verzagen,
vb. ,
nicht als kompositum zu dem viel selteneren zagen (
teil 15,
sp. 27)
aufzufassen, sondern als ableitung von zag (
s. teil 15,
sp. 20).
zur etymolog. zusammengehörigkeit mit got. tahjan '
reiszen, zerren',
ferner mit norweg. mundartlich taag '
langsam, andauernd'
vgl. Walde-Pokorny 1, 785
gegen ältere ansicht von Kluge,
vgl. Walde-Pokorny 1, 40.
aus dem mhd. ist verzagen
als lehnwort ins mnd., vgl. Frings
in PBB 69, 19,
von dort ins mnl. übernommen worden, s. versagen Verwijs-Verdam 8, 2315;
nl. versagen, versaagd Dale
groot woordenboek 2, 1877
b; Franck
etym. woordenboek 736
a.
dän. forsagt,
schwed. försagd (
ordbook 9, 3113
akad.),
part. des veralteten forsage '
den mut verlieren',
ist entlehnt aus dem nhd., vgl. Falk-Torp 1, 261.
seit dem 12.
jh. neben dem älteren erzagen (
vgl. Graff 5, 583),
das schon mhd. stark zurücktritt und in neuerer zeit ausgestorben ist; mhd. reich und in mannigfachen schattierungen belegt, s. die mhd. wbb.; in den nhd. wbb. vom 15.
jh. an verzeichnet (
vgl. bedeutungsgruppen). verzagen
bedeutet '
von hoffnungslosigkeit, kleingläubigkeit erfaszt werden',
sowohl im sinne einer allgemeinen gemütsverfassung (
s. u. I A
und verzweifeln)
als auch von einer vorübergehenden, nur auf ein bestimmtes objekt gerichteten haltung (
s. u. I B).
stärker als bei verzweifeln
ist eine psychische anlage bestimmend, während die jeweilige situation weniger ins gewicht fällt. enger als mit verzweifeln
ist mit verzagen
die vorstellung von seelischer müdigkeit, mutlosigkeit und handlungsunfähigkeit verknüpft. heute umgangssprachlich weitgehend durch andere ausdrücke (den mut verlieren, ängstlich werden, den kopf hängen lassen)
ersetzt; auffallenderweise auch literarisch im 20.
jh. nur spärlich nachweisbar. ebenfalls mundartlich nicht weit verbreitet. für das obd. verzeichnet bei Schmeller-Fr.
bayr. 2, 1088; Stalder
schweiz. id. 2, 461; Martin-Lienhart
elsäss. 2, 983
b; Fischer
schwäb. 2, 1420,
der jedoch nur ältere belege anführt. im md. gebiet verzôen
luxemburg. ma. 469.
nd. formen sind nicht nachweisbar; für den gebrauch der hd. form im nd. raum vgl. f
ertsagen Bauer-Collitz
Waldeck 32
a; Müller-Weitz
Aachener ma. 256 (
beleg s. u. III B 2)
und Mensing
schlesw.-holst. 5, 438,
der verzagen
als ein aus dem hd. übernommenes wort mit veränderter bedeutung bucht: se sünd good mit enanner verzaagt '
befreundet, bekannt' (
bei Kiel um 1800).
das alemann. kennt auch umgelautete formen, vgl. verzägt Stumpf
Schweizerchron. 222
b, verzegen Brennwald
Schweizerchron. 2, 132;
dazu Fischer
schwäb. 2, 1420.
sporadisch findet sich ein aus dem part. präs. entstandener infinitiv (
vgl. Behaghel
syntax 2, 365): der Crichen lac da vil erslagen, sie waren vil na verzagen Herbort v. Fritslar
liet von Troye 14 548; also ist manch verzagter mann, hebt offt mit zwein ein hader an nach glegenheit der stett und zeit: wer er daussen im velde weit, da wer er wol also verzagen, das er sich nit mit eim dörfft schlagen Burkhart Waldis
Esopus 1, 115
K. hierher vielleicht auch: auff dasz er (
der ungmut und ungfall) nicht die menschen blOed mach, weibisch und verzagen Fischart
w. 2, 16
H. (
jedoch s. u. unter II 1).
zusammengesetzte präteritalformen von verzagen
sind nur spärlich und im wesentlichen für die frühnhd. zeit nachweisbar. zur konstruktion mit haben
vgl. die unten (I A 1 a; I B 2; II 2)
aufgeführten belege: städtechron. 5, 32;
Fortunatus (1509) 124
ndr.; Würtz
wundtartzney (1624) 37; Scharnhorst
br. (1914) 1, 55;
bei dem —
nach Adelung 4 (1801) 1184
allein geläufigen —
gebrauch mit sein
handelt es sich wohl nur vereinzelt um wirklich verbalen ausdruck, vgl. hätte ... noch keinen gesehen, der desswegen verzagt ... seye Grimmelshausen
Simpl. 222
Scholte; meist jedoch um prädikative verwendung des adjektivisch verselbständigten part. prät. (
s. u. III). II.
intransitiv. I@AA.
hoffnung und vertrauen verlieren; im sinne einer seelischen reaktion, die den gesamten gemütszustand eines menschen bestimmt, die willens- und handlungsfähigkeit lähmt (
vgl. verzweifeln).
das verb steht auch dort, wo die person metonymisch bezeichnet wird, z. b. vom menschlichen herzen usw.; dort, wo die jeweilige situation oder die ursache des verzagens näher bestimmt wird, erscheinen häufig präpositionale wendungen wie verzagen in, aus, vor (
älter ab, ob), um, unter, von,
mhd. auch genitivische fügung. I@A@11)
in erkenntnis einer aussichtslosen lage oder eines unabwendbaren unheils hoffnung und mut verlieren; die vorstellung des niedergeschlagen-, bedrückt-, müde-, ängstlich-seins steht im vordergrund. I@A@1@aa)
von mhd. zeit an häufig belegt: selhes kumbers den sî leit, des was ir lîp sô ungewon daz sî verzagte dâ von Hartmann v. Aue
Iwein 5790; dô sie alle wâren geslagen, dannoch sach
man nicht verzagen den meister und die brûdere sîn, sie liden ungevûgen pîn
livländ. reimchron. 8435
Meyer; liebes kint, du solt nit verzagen: ich wil dir trúlich helffen tragen
Christus u. d. minnende seele 256, 49; rengnet also wol drei wuchen und wurden alle waszer so grosz, dasz ... die leut möchten verzagt han von der groszen ungestümigkait der waszer und groszen güsz (
Augsburg mitte 15.
jh.)
städtechron. 5, 32; fraw, tröst mich bas, dann mit der gmain, sol ich nit gantz verzagen!
