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Eintrag · Grimm (DWB, 1854–1961)

geweisen

Bd. 6, Sp. 5456
geweisen , verstärktes weisen (s. d.). 11) die ältere sprache hatte zwei verba, verschieden in bildung, gebrauch und bedeutung, die hier beachtung beanspruchen: ahd. gawîsjan Graff 1, 1066 und gawîsôn ebenda 1068. schon in der mittelhochdeutschen zeit treffen beide verba in einer form zusammen, vgl. gewîsen mhd. wb. 3, 761a. 763a. Lexer 1, 993, nachtr. 209. da zudem in der gleichen zeit die sonderformen des gebrauchs, die mit gawîsôn verknüpft waren, zurücktreten, so verschieben sich die gebietsgrenzen; gawîsôn scheint ganz auszusterben, ist aber in einigen restverwendungen doch bis auf den heutigen tag vorhanden. vgl. unter geweist (1). 1@aa) gawîsôn hat mediale actionsart, entwickelt jedoch aus der grundbedeutung 'sich umsehen' in der verbindung mit persönlichem object eine verwendung im sinne von besuchen, visitare. 1@a@aα) in dieser bedeutung ist schon bei Ulfilas gaveisan belegt, während die zeugnisse für das simplex erst der althochdeutschen zeit angehören. 1@a@a@11)) das persönliche object ist im genetiv angeknüpft: siuks jah in karkarai janni gaveisodeduþ meina. Matth. 25, 43 (ir habt mich nicht besucht. Luther, ir haimsuht mich nit cod. Tepl.); ebenso Luc. 1, 78. 7, 16; ähnlich Luc. 1, 68. 1@a@a@22)) bei der umwandlung in die passivconstruction wird das im genetiv angeknüpfte object nunmehr subject: jah gaveisodai vaurþun dauravardos Neh. 7, 1 (und wurden bestellet die thorhüter. Luther). auch die bedeutung nimmt eine andere richtung, sie läszt sich aber ungezwungen aus der grundbedeutung 'sich umsehen' erklären, die auch für die althochdeutschen belege an stelle der zu eng gefaszten gleichung gawîsôn, visitare anzusetzen ist. 1@a@bβ) die althochdeutsche periode bevorzugt für visitare vor allem das einfache verbum, die zusammengesetzte form ist erst im übergang zur mittelhochdeutschen zeit häufiger belegt, wo die flexionsformen nicht überall mehr sicher führen. die folgende gliederung musz sich daher oft auf erwägungen stützen, die der beobachtung des allgemeinen sprachgebrauches einzelner übersetzer entnommen sind. 1@a@b@11)) mit genetivobject. 1@a@b@1@aa)) mit genetiv der person: sô du menniscon gewîsest in humana carne. Williram hohes lied 127, 2 Seemüller; ôch er (Aaron) offenoteallir der diete zeichen uil schônedie er uon got urône habete gewunnenʒe der gewissunge. die Juden daʒ uernâmenhei wie urô si wâren daʒ ir got gedâhteunde ir gewîsote mit so grôʒʒen dingen. genesis u. exodus 1, 131, 27 Diemer; brenge mich dareda du mich spîses. da du mich drenkes.unde mîn gewîses. dat du mich laues.inde mich cleides. hannöversche Marienlieder, s. z. f. d. a. 10, 50, 22 W. Grimm. 1@a@b@1@bb)) übertragen: do gewîsota er mînes herzen mit tactu miserationis. Williram hohes lied 79, 45 Seemüller; er gewîsot unserro herzon, dannan beginnen wir wola tuôn. Notker ps. 84, 13. 1@a@b@22)) die überführung des objects in den accusativ wird begünstigt durch passivconstructionen (daʒ siê fone dir invocato ... werden mugin visitata, gewîsot. Notker ps. 74, 2); man sol den lîbe kestige, ... den nacketin bewête, din sîchen gewîse, den tôten begraben. Hohenfurter benedictinerregel 4, 9 Scherer (z. f. d. a. 16, 232); angeli ciues uisitant hic suos et corpus sumitur ihesv. die heiligin gotes engele gewîsont hiute hie ir husgenôʒe. den sie hie beuore erbolgin wârin. altdeutsche predigten (sermo in dedicatione ecclesiae). s. 26. Wackernagel. 1@bb) gawîsjan ist erst aus der althochdeutschen periode belegt, es ist von haus aus transitiv (factitiv) und hat neben den verbindungen mit einem persönlichen objectsaccusativ auch solche mit einem object der sache entwickelt. 1@b@aα) der persönliche objectsaccusativ findet sich unter anderem auch in solchen verwendungen von gawîsjan, die der bedeutung nach auf gawîsôn, 'sich umsehen', zurückgeführt werden könnten (kawisan, vocare), die sich aber doch aus wîs machen erklären lassen. 