grausen,
vb. ,
unwillig sein, schaudern. ahd. nur in der präfixkomposition irgrûwisôn:
abhorrescant irgruison (10./12.
jh.); irgruvison (10./11.
jh.)
ahd. gl. 1, 701, 44
f. St.-S.; horreo irgruvuiso (11.
jh.)
ebda 2, 435, 17;
das simplex, schon kontrahiert, seit dem 12.
jh., mhd. grûsen,
vereinzelt umgelautet: grivsen
st. Servatien leben 3414
Wilhelm; griuset (3.
sg. präs.)
d. warnung in: zfda. 1, 442. grausen
ist mit der häufigen endung ahd. -isôn
zu 2grauen,
vb. (
s. d.)
gebildet. es ist im hd., besonders im obd., heimisch und dort auch in den mundarten allgemein verbreitet; ins nd. gebiet dringt es nur auf literarischem wege. nd. md. herrscht demgegenüber grauen.
in dem an sich vorherrschenden unpersönlichen gebrauch (2)
ist grausen
im 18.
jh. nur sehr schwach bezeugt; in dieser zeit dringen der persönliche gebrauch des wortes (3)
und der adjektivische in der form des part. präs. (4)
überaus stark vor; beide gebrauchsweisen treten seit dem 19.
jh. wieder zurück zugunsten des unpersönlichen gebrauchs. 11)
unwillig, zornig sein, toben. nur in spuren nachweisbar: seuire graussen (
obd. 15.
jh.) Diefenbach
gloss. 531
b;
procellere gruszen (
md. 15.
jh.)
ebda 461
b; grawsen, grymmen, zurnen
seuire, irasci voc. teut.-lat. (1482) m 7
a.
so wohl: unde dâ kêrent sie (
die teufel) alle ir liste und ir flîz an, wie sie uns daz gedinge (
zu gott) benemen mit grisgramen unde grûsen Berthold v. Regensburg 1, 46, 17
Pfeiffer; do ward mir vil dess basz, do ich im (
einem mädchen, das den sprecher abgewiesen, hatte) so nahent huset, wiewol mir doch gruset, als ir vor wol hand gehert, wie die gespillschaft ward zerstert
Zimmer. chron. 21, 590
Barack. zu vergleichen ist: plerren als die schoffe.
balare grausen
voc. teut.-lat. (1482)
s. v. plerren. 22)
schaudern. in unpersönlicher konstruktion; meist ohne formale subjektsbezeichnung, mit einer solchen (es)
gelegentlich seit dem 16.
jh.; die kasuelle bestimmung steht in der regel im dat. (jemandem graust),
im akk. (jemanden graust)
mhd. vereinzelt (
Alpharts tod 209, 2),
nhd. hin und wieder. [] 2@aa)
mit dem nebensinn '
abscheu haben'
oder von da ausgehend. 2@a@aα)
abscheu haben; meist im sittlichen bereich. fügung mit präpositionalem ausdruck herrscht vor gegenüber vereinzelter konstruktion mit nebensatz: mir grûset, sô mich lachent an die lechelære, den diu zunge honget und daz herze gallen hât. friundes lachen sol sîn âne missetât Walther v.
