie denn auch damit tauschen; z. b. im lehnrecht des Ssp. 59, 2 beklaget an sîne jegenwerde (
in der md. übersetzung in sîne jegenwarde) Hom. II, 1, 246
wird im Deutschensp. § 165
übersetzt dâ er niht engagen ist,
daher im Schwabenspiegel 221
W. dâ er niht ingegne
oder zegegen ist Wackern.
s. 214.
war doch gegene, gagen
ursprünglich eben selbst ein subst. in gleicher bed., s. sp. 2202 (3,
a)
bair. ze des richters gagen,
auch pluralisch ze unsern gagen,
wie sonst ze unser gegenwürte
u. ä. ebenso decken sich unter umständen mhd. engegen
und engegenwert,
diesz wie blosz eine verstärkung von jenem (
vgl. I, 1,
a),
auch zwischen subst. und adv. schwankend. für den begriff ist zu beachten, dasz die '
gegenwart'
sich nicht auf unbetheiligtes zusehen bezieht, woran wir da leicht denken, sondern die vollste, wesentlichste betheiligung einschlieszt, s. bes. vom jüngsten gericht in gegenwurt aller menschen
u. I, 4,
a. II@33)
dann aber gegenwart
des richters, auch des königs, des herrn überhaupt, auch gottes, als gewichtiger ausdruck, d. h. eig. nicht seine blosze anwesenheit, wie es uns begrifflich einschrumpft, sondern zugleich der bereich der lebendigen wirkung seiner person und gewalt, sodasz es eig. zugleich mit gegend
zusammenfällt, s. sp. 2202
in ursprünglicher form gaganî
und noch um 1500 'in gegen des pabstes',
in praesentia. II@3@aa)
gewöhnlich auch mit zu
oder in: der richter, der dô zu richtene sitzet .. darf (
braucht) dô nicht antworten (
auf klage) in sînes selbes gerichte, is ensî denne das der (oberste) richter selbir dôr zu kegenworte sî, der obir in richten moge.
Kulm. recht II, 13;
vergl. Ssp. I, 58, 2,
wonach jedes richters, auch des grafen richterliche gewalt endet, dâ der küng zu antwerte ist (
auf den sie dann übergeht).
so vom herrn, landesherrn überhaupt, der eben wesentlich als richter gedacht war, s. mhd. ze sîner (
des herzogs) gegenwürte gân I, 4,
c, d. h. um vor ihm zu erscheinen, zu wichtigem verhandeln, von gott selbst (
als alleroberstem herrn und richter)
s. aus Diemer
u. I, 4,
a von den himmlischen chören die in sîne gagenwurt
sein lob singen, Will. IX, 3, 10 in gotes antwart cumen.
dem in
oder zu
entspricht übrigens auch ital. nella
und alla presenza di alcuno. II@3@bb)
aber auch im nom., als subj., ahd. z. b. in dem letzten auftrag Christi an die jünger: gizellet in (
den völkern) ouch filu fram,theih selbo hera in worolt quam, thaʒ thiu mîn geginwertîgiweihtî thia iro hertî (
härte). Otfr. V, 16, 26,
also zugleich: ich selber, mit meiner gegenwärtig wirkenden kraft, gewalt, einflusz. ebenso lat. praesentia,
z. b. tanta est praesentia veri
Ov. met. 4, 611,
auch praesentiae deorum
Cic. nat. d. 2, 66;
vergl.gegenwarten
pl. bei Göthe
u. 5,
d. auch ahd. der pl., doch nicht von mehreren, von Christus und seiner hinfahrt: sîd sîno geginwertîer nam fon iro henti (
ihnen entrückte). Otfr. V, 12, 64;
vgl.ze unsern gagen
sp. 2202 (3,
a),
das darin eine stütze findet. schon goth. andvairþi
geradezu für die person selber: untê andvairþi is vas gaggandô du Jairusalê
m. Luc. 9, 53,
τὸ πρόσωπον αὐτοῦ,
d. h. Christus. und wie hier bei Otfried,
so noch bei Göthe
u. a., s. 5,
b. c. II@3@cc)
daher auch für angesicht, weil ja in und aus dem blicke die gewalt hauptsächlich wirkt; a facie irae tuae (
gottes)
übers. Notk. 37, 4 fona dero gagenwertî dînes zornes, in conspectu hominum 30, 20 in dero menniscon gagenwertî,
s. öfter bei Graff 1, 1009
für facies, conspectus. im 12.
jahrh. tauscht in unser antwurte
in einer andern hs. mit ze unsir gesihte Diemer
gen. 2, 80
a. 1, 91, 30.
goth. andvairþi
aber stand auch für das gesicht selbst, wenn die peiniger Christi gesicht verhüllen, d. h. seinen blick: jah dugunnun sumai speivan ana vlit is (
sein antlitz) jah huljan andvairþi is.
