wippen,
vb. ,
mundartlich auch wüppen, wuppen;
obd. wipfen,
dialektisch nur spärlich bezeugt, aber älterer sprache geläufig, ist z. t. durch das schriftsprachlich gewordene wippen
ersetzt, vgl. Fischer schwäb. 6, 1, 869.
herkunft. zur wurzel idg. eib-,
die (
wie auch eip-) '
schwingen, drehen, schwanken, hin und herbewegen'
bezeichnet, vgl. lat. vibrare,
gr. γιμβάναι,
lit. vỹbur-iu, -ti '
wedeln'
; im germ. reich entwickelt, vgl. got. weipan '
bekränzen', waips, wipja '
kranz',
anord. veipr '
kopfbinde',
ahd. weif '
binde',
mhd. weifen '
schwingen, haspeln'
; ahd. wipfil, wiffil (
s. o. wipfel), wephâri (
s. u. 1 a), wipf (
s. dort),
mit nasal wimpal (
s. wimpel);
ags. wīpian,
engl. wipe,
mhd. wîfen '
schwingen, winden',
nd. wepelen '
schwanken, schaukeln',
norw. vīpa;
unmittelbar vergleichen sich formal mengl. whippen (
mit unorgan. h),
engl. whip Skeat 706
b,
nl. wippen,
schwed. vippa,
norw.-dän. vippe.
vgl. Falk-Torp 1385
und Walde-Pokorny 1, 241;
mhd. steht neben wipfen
auch wepfen (<
ahd. *wepphôn?);
intensivbildung ist wepfazn Lexer
kärnt. 258,
vgl. wifizen Schmeller-Fr. 2, 965;
verdumpft zu wuppen,
vgl. brem.-niedersächs. wb. 5, 269, Crecelius
oberhess. 918, Hertel
Thür. 258, Schütze
holstein. 4, 365, wöppe Fischer
Samland 98;
ableitungen wippeln
s. oben, wippche Autenrieth
pfälz. id. 152.
bedeutung und gebrauch. 11)
grundbedeutung von wippen
ist nach dem zeugnis von mhd. wipfen, wepfen,
mnd. wippen
und mengl. whippen '
to jump up and down'
zunächst '
springen, hüpfen',
vgl. ahd. ube wephare (
histrio) dar gat an seile Notker
ps. 39, 6;
in nhd. zeit nur noch in resten belegt: des unvuoge ist alse groz, wan er wipfet her und dar in der schar
minnesinger 2, 113
b v. d. Hagen; snelts (
die seelenwage) aber gen mir her, so gat es nach mins (
des teufels) herzen ger, und tuon denn gen ir wipffen, und mit baiden clawen erkripffen
d. teufels netz 7233
Bar.; endelich daz herze min wepfet in dem libe
minnesinger 2, 132
a v. d. Hagen; up sollen (
sohlen) drge ofte up trippen kunde man durch die Dovert wippen Kerkhoerd
reimchron. üb, d. jahre 1491-1499, 75
in: archiv f. d. gesch. d. dtsch. Niederrheinl. 1.
