staarblind,
adj. durch den staar blind, bei offenen augen blind, ahd. staraplint, starablint Graff 6, 701,
mhd. starblint Berthold v. Regensburg 1, 433, 15. Altswert 36, 19, star(r)eblint 21, 34,
frühnhd. starblint,
aorasia Dief. 39
c,
epiphora 204
c, starplint
ebenda, starnblind,
cecus 109
c, starenblint,
aorasia 39
c, staerblindt,
glaucoma 194
b, storblind,
cecus 109
c,
auch später starblind Luther 12, 319, 11
Weim. ausg. Stieler 195.
nachsch. 29
a. Kramer
deutsch-it. dict. 2 (1702), 911
c. Steinbach 1, 133. Wachter 1588. Campe,
daneben staarblind Mathesius
Sar. 2, 84
a. Adelung
[] (
mundartlich für völlig blind). Weigand
4 2, 787, starnblind
noch H. Sachs 20, 62, 17
Weim. ausg. Ayrer 2464, 23
Keller, veraltet, ebenso staarenblind Gäbelkhover
arzneib. (1599) 1, 113, starrblind
als gleichbedeutend noch Tabernaemont. (1664) 157 J. 165 C. Kramer
deutsch-ital. dict. 2 (1702), 911
c,
später eingeschränkt auf die bedeutung '
völlig blind'. Adelung (
als mundartlich bezeichnet). Campe ('
weil bei blinden personen die augen ganz starr und ohne ausdruck stehen'),
bildlich: dass sie (
die liebe) auch ein mädchen mit so hellen Junonsaugen und einem so klaren verstand, wie meine freundin, blind, stock- und starrblind machen könne, hatte ich erst noch zu lernen. Wieland 39, 269 (
Krat. u. Hipp. 25).
auch das landschaftliche sternblind,
völlig blind Campe
kann auf sta(a)rblind
zurückgehen, durch vermittlung von starnblind.
eine verstärkung ist stockstarblind,
bildlich: so tieff haben alle geistlichen und gelerten geschlaffen und geschnarckt, ja stock star blind sind sie gewest. Luther 5, 217
b; und wer solchs nicht sihet noch achtet, der mus entweder gar stock starblind, oder gar steinhart, und erstorben sein. 6, 48
b;
hyperbolisch: man sagt viel, das adeler und luchse, scharff sehen, aber sie sind stockstarblind gegen diese meister, welche in diesen evangelijs ersehen können, beide canones, kleider und allerley kremerey der messen. 5, 295
b.
vgl. stockblind
unten. mnd. begegnet starblind Schiller-Lübben 4, 366
a;
mndl. staerblent
Reinaert 77,
nndl. staarblind (
vgl. sterreblind,
sternblind);
afries. starnblind, stareblind, staerblynd, starblind Richthofen 1044
b;
ags. stærblind, stæreblind, stareblind Bosworth-Toller 909
a,
mengl. stareblind Skeat
2 592
b,
nengl. starblind,
zum theil blind neben vielleicht umgebildetem mengl. stark blynde. Skeat
a. a. o., nengl. starkblind,
stockblind; schwed. starrblind,
staarblind, stockblind, dän. stærblind,
vgl. auch nisl. starblinda,
f. blindheit. Cleasby-Vigfusson 589
a.
da die zeugnisse für das adj. viel weiter zurück reichen als die für das zugehörige subst. (
vgl. dies oben),
musz bei der etymologischen erklärung von dem adj. ausgegangen werden. Bartisch
erklärt in seinem berühmten augendienst (1583)
zwar: woher es (
das augenleiden) aber der star genant wird, und woher jhm dis wort star kömbt, kan ich zur zeit noch nicht wissen. denn dieser namen also bekant und breuchlich ist, das bürger und bawer, gelerte und ungelerte darvon wissen. denn wenn sie von einem gar blinden menschen hören sagen, sehen oder reden, wissen sie nicht anders zu sagen, als vom star, und sprechen, er ist oder sey starblind. 42
b,
aber seine weiteren ausführungen zeigen, dasz er staar
als krankheitsbezeichnung für identisch mit dem vogelnamen hält: aber das dieser gebrechen und mangel der star genant wird, das ist kein wunder, denn man findet mehr gebrechen, mängel und schäden der menschen, die nach thieren und auch andern dingen genant werden, als diesen mangel allein.
