schleier,
m. leichtes, dünnes, durchscheinendes gewebe; kopftuch aus solchem stoffe. das wort begegnet zuerst im 13.
jh. und geht durch fast alle germanischen sprachen, mhd. in den schreibungen slogier, slogir, sloger, slojir, slojer, slowir, sloiger, slöuger, sloier, sloir, sloyr, schloer; sleiger, schleiger, schlaiger, slegir, slewer, sleier, sleir, slair, schlair. Lexer
handwb. 2, 985. Graff 6, 761. Schm. 2, 521.
das geschlecht schwankt zwischen dem masc. und neutr. mnd. sloier, sloiger, sloger, sloweger, slorger, sleiger. Schiller-Lübben 4, 246
b.
vergl. die glossen: flammeolum ... rise, bruthul ... schleier, getzierde, schler, ein sleyer;
flammeum ... schleyer o. hube, eyn brude (
sponse) luter schleyer, glAes schleyerlin, slewer, bruthüll, sturtz, rise. Dief.
gloss. 238
b, sloyer
nov. gloss. 176
b; sloger,
flammeum Dief.-Wülcker 840;
peplum eyn sleyer, sleyer
vel duche, sleyerduch, schleier, slehir, schleger, schloeger, sloyger, sloyr Dief.
gloss. 424
a; douck, sleyer, eyn wumpel
vel sloyger doyk, sleyger.
nov. gloss. 286
b;
rica haub o. rigel, sloyger.
gloss. 497
c;
velamen ... nunnen sloer, nynnen slawer. 609
a;
niederl. sluyer,
rica, [] ricula, plagula, flammeum, peplum, velum Kilian,
jetzt sluier;
mittelengl. sleir,
dän. slør.
das schwed. hat eine form ohne r: slöja,
f., wozu sich mnl. slooie
stellt. die ältesten formen des wortes zeigen klar, dasz es kein einheimisches ist; die zeit des auftauchens legt die vermutung nahe, dasz es aus dem orient stamme und mit den kreuzzügen herübergekommen sei; indes hat sich noch kein etymon dazu auffinden lassen. ableitung aus dem germanischen, wie sie z. b. Dietrich in der
zeitschr. f. d. alterth. 7, 190—192
versucht, lehnt schon Grimm
gramm. 3, 446
neudr. ab. wenn man sie annehmen wollte, so müszte man von mnl. slôie
ausgehen, das zu slôien, slooien '
schleppen'
gestellt werden müszte, und für das deutsche entlehnung aus dem niederl. annehmen, vgl. Franck 900
und zum ganzen Weigand 2, 585. Kluge
5 326
a.
im nhd. begegnen abweichende formen nur selten, so noch vereinzelt schloier: der guot schlucker .. kaufft einen schönen schlöyer. Wickram
rollwagenb. 75, 3
Kurz. Frisch 2, 197
c schreibt schleyer,
aber braut-schleuer,
flammeum virginale; ferner schleer: und wie ein rawe haut mit einem zarten schleer sich pfläget zu beschönen. Weckherlin 740.
die mundarten zeigen folgende formen: schweiz. schleijer Hunziker 222,
bair. schlaijer, schlair, schlaer Schm. 2, 521,
tirol. schleier Schöpf 620,
ebenso hess. Vilmar 354,
schles. Weinhold 84
a,
siebenb.-sächs. schleoger,
schleier, kopftuch Frommann 5, 509, III, 34
und schliger (dAe hAeder af der môur nmen mir dĩ schliger.
hohel. Sal. 5, 7),
jetzt auch schleier 6, 108, V, 7.
nd. gewöhnlich mit erhaltenem oi: slöjer Dähnert 431
a; sleuer Mi 80
b; sleier, sleuer, sloier ten Doornkaat Koolman 3, 195
a; slijer
brem. wb. 4, 827. 11) schleier
bezeichnet ursprünglich wol nur den stoff, ein leichtes durchsichtiges gewebe; so noch schlesisch von einer sehr feinen leinwand Weinhold 84
a: schleyer heist man auch an statt schleyer - leinwand, das zarte leinene gewirk, so man aus Schlesien bringt,
linteum tenuissimum Frisch 2, 197
c.
