unform,
f. m. ,
gegenstück zu form.
seit ausgang des 15.
jhs. belegt. mhd. zwar kein dem nachclassischen vorme, vorm
entsprechendes unvorme, unvorm,
doch unformelîch Tauler
pred. 169, 16
Vetter. mnl. onvormelijc, onvormelijcheit,
kein onvorme.
nl. nur onvormelijk, -heid, onvormig (
veraltet);
nl. wb. 10, 2178.
auch mnd. fehlt unforme,
wie denn nd. ma. ebenso wie die nl. und die nord. sprachen an der entwicklung des begriffs kaum einen antheil genommen zu haben scheinen. in oberd. ma. weit verbreitet und bis ins mitteldeutsche reichend. Staub-Tobler 1, 1015; Schmid
schwäb. wb. 211; Fischer 2, 1664; Schmeller 1, 756; Westenrieder 601; Zaupser 79; Unger-Khull 609
b; Lexer
Kärnten 100; Loritza 156; Hügel 176; Castelli 260, Schöpf 163; Frommann
zeitschr. 5, 337; Reinwald 2, 131; v. Klein 2, 206.
in gewissen fällen tritt nach Heynatz
antibarb. 2, 519
bei den Niederdeutschen unförmlichkeit
an die stelle des oberdeutschen unform.
vgl.unart, unbild, unfuhr, ungestalt, formlosigkeit, miszform (
nl. misvorm,
auch adj. Sicherer-Akveld 2, 1294
c).
vom standpunct der schriftsprache wird die auf sittliches urtheil bezogene bedeutung II 2 a
verworfen. die unform ist nicht gut, besser unart Braun (1793) 270
b. die unform heiszt gewöhnlicher die unförmlichkeit Heynatz
antib. 2, 519.
ebenso Adelung, Campe.
das m. dient zur bezeichnung einer person oder eines männlich gedachten thieres, gegenstandes (
des eckenwurms, des unformstrauches u. s. w.);
aber auch in abstracter bedeutung steht wie bei form, art, unart
ein m. neben dem f.-unfurm
wie furm
th. 4, 1, 1, 769; Fischer
[] 2, 1664;
auch bei Göthe. unformb Guarinonius.
der plur. lautet schriftsprachlich unformen; unform Scheit
Grobianus 6
neudr.; vereinzelt 100 unforme Birken
verm. Donaustrand vorr. 6.
der schriftsprachliche plur. unformen
dringt auch in stilisierte mundartliche rede; Holtei
erz. schr. 36, 31.
oberdeutsch lautet sonst der plur. unförm (Staub-Tobler 1, 1015; Hafner
lustspiele 2, 153), unfürm, unfirm (Schmeller 1, 756; Westenrieder 601); unfürme Steub
drei sommer 1, 110.
die entwicklung des begriffs knüpft durchweg an die im mhd. schwach ausgebildete normative bedeutung von vorme (
vgl. lat. forma)
an. das verhältnis zu form
ist verschieden; meist ist unform
gegensatz zu form. unfurm
gleichbedeutend mit furm Schmeller 1, 756;
s. I 2 a; form
schwiele, wie unform
verunstaltung; s. II 5. form und unform, formen und unformen (in tausenderlei form und unform Holtei
erz. schr. 1, 44)
erscheinen in den oben sp. 26, 3
bezeichneten verbindungen, ohne dasz ein wirklicher gegensatz vorliegt. II.