d. Vogelweide 30, 12
Lachm.-Kraus; find ich dâ iâ, aldâ nein ist behûset, und nein, dâ iâ sol wesen, ab der geselleschaft mir immer grûset Hadamar v. Laber
jagd 384
Schmeller; sehend wir nit zuo unseren zyten die welt so bös syn in allen landen und ständen, dasz uns darab gruset Zwingli
dt. schr. 1, 85
Sch.; es wurd menschlichen ohren darab grausen (1665)
schweiz. id. 2, 808; wie aber die junge leütte nun sein, ist nicht erhört worden, die haar stehen einem drüber zu berg ... man hört undt sicht nichts alsz abscheülich sachen, wo vor einem graust (1718) Elis. Charl. v. Orleans
br. 279
Menzel. 2@a@bβ)
sich ekeln, von α her ins physische gewandt. ebenfalls fast durchweg mit präpositionalem ausdruck. vornhd. nur vereinzelt und von α noch kaum zu scheiden; in jüngerer sprache nur unter mundartlichem einflusz: swie liep wir ein ander sîn als des tôdes zeichen wirt schîn in swarzgelwer varwe, der lîp albegarwe unt diu lit erweichent ... der amblic im widerstêt dem der friunt wol ze herzen gêt, wand im dar abe griuset
die warnung 137
in: zfda. 1, 442; da gieng im als unsuber dar ab das ir da von gruset
d. heiligen leben winterteil (1471) 72
a; die alten weiber, drab mir (
dem floh) grauszt Fischart
flöhhaz 37
ndr.; grauset ihnen (
dem vater) nicht bald an Paris? (
nach den schilderungen Mozarts) (1778) Mozart
br. 1, 219
Schiedermair; oft hat mi dürst bei zehen maszl und jetza graust mir vor a halbn Stieler
ged. 2, 31
Reclam; aber den leuten hat bald vor seiner häszlichen (
fresz-) gier gegraust Watzlik
d. alp (1923) 233. 2@a@gγ)
von β her seit dem 17.
jh. auf seelische zustände bezogen, '
erschüttert, entsetzt sein',
meist, wie unter α,
im religiösen oder sittlichen bereich. fügung mit abhängigem satz ist häufiger als mit präpositionalem ausdruck: so grausset mir, o got, dasz ich (ich koht und staub) erzürnet dich Weckherlin
ged. 1, 410
Fischer; wie grauset mich wann ichs (
Christi kreuzestod) gedencke Spee
tugendbuch (1649) 73; mir ist um vieles besser, noch wie ein vom blitz gestreifter fühl ich eine kleine lähmung, die wird aber bald verschwinden wenn die einzige arzeney angewendet wird. wenn ich noch daran zurück dencke so graust michs wieder, und ich kann nicht eher ruhig werden, als bisz ich für die zukunft sicher bin Göthe IV 6, 13
W.; wohl hat vor dem bach von schäumigem blut (
in der schlacht) michs (
einen soldaten) tief in der seele gegraust. doch seiner gedacht ich, desz staub hier ruht, und preszte mein herz mit der faust Kinkel
ged. (1868) 32.
leichter, mehr ein seelisches unbehagen ausdrückend: mir grauset es zuweilen dasz wir so frisch einhauen und nicht leicht dem geschriebenen buchstaben trauen wollen (1820) Lachmann
an Jac. Grimm 1, 127
L. 2@a@dδ)
aus dem gebrauch von α und β wird eine bedeutung '
sich scheuen, abgeneigt sein'
isoliert, besonders in der anwendung auf eigenes verhalten, handeln oder beteiligt sein an etwas. das moment der abneigung dominiert: wann ein yegklicher der da sucht in dem priester zu sehen die
[] schOene der sitten vnd tugend, der laufft hinder sich, er wird betrbt von seinem gesiht, vnd grawst im das er zu im gee von wegen seiner hoffart vnd geitzigkeit
offenbarung d. hl. Birgitte (1502) I 3
b; solches von dem hailgen Petro zuoglauben grauszt mir
das d. hl. apostel Petrus gen Rom nicht kommen C 4
b; etlichen (
der röm.-katholischen) grauset nicht mehr, sich mit einem aus uns den gelehrtesten einzulassen (
anf. 17.
jhs.)
schweiz. id. 2, 808; darum grausset ihnen alle weil darvor (
vor der arbeit)
ollapatr. 19
Wiener ndr. jünger mehr im sinne einer ablehnung: dem dummen wird die Ilias zur fibel; wie uns vor solchem leser graust! Göthe I 5, 191
W.; wenn uns vor etwas auf der welt grausen musz, so davor: dasz es etwas gibt wie konversation H. v. Hofmannsthal
lustsp. 2 (1948) 339.