liederbuch d. Hätzlerin 81
Haltaus; mein hertz wil mir vor leyd verzagen Hans Sachs 1, 155
K.; mein vater ist ein groszer rabbinus gewesen, der hat viel gelesen und gewarttet, auff Messiam, aber endlich vertzaget an alle hoffnung Luther
tischr. 5, 531
W.; vgl. 47, 39; armut in gedult nit thut verzagen Eyering
proverb. copia (1601) 1, 111; der himmel weisz, die zeit, die harten landesplagen, in welchen feld und vieh und menschen schier verzagen, das leid, das Gibeon wol ehemal beklagt Gryphius
trauersp. 766
lit. ver.; dasz wier im glükke nicht übermut (!) treiben; noch im unglück verzagen Butschky
Pathmos (1677) 25; mein freund! noch nicht verzagt, wir haben gleiche fälle, das unglück paaret uns, wir sind in einer hölle Günther
ged. (1735) 989; Oraniens warnung kam aus einer trübsinnigen verzagenden seele; und für Egmont lachte noch die welt Schiller
s. schr. 7, 286
G.; baue fest auf die vorsehung und verzage nicht, wenn du ein mann und ein christ seyn willst Knigge
roman. m. lebens (1781) 2, 201; drum wähle mir aus dieses lebens plagen ein leicht gewicht, damit ich nicht mOeg unter meiner heissen last verzagen Schubart
s. ged. (1825) 1, 65; nur musz man nicht gleich beim ersten schiefen maul, das madame Fortuna einem macht, verzagen J. G. Forster
s. schr. (1843) 7, 317; da (
ward) keine verzagende klage, sondern wirkliche aussicht und möglicher trost geboten Gervinus
dt. dicht. (1853) 2, 224; aber so wie der sieger sich seines glückes nicht überheben wird, so sollen die, welche unterliegen, nicht verzagen und keinen gram oder groll von dannen nehmen G. Keller
ges. w. (1889) 4, 241; milde fraue, lasz mich nicht verzagen (
in der sorge um das kranke kind) A. v. Droste-Hülshoff
ges. schr. (1879) 1, 398; (
der glaube) an das vaterland, der ... in der tiefen nacht allgemeinen verzagens das ... morgenrot des sieges ... schaut Mommsen
reden u. aufs. (1905) 18; aber mein liebling ... teilte auch mir, der zum verzagen geneigten, immer wieder von ihrer begeisterung mit über die grosze, die herrliche zeit Th. Mann
Lotte in Weimar (1946) 211.
trübsinnig sein oder werden: wer weisz, wo glück verborgen leit, doch dasz wir nit verzagen gantz, mach auff, spillmann, ein kurtzen tantz H. Sachs 14, 218
lit. ver. auch umgangssprachlich abgeschwächt: ich habe noch so viel
hier zu thun, dasz ich fast verzage O. v. Bismarck
br. a. s. braut u. gattin 272
H. v. Bism. in deutlicher steigerung neben einem sinnverwandten wort: uns ist bange, aber wir verzagen nicht
2. Kor. 4, 8; Michael Weywoda aber sölcher bottschafft erschrocken, verzaget doch nicht Stumpf
Schweizerchron. (1606) 45
a; Friedrich der Grosze zagte zuweilen und blickte zweifelnd in die zukunft; aber er verzagte doch nie Schlosser
weltgesch. 16, 305.
bei dem nebeneinander von verzweifeln
und verzagen
spricht der wunsch mit, durch die verschiedenen nuancen eine gegenseitige ergänzung der beiden vielfach synonymen verben zu erreichen: einem solchen lehrer (
wie Novatus, der nur einmal die sünde vergeben wollte) sollte man sein ampt verbieten, der do die leuthe lernen wolte verzweiffeln und verzagen Luther 47, 309
W.; aus der histori nemb drey lehr! ... zum dritten: wo man ist in not, ob schon vor augen ist der todt, das nyemand verzweyflend verzag Hans Sachs 2, 244
lit. ver.; als ... alles verzagte und verzweiffelte, haben sie ... den sieg, ruhe und fried erhalten Albertinus
hirnschleiffer (1664) 25. I@A@1@bb)
im religiösen bereich, die hoffnung und das vertrauen auf erlösung, gnade und göttliche hilfe verlieren; nicht so häufig und terminologisch prägnant wie verzweifeln (
s. d.): sand Augustin spricht: 'von deim ast der torheit und der traurichait chumpt der ast der verzaghait, und das ist die gröste sund, die auf dise welt chumpt, als das alle maister sagen, das man sich hüete vor verzagen Vintler
pluemen d. tugent 1142
Zingerle; das sie (
die bibel) eyn trostbuch ist, wilchs die seelen erhalten kan yn allem trubsall, das sie nicht vortzage, szondern hoffnung behallte Luther 10, 1, 2, 75
W.; hoffen kömmet vom heiligen geiste und ist sein werk, aber verzagen kömmet aus unserm geist und ist unser kräfte werk und thun
ders., tischr. 1, 168
W.; du aber, der du bleibst bey gott; findst gnad und darfst in keiner noth ohn hülf und trost verzagen Paul Gerhard
bei Fischer-Tümpel
evang. kirchenlied 3, 403a (
vgl. auch 1 a); sein heiliger leib ward seer geschlagen, auf das wir erlOeset nicht vertzagen in all vnser schwacheit Wackernagel
dt. kirchenlied (1864) 4, 369.
später seltener: ich müszte wohl verzagen, ich habe viel verbrochen. doch da du mich getragen, mein gott, bis diesen tag, ... wie soll sie (
die seele) dem nicht trauen, der ihre bande brach! A. v. Droste-Hülshoff
ges. schr. (1879) 3, 55. I@A@1@cc)
vor leid, liebeskummer allen lebensmut verlieren, sich in innerem schmerz verzehren, vergehen: meine tochter thut vor liebe fast verzagen Chr. Reuter
Harlequin v. 240
ndr.; so musz ich denn gehen dahin, dahin! und ich habe dir nicht gesagt, geklagt, wie ich mählig dein eigen geworden bin, bis das herz mir in zehrender liebe verzagt Strachwitz
ged. (1850) 232.
