geisel,
f. flagellum. 11)
Form und verwandtschaft. 1@aa)
ahd. kaisala, geisila, geisla Graff 4, 274,
stark und schwach, wie mhd. geisel,
md. im Pass. noch geisele,
mnd. geisel Sch.
u. L. 2, 36
a, geysele Dief. 237
c, ghesle
n. gl. 176
a,
nl. geesel
m., mnl. gesele, gecele
f. (
nl. wb. III, 694),
das letztere wie mnd. geizel Dief. 107
c (
s. unter 2,
b);
alts. nicht bezeugt, ags. und engl. nicht entwickelt, auch nicht altn. (
vgl. d),
aber altschwed. gesl, gisl, gijsl
m. Rydqv. 2, 64,
isl. geisl
m., norw. geisl
n. Aasen 214
a,
schwed. gissel
m. f. n. Rydqv. 3, 68
a,
s. Rietz 194
a,
doch wol entlehnt, wie altdän. gissel Molbech
dansk gl. 1, 292 (
jetzt wieder erloschen),
der vocal deutet auf mischung mit dem vorigen (
vgl. dort 3,
c, β). 1@bb)
die schreibung geiszel,
schon im 15.
jh. einzeln Dief. 237
c (
sonst gaisel, geisel),
neuerdings mit unterscheidung von geisel
masc., wie sie Gottsched
sprachk. 122
gibt und schon Rädlein
u. a. (Adelung
schrieb beide worte geiszel),
hat gar keinen grund. früh auch geischel, elsäss. schon im 14.
jh.: schlugen mit der geischeln uf den rücken.
Straszb. chron. 106, 22
u. ö., wie geischeln, geischeler, geischelfart (
s. geiseln 3),
im 15.
jahrh. in mehreren vocc. inc. t. g 3
b, Dief. 237
c. 107
c, geischele
nov. gl. 176
a;
auch noch mundartlich, wie oberhess. gêschel,
niederhess. gischel,
schmalkald. geischel Vilmar 127,
ruhlisch gäischel Regel 196;
es ist nur breite aussprache von geisl (
vgl. schon ahd. geisla
vorhin),
wie geischlitz
für geislitz (
s. d.), Henschel
aus Hänsel (Hänsl).
aus geisl
erklärt sich auch geistel Dief. 237
c,
wie deistel
deichsel aus deisl (
s. u. deichsel, deiselbrot),
gleichfalls schon im 15.
jh. düstel Dief. 423
b,
vgl.duschel, tüschel
nov. gl. 360
b. 1@cc)
bemerkenswert aber ein masc., mhd. und nhd. (
wie umgekehrt das vorige auch als f. sp. 2609),
also wie nl. nord. u. a: einen geisel fuorte se an der hant, dem wârn die (was der
G) swenkel sîdî
n. Parz. 314, 1. 2
D (eine geiselen, der ..
G); sie (
diese völker) werden euch zum strick und netz und zum geiszel in ewer seiten werden. Luther
Jos. 23, 13; der gegenwärtig herrschende kizel, mit gottes geschöpfen christmarkt zu spielen (
in den philanthropinen) ... verdiente es mehr als jede andere ausschweifung der vernunft, den geiszel der satire zu fühlen.
Schiller III, 522, 12.
schon im 12.
jahrh. geisil,
anguilla qua coercentur pueri in scolis Graff 4, 274 (
zur sache s. 2,
c)
kann m. sein, das zudem dem ursprung ganz gemäsz ist (
s. d). 1@dd)
es musz aber ursprünglich der blosze geiselstock sein, noch ohne schnur oder swenkel (
s. c, vergl. geiselschmitz),
genauer spitzer stock zum antreiben des zugviehes, denn es ist offenbar eigentlich eins mit altn. isl. geisl
m. stab beim schrittschuhlaufen, der den lauf beschleunigt wie die geisel den der zugthiere, gewiss auch gespitzt; s. davon und vom stamme gis, gîs
das vorige geisel 3,
c, β.
dasz auch der verbesserten geisel
der alte name blieb (
von weiterer verbesserung s. 2,
b),
ist z. b. wie bei der scheibe
des fensters, auch seit sie nicht mehr rund ist. ebenso kam das stammverwandte gart
treibstecken (
noch jetzt landschaftlich in gebrauch)
zur bedeutung stock mit schnur in engl. gad
jagdpeitsche, s. u. gart 3,
b; die vermittelung gab die schwanke gerte (
vergl. mhd. geiselruote),
die selbst zu gart
gehört (
vergl. engl. gad
rute a. a. o.)