das moment des fürchtens und zurückschreckens tritt stärker hervor; namentlich der jüngere gebrauch zeigt berührung mit b
γ γγ (
s. d. am ende): und ist auf der seiten ein gähliges thal, dasz einem grauset 'nunter zu sehen Schweinichen
denkw. 89
Ö.; je mehr er daran dachte (
eine frau zu nehmen), desto mehr grausete es ihm davor Gotthelf
s. w. 16, 359
Hunziker-Bl.; und als du mich (
das tote kind) heimlich im stall gebarst, da sah ich wie siech und müde du warst. vor dem grausamen leben grauste mir, und ich wand mich winselnd im stroh wie ein tier A. Miegel
ges. ged. (1927) 65. zitternd starrte er (
ein soldat im unterstand) in die kleine flamme der unschlittkerze ... und wagte nicht, sich zu bewegen. es grauste ihn vor dem anblick von Stubbes hölzern (
schienen und anderen hilfsmitteln für verwundete, Alverdes
Reinhold (1931) 91. 2@bb)
mit dem nebensinn '
sich fürchten'. 2@b@aα)
in angst und schrecken versetzt sein, sich fürchten: daz er niuwen beleip unz er in furder treip ûz dem gotes hûse, dâvor maht im grûsen, dô er diu gotes tougen beschouwet an der frouwen priester Wernher
Maria 1026
Wesle; als er (
Witige zum kampf gegen Alphart) ûf daz gevilde kom von dem here hin dan, do begunde sêre grûsen den ûz erwelten man
Alpharts tod 209, 2
dt. heldenb. 2; erst ward den reichen leuten grausen und fluhen sicher gar vil (
vor der pest) (
Augsburg 1466)
städtechron. 5, 293; den allen ob den feinden grauset H. Sachs 1, 232
lit. ver.; als auch solches Attila oder Etzel vernommen, begunt ihm ob dieser (
heeres-)macht zugrawsen Dilich
ungar. chron. (1606) 77; es grausete einem fr seiner stimme, wenn man ihn den alcoran lesen hörete Olearius
persian. rosenthal (1696) 80.
so auch oft in der sonst nur vereinzelt begegnenden wendung sich nicht grausen lassen,
die unter 2grauen,
vb. B 3 b
α eine früher und häufiger bezeugte entsprechung hat: ich will euch die forcht gottes lehrnen, jhr solt euch aber nicht grawsen lassen Joh. Nas
antipap. eins vnd hundert (1567) 2, E 1
a; Martem den grimmigen blutgot ... darffstu nit förchten diser zeit, ... lasz dir vor jhm nit grausen hart Spreng
Ilias (1610) 68
b.
im hinblick auf die furcht vor unheimlichem; vgl. einen entsprechenden jüngeren gebrauch unter γ γγ: do diu bare (
mit dem scheintoten) wart ouferhaben, dar under giengen viere, den begunde griuwesen (
hs. grivsen) schiere, si douhte, als er sich regete
st. Servatien leben 3414
Wilhelm; doch so sagen etlich, sy haben gehört ellendiglichen rffen (
in einer höhle). so haben ettlich nichts gehOert noch gesehen, dann das yn ser gegrausset hat (1509)
Fortunatus 47
ndr.; hatten ... die geister ... einen groszen tumult und gepolter darber angefangen dergestalt,
[] dasz den mAegdigen drinnen gegrauset Prätorius
saturnalia (1663) 409; (
Fuchsmundi:) mein vater war ein frommer, guthertziger mann. wenn nun ein armer sünder zum strang verdammt war, so war er so gütig ... stiege auch vor ihm die laiter hinauf, und verkürtzte ihm die schmertzen ... (
Anna Baberl:) ach es graust mir schon
ollapatr. 48
Wiener ndr. 2@b@bβ)
mit der vorstellung eines starken schauderns verbinden sich momente wie '
argwohn, ein unbehagliches gefühl, böse ahnungen haben': owê, lieber Lemberslint, mir (
der braut) grûset in der hiute! ich fürhte, daz fremde liute uns ze schaden nâhen sîn Wernher
d. Gartenaere
meier Helmbrecht 1577
Panzer; do von (
weil sie keinen schutz zu erwarten haben) solt jn billich grusen die sich fliessent lt erslachen
liedersaal 1, 480
Laszberg; ey Melchor mir thut hefftig grausn, trag sorg es werd dir bleiben aussn, all hlff der heilgen in gemeyn
cursus Kleselianus (1619) D 1
a; (
Josef) wuste wohl, was er für einen harten streit würde angehen müssen (
gegen die verführungsversuche der frau Potiphars): davor ihm albereit grausete, ja der angstschweis fast ausbrach Zesen
Assenat (1679) 223.