mit auffälliger tendenz zur bedeutung '
sterben' (?): diese schrye ... dermassen, ob der letzte athem ihr ausgehen und sie verzagen wolte Moscherosch
gesichte (1650) 1, 72. I@A@1@dd)
in älterer zeit von der zunge, in der bedeutung '
versagen': sie stamelt understunde, ir begunde in dem munde diu zunge alsô verzagen, daz sie niht enmoht gesagen Lamprecht v. Regensburg
tochter Syon 4253; soll ich zuhalten das maul mein, könt ich weder essen noch trinckn, müst in hunger und durst versinckn und meine zung müst mir verzagn Ayrer
dramen 198
lit. ver. vgl. hier auch die bedeutung '
verstummen': diu sueze minne unt diu vil reine, die ich doch so herzeklichen meine, erwirbe ich an der niht ein kleine, so vürht ich, daz al min sank verzage
minnesinger 2, 172
a v. d. Hagen. I@A@1@ee)
in bildlich-übertragener verwendung. die lebenskraft verlieren, dahinschwinden, vergehen: wenn die bäume all verzagen und die farben rings verblühn, tannbaum, deine kronen ragen aus der oede ewiggrün Eichendorff
s. w. (1864) 1, 314;
bei Th. Mann
in dichterisch-kühner formulierung: an stelle des parkcafés mit seinen tischchen ... ragt immer noch die schiefe holztafel (
mit dem hinweis, das grundstück sei zur einrichtung eines cafés verkäuflich), ein verzagend hinsinkendes angebot ohne nachfrage (1918)
ausgew. erz. (1953) 232. I@A@1@ff)
im widerspruch zu seinem bedeutungsgehalt steht verzagen
selten und wohl nur unter einflusz des reimzwanges in der darstellung eines affektbetonten verhaltens: sie kan vor seelenweh sich selbest nicht vertragen: ihr frey zerwirtes haar rauft sie von ihrem ort, ihr langgewundne hand schwingt sie gen himmel fort, sie kniet an den strand und wtet in verzagen Harsdörffer
frauenz.-gesprächsp. 4 (1644) 199. I@A@22)
häufig tritt die vorstellung in den vordergrund, dasz der verzagte,
von hoffnungslosigkeit und furcht überwältigt, alle kraft verliert, sich dem unglück zu widersetzen oder etwas zu unternehmen. I@A@2@aa)
in der stunde der gefahr sich in furcht (
vor etwas)
treiben lassen, feige werden; besonders bei kämpferischen, kriegerischen auseinandersetzungen; vgl. verzagen,
das hertz in die hosen fallen lassen
labascere, ἀθυμεῖν Decimator
thes. (1608) f 1
a; decouragiren, verzagt machen Apinus
gl. nov. (1728) 172: mich jâmert manches heldes lîp, der âne wer dâ wart geslagen. ir genûc sach man sô verzagen, daz sie zû lande vluhen wider
livländ. reimchron. 1936
Meyer; man sicht ewch all vertzagen von pitterlicher vorcht
altdt. passionssp. a. Tirol 40
Wackernell; schlaffen heist hie, so man zu felde sagt, verzagen, feig werden, erschrecken (1545) Luther 54, 410
W.; Christus wollt ... uns seynen ... mut geben, das wyr nicht yrren noch verzagen fur dem satan
ders., 18, 62
W.; da gedacht Bittergroll, hie wird man dir und dem volck das requiem und complet singen, vnsers bleibens ist nicht mehr hie, verzagten derhalben, vnd floh ein jeder, wa er hinauszkommen mocht Fischart
Garg. 426
ndr.; als nemlich, das er ohn verzagn sich wöll mit seinem Adam schlagen Ringwaldt
lauter warheit (1597) 11; wie, dass ihr so verzagt ob dem, was tödten kann? Gryphius
trauersp. 231
lit. ver.; Johannes von Bruchhausen ... gefragt, wen er vor ein dapffern helden hielte, antwort er: den, ... der in der gefahr nicht all zu verzagt Zinkgref-Weidner
teutscher nation weisheit 3 (1653) 37; du warst vorhin beherzt, was willst du itzt verzagen? Gottsched
dt. schaubühne (1740) 4, 50; ein junger krieger, der verzagt, und zitternd sich ins treffen wagt J. A. Ebert
ep. u. verm. ged. (1789) 28; wer ist wohl manns genug, um hier nicht zu verzagen? Göthe I 16, 24
W.; und ob der teufel grollt, drum wird kein mann verzagen Schenkendorf
ged. (1815) 100; dasz ich vor dem tod nicht verzagen musz Bettine
d. Günderode (1840) 1, 57; vor finstern mächten musz die bange welt verzagen Fr. W. Weber
Dreizehnlinden (1907) 208. I@A@2@bb)
mit verallgemeinertem und blasserem bedeutungsgehalt, nur im hinblick auf die gelähmte handlungsfähigkeit, '
sich zum handeln nicht aufraffen können',
vgl.man musz nicht verzagen, sondern wieder wagen Dentzler
clavis ling. lat. (1716) 317
a; wenn man die jugend in verzagter unthätigkeit zubringt, so treibt uns die noth in der folge zur verzweiflung. daher sagt ein altes deutsches sprüchwort: in der jugend verzagt, im alter verzweifelt Eberhard
synon. 6, 303: wil dû danne niht verzagen, sone tuo dem becke niht mê, giuz ûf den stein, der dâ stê, dâ mite des brunnen ein teil Hartmann v. Aue
Iwein 592
B.-L.; wer verzagt, hat nichts zu wegen bracht Gryphius
trauersp. 298
Palm; so zwischen wagen und verzagen musz sich der unruh altgesell, der mensch, durchs wirre leben schlagen Arndt
w. 5, 141
Rösch-Meissner; Tell handelt, wo die andern verzagen Scherer
litteraturgesch. 7 610; der leidensfähige dagegen erstarkt im leiden, seine tragkraft, sein menschentum, sein sittliches sein wächst. sein leiden ist wertvoll, denn es ist das umgekehrte verhalten wie das des brüchigen und verzagenden
N. Hartmann
ethik (
21935) 316.
mhd. '
versäumen etwas zu tun': ôwê daz iuch mîn ouge siht, sprach diu jâmerbæriu magt, sît ir vrâgens sît verzagt Wolfram v. Eschenbach
Parzival 255, 4
L. I@A@2@cc)
häufig erfährt der sinngehalt des verbs eine abschwächung und umfärbung in richtung auf die unter zag 3
und zaghaft (
s. d.)
charakterisierte bedeutung. im sinne von '
zögernd, schwankend, unsicher, unentschlossen sein oder werden': derhalb begert jhener, gefragt was gott wer, ein bedacht eins tags darüber, darnach 2, 3
etc.; zuoletst verzagend sprach er je mer und lenger ich grübel, je weniger ich dis guot find und begreiff S. Franck
chron. zeitb. (1531) 2
a; also die fürsten ohne verzagen den hauffen theilten auff dem plan Spreng
Ilias (1610) 21
a; die beamten sanken in dumpfes verzagen, und wagten kaum noch, befehle zu vollziehen Zschokke
s. ausg. schr. (1824) 2, 175; mit ruchloser kraft vermögend alles zu wagen und zu opfern, was der mensch achtet, in seinen entschlüssen verzagend und sogar in seinen irrthümern schwankend Gervinus
gesch. d. dt. dichtung (1853) 5, 229; dieses momentane betroffensein und verzagen ... ist psychologisch richtig O. Jahn
Mozart (1856) 4, 355
anm. 53.
mit dem beisinn des '
schüchtern, scheu seins': Anna zögernd und verzagend in die waldkapelle tritt Lenau
s. w. 291
Barthel; und ihr füsschen neckt die wellen, mit verzagen und mit wagen Brentano
ges. schr. (1852) 2, 411; was lilie keusch in deinem kelche webet ... und still und mild die blauen augen klagen, uns fasst ein gleich verzagen, ach! nimmer kann des herzens still verbrennen der keusche mund bekennen
ebda 327. I@BB.
