wucherer,
m.,
fenerator. ableitung auf *-arja (
lat. -arius)
zu wucher B
oder zu wuchern (
vgl. wucherin);
ahd. wuochirari,
mhd. wuocherære,
mnd. wokerer,
häufiger wokener (
dissimiliert und an bildungen mit dem erweiterten suffix -nære
angelehnt),
afrs. wōkerer (Holthausen
afrs. wb. 132),
mnl. woekerare,
nnl. woekeraar,
dän. aagrer,
schwed. ockrare.
umlaut erscheint oft bei Luther (
z. b. Luc. 7, 41 [
nom. sing.];
w. 8, 559, 35
W. [
nom. pl.]),
sonst selten. synkopierte formen begegnen in älterer sprache nur obd. (
vgl. der wuochrer Lamprecht v. Regensburg
St. Francisken leben 841
W. und in prosa ain alten wuchrär [1415/16]
bei O. Stolz
deutscht. i. Südtirol 2 [1928] 97; alle wuchrer [
Nürnb. 1451]
städtechron. 10, 183, 25; mitgenossen der wuochreren Zwingli
dt. schr. [1828] 1, 314),
um 1800
allgemeiner (
vgl. Rabener
s. schr. [1777], 1, 140; Knigge
umg. m. menschen [1796] 1, 38; Göthe I 47, 359).
daneben findet sich sporadisch die verkürzte form mhd. wuochære,
nhd. wucher (
vgl. unten wücherlein): der whcere
Trierer psalmen 108, 10
(s. u.); wuochæren und sazzungæren v. d. jungesten tage 69 Willoughby; da sitzenn offentliche wucher, ehebrecher Luther 8, 174
W.; wann gott allen wucheren also mitführe Schweinichen
denkw. 298
Oest.; oder seynds ... grosse schinder vnd wucher discurss etzl. personen (1621) A 3a. lexikalisch wuocher (14. jh., obd.) Diefenbach
gl. 631
a s. v. usurarius; zwifaltig wuocher (1440, md.) ebda 229c s. v. fenerator; s. auch Fischer
schwäb. 6, 965
. zu mnd. wokener vgl. noch die mischform wucherner (15. jh., md.) Diefenbach
gl. 631
a s. v. usurarius; ferner dissimiliertes wöcheler Rovenhagen
Aachen 164
(auch wöchelei, f., 'wucher' ebda). das wort erlangt erst seit dem ausgehenden mhd. allgemeinere geltung, während in älterer zeit daneben verschiedene andere bezeichnungen gebraucht werden; vgl. zu der psalmenstelle (scrutetur) fenerator (omnem substantiam eius 108, 11): entlehenari vel wuochirari (12. jh.; in anderen hss. intlehnari vel sculdsuohho [10. jh.] u. ä.) ahd. gl. 1, 522, 15 St.-S.; der whcere Trierer psalmen (anf. d. 13. jhs.) 521 Graff; der wokerere Wegelebener ps. (ostfäl.-hd. v. j. 1345) 138* Hellenius; der wucherer Trebnitzer ps. (14. jh., schles.) 95 Pietsch; der wuocherer erste dt. bibel 7, 409 Kurr.; der wucherer Luther
ps. 109, 11
Binds.; der wuocherer Zürcher bibel (1531) 2, 45b; stattdessen: der imo ieht ferliuuuen habe, daz chit demo er sculdig sî Notker 2, 470, 18
f. Piper; der fragenær cod. Pal. Vind. 2682 (südbair., 12. jh.) 182 Törnqvist; der chǒfe man Sonnenburger ps. (südbair., 2. hälfte d. 12. jhs.) zs. f. dt. altert. 41, 302; kaufmann ps. d. hs. cgm. 341 bei R. Ziehm (
diss. Greifsw. 1911
) 19a; die sakewalde westfäl. ps. (1. hälfte d. 14. jhs.) 107 Rooth. (vgl. zur synonymik besonders vragenære Lexer
mhd. wb. 3, 488
; gesuochære ebda 1, 937 und lêhenære ebda 1, 1860). die bezeugung des wortes setzt erst mit dem ende der ahd. zeit ein: fenerator wochirari (summarium Heinrici, 11. jh.) ahd. gl. 3, 139, 17 St.-S.; im gie der schatz niht sô nâ
als er den wuocheræren tuot,
die durh werltlîchez guot
sich in die helle senkent
Lamprecht v. Regensburg
St. Francisken leben 826
Weinhold; nu ob in einer stat ofenlîchen wuochrer sint, wer ist dâ schuldic an? der herre ist dar an schuldic, des diu stat ist; unde der rihter, ob er sie niht rüeget als er sol Schwabenspiegel 141 Wackernagel; pei dem tier (dem krokodil) verstêt man den wuochrær Konrad v. Megenberg
buch d. natur 233, 17
Pfeiffer; die goene die tot burgermeister, schepen, raidt vnd rentemeister ... gekairen wurden, en sullen geynne doitslegere, eebreckere, wuekenner noch eerloesen wesen privileg d. st. Wesel v. j. 1514 in: Wigands arch. f. gesch. u. alterthumskde Westphalens 5 (1831) 33; desz krigsz gab man schuld eym tyrannen
und die rauberey den schnaphannen
und die theurung dem wucherer
Hans Sachs 1, 418
lit. ver.; wer aber ... wucher (zinse, rente) fordert, es sey zwölff von 100 ... oder fünff von 100, der ist kein glaubiger (borger) sondern ein wucherer Comenius
janua (1638)
nr. 864; dasz sie an proviant gedachten ..., damit man nicht müszte bey wucherern und kornwürmern zu gnaden kommen Agyrtas
grillenvertreiber (1670) 44
; ein wucherer, der sich die thorheit junger verschwender listig zu nutze machet anmuth. gelehrsamk. 4, 543 Gottsched; ich bin, da ich keine wahren freunde finde, gezwungen, bey wucherern geld aufzunehmen (1790) Mozart
br. 2, 314
Schied.; dasz keine tagreise weit von uns ... alles im überflusse geerntet, aber von wucherern aufgekauft war und zurückgehalten wurde (1844) A. v. Droste-Hülshoff
br. 2, 347
Schulte-K.; jetzt waren sie (drei offiziere) auch noch wucherern in die hände gefallen Renn
adel im untergang (1947) 265
. bildlich: sie kennen ihn, den mann, der befehlend flehet, den wucherer mit den herzen der menge Schiller 3, 67
G.; K. ist ein wucherer, der ein kleines kapital durch grosse zinsen verhundertfacht Börne
ges. schr. (1829) 1, 124
. — dazu bei Luther
das dimin. wücherlein, n. (unter vermeidung des doppelten -er-, s. oben und vgl. wucherin): denn kleinen wücherlin wird sie (diese rede) schrecklich lauten, ich meine die jhenigen, so allein funff oder sechs auffs hundert nemen w. 51, 369 W. —