[]gottheit,
f. ahd. mhd. got(e)heit,
me. godhed (13.
jh.),
ne. godhead,
mnl. godheit,
nl. godheid.
die ahd. abstraktbildung got(e)heit
erst seit Notker,
und hier nur in der bedeutung eines substanzbegriffes (
s. u.A).
ihrer bildung nach ist sie bereits als ableitung aufzufassen, so dasz die vorstufe einer als kompositum zu beurteilenden bildung (
s. Henzen
wortbild. 1; 110
ff.)
im falle dieses wortes nur theoretisch vorausgesetzt werden kann. angesichts der auffallend späten bezeugung von ahd. got(e)heit
anstelle der älteren, dann aussterbenden ahd. synonyma gotnissa
Isidor, gotnissi Otfrid, gotcundi, gotcundnissa
Weissenb. kat. (
nachweise s. u. A 1 b; c; d)
liegt die vermutung nahe, dasz trotz des längst lebendigen typs abstrakter -heit-
bildungen ein got(e)heit
sich erst dann empfahl, als der zweite bestandteil die funktion eines selbständigen wortes zu verlieren oder doch auf die bedeutung '
art, weise, beschaffenheit'
sich einzuschränken begann. gerade das ahd. heit,
m., f. nämlich diente innerhalb der frühen theologischen, insbesondere der trinitarischen erörterungen als terminus für lat. persona in der bestimmung der drei göttlichen personen, und eben hier in scharf sondernder abgrenzung gegen die unpersönlichen substanzbegriffe lat. deitas, divinitas, für deren deutsche wiedergabe ein mit -heit
gebildetes kompositum daher wenig geeignet war, solange sich mit heit
als einem selbständigen wort die bedeutung persona verbinden konnte. formen mit und ohne fuge ahd. nebeneinander; im mhd. treten erstere zurück, doch vgl. noch goteheit
minnes. 2, 377
a v. d. Hagen; Heinrich v. Krolewitz
vaterunser 641
Lisch. vereinzelt gotisheit (
in korrespondenz zu sînsheit)
dt. myst. 1, 252
Pf. in entstellter form goydheyd (15.
jh.) Diefenbach
gl. 171
a.
erst seit dem 16.
jh. überwiegt die schreibung mit -tt-.
in die mundart verirrt sich das wort nur in einzelnen redensarten, vgl. aus der gotthêt deier
viel zu teuer luxemb. ma. 151
a; esu get es bute de gottheit (
das zanken etwa)
rhein. wb. 2, 1324. AA.
als substanz- und qualitätsbegriff entspr. gr. θειότης,
θεότης,
lat. divinitas, seltener deitas. in der summarischen umschreibung jener eigenschaften, die ein wesen als ein göttlich geartetes bestimmen und abgrenzen, '
göttliche art, göttliche natur, göttlicher rang',
in neuerem gebrauch durch jüngeres göttlichkeit (
s. d.)
mehr und mehr zurückgedrängt. A@11)
in christlichem sprachgebrauch seit Notker
bezeugt, anstelle älterer zusammensetzungen und ableitungen (
s. u.b; c; d). A@1@aa)
als prädikat gottes, sofern er als die erste person der trinität gedacht ist, in nicht sehr häufiger, aber durchstehender bezeugung: fone dinemo heiligen berge, daz chit fone dero unsagelichun hohi dinero gotheite Notker 2, 8, 9 (
ps. 3, 5)
P.; vgl. 61, 13; 412, 22; 474, 9; enphâhe, wîse vaterheit, dînes Christes sunhait. bedenche bî dir selben in unde bedenche ouch uns an im: in bî dîner gothait, uns bî sîner mennischait
Benedictbeurer gebet z. meszopfer 11
Waag; vgl. 18; der teufel stecket uns in der haut, ... das wir gott seine gottheit nicht lissen Luther 28, 566
W.; vgl. 619; gott ist unendlich hoch (mensch glaube dasz behände), er selbst findt ewiglich nicht seiner gottheit ende Silesius
cherub. wandersmann 18
ndr.; das menschliche unvermögen, ... gott in einer langen rede, seiner gottheit nicht unwürdig, sprechen zu lassen
br., die neueste litt. betr. 17 (1764) 39; er (
gott) ist gnädig, ja das ist seine gottheit, sein gottesstand, wenn ich so sagen darf Etta Hitzig
Ernst Ranke (1906) 160.
biblisch in abstrakt-gedanklichem zusammenhang: gottes vnsichtbares wesen, das ist, seine ewige krafft vnd gottheit (
δύναμις καὶ θειότης)
Röm. 1, 20; denn in im (
Christus) wonet die gantze fülle der gottheit leibhafftig (
πᾶν τὸ πλήρωμα τῆς θεότητος σωματικῶς)
Kol. 2, 9.
von da her: [] die fülle der gottheit wohnt in dem menschen Jesus Christus Klopstock
oden 1, 131
M.-P. A@1@bb)
vor allem von der göttlichen natur Christi im unterschied zu seiner menschlichen, als fester dogmatischer terminus, namentlich innerhalb der christologischen zweinaturenlehre; ebenfalls seit Notker
und anstelle des älteren gotnissa (
Isidor 11, 13
H.; 30, 18;
Monseer fragm. 33, 11
H.); gotnissi (Otfrid II 9, 81; III 18, 60; V 6, 59; 8, 18; 23), gotcundi (
Weissenb. kat. 98
Steinm.), gotcundnissa (
ebda 95).
vereinzelt für deus in der bezeichnung Christi, seine person und seine (
göttliche)
natur einander gegenüberstellend: accedet homo in corde alto et in potentia maiestatis sue exaltabitur deus. uuaz tuot darnah Christus homo? zuogat er, lazet sih chriuzegon unde sin tougen herza birget dia goteheit, unde so der mennisco irslagen uuirt, danne wirt got irhohet Notker 2, 240, 11
P.; vgl. noch 643, 20.