abstract. I@11)
deformitas, ungestalt Frisius 379
a; Wiederhold 386
a; Dentzler 324
a;
mangel an natürlicher, sinnlicher, äuszerer form; abweichung von herkömmlicher, richtiger form oder beschaffenheit. inaequalitas, ataxia Stieler 479;
disproporzione v. ungleichheit Rädlein 976
a: Amanthes bawen yre heüser ausz saltz, des sy ein solche unform (
vielleicht sinnlich, concret gemeint) haben, dʒ es sich wie steyn auff eynander legt Franck
weltb. 5
a; mein Minothaure, thu verziehen! ... deines unforms trag ich kein scheuch J. Ayrer 1273, 21
Keller; man dich wegen dess unformbs (
der geflickten kleider) ... für einen bettler ... halten würde Guarinonius 523; dasz jhr euch nicht lassen entsetzen die unform oder grobi der wassern Paracelsus 2, 141 a; kunst ist, loben arme sachen, und den unform nennen zier Birken
lorbeerhayn 427; den unform jhres mundes
fortsetz. d. Pegnitzschäferey 44; bleibt nur zu dem gebrauch das kleid bequem und rein, den unform darf man nicht bey solcher tracht besorgen Heräus 245; die form, ja selbst die unform der gegenstände Kant 7, 32; 5, 192, 8 (
akad. ausg.); ungeheu'r in wilder unform Fr. Schlegel 9, 25; von der unform zwergischer füsze J. Grimm
myth. 1, 372
4. 'unform,
m., miszgestalt von menschen, kleidungsstücken oder andern mechanischen machwerken, wegen mangel der verhältnisse (
vgl. 2 b),
bräuchlich' Reinwald 2, 131.
ungeeignete form Staub-Tobler 1016.
ungleichartigkeit, ungleichmäszigkeit, ungleichheit Unger - Khull 609
b.
schriftsprachlich nicht häufig und durch unförmigkeit, unförmlichkeit
vielfach verdrängt. ein adj. unform
deformis Dentzler 324
a.
vgl. 2 a. I@22)
übertragen aufs geistlich-sittliche. I@2@aa)
verstosz gegen die sittliche norm, ungebühr, unrecht, schmach, verworfenheit (Staub-Tobler 1, 1016),
turpitudo (Maaler, Stieler);
abgeschwächt formverletzung (Staub-Tobler
a. a. o.),
übelstand, ungehörigkeit, unmanierlichkeit, unart. im 18.
jh. veraltet und meist in die mundarten zurückgedrängt: sonst beschAech dem sacrament ain unform B. v. Chiemsee 419; so yemand einen andern mit einer unform lernen will Agricola
sprichw. m vii
b; wolan es ist zum theil gemelt unform und grobheit diser welt Scheit
Grob. 4875; euwer zorn, neyd und hasz sich mehr von unform dann von gerechtigkeit begibt Montanus 117; erdichten teglich unformen Kessler
sabbata 40; es ist ein unform, das einer ... sich der music annimpt Xylander
Polyb. 320; ey ist das nicht ein unfurm, das wir verlirn diesen sturm J. Ayrer 3, 1944, 15
Keller; unheil, üble vorbedeutung Paracelsus 2, 424 B; die Teutsch mannbar gravitet für ein unformb halten Guarinonius 1186; den unform sothaner flickwörter Birken
[] fortsetz. der Pegnitzschäferey x iii
b; das wäre ein unform
questa sarebbe uno sproposito Kramer (1700) 1, 400
a; die unformen .. abzustellen Spangenberg
leben Zinzendorfs 1770;
noch wir haben diesen unform so ziemlich bei uns abgeschafft Fr. L. Schröder 4, 312 (
Hamlet 4, 1); du lernst von mir alle unförm Hafner
lustsp. 2, 153; da hat sie den unform gehabt, immer zu sich in das mieder einen taschenfeidl zu stecken 1, 188; das weiberl ... hat allerhand unformen Holtei
erz. schr. 36, 31; übrigens hat er den unform, jeden ... um den kurs zu fragen Pichler
allerlei gesch. a. Tirol 1, 116; das ist eine unform, raufen und nicht wissen, wegen was Rosegger III 4, 117.
unart Zaupser 79, Loritza 136. er hat allerhand unfirm Westenrieder 601 ('
gewohnheit in abgeschmackten, widrigen, ekelhaften dingen').
schlechte gewohnheit Hügel 176 (du muaszt dir deini unfürm a'gwöhna). malefiz-ũfürm Frommann
zeitschr. 5, 337
Tirol. unschicklichkeit, unanständigkeit Staub-Tobler 1, 1016.
dafür, meist wohl in ironischer antiphrase, einfaches furm: des is aber e furm! e wüeste' furm
u. dgl. Schmeller 1, 756. was treiben die kinder für einen unfurm,
wie ungebührlich betragen sie sich Schmid 211. unform
als adj. und adv. im österreichischen Campe.