geradezu '
befürchten': der fürett vns gleich durch ein engen hohen weg ... der zu beeden seytten mit so hohen fölsigen bergen versehen gewesen, das wan einer hinauff gesehen, ime hett mögen grausen, ehe er hindurch khomen, die berg, oder grosse stein von der höhe herab möchtten vff ein fallen H. U. Krafft
reisen u. gefangenschaft 78
lit. ver. unsicher, im zweifel sein: als ich villeicht ain viertl ainer meil geritten was, da ward mir die weil lang und ward mir grausen und zweifelt ab dem weg (
Augsburg 1466)
städtechron. 5, 107; ich hab in dermossen im dritten jar an seinem ampt probiert, das mir gar nicht an im grawset noch zweyfelt Wickram
w. 2, 85
lit. ver. 2@b@gγ)
mit der wiederaufnahme des wortes am ende des 18.
jhs. tritt die bedeutung '
schaudern'
stärker hervor als in dem früheren gebrauch. bezeichnenderweise vorwiegend in absolutem gebrauch. 2@b@g@aaαα)
als nebensinn ist ein sehr allgemein gehaltenes '
sich fürchten'
mitgegeben: in tiefer gewitternacht horcht der bär, ihm graust vor seinem (
des stromes) gewaltigen gange maler Müller
w. (1811) 1, 5; er (
Goethe) schrieb den Egmont, Götz und Faust, dasz manchem fürsten jetzt noch graust Hoffmann v. Fallersleben
ges. w. (1890) 4, 232; der herzogin begann es zu grausen. solchen ausbruch zurückgepreszten gefühles hatte sie nicht erwartet Scheffel
ges. w. (1907) 2, 129. 2@b@g@bbββ)
affekthaltiger mit den momenten des entsetzens und der ratlosigkeit: vielleicht ists 'raus (
ein diebstahl)! o weh, o wie mir armem (
dem dieb) graust, es wird mir siedend heisz. so wars dem doctor Faust nicht halb zu muth! Göthe I 9, 96
W.; mich graust! lebendig läszt ers (
das schwert) nicht! Hebbel
w. 5, 220
Werner. 2@b@g@ggγγ)
der grund des furchtsamen schauderns ist unheimliches, gespenstisches. recht häufig und für den jüngeren wortgebrauch überhaupt charakteristisch; vgl. einen entsprechenden älteren gebrauch unter α am ende: aber ich bitte dich, sprich nicht so viel vom teufel, denn mir grauset jedesmal recht sehr, wenn ich seinen namen nur nennen hör Kortum
Jobsiade (1799) 3, 94; mein vater, mein vater, jetzt faszt er mich an! Erlkönig hat mir ein leids gethan! — dem vater grausets, er reitet geschwind Göthe I 1, 168
W.; dennoch grauste ihn bei dem gedanken, hier so dicht über den alteingesargten leichen schlafen zu sollen
V. v. Strausz
lebensführungen (1888) 2, 116;
[] in goldig klarem schein tritt eine junge frau ins zimmer ein ... gleich kühlem firnhauch überwehts den mann. macht soviel schönheit grausen? (
im traum) A. Miegel
ges. ged. (1927) 62.