1@b@a@11)) den ursprünglichen verhältnissen am nächsten stehen verwendungen wie in sînemo evangelio ... hât er mih gewîset, daz ih in selben minne ex toto corde. Williram hohes lied 30, 4 Seemüller; drû thûsint manigêri, di giwîst er alli mid sînir lêri. lob Salomonis 8, 10 Müllenhoff u. Scherer 13, 129; danach stand uof und gib daʒ almuosen also dich got gevvîse. meszgesang (12. jahrh.) Piper 2, 124, 31; gib daʒ almusen so dich got gewîse. cod. lat. Monac. 4616., 53, vgl. Schmeller 22, 1026; dar es alre meiste nôt was, dâ skoep der hêre Ênêas die alre besten hoede. he hadde helede goede, die konde er wale gewîsen. met wâpen end met spîsen wârn sî wale berâden. Heinrich v. Veldeke Eneide 5585 Behaghel; do sprach der fuhs meines vol 'ich kan uns gewîsen wol; sît wir sîn bilgerîne, sô duldet scharpfe pîne; bîhtet einander, uf ein ort, beidewîse werc unde wort, so ist guot unser betevart'. Reinhart fuchs (diu betevart 6). J. Grimm s. 391. 1@b@a@22)) eine änderung der bedeutungsrichtung wird durch locale bestimmungen hervorgerufen: ih sageta in dannan ... daʒ ih sie dara gewîsti. Notker sp. 121, 9; andere lude si gewîsent dere, die gevangen sint, in deme kerkere. hannöversche Marienlieder z. f. d. a. 10, 50, 1 W. Grimm; den jüngelinc bedûhte schier an des alten bîhte daʒ er in möhte lîhte gewîsen von der heidenschaft. Konrad v. Würzburg Pantaleon 443 Haupt, der gebûre sagte mære, daʒ ein ber beheftet wære âne jegers meisterschaft: 'daʒ hât getân diu gotis kraft. vil wol i'u dar gewîsen kan'. Reinhart fuchs 1581. J. Grimm 80; ich solt auch ernstlich abgemanet haben die guten kind zu Seflingen von ir narrischen regul, und si gewisen auff die regul Christi. Eberlin v. Günzburg schriften 3, 7 neudruck. 1@b@a@33)) hieraus ist die bedeutung vocare zu erklären: widarert kawistem, revocatis, Reichenauer gloss. Graff 1, 1067; arcessito, gawistemu. Oxforder gloss. Steinmeyer-Sievers 1, 315 (zu genesis 26, 9); mensa abbatis sit cum peregrinis et hospitibus ... quos vult de fratribus vocare in ipsius sit potestate, kawîsan. benedictinerregel 56 (Hattemer 1, 109b); ebenso framkiwîsen, provocare 27; vgl.manege sint kewiset, unmanege irwelit. Notker ps. 39, 6 (vil sint der geladen, wan luczel der erwelten. Matth. 22, 14 codex Teplensis; viel sind beruffen, aber wenig sind aus erwelet. Luther). 1@b@a@44)) auf einer engeren bedeutung von gewîs (= certus) beruht eine verwendung, die namentlich in der frühneuhochdeutschen zeit noch fortlebt: daʒ ir sprechent daʒ iu swære sî benomen? des kan ich iuch wol gewîsen, nemt ir mich ze râte. 'verdenke ich mich, als ich doch sol, sô volge ich iu des râtes spâte'. Ulrich v. Singenberg, s. Bartsch schweiz. minnes. 19. von hier aus erklärt sich eine wendung der rechtssprache, für die zugleich an den parallelen entwicklungsgang der ableitungen von wahr = certus erinnert werden musz, vgl. gewahren, gewähren: wo aber zu disen personen sicher zugang nit sein mag, so soll es angon von den ersten tag, so dasz interdict verkundt wurd, und nicht desz weniger wellen wir ain igclichen sichern und gewisen, er erschein in disem termin oder nit, so wurd nichs desz munder wider in gehandelt. J. Knebel chronik v. Keisheim 206 Hüttner. 1@b@bβ) anderen ursprungs ist der persönliche accusativ neben einem dativ der person, der früh belegt ist: siu quad, that siu umbi iro hêrron ni wissi te wâren, hwarod hie werdan scoldi'ef thu ina mi giwîsan mohtis, ... wîsi ina mi mid wordon thînon'. Heliand 5924, ähnl. 4844; als man sagit, einer wart z ime brocht, der konde die swarzen buchere lese, den vregete her, ab her ime konde den tufil gewise, als her gestalt were. sächs. weltchron., thür. fortsetzung (mon. 2, 315); (Mitridates) zuo Nathan schönem palast bekame den er alleine in schlechtem kleid nicht verre von dem palast spacziren gen fand, aber sein nicht erkennet noch weszt daz er Nathan was, doch in fraget ob er im Nathan geweisen und zeerkennen geben möcht. dekameron (10, 3) Keller 597, 9. hier ist das adjectiv oder particip (wîs), von dem das verbum abgeleitet ist, in der passiven actionsart erfaszt, während es (das particip, nicht aber das verbum) in den bisherigen belegen medialen charakter zeigte. 