band; tys beter by der ulen to sittende wen by dem valcen to wippende
bei Schiller-Lübben 5, 737,
entsprechend noch münsterländisch: t is biäter vör de wichter, mit n ulen to sitten as mit n jäkster to wippen
bei Frommann d. dtschen maa. 6, 427; man mogte sie (
die würfel) gleich wippen oder sanfft schleichen lassen, da halff kein knupffens Grimmelshausen
Simpl. 151
Kögel; nach dem niederl.: besehe doch, wie der lecker wüpfft und über andre kinder hüpfft
J. Cats s. w. (1711) 2, 3;
mundartlich vereinzelt bewahrt: da wipfst hin und he, und in wipfen, nau ja, hast au kugla gmacht Stelzhamer
ausgew. dicht. 1, 72
Rosegger; vgl. noch wipfen '
springen' Bacher
Lusern. 230, wépfún '
eine schnelle bewegung machen Lexer
kärnt. 255, wippen '
hüpfen' Schambach
Gött. 300
a, wippen '
springen, hüpfen, tanzen' Doornkaat-Koolman 3, 558. 22)
die hauptbedeutung in nhd. sprache '
sich schwankend oder schaukelnd hin und her- oder auf und abbewegen'
ist in älterer zeit nicht bezeugt, aber für das ahd. durch wipfel,
für das mnd. mnl. durch wippe (
s. 1wippe)
zu erschlieszen, vgl. Verwijs-Verdam 9, 2, 2667, wippen
vibrare, sursum et deorsum motare Stieler
stammb. 2449;
die bewegungsarten können verschiedener natur sein. 2@aa)
von der schwankenden bewegung eines elastischen gegenstandes; entweder an einem ende befestigt, vgl. wippen
batuere, est virga aerem verberare Trochus
vocab. (1517) y 2
b: schon um 600 wird es alte sitte genannt, dies verbot durch eine wippende ruthe oder ein aufgestecktes strohbündel zu bezeichnen G. Freytag
ges. w. 17, 305; (
ich) betrachtete meinen kleinen freund, der mit seinem stöckchen wippte, als ob er ein muthiges pferd besteigen wolle Storm
ges. w. (1899) 6, 216;
oder an beiden enden befestigt schwingen, schwanken: wipte hierauf das seil 3, 4, 5 mahl, womit es nach und nach zerrisz
Bresl. samml. v. natur- u. histor. gesch. (1718) 3, 826; leitern wachsen, wippen, liegen an, biegen sich, einer stöszt den andern hinauf Kolbenheyer
Paracelsus (1926) 3, 159. 2@bb)
das hin und her- oder auf und abbewegen eines einseitig befestigten gegenstandes (
einarmiger hebel)
an einem ende, vgl. vacillirn, wancken,
hin und her wipffen oder gnappen Roth
dict. (1572) q 5
a: indem sie (
die elster) wohlgefällig mit dem schwanze wippte Immermann
w. 3, 86
Boxb.; so aber sasz ich wie in Abrahams schoosz und wippte bald rechts, bald links v. Gaudy
s. w. 2, 55; er schmunzelte schon wieder, dasz die schwarzstoppeligen backen auf und nieder wippten H. Fr. Blunck
weibsmühle (1927) 5; wie üppig wippt ihm doch die reiherfeder vom zobelhut E. König
legende v. verzaub. könig 34;
vereinzelt transitiv verwendet: das vorderhufbein läszt sich wippen v. Alten 4, 900; (
er) betrachtete einen nachtfalter, der seine nuszbraunen flügel wippte P. Dörfler
abenteuer d. Peter Farde (1929) 173. 2@cc)
besonders von der abwechselnd auf- und abwärts gehenden bewegung eines in der mitte aufliegenden gegenstandes (
doppelarmiger hebel, s. o. 1wippe),
vgl.unter den tisch etwas legen, dasz er nicht wippe
mensae clivum tollere nomencl. lat.-germ. (1634) 41: manche (
steine) hatten sich gelockert und besaszen die gabe,
unter dem fusz zu wippen H. Voigt-Diederichs
auf Marienhoff (1925) 65; die brille wippte heiter auf seiner nase Steguweit
soldat Lukas (1926) 92. 2@dd)
sich auf unfester unterlage schaukelnd bewegen: und da er küszt ihre lippen, fing das böttgen an zu wippen, weil ein groszer sturm entstund Gabr. Voigtländer
oden u. lieder (1642) 81; als die alte frau aber mitten auf dem brette war, da fing Jochen an, mit dem einen ende desselben aus allen kräften zu wippen ... und wippte so arg, dasz das brett umschlug E.