ferner als term. techn. s. Jacobsson 3, 626
b (
vgl.klaar 2, 406
b). Karmarsch-Heeren
3 7, 677 (
sehr lockerer, feiner, ungestärkter leinwandartiger baumwollstoff).
vgl. die zusammensetzungen schleierleinwand, schleiertuch;
ferner schleier-etamin
ein feiner wollener, leinwandartiger, ganz schwarzer stoff, s. Jacobsson 3, 626
b.
doch ist das wort schon im 13.
jahrh. auf die bedeutung eines kopftuches aus solchem stoff eingeschränkt, berührt sich also mit dem ältern rîse,
vgl. Weinhold
deutsche frauen2 2, 226
ff. 324
ff. Schultz
höf. leb.2 1, 240; schleyer,
peplum, calanthica Dayp.; schleyer (der)
rica, stauchen, tuochle,
flammeum, calantica Maaler 356
b.
zuweilen deckt der schleier
auch den ganzen leib, zumal bei gestalten der kunst und dichtung (
vgl. e. f, δ),
wo das wort der alten bedeutung noch näher steht und gleichbedeutend mit flor
oder gaze: schleyer, eine weiber-tracht auf den kopf, so bisweilen nur den kopf decket, als ein haupt-tuch oder kappe,
rica, flammeum, tegmen matronarum, oder dabey auch den leib,
peplum Frisch 2, 197
c,
vgl. auch Adelung.
frauenz. - lex. 3085
f. 1@aa)
der schleier
umgibt das haupt und verhüllt das gesicht: ein slegir ûf daʒ houbt ich leit. Ulr. v. Lichtenstein
frauend. 257, 23; mîn slogir dact mîn antlütz gar, dâr durch ich doch vil wol gesach. 258, 14; darumb hieszen diese böswicht jr den schleier wegreiszen, damit sie verhüllet war.
Sus. 32;
zur absichtlichen verhüllung: die larve war fort, aber ein kurzer blütenweiszer schleier mit allerlei wunderlichen goldgestickten figuren verziert, verdeckte das gesichtchen. Eichendorff
2 3, 133; da verhüllte sich das erröthende angesicht in den verdoppelten schleier. J. Paul
Hesp. 3, 88; schöne kinder tragt ihr, und steht mit verdeckten gesichtern, bettelt: das heiszt, mit macht reden ans männliche herz. jeder wünscht sich ein knäbchen, wie ihr das dürftige zeiget, und ein liebchen, wie man's unter dem schleier sich denkt. Göthe 1, 355; dasz, wenn dich die Suaten begleiten, du mir einen langen schleier bringest, dasz ich mich vor Asans haus verhülle. 2, 53; zwar ganz geheuer ist sie (
die lady) nicht, den schleier legt sie nie von sich, und ihre mutter hat vielleicht sich in Berlin, wie's häufig dort geschieht, versehn. Platen 275;
gewöhnlich getragen zum schutze gegen rauhe luft: die luft ist scharf heut; hüllt euch ein, mein herz, in eure schleier. Ludwig 4, 343. 1@bb)
der schleier
als mädchentracht: die hüter auff der mauren namen mir meinen schleier.
hohel. Sal. 5, 7;
vergl. die hüter
[] auff der mauren sind offt die ersten, die eim mantel und schleyer nemen. Petri 2, Q 5
b; (
die ehefrau) ordnet den hauszraht auff alle Euclidische ecke nach dem schwadrangel (
viereck?), wie die jungfrawen die schleyer auffsetzen.
Garg. 74
a; (
der wind) füllt den schleier des vollkommnen mädchens. Göthe 2, 190; (
sie) löste dann von haupt und nacken schnell den schleier, mir das blut, das strömende, zu stillen. H. v. Kleist
fam. Schroffenstein 1, 1;
als tracht verheirateter frauen, vergl. Schultz
a. a. o.: dô gestatte her, daz ir mûter quam vor si und reiʒ iren sleiger von irme houbite und ire kleider von irme lîbe.
d. mystik. 1, 65, 36; der mann aber nicht unbehend nimpt sy (
seine frau) bey dem schleyr oder tchlin.
rollwagenb. 179, 18
Kurz; man hat auf den kleidern und schlayr der weibsbilder creutz gesehen. Abr. a S. Clara 1, 381; da jn nit gstehet hand noch mund, eh sie jhrn gfätrin hetten gseit ... wie viel schleyer sie hab im trog. Fischart
dicht. 2, 396, 347
Kurz; stehende tracht der muhammedanerinnen in der öffentlichkeit: sie (
Melechsala) erschien oftmals allein, oft an dem arm einer vertrauten, jedoch allezeit mit einem dünnen schleier über dem gesicht. Musäus 1, 101
Hempel. 1@cc) schleier
als festliche tracht: zu der zeit wird der herr den schmuck an den köstlichen schuhen wegnemen ... die feierkleider, die mentel, die schleier.