und auf die erfindung der geiselschnur führen muszte (
vgl. unter 2,
c). 22)
bedeutung und gebrauch. 2@aa) geisel
zum treiben des viehes: flagellum, geisel Wackernagel
voc. opt. 30
a. 32
a,
unter den bedürfnissen des reiters; es sol auch hinfüro einich fleischhackerknecht oder knab zu der zeit seines htens der schaf oder vihes einich ander waffen oder were nit tragen ... dann ein gaysel oder zimlichen unbeschlagen stecken an stachel.
Nürnb. poliz. 241 (15.
jh.),
wo sie als ersatz und nachfolger des älteren steckens erscheint, der selbst nur noch ohne eisenstachel geduldet wird; der uf dem sattel siczet .. und mich (
das maulthier) mit der knellenden gaiseln trybet. Steinh.
Es. 36 (
s. 129
Öst.); da wird man hören die geisseln klappen und die reder rasseln, die rosse schreien. Luther
Nahum 3, 2; der pflügen musz und die ochsen mit der geissel treibet.
Sir. 38, 26; dem esel gehört sein futter, geissel und last. 33, 25; hieb mit der geissel frei darauf (
aufs pferd). Kirchhof
mil. disc. 217; die furcht der straf ist, die es schafft (
diesz bewirkt), welch sterker fort treibt mann und rosz, wern sporn und geiszel noch so grosz.
wendunm. 1, 130
Öst.; alsbald er über die brucken nausz fur, da patschet sein geisel, da knallet sein schnur. Uhland
volksl. 734 (17.
jh.); als aber der tag durch die kellerlöcher hinab schien und auf der strasze die geiseln knallten und der kuhhirt hürnte ... Hebel
schatzk. 168 (geiszeln
werke 1853 2, 101); gigst (
knarrt) der wage, d'geisle chlöpft und d'sägese ruschet.
alem. ged. (1820) 331,
wie mit der geisel klöpfen Denzler 2, 173
a,
vgl. geiselklöpfen
und klöpfgeisel (16.
jh.), Klepfgeisel
als bauernname N. Manuel 82
B. Es ist im alem. gebiete noch in voller geltung, gewiss auch rheinabwärts; ebenso bair., östr., kärnt. gâsl, goasl Lexer 111;
auf md. boden noch in Hessen, auch in Thüringen nicht unbekannt (
s. unter 1,
b ruhlisch, schmalk.),
aber von da nach osten erloschen und von dem slav. lehnworte peitsche
verdrängt, das überhaupt im weiteren vordringen ist. 2@bb)
das verhältnis zu peitsche
verdient eine kurze beleuchtung. wie die geisel
vor alters aus einem einfachen stab zum stab mit schnur wurde, so brachte das slav. wort eine weitere unwiderstehliche verbesserung mit sich, wie Schmeller 2, 74
aus Baiern angibt, wo beide worte neben einander gehen, die peitsche
künstlicher und zum theil aus leder bestehend, die gaisel,
die doch noch die wagenführer gewöhnlich brauchen, ein langer stab (gaiselstecken)
mit bloszer schnur. aber schon im voc. th. 1482
gehn beide neben einander: peitsch oder gaisel,
cathomus, et est flagellum de virgis factum. y 5
a;
auch in andern vocc. erscheint das lat. wort als ein geischel mit ruoten gemaht,
niederd. en gheytzel von roden ghemaket Dief. 107
c,
vgl. nov. gl. 80
b,
wol ruten zusammengedreht, vielleicht nur zum züchtigen (
vgl. Luther
unter c).
dagegen kennt das 15.
jahrh. auch schon gaissel von rinderein leder gemacht,
thaurea voc. 1482 k 1
a,
im voc. inc. t. geischel von ochsenleder,
in einem anderen pytsche
taurea Dief. 574
a,
md. ochsingeysel
n. gl. 359
a,
nd. ghesle van ossensenen 176
a,
ja schon mhd. geiselrieme
lederpeitsche (
s. dort).