Marc. 14, 65.
vergl. noch im 17.
jahrh. Henisch, Schönl.
unter I, 3,
c, auch den äuszeren anklang von warten
blicken I, 5,
c. II@3@dd)
aber auch von dingen heiszt es, schon im 14.
jahrh., z. b. von gestohlenem gute, über das gerichtet wird: ist daʒ gût nicht dô zu kegenworte.
Kulm. recht 5, 29,
es wird aber eigentlich gedacht sein in der gegenwart des richters oder gerichtes, im gesichtskreise. vergl. gegenwärtig 3,
d. e. II@44)
nhd., anfangs noch mit den alten formen. II@4@aa)
auch nhd. noch lange mit der alten kraft: indess fiel ein der reichstag zu Trier .. dahin sagt der kaiser ein tag an .. da warden baide thail in gegenwurte und beisein ir majestat, etlicher der furnemsten chur und fursten und sonst etlicher stende des reichs gegen ainander verhört.
Zimm. chr. II, 300, 14,
wie in gegenwurte und beisein des herzogen I, 508, 7,
vergl. vorhin I, 4,
b. der gewichtige ausdruck geht dann auch auf allerlei andere verhältnisse über, wo die gegenwart
eines höheren einem vorgange wert und gewicht gibt o. ä., s. z. b. I, 3,
b wie der bergmann in gegenwert seines steigers
wöchentliche rechnung legen musz, I, 4,
d wie eine stadt übergeben wird in gegenwirte aller reisigen
des bundesheeres, d. h. des adels, der ritterschaft u. ä., als zeugen, zur bestätigung; von einem pabste: hat auch offentlich in gegenwart vieler prelaten und anderer ehrlichen leuten gesagt, das nach diesem leben kein ander leben zuverhoffen sei. Fischart
bien. 1588 230
a; liesz dieser (
der neu eingeführte bürgermeister), alteingeführten gebrauch nach, alsobald eine klagsache vor sich bringen ... und diese sache muste er in gegenwart der ganzen bürgerschaft ... auflösen und verabschieden. Riemer
pol. maul. c. 143.
so noch jetzt es ist in meiner gegenwart (
me teste Weber 332
a), in gegenwart vieler zeugen geschehen, eine ausstellung wird eröffnet in gegenwart des königs, des hofes
u. ä.;
die fügung mit zu
aber ist erloschen, während sie eigentlich in zugegen
fortlebt (
s. 2,
b).
auch dasz es sich dabei um etwas wichtiges handelt, lebt noch im gefühl, denn nur dann sagt man z. b. meine gegenwart wird wol nicht nötig sein
u. ä., kräftiger als meine anwesenheit,
das doch beliebter ist. II@4@bb)
daher auch als höfliches, eigentlich höfisches wort: ferner giengen sie publicas lectiones zuhören, die solen (
solennen) actus mit irer gegenwart zuehren.
Garg. 188
a (
Sch. 347),
ganz wie jetzt noch der könig eine aufführung
u. ä. durch seine gegenwart ehrt; ei herr Palladi, er (
anrede) eile doch nicht so heftig! befiehlet er sich in meine gunst, und will mir seine gegenwart nicht einen augenblick vergönnen! A. Gryph. 1, 778 (
Horrib. 27
Br.); in dem ich verliere, sc. meine vorige gesellschaft, gewin ich euer längst gewünschte gegenwart, und in dem ich eure gegenwart gewinne, verliere ich meine libertet. Schuppius 550; es wäre fast die ganze compagnie beisammen und trüge verlangen ihrer gegenwart theilhaftig zu sein. Chr. Weise
pol. redner 357,
in der complimentiercomödie; ich hätte freilich gewündschet seiner (
anrede) hochgeschätzten gegenwart zu genieszen. 350; ihre höchstverlangte gegenwart. 347; dasz ich mein logiament numehr vor glückselig halte wegen der gegenwart eines so vornehmen freundes. 391
u. o. (
auch seine höchstgeschätzte anwesenheit gönnen 391);
aber auch bescheiden höflich von sich selbst: wo vornehme personen den glanz ihrer vortreflichkeit auf einen saal zusammen bringen, da pflege ich meine dienstbare gegenwart gern mit einzumischen. 360,
im munde des lächerlichen complimentierrathes, zugleich zu 5,
b, wie meine wenigkeit, kleinigkeit.
noch im 18.
jahrh. z. b. seine gegenwart schenken,
gegenwärtig sein, präsidiren Weber 332
a,
und noch jetzt in nachklängen. II@4@cc)
ausgeschieden ist aber jetzt manche wendung noch des 17. 18.