nicht im sinne einer allgemeinen seelischen erschütterung, sondern von einer lediglich auf ein bestimmtes objekt gerichteten unsicheren haltung; '
im hinblick auf eine person, ein ereignis, eine macht die hoffnung, den glauben, das vertrauen verlieren'
; diese beziehung kann syntaktisch durch eine präpositionale fügung oder einen abhängigen (
infinitiv- oder dasz-)
satz ausgedrückt werden. vgl. ab aliquo desperare von einem weder hoffnung noch hilff haben oder an eim verzagen und verzweyflen Frisius
dict. (1556) 399
a;
auch 400
a; an etwas gänzlich verzagen, verzweifeln
désespérer de qch. Schwan
nouv. dict. (1783) 2, 946
a. I@B@11)
das vertrauen zu jem. (
zu sich selbst)
verlieren; irre werden an jem. oder an dessen eigenschaften, fähigkeiten oder haltung; kein zutrauen zu jem. haben; an jem. zweifeln. I@B@1@aa)
bis ins 19.
jh. belegt; heute ungebräuchlich: kein muttr sol an irm kind verzagen Hans Sachs 17, 46
lit. ver.; als ... Ptolemeus an den Achaiern verzagt Xylander
Polybius (1574) 103; wir ... ursach haben an uns selbs und eigenen kräfften zu verzagen Dannhawer
catech.-milch (1657) 1, 13; als Damon lang geplaget in schwerer liebe brunst, numehr fast gantz verzaget an seiner Philli gunst
Königsberger dichterkreis 56
ndr.; Rom erlag, verzagt an eignen kräften Herder 27, 289
S.; es (
das übermasz an vergnügen) macht zuerst leichtsinnig, dann oberflächlich und gegen sich selbst gelinde, zuletzt matt und über sich selbst verzagend Herder 20, 377
S.; warum soll es die ganze gattung entgelten, wenn einige glieder an ihrem werthe verzagen? Schiller 4, 47
G.; besonders fang ich an, an allen menschen zu verzagen Lavater (1776)
in: schr. d. Goetheges. (1885) 16, 64; an ihren kräften verzagend, wagten die Römer keinen versuch, im felde widerstand zu leisten Niebuhr
röm. gesch. (1811) 1, 348. I@B@1@bb)
häufig im christl.-relig. bereich, das vertrauen zu gott, den glauben an seine macht oder güte aufgeben: daz du an got niht verzagtes Wolfram v. Eschenbach
Parzival 489, 17; Saul sah sein volk und sOen erschlagen und that am herren gar verzagen Fischart
bibl. hist. 303
Kurz; so sollent ir nit an der barmhertzigkeit gotts verzagen
manuale curat. pred. (1516) 95
a; so wir an Christo verzagend und zuo der creatur loufend um hilf zuo begeeren Zwingli
dt. schr. (1828) 1, 141; darum soll man an gottes gnade und segen nicht verzagen Schweinichen
denkwürd. (1878) 207; sollt ich an deiner macht, o gott, verzagen Cramer
sämmtl. ged. (1781) 1, 75; nur dem festen ... schliessen sich die schwachen ... an, nicht aber dem, der an gott verzaget Haller
rest. d. staatswiss. (1816) 1, 69.
im sprichwort: an gott nicht verzag, glck kOemet alle tage Friedrich Wilhelm
sprichw.-reg. (1577) A 1
a nr. 22; auff gott und glck verzage keiner nicht Lehmann
floril. polit. (1662) 3, 22.
mit deutlicher tendenz zu '
zweifeln' (
s. u. 3): denn wer noch wanket oder zweifelt, ob ihm die sünden vergeben seien, der vertrauet gott nicht, und verzaget an Christo, denn er hält seine sünde für gröszer und stärker, denn den tod und blut Christi J. Jonas
Augsb. konkordienb. 113
Müller. I@B@1@cc)
vom christlich-religiösen standpunkt her auch für eine positiv gewertete misztrauische, demütige haltung gegenüber der menschlichen kraft und den menschlichen werken; für das 16.
und 17.
jh., zuerst bei Luther,
belegt: warumb ist er (
Christus) denn gestorben anders, denn das er fur uns die sund pusset und gnade erwurbe, und wyr an unsz und unszernn wercken vortzagen, nichts auff sie hallten, alleyn auff Christum trotzen und mit festem glawben hallten 10, 1, 1, 685
W.; hoc est, ut sedeamus, tritt ab, verzag an dir selb, quia nihil efficis
ebda 15, 464
W.; der recht gottes dienst vnd die gotseligkeyt, dadurch die leutte vor got gerecht werden, stehet im vertrawen auff gottes guette vnd barmhertzigkeyt, vnd im verzagen an vns selbs Agricola 750
teutscher sprichw. (1534) a 5
a.
wohl auch: lasz werden nicht zu spott, die herzlich nach dir fragen, an ihrem thun verzagen, und halten dein gebot
bei Opel-Cohn
dreissigj. krieg 45.
diese haltung kann sich auch auf andere menschen, nicht nur auf die eigene person, beziehen: das erkandte auch Salomon, darumb vertzagt er an allem recht, das yhm auch Mose durch gott hatte furgeschrieben, und an allen seynen fursten und rethen und wand sich zuo gott selber Luther 11, 272
W. I@B@1@dd)
das zutrauen zur wirksamkeit von unternehmungen oder mitteln verlieren: ach lieber gott, sagte der doctor zu uns, sie (
die papisten) verzagen an ihren anschlägen, räthen und practiken; denn sie sehen ..., dasz das Deutschland, so nun ... durchs euangelium erleuchtet ist ... wird hinfort nicht mehr thun, was es zuvor, durch aberglauben und abgötterey bethört und bezaubert, erlitten hat Luther
tischr. 5, 638
W. an der ausdrucksmöglichkeit zweifeln: er mueste der worte gar verzagen, wer ir smerzen wölte sagen
bei Mone
schausp. d. mittelalters 1, 237. I@B@22)
wo sich die haltung des verzagenden
auf ein (
erwartetes)
ereignis oder die erreichung eines zieles, die erhaltung eines zustandes richtet, ergeben sich unterschiedliche bedeutungsnuancen. die hoffnung aufgeben, bezogen auf ein zukünftiges geschehen: do er (
der gefangene) ... nun verzaget, das er sein lebenlang nicht ledig werdenn und kain andere hoffnung war Steinhöwel
de claris mul. 315
lit. ver.; nemlich die Juden zu trösten, das sie nicht verzagten an der zukunfft Christi Luther 19, 401
W. den glauben verlieren an die erringung eines zieles, die wiederherstellung oder erhaltung eines zustandes: ist das die rache der kleinen geister an dem genie, dem sie nachzuklimmen verzagen? Schiller 3, 510
G.; als jetzt die auszenwerke (
von Bristol) genommen waren, verzagte die besatzung, sich zu behaupten, und überlieferte den ort Ranke
s. w. 16 (1875) 168.