1@b@gγ) auf dieser zweiten bedeutungsrichtung beruhen nun aber auch die verbindungen mit sächlichem object, ob sie einen dativ der person noch zu sich nehmen oder nicht. 1@b@g@11)) so wirdid al farloran edilero sprâka, ârundi godes,sô hwat sô man thema ubilon manne wordun gewîsid. Heliand 2457 u. a.; thô fôrun eft thie man thanan, erlos ôstronie, als sô im the engil godes wordun giwîsde: nâmun im weg ôdran. 695, ebenso 3215; so gedân es die minne, dat et rechte nieman den andern gewîsen kan (var. bewisen, weisen, gisagen). Heinrich v. Veldeke Eneide 9824 Behaghel. 1@b@g@22)) giwist, retexis seriem poenae. glossen zu Prudentius Steinmeyer-Sievers 2, 441; thâr nist miotono wihtouh wehsales niawiht, thaʒ iaman thes giwîse,mit wihtu sih irlôse. Otfrid 5, 19, 58; thea liudi forstôdun, that he thar habdagegnungogodcundes hwat forsehen selbo,thoh he is ni mahti giseggean wiht, giwîsean te wâron. Heliand 190, ebenso 36; daʒ brûn îsen daʒ solde wol gewîsen, wâ der helt mêre in der nôt wêre. Lamprecht Alexanderlied 4301 Kinzel; dî wider zu den cristen quâmen und in gewîsten sulche botschaft mit eidin, daʒ daʒ her der heidin gar âne wâpin were. N. v. Jeroschin 3950; süllen wir nicht glauben daʒ man ausz der hailigen geschrifft geweisen müge, daʒ die schuld der flaischlichen mit der pein des gestancks gepeiniget werden. Gregors dialoge IV cap. 34 (Augsburg 1473), vgl. (der teufel) habe sie (die alte ketzerei) im geoffenbaret und geweiset. Erasmus Alberus wider die verfluchte lere der Karlstadter P 5a. 1@b@g@33)) diese verbindungen haben sich vor allem in der prägung erhalten, die ihnen die rechtssprache aufgedrückt hat: der antwurter macht nichts gegen dem chlager geweisen. urkunde der benedictinerabtei zu den Schotten in Wien 362 (aus 1394) fontes 2, 18; tät er aber des nicht, so ist er verfallen gen dem gericht umb fünf pfunt perner auf gnad, er gewise dan, dasz in ehafti not gewert hab. weisth. v. Landegg, s. österr. weisth. 3, 287 (var. erweise); item ob ain holzknecht ain nachpaurn übertrib, das der nachpaur geweisen mecht, ob gott dem nachpaurn hülfe, das er die oberhant gewunn und den holzknecht wundet oder ze tot schlug, das wär dem nachpaurn gen dem gericht unschedlich. weisth. v. Pfunds ebenda 313; daz sol beschehen, wann ein urberings wasser kümpt bei der nacht, das ain schefknecht geweisen mag, das er das schef geheft hab. schiffrechte von Laufen, ebenda 1, 87; item es ist auch gerüegt worden, das unserm gnädigen herren von Salczburg etc. zugehört in dem land und in dem gericht Mittersil alle vischwaid, alles reisgejaid ... hindan gesetzt, was ander herren darin rechtlich habent und geweisen mügen durch genuegsame urchund oder nutz und gewer oder mit des landsfursten willen innhabent, das ist in unabgeslagen. öffnungen u. rügungen a. d. heerschauen zu Mittersill, ebenda 1, 285; geweisen, beweisen. Frankfurter urkunde von 1502. Diefenbach-Wülcker 619. vgl. auch geweist 2, c. 1@b@dδ) in der rechtssprache wird das verbum in dieser bedeutung auch mit persönlichem object verbunden. wen man geweisen möcht mit ainer warhait, der das mass minnret nach dem march, der wër gevallen mit leib und mit guet nach gnaden, ain ungemerkts mas gäb, das zu klain war, als oft er das geit, des man in geweisen mag mit ainer warhait, der ist gevallen umb ain unrecht. landrecht im Zillerthal, s. österr. weisth. 1, 324, ebenso 320. 22) von gewîʒen (vgl. mhd. wb. 3, 782b. Lexer 1, 995) scheinen keine verwendungen mehr in die neuere sprache übergedrungen zu sein, vgl.: wære wir âne vrîen willen, sô möhtestû uns weder danc wiʒʒen des wir guotes getæten, noch gewîʒen swaʒ wir ze übel getæten, als dem vihe daʒ weder guot noch übel kan getuon niwan dâ eʒ sîn nature zuo twinget. David v. Augsburg Pfeiffer myst. 1, 368.
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    Neuhochdeutsch
    geweisen