Jes. 3, 22; (
ich) kleidete dich mit gestickten kleidern, und zog dir semische schuch an, ich gab dir feine leinen kleider, und seidene schleier.
Hes. 16, 10; 'nein vrowe', sprach her, 'swaʒ du wilt tragen von cleinôte und von slôgîren, dô mite wil ich dich flôriren'. Bartsch
mitteld. ged. s. 97, 448.
eine besondere mode waren gelb gefärbte schleier, die allerdings später als kennzeichen der dirnen gelten, vgl. Schultz
höf. leb.2 1, 241. Weinhold
deutsche frauen2 2, 327: gälber schleyer,
flammeum, flammeolum Dasyp.; von hochvart der sloir, die die frawen gilbent und verbent.
quelle bei Schm. 2, 521 (
ebenda weitere belege); ir (
frauen) sullet ouch den mannen ir guot niht unnützelîchen âne werden, niht geben umbe gelwez gebende noch umbe übermæzege sleiger. Berth. v. Regensburg 1, 319, 28; daʒ sint die mit tuochlach umbe gênt, mit gelwem gebende, sô gelwe sleir, sô pfâwenhüete. 2, 119, 13; dann als die edlen frawen pflagen gele, geferbte schleier zu tragen und das die burgerweiber ainsthails nachtheten, do sagt er manichmal, so er ain her oder ainer vom adel, müssen ime sein weib und döchtern nun schwarz geferbte schleier tragen, wie die closterfrawen, das wurden die ander weiber nit leichtlichen nachthun.
Zimm. chron.2 1, 480, 29—34
Barack; sam tunt die weip, die legent an daʒ haupt allen irn fleiʒ, nu sloir gel, nu haubttuch weiʒ.
renner 12559; des enwolt si weizgot nummer me keiner hande floiir, winpeln oder sloiir gegilwen joch geverwen joch me nach glanze gerwen in uppeclicher wise.
Elisabeth 1986
Rieger; (
die frau) zohe herausz die gelben schleyer, geferbt wie totter von den eyer. B. Waldis
Esop 4, 28, 15.
als besondere arten werden erwähnt: subtiler,
seu florschleyer,
nebula linea, ventus textilis; holländischer schleyer,
munditia; schwäbischer schleyer,
linum Svevicum pellucidum; grober schleyer,
nebula linea grossa Stieler 1847
f.; schleier
um den hut als narrentracht im 16.
jahrh.: roth hüt gebraucht man diese zeit, ein schlaier darumb gebunden.
bergreihen 80, 22
neudruck. 1@dd)
andererseits ist der schleier
auch ein gewöhnliches kleidungsstück von frauen aus niederem stande, vgl.: ein armes cleit si umme want. si warf abe ir geflolir, si want ein snodiz sloiir wider umme ir houbet.
Elisab. 2444
Rieger; armut, was hab ich dir getan? mein frau musz an ein mantel gan, sie hat weder scurz noch schlair.
fastn. sp. 1350;
sogar das aschenbrödel trägt einen schleier
in der küche: eigenschaft des eschengrüdels: zuo dem ersten so hangt er fol eschen, und alles das an im ist, nas, augen, cleider, schleier seind berömt. Keisersberg
brösaml. 79
b,
vgl. theil 1, 582.
[] 1@ee) schleier
bei mythologischen und allegorischen figuren, heiligen u. s. w.: weisze schleier
als tracht der elbinnen, vergl. schleierweibchen: er fand drei jungfräuliche schleier in's gras gebreitet, von einem unbekannten gewebe, feiner als spinnwebe und weiszer als frischgefallener schnee. Musäus
volksm. 2, 24
Hempel; bei Maria: des wil ich dir lônen (
sagt Maria zum schüler), des slôger unde der schû. Bartsch
mitteld. ged. 1, 628 (
vgl. 467: slôgêr, 595: slêger); daʒ bluot ûʒ sînen wunden gienc, in iren slêwer sie daʒ vienc.
meisterl. 75, 159
Bartsch; der heil. Veronica: hie (
der heiland) bat mich umb den sleier min.