jahrh., z. b.: wie glückhaft war ich doch zu jener zeit zu schätzen, da ich in gegenwart sie kunte binden
an. Fleming 184 (
Lapp. 218),
in eigner person, in persönlicher nähe, nicht aus der ferne wie an diesem geburtstage, mhd. war engegenwert
ebenso brauchbar; noch im 18.
jahrh., von dingen (
s. 3.
d): was von kleidern in gegenwart war, ergriff er. Steinbach 2, 934.
in einem hochzeitgedichte aus der ferne: dieses lied das soll den willen meiner gegenwart erfüllen. Fleming 393 (
Lappenb. 306, 36),
meinen wunsch selbst zugegen zu sein, soll mich vertreten. bemerkenswert auch in der gegenwart gottes leben,
viver nella (
alla)
presenza di dio. M. Krämer 516
a; in gegenwart gottes
praesente deo ac propitio Aler 865
b,
sodasz er wolwollend herblickend gedacht war. hübsch für gegenseitige, beiderseitige nähe, von liebenden (
vgl. gegeneinander a. e., gegen-
für beiderseitig): an mitteln mangelt' es uns damals auch nicht eben, die lieb' und gegenlieb uns zu verstehn zu geben. es endte sich hernach zwar unsre gegenwart, die herzen blieben doch allzeit verbunden hart (
wie mhd.). Werder
Ariost XIII, 8, 7.
ähnlich franz. être en présence,
face à face, z. b. von feinden, zum kampf bereit, gleichsam einander in gegenwart; vergl. unter 6,
a. d a. e. II@55)
selbst der begriff hat sich erst seit vorigem jahrh. wesentlich verändert. II@5@aa)
wenn wir es uns nur als anwesenheit denken, zum kahlsten begriffe des dabeiseins eingeschrumpft, so gibt es noch Adelung
zugleich als den bereich den ein anwesender um sich hat, mit einschlusz der von ihm ausgehenden wirkung, oder, wie er sich schulphilosophisch ausdrückt, »
der zustand, da man durch seine eigne substanz ohne moralische mittelursachen, ja ohne alle werkzeuge an einem orte wirken kann, die anwesenheit«,
mit einer wendung als beispiel, die uns jetzt auszer dem zusammenhange geradezu unverständlich wäre: sollte ich ihnen wegen einiger unbedeutenden worte meine gegenwart verbieten?
denn wir könnten jetzt höchstens einem andern seine gegenwart verbieten, wie sie verlangt wird: ursachen .. die alle ihre gegenwart zu verlangen scheinen. Gellert 4, 130.
wir können noch sagen entziehen sie mir nicht ihre gegenwart,
aber nicht mehr entziehen sie sich nicht meiner gegenwart.
aber eben jenes ist der alte begriff, noch damals allen geläufig, auch Göthe
und Schiller: eines gegenwart meiden,
aspectum praesentiamque alicujus vitare. Weber 332
a; also macht der poet die unsichtbaren engel für das menschliche gesicht gerecht, indem er .. sie aus ihrer entfernung näher in unsere gegenwart zur stelle führt. Bodmer
wunderb. 34, in unsere nähe
müszten wir sagen, wie man einen aus seiner nähe verweist
u. ä.; wenn wir, beleidigt, den gegenstand unsrer liebe zu verlassen bei uns sehr eifrig festsetzen, mit welchen verzerrungen von seelenstärke treten wir wieder in seine gegenwart. Göthe 10, 147 (
Stella 2),
vergl. s. 145 ihre gegenwart überrascht mich,
was denn auch als mehr gemeint ist als wir es nun verstehen: dasz sie auch da sind (
s. b); sie ist mir heilig. alle begier schweigt in ihrer gegenwart.
Werther 67 (
d. j. G. 3, 274); und fühle die gegenwart des allmächtigen .. das wehen des alliebenden. 9 (236);
so ganz im alten gebrauch des königs gegenwart: und, war es möglich? dieser mensch (
Posa) entzog sich meiner gegenwart bis jetzt? Schiller
Carlos 3, 5.
da ist denn meine gegenwart
noch wie ein ruhender kreis gedacht, in den anderes hereintritt, wie bei Bodmer
vorhin und im folg.: alle liebe bezieht sich auf gegenwart
u. s. w. (
s. b, c). hieraus folgt, dasz wir alles lieben können, was zu unserer gegenwart gelangen kann. Göthe 49, 18,
das zu
wie in zugegen,
während in
sinnlich deutlicher ist. jetzt ist meine gegenwart
nur noch sagbar, wenn wir uns selber anders wohin kommend denken, der kreis aber wird nicht mehr mitgedacht. s. besonders auch Sturz
unter e. II@5@bb)
daher auch von der person selbst in ihrer erscheinung und unmittelbaren wirkung, im 17.
jahrh. wie noch bei Göthe (
im 16. jahrh. gegenwärtigkeit,
s. d.)
und jetzt doch ganz vergessen: erregte er (
Jupiter) ein sanftes donnern, die gesampte götterschaar dardurch zu versammeln .. als nun deren ansehnliche gegenwart erschiene ..