    Grimm (DWB, 1854–1961)

    geweisen , verstärktes weisen ( s. d. ). 1 1) die ältere sprache hatte zwei verba, verschieden in bildung, gebrauch und …

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ge- + weisen

geweisen leitet sich vom Lemma weisen ab mit Präfix ge-.

Zerlegung von geweisen 2 Komponenten

gewe+isen

geweisen setzt sich aus 2 eigenständigen Lemmata zusammen. Die Klammerung zeigt die Hierarchie der Komposition; Klick auf einen Bestandteil öffnet seine Etymologie.

geweisen als Zweitglied (1 von 1)

abgeweisen

DRW

abgeweisen durch Beweis obsiegen vgl. abweisen swelch man vor gerichte vodert sogtan sache, da er ein gewizhait umbe geloben můz, vnd gelobt…

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Cotta, M. (2026). „geweisen". In lautwandel.de — Aggregat aus 53 historischen deutschen Wörterbüchern. Abgerufen am 17. May 2026, von https://lautwandel.de/lemma/geweisen/dwb
MLA
Cotta, Marcel. „geweisen". lautwandel.de, 2026, https://lautwandel.de/lemma/geweisen/dwb. Abgerufen 17. May 2026.
Chicago
Cotta, Marcel. „geweisen". lautwandel.de. Zugegriffen 17. May 2026. https://lautwandel.de/lemma/geweisen/dwb.
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