sonst hier für divinitas: ne quando taceas a me. i. ne separes diuinitatem uerbi tui ab eo quod homo sum. nelâz mih ane gotheit mennischen sin (
spricht Christus) Notker 2, 87, 7
P.; 643, 12;
so öfter beim glossator, vgl. 2, 189, 17; 351, 19; 363, 10;
für deitas 2, 358, 12
gl.; für verbum 2, 69, 21
gl. besonders in der formelhaften trennung gottheit-menschheit: Crist chom her nidir, daz er ansich name vnsiv mennisheit. hivte fvor er hin vf daz wir ewigliche haben sine goteheit
altdt. pred. 2, 22
Wackernagel; he wart mensche und was doch got, an der menschheit leit her den tot, mit der gotheit oberwant her sine not
Katharinenspiel v. 258
Becker; Nestorius der ketzer trennet die person, domit das er die menscheit von der gottheit reist und macht aus einer iglichen natur eine besonder person Luther 20, 344, 38
W.; vgl. 10, 1, 1, 208; 54, 157; vnd darumb ist er gott: weil seine menscheit kömpt nur von der gottheit macht, vnd von sich selbst bestimmt Opitz
teutsche poemata 173
ndr.; das geheimnisz von der vereinigung der gottheit und menschheit in einer person Gerstenberg
schlesw. lit.-br. 102
lit.-denkm. in selbständigem gebrauch: er entläret sich seiner gothait, seinr frümkait und waisshait und wolt sein bey sündern, menschen und narren Luther 1, 697
W.; vgl. 10, 1, 1, 574; 41, 91.
als umstrittener dogmatischer begriff: welche (
ketzer) sich alle an Christum gemacht und wider jn gestürmet haben, eins teils seine menschheit, die andern seine gottheit angefochten Luther 45, 32
W.; die leugnung der gottheit Christi ist es, um deren willen mich jene verdammen D. Fr. Strausz
ges. schr. (1876) 6, 258. A@1@cc)
seltener in der beziehung auf den heiligen geist: das (
konzil) zu Constantinopel, so die gottheit des heiligen geistes vertheidiget Luther
tischr. 4, 269
W. (
vgl.fona dhes [
heiligen geistes] gotnissu
Isidor 12, 14
H.); erfülle meines hertzens schrein mit deiner (
des heil. geistes) starken gottheit wein Silesius
hl. seelenlust 114
ndr. A@1@dd)
wesentlich ist älterer gebrauch innerhalb trinitarischer spekulation, in der gottheit
als terminologischer begriff die den drei göttlichen personen oder hypostasen gemeinsam eignende unpersönliche göttliche substanz und wesenheit bezeichnet, seit Notker
an stelle des älteren gotnissa,
vgl.oh in dhem dhrim heidim scal man ziuuare eina gotnissa beodan (
sed in eis personis una diuinitas prædicanda est)
Isidor 21, 10
H.; vgl. 9, 14; 20, 12:
sed patris et filii et spiritus sancti una est diuinitas, equalis gloria, coeterna maiestas. aber ein goteheit ist des fater unde des sunes unde des heiligen geistes, kelih kuollichi ebeneuuig magenchraft Notker 2, 640, 20
P. so in der älteren mystik, namentlich in metaphorischer ausprägung (
s. unt. C 1): alsô ist got an den persônen got und an nâtûre gotheit nâch der einveltikeit der nâtûre Meister Eckhart in:
dt. myst. 2, 517, 32
Pf.; die erste und die úberste geburt daz ist das der himelsche vatter gebirt
[] seinen eingebornen sun in gOetlicher wesenlicheit, in persOenlicher underscheit ... die verborgene geburt (
Christi) die geschach in der vinsterre verborgenre unbekanter gotheit Tauler
pred. 8, 2
V. hier auch in ausdrücklicher, wenn auch nicht durchgehender begrifflicher scheidung von got
als persönlichem, in aktiver beziehung wirkendem wesen: allez daz, daz in der gotheit ist, daz ist ein, unde dâ von ist niht ze sprechenne. got wirket, diu gotheit wirket niht, si enhât niht ze wirkenne, in ir ist kein werc ... got unde gotheit hât underscheit an würken und an nihtwürken meister Eckhart in:
dt. mystiker 2, 181
Pf.; Seuse
dt. schr. 330. 25
Bihlm. später: ich gleube das gottis sohn dem vatter gleich ynn der gotheyt 2
ält. katechismen 30
ndr.; und glaube nämlich, ... dasz ein göttlich wesen sei, und seien doch drei unterschiedene personen, in der gottheit gleich gewaltig Schweinichen
denkw. (1878) 1.
die grenze zum persönlichen gebrauch B (
s. u.B 1 c)
ist manchmal flieszend: wir geloben iedoh die namen dri, eine ware gotheith, iemer an unmuze unte an arbeith
dt. ged. d. 11. u. 12. jhs. 335
Diemer. A@22)
in auszerchristlichem gebrauch. in alter sprache für divinitas, aber auch für numen als den begriff göttlicher macht, göttlichen willens und wesens, auch hier seit Notker: unde sih tia himeliskun manigi unde die hohina dero himelgibelo unzuiueligiu unde baldiu fone dero goteheite (
numine) 1, 789, 16
P.; vgl. 718, 3; gotheiti (
quo)
numine (
laeso) (
Äneis 1, 8) (11.
jh.)
ahd. gl. 2, 645, 63
St.-S. sonst jünger, wenn auch seit dem 17.
