gelfen ,
schreien u. ä., eigentlich von gewissen gellenden tönen, mhd. gelfen,
auch gelpfen
wb. 1, 518
a, Lexer 1, 812,
selten bezeugt, wie ahd. und alts. zeugnisse eigentlich ganz fehlen, gewiss nur durch zufall, denn es ist sicher ein wort von hohem alter, mundartlich noch heute erhalten, in nhd. schriftsprache hauptsächlich als willkommner reim auf helfen. 11) 1@aa) gelfen (
s. u. 2,
a gilfen), 1@a@aα)
von menschen: si gelfent sînen sanc tag unde naht in dirre gaʒʒen. Ulr. v. Wintersteten
MSH. 1, 151
b,
d. h. die dorfjugend die lieder des dichters, worüber sich eine alte bitter beschwert, gelfen
als ausdruck des ärgers für übermütiges singen; wâfen gelfen,
wehe rufen (wâfen!)
Berl. heldenb. 5, 163
var. (
das gelfen
im text meint übermütig gebaren).
nhd. hauptsächlich von angstgeschrei, besonders von hülferufen (
auch einen angelfen). klagen, weinen, gelfen, das muosz der sünder han, es mag in gar nicht helfen ..
lied von der vermanung u. s. w. str. 10 (
Berl. hs. fol. 9494); sein unschuld mocht in (
Joseph) nit gehelfen, mit ernst thet er zum herren gelfen, der erhort in in kerkers banden. Wickram
irr reitend bilg. 24
a; alsdenn erhöret gott sein gelfen und thut im gnediglich aushelfen. H. Sachs 5, 46
d; weil süsz nit, so musz saur (
d. h. not) helfen, auf das sie zu mir (
gott) müssen gelfen. III, 1, 241
c (11, 380
K.); der bitter todt der nahet mir (
klagt ein reicher), von dem kan mir kein mensch gehelfen. zu dir thu ich schreien und gelfen, das du mir helfst, du edle Tugent. II, 1, 38
c (6, 168
K.); doch musz ich vor umb hilf
angelfen (: helfen) Fides, mein schwester. 38
d (169); daraus ich dir gar nit kan helfen, thu dein weib und kinder angelfen. 35
d (158); kein wort sie furbas nit mehr redt, denn nur schreien und gelfen.
Ambr. liederb. 225, 81 (312); deim steten gelfen
auch abzuhelfen. Pape
Christianus H 4
b (
vgl. u. gielen); umbsonst ist all dein schreien, gelfen, die schuh fürs zipperlein nichts helfen. Eyring 1, 722; Piramus verspricht ihr (
der Thisbe) zu helfen, sagt, sie solte nicht so gelfen. A. Gryphius 1, 733.
auch innerlich, im herzen: aber, ach gott! es will nicht helfen, unser herz thut lechzen und gelfen. Ayrer 391
b (1964, 36); ach, höre doch, mein gott, mein innerliches gelfen! du kanst, sonst niemand kan, in diesen nöthen helfen. Moscherosch
christl. verm. 8.
selten ohne diesen reim und in prosa: ums gelfen elender leut. Melissus
ps. E 1
a; bis so lang wir jemand mit klagen und gelfen dahin bewegen, das .. Hutten 5, 287
M.; da ist ach und weh, gelfen und schreien und keine errettung. J. Böhme
Aurora (1835) 142; da werden sie in groszen schrecken und zittern stehen, in gelfen und schreien zum richter Christo.
ders. 40
fragen von d. seelen urstand 30, 30
s. 126. 1@a@bβ)
von hunden ebenso, z. b. vom schicksal eines alten hundes, der nun allen im wege ist: von mennigklich ausgegeiselt, von den buoben getretten, aus der kuchen mit brügeln und beinen geworfen und mit heiszem wasser beschüttet, dasz von seinem schreien und gelfen der herr, vorgenommener gescheft verirrt, spricht in zorn: ey ist der alt schelm noch da? bring in einer dem schinder. Kirchhof
wendunmut 1, 69
Öst. vergl. gelfer, gegelf,
mhd. unter c. 1@a@gγ)
noch in Franken gelfen (
auch gilfen),
schreien, heulen, zanken, einen angelfen,
anfahren, anschnauzen Schmeller 2, 38, Reinwald
henneb. id. 1, 42,
sonst scheint es ausgestorben (
vergl. gelferin,
gelfern).
aber auch englisch noch von hunden to yelp,
bellen, kläffen (yelper
kläffer),
nordengl. yilp
to chirp Halliwell 947
a,
wie nl. ghilpen
pipilare Kil.