Simpl. 4, 160
Kz. (
vogeln. 2, 21),
aus der höfischen sprache (
vergl. 4,
b); o Teutschland, wie wil es dir ergehen? wie wirst du dich so jämmerlich betriegen lassen von denen fremden völkern, welcher kundschaft (
umgang) und gegenwart du so sehr liebest! Rist
friedew. Teutschl. 52,
nicht blosz: dasz sie da sind; wie ein plötzliches und groszes liecht die augen für seinem schimmern nicht sehen läszt, also blendete und verwirrte mir die unverhoffte doch gewündschte gegenwart .. meiner vor diesem liebsten mitgesellen, Nüszlers, Buchners und Venators, herz und sinnen. Opitz 2, 248 (
Herc.); ich weisz kein gröszer glück in dieser welt zu hoffen, als seine gegenwart. A. Gryphius 1, 216 (
Card. u. C. 3, 6); ich war mit Anngen in der comödie ... ihre gegenwart hat alles andenken an euch wieder aufbrausen gemacht. Göthe
an Kestner s. 159; verhülltest du (
Iphigenie) in deinen schleier selbst den schuldigen (
mich), du birgst ihn nicht vorm blick der immerwachen (
rachegöttinnen), und deine gegenwart, du himmlische, drängt sie nur seitwärts und verscheucht sie nicht.
werke 9, 51 (
Iphig. 3, 1),
nicht blosz: deine anwesenheit, sondern mehr dein wesen in gegenwärtiger wirkung, genau nach Adelungs
definition oben, vergl. auch sp. 1396
den anklang oder einklang von vorstellungen aus unsrer vorzeit; so hatte doch die gegenwart der ältern freundin so viele reize für dich .. 17, 20 (
wahlv. 1, 2),
ebenso; auch kann eine seele auf die andere durch blosze stille gegenwart entschieden einwirken.
bei Eckerm. 3, 136; ein könig, der unmenschliches verlangt, findt diener gnug, die gegen gnad und lohn den halben fluch der that begierig fassen, doch seine gegenwart bleibt unbefleckt. 9, 82 (
Iphig. 5, 3),
seine erscheinung, sein bild, er selber. daher vor eines gegenwart,
vor ihm in gegenwärtigem stillem wirken seines wesens: engel des himmels! wie vor ihrer gegenwart alles heiter wird, alles frei! Göthe 10, 159 (
Stella 3); sie bläst der rache feuer in ihm auf, das vor der mutter heilger gegenwart in sich zurückgebrannt war. 9, 47 (
Iphig. 3, 1); schlecht red ich vor so hoher gegenwart. Schlegel
k. Richard II. 4, 1,
bei Shaksp. in this royal presence,
denn das engl. wort wie das franz. und ital. haben denselben gebrauch; auch mit in: ich weisz nicht, welche macht mir kühnheit giebt .. in solcher gegenwart das wort zu führen ..
sommernachtstr. 1, 1,
engl. in such a presence here,
es ist der ganze anwesende hohe kreis gemeint. recht persönlich klingt auch noch: ein solcher feldzug (
wie 1813. 14) .. angeführt von der gegenwart und eintracht dreier erhabener monarchen. Hebel 3, 83.
das stimmt zum theil noch völlig mit dem ahd. gebrauch u. 3,
b, vergl. aus dem 14.
jh.: wir Carl v. g. gn. römischer könig .. thun kunt .. das für unser königlich gegenwärdigkeit kommen sein ..