auch verkürzt, an, bei, über etwas,
d. h. an seiner erreichung, seiner erhaltung, seinem erfolg, verzagen: darumb haben die apostel in iren glawb gesetzt ablas der sünd, domit der mensch nit vertzag noch verzweifel an seiner sæligkeit Berthold v. Chiemsee
tewtsche theol. 563
R.; die aber alle an seiner gesundtheyt verzagten, unnd nicht lang verging, er nach dem willen gottes ausz dieser welt schiede Montanus
schwankb. 220
lit. ver.; wer bey dem lieben will verzagen, der lasse lieben unterwegen Stieler
geharnschte Venus 87
ndr.; (
d. menschliche klugheit steht unter keinem blinden zufalle), sonst könnten wir bey groszen unternehmungen verzagen Kästner
verm. schr. (1755) 1, 5; wenn man noch jung ist, muss man über nichts verzagen: der flug des adlers selbst muss dir nicht zu hoch dünken Kretschmann
s. w. (1784) 6, 72; du kannst ja alles, Tell, an nichts verzagst du Schiller 14, 361
G. häufig auch '
an die erhaltung des lebens nicht mehr glauben': die wOelffe ... fuhren in ihrem abscheulichen geheule dermassen fort, bis ich gantz an meinem leben verzaget Zend. a Zendoriis
teutsche winternächte (1682) 204.
in verkürzter ausdrucksweise an jem. verzagen,
d. h. nicht mehr auf die rettung seines lebens rechnen: als alle meister an dem selbigen patienten ... verzagt hatten Würtz
wundartzney (1624) 37; (
ärzte), die sein krancheit beschauten, sein pulsz vnd harm sachen vnd griffen, aber die vrsache seiner krancheit in ferre vnd frömde was, alle an im verczagten Arigo
decameron 131
Keller. vgl. hier auch: mein weib verzagt um mich; verkündet ihr, dasz ich gerettet sei und wohl geborgen Schiller 14, 377
G. in ähnlicher verkürzung: ain schOene tochter ..., der warn zway grosse hOerner geschossen, die ich ir gantz vertriben hab, wann all ander artzt an den hOernern (
nämlich sie zu vertreiben) vertzaget hetten
Fortunatus (1509) 124
ndr. mhd. auch '
eine unternehmung aufgeben, von etwas ablassen': ich hôrt ie sagen, swa ez sô gezôch daz man gein wîbes scherme vlôch, dâ solt ellenthaftes jagen an sîme strîte gar verzagen, op dâ wære manlîch zuht Wolfram v. Eschenbach
Parzival 415, 4; sus wurben die dâ wâren verdecket mit der toufe, so der edele vorloufe (
jagdhund), der sîner verte niht verzagt und ungeschütet nâch jagt, swenn er geswimmet durch den wâc
ders., Willehalm 435, 13
L. I@B@33)
stark gefärbt im sinne intellektuellen zweifelns: schon damahls verlieszen einige Numidier den Hannibal, und giengen zu den ROemern über; so wenig verzagte man an der erhaltung der republick Haller
Fabius u. Cato (1774) 60; so würd ich also sagen, wie es dem deutschen kaiser ziemt: ihr völker! ... ich fürchte nicht, dasz meine fürstliche groszmuth für euch nicht ausreicht. habt ihr ein edles wagnis vor, verzagt nicht an meiner kühnheit über felsen und klippen ... euch beizustehn Bettine
dies buch geh. d. könig (1843) 116; bei dem mondlicht ... erschien sie ihm so gross und schlank, dass er erst fast verzagte, ob sie es wirklich sei Storm
s. w. (1899) 6, 16. IIII.
neben dem überwiegend intransitiven gebrauch selten andere verwendung. II@11)
transitiv; '
jem. mutlos machen': daz verzagte mich ouch, daz ich niht ensprach
minnesinger 2, 197
a Bodmer-Br. nhd. nur in älterer zeit: schwyg, du möchtest uns verzagen
schweiz. schausp. d. 16. jhs. 1, 31
B.; der still angriff und das urplötzlich geschrey verzagt den feindt Fronsperger
kriegsb. 1 (1578) 181
b.
in der form verzegen: ir woltend aber gern ander lüt mit üch verzegen Brennwald
Schweizerchron. 2, 132.
gewöhnlich steht jedoch verzagen machen
oder verzagt machen: ich nahe schon dem end, mich macht die pein verzagen A. U. v. Braunschweig
Octavia 1, 152; der drang der gedanken macht mich verzagen Pückler
briefw. u. tageb. (1871) 1, 156; gedancken, die sie verzagt und unlustig machen Luther 23, 542
W. (
beleg s. auch unter III 2 b); o dess bösen unglücks, das mich also verzagt gemacht hat
buch d. liebe (1587) 132
a. II@22)
selten reflexiv: neiman ensal sich da verzagen Gottfried Hagen (13.
jh.) 5924
in: städtechron. 12, 190; ich habe mich verzagt über seine krankheit Scharnhorst
br. (1914) 1, 55. IIIIII.
das part. prät. verzagt,
adjektivisch verselbständigt, jedoch für das mhd. wohl noch stark verbal aufzufassen; in den wbb. seit dem 15.
jh. neben dem inf. in den unten erläuterten bedeutungsschattierungen gebucht. '
hoffnungslos' (
vgl. verzweifeln III), '
mutlos', '
zaghaft'.
vom menschen und metonymisch vom herzen, selten auch übertragen von der stimmung usw.;
auch adverbial gebraucht. III@AA.
von einer vorübergehenden situationsgebundenen verhaltensweise, mit spürbarem verbalgehalt. III@A@11)
angesichts einer ungünstigen lage hoffnungslos, von leid und kummer niedergedrückt sein, ohne glauben an eine besserung des zustandes oder erreichung eines zieles: ich weiz wol daz ein krankez herze wær dâ von verzeit
minnesinger 1, 49
b Bodmer-Breitinger; jâ ist diu werlt sô gar verzeit, fröide nimt nu niemen war, si hat verlorn ir werdekeit
ebda 2, 52
a; sî was von vorhten alsô gar verzagt, das sî vil kûme ûf gesach Hartmann v. Aue
Iwein 195; ich was von leide gar verzagt
bei Mone
schausp. d. mittelalters 1, 227; also die reichen sind verzagt, wissen kain trost, wann not sie jagt Fischart
podagr. trostbüchl. 100
ndr.; o dess bOesen unglcks, das mich also verzagt gemacht hat
buch d. liebe (1587) 132
a; da sprach er (
Otto d. Grosze) jhnen (
dem volk) also zu: ey warumb seyet jhr so verzagt? vertrawet gott ... ist vnser stund kommen, so wollen wir alle herrlich und christlich sterben Zinkgref
apophthegmata (1628) 21; kurz drauf erblickt sie (
die wachtel) ihren freund verzagt ... auf einer vogelruthe kleben Schwabe
belust. (1741) 1, 184; verzagte seele! dämpfe deinen kummer Pfeffel
poet. versuche (1802) 1, 9; kann ich nicht auch sie lassen auferstehen für euch aus eurer nacht verzagtem trauern? Rückert
ges. poet. w. (1867) 1, 18. war ich nicht auch damals so tödlich verzagt gewesen? H. Seidel
Leberecht Hühnchen (1899) 322; wie se von der herrschaft entlassen wurden ..., da warn se verzagt und hoffnungslos Gerhart Hauptmann
Rose Bernd (1904) 40; und über alles dahinwehend, als einziger sieger in dieser verzagten, von frost und regen zuschanden gequälten und schon dreiviertel toten welt, der spätherbstwind H. Sudermann
d. tolle professor (1926) 337; viele weiber weinten recht verzagt O.