vom ags. s. u. c. 1@bb)
von den ablautenden formen gilfe galf gulfen
erscheint die erste noch nhd., durch den reim auf hilfe
geborgen, während die anderen schon mhd. nur zu erschlieszen, nicht zu belegen sind (
s. c): ich schrei und gilf, bis man der warheit kommt zu hilf. Hutten 5, 86
M.; umb hilf ich gilf zuo dir, Christe. H. Sachs
bei Wackern. kirchenl. s. 174; o got, ich gilf zuo dir umb hilf. A. Blaurer
das. 579; der herr mein gott, zu dem ich gilf (: hilf). Haberer
Abrah. 1592 G ij
b; vertrawend gottes starker hilf zu ihm ich gilf. Weckherlin 8 (
ps. 3, 4); und hilf mir, der ich zu dir gilf. 56 (
ps. 17, 8). 1@cc)
praet. galf (Lexer
nachtr. 187),
mnl. galp: dirre hunt galph, jener pal.
Apollon. v. T. 8774; want (
denn) si galp so lude van smert, eer ic se halp, dattie dorpers dat vernamen ende op ons gelopen quamen.
Reinaert 6325.
auch ags. gealp
zu gielpan, gilpan, gylpan,
sich laut rühmen, jubeln u. ä. Griein 1, 509,
altengl. ʒelpen,
praet. ʒalp,
part. iʒolpe Stratm. 259.
das ursprüngliche ablautsleben des zeitworts bezeugen aber auch substantiva verbalia, mhd. nhd. galf
m. (
s. d.)
und gilf
m. geschrei, auch golfe
m. neben galfe (
s. d.)
schreier, alles selten. häufig aber mhd. gelf
m. geschrei, auch aus freude, prahlerei, übermut, ahd. gelf, gelph
clamor, jactantia, gloria, alts. gelp
von trotziger rede, ags. gelp, gielp, gilp, gylp,
altengl. ʒelp.
auch altn. gjalp
m. prahlerei Fritzner 833
a. 22)
nebenformen gilfen, gülfen. 2@aa)
gilfen, im 16. 17.
jh. (
vgl. nl. ghilpen,
engl. yilp
oben): wenns aber felt (
fehl geht), so komt zu hülf, beiszt ihm den kopf, das er nicht gilf.
Froschmeus. I, 2, 23 (1, 169
Göd.),
Reinicke in einer weisung an Murner zur jagd auf ein huhn; warumb ist dan umbsunst mein gilfen, flehen, betten? Weckherlin 87 (
ps. 22, 6); da Democrit und Heraclit spotten und gilffen thörlich mit. J.
V. Andreae
ehrensp. 62.
daneben gelfen auch schwachformig: also gelft fur durst zerlechzet mein sel zuo dir, herre. Melissus
ps. S 3
b; nach keim andern schrei noch gelf. Waldis
päbstl. reich 1, 3.
noch jetzt fränk. gilfen
neben gelfen Schm. 2, 38, Vilmar
hess. id. 126 (
aus Schmalkalden),
schwäb. gilfen
winseln, ächzen, vor schmerzen seufzen (
auch gilfzen, gilfzgen) Schmid 230,
hell und grell reden Reinw. 1, 12. gilfen
mag von dem subst. gilf
m. herrühren, wie diesz gelfen
von galf
m. (
s. u. 1,
c). 2@bb)
gülfen, im 15. 16.
jh.: so ein hunt gülfet von schlegen, so zürnent die anderen und vallen auf in und beiszen in. Megenberg
bei Schmeller
2 1, 901; dasz die sünd überhand näme und sie (
die juden) dester hitziger nach dem versprochnen moschiach (
messias) gülften und eiferten. S.
Frank weltb. 180
a (183
a).
auch folgendes gylfen
könnte dem reim nach für gülfen
zeugen, im streitliede von wasser und wein in einer niederschrift mit nd. färbung: und alles, das nur wert gebaut (
auf dem felde), begert nur miner (
des wassers) hulfe, du dost solver zu mir gylfen.
anz. d. germ. mus. 15, 287.
auch dahinter wird ein subst. gulf
stehen, wie hinter gilfen, gelfen
ein gilf, galf.