weisth. 3, 610,
ganz wie engl. our royal presence. II@5@cc)
auch mit adj., die das wesen des gegenwärtigen bezeichnen, wie es von ihm ausstrahlt und auf seinen gegenwärtigen kreis übergeht, wie der mutter heilige gegenwart
vorhin: Beireis belebte durch seine heitere gegenwart jedes fest. Göthe 31, 213; sie (
Zimmermanns tochter) äuszerte sich selten, in der gegenwart ihres vaters nie. kaum aber war sie einige tage mit meiner mutter allein und hatte die heitere liebevolle gegenwart dieser theilnehmenden frau in sich aufgenommen, als sie sich ihr mit aufgeschlossenem herzen zu füszen warf .. 26, 339 (
aus m. l. 15),
wie eine belebende luft, die unentbehrliche wendung ist jetzt vergessen und durch nichts ersetzt; seiner gattin beraubt, der lieblichen gegenwart des knaben entfremdet .. 21, 129 (
wand. 1, 8); die freigebige natur hatte Schöpflinen ein vortheilhaftes äuszere verliehen, schlanke gestalt, freundliche augen, redseligen mund, eine durchaus angenehme gegenwart. 26, 45 (
a. m. l. 11),
jetzt etwa erscheinung
oder persönlichkeit (
die auch engl. presence
heiszen),
die es doch nicht ersetzen; weiche zurück! hier sind geheimnisse, die deine kühne gegenwart nicht dulden. Schiller 505
a (
braut von Mess.); ein mann von schöner gestalt und gegenwart. Göthe 34, 119 (
Benv. Cell. 1, 8),
wie ital., auch z. b. un uomo di poca presenza,
vergl. sich gut präsentieren
u. ä.; auch, wie erscheinung,
vom menschen selber: Eleonore ... ewig wird mir ihr bild gegenwärtig sein: eine schlanke zarte gestalt, eine reine bildung, ein heiteres auge .. im ganzen eine unglaublich angenehme gegenwart. 16, 206 (
br. aus d. Schweiz 1).
im folgenden spielt der begriff 6,
d mit herein, von der beschädigenden behandlung von L. da Vincis abendmahl in Mailand: späterhin war das bild durch eine neue geschmacklosigkeit verfinsterst, indem man ein landesherrliches wappenbild unter der decke befestigte, welches, Christi scheitel fast berührend, wie die (
neue) thüre von unten, so nun auch von oben des herrn gegenwart beengte und entwürdigte. 39, 105.
auch so, dasz der träger der gegenwart
unbestimmt bleibt: wer mag kommen? rief Lucinde (
da ein wagen anfährt). Lucidorn schauderte vor einer fremden gegenwart. 21, 163 (
wanderj. 1, 9). II@5@dd)
selbst im plur., erscheinungen: hier begeben sich visionen, geistig-sinnliche gegenwarten treten auf, wie man sie nur von einem andern heiligen .. hätte rühmen können. Göthe 35, 357 (
Benv. Cell. anh. XII).
vgl. den lat. und ahd. plur. 3,
b. s. auch jede gegenwart Göthe
u. 6,
a. II@5@ee)
auch gegenwart
bei abwesenheit, in erweitertem kreise, durch vertretung des einflusses: wir (
in Deutschland, im vergleich mit den Franzosen) empfinden nachdrücklich genug die schwere hand unserer beherrscher, die bis an die grenzen ihrer (
kleinen) staaten herum reichen und sie durch und durch mit ihrer gegenwart ausfüllen. Sturz 2, 160. II@66)
ins begriffliche übergehend (
und damit endlich zum zeitbegriff, s. 7),
etwa gegenwärtigkeit mit voller wirkung des lebens, mit unmittelbarkeit
wie man jetzt gern sagt. II@6@aa)
so im anschlusz an 5,
im gegensatz zur entfernung: entfernst du dich, so wirst du nichts gewinnen, vielleicht verlieren, was du schon gewannst. die gegenwart ist eine mächtge göttin .. Göthe 9, 210 (
Tasso 4, 4);
im gegensatz zu brieflichem verkehr: das alles wird durch briefe nicht gethan, die gegenwart löst diesen knoten bald.
das. im gegensatz zu träumen, ahnungen: glücklich, den ein leerer traum beschäftigt, glücklich, dem die ahndung eitel wär! jede gegenwart und jeder blick bekräftigt traum und ahndung leider uns noch mehr. Göthe
an frau v. Stein 1, 24,
von seinem verhältnis zu ihr, das blick
bestimmt den begriff zu gegenseitigem verkehr. auch deutlicher lebendige, sinnliche, unmittelbare, körperliche, persönliche gegenwart,
was sich nach dem begriff eigentlich von selbst versteht: beim gerichtshandel, und allenthalben wo lebendige gegenwart gilt, zeigt sie sich unstreitig als die beste (
die altdeutsche gemeindeverfassung). Herder
ideen 4, 197 (18, 6 § 7); welche verstärkung für religion und gesetze, wenn sie mit der schaubühne in bund treten, wo anschauung und lebendige gegenwart ist. Schiller III, 514, 15; die bildende kunst .. musz .. uns durch unmittelbare sinnliche gegenwart rühren. X, 351, 26; der chor ist .. ein allgemeiner begriff, aber dieser begriff repräsentirt sich durch eine sinnlich mächtige masse, welche durch ihre ausfüllende gegenwart den sinnen imponirt. XIV, 10; in unserer persönlichen gegenwart. Göthe 22, 151; dasz wir .. die körperliche gegenwart der gottheit .. begehren. J. Paul 33, 11. II@6@bb)
von dingen (
vergl. 3,
d 14.
