geweide,
n. ,
collectivbildung zu weide (
s. d.),
vgl. ahd. weida (Graff 1, 774).
in diesem neutrum, das erst aus mittelhochdeutscher zeit bezeugt ist (
vgl. geweide
mhd. wb. 3, 554
a. Lexer 1, 981),
werden der neueren sprache zwei verschiedenartige verwendungen übermittelt, bei denen es schwer wird, sie von einer bedeutung abzuleiten: geweide, weide,
pascua und geweide, eingeweide,
viscera (
die bildung gewaid,
glastum s. Diefenbach 264
c gehört zu anderem stamm, vgl. weit Lexer 3, 747).
unter eingeweide (
s. th. 3, 189)
hat J. Grimm
eine erklärung gegeben, der die meisten lexicographen sich anschlieszen, ohne die schwierigkeiten wegzuräumen, die ihr im wege stehen. aus dem ältesten belege läszt sich für geweide
die bedeutung '
futter, speise'
herauslesen: under der rippe scerme hanget daʒ gedarme ein weichiu wamba diu douwet daʒ geweide.
genesis (
Diut. 3, 46).
vgl. Diemer 6, 34. J. Grimm
stellt dieses geweide
in parallele mit geäsz (
s. d.)
und deutet es als das, was das vieh zusammengeweidet hat und was nun als speise den magen füllt. von hier aus sei die bezeichnung auf den magen selbst und auf die anderen entsprechenden, an der verdauung theilnehmenden organe übergegangen, vgl. z. b.: si (
diu verchelîn) lâgen elliu von mir tôt, von rehter herzeleide beslôʒ ichs in mîn geweide.
Reinhard fuchs 393
Grimm (
die gleiche stelle im renner wiederholt 3550).
dieser auffassung steht manches entgegen. fraglich ist, ob gerade dem speiseinhalt des magens so viel beachtung geschenkt wurde, dasz von ihm aus die namengebung vorschritt. für geäsz
jedenfalls ist nichts ähnliches bezeugt. die belege, die uns zu gebote stehen, schlieszen sich meist an fremde vorlagen an, aber auch die aus geschichte und sprache vorliegenden zeugnisse geben hiefür keinen anhaltspunkt. näher zum ziel führt die frage nach dem sprachkreis, dem der gebrauch entstammt. schon Grimm
wies auf hirten und jäger hin; von den jägern geht der gebrauch in der that aus. wir knüpfen hierbei an folgendes beispiel an. (
es war gemalt) wie ein jäger die sew entweidt und das gweid für die jagdhundt leidt. Wickram (
irreit. bilger 873) 4, 159
Bolte; wenn das gekröse des erlegten wildes den hunden als jagdbeute und belohnung vorgeworfen wurde, so lag es nahe, den antheil der hunde ihr geweide
zu nennen, vgl. die bedeutungsentwicklung von weide,
pascua, und die stellung der curîe
in jagdschilderungen: milz unde lungen .. den panzen unde den pas und swaz der hunde spîse was.
Tristan 3006
u. a. diese auffassung, die sich in manchem mit der von Heyne
in seinem wörterbuch vorgetragenen erklärung berührt, geht also auch für geweide, eingeweide
von der grundbedeutung geweide = weide
aus, nur knüpft sie nicht an den hirtenausdruck an, der den begriff weide
in der schriftsprache beherrscht, sondern an den jägerausdruck, bei dem sich weide
mehr nach dem begriffe beute
zuspitzt (
der gleiche begriff auch in der fischersprache, vgl. 1),
b). 11) geweide = weide.
bildungen mit ge
sind hier spärlich, und auch deren bedeutung ist nicht immer sicher, kann aber wohl aus der entwicklung erschlossen werden, die an dem einfachen weide
bezeugt ist. 1@aa) geweid, weid deʒ vichs,
pascua, ... locus in quo pecudes pastum capiunt. Henisch 1596; se schollen holtis, woeldis, waters und geweide frig gebrucken gelik uns selffs. Schiller-Lübben 2, 100
a;
vgl. Verwijs
u. Verdam 2, 1876. Schuermans 154
b. 1@bb) wir Ruprecht der elter, pfaltzgrave bi Rine ... bekennent ... daz wir verluhen habent ... die hienach schriben salmengrunde uf dem Rine ... grunde und geweide, daz dazuo horet oben und niden.
urkunde von 1357
zsch. gesch. Oberrh. 4, 76; und waz fische sie gevahent uffe den vorgenanten salmen grunden und geweiden.
ebenda; und Claus Schulle und sin bruoder Engelmar vorgenannt ouch ein dritail haben sollent an dem vorgenanten salmen und geweiden.