in den seltenen fügungen mit präpositionalem ausdruck tritt der nebensinn '
zurückschrecken'
hervor, so dasz sich eine enge berührung mit a
δ ergibt: mir selber (
dem gespenst eines toten) graust vor dieser einsamkeit (
des leeren palastes) allhier; das haar steht mir zu berg Lohenstein
Ibrahim bassa (1689) 57; seither graust den burschen vor ihr (
einem mädchen, das mit dem teufel getanzt haben soll), wie schön sie auch ist Watzlik
d. pfarrer v. Dornloh (1930) 41. 2@b@dδ)
das wort bezeichnet nur die körperliche empfindung des schauderns; die betroffenen körperteile werden gewöhnlich in einem adverbialen ausdruck genannt. in ähnlicher beziehung vereinzelt schon mhd.: die wartliute sageten in, ir (
der feinde) wær wol vünfzec tûsent; die andern wæren dort bestâ
n. die verzeiten sâhen vaste einander an unt wart ir manegem in dem herzen grûsent
Lohengrin 2640
Rückert. sonst in jungem gebrauch: es graust mir noch in allen gliedern, wenn ich daran gedenke maler Müller
w. (1811) 2, 148; und hat ganz kurz gelacht, dasz es mir gegrauset hat den buckel hinunter Sperl
söhne d. herrn Budiwoj (1927) 246.
ähnlich in mundartlichen wendungen wie es grauset mir '
wird mir schwindlig' Fischer
schwäb. 3, 815. 33)
in persönlicher konstruktion, '
schaudern, zittern'
; der grund der meist mehr körperlichen als seelischen empfindung liegt gewöhnlich in einem furchtgefühl, nur vereinzelt in einem gefühl des abscheus. 3@aa)
der zustand des grausens wird auf körperteile, organe u. dgl. bezogen, die als syntaktisches subjekt erscheinen. 3@a@aα)
besonders im älteren nhd. in verbindungen wie jemandem (-n) graust die haut,
wo unmittelbarer übergang aus unpersönlicher in persönliche konstruktion vorliegen mag: und wenn ich schmeck ein ölkraut, davor graust mir all mein haut
fastnachtspiele 621, 28
Keller; damals grob Teutschen und Winden alda hausten, ... vor denen die Römer alweg die haut grauset Aventin
bayer. chron. 1, 674
Lexer; der thorwärtl gab jm in der still antwort, er solte bald vom thor abweichen, ... die sache stünde nicht wol. dem Schmeckenwitz ward der buckel grausen, gieng eilends heim in seine behausung, sattlet ein pferd, ritt zum thor aus H. Megiser
annales Carinthiae (1612) 1259; magst in ihre büecher gaffn, wans dwillst: so stehn namen drin, wo eim der buckl dafür graust ... seyn lauter frantzosische kerl, die die Leyptziger citirn Schwabe
tintenfäszl (1745) 14.
bildlich etwa im sinne von '
jemandem juckt das fell': (
ein meuterer) zeigte an von diesem brieffe (
nach dem der bürgermeister angeblich verrat üben wollte). dis kam gar manchem (
soldaten), den die haut grauset, gar eben und recht
Magdeburg 16.
jh.)
städtechron. 27, 66. 3@a@bβ)
ohne persönliches dativobjekt, die (meine) haut graust
u. ä.: der Peter Haizer und sein weib, Plank und ain schreiber, der was täglich trunken, die machten grausen meinen leib, wenn wir das prot zesamen wurden tunken Oswald v. Wolkenstein
ged. 109, 73
Schatz; vnd ich erwachte, vnd mein leib grausete sehr, vnd meine seele Aengstete sich also, dasz ich matt ward (4.
Esra 5, 14) Luther
biblia (
Lübeck 1643) (
übersetzer unbekannt); es wird in dir (
Hagen) die seele grausen, wann meine (
des Rheins) schrecken dich umbrausen Schenkendorf
ged. (1815) 92.