jh.)
oder den dingen, die uns gegenwärtig,
vor augen sind, gleichsam unsere gegenwart
bilden im andern, umgekehrten sinne (
s. 5,
a): es werde licht! hiemit fängt sich die empfindung von der gegenwart der dinge
an. Hamann 2, 259 (
aesth.).
auch das gegenwärtige, vorliegende selber: der sonne pracht, das fröhliche gewühl des hohen tags, der tausendfachen welt glanzreiche gegenwart ist öd' und tief in nebel eingehüllt, der mich umgiebt. Göthe 9, 179 (
Tasso 3, 2); soll gleich den freien geist, den der erhabne flug ins gränzenlose reich der möglichkeiten trug, die gegenwart mit strengen fesseln binden. Schiller XI, 13,
poesie des lebens, wo wir nun mehr oder völlig an den bloszen zeitbegriff denken, wie beim folgenden, während wesentlich noch die vor augen und händen gelagerten dinge gemeint sind, die nahe wirklichkeit; längst wol sah ich im geist mit weiten schritten das schreckensgespenst herschreiten dieser entsetzlichen, blutigen that. dennoch übergieszt mich ein grauen ... vor der gräszlich entschiedenen gegenwart. XIV, 91 (
braut v. Mess. 1937).
ganz sinnlich auch noch, zugleich im gegensatz zu ahnung: die gegend und alles und das leben schienen hier nur eine unaufhörliche morgendämmerung zu sein, so frisch und neu, voll ahnung und gegenwart .. J. Paul
Tit. (1800) 4, 332; Linda öffnete ihr herz der goldnen gegenwart und sagte: 'wie müszte dies alles in einem gedicht erfreuen! aber ich weisz nicht, was ich dagegen habe, dasz es nun so in der wirklichen wirklichkeit da ist?' 330. II@6@cc)
aber auch blosz gefühlte gegenwart,
die doch den sinn erfüllt wie wirkliche: doch ist nichts wie eine göttererscheinung über mich herabgestiegen, hat mein herz und sinn mit warmer heiliger gegenwart durch und durch (
d. h. ausfüllend) belebt, als das, wie gedank und empfindung den ausdruck bildet. Göthe
aus Herders nachl. 1, 41 (
d. j. G. 1, 309),
von Herders
ausführung in den fragm. 3, 69
ff. (
vgl. sp. 1957);
es ist eigentlich eine '
göttererscheinung'
mit ihrer wirkung gedacht, vgl. 5,
d. in der seele nachgelebte gegenwart: hier entstehet nun (
durch nachrichten über Sesenheim) die möglichkeit, ein wahrhaftes wiederherzustellen, aus trümmern von dasein und überlieferung sich eine zweite gegenwart zu verschaffen und Friederiken von ehemals in ihrer ganzen liebenswürdigkeit zu lieben. so kann sie nun, ungeachtet alles dazwischentretens, sich auch wieder in der seele des alten liebhabers nochmals abspiegeln und demselben eine holde, werthe, belebende gegenwart lieblich erneuen. Göthe 49, 20 (
wiederh. spieg.),
zugleich nach a und zugleich auch eine gewesene, vergangene gegenwart,
aber die sinnliche, nicht begrifflich zeitliche vorstellung zeigt die ganze haltung, vgl. ebenso vorher: alle liebe bezieht sich auf gegenwart. was mir in der gegenwart angenehm ist, sich abwesend mir immer darstellt, den wunsch des erneuerten gegenwärtigseins immerfort erregt .. das eigentlich lieben wir. 17. II@6@dd)
das ist dann sache der kunst, der sprache, in diesem sinne auch fernem, gewesenem, ja blosz gedachtem eine (
zweite) gegenwart
zu verschaffen: von lebendiger gegenwart der bilder, von zusammenhange und gleichsam nothdrange des inhalts, der empfindungen .. hängt .. die ganze wunderthätige kraft ab, die diese lieder haben. Herder
von d. art u. k. 12
vom volksliede, jetzt etwa lebensvolle unmittelbarkeit,
was doch mehr abstract bleibt und die kraft jenes verlorenen gegenwart
nicht erreicht; ward .. in die innern zimmer geführt vor die köstlichsten bilder bedeutender männer des sechzehnten jahrhunderts in vollständiger gegenwart, wie sie für sich leibten und lebten
u. s. w. Göthe 21, 117 (
wanderj. 1, 7); die vorspringende gegenwart dieses herrlichen architekturgebildes. 27, 137 (
Rom 8.