M. Graf
unruhe (1948) 17.
im besonderen '
angstvoll, verängstigt, bestürzt': und under statt sich, ausz dem verwAendten hochzeit, ein rechter hochzeit zemachen, welcher handel den Banum gantz angstbar und verzagt machet Boltz
Terenz deutsch (1539) 17
b; als ich furchtsam und verzagt mich selbst und mein hertze plagt Paul Gerhard
bei Fischer-Tümpel
evang. kirchenlied 3, 356
b; (
wie wann ein flusz) die wiesen überspielt; der hirt alsdenn verzagt, die heerde vor sich her, der strom den hirten jagt König
ged. (1745) 9; lieblich lacht die pracht der sonne den verzagten seemann an Herder 25, 149
S.; es ächzt der wald im sturm verzagt, vom monde jetzt erhellt Lenau
s. w. 107
Barthel; doch den ruf vernehmend, nahet leise wandelnd, wie ein wind, sich der berggeist, und umfahet das verzagte menschenkind Rückert
ges. poet. w. (1867) 3, 18.
mundartlich stark ausgeprägt: endlich, nachdem ich wiederholt gepocht, erschien eine dirne, stiess den riegel auf und verschwand mit den kreischenden worten: ich bin so viel verzagt Steub
drei sommer i. Tirol (1895) 2, 52.
vgl. hier auch '
in angst um etwas sein': und an Sant Johanns tag (27.
dez.) hetten wir grosz forthun in dem culphen zwischen Rodis und Modon und in grosser besorgnüsz, das wir all nohent verczagt worn umb unser leben (
um 1440)
bei Röhricht
pilgerreisen 73. III@A@22)
im hinblick auf die lähmende wirkung der verzagtheit auf die handlungsunfähigkeit des betroffenen. III@A@2@aa)
besonders im kampfe, '
ohne kraft zum widerstand, furchtsam, feige' (
vgl. auch zag 1,
u. oben I A 2 a);
zur unterscheidung von feige
und verzagt
vgl.: 'feig
drücket mehr eine muthlosigkeit und solche furchtsamkeit aus, welche ihren grund in der gemüthsbeschaffenheit eines menschen hat; verzagt
eine furchtsamkeit, welche durch gewisse schlimme umstände verursacht wird, worinn man sich befindet, und die da machen, dasz man alle hofnung verlohren giebt' Stosch
gleichbed. wörter (1777) 1, 275; '
der verzagte
empfindet mangel an selbstgefühl bei drohenden übeln, mangel an kraft zum widerstand gegen hindernisse, er empfindet furcht: der feige
alles dies auf gleiche weise: nur setzen wir bey ihm immer pflichtmässigkeit der schreckenden gefahr voraus' Petersen
sinnverwandte wörter (1794) 57: die ê verzaget wâren die sâhen nû alle ûf in unt geviengen manlîchen sin Hartmann v. Aue
Iwein 142; dô clungen sô der dûtschen swert daz iz den Eisten missehaget. die wurden ouch dâ von verzaget, sie mûsten vlîhen durch die nôt
livländ. reimchron. 1134
Meyer; und bitte und hoffe, das gott werde dem rachgyrigen hauffen ein verzagt hertz, zittern hende, bebende knye geben (wie Mose sagt), das sie durch sieben wege fliehen, da sie einen heraus zogen sind (1542) Luther
br. 10, 36
W.; das heer wart flüchtig und verzaget Hans Sachs 1, 225
Keller; der schAefer soll auch die hunde gewOehnen, ... das eyner den andern nit uberwAeltige, und sie also forchtsam und verzagt werden Sebiz
feldbau (1579) 147; keiner ist verzagt zu dem streit, es sey im felt oder der stadt Ayrer
dramen 103
Keller; endlich hieng sich einer aus denen cheruskischen edelleuten an ihn ..., also dasz Zero ihm endlich standhalten muste ..., umb zu bezeugen, dasz seine vorige geschwinde abwechselungen nicht eine verzagte flucht, sondern eine vortheilhaftige kriegesart gewesen Lohenstein
Arminius (1689) 1, 38
b; ich seh dein heer verwirrt und matt, geschwächt, verzagt die flucht ergreifen Gottsched
ged. (1751) 20; die Römer waren es, diesz volk voll stolzem geist, dem jedes andre volk verzagt und treulos heist Ayrenhoff
w. (1814) 2, 168; die sullanischen soldaten ... sahen mit verachtung auf die verzagten und demoralisirten haufen Mommsen
röm. gesch. 2 (1874) 300.
vgl. hier auch eine vereinzelte verwendung von einem schlechten, verfehlten hieb: do er nun mit einem grimmen streich schluog auf den künig und Heinrich truchses das ersahe, schrei er Otten frAeuenlichen an, dardurch er ein verzagten streich thet Seb. Münster
cosm. (1550) 679. III@A@2@bb)
im sinngehalt abgeschwächt; '
gelähmt, gehemmt, unentschlossen'; '
unfähig, etwas zu unternehmen' (
s. o. I A 2 b): die bawren so verzagt, das sie nicht wissen, was sie thun sollen Luther 19, 373
W.; gedancken, die sie verzagt und unlustig machen
ebda 23, 542; die burgleut ... waren verzagt und nachlessig Hennenberger
erclerung d. preuss. landtaffel (1595) 31; versiehe dein ampt, so du eines hast, mit ernst, werde nicht verzagt, ob andere sauer sehen Moscherosch
ges. (1650) 2, 43; ein solch exempel (
eines schlechten gedichts) hat mich so verzagt gemacht, dasz ich bisher gesäumt Gottsched
ged. (1751) 1, 417; ich (
bin) ... in ... furchtsamkeit und verzagte vorstellungen gerathen
Leipziger avanturieur (1756) 1, 13; wer nie verzagt erliegt, kann leicht so viel und mehr als Cäsar leisten Herder 23, 96
S.; und rede, weil auf dir Apollo ruht, mit deiner gnade heldenmuth, wo andere verzagt verstummen Seume
ged. (1804) 37; es ist kein schweigen der miszbilligung, der unzufriedenheit, auch nicht ein schweigen verzagten miszmuths Raupach
dram. w. ernster gattg. (1835) 5, 8; noch häufiger ... ward er jetzt von anfällen verzagten trübsinns überwältigt Treitschke
dt. gesch. (1897) 3, 177. III@A@33)
blasser und gefärbt im sinne von '
zaghaft (
s. d., zag 3
u. verzagen I A 2 c),
ängstlich, schüchtern, zurückhaltend, zögernd': es hat sich aber gewendt, das ir glyssnerisch gezwungen armut sie verzagt macht die warheit zu reden Eberlin v. Günzburg
s. schr. 1, 49
ndr.; ermahneten sie jhn bey seim gewissen, ... weil auff vorige puncten er etwas zweiffelich und verzagt geantwortet ... derowegen nichts zu verhalten Moscherosch
ges. (1650) 2, 246; bey solcher beschaffenheit würde meine liebe weder so verzagt, noch die zunge so ohnmächtig seyn Lohenstein
Arminius (1689) 2, 23
b; schaut wie er sich anjetzt verzagt und albern stellt Ettner v. Eiteritz
mediz. maulaffe (1719) 2
a; wie feurig stral't Julindens augenlicht wol heute nicht? da sie der güld'ne pfeil zufried'ner liebe rüret, ... und bald verzagt, bald kün, das was sie schreckt verlanget
bei Weichmann
poesie d. Niedersachsen (1721) 1, 130; ich bin verzagt, wenn damen vor mir zittern Schiller 5, 109
G.; (
er) pochte ganz verzagt an Musäus
volksmärchen 1, 52
Hempel; endlich beschlosz er, — mit der fatalistischabergläubigen thorheit, der sich ... verzagte liebe so willig und gern zuneigt, sein benehmen davon abhängig zu machen, ob ihm das mädchen ... in den wurf kommen werde Holtei
erz. schr. (1861) 7, 178; die künstlerin Fröhlich machte zuerst eine verzagte bemerkung über das peinliche und über die möglichen folgen. Unrat klärte sie über die grundlosigkeit ihrer befürchtungen auf H. Mann
ausgew. w. (1951) 1, 574.