M. Arndt
mährchen (1842) 1, 351;
vom wasser selbst: da wir auf dem wippenden, wappenden wasser waren ..., da fing alles an mit mir herumb zu lauffen
schausp. engl. comöd. 95, 14
Creizenach; vereinzelt reflexiv, vgl. Adelung 5, 249; der storch selber, wenn er sich (
auf das moor) niederläszt, wippt sich erst mit den flügeln W. Alexis
hosen d. herrn v. Bredow 1, 263. 2@ee)
trans. der bedeutung von kippen
angenähert im sinne '
stürzen, umstoszen, zu fall bringen': so bind mein vater seine kuh wohl mit den köpffen an die krippen und lest sie dann herunder wippen Barth. Krüger
v. d. bäur. richtern 112
Bolte; bildlich: das verdammte flaschenfutter hat mich armen narrn gewippt Brentano
ges. schr. 7, 438;
vgl. gewipp hingeworfen, hingeschleudert Hönig
Kölner ma. 65
b; '
vertreiben': unser ganzes projekt, ihn aus den gütern zu wippen, ist zum teufel Klinger
theater (1786) 1, 247; der minister von Manteuffel arbeitet aus alles kräften, den grafen von Brandenburg zu wippen Varnhagen v. Ense
tageb. 5, 362,
vgl. wippen
jemanden aus seiner stellung, seinem amt vertreiben Mi
mecklenb. 107
b, Dähnert
pomm. 553;
etwas anders '
zu kippen versuchen, rütteln': (
ich bin nicht) einer, der da umgestürzt oder übergestürzt werden mögte, obgleich allerdings mitunter recht artig an mir gewippt worden ist E.
M. Arndt
schr. f. u. an s. l. Deutschen 3, 423; ich hab aber immer gehört ..., dasz die gewissensfreiheit das höchste ist und dasz man daran nicht kippen und wippen darf
F. Kürnberger
siegelringe 278;
mehr technisch: wippen '
mit dem hebel heben' Krüger
Emden 72; die tunn wippn
die biertonne an dem hinteren ende höher legen Danneil
altmärk. 248
a,
ebenso en vatt wippen Schütze
holst. 4, 365. 2@ff)
von lebewesen, sich auf einem wippenden gegenstande schaukeln, auf- und niederschnellen, vgl. Autenrieth
pfälz. 152, Bauer-Collitz
waldeck. 114
a, Böger
Schwalenberger ma. 167, Stürenburg 333
a: so sah der erste mensch im ersten traum sich wippen Thümmel
reise (1791) 8, 17; ich fand ... ein etwa dreijähriges bübchen auf einem weit vorstehenden balken sitzen und wippen Emil Strausz
d. schleier 49; auf naher birke wippt ein winziger ... vogel Carossa
rumän. tageb. 182;
bildlich: wie geschaukelte mädchen wippten jambus oft mir und anapäst A. W. Schlegel in:
Athenäum 3, 161. 2@gg)
sich in einer art bewegen, die ein wippen
verursacht oder den eindruck des wippens
macht 'wippend
gehen, springen, tanzen': (
dasz) die musen selbst ... künftighin ... nur studieret hätten ..., ihre schritgen so zu knippen und zu wippen, als ob sie marionetten wären Lindenborn
Diogenes (1742) 2, 20; der lustige buchfink wippte von ast zu ast Roszmäszler
d. mensch (1855) 159; eitel wippte er auf schönen schuhen J. Ponten im
Wolgaland 200; ein leiser wind bauschte sie (
die hemden) auf und die bunten farben wippten lustig durcheinander
F. Hugin
Hahn Berta 168. 33)
speziellere technische bedeutungen. 3@aa)
mit dem ladekrahn oder falltau durch das gegengewicht des ziehenden arbeiters lasten heben, besonders seemännisch gebraucht, vgl. engl. whip up,
s. Kluge seemannsspr. 839, Hoyer-Kreuter 1, 855; wippen
mit dem hebel wuchten Helfft 412,
vgl. 1wippe 6. 3@bb)
mit dem wippgalgen (
s. 1wippe 3)
bestrafen, vgl. wippen
donner l'estrapade Duez
nomencl. (1652) 240: wan sie (
die widersetzlichen bauern) der feldherr nur wippen lesset, so ist es vor eine sonderliche gnade zu rechnen Zesen
kriegsarbeit (1672) 3, 176; er (
der geizhals) hätte lieber zwanzigmal sich von dem diebe wippen lassen Pfeffel
poet. vers. (1812) 7, 190; die feld-, garten- und wiesendieben sollen ... in das wasser gewippet ... werden (17.