ebenda. auch neuere neigen einer zusammenstellung mit dem vogelnamen zu. Zacher
klin. monatsbl. f. augenheilkunde 12, 301.
sie ist formal möglich, aber der sachliche grund einer solchen übertragung ist bisher nicht überzeugend dargethan worden. Zachers
a. a. o. gegebener hinweis auf die ähnlichkeit der beim grauen staar getrübten linse mit dem gefieder des staars befriedigt nicht. zudem erweckt er bedenken wegen der dabei vorauszusetzenden bildungsart des
adj. unbedingt abzulehnen ist aus sprachlichen gründen die folgende erklärung: '
weil dieses glaucoma den so genannten stern im aug überzieht, so scheint star
davon herzukommen'. Frisch 2, 320
b,
die auch von Hyrtl
kunstworte d. anatomie 94
geboten wird. die oben erwähnte nebenform sternblind (
vgl. auch stern
für staar
unter dem letzteren)
scheint auf secundärer angleichung an stern,
stella zu beruhen, wie starnblind, staarenblind (
vgl.starn
als nebenform zu staar)
durch secundäre angleichung an staar,
sturnus entstanden sein mögen. Adelung
stellt staar
als krankheitsbezeichnung mit starr,
rigidus zusammen, '
da mit dem staare behaftete personen starr vor sich hinsehen'
und verweist weiter auf ags. starian,
anord. stara,
starr blicken und das gleichbedeutende deutsche (
von ihm als niedersächsisch bezeichnete) stieren.
das adj. starr
begegnet allerdings erst mhd. als starre,
ebenso die nebenform sterre,
aus der stier,
adj. (
mit stieren,
stier, starr blicken)
entwickelt ist, aber auch ahd. ist ein stammverwandtes, dem anord. stara
und dem ags. starian
entsprechendes starên,
starr blicken bezeugt. Graff 6, 701.
mit diesem verb darf staarblind
unbedenklich unmittelbar zusammengestellt werden. gramm. 2, 557. Weigand
4 2, 787,
sodasz sich als grundbedeutung ergiebt: mit starren augen blind. es erscheint so als bezeichnung der form der blindheit, bei der die augen nicht ganz zerstört sind und die lider geöffnet werden können, wobei zweifelhaft bleibt, ob es etwa [] zunächst auf den grauen staar als für andere besonders bemerkbare art dieser blindheit ging und der sinn dann erweitert wurde oder ob es gleich einen allgemeineren sinn hatte. vgl. das jüngere staar
oben und: myne (
des leichnams) oghen stan meck to stare.
visio Philibertist. 225
bei Schiller-Lübben 6, 270
b. 11)
in sinnlicher anwendung. 1@aa)
gewöhnlich von personen, so wol schon in der ahd. glosse hyena (
hyaena)
bestia cuius pupille lapideae (
lapides)
sunt, staraplint des seha augono stani sint, stara plind thes aukun (thes sehun) stein si[n]t (edho zi steine uuordato [
l. uuordano]), stara plint. Steinmeyer-Sievers 1, 170, 19—22,
wo augenscheinlich nur der relativsatz dem deutschen entspricht. man kann die hyäne unmöglich deshalb staraplint
genannt haben —
ganz abgesehen davon, dasz das wort zweifellos ein adj. ist —,
weil ihre augen nach alter anschauung steine enthalten sollten. vgl. Zacher
in den klin. monatsbl. f. augenheilkunde 12, 282.
