vorwesen,
vb. ,
got. faurawisan Streitberg 2, 176;
ahd. forawesan
ahd. gl. 2, 294
St.-S.; mhd. vor(e)wesen
mhd. wb. 3, 766
b; vorwesen Lexer 3, 460;
frühnhd. vorwesen,
daneben zeitweilig für-
bzw. vurwesen,
s. Diefenbach
gl. 453
c s. v. praeesse, vgl. auch fürwesen teil 4, 1, 1, 938;
an. *forvera,
inf. zu forverandi Fritzner 1, 464;
mschwed. forevara Söderwall 282;
schwed. förevara
ordbok över svenska sprket F 2630;
ae. forewesan Bosworth-Toller 309;
mndl. vorewesen Verwijs-Verdam 9, 1, 1142;
mnd. vorwesen Schiller-Lübben 5, 306
b; 5, 503
b; 6, 301
nachtr. —
unfeste zusammensetzung mit lokalem vor-,
die als parallelbildung zu prae-esse
in der ahd. (
bzw. germ.)
übersetzungsliteratur aufkommt. das verbale kompositionsglied steht wie das simplex (
s.wesen)
mit seinen formen im suppletivverhältnis zu sein,
d. h. der stamm *wes-
bildet im wesentlichen nur infinite (
inf., part. präs., part. prät.)
und präteritale formen zum präsens-stamm *es-
bzw. *bhu- (
s. sein
teil 10, 1, 228).
dieser setzt sich allmählich auch im inf. und part. präs. durch: bei Notker
bereits findet sich als inf. nur foresin (
s. Notker 2, 66
u. 263
Piper),
aber erst im frühen nhd. dringt vorsein
endgültig im allg. sprachgebrauch durch, noch im voc. theut. (
Nürnberg 1482 mm 2
b)
stehen vorsein
und vorwesen
nebeneinander; wenig länger hält sich vorwesend
gegenüber vorseiend.
vgl. die parallelentwicklung im ndl.: mndl. vorewesen(de) -voresijn(de),
ndl. voorzijn(de). —
da die präteritalformen (
prät. und part. prät.)
bereits unter vorsein (
teil 12, 2, 1553)
aufgenommen sind, werden hier im wesentlichen der inf. und das part. präs. berücksichtigt, d. h. diejenigen formen des stammes *wes-,
die neben vorsein, vorseiend
für das nhd. einen relativ selbständigen wert (
auszerhalb des paradigmas vorsein)
haben. —
seit ahd. zeit finden sich drei arten übertragenen gebrauchs belegt, im frühnhd. tritt eine vierte auf. dabei sind partikel und verb —
auch in '
distanzkomposition' —
zu funktioneller einheit verbunden. eine sinnlich-räumliche vorstellung liegt überall zugrunde; jedoch in eigentlicher, räumlicher verwendung ist vorwesen
ungebräuchlich. auch die entsprechenden unter vorsein
teil 12, 2, 1553 (1, 2)
aufgeführten belegformen sind angesichts des betont adverbiellen charakters von vor
kaum als komposita anzusprechen; sie gehören im grunde unter vor
teil 12, 2, 805 (1).
in allen vier verwendungen wird vorwesen
von vorsein
abgelöst, das seinerseits im sprachgebrauch der gegenwart anderen wörtern und wendungen gewichen ist. AA.