jh.)
bei Bauer-Collitz
waldeck. 132; '
auf den schiffen wird ein matrose gewippt,
wenn man ihn an einem seile von einer raa ins wasser fallen läszt' Campe 5, 738
a;
bildlich '
peinigen': du (
welt) warest mir auch mein Egypten, da mich viel creuzeshenker wippten bis auf die threnen und das blut
bei Fischer-Tümpel 5, 150;
vielleicht hierher gewipt '
gewandt' (
d. h. das wippen überstanden habend?) Schambach
Gött. 300
a. 3@cc) '
mit der waage auswiegen',
vgl. wippen '
die gewichtsschalen ziehen, den ausschlag geben' Hertel
Thür. 258;
besonders im 17.
jh. technisch in der formel kippen und wippen (
vgl. 1wippe 5)
üblich im sinne '
die schwereren münzen betrügerisch auswägen',
aber bereits älterer sprache bekannt, zur sachgeschichte vgl. M. Tielemann Friese
müntzspiegel (1592)
und L. Behrens kippen und wippen
Berliner münzblätter neue folge 31.
jahrg., 97: das di Norenberger unde andere koufleute das beste gelt uszweighen unde wippen (
v. j. 1442)
urkundenb. d. st. Freiberg 2, 85
Ermisch; die hell ist weit genug vor euch wipper, da werdet ir auch ... wol hinkommen, wann ihr nun lange genug gewipt habt
discurs etzlicher personen (1621) c 4
b; niemand ist berechtigt das geld zu kippen und zu wippen J. B. Basedow
natürl. weisheit (1768) 53;
allgemeiner '
betrügen': und ist ein lauter fabelwerck, haubenkrämerei, kippen, wippen, wechseltische halten A. v. Frankenberg
geistl. seelenflucht (1700) 29. 3@dd)
neutral in bildlicher anwendung '
ein gewicht oder übergewicht haben',
d. h. '
etwas gelten, ausmachen'
; vgl. utwippende münzen
s. v. kippen
teil 5, 787: mein lohn wil nichts im krame wippen, ich mus den beutel gar umb kippen
jedermanns jammerklage (1621) a 3
a; was wird denn das wippen, wie weit wird das biszchen (
geld) reichen, das wird nicht klecken Schoch
studentenleben (1657) c 1
b;
vgl. mundartlich es wippt nicht
es reicht nicht Müller-Fraureuth 2, 670, das wippt bei mich nischd
hat für mich keine bedeutung Hertel
Thür. 258,
ähnlich '
fördern, helfen' Schambach
Gött. 300
a;
wie '
überwiegen, das übergewicht haben'
verwendet: doch zieh ichs facit aus der zahl wippt hoch das lachen auf das weinen E.
M. Arndt
w. 5, 201
R.-M.; vgl. geist und leib, die im ungleichen kampfe einander immer aufwippen wollen, müssen durch zucht und kunst der männer ins gleichgewicht gebracht werden
grundlinien e. teutsch. kriegsordnung (1813) 30, '
überwiegen, ausstechen' Rüdiger
zuwachs d. sprachkde (1782) 2, 130; he söcht ju to wippen
er sucht euch auszuheben, auszustechen Schütze
holst. 4, 365. 3@ee)
fachausdruck der turnersprache für das auf und abbewegen des körpers oder einzelner glieder bei waagerechter haltung in senkrechter richtung: das wippen (
am barren): ein rückwärtsbewegen der beine im stütz, nach vorn gemacht wird der leib, nach hinten das kreuz eingezogen Fr. L. Jahn
turnkunst (1816) 101; pater Karl pflegte noch als 70 jähriger greis täglich vor tisch am offenen fenster zu wippen Springer
a. meinem leben 7.