wie peitsche
vordringt, zeigt z. b. Vilmars
genauere angabe aus Hessen s. 127,
doch führt dort neben der ackergischel
nach alter art (
beim pflügen)
auch die aus leder geflochtene peitsche, beim fahren gebraucht, noch den namen fahrgischel (
vgl. unter 1,
b).
dagegen ist dem Sachsen, z. b. in Leipzig, das ganze geisel
blosz ein bücherwort, und ebenso im norden, daher dort als dichterwort (
nd. heiszt es swepe
u. ä., s. z. b. u. klappen 1,
a): treibend schwang er die geiszel, und willig enteilten die rosse. Voss
Odyss. 3, 484. 494.
mhd. auch geisel
zum treiben des kreisels (topf)
Parz. 150, 16. 2@cc)
zur züchtigung. 2@c@aα)
auch schon aus einem reis oder reisern hergestellt: lasz den teufel sorgen, wo er ein hölzlin findet, daraus er dir ein creuz mache, und die welt, wo sie ein reislin finde, daraus sie eine geisel mache uber deine haut. Luther 7, 388
a;
vgl. unter b mit ruoten gemaht
und schon ahd. kesilun,
virgae, ferulae Graff 4, 274. 2@c@bβ)
aber auch in alter zeit schon künstlich hergestellt, vgl. u. 1,
c geisil
als anguilla
zur züchtigung der knaben in der schule, ahd. geisela Dief. 35
b,
im 14.
jahrh. angwilla, scorpio (
s. u.γ), grimme geisel,
neben einfacher geisel
flagrum, flagellum unter gerichtlichen strafwerkzeugen Wack.
voc. opt. 33
a,
vgl. im Orend. 2495 ein geisel mit drîn slangen (
anguilla: anguis)
und u. 1,
c den wechsel der hss. Parz. 314,
wonach der geisel
der Cundrie theils mit einem theils mit mehrern (
seidnen) swenkeln
gedacht war. meistens wird das letztere gemeint sein, z. b.: sluoc iuch mîn vater mit gerten, sô wil ich iuch mit geiseln slahen. Berth. I, 152, 15,
nach 1 kön. 12, 11 (Luther
mit peitzschen,
mit scorpion,
vgl. u. γ); dâ sluoc si unser herre (
Christus) mit einer geisel ûʒ dem tempel. II, 253,
nach Joh. 2, 15 (
s. u. γ Luther);
vgl. Nib. 463, 3
die geisel
des zwergenkönigs mit siben knöpfen swære.
es waren für gewöhnlich riemen, daher in der hand von riesen, die trugen als waffe geislen alsô lange. daʒ die riemin solden sîn, daʒ wârin ketenen îserîn, grôʒe knopfe hiengen dar
an. Ruth. 689
ff. daher '
scutica' (
vgl.γ),
schon ahd., als zuchtmittel, so dasz die slav. neuerung mit anwendung des leders sich auf die bed. u. a einschränkt (
vgl.knute,
das doch von deutschem ursprung scheint).
ahd. auch schon blîgaiselun,
mit bleiknöpfen Graff 4, 274. 2@c@gγ)
nhd.: scorpio, geysel Dief. 520
b (
nrh.), grimme geischel
n. gl. 332
a (
vgl. u. β);
scutica, geisil, knopfig gaisel, knotecht geiszel Dief. 522
b (
vgl. furca, it. flagella geysele 253
a); gaiszel von preiten locherten riemen gemacht, womit man die ubeltetter straft,
scorpiones. voc. 1482 k 1
a,
vgl. Berth.
u. β;
scorpio, spitzige, dornächtige geiselen (
sg.). Maaler 164
c; und er machte eine geiszel aus stricken (
φραγέλλιον ἐκ σχοινίων) und treib sie alle zum tempel hin aus. Luther
Joh. 2, 15; die geiszel macht striemen, aber ein böse maul zerschmettert beine und alles.
Sir. 28, 21; wurden .. mit geiszeln und riemen gesteupt. 2
Macc. 7, 1; aber er gab ihm mit der geysel so ein feuchts umb die bein, das die knöpf darinnen stunden.
Garg. 198
a (
Sch. 367); so wil ich si thuon reformieren, mit geislen dapfer in si schmieren.