vergl. dän. gylpe, gulpe
krächzen, schwed. gylpa (
beim erbrechen) Rietz 223
b. 2@cc)
die manigfaltigkeit der ausgestaltung erstreckt sich aber auch auf den auslaut, s. galb,
galben von gebell u. ä., daneben galpen
und galfen,
sodasz alle drei lautstufen vertreten sind, auch altn. in gjalp, gjalfr
und gjalbr (
s. 3,
b)
und nd. galpern
und galfern,
heulen und plerren Brem. wb. 2, 477 (
vgl.gelfern),
dazu alts. galbôn
und galpôn
Hel. 1563
var. gleich dem anzunehmenden gelpan (
s.gelp
u. 1,
c),
trotzig reden, sich brüsten. ebenso steht neben gilfen
vorhin hess. gilpen
winseln und vom geschrei der jungen vögel (
vgl. nl. ghilpen,
engl. yilp
u. 1,
a a. e.) Vilmar 127.
hier erhält denn auch das gelban
bei Otfried
seine stelle, ni wâne theih thir gelbo (: selbo) I, 23, 64. IV, 29, 27,
glaube nicht, dasz ich dir übertreibe, eigentlich wol rede wie ein rühmender schreier, der bildung nach gleich dem gelfen
u. a, dem auslaut nach zu galb
m. 33)
nun läszt sich die sippe ungefähr übersehen. 3@aa)
der form nach von haus aus ein starkes zeitwort, hd. gefaszt gelfan galf gulfun gigolfan,
nd. gelpan galp gulpun gigolpan (
s. altengl. iʒolpe
oben).
dazu als subst., den hauptformen des zeitworts entsprechend, gilf, galf
und gulf,
davon wieder als zeitwort gilfian, gelfian
und gulfian,
nhd. gilfen, gelfen
und gülfen.
daneben aber zugleich eine andere bildung, mit -lb
und -lp,
sodasz im westlichen md. neben einander stehn galben, galpen
und galfen (gilfen
und gilpen),
altnd. galbôn
und galpôn,
altmd. aber, in fränk. mundart, gelbian, gelban.
ein solches reiches formleben haben nur sehr alte worte. 3@bb)
der bedeutung nach wird das wort ausgegangen sein von grell lauten tönen menschlicher stimme, daher schreien, vor angst oder jubel, übermut und trotz (
mit i
als dem hohen vocal auch winseln u. ä.),
in alter zeit besonders von trotzigem prahlen dem feinde gegenüber, nhd. nur noch von angst, doch auch auf hunde angewandt geblieben. eine andre anwendung in alter zeit verrät siebenb. gêlpen
wellen, gêlpeden
hohe wellen Fromm. 4, 194. 410,
mnd. nrh. ghelve des waters die an dat lant sleyt,
venilia, salaria Teuth. 102
b. 103
a, ghelven
abundare, stagnare das., d. h. von brandenden oder aufgeregten wogen, nach ihrem brüllen benannt, vergl. mnd. vom geluet der gelven Sch.
u. L. 2, 50
a,
wieder auch mit dem ablaut vorhin nl. golve
unda, fluctus Kilian (
und wol auch golpe
gurges, vorago das.),
altn. gjalfr
das brausende meer, brandung, auch meer überhaupt und brausen überhaupt, daneben gjelp
brandung und gjalbr.
aber auch eine mild sinnige anwendung in der vorzeit verrät sich noch in dem adj. gelf (
s. oben)
von lebhafter farbe, hellem glanze, d. h. farbe und glanz als lebhaft zum menschen sprechend gedacht (
wie wir noch von schreienden farben
reden),
während das noch mundartliche gelf
adj. von übermut sich noch an das alte gelfan
schreien u. ä. anschlieszt (1,
c);
vergl. auch mhd. der bluomen gelfen,
helles glänzen Lexer 1, 812. 3@cc)
der verwandtschaft nach tritt im hintergrunde zunächst gellen
auf, die erste ausgestaltung des stammes gil gal,
wovon gelfen
als eine weiterbildung erscheint, wie belfern (
vergl.gelfern)
zu bellen;
heiszt doch z. b. altn. das meer neben gjalfr
auch gjallr,
das gellende. auch gelb (
eigentlich gelw)
als leuchtende farbe wird im hintergrunde zur sippe gehören, wenigstens musz man es wol in unsrer vorzeit so empfunden und gemeint haben, selbst wenn im weiteren hintergrunde der urverwandtschaft die urverhältnisse andere gewesen sein sollten; vergl. unter gelb 1,
e und wegen gelfen Kuhns
zeitschr. 1, 140
fg., der da ein skr. galbh
keck sein zuzieht, daneben aber als ursprünglicher jalp
reden, loben, die doch beide dem inhalt nach unser wort nicht ausreichend erklären können, wenn man nicht die einheit in einer verschwimmenden begrifflichen spitze sucht statt in der festen fülle der lebendigen erscheinung. s. weiter gellen (1,
c).