hierher wohl auch die verwendung als künstlerischer stilbegriff im sinne von '
lahm', '
schwunglos': lahmes, verzagtes gemähl Kramer
teutsch-ital. 2 (1702) 13
c; eine verzagte art zu malen
ebda 1415
c; der dom (
in Brescia) ist in der verzagten geleckten manier aller neuern kunst gebaut Heinse
s. w. 7, 224
Sch.: ich unterscheide hier die freskogemälde von andern, ... ingleichen fleissig geendete und gelekte gemälde, welche peinlich und verzagt gearbeitet sind Winckelmann
s. w. (1825) 1, 268. '
zerknirscht, kleinlaut': sihe, wie stoltz die baurn, wie verzagt die herrn waren ynn dieser nehisten grewlichen auffrur Luther 19, 224
W.; etwa sind sie keck vnnd vnerschrocken, nachmals gantz verzagt und kleinmütig (
die trunkenbolde) Ambach
v. zusauffen (1544) c 1
a; die gunst machet ihn undankbar; die herrschafft hoffAertig, der zwang verzagt und kleinmtig Butschky
Pathmos (1677) 317; er ... wurde Aeusserst verzagt und fromm Rabener
s. w. (1777) 1, 41; das schuldbewustsein drückte sie danieder und liesz sie so verzagt erscheinen, dasz Hans wieder erbarmen mit ihr empfand
M. Meyr
erz. a. d. Ries (1868) 2, 42; und als er späterhin starb, that er dies so verzagt und zerknirscht, heulend und zähneklappend (
sic) und nach gebet verlangend, dass die guten leute einen glänzenden triumpf feierten G. Keller
ges. w. (1889) 1, 68; darauf sahen sie einen silberhaarigen mann, der einen knüttel geschultert hatte, auf sich zukommen. mit verzagter stimme wandte sich der gelehrte an ihn
weltbühne (
nr. 20, 1953) 8, 634. III@A@44)
selten in widerspruch zum grundgehalt des wortes mit der vorstellung affektbetonten verhaltens des betroffenen (
ähnlich unter I A 1 f): (
die enttäuschte königin) als ein verzagte mit peyden henden in ir hare fiele und ir prust auf gerissen Arigo
decameron 128
Keller; ein sclav, der ... ... verzagt die hände windet Dusch
verm. w. (1754) 363. III@A@55) verzagt an,
in der bedeutung von I B;
wohl stärker verbal aufzufassen als die belege unter 1—4: an gott verzagte geitzhelsz Kirchhof
wendunmuth 308; der halben sy auch eyn zeitlang an meinem leben verzagt gewest, förchtend, es wer schon umb mich geschehen Hutten
opera omnia (1859) 1, 408
Böcking; ich versprich und gelob zubezalen järlich den wucher, wider got und sein gebot als ain verzagter an gottes hilff Jacob Strausz
haubtstuck (1523) 3
a; es wird ihr nachgesagt sie sei an gott verzagt Simon Dach 167
lit. ver.; man an dem anderen verzagt (
vor 1572) Tschudi
chron. Helv. (1734) 2, 263;
zu I B 2: ouch was si dar an verzeit daz er iht lebte Wirnt v. Gravenberg
Wigalois 8411. III@BB.
stärker nominal als bezeichnung eines wesenszuges. in dieser verwendung oft weniger deutlich differenziert als in den belegen unter A,
in denen die jeweilige situation die bedeutung näher bestimmt. III@B@11)
von kleinmütiger, ängstlicher, unmännlicher, feiger gemütsart, vgl.: wer verzagt
ist, ist nicht beherzt ...
der beherzte
ist von schneller entschlieszung, er geht der gefahr, ohne sich lange zu bedenken, entgegen; der verzagte
und zaghafte
zaudert, miszt die schwierigkeiten einer gefährlichen unternehmung, geht langsam vorwärts, steht bald still und weicht bald furchtsam zurück ... verzagt
ist stärker als zaghaft Eberhard
synonymik (1795) 3, 39;
dazu effœminate ... weybisch, vndapfferlich, verzagt, ergOeuchtlich Frisius
dict. (1556) 462
b; eine verzagte memme, verzagter bärnhäuter
huomo codardo, timido etc. come una femina; un da poco, un poltrone, poltronaccio etc. uno che non darebbe nel culo à Castruccio Kramer
teutschital. 2 (1702) 1414
c: er were wol böse und sere verzagt, der ritter nicht enwurd, ob er möcht
Lancelot 1, 123
Kluge; ir solt ir (
der frau) auch sagen das ich ir den verzagsten ritter bring an hern Gawans statt, den ich lebendig weisz
ebda 1, 324; und hiemit begegnet er den weychlingen und vortzagten, die solch grosz reytzungen ... wol gern annhemen, aber sie klagen, das sie dran setzen mussen gutt ... und allis, was sie haben Luther 10, 1, 1, 299
W.; welcher sich fürchtet und ein verzagts herz hat, der gehe hin und bleibe daheim, auf das er nicht auch seiner brüder herz feige mache wie sein herz ist
5. Mos. 20, 8;
vgl. auch Luther 29, 61
W.; ir habt nicht gethan als eynem edelen ritter czuosteet czethuon, sunder als eyn verzagter unnüczer ritter thuon sol Arigo
decameron 298
Keller; an den pferdten und rindern erzeigt sich jhrer vätter art und die frewdigen adler hecken nicht verzagte tauben Schweigger
reyszbeschr. (1619) 160; die verzagten und feigen memmen bleiben in ihrem unflat stecken Prätorius
katzenveit (1665) A 7
a; also würden auch die verzagtesten in diesem fürhaben nicht feige Lohenstein
Arminius (1689) 1, 20
b; ich ware verwundert, da ich manche grosse seele aus gemeinem blute hervor steigen sahe, und hingegen aus einem prächtigen pallaste ein verzagtes hertze in das elend wandern
discourse d. mahlern (1721) 2, 22; der ängstliche, verzagte mensch, der gleich verzweifeln will Miller
predigten f. landvolk (1776) 2, 124; das kriegsglück war mit der jugend ... und wandte dem verzagten alter den rücken Häusser
dt. gesch. (1854) 2, 318; (
Scherer sog) aus der luft der gegenwart seine beste kraft ... ohne verzagten zweifel an der zukunft Burdach
bei Scherer
kl. schr. (1893)
vorw. X.