dasz dem relativsatz auszer der wörtlichen übersetzung das adj. staraplint
gleichgesetzt wird, erklärt sich aus der alten medicinischen theorie, die den staar durch erstarren eines aus dem hirn ins auge gedrungenen feuchtigkeitstropfens entstehen läszt. vgl. das zugehörige subst. oben. auf personen beziehen sich wol auch die glossen albios oculus (
verschrieben für albioculus), staraplinter. Steinmeyer - Sievers 3, 12, 16 (
deutlich auf den grauen oder weiszen staar weisend)
und glaucoma, starablint. 2, 11, 6 (
glaucoma wird später grüner staar genannt),
ebenso gewisz zunächst die erklärungen nhd. lexicographen starblind,
ex suffusione vel albugine coecus. Stieler 195,
suffusione tali (
oculi)
laborans, coecutiens. nachsch. 29
a, star-
ò starrblind,
chi hà il panno sull' occhio ò un occhio appannato. Kramer
deutsch - ital. dict. 2 (1702), 911
c,
ex suffusione coecus. Steinbach 1, 133,
durch den staar am auge blind. Campe.
wie in diesen erklärungen geht es auch in den folgenden stellen sicher oder wahrscheinlich auf die oder eine der als staar bezeichneten krankheiten: rettigwasser in die augen gethan und getrunken zerlest die feuchtigkeit, die da ist in cornea der augen, davon die menschen starnblind werden. Vogter
wie man alle gebresten und krankheiten des menschlichen leibs ... arzneien und vertreiben soll mit ausgeprannten wassern (1532) 8; wer staarenblind ist. Gäbelkhover
arzneib. (1599) 1, 113; wann einer durch ein kranckheit starrblind worden were, so nimb fenchelwasser das mit dem honig, wie oben gemeldt, eingesetzt worden, und zweymal gestillirt ist, und thu jhm alle stund, tag und nacht, jedesmal ein paar tröpfflein in ein jedes aug. Tabernaemont. (1664) 157 J; gemeldeter safft (
des haarstrangs) mit geläutertem fenchelsafft zertrieben, und ein wenig des auszgetruckneten saffts lycii darzu gethan, bringet die wider zu recht die anfahen starrblind zu werden, täglich einmal oder zwey etliche tröpfflein in die augen geträufft. 165 C; wer staarblind ist, der nehme tormentill und lege sie in wein, trincke den wein ausz, und sonst nichts anders. Coler
öcon. 2 (1680), 118
a; starblind seyn,
havere gli occhi appannati, esser' acciecato dal panno sul' occhio. Kramer
deutsch-ital. dict. 2 (1702), 911
c. staarblindes auge
anscheinend von völliger blindheit unterschieden: und ist daʒ der mage übergêt, sô gerætet der überfluʒ etewenne gein dem houbete, daʒ dem menschen etewenne diu ôren vervallent, daʒ er ungehœrnde wirt, oder für die gesiht, daʒ er erblindet oder sus bœsiu ougen gewinnet, sûröuge oder glaseöuge oder starblint (
sc. öuge). Berthold v. Regensburg 1, 433, 15. staarblind
als '
mit offnen augen blind'
erscheinend: es wird ein sölch mensch daraus, der dahin gehet als der starr blind (
lesart: starblind) wird und mit offenen augen nichts mehr sihet noch acht oder fület. Luther 28, 757, 8
Weim. ausg. zu berücksichtigen ist, dasz die hauptarten des staars, der graue, grüne und schwarze staar nach alter medicinischer anschauung die hauptformen der blindheit bei erhaltenen augen darstellen. von der augenblicklichen blendung der augen durch glanz, schimmer heiszt es: ich sach (
auf der wand gemalt) menigen schilt und helm, die ich han gesehen uff der ban, die ich vil wol genennen kan, wan sie uʒerwelt sint. ich was nach worden starreblint (
lesarten: starrblint, stareblint). Altswert 21, 34;
und auch geradezu: ich wart schauwens (
vom anschauen einer burg aus metall) starblint. 36, 19; das liecht das macht uns so starnblind, das wir des wegs verfehlet habn. Ayrer 2464, 23
Keller. mundartlich wird staarblind
nach Adelung
für