durch diese überführung des uns aus der hirtensprache geläufigen wortes in die fischersprache fällt auch licht auf das compositum: eisgeweid,
vgl.es ist aber disz die eigenschafft der eiszbrüch, ... wann eisz vorhanden ist, bricht man das eisz, unnd das thut die oberkeit durch die underthanen, oder aber verleihets die oberkeit umb zinsz hinweg, unnd das heiszt man also, und ist ein eiszbruch ... etliche solcher sachen erfahrne machen einen unterschied,
unter einem eiszbruch und eiszgeweid, dann sie das ein eiszgeweid nennen und halten, wann sich ein eiszschemel ungeferd angehengt, und die lachen eisig werden. Meurer
jagd- und forstrecht 104
b.
natürlich handelt es sich hier um den fischfang und nicht um die gewinnung von eis. nach dem zusammenhang musz man schlieszen, dasz bei eisbruch
an eine von der behörde monopolisierte ausbeute, bei eisgeweid
an eine den privaten überlassene gedacht ist. die erklärung bei Meurer
heftet sich jedoch an die entstehung der äuszeren situation. zu der bedeutung vgl. auch fischweide, vogelweide,
die ebenfalls den begriff venatio ausprägen, während fischgeweide (
s. unter 2)
die bedeutung viscera darbietet. 22) geweide, eingeweide.
in dieser bedeutung ist das neutrum viel belegt und reicht —
in concurrenz mit dem zusammengesetzten eingeweide —
bis in die neuere zeit herein. schon in der mhd. epik wird nicht blosz die beziehung auf thiere, sondern fast noch häufiger die auf menschen angebaut. für die erstere sind es namentlich die antiken opfergebräuche, die besonders in der übersetzungslitteratur anlasz zum gebrauche geben; in der neueren sprache (
vgl. Göthe)
überwiegt die übertragene bedeutung. 2@aa)
die sinnliche bedeutung von eingeweide,
intestina, gewaide Heinrici
summarium. Steinmeyer-Sievers 3, 439;
exantera gewid, gewaid Diefenbach 216
a; gewaid Schottel 634
b, weid ..
usitatius dicitur geweid
und ingeweid
viscera, interanea, praecordia, lactus Stieler 2453; gewaide, eingeweide Woeste 78
b. 2@a@aα)
beziehung auf thiere: geweide, inngeweid ...
exta, interanea, intestina, praecordia, viscera animalium Henisch 1596; gheweyde
viscera animalium Kilian 146
a;
antra fische-, visch-, fisz-geweyde Diefenbach 39
a; fischgeweide
piscium praecordia Stieler 2453. schaffs-, lamms-, kalbsgeweide,
scheep's lamb's, or calve's chaldron or pluck. teutsch-engl. wb. 2, 771. 2@a@a@11)) von dem rosse zuht ern (
den bären) under sich und zebrach in aller teile gelîch, daʒ geweide er ûʒ im warf.
Servatius 2933
Haupt (
z. f. d. a. 5); iz geweide ûʒ nimit,
exintestinat. Conr. v. Heinrichau
voc. rerum (1430)
fundgruben 1, 373
b; ein thier ausweiden, ihm das geweide herausnehmen,
to garbage or unbowel a beast, to draw the guts. teutsch-engl. wb. (1716) 2, 771, 't gewei ûtnämen. ten Doornkaat Koolman 1, 624; da horch! halali! das treiben ist aus, des hirsches einzige thräne vergossen, ein hörnerstosz durch das waldige haus vereint zum geweide die zott'gen genossen. Annette v. Droste (
Kurt v. spiegel)
ged. 265. 2@a@a@22)) beslôʒ ichs in mîn geweide.
Reinhard fuchs s. o. antwurt der fuchs: mîn her, du sichst, wie ich so bald geloffen bin, daʒ ich überal bestrebt (
bestäubt?), unsauber und stinkend bin, und besorge, daʒ dine gewaid von dem stank entricht werdent, so ich näher zuo dir gang.
Äsop übers. v. Steinhöwel 211
Österley; sie (
die meerigel) haben fünff hole zän, fünff mägen oder geweid, und fünff eier. Gesner
fischbuch übers. v. Forer 151
a; ein feiste fischbrü, so ausz dem faulen geweid der eingesaltzen fisch distilliert und zu bereitung der speisz gebraucht wird,
garum liquamen. Henisch 531. 2@a@a@33)) ein gitik mensch tut als di spinne, die nach iemerclichen gewinne ir gewide spinnet ûʒ irem leibe, daʒ in dem webe ein mucke beleibe. Hugo v. Trimberg
renner 4849 (
hdschr. v. 1430 gewaide. Schmeller 2
2, 856;
Frankfurter druck 27
a geweppe). 2@a@a@44)) da hielten sie dʒ opffer der gOeter, und die gewaid d' tier, in den si wonten, künftig sachen unt tat zu erkennen.