[] 3@a@gγ) (mir) graust das haar
ist das ergebnis einer kontamination des unter α und β dargestellten typus mit dem typus mir steht das haar zu berge;
auf eine ältere bedeutung '
starren, sich sträuben'
für grausen
ist kaum zurückzuschlieszen, trotz entsprechender anklänge bei 2grauen,
vb.: nachdem solche wort auszgestossen worden (
ein student sagte: ich bin ein armer teufel), fieng etlichen vnter jhnen das gesAesz zutottern, vnd dasz haar zugrausen, vnnd mit allen henden kreutz fr sich zumachen Fischart
Garg. 363
ndr.; da der geist vorbeiging, und die haare grauseten (
zu Hiob 4, 15) Herder 8, 75
S.; die stund als sie verschieden war, wird bang dem buben, graust sein haar Göthe I 11, 248
W. vgl. auch unter 4 a. 3@bb)
mit persönlichem subjekt; schon seit dem mhd., aber mit dem schwergewicht des gebrauchs im 18.
und frühen 19.
jh.: sy (
die menschen) seind einander hAessig und grausent ab allen ander staten der menschen Steinhöwel
spiegel menschl. lebens (1479) 65
b; (
nachts) hörete ich ein grausam tornieren im haus, welches meine furcht vermehrete, weil (
schon vorher) im stall, da ich das pferd abgesattelt und gefüttert, es bei dem heu langen gegrauset, alle haar ihm zu berge gestanden Joh. Dietz
lebensbeschr. 44
Consentius; ich grause wie in der finsternisz Herder 4, 69
S.; der gute junge mann grauste vor der gefahr, in die er so muthwillig gelaufen war Jung-Stilling
s. schr. (1835) 6, 78; ha, Faust! — wie sieht er aus — man sollte grausen! Grabbe
s. w. 2, 108
Grisebach. das moment des erstaunens spielt mit hinein, im mhd.: der selben (
könige in Terramers heer) was wol tusent. ob der zal niht engrusent! ich wæn, ir wær dannoch me Ulrich v. Türheim
Rennewart 12764
Hübner; wie ist uns abgewunnen ... diu wol bewarte cluse? ab dem wunder groz ich gruse und solte shrien wafen
ebda 31038. 3@cc)
reflexiver gebrauch begegnet erst in jüngerer sprache (
die textherstellung Heinrich v. Neustadt
Apoll. 17790
Singer ist angesichts dieser tatsache fragwürdig).
die sonst herrschende bedeutung '
schaudern'
tritt hier zurück zugunsten von abstrakterem '
sich fürchten, scheuen'; graulen,
vb. steht nahe: wenn du dich voll und satt gegrauset hast an mir (
einem krüppel) Holtei
erz. schr. (1861) 4, 203; sie hatte sich immer vor den buntbebänderten Polenmädchen ... gegraust Clara Viebig
d. schlafende heer (1904) 2, 284. 3@dd)
mit sachlichem subjekt; transitiv und offenbar im anschlusz an die unpersönliche konstruktion (
s. 2).
furcht erregen: was mich am meisten grauste, das waren zwölf schwarze dintenfässer Kinkel
erz. (1849) 209.
intransitiv, poetisch atmosphärische wirkung andeutend: siehst, wie du (
Bacchus) mit unsern zungen, unserm wiz bist umgesprungen ..., dasz uns nacht ums auge grauszte Schiller 1, 213
G.; über der einfahrt (
des Gotthard-tunnels) grausen verquollen eisige gipfel durch wolken herab Dehmel
ges. w. (1906) 3, 121.