von personen. A@11)
jemandem vor-stehen, vor-gesetzt sein; dann auch '
anführen, verwalten, regieren'
: abba! qui preesse dignus est monasterio! ... der forawesan wirdiger ist munistres
kl. ahd. sprachdenkm. 197
Steinmeyer (
Benediktinerregel),
vgl. ebda 199, 207; dô sprach der houbitman Accacius und der herzoge Helyades zu den nûntûsinden, den si vore wâren
dt. mystiker 1, 138
Pfeiffer; in den iaren dann Gedeon dem volck vorwas (
praefuit)
erste deutsche bibel 4, 371
la. Kurr., vgl. auch ebda 4, 429
und 5, 258,
ähnlich: gib mir, mein herr und vatter, das ich deinem volck muge furweszenn zu deinem lob und yhrem nutz Luther 7, 603
W.; ihr solt zween cardinel sein gnesen und solt der heiligen kirchen vorwesen
fastnachtsp. 2, 920
Keller; im niederdt. infolge des zusammenfalls von vor-
und ver-
formen (
vgl. auch u. 2
sowie u. vorweser)
zwischen dat. und acc. schwankend (
s. Lübben
hwb. s. v. vor-wesen 535
und vorstân 524): also dat we on ... gestadet hebben met uns dem hospitale vortowesende ... to vorstande (1440)
urk.-b. d. stadt Göttingen 2, 159
Schmidt; unde bat se (
die ratsherren), dat se wolden vorstan unde vorwesen sine herscap Detmar
Lübeck. chron. 1, 285
Grautoff. — vorwesend
findet sich gelegentlich als bezeichnung der hervorragenden, ausgezeichneten stellung, im sinne von '
erhaben, vornehm, von hohem rang': in diesem hOechsten grad geistlichs stands ... sint kardinal priester: ... denselben lobwirdigen frwesenden vAettern wir berschrifft setzen mOegen also ... Riederer
rhetorik (1493) m 3
b,
vgl. dazu die lexikalischen belege von vurwesende
bei Diefenbach
gl. 457
a s. v. presidens und 459
c s. v. primor; hierher gehört wohl schon ahd. forauuisanter (
mit unregelmäsziger erhöhung des e
zu i,
vgl. Weinhold
alem. gr. 24
und Wilmanns
dt. gr. 1, 232)
eminens ahd. gl. 2, 82
St.-S. und an. forverandi
formaðr Fritzner 1, 464. A@22)
jemandem vorstehen, schirmend und schützend, als '
schirmherr'
in obhut haben: daz sie gilirneen daz du in foreware do sie ungetruobet waren Notker 2, 441
Piper, vgl. auch ebda 1, 26; wand du in vollen huten dem clostere salt vorwesen
passional 119
a Köpke; owe der iamerlichen not, der wir sin immer ungenesen! wer sal uns wiben vorwesen?
ebda 103
a; ich kan schreiben und lesen und zarten frauen vorwesen
fastnachtsp. 2, 619
Keller; zuweilen mit dem acc. (
s. o. A 1): he de gansze cleresie hadde vormordet, hedde god se nicht vorgeweset (
nisi dominus civitatem custodisset)
chronicon sclavicum 352
Laspeyres; unde ick rade er mit dy to bliuende, wente ick wyl se suluen vor wesen (1496)
St. Birgitten openbaringe bei Schiller-Lübben 5, 306
b. A@33)
jemandem (
bzw. einer sache)
vor- (
im wege)
stehen, hindernd und verhütend. —
mit dem genitiv der sache: newâre mir fore dero passionis Notker 2, 94
Piper; ouch werte sich gar langen von Rôme der senator, doch mocht er niht des wesen vor im selben noch den sînen, er muost si lâzen pînen die Franzois als die ander Ottokar
österr. reimchron. 3092
Seemüller, vgl. auch 38956
und 54750; wante en scheghe des nicht, so en kunne we em des nicht vore wesen, we en moten em des staden (1401)
urk.-b. d. herzöge v. Braunschweig-Lüneburg 9, 201
Sudendorf; und menden mit sodaner weddersettinge to ewygen tydt unser stadt aller hulpe und contributien to den vorscreven schulden vor to wesende (1476)
städtechron. 36, 303 (
Lüneburg),
vgl. auch 36, 331;
mit objektsatz: item dat ... is nicht ghescheen in vorsmaynge pauesliker bode, sunder to entghande unde vore to wesende, dat ... (1461)
ebda 36, 237; unde scholden dar vor wesen dat ys nen not mer en were Detmar
Lübeck. chron. 2, 201
Grautoff. BB.
im frühen nhd. auch von einer sache. jemandem bevorstehen, vor (
augen)
liegen —
als im gange befindlich oder in aussicht stehend, wobei das part. präs. besonders häufig ist: ist geraten, si diss jetzt vorwesenden eidts uff disem ankommenden ostersampstag ze erlassen
qu. v. j. 1555
in: schweiz. id. 7, 1044; als ... dise stat mit höreskraft unversehens überfallen, auch, als man geacht ..., dasz man solcher vorwesender kriegsrüstung und gewalt mit ainicher hoffnung guoter und zversichtiger ausrichtung z widerstehen nit, noch sich z erretten gefaszt (
ca. 1565)
städtechron. 32, 282 (
Augsburg); dasz von ihnen keines wegs unterlassen werde, was zu behuff fürwesender angelegenheit dienlich erscheinen möchte Harsdörffer
secretarius 2 (1656) 722,
vgl. auch ders., frauenzimmergesprächsp. 3 (1643) 176; um ... die vorwesende traurigkeit ... zu besänftigen Omeis
gründl. anl. (1704) 41;
dann auch '
vor-schweben': es war mir vor
je m'en doutois bien avoir quelque présentiment Frisch
dt.-frz. (1752) 688;
vgl. dazu auch: schweiz. id. 1, 929; Fischer
schwäb. 2, 1639
u. Martin-Lienhart
elsäss. 1, 131.