Alsfeld. passionssp. 5476 (
vgl. 5451);
bei gestalten der antiken mythologie, oft die ganze figur einhüllend: also redete sie und gab ihm den schleier, die göttin (
Leukothea). Voss
Odyss. 5, 351; so neu verherrlicht leuchtete das angesicht Pandorens mir aus buntem schleier, den sie jetzt sich umgeworfen, hüllend göttlichen gliederbau. Göthe 40, 407;
bei personificationen u. ähnl.: nur sah ich sie den reinsten schleier halten, er flosz um sie und schwoll in tausend falten. 1, 6; was ists, das hinter diesem schleier sich verbirgt? 'die wahrheit' ist die antwort ... kein sterblicher, sagt sie, rückt diesen schleier, bisz ich selbst ihn hebe. Schiller 11, 51. 1@ff)
besondere verwendungen. 1@f@aα) schleier der braut,
vgl. die glossen für flammeum (
s. oben): gelber hochzeitschlair,
linteum tegmen, quo novae nuptae velabantur. voc. von 1618
bei Schm. 2, 521; vergisset doch ein jungfraw jres schmucks nicht, noch ein braut jres schleiers.
Jerem. 2, 32; mit dem gürtel, mit dem schleyer reiszt der schöne wahn entzwey. Schiller 11, 308; den schleier rücken, heben,
vom bräutigam, der die braut heimführt: ach es gerewet darnach den guten mann, wann er jhr etwann zu unseuberlich hat den schleyer geruckt, helt jhr die kindbett des besser.
Garg. 74
a; lasz als deiner tochter ehgemal mich ihren schleier lüften! Platen 322
b; Hareth Ben Auf, der jeden schleier darf heben im land, steht hier als freier. Rückert
ges. poet. werke (1882) 4, 71; jetzt wird die langverschob'ne feier heben der braut den stolzen schleier. 73. 1@f@bβ)
tracht der himmelsbräute, der nonnen, vgl. nonnenschleier
theil 7, 885;
daher symbol des klösterlichen standes: dein lied war einerley nur stets vom kloster-leben; jetzt gehts (belachs nur mit) auf Susanninen aus: der schleyer wars allein, wornach du woltest streben, und bald (ich prophezey) wird eine windel draus. Günther 595; die ihr suchet, trägt den schleier, ist des himmels braut. Schiller 11, 237; die flut der goldnen locken fiel zum opfer für den schleier. Fr. Kind
ged.2 3, 19. den schleier nehmen,
nonne werden: den sloier si von im entpfie und gelobete gote kûsch mê wesen.
pass. 659, 36
Köpke; Mariane musz noch heute den schleyer nehmen. Gotter 3, 12; eigennützige verwandte hatten sie zum schleyer beredet 33; als sie wieder genesen war, bestand sie darauf, den schleier zu nehmen. Schiller 4, 245. 1@f@gγ)
der schleier
als zeichen verlorner jungfrauschaft, vergl. Weinhold
d. frauen2 2, 327: mit êren wir ze bette gân und âne sloyger an den tac.
Winsbekin 45, 10; und wenn ich dich eingelassen hett, das wer mir jmmer ein schand, wenn ander jungfrewlein kräntzlein tragen, ein schleyerlein müst ich haben.
Ambras. liederb. 214, 5, 36;
vgl. Uhland
volksl.2 138,
nr. 83, 5.
vgl. auch: wii borgermestere unde radmanne to R. (
Rostock) hebben endrechtliken geslaten ... dat alle bose boruchtede mene vrowen nene stickede doke van siden edder van lowende (
leinwand) up eren hoveden dregen scholen .., sunder weke slogere van wekeme lowende.
quelle bei Schiller-Lübben 4, 247
a.