vgl. 1
und net gfurmt Schmeller
a. a. o. ungeförmt Staub-Tobler 1, 1017; ungfurmt
unziemlich Schmid 211. I@2@bb)
seit dem 18.
jh. in allgemeiner vergeistigung vom mangel oder gegentheil künstlerischer, naturwissenschaftlicher, technischer, juristischer, politischer, philosophischer, gesellschaftlicher (
umgangs-)
u. s. w. form, nichtform (Boucke
wort und bedeutung in Göthes sprache 211),
formlosigkeit. der neuere wissenschaftliche formbegriff wirkt auf unform
schwächer als auf unförmlich (
s. d.): des liedes unform Gottsched
das neueste 6, 775; bey aufgeklärter stirn und lächelndem gesicht beleidigt unsern blick der bildung unform nicht Wieland I 1, 293; alle regierungsform, die nicht repräsentativ ist, ist eigentlich eine unform Kant 5, 425; politische unformen Fr. Schlegel
jugendschr. 2, 65
Minor; die reine form von der unform trennen Herder 17, 367; sowohl schöne gestalt als unform kann dies auszeichnende seyn 23, 175; willkür der bildung (
bei nagethieren) bis zur unform Göthe II 8, 248, 9
Weim.; schwanken von form zu unform, von unform zu form
ebd. 15;
vgl. I 27, 260
Weim.; künftige unform II 6, 122, 28
Weim.; der ruinen I 32, 91, 25
Weim.; des geschmacks 47, 301, 24
Weim.; romanschreiber lieben sich die reine unform Schlegel
Europa 2, 11; ein gebäude von der sonderbarsten u. Immermann
reisejournal 10, 12; die gröszere u. der letzteren parthieen Hegel 19, 1, 102; wird man, wenn man einst deutsche kriegsschiffe baut, diese eigensinnig anders bauen als die Engländer, blosz um irgend eine schwächliche unform dann mit stolz deutsch zu nennen? Varnhagen
tageb. 3, 48; in der älteren schriftstellerwelt ist viel mattheit, in der jungen viel unform Pückler
briefw. 6, 11; die unform meiner mittheilungen H. v. Bülow
briefe 5, 25. form oder u. Herder 22, 87; Novalis 2, 164; Schleiermacher
Athen. 3, 135.
im wortspiel der uniform unformen Rückert 8, 23. IIII.
concret. II@11) unform von einem menschen,
monstrum informe Aler 2, 2079
b.
nach I 1. dann es het nit gestalt einsz frawenbildes, sunder es was niemand, der von soliche(!) unform ye gehOert het Marquart vom Stein
spiegel d. tugent und ersamkeit (1498)
l 4
a; den schmid (
nennet er) kolenfresser, unfurm, und den holtzdrechssel ein holtzwurm Sachs 17, 238, 22
Götze; meinst, ich will solchen unfurm kauffen 20, 115, 22
Götze; ist ein solcher erschrocklicher unform geboren, nemlich ein kind, so auff dem kopf ein horn gehabt Nas
eins und hundert 5, 83
b; missgestalt und u.
theatrum amoris 1, 32; sie ist aller welt unform
ella è la più sparuta Kramer (1700) 1, 400
a.
nach I 2 a: als der ein weydlicher mann, und kein solcher unform und wüstling seyn wolle Heppe
lehrprinz 247; umgeben vom Pylades
[] dem unfurm Göthe IV 4, 200, 4
Weim. vgl. unart.
heute veraltet und mundartlich. noch jetzt allenfalls möglich nach I 2 b: der seelenlosen rohen unform (
von dem in den hohlspiegel schauenden) Göthe 49, 233, 7
Weim.; vgl. den tod unter der unform eines klappernden gerippes ... vergegenwärtigen 27, 260
Weim.; ich .. beschränke mich .. auf die Leda über dem kamin nebst den drei kleinen unformen, wie du sie nennst Pückler
briefw. 6, 251. II@22)
von ungeheuern und thieren; und zwar in älterer zeit nach bedeutung I 1,
in jüngerer nach I 2 b:
von der rauhen Els denn du bist ein solcher unfurm, du bist kein mensch und bist kein wurm Ayrer 2, 1054, 30
Keller; eine solche unform
von würmern in thierform J. Böhme 5, 34. Göthe
nennt den elephanten eine der gröszten unformen der organischen natur IV 13, 518
Weim. vgl. franz. informes
plumpthiere, obesa; da kamen die wunderlichsten gestalten zum vorschein, an fischen, krebsen und seltsamen unformen 30, 236, 21
Weim.; so pflegte diese unform von einem kater vor der hausthür zu sitzen Storm (1899) 7, 160.