oct. 1786); es scheint auch dasz eine selbstständigere imagination dazu gehört (
zum theoretischen), als um die wirkliche gegenwart eines kunstwerks zu empfinden. Schiller
an Göthe 30.
juli 1799, wirklich,
weil die ästhetische theorie nur mit gedachter gegenwart
arbeitet; s. auch aus Schiller
u. a und die gemalte gegenwart
Christi u. 5,
c a. e. wieder auch mit der gegenseitigkeit wie u. a: wie die einfache nachahmung (
der natur) auf dem ruhigen dasein und einer liebevollen gegenwart beruht, die manier eine erscheinung mit einem leichten fähigen gemüth ergreift, so ruht der styl auf den tiefsten grundfesten der erkenntnis .. Göthe 38, 183,
vgl. s. 180
von der vollendung der bilder in ihrer (
der natur) gegenwart,
wonach dort der naturgegenstand und der künstler als einander gegenwärtig gedacht sind. II@6@ee)
aber auch gegenwart
des eignen ichs, d. h. volles gegenwärtigsein in der umgebung, den verhältnissen, der welt, im gegensatz zu halber oder ganzer entfremdung durch grübeln oder einbildungen oder unzufriedenheit u. ä., aber auch durch ideen u. ä.: dieser empfindung (
von gott als vater alles erschaffenen) verdankte er die ruhe seiner seele, sicherheit, sanftmuth, heiterkeit und gänzliche gegenwart, bei dem leiden der menschen, seinen reinen unverfälschten blick auf alles lebende um ihn. Klinger 4, 14; und doch schelte ich mich zugleich, dasz ich hier nicht so thätig wie dort bin (
in Amerika). zu einer gewissen gleichen, fortdauernden gegenwart brauchen wir nur verstand, und wir werden (
dadurch) auch nur zu verstand, so dasz wir das auszerordentliche .. nicht mehr sehen. Göthe 20, 21 (
lehrj. 7, 3),
hier nach seiner beschränkten seite; wann wird wieder eine zeit kommen, wo wir uns um die eigene achse drehen und uns in eigener gegenwart genügen? G. Keller
grün. Heinr. 3, 236.
vgl. dazu gegenwärtig 4,
c. II@6@ff)
auch gegenwart des geistes: die dritte eigenschaft, die herr Sulzer zu einem genie erfodert, ist die besonnenheit oder gegenwart des geistes (contenance ou présence d'esprit), welche die seele in der gröszten erhitzung der einbildungskraft bei der freiheit erhält .. den vorwurf im ganzen übersehen zu können. Mendelssohn
lit. br. 6, 218,
vergl. 220
fg. (Sulzers
aufsatz war franz. geschrieben).
angewandt auf bestimmte lebenslagen: wenn ich die gegenwart des geistes verliere, ist alles verloren. Gotter 3, 113.
so jetzt geläufig, geistesgegenwart.
auch lat. schon praesentia animi. II@6@gg)
bei Adelung
in weiter bed. auch zuweilen für existenz, dasein, z. b. die gegenwart unendlicher eigenschaften in gott. II@77)
von der gegenwärtigen zeit. II@7@aa)
so sehr uns dieser begriff jetzt im vordergrunde steht, so dasz er sich uns auch in den vorigen stellen fälschlich und verwischend eindrängt, so jung ist er für gegenwart.
denn noch am ende des vorigen jahrh. führt ihn Adelung
gar nicht mit an (
bei Campe
nachgetragen als 2.
bed.),
während er ihn beim adj. aufführt; ebenso wenig nennen ihn Frisch, Steinbach, Aler, Ludwig, Rädlein.
dennoch war er schon da: in gegenwart,
gegenwärtig, vor jetzo. Weber
teutsch-lat. wb. (1745) 332
a,
als zweite bedeutung; und auch bei Steinbach 2, 934 ich habe dieses in gegenwart (
in praesenti) an dich geschrieben
musz so gemeint sein; es war offenbar erst in der entwickelung, zuerst in dieser wendung. diesz aber schon im 16.
jh. in der form in gegenwürt
bei Murner I, 4,
b. gewöhnlich aber heiszt es noch lange die gegenwärtige zeit,
wie noch nl. tegenwoordige tijd.
denn das adj. war längst entwickelt, schon mhd., ahd., dazu auch mhd. gegenwürtikeit.
ebenso im adv. (
s. I, 7,
a): daʒ pûch der schrift warnt uns gagenwrt. Leyser
pred. 6, 23,
vorher z. 15
entsprechend engagenwrte warnt eʒ (
so l.) den mennisch,
es steht aber in der mitte und im gegensatze von vergessenen und künftigen dingen, sodasz gemeint sein musz: in bezug auf gegenwärtiges; im 15.