jh. nur neben ebenso verbreitetem göttlichkeit: die gottheit, göttliche macht, göttliche gewalt vnnd will
numen, diuinitas Maaler
teutsch spr. (1561) 190
b; Calepinus
undecim ling. (1598) 443
b; gottheit
deitas, divinitas, mens cœlestis, æterna, divina, numen divinum. dicitur etiam göttlichkeit Stieler
stammb. (1691) 686; Apollo, ... du schutzherr aller studierenden jugend, dich ruffe ich an, du wollest krafft deiner gottheit die augen dieser verblendeten und verkehrten jugend anietzo eröffnen Schoch
com. v. stud. leben (1657) K 2
a; wie dich (
Ceres) deine gottheit verläszt im verlust deiner tochter (
Proserpina), die du glücklich glaubtest Göthe I 17, 43
W.; vgl. 38, 35: denn so — kehrt der gott sich dir ab: so küszt er die gottheit von dir R. Wagner
ges. schr. u. dicht. (1897) 6, 84.
als '
vergottung, gottwerdung'
in antik-mythologischem zusammenhang: fro bin ih umbe dia era dinero gotheite (
deificationis tue) Notker 1, 797, 11
P.; vgl. 792, 13; die räder deines wagens (
tragen) dich (
Neptun) in diesen inselvollen sund, ... mir meine gottheit anzusagen? Ramler
lyr. ged. (1772) 286.
als eine übertragbare, dem menschen mitteilbare kraft gedacht: er bückte dreimahl sich zur mütterlichen erden, und sprach als wie entzückt, und Phöbus gottheit voll Triller
wurmsamen (1751) 2, 6.
vereinzelt noch anders, in der bedeutung '
göttliche herrschaft': und gäb er (
ein gott) mir, mit seiner hand, die gottheit über meer und land Ramler
lyr. ged. (1772) 143. A@33)
in der übertragung auf wesen auszergöttlicher art. A@3@aa)
unter ernsthaft religiösem aspekt, besonders als '
göttlichkeit, gottsein'
im sinne eines gewaltsam oder unbefugt erstrebten und angemaszten charakters, so im anschlusz an 1. Mose 3: Adam uuolta mit notnamo goteheit keuuunnin (
per rapinam diuinitatem) Notker 2, 264, 19
gl. P.; vermanet Philippum von meinet wegen, das er nicht zum gott werde, sondern streite wider die angeborne, vnd uns vom teufel im paradis eingepflantzte begird der gottheit, denn sie ist vns nicht gut. gottheit hat Euam vnd
[] Adam aus dem paradis gestossen, dieselbe, vnd nichts anders stösset vns auch heraus Luther 5 (
Jena 1561) 43
a;
vgl. 29, 673
W.; was, meint ihr, wird geschehn, wenn einer zum gewinn soll selbst den himmel sehn? die menschen sind der ehr und gottheit zu begierig (
vorwurf eines heiden gegen die christen) Gryphius
trauersp. 675, 43
Palm; do furt er (
der teufel) dich auff eynenn hohen bergk und verkündygt dyr sein gotheyt Luther 11, 27
W.; das solich ding, als ablasz brieff, butterbrieff des babst gottheit, der grosz bättel mit bäpstlicher narrheit ..., das alle sy nit alt, sunder new ding Eberlin v. Günzburg
s. schr. 1, 86
ndr. auch in positivem sinne als ein dem gläubigen verheiszener oder verleihbarer charakter, in verschiedenartigem religiösem zusammenhang: zuo dem allem, so wir senhen, daz ain wyb (
eine sibylle) ... durch gOetlich gnad also gebet hat, daz sie zuo der gothait, das ist hailikait, genomen ist Steinhöwel
de claris mul. 94
lit. ver.; er wechselt mit vns wunderlich: fleisch vnd blut nimpt er an, vnd gibt vns inn seins vatern reich die klare gottheit dran
N. Herman
in: Wackernagel
kirchenl. 3, 1170; und in uns ein unersättlich drängen das verlorne wesen einzuschlingen, gottheit zu erschwingen Schiller 1, 281
G.; mein (
Kundrys) volles liebesumfangen läszt dich (
Parsifal) dann gottheit erlangen R. Wagner
ges. schr. u. dicht. (1897) 10, 361. A@3@bb)
im sinne des vollkommenen durch den wertmaszstab des göttlichen bestimmt, aber ohne echten religiösen bezug. besonders in der liebessprache, der dann ein vergleich mit religiöser verehrung zugrundeliegt, bei flieszender grenze zu B (
s. u.B 4 b
α),
weil der gebrauch durch die personhafte vorstellung mitbestimmt ist. göttlichkeit,
das im sinne der vollkommenheit sonst geläufiger ist (
s. göttlichkeit 4),
tritt in dieser speziellen anwendung daher verhältnismäszig zurück: (
Apolonius:) ihr (
eine frau) habt lust daran, dasz ihr eure gotheit von meiner ergebenheit abgöttisch verehret sehet
schausp. engl. comöd. 101 1,
Creizenach; die ehrfurcht, die mein geist vor deiner (
der geliebten) gottheit heget J. Chr. Günther
s. w. 1, 26
Kr.; vor deiner (
der geliebten) gottheit taumelte mein muth zurüke Schiller 4, 25
G.; entreiszen will ich diesen erdenauen den abglanz deiner (
der geliebten) gottheit, Flordespine Strachwitz
ged. (1850) 101.
anders, von dem anteil des kreatürlich geschaffenen an der vollkommenheit des schöpfers, in bildhafter prägung: auch scheinets, dasz die natur sorge getragen habe, den ... genusz der liebe mit einer gabe zu ersetzen ..., in der auch das geringste lebendige geschöpf eines funkens der gottheit gewürdigt werden sollte Herder 15, 317
S.; Bonaventura
nachtwachen 133
lit.-denkm. in wortspielerischem doppelsinn: sich dem vaticanischen Apoll (
in Rom) zu füszen zu werfen. alle reisen hin in der absicht ihn anzubeten, aber keiner, seine gottheit zu untersuchen Lichtenberg
verm. schr. (1800) 1, 312. A@44)
gelegentlich als gattungsmäsziger qualitätsbegriff in absolutem gebrauch, '
das gottsein, die göttlichkeit'
überhaupt, in verschiedenartigem zusammenhang: darumb kan man nu fort wol erkennen, das es triegerey ist, allen heiden vnd königen offenbar, vnd nicht götter, sondern von menschen henden gemacht, vnd ist keine gottheit in jnen
Baruch 6, 50; gedult ist so not zur gottheyt, das gott nicht seyn kan, er sey denn gedultig. denn unmuoglich ists, das gott on gedult sey Luther 17, 2, 165
W.; ob es recht sey, dem glücke eine gottheit zuzuschreiben und ob solches denen jenigen zukomme? welche christen genent werden J. Prätorius
glückstopf (1669) 17; die welt ist seinem blicke wunder und zeichen voll sinnes, voll gottheit Herder 9, 471
S.; 19, 139.