terminologisch der unform
der eckenwurm, das eckthierchen, gonium; Nemnich
wb. der naturg. 609;
s. th. 3, 24. die unform
eintagsfliege Lucas 2, 2, 2060
b (
bed. I 2 b). II@33)
in der botanik heiszt der falsche indigo, amorpha fruticosa, unform. Nemnich 609; Schkuhr
handb. 2, 332; Holl
pflanzennamen 13
b (
bed. I 2 b). II@44)
mineralogisch: jenes märchen dichtet von dem gemischten metallkönige, aus welchem die irrlichter die haltenden goldadern lecken, so dasz er zwischen form und unform zusammensinkt Immermann 19, 12. II@55)
verunstalteter, ungestalter gegenstand. von einer umwickelten pfeife: wenn der unform aus dem dürren gesicht heraushing J. G. A. Wirth
denkwürdigkeiten 79.
selten. vgl. 1.
verunstaltung, verunstaltendes: corporis pravitates unform desz leybs Frisius 1052
b; damit nun dise ... platte ... kein schrecklen oder unform habe Mathesius
Sarepta (1571) 183
a; an jrem leib keine unform noch mangel gespüret Ruoff
hebammenbuch 104; an enden und stetten, da gar kein unform (
nichts verunstaltendes, das auf krankheit wiese) ist Paracelsus
chir. 114 c.
veraltet. vgl. form
schwiele am pferdefusz th. 3, 1899, 11. II@66)
formfehler in rechtsgeschäften Schmeller 1, 756 (
vielleicht auch als abstract zu deuten).
ähnlich keine
ἀσυλλογισία und unform Dannhawer
catechismusmilch 7, 267.
vgl. unförmlich I B 3 b. II@77)
falsche, unorganische, unmögliche form in der sprache (
vgl.form
th. 3, 1899, 7): das trochäische
πᾶσας ... als windiche unform Passows
leben u. briefe 234; Gerhard
abh. 1, 40.
auch von literarischen gattungen: das sonett ist Vosz eine unform alter trouvaduren
br. an Göthe 1802.
die ballade, das melodram, das musikdrama sind afterästhetikern unformen. II@88)
gestalt- und ideenloses überhaupt, im sinne unseres class. idealismus; bloszer stoff, formloses, ein chaos, ein nichts; nicht selten ins abstracte überspielend. vgl. I 2 b: aber du weiszt auch da das wilde zu fügen in ordnung, machst aus der unform form Herder 26, 163; auch aus dem reich der unformen rief er (
Göthe) formen hervor, wie sein Faust 18, 123; denn was das feuer lebendig erfaszt, bleibt nicht mehr unform und erdenlast Göthe 2, 217, 48
Weim.; es ist aber keine kleinigkeit, aus dem gemeinen das edle, aus der unform das schöne zu entwickeln 48, 179, 7
Weim.; unformen ... des bestialischen Baccio 44, 2, 152, 28
Weim., zurückweisend auf I 1. 2 b;
im wortspiel: der schönheit göttin ist dem meere wohl entstiegen, das doch nicht ist der form, nur der unformen wiegen Rückert 3, 384; jeder umrisz löst sich auf in ein chaos von bleichem licht und wogender unform Freytag 6, 4;
[] da aus der unform sich die form gebar Hauptmann
vers. glocke 118.
sittlich gewendet: alles eitel gemachte, alle unwürde und unform ... widerstand ihm Lücke
er. an K. O. Müller 35.
zwischen concreter und abstracter auffassung schwebend: die zeit vor uns liesz diese zuthaten (
baustile) .. fahren und langte bei der unform an, bei der kiste Stifter 14, 274. II@99)
man sagt formlosigkeiten des gesellschaftlichen verkehrs,
nicht unformen.
vgl. unförmlich II. —