von da her: im dunstkreis unsrer qualen, die unaufhörlich in den gründen grausen Liliencron
s. w. (1896) 11, 113. 44) grausend,
als part. präs. in verschiedenen beziehungen und ohne kontinuität der bedeutung. 4@aa)
von dem schaudern als subjektiver begleiterscheinung persönlicher empfindungen, zustände usw.; an den älteren persönlichen gebrauch unter 3
anknüpfend: vom grausenden vnwillen
M. Gentians (
am rand: es grauszt ihn wie den vnflAetern die ab jhrem eygen vnflat kein vnwillen schOepffen, aber von frembden) Fischart
binenkorb (1588) 224
a; der gute kerl, welcher nunmehr gar zu starck
[] glaubte, dasz es würcklich gespenster gäbe, und sich, vor grausender bestürtzung kaum besann Er. Francisci
d. höll. Proteus (1690) 427; mit grausendem abscheu lieset man die nachrichten von manchen europäischen nationen, wie sie ... an leib und seele entarten Herder 13, 285
S.; so oft es auch grausend in ihm aufsteigen wollte, dasz er seinen ersten ritterkampf mit einem furchtbar wehrlosen todten gehalten habe Fouqué
zauberring (1812) 1, 39; im Richard, wo uns der grandiose bösewicht in grausender bewundrung seiner eisigen und eisernen kraft des begehrens interessieren soll O. Ludwig
ges. schr. (1891) 5, 497.
dementsprechend, im anschlusz an 3 a
γ,
vom haar, sich sträubend, zu berge stehend: dasz keiner so hertz- und standhafft, der ohne haupt-schwindel, und grausende haare, hinein (
in den krater des Ätna) blicken kOenne Er. Francisci
ost- u. westind. lust- u. statsgarten (1668) 1, 210
b; es sträubt mir grausend jedes haar empor Schiller 15, 1, 69
G. von da her: ich wollt, dasz berge starr von wäldern grausend, und felsenhöhn von nie gesprengten härten, und sandeswüsten mir den zugang (
zur geliebten) sperrten Rückert
ges. poet. w. (1867) 1, 284. 4@bb)
in der zweiten hälfte des 18.
jhs. und noch gelegentlich im 19.
jh. überaus häufig als objektives merkmal bei bezeichnungen für vorgänge, zustände, dinge usw., diese als schrecklich, entsetzlich, abscheulich charakterisierend und dabei auf ihre wirkung, schrecken, entsetzen erregend, deutend. grausend
löst in dieser bedeutung grausam A
in einzelnen anwendungsbereichen ab und wird seinerseits im 19.
jh. von grauenvoll, -haft
verdrängt; vgl. ferner graus,
adj.: diese stelle (
die spitze eines gebäudes) hatte etwas majestätisches, ehrwürdiges und schreckliches. die tiefe von allen seiten hinab war grausend Dusch
verm. schr. (1758) 157; eine grausende nacht
portraits (1779) 191; ich wollte, der grausende traum wäre vorüber Herder 24, 428
S.; mit grausendem getöse Musäus
volksmärchen 1, 6
H.; (
er) sucht das vertraute gesetz in des zufalls grausenden wundern Schiller 11, 80
G.; durch ein kühnen sprung über diese grausende schlucht Pückler
briefw. (1873) 2, 159; o feldherrnamt wie grausend Rückert
ges. poet. w. (1867) 1, 74.
archaisierend: aufheulend wirft sich alles auf den mann, und sticht, und schlägt und beiszt, wo einer kann treffen ein stück von ihm; blutend aus tausend wunden ist er im nu ein körper grausend Paul Ernst
kaiserbuch (1935) 2, 654. 4@cc)
nur selten und wohl erst im anschlusz an den jüngeren persönlichen gebrauch unter 3
in der beziehung auf personen, '
schaudernd, furchterfüllt': wie, wenn der hirt im waldgebirg auf einen drachen trifft, und, grasz und grausend durch den ganzen leib, zusammen schrickt Bürger
s. w. 151
Bohtz; dem selbstbewuszten todten gleich ich, der ... gelähmt, in halbem thraume, grausend liegt Göthe I 10, 369
W.; besteig den holzstosz, nicht vorm tode grausend! Rückert
ges. poet. w. (1867) 1, 4.