[] BB.
als personale bezeichnung gottes oder eines gottes, eines göttlichen einzelwesens, nicht vor dem 12.
jh., später mehr und mehr den älteren gebrauch A
überflügelnd. trotz der inhaltlichen deckung mit der vokabel gott
bleibt hier eine akzentverschiebung insofern durchweg fühlbar, als das wort gottheit,
seinem charakter als abstrakter bildung gemäsz, in all seinen beziehungen das merkmal des begrifflichen und gedanklichen stärker als das des persönlichen, konkret-dynamischen trägt. mit dieser anwendung erreicht das wort im späteren 17.
und namentlich im 18.
jh. den höhepunkt seines gebrauchs überhaupt, um später allmählich wieder zurückzutreten. B@11)
früher christlicher sprachgebrauch, mit einschlusz noch Notker
s, scheut offenbar vor der bezeichnung des christlichen gottes durch das wort gottheit
noch zurück. wo deitas oder divinitas gelegentlich nicht auf den substanz-, sondern auf den personalbegriff zu zielen scheinen, wählt der frühe übersetzer das wort got,
vgl. Isidor 17, 1
H.; Notker 1, 190, 4
P.; 277, 18. B@1@aa)
für den biblisch-christlichen gott seit dem 12.
jh. in dogmatisch betonter, auch in feierlich gehobener rede. die für gott
geltende artikellosigkeit begegnet bei gottheit
auszerhalb der (
seltenen)
anrede nur ausnahmsweise, vgl. Parzival 467, 2: Moyses dise rede (
gottes) erhorte, sin antlutzze er nidir cherte, er uerbarch siniv ovgen, er getorste niht schovwen uor siner mennischeite ze der gotheite
Milstäter exodus 126, 4
Diemer; vgl. 109, 14; wâriu, hêriu gotheit (
anrede an gott)
Benedictbeurer gebet z. meszopfer 4
Waag (2.
hälfte d. 12. jhs.);
vgl. dt. ged. 64, 44
Hahn; gedanc ist vinster âne schîn diu gotheit kan lûter sîn
Parzival 466, 19
L.; vgl. 467, 2; Rudolf v. Ems
Barlaam 76, 2; in die gotheit vnd darvber gar klimmet der mensche mit den sinnen
ackermann a. Böhmen 25, 41
Hübner; vgl. 18, 17 (
s. dazu unter D).
auch die wenigen bibelstellen stehen in ausgesprochen gedanklichem zusammenhang: vns aber hat es gott offenbaret durch seinen geist, denn der geist erforschet alle ding, auch die tieffe der gottheit (
καὶ τὰ βάθη τοῦ θεοῦ)
1. Kor. 2, 10; so wir denn göttlichs geschlechts sind, sollen wir nicht meinen, die gottheit (
τὸ θεῖον) sey gleich den gülden, silbern, steinern bilden, durch menschliche gedancken gemacht
apostelg. 17, 29 (
Areopagrede);
im 17.,
namentlich aber im 18.
jh. wird das wort, entsprechend seiner wachsenden verbreitung im allgemein religiösen gebrauch (
s. u. 2),
auch im engen christlichen sinn häufiger verwendet, zeigt aber auch dort, wo es im wechsel mit der vokabel gott
steht, noch seine spezifische färbung: ich kann dir nicht die ganze gottheit in einem zirkel beschreiben, denn sie ist unermeszlich Jac. Böhme
s. w. 2, 96
Schiebler; er liebe gott, er thu was sein wort in sich fast, so wird die gottheit selbst sein hausgenosz vnd gast Logau
s. sinnged. 194
lit. ver.; es müsse, was nur othem hat, für solche nicht zu zählnde proben der liebe, macht und weisheit gottes, die gottheit unaufhörlich loben Brockes
ird. vergnügen (1721) 8, 10; ich sehe in der sprache und im wesen der gottheit die ursache deutlich, warum keiner als (
auszer) gott sie erfinden konnte Herder 5, 145
S. für Klopstock
und, die ihm verwandte dichtung trägt gottheit
hier den affektwert des feierlich erhabenen: ich steh hier in dem vorhof der gottheit. beflügelt von dem tod eilt mein geist einst in den tempel
oden 1, 175
M.-P.; vgl. 66; 87; 97; mit heiliger inbrunst erhebe sich ein allgemeiner gesang zum throne der gottheit Giseke
poet. w. (1767) 20
Gärtner. ungewöhnlich: himmel! soll der gottgeliebte, soll der gottheit sohn zerstäuben? Ramler
lyr. ged. (1772) 368.
