Ge —, eine tonlose Silbe, welche vielen Wörtern vorgesetzt wird, in vielen Fällen ein müssiger Zusatz ist, in vielen Fällen aber auch ihre bestimmte Bedeutung hat. 1. Eine meist müssige Verlängerung des Wortes ist die Silbe ge — 1) bei vielen Aussagewörtern,
z. B. ge= denken, gefrieren, gehaben, geleben, gelieben, gereden, gereuen, geschwellen, gesegnen, getrauen , indem diese Wörter ohne die Silbe ge dieselbe Bedeutung haben. I
N. D. läßt man umgekehrt die Silbe ge vor mehreren Aussagewörtern, wo sie nicht überflüssig stehet, auf eine fehlerhafte Weise weg und sagt brauchen für gebrauchen, dulden für gedulden, fallen für gefallen, horchen für gehorchen, hören für gehören Die O. D. Mundart geht aber in dem Mißbrauche dieser Silbe ge noch weiter und setzt sie unnützer Weise noch vielen andern Aussagewörtern vor. So kömmt bei Opitz und andern O. D. Schriftstellern auch gedienen, gehelfen, gelösen, gespüren, genennen, gestillen, gesagen vor. Eine gleiche Bewandniß hat es mit dieser Silbe vor den Aussagewörtern in der Mittelform der vergangenen Zeit und den damit zusammengesetzten Zeiten, wo sie allen einfachen und den meisten zusammengesetzten Aussagewörtern vorgesetzt wird, wovon aber alle mit be, ent, er, ver, zer der Silbe ge selbst und größtentheils auch die mit miß zusammengesetzten und diejenigen, welche mit durch und über zusammengesetzt sind, wenn nämlich bei diesen der Ton nicht auf durch und über liegt, Ausnahmen machen. Auch in diesem Falle lassen einige
N. D. sie weg, indem sie sagen, ich bin kommen, er hat's geben, sie sind gangen, wir haben than, ich bin alt worden Die Dichter lassen diese Silbe aber auch zuweilen des Silbenmaßes wegen und zuweilen auch das Schleppende zu vermeiden, weg,
z. B. Mir ist kein Wunsch mehr übrig blieben. Gellert. 2) Bei vielen Grundwörtern,
z. B. Gebiet, Gebet, Geburt, Geberde, Gefängniß, Geheiß, Geschoß, Gewalt, wo es die Niederdeutschen weglassen und wofür man selbst auch im Oberdeutschen Biet, Burt, Berde, Fankniß, Heiß, Schoß, Walt findet. Doch ist dies bei den Oberdeutschen nur selten der Fall, die selbst die Silbe Ge vor viele Grundwörter setzen, wo sie sonst gar nicht gewöhnlich sind, als Gebahn, Gebürsch, Gemark, Geschau, Geschrift, Gestück, Gezeit , für Bahn, Bürsche, Mark, Schau, Schrift, Stück, Zeit 3) Bei Umstands= und Beilegungswörtern; als gebirgig, gefräßig, gelinde, geschlank, gestrenge, getreu Diese hauchende O. D. Verlängerung wurde bei mehrern Wörtern, besonders die sich mit l, n und r anfangen, auf ein bloßes g beschränkt, wie in Glaube, gleich, Glied, Glocke, Glück, glühen, Gnade, Gnätz, Graf, Gras, Grenze, Grind , welche Wörter zum Theil noch im
N. D. ohne diesen Laut vorkommen,
z. B. Love für Glaube, Lied für Glied, lik für gleich. I andern Wörtern ist jener Laut in ein k übergegangen, wie in klug, knicken, knacken, Knoten, kratzen 2. Eine bestimmte Bedeutung hat die Silbe Ge — vor vielen Grundwörtern, bei welchen sie 1) eine Zusammenfassen mehrerer Dinge Einer Art bezeichnet und Sammelwörter bildet. Dergleichen sind Gebein, Gebett, Geflügel, Geschmeiß, Geschirr, Gestein Bei der Bildung solcher Sammelwörter werden die Grundlauter a, o und u in ä, ö und ü verwandelt, und aus Ader, Balken, Blut, Busch, Bruder, Darm, Holz, Horn, Wolke, Wurm, Wurz wird Geäder, Gebälk, Geblüt, Gebüsch, Gebrüder, Gedärm, Gehölz, Gehörn, Gewölk, Gewürm, Gewürz gebildet. Hingegen e wird gewöhnlich in i oder ie verwandelt, als Gebirge von Berg, Gefilde von Feld, Gefieder von Feder, Geschwister von Schwester, Gestirn von Stern. Diese Sammelwörter gehören sämmtlich zur dritten Gattung der Wörter, die das Deutewort das zu sich nehmen, und sie richten sich in ihrer Endigung nach den Wörtern, von welchen sie gebildet sind, so daß diejenigen, die von Wörtern mit einem e am Ende herkommen dieses e behalten, als Gerinne, Gerippe , die aber von Wörtern, wo dies nicht der Fall ist, herkommen, auch kein e bekommen, wenn dies nicht des Wohllautes wegen und die Härte in der Aussprache zu vermeiden geschieht, wie
z. B. in Gebirge, Gehäuse 2) Eine öftere Wiederholung einer und derselben Sache oder die Fortdauer einer Handlung, eines Zustandes. Diese Veröfterungswörter oder Wieder= holungswörter, die nur in der Einzahl vorkommen, werden aus der unbestimmten Form der Aussagewörter gebildet, indem das End=n oder =en weggeworfen und die Silbe Ge vorgesetzt wird,
z. B. das Geächze, Geacker, Gebelle oder Gebell, Gebeiße, Gebettel, Gebrülle oder Gebrüll, Gebrumme, Gedehne, Geflatter, Geflimmer, Geflüster, Gefrage, Geklatsche, Geläute, Gelache, Gemurre, Geplapper, Geplauder, Geprahle, Gerede, Gerassel, Geschmiere, Geschnatter, Gesumse, Getute, Gewinsel, Gezanke Solche Wörter, die eine nachmahlige Wiederholung oder Fortdauer einer Sache oder eines Zustandes bezeichnen, lassen sich fast aus allen einfachen Aussagewörtern bilden. Häufig ist damit ein verächtlicher Nebenbegriff oder ein Tadel verbunden. Sie sind meist nur im gemeinen Leben üblich, doch ist auch ein beträchtlicher Theil derselben der guten und selbst der höhern Schreibart nicht fremd. Diese letzten werden im Folgenden besonders aufgeführt; von den übrigen, als einer Erklärung nicht würdig und derselben auch nicht einmahl bedürftig, werden nur die gewöhnlichsten erwähnt und hieher verwiesen.