jahrh. kegenwert,
inpresenciarum Schröer
voc. 19
b. 48.
galt doch schon goth. andvairþs (
s. I, 5)
auch von der zeit, gegenwärtig. um so merkwürdiger ist das lange fehlen von gegenwart.
doch ist ähnlich neben dem alten künftig
von der zeit kunft
in dieser bedeutung gar nicht entwickelt, nur zukunft,
aber auch erst nhd. II@7@bb)
der begriff schlieszt übrigens häufig die vorige bedeutung mit ein, oder ist aus ihr wie hervorwachsend zu sehen (
vgl. gegenwärtig 5,
a. b). II@7@b@aα)
z. b. von einzelnen menschen, zugleich nach 5. 6: wenn ich nur nichts von nachwelt hören sollte .. die gegenwart von einem braven knaben ist, dächt ich, immer auch schon was. Göthe 12, 11 (
Faust, vorsp.);
ännlich im munde des gelahrten bei erscheinung der Helena: die gegenwart verführt ins übertriebne, ich halte mich vor allem ans geschriebne. 41, 90 (
Faust 2.
theil 1.
act a. e.),
wenn man sie aus der vergangenheit in die gegenwart versetzt, zugleich aber: aus der bequemen gelehrten ferne in sinnenfällig wirkende nähe (
s. 5,
a); kurz, Angela mit allen ihren reizen ist ihm vergebens schön und jung, und ferne, nach verlängerung der holden gegenwart zu geizen, wünscht er mit jedem augenblick in ihres bräutgams arm recht herzlich sie zurück. Wieland
Oberon 3, 45. II@7@b@bβ)
von dingen oder den dingen in ihrer gegenwärtigen lage, von den augenblicklichen verhältnissen, die vor dem sinne liegen als ihm gegenwärtig sich aufdringend: Lucidor war von tiefem gemüth und hatte meist etwas anders im sinn, als was die gegenwart erheischte. Göthe 21, 131 (
wand. 1, 8); der schmerzen wären minder unter den menschen, wenn sie nicht ... sich beschäftigten, die erinnerungen des vergangenen übels zurückzurufen, ehe denn eine gleichgültige gegenwart zu tragen.
Werther 6 (
d. j. G. 3, 234); im felde da dringt die gegenwart, persönliches musz herrschen, eignes auge sehn. Schiller
Piccol. 1, 4; dein brief hat mich heraus gerückt aus dieser engen gegenwart und trunken seh ich schon das künftige verwirklicht.
Macbeth 1, 11.
auch jede gegenwart (
vgl. Göthe
an fr. von Stein unter 6,
a): seine phantasie warf auf jede gegenwart, auf jeden einfall so viel brennpunktlichter ... und zog um die zukunft, die darüber hinauslag, so viel gefärbten schatten und blauen dunst herum .. J. Paul 7, 44. II@7@b@gγ)
auch anders mengt sich der zeitbegriff in den vorigen ein, z. b.: was hab ich neues nicht und unerhörtes in dieser kurzen gegenwart gesehn! Schiller
Piccol. 3, 4,
Thekla in ihrer anwesenheit, das kurz
aber färbt den begriff zugleich nach der zeit. stellt er sich doch auch bei abwesenheit
ein, wenn es heiszt das ist in meiner abwesenheit geschehen,
in der zeit meiner abwesenheit. II@7@cc)
in entschiedenem, bewusztem verhältnis zu vergangenheit und zukunft: du hast deine zuhörer an den breitesten theil der kluft geführt, die unsere gegenwart und jene zukunft trennt. Göthe
an Herder, aus H.s nachl. 1, 71,
die gegenwärtige lage der dinge in Weimar; höchst ungeschickt wäre es gewesen, an diesem orte die heilige gesellschaft auf polster auszustrecken. nein! sie sollte der gegenwart angenähert werden, Christus sollte sein abendmahl bei den dominicanern in Mailand einnehmen.
werke 39, 95,
von Leon. da Vincis gemählde; willst du die gegenwart und das was ist, willst du die zukunft sehn, was sein wird. 13, 270 (
Epim. 1, 3); eingedenk vergangner leiden schaudr' ich vor der gegenwart. 5, 187; alles ist immer da in ihr (
der natur). vergangenheit und zukunft kennt sie nicht. gegenwart ist ihr ewigkeit. 50, 7; ein durchdringender fester blick in die vergangene zeit, die gegenwart und die zukunft. Schiller VII, 83, 18.
neuerdings macht ihm übrigens eine der geschmackwidrigsten neubildungen unsrer gegenwart das gebiet enge, jetztzeit.