Valerius Maximus übers. v. Muglein (1489) 3
d; Cicero, an vil orthen von der warsagung, zuovorausz im ersten buoch ... schreibt ... ich geschweig der unsern, wölche gar nichts, in dem kriege, on geweid handlen, nicht anheiment haben, on besichtigung der vöglen.
Polydorus Vergilius (1, 24)
deutsch von Tatius Alpinus 28
b; er (
der priester) stundt aber von den knien darauff er das geweide zu besichtigen lag gantz bestürtzet auff, gieng gerichts auff die königin zu. Barclay
Argenis übers. v. Opitz 2, 310; drauf den gewaltigen stier ... schlachtet' ich ... ... und ich befahl den heroen, umher in die runde sich stellend, einzuheften die speer' und die faustanfüllenden schwerter rings in haut und geweide mit angestrengeten händen. Voss
Hesiod (
Orfeus der Argonaut) 265; sie nun, da sie vertrieben die feindliche wolke des krieges, nahmen den frieden sie froh und weiheten ein ihn mit opfern; drauf, da verbrannt sie die schenkel und auch die geweide gekostet, spendeten sie zur erden. Aristophanes (
der frieden 1075) 1, 97 Droysen,
ebenso '
der frieden' 1085; wohlan, denn ihr zuschauer, kommt und weidet euch mit uns des geweids. '
der frieden' 1098. 2@a@bβ)
beziehung auf menschen. 2@a@b@11)) sô daʒ imʒ geweide ûʒ der tjost übern satel hienc. der helt die banier dô gevienc und gurtʒ geweide wider în, als ob in ninder âder sîn von deheinem strîte swære. Wolfram
Willehalm 25, 24; un durch sin seitn in do stach, daʒ er zehant vor im ligen sach ûf der erden sîn geweide. Hugo v. Trimberg
renner 6311; der kaiser hiʒ im gewinnen sine haim gesinden hirzine hute da man in sute die heren lichenam ir gewaide si uʒ in nam si bestattenʒ in di gruobe.
Rolandslied 260, 15
Grimm; so viel aber hertz. Fr(
iedrich von Braunschweig) anlangt, der so schendlich ... ermordet worden, ist derselbe von den seinen von der walstadt abgeholet und ins closter Wibbrechthausen geführt, da der leib nach fürstlichem gebrauch eröffnet, und das geweid in selbigen closter ... in die erde gesetzt .,. worden. Heinr. Bünting
braunschweig. chron. herausg. v. Meybaum (1620) 268 (
fehlt 1584). 2@a@b@22)) tôt saʒ er in ainer geswâshait, das gewaide was von im gevallen.
kaiserchron. 13477
Schröder; sin (
des Judas) lib daʒ ungetrue vas wol gelich entzwei spielt so daʒ er nicht in im behielt wande druʒ viel daʒ geweide (Luther
apost. gesch. 1, 18: eingeweide).
das alte passional 318, 28
Hahn; wem das gewait ausget, dem zeucht der (
schröpf) choph das gewait wider an sein stat.
hdschr. v. 1477 (Schmeller 2, 856); ob er wunt wirt an dem pauch, daʒ im daʒ gewaid (
var. gedarm) durch auʒ get.
Freis. rechtb. (Schmeller 2, 856); etliche hefften gar kein wunden. wem aber das gewaid auszgehet, den musz man hefften, und je bälder man das gewaid hineinbringt, je besser, ehe dann es kalt unnd schwartz wird. Gäbelkhover (1665) 416
b. 2@a@b@33)) 'diu sorg ist unstrîtec', sprâchen die knehte beide, 'füllt uns wol das geweide'. Seifrid Helbling 1, 424
Seemüller 35; das geweid für eingeweide ist selbst in Oberdeutschland fast veraltet. indessen finde ich es noch in Mochels urne von Schmohl 1, 211: sein arzt fühlte endlich eine verhärtung der leber, die unstreitig schon lange durch die zusammendrückung des leibes und damit verknüpften (verknüpfte) hemmung der verrichtungen dieses geweids (theils der eingeweide) beschädigt worden war. Heynatz 2, 54. 2@bb)
der übertragene gebrauch; vgl. die gleiche entwicklung bei lat. viscera: dieselben nation wir und unsere vorfaren allwege in geweide der liebe getragen haben,
in visceribus semper gesserimus caritatis. Luther (
übersetzung der bulle '
exurge domine') 1, 380
a Jena; du stehst unerforscht die geweide geheimniszvoll offenbar über der erstaunten welt. Göthe
auf dem Harz (
nach abschriften, vgl. Weim. ausg. 2, 308;
im druck: du stehst mit unerforschtem busen.
Harzreise; werke 2, 67); wenn wird ein greiflich gespenst von schönen händen entgeistert, und der leinene sack seine geweide verleiht. (
triumph d. empfind.) 14, 8 (
an anderer stelle: ein greiflicher sack
und eingeweide).