[] als bezeichnung für den biblischen gott scheint das wort in jüngerem gebrauch von solchen sprechern bevorzugt zu werden, die sich damit gegen das dogmatisch stärker belastete wort gott
persönlich distanzieren (
s. u. 2): von der kriechenden andächteley eines Ferdinands, der sich vor der gottheit zum wurm erniedrigt Schiller 8, 150
G.; ders., br. 1, 19
Jonas; es entstanden die separatisten, pietisten, Herrenhuter ..., die ... alle blosz die absicht hatten, sich der gottheit, besonders durch Christum, mehr zu nähern Göthe I 26, 62
W.; so lag die summe der religiösen bewegung darin, dasz der ... geist des christenthums ... sich ... zurückwandte, zu jenen urkunden, in welchen sich der ewige bund der gottheit mit dem menschlichen geschlecht ... ausgesprochen hat Ranke
s. w. (1867) 2, 101; 9, 8; 14, 20; das gläubige Russenvolk verehrte in diesem wunder zerknirscht den wink der gottheit Treitschke
dt. gesch. (1897) 3, 193. B@1@bb)
nur vereinzelt wie gott I B 3,
als prägnante bezeichnung Christi: do trat er (
ein jude, der Christus die lanze in die seite stiesz) hinder sich mit sînen füezen: 'o lieber got, lâz mich mîn sünd hie büezen, unschuldic bluot hân ich an dir vergozzen!' diu gotheit sprach ...
in: zs. f. dt. altert. 45, 160 (
meistergesang); do hatt sich dy gottheitt genigett, gab sein geist willigk auff ausz eigner chrafft Egranus
ungedr. pred. 30
Buchw. vgl. noch: unnahbar unendliche gottheit (
Christus), sind's wilde schmerzen allein, die von dir reden und zeugen und deinem göttlichen sein?
moderne dichterchar. 53
Arent-C.-H. B@1@cc)
zu fester prägnanz gelangt das wort in terminologisch zusammenfassender bezeichnung der drei trinitarischen personen, eine verwendung, die wohl eher hierher als zu A
gehört (
s. auch unt. gottheitsmeer, -thron, -wesen): er schinet in der maiestat, got einig in der trinitat ... der verdampte goteleit mag got in der gotheit nit gesehen an Heinrich v. Neustadt
gottes zukunft 6885
Singer; in namen heilger driualtikeit vnd einiger gottheit Riederer
rhetoric (1493) t 6
b; Guarinonius
grewel d. verwüstung (1610) 1; (
d. artikel v. d. dreifaltigkeit) wil gegleubt sein, wie er in der schrifft gefast und in diesem euangelio (
Matth. 3) uns furgebildet ist, nemlich, das drey unterschieden personen in der gottheit sind, vater, son, heiliger geist Luther 51, 102
W.; vgl. 46, 66; 53, 541; die drey personen der gottheit und die wolken ... sind sehr grell vergoldet Nicolai
reise d. Deutschl. u. d. Schweiz (1783) 2, 635; K. Ph. Moritz
Anton Reiser 132
lit.-denkm. so wohl noch, im rahmen sinnfälliger vorstellung: denn mitten im thron (
gottes), im mittelpunkte der gottheit, erschien ein lamm Jung-Stilling
w. 3, 116
Gr. in älterer schwurformel: in solcher weisse als ich heutte falsch schwere, also bite ich gott den vatter, gott den shon vnd gott den heiligen geist, vnd die gantze heilige dreyfaltigkeit, das ich msz auszgeschlossen vnd auszgedilget werden, ausz der gemeinen gottheyt, das mir dieselbe gottheit, ein flch meines leibs vnd lebens, vnd der seelen zu ewiger verdamnusz Reutter v. Speir
kriegsordnung (1594) 22; Fronsperger
kriegsb. 1 (1578) C 2
a. B@22)
seit der aufklärung, und von hier aus im zuge ihrer philosophischen und religiösen nachwirkung bis tief ins 19.
jh. hinein, übernimmt gottheit
weithin die funktion von gott (
s.gott II).
ohne im einzelfall die gottesvorstellung des christlichen offenbarungsglaubens grundsätzlich auszuschlieszen, meint das wort hier jenes umfassende, jenseitige höhere wesen, das vom denken oder vom natürlichen religiösen empfinden des menschen in sehr allgemeinem, dogmatisch unverbindlichem sinne postuliert wird. [] B@2@aa)
allgemein im sprachgebrauch des 18. und 19. jhs.: vor diesem war ein mann, der rühmlich wollte sein, ... dem vaterlande treu, der gottheit ehrerbietig Haller
ged. 103
Hirzel; Shakespeare, der sohn der natur ... ein sohn und vertrauter der gottheit Herder 5, 238
S.; 23, 11; ja selbst liebe zur gottheit geht durch den weg der sinnlichkeit in seine seele Schiller 1, 153
G.; so schaff ich (
der geist) am sausenden webstuhl der zeit, und wirke der gottheit lebendiges kleid Göthe I 14, 32
W. (
Faust v. 509); ich werde ein positives religiöses, aber für den menschen unerklärliches element festhalten, aber ich werde, wenn ich je zu einer stimme komme, mit aller macht dagegen streiten, dasz die gottheit von menschen miszbraucht und ausgelegt werde G. Keller
br. u. tageb. 2, 122
Ermat.; ich höre aus der gottheit nächt'ger ferne die quellen des geschicks melodisch rauschen Mörike
w. 1, 123
Maync. seltener in modernem gebrauch: sie (
die ethik) ist sein (
des menschen) wissen um gut und böse, das ihn der gottheit gleichstellt
N. Hartmann
ethik (
21935) 4;
vgl. 180; 188; 322; 575.
die ausdrucksformen persönlich unmittelbarer beziehung und anthropomorphe vorstellungen treten zurück: gottheit du siehst herab auf mein inneres, du kennst es, du weist, dasz menschenliebe und neigung zu wohltun drin hausen (1802) Beethoven
s. br. 1, 90
Kal.; ich würfe mich zu füssen der gottheit Göthe I 45, 27
W.; aus dem born der schöpfung kannst du schlürfen, und ins angesicht der gottheit sehn Hoffmann v. Fallersleben
ges. schr. (1890) 4, 121. B@2@bb)
in betont abstraktem gebrauch, vgl.: in 'gottheit' ist die idee gottes begrifflich gefaszt, gleichsam 'begreiflich' gemacht für den menschen R. Hildebrand
ged. über gott 167.