bezieht sich darauf auch folgende stelle: [] ein altes weib, daʒ er derkant, die chond waschen und auch reyben, chauffmanschaft mit schloern treiben, da mit jungen mägeteyn helfen von den eren sein. H. Wittenweiler
ring 17
a, 18? 1@f@dδ)
als verhüllung einer leiche: er hub den schleier auf, und das kind (
Mignon) lag in seinen engelkleidern, wie schlafend. Göthe 20, 255; di vundin andirs nichtis nicht ... vleis noch daz gebeine (
der begrabenen Maria) denn ein gurtil kleine unde ein sleiger reine. Bartsch
mitteld. ged. 1, 179; dein nachruhm der da bleibt und bey uns ewig lebt, kriegt einen tieffen grund, er wird so leicht nicht fallen, und da Penelope den todten schleyer webt, der ihn einst decken soll, so daurt er unter allen. Günther 812; der erste der schlug den schleier zurück. Uhland
ged. (1864) 238;
auch die geister verstorbner erscheinen im schleier: die tiefen hohlen augen sprühn ein düsterrothes feuer, und glühn, wie schwefelflammen glühn, durch ihren weiszen schleier. Hölty 34
Halm. bildlich: endlich faltete sich der leichenschleier des schlafes doppelt um ihn und in die gruft der nacht eingesunken, lag er einsam und starr. J. Paul
Quint. Fixl. 43. 1@f@eε)
die überlebenden tragen einen schwarzen schleier
als zeichen der trauer; daher bezeichnet schleier
auch den ganzen trauerhabit, der nach dem frauenz.-lex. 3085
aus hauptschleyer, maulschleyer, schleyerkappe, schleyerhaube, schleyerschürze
und niedergelassenem schleyer
besteht; besonders bei witwen, vgl. trauerschleier, witwenschleier: si (
die königin von Böhmen) gebârt senlich, als die witiben tuon sullen. ir antliz sach man behullen ein sloier klein und wîʒ. Ottokar
reimchron. 17883; das haupt mit boy umziehn, und zu der hochzeit gehn, läst fast so abgeschmackt, als bey der baare tantzen; .. und also darff ich nicht bey deinen hochzeit-freuden den schlaff der poesie in flohr und schleyer kleiden. Günther 540; traur ihn (
Münchhausen) Georgia ... und rolle einen schleir um dein gesenktes haupt, er starb, dein vater starb. Hölty 45
Halm. 1@gg)
sprichwörtliche redensarten: der schleier allein macht die nonne nicht. Wander 4, 234; unter einen weiszen schleyer sind die motten verborgen. Petri 2, Vv 5
a. 1@hh)
mit beziehung darauf, dasz der schleier
eine ausschlieszlich weibliche tracht ist: ein mann läszt sich den schleier aufsetzen,
steht unter dem pantoffel; der ihm nicht lasset den schleier aufsetzen, wie Hercules endlich that. Mathesius
Syr. 1, 58
b,
vgl. Wander
a. a. o. daher dann auch schleier
geradezu für '
weib',
vgl.schürze
und unterrock: wo kein schleier, da ist keine freude. Simrock
sprichw. 9082; das sie das ganze weibliche geschlecht anfeinden, und wie ainer saget, wann er ain schlaier ansehe, im ain stich durch alle markbain gange. Fischart
podagr. trostb. L 8
b. 22)
in mannigfacher, bildlicher wendung. 2@aa)
von leichtem gewölk, nebel u. ähnl.: wenn durch den zerrisznen schleier des gewölks der sterne silber blinkt. Hölty 120
Halm; die blässeren streifen des abends hüllten den östlichen himmel in helle grünliche schleier. Stolberg 1, 383; und droben zieh'n in stiller feier die sterne, wallt im blassen schleier der mond auf mattem blau Fr. Kind
ged.2 3, 49; am morgen des 5. (
september 1816) waren wir in nebel gehüllt ..; nachmittags wallte der schleier auf einen augenblick auf. Chamisso 3, 111
Koch; am 25. september erwarteten wir O-Waihi zu sehen, ein dunstiger schleier lag davor. 214. 2@bb)
von anderen dingen, insofern sie etwas einhüllen oder verbergen: der frühling bewegte seine auen und seine blumen unter dem schleier von schnee. J. Paul
Hesp. 3, 88; der blaue schleier des äthers flatterte tausendfach gefaltet über verhüllten göttern in der weite.