V. Bolz
Pauli bekehrung B 6.
noch im 18.
jahrh. geiszel,
peitsche mit spitzigen häkchen, fléau fouet, écourgée, dis cipline Rädlein 341
b,
auch scharfe geisel,
wie schon mhd. pass. K. 21, 39: Philotas, als das blut aus allen wunden flosz, gab, wie beherzt er war, sich scharfen geiszeln blosz. A. Gryphius 1, 33; ich will euch (
den unterthanen) die zakichte sporen ins fleisch hauen und die scharfe geiszel versuchen. Schiller II, 77, 14,
vgl. 63, 2. 33)
auch in bildlicher anwendung. 3@aa)
von satire, spott, verläumdung. ein gedicht des 15.
jahrh. nennt sich die geistlich geisel,
s. Schmellers
verz. d. deutschen hss. in München nr. 411. 784.
noch jetzt ist als redensart geläufig, dasz die satire, der satiriker über etwas die geisel schwingt
u. ä. (
vgl. Schiller
u. 1,
c),
d. h. wie man die satire vordem bildlich darstellte, z. b. die Wernerin auf dem titelkupfer zu Königs ausg. des Caniz als kleinen faun mit dreischwänziger knopfgeisel (
in der erkl. des kupfers s. vi der hönisch-lächelnde genius der satyre, mit einer stachel-peitsche in der hand); die geiszel der kritik Adelung.
auch kühner der satiriker selbst als geisel,
z. b.: allein das maasz seiner (
Philippis) gelehrten ausschweifungen war voll, und ich muste, wieder alles vermuthen, seine geissel seyn. Liscow
vorr. 22 (17). geisel des spottes, der verläumdung;
jenes z. b. vom übermut der jugend, wo noch die fröhlichkeit nicht rathschlagt, sich zu freuen, nicht sorgen um erlaubnis frägt, doch mit des spottes geiszel in den busen der freunde widerhaken schlägt. Gökingk 3, 46.
von schmähsüchtiger verläumbdung: ich zweifele nicht daran, dasz du (
gott) diese geissel über mich verhängt hast zu meinem besten. Schupp. 682 (641).
dem entsprechend die zunge als geisel (
vgl. klappermühle 3): er wird dich verbergen fur der geissel der zungen.
Hiob 5, 21.
aber auch als zuchtmittel, bildl.: er lernte sie (
die religion) nie als eine wohlthat, nur als eine geiszel seiner leidenschaften kennen. Schiller IV, 263, 14. 3@bb)
landplagen, unglück u. ä. als geisel
oder zuchtrute, die gott über die menschen schwingt oder verhängt (
vgl. Schuppius
vorhin): weil sy den himmel nit erzürnen, seind sy aller geysel gottes frey. S.
Frank weltb. 194
b;
von Attila: der nennet sich ein geysel gottes und ein schrecken der völker.
ders., chron. 1536 1, 194
a (ein ruoth gottes, wie er sich selbs nennet
Germ. chr. 49
a); mancher auszen unbescholtene mann ist vielleicht in nichts von einer geiszel gottes verschieden, als im mangel des ruhms und des geiszel-griffs. J. Paul 34, 1 (
im j. 1808,
mit hinblick auf Napoleon).
und auch ohne ausdrückliche nennung gottes so gemeint (
vgl. sp. 1710
m.): ein neüwe plag, ruot und geysel, die schweiszsucht genant oder englisch schweisz. Frank
chr. 2, 279
a.
es ist biblisch: als dann wird der herr Zebaoth eine geissel uber in erwecken, wie in der schlacht Midian.
Jes. 10, 26.
vgl. geiseln 2,
a, geiselkrieg, kriegsgeisel
und dazu: ohnehin schwang der krieg seine geiszel über das arme städtchen. Kotzebue
dr. sp. 2, 312. 3@cc)
diesz geisel
geht dann auch in den begriff geiselung, züchtigung über (
vgl. ähnlich geifer 3
von geifern oder zorn),
wie das schon vorhin anklingt, z. b. bei Frank in der
ersten stelle, deutlicher zur geiszel,
züchtigung: betäubt, als säh er (
der fürst) schon, zur geiszel seiner schulden, sich den sequester nahn .. Gotter 1, 202.
auch umgekehrt frz. discipline,
it. disciplina (Rädlein
u. 2,
c, γ),
die züchtigung für die geisel selber. vgl. ahd. keisila
verbera Diut. 2, 350.