so namentlich in verbindungen wie wesen, begriff, idee der gottheit,
entsprechend gott II 1: glorwürdig herrliche natur! ... ja. die selbst göttlich, da in ihr, der gottheit wesen selbst zu sehn Brockes
ird. vergnügen (1721) 8, 4; es musz ... in dem begriff des menschen kein widerspruch mit dem begriff der gottheit liegen Göthe I 22, 332
W.; jene vereinigung: ein ich, das durch seine selbstbestimmung zugleich alles nicht-ich bestimme (die idee der gottheit), ist das letzte ziel dieses strebens Fichte
s. w. (1845) 1, 23. B@2@cc) eine gottheit
als gattungsbegriff, entsprechend gott II 3
in unpräzisiertem sinne: daher Leibniz, indem er den substanzen der welt, nur wie sie der verstand allein denkt, eine gemeinschaft beilegte, eine gottheit zur vermittelung brauchte Kant 3, 201
akad.; und das lehr' uns, dasz eine gottheit unsre zwecke formt, wie wir sie auch entwerfen
Shakespeare 3 (1798) 339; bei Locke selbst vertrug sich der glauben an eine gottheit noch mit seiner übrigen denkart Fr. Schlegel
s. w. (1846) 2, 127. B@33)
in der anwendung auf die götter auszerchristlicher historischer religionen, kaum vor dem frühen 17.
jh., häufig aber seit der mitte des 18.
jhs.; entsprechend gott III A-D,
wobei aber die götter mehr als gedachte, vorgestellte, geglaubte denn als dynamisch aktive wesen gesehen werden. B@3@aa)
von bestimmten einzelgöttern, s. gott III B 2: welchs sonsten der persische glaub für die höchste gottheit helt
theatrum amoris (1626) 147; das trunkene volk hergegen war dieser beliebten gottheit (
Bacchus) noch sehr gewogen Gottsched
crit. dichtkunst (1751) 36
anm. 85; dasz eine griechische gottheit, ungestraft, in wenigen augenblicken mehr unheil stiften kann als die sämmtlichen ägyptischen götter in einem ganzen jahr Göthe IV 29, 40
W.; ein opferstein, auf dem irgendeiner rauhen gottheit feldfrüchte
[] dargebracht worden sind Werfel
Bernadette (1948) 135.
nur gelegentlich in der lebendigen beziehung der anrede: du werthe gottheit hoch vnd theur Spreng
Äneis (1610) 26
a.
ungewöhnlich ist artikellosigkeit im singular auszerhalb der anrede: wenn gottheit Camarupa, hoch und hehr, durch lüfte schwankend wandelt leicht und schwer Göthe I 3, 98
W. pluralisch nur in summierender funktion: der druide hatte seine ursachen, die dicken nachtvollen wälder ... zum aufenthalte seiner gottheiten zu wählen Cramer
nord. aufseher (1758) 40; das volk versetzt den letztern (
Romulus) in himmel und verehrt ihn als Quirinus unter seinen gottheiten Abbt
verm. w. (1768) 1, 29. B@3@bb)
für den häufigen kollektivplural die götter (
s.gott III B 3, C 3)
fehlt bei gottheit
die entsprechung, doch begegnet gelegentlich kollektiver singular: eben zu der zeit, in welcher Pythagoras die rohen Griechen in der feldmeszkunst, und in der kentnisz der gottheit unterwies Haller
Alfred (1773) 110; wird aber einmal die erde vom blitze getroffen ..., so ist es erlaubt, das aufgedeckte gold, wie ein geschenk der gottheit, zu sammeln W. v. Humboldt
ges. schr. 4, 196
akad.; dasz stets in der blüte dahinsinkt jugendlich, wer der gottheit süszer liebling Platen
w. 1, 252
Hempel. B@3@cc)
als gattungsbegriff, wie gott III B 4: der erste begriff von gottheiten (
war) nichts mehr, als ein zusammengesetztes vom empfindungsvermögen, freyheit, unfühlbarkeit, aber nicht durchgängiger unsichtbarkeit
allg. dt. bibl., anh. zu bd. 53-86 (1791) 2035; gottheit bin auch ich (
Hera), des nämlichen stammes, desz du (
Zeus) bist Bürger
s. w. 213
a Bohtz; dicht hielt der zauber seines lebenstraumes ihn jahr um jahr ... umfangen, machte ... seine fische zu gottheiten H. Hesse
glasperlenspiel (1943) 1, 351. B@3@dd)
soviel wie '
götterbild',
s.gott III A 3: im hintergrund des divans steht ein altar mit einer chinesischen gottheit Schiller 13, 474
G.; wahrscheinlich schlummert auch da unten eine gestürzte gottheit (
im waldsee) H. Laube
ges. schr. (1875) 2, 7. B@3@ee)
für personifizierte abstrakte begriffe, aber im unterschied zu unten 4 b
β in noch spürbar mythologischem zusammenhang, wie gott III C 1; die ehre wäre in seinem und der Chaucen gemüthern eine gröszere gottheit, als die Römer aus ihr gemacht hätten Lohenstein
Arminius (1689) 2, 625
a; die alten artisten, wenn sie ein skelet bildeten, meinten damit etwas ganz anders, als den tod, als die gottheit des todes Lessing 11, 35
L.-M.; fürchtet die gottheit des schwerts, eh ihrs der scheid entreiszt Schiller 13, 259
G. B@44)
wie unter gott III E
in der vergleichenden oder übertragenen anwendung auf menschen oder abstrakte und sachliche werte, die nicht dem echten bereich des göttlichen angehören, gelegentlich im älternhd., häufiger seit dem späten 18.