Titan 1, 142; sie gingen durch den weichenden blühenden schleier (
die blühenden gebüsche des gartens, die ihnen etwas verdeckten). 2, 68; nicht trophäen, des bluts schleyer, verführen ihn zur erobrung. Klopstock 2, 107; der berge haupt im weiszen schleier. Göckingk 1, 324;
[] tanzt dem schönen mai entgegen, der des waldes haar verneut, ... mit dem goldverbrämten schleier, wartende gefilde deckt! Hölty 130
Halm; und hell von weiszen gewändern umwallt, vom goldenen schleier der locken. Fr. Kind
ged.2 5, 125; wenn ... der knospen schnee den schleier um die frühlings-landschaft webt. 299. 2@cc)
weniger concret, schleier der nacht
u. ähnl.: noch lag, umhüllt vom braunen schleier der mitternacht, die halbe welt. Wieland 10, 201; und plötzlich, tief verhüllend, webt die nacht den schleier um die heil'ge liebe. H. v. Kleist 1, 89
Hempel; eine person, die er hinter dem schleier des traums gesehen. J. Paul
Hesp. 2, 83. 2@dd)
abstract in den verschiedensten verbindungen und nuancen, oft in ausgeführtem bilde, oft mit vollständiger aufgabe des ursprünglichen sinnes, sodasz nur der abstracte begriff der verhüllung bleibt: wenn nun die gegenstände seines glaubens hinter dem schillernden schleyer hervor treten, der ihre häszlichkeit so lange verbarg! Thümmel
reise 7, 58; wenn es doch wenigstens nur einen schleyer hätte, das garstige laster, sich dem auge der welt zu entstehlen! Schiller
räuber 1, 3
schausp.; ja, eine welt, wo die schleyer hinwegfallen, und die liebe sich schröcklich wiederfindet. 4, 4; so lange du dich hütest, den schleyer aufzuheben, der dir die wirklichkeit verbirgt.
menschenf. 8 (
vgl. 11, 51
unter 1,
e); aber hier geht die geschichte in schleier! (
das geschehene wird nicht offenbart). J. Paul
Titan 3, 123; von allen globen, die uns licht und ebb' und flut und tag und nacht gewähren, kannt' er (
Newton) den lauf und das gewicht, hob alle schleyer auf, das dunkel aufzuklären. Thümmel
reise 3, 9; zerrissen ist der bange schleyer, der unsern bund der welt entzog. Gotter 1, 287; denn nicht der schleier von deiner seele, gosz diesz feuer der liebe, meinen adern ein. die seele selbst war mir zu theuer. Göckingk 1, 100; rosenwangichte phantasie, die du .. hinter den schleier blickst, der das auge der zukunft deckt. Hölty 72
Halm; so dasz wir wieder nach der erde blicken, zu bergen uns in jugendlichstem schleier. Göthe 41, 7 (
Faust II, 1); so leicht, als man mich überreden möchte, reiszen der ehe heilge bande nicht, zerreiszt die sittlichkeit den schleier nicht. Schiller
dom Karlos 3, 5; alles schöne, liebe Agnes, braucht keinen andern schleier als den eignen; denn der ist freilich selbst die schönheit. H. v. Kleist 1, 90
Hempel; da kommt der rauhe, und mit frechen händen reiszt er den goldnen schleier mir herab. Grillparzer
Sappho 4, 2. 2@ee)
mit erklärendem oder subjectsgenitiv: schleier des geheimnisses, der heuchelei, verstellung
u. a.: der schleier der gewohnheit fällt von den täglichen gegenständen unsrer zuneigung ab. Wieland 8, 37; das theologische gewand war allenthalben heiliger schleier der verhüllung. Herder
z. rel. u. theol. 7, 303; unter dem undurchdringlichsten schleier der verstellung brütete er diesen plan zur reife. Schiller 6, 109; da begegnete uns mein bruder mit seiner Luise, und im schleier sanfter bescheidenheit Wilhelmine. Stolberg 1, 385;
mit objectsgenitiv: werf (
ich) über meines innern leibs gebrechen den schleier alles greuls, scheinheiligkeit. Ludwig 3, 181. 2@ff) jemandem hängt ein schleier vor den augen,
er sieht nicht, was offenbar ist; einem fällt ein schleier vom auge