oft als gegensatz zu trotzig (
s. d. C 3 c)
gebraucht: denn ist im leiden und im schertz nicht meistens aller menschen hertz ein trotzig und verzagtes ding? Brockes
ird. vergnügen (1721) 4, 217; sie bilden ihn als einen menschen ab, der zu gleicher zeit stolz und niederträchtig, trotzig und verzagt ... ist Liscow
slg. sat. u. ernsth. schr. (1739) 301; er (
der mensch) nichts als das mittelding zwischen trotzig und verzagt, in bedürfnisz strebend, in unthätigkeit und üppigkeit ermattend Herder 5, 558
S.; so trotzig er (
der mensch) sich gegen die ohnmacht bewies, so verzagt war er gegen die übermacht (1793) Schiller
br. 3, 390
Jonas. sprichwörtliches: es ist nie kein verzagter ritter worden S. Franck
sprüchw. (1545) 1, 12
b;
vgl. Lehmann
floril. polit. (1662) 3, 82; verzagt man, kam mit ehren nie vom plan S. Franck
sprüchw. (1541) 2, 64
b;
vgl. Lehmann
floril. polit. (1662) 1, 252; ein verzagt hertz bult kein schön frawen Hans Sachs 17, 19
lit. ver.; vgl. Eyering
proverb. (1601) 1, 661; ein verzagter mann gehet keinen kühnen an Petri
d. Teutschen weiszh. (1605) Y 7
b; ein verzagter gibt kein buhler, er sei jung oder alt Lehmann
floril. polit. (1662) 1, 16; verzagter hund bellt am meisten Düringsfeld
sprichw. (1875) 1, 74
b.
anspielend auf die sprichwörtliche ängstlichkeit des hasen: verzegter vil den nie kain has was ich hernauch wol süben tag Hermann v. Sachsenheim
die mörin 6030
Martin; du flchtiger verzagter has
bei Dähnhardt
griech. dramen 2, 35
lit. ver.; die alle muthiger und klüger als ein verzagter haase sind Lichtwer
Äsop. fabeln (1748) 139. III@B@1@aa)
im 16.
jh. mit der tendenz zu ethisch abwertender betrachtung, etwa im sinne von '
nichtsnutzig, heillos,'
vgl. verzweifeln III: was für ein marter ist ein bose, verzagt hertz haben Luther 47, 810
W.; so leugstu mich an als ain wissenhafter, erloser, verzagter böswicht
Zimmer. chron. 21, 554
Barack; ey jr verzagter, zunichter bOeser ritter, welche ursach beweget euch Bianceffora zu schelten
buch d. liebe (1587) 133
b; als mann zallt von Christi gepuert 1457 jar, was zw Passaw ain verzagter Cristen, der stall das heilig sacrament acht partickhel, und trueg das den valschen juden zu Passaw zu J. Unrest
chron. Austr. in D. S.
F. Hahn
coll. 1 (1724) 629; inv enio me esse ein verzagten schalk, qui timeat ista omnia Luther 32, 132
W.; fr dem geschtz gilt oder hilfft weder kn noch mannheit, gilt ein vorzagter loser bub mit einer bchsen eben soviel, als ein auffrechter behertzigter und erfahrner mann Fronsperger
kriegsb. 1 (1578) j 2
a; und stirbet, ehe man das gesicht, als ein verzagter bösewicht Ringwaldt
lauter warheit (1597) 227.
vgl. auch: schleppt den verzagten hund weg von des mufti fssen Lohenstein
Ibrahim Sultan (1680) 1, 101; zuletzt gehn sie zur thür, und Raufbold schreyt hinein: verzagte hunde, wie? ihr schlieszt euch ängstlich ein? Zachariae
poet. schr. (1763) 1, 130. III@B@1@bb)
zuweilen sich der bedeutung '
untüchtig, untauglich'
nähernd: mancher ... zum rechten ernst ... verzagt ist vnd vngeschickt Friedrich Wilhelm
sprichw.-reg. (1577) bb 1
b; als eim verzagten, der nichts kann
bei Dähnhardt
griech. dramen 1, 204
lit. ver.; aber doch sein solche letzte weise, das wild zufahen, alleyne für die träge, faule und verzagte leut Sebiz
feldbau (1579) 577; oder ist der schiffer in seiner kunst nicht recht erfahren, verzagt, grob, dem trunke ergeben, so hat man eine unangenehme fahrt Nicolai
reise d. Deutschl. (1783) 2, 418; du staunest über meinen sich plötzlich entwickelnden muth, husar, weil du mich für einen verzagten stubengelehrten hältst Holtei
erz. schr. (1861) 13, 148. III@B@22)
abgeschwächt und anders gefärbt; '
zaghaft, schüchtern, zurückhaltend' (
vgl. dazu oben unter I A 2 c
u. III A 3): hie wirdt ein verzagter schamhafftiger jüngling fürgwendt Boltz
Terenz deutsch (1539) 97
a; nach solchem gecreutzigten könig gab gott aller erst die rechten zeichen, das dieser Jhesus messia were. da tratten auff die armen verzagten, ungelehrten, ungeweiheten fischer, die jre eigen sprache nicht wol kundten, und predigten mit aller welt zungen Luther 53, 534
W.; gleichwol weisz ich nicht, wie es etliche Teutsche mit jhren kindern auch darin übersehen, dasz sie dieselbige allzu verzagt ... aufferzihen ... so ... ein frembde person sie anredet, bald da verstabert stehen, den kopff under sich halten, sich anleinen, den finger in das maul stossen Moscherosch
insomnis cura parentum 85
ndr.; böse ... dasz ich die verzagten schOenen nicht so hoch halte Kästner
verm. schr. 1 (1755) 240; in dem thal, wo sie gesessen, war die liebe nie vermessen; stolze jugend war verzagt Jacobi
s. w. (1807) 2, 94; sind sie zu schüchtern, zu verzagt, weil ihnen die nöthigen verbindungen fehlen, sich mit ihren arbeiten hervorzuwagen, ... so ... bleiben sie verborgen Holtei
erz. schr. (1861) 24, 195; sie zeigte sich weder vorlaut noch verzagt
ebda 5, 103.
in bildlicher verwendung: nicht verzagte blätter, sondern buntes grün, wechselreich geschmetter, durcheinanderblühn Rückert
ges. poet. w. (1867) 1, 479.
mundartlich im Aachener gebiet sogar in der bedeutung '
verzärtelt', '
kindisch',
vgl. Müller-Weitz 256; Rovenhagen 156
b.