jh. B@4@aa)
in direktem vergleich: Leonoren verehrt er wie eine gottheit Göthe I 9, 167
W.; am freudigsten war schier Gustav, ... der ihn nun als vater verehren durfte, ihn, an dem sein auge, wie an einer gottheit hing Stifter
s. w. 3 (1911) 254; und wie eine gottheit war ihm das vaterland erschienen Alverdes
Reinhold (1931) 42. B@4@bb)
in eigentlicher übertragung. B@4@b@aα)
auf menschen, die in irgendeinem sinne als ausgezeichnet, vollkommen, verehrungswürdig empfunden werden. so besonders in der liebessprache: ihr ehrgihrige ritter, stehet ab von ewerer frechkeit, so ihr begehet, in dem ihr euch in disen gotheiten (
schönen jungfrauen) besehet Weckherlin
ged. 1, 35
Fischer; [] hier, hier wohnt meine gottheit (
die geliebte), die ganz mein herz nach ihrem herzen zieht Göthe I 17, 31
W.; es fehlte natürlicherweise nicht an anbetern, die täglich zu der gottheit mit inbrunst flehten E. T. A. Hoffmann
s. w. 2, 50
Gr. und sonst, aber weniger ausgeprägt als unter gott III E 2: dasz nun Banise sich darff in das heiligthum, und den geweihten ort der irrdschen gottheit wagen: disz schafft, durchlauchtigster! dein hoher gnadenruhm Ziegler
asiat. Banise (1689) IV (
widmungsverse); aber so gehe es mir nicht, wenn ich mit sr. heiligkeit (
dem papst) spräch', in der ich eine höhere gottheit erblickte Göthe I 43, 264
W.; Goethe, Napoleon und — Grécourt waren meine gottheiten Gutzkow
zauberer v. Rom (1858) 6, 223.
im anschlusz an B 1 c: Herder und seine frau ... bilden zusammen eine art von heiliger zweieinigkeit, von der sie jeden erdensohn ausschlieszen. aber weil beide stolz, beide heftig sind, so stöszt diese gottheit zuweilen unter sich selbst aneinander Schiller
br. 1, 400
Jonas. B@4@b@bβ)
häufiger als unter gott III E 3 b
von idealen mächten und lebenswerten: aber ich (
der dichter) bin vnvergessen meiner gottheit (
der kunst) Wasserhuhn
in: barocklyrik 2, 32
Cysarz; die gefühle deines herzens schimmerten in dem süszesten, lüsternsten feuer der dir noch unbekannten gottheit (
liebe) aus den augen Klinger
w. (1809) 10, 37; ich halte es nämlich ganz gut für einen poeten, wenn er auszer der poesie noch etwas treibt, was seinen geist würdig beschäftigt, ohne ihn herabzudrücken, und was ihm musze läszt, in begeisterter stimmung sich seiner gottheit zuzuwenden Luise v. Gall in:
br. 340
Muschler; der hasz war sachte und allseitig herangeblüht, und die geschmähte gottheit der selbstständigkeit und des eigenen werthes hob allgemach das starke haupt empor Stifter
s. w. 3 (1911) 146. CC.
in bestimmten anwendungen und formelhaften prägungen verschwimmen die auch sonst gelegentlich unscharfen grenzen des wortes zwischen dem qualitätsbegriff A
und dem personalbegriff B
so sehr, dasz eindeutige scheidung oft nicht mehr möglich ist. C@11)
so namentlich in der sprache der mystik, und hier insbesondere im rahmen der dem worte gottheit
zugeordneten metaphorik. in diese ist freilich, was die mhd. mystik betrifft, auch das wort got
einbezogen, doch bleibt der vorgang bei diesem wort episodisch, während er sich bei gottheit
in der mystischen und pietistischen literatur des 17.
und frühen 18.
jhs. kräftig fortsetzt und noch in der bereits von B 2
her beeinfluszten religiösen dichtersprache des 18.
jhs. deutliche spuren hinterläszt. in den mehr spekulativen aussagen über das wesen der gottheit
wie in solchen über die unio mystica verschmelzen substanz- und personbegriff, doch verlagert sich, der entwicklung des wortes entsprechend, das gewicht der im mhd. mehr nach A
weisenden vorstellung in späterem gebrauch im ganzen offenbar stärker nach B.
fest geprägte metaphern umschreiben die gottheit
als wesenheit oder in ihrer wesenheit, so als das abgründige, das grundlose: ist daz sache, daz diu sêle über kumt, sô versinket si iemer mê in daz apgründe der gotheit, alsô daz si niemer grunt envindet meister Eckhart in:
dt. mystiker 2, 500
Pf.; so der lichname begraben wurt in der erden, das die sele denne werde begraben in der grundelosen gotheit Tauler
pred. 417, 16
V.; Elsbeth Stagel
leben d. schw. zu Tösz 39, 27
Vetter; wie tief die gottheit sey kan kein geschöpff ergründen: in ihren abgrund musz auch Christi seel verschwinden Silesius
cherub. wandersmann 142
ndr. als ein quellendes, füllendes und sich ergieszendes: in deme worte (
dem göttl. logos) sprichit di gotheit al zu mâle; dâ quillet di gotheit al zu mâle
dt. mystiker 1, 179
Pf.; daz fünfte ist, daz man bekennen sol die gotheit, diu in den
[] vater ist geflozzen unde hât in erfüllet mit vermügentheit und ist geflozzen in den sun unde hât in erfüllet mit wîsheit unde sie sint ein in der nâtûre ... unde sie sint geflozzen in den heiligen geist unde hânt in erfüllet mit guotem willen meister Eckhart in:
dt. mystiker 2, 496
Pf.; 500; Seuse
dt. schr. 14
Bihlm.; je mehr du dich aus dir kannst austun und entgieszen, je mehr musz gott in dich mit seiner gottheit flieszen Silesius
cherub. wandersmann 26
ndr.; die gottheit ist ein brunn, ausz jhr kombt alles her: und laufft auch wider hin, drumm ist sie auch ein meer
ebda 80
ndr.; der gottheit reiner quell will sich ins herz ergieszen G. Arnold
s. geistl. ged. 243
Ehmann. vgl. noch: es (
das herz Ottiliens) war von der liebe zu Eduard ganz gedrängt ausgefüllt und nur die gottheit, die alles durchdringt, konnte dieses herz zugleich mit ihm besitzen Göthe I 20, 249
W. alte bildvorstellungen vom schwimmen, schweben in der gottheit
konkretisieren sich jünger vor allem in den metaphern meer, ocean der gottheit
u. ä.: ich swimm in der gotheit Seuse
dt. schr. 180
B.; so si hört so minnicklichen iren geistlichen vatter von got reden, das si sprach: 'waffen, wie ist meinem hertzen! ich swime in der gothait als ein adeler in dem lufft!' Elsbeth Stagel
leben d. schw. zu Tösz 10, 4
V.; ich werffe mich allein ins ungeschaffne meer der blossen gottheit ein Silesius
cherub. wandersmann 14
ndr.; 24; Brockes
ird. vergnügen (1721) 4, 104; der gottheit unerschöpfte see Haller
ged. 168
Hirzel; 55; doch wagte mein stolz den ocean der gottheit zu ergründen Pfeffel
poet. versuche (1802) 8, 197.