u. s. w.; vgl.: was nützte die erhabenste dichtung, wenn sie opium für die seele oder ein schleier fürs auge wäre, die wahren gestalten und den gang der dinge nie kennen zu lernen? Herder 11, 383
Suphan; es fällt mir von den augen, wie ein schleier. Göthe 57, 114; wer die natur durch ihre groszen historiker und die beobachtung selbst nicht kennt, der geht aus dem grabe im mutterleib in das grab der erde hinüber, ohne dasz sich der schleyer vor seinen sinnen verdünnt hat. Klinger 11, 162; aber ihr kennt diesz lied nicht. 'wir lasen's!' laset es nur, saht also, weil ihr es nicht sprachet, durch einen flor ein gemälde. doch ihr könnt es vielleicht nicht sprechen. so laszt es denn andre thun; sonst hänget auf immer vor eurem auge der schleyer. Klopstock 7, 351;
[] nun sitzt er (
Körner) droben im krystall'nen schlosse, wo ich ihn sehe goldne saiten rühren, wenn geister mir vom auge zieh'n den schleier. Rückert
ges. poet. werke (1882) 1, 38. 2@gg) ohne schleier reden,
unverhüllt, gerade heraus: die wahrheit ohne schleier sagen; doch ich rede frei und ohne schleier. Herder 1, 219
Suphan; vgl.: verständ ich so zu reden, dasz mein wort, ein dünner schleier, zeigte und versteckte zugleich die schämge nacktheit des gedankens. Ludwig 4, 295. 2@hh)
so auch über etwas einen schleier decken,
es verschweigen, geheim halten u. ähnl.: lasz mich einen schleier werfen über jene unselige stunde, die diesem wesen das daseyn gab. Göthe 17, 358; nur die entfernung deckte noch eine glückliche vollendung mit ihrem schleier. 20, 145; dasz wenn man die vornehmeren retten wolle, man auch über die fehler der geringern einen schleier werfen müsse. 24, 338; gestehen wir im allgemeinen, dasz bei einer neuen bekanntschaft, einer neu sich anknüpfenden neigung über das vorhergegangene der liebende gern einen schleier zieht. 48, 160; was sie sahn — darüber läszt das lied den schleier fallen. Chamisso 2, 39
Koch. den schleier von einer sache lüften,
sie aufdecken: heilig hatt ich mir versprochen, zwar um Madelon den schleier nicht zu lüften, der des vaters unthaten barg. Ludwig 3, 247. 33)
übertragen auf andre gegenstände. 3@aa)
kattunene mütze der bäuerinnen in Niederhessen Vilmar 354. Pfister 253. Schm. 2, 521.
ebenso ein breiter, langer, verbrämter streifen von schwarzem plüsch oder anderm zeug, den die bäuerinnen in Sachsen um den kopf schlagen. Jacobsson 7, 234
b.
frauenz.-lex. 3086. 3@bb)
in Augsburg ein hoher, mit draht gestützter aufsatz von steifer leinwand, den handwerksfrauen, mägde bei leichen, hebammen und hochzeitbitterinnen tragen. Jacobsson 7, 234
a.
frauenzimmer-lex. 3086.
ähnlich die Ulmer und Straszburger hauptschleyer,
s. ebenda. 3@cc)
der federschmuck der eule um augen und ohren. vergl. schleiereule. 3@dd)
bei farrenkräutern ein dünnes, durchsichtiges häutchen, das die samenschalen bedeckt, indusium. Oken 2, 86;
bei hutpilzen die haut, die den hut umzieht, velum. Behlen 5, 493. 3@ee)
kranz einer glocke. 44)
nicht verwandte wörter und solche, deren zugehörigkeit fraglich ist. 4@aa)
die wendung: ich dörfft dir eins an schleyer (
eine ohrfeige) geben.
Ambras. liederb. 132, 61
läszt sich allenfalls von der gewöhnlichen bedeutung des wortes aus verstehen, doch verweist Schöpf 620
wol mit recht auf schwäb. schleer
mund, maul Schmid 467.
vgl. schlier. 4@bb)
westerw. schleïer, schloïyer,
auch gschloïyer, gschleïer
bedeutet ein geschwür, ferner schloyr, gschloyr
eine nässe im ackerfelde. Schmidt 189,
vgl. Kehrein 1, 352.
nebenform zu schlier,
s. daselbst. 4@cc)
nassauisch begegnet auch ein adj. schleier
in der verbindung: dieser weg geht schleier (
schief?), jener geht stippel (
gerade). Kehrein 1, 350.