weniger ausgeprägt ist in der älteren mystik der bildkreis vom glanz der gottheit: wan ie tiefer si (
in die unbegreiflichkeit gottes) gêt, ie mêr der glast der gotheit widersleht an sîner unbegrîfelicheit wider in ir (
der seele) armüete meister Eckhart in:
dt. mystiker 2, 494
Pf. der in der allgemeinen religiösen sprache des 18.
und frühen 19.
jhs. verbreitete gebrauch steht aber vielleicht doch in dieser tradition, vgl. unt. komposita wie gottheit(s)glanz, -schein, -sonne
in der mystisch-pietistischen literatur: lasz um mich und um die meinen einen strahl der gottheit scheinen Canitz
ged. (1727) 10; den unermessnen raum ... erfüllt der gottheit glanz Haller
ged. 57
Hirzel; höheres gibt es nichts, als der gottheit sich mehr als andern menschen nähern, und von hier aus die strahlen der gottheit unter das menschengeschlecht verbreiten (1823) Beethoven
s. br. 4, 330
Kal.; kannst also du der gottheit abglanz schänden? des schöpfers bild in deinem angesicht? Grillparzer
s. w. 6, 202
Sauer; auch die in spiegel (
s. spiegel 4 a,
teil 10, 1,
sp. 2231)
wurzelnde mystische und später allgemein religiöse metaphorik tritt zu gottheit
in beziehung (
s. auch unter gottheit(s)spiegel): ich wil... in senken in den hailigen spiegel miner hailigen gothait, da er min götlich ere clarlich schawen sol Marg. Ebner 76, 20
Strauch; gunne ir, gnadenreicher herre (
Christus), in deiner almechtigen vnd ewigen gotheit spiegel sich ewiglichen ersehen
ackermann a. Böhmen 34, 75
Hübner; Jesus der heiland, ist heute gebohren, welcher zum spiegel der gotheit erkohren Zesen
in: barocklyrik 2, 98
Cysarz; Tersteegen
geistl. blumengärtlein (
141841) 46. C@22)
mehr als kombination von A
und B
erscheint eine anwendung, deren formaler ansatzpunkt in A
wurzelt, während die bedeutung nach B
weist, so besonders in dem typus meine gottheit '
ich, der gott; ich, die göttin',
vgl. wohl schon: [] er (
gott) hies den engel chunden des himels chüniging, das der parmung urspring solt durch ir oren fliessen. da lies er uns geniessen der parmung seiner gothait Havich der kellner
st. Stephans leben 3367
McClean; verwundert ihr euch, das ich ehre ... so lustiglich in gespihlschaft der schönheit, höflichkeit und fraid allhie vor euch erscheine? seit zufriden, und glaubet (wie wahr), das meine gotheit an runden, offentlichen und frölichen sehlen, vil grösseres wolgefallen, dan an tückischen und trawrigen gemühtern hat Weckherlin
ged. 1, 31
Fischer; vgl. 13; in keinen mauern (
eines tempels) sucht mich mehr, sucht mich in schönen seelen. wo künftig meine gottheit wohnt, soll euch dies zeichen sagen (
die göttin der sonne spricht) Schiller 6, 8
G.; vor deiner gottheit beugen sich könige, die deine wärter sind Mörike
ges. schr. (1905) 1, 87.
ähnlich in der verbindung mit abhängigem genitiv, vgl. schon: numen (
Junonis) gotheit '
die göttin Juno' (
Vergil Äneis 1, 48) (11.
jh.)
ahd. gl. 2, 645, 70
St.-S.; wenn alle welt dich herzlos kalt verhöhnt, so flüchte du dich hin zu unserm grabe, und rufe deiner söhne gottheit an, denn götter sind wir dann, wir hören dich (
die gestorbenen brüder) Schiller 14, 124
G. DD.
nur in spuren läszt sich die bedeutung '
theologie, gottesgelehrtheit'
nachweisen, die im anschlusz an mlat. divinitas (
engl. divinity, frz. divinité)
im mnl. und älteren nl. verbreitet ist, s. Verwijs-Verdam 2, 2016,
woordenboek 5, 259.
die wenigen eindeutigen hd. bezeugungen weisen durch ihre quelle oder ihren inhaltlichen zusammenhang auf beziehungen zum nl.: theologicus est theologiam sciens ein meister in der gottheit
gemma gemm. (
ausgangsort Köln) (1508) C 2
c;
wohl in dieser tradition: (
Augsburg 1512) Diefenbach
gl. 578
b; die hochberümpte doctoren von Löuen, die licentiaten vnd baccalaurei in der gottheit od. h. schrifft Fischart
binenkorb (1588) A 4
a.
diese regionale beziehung macht es unwahrscheinlich, dasz die unter B 1 a
angeführten stellen aus ackermann v. Böhmen 25, 41; 18, 17
Hübner mit anz. f. dt. alt. 53, 192
für die bedeutung '
gotteslehre'
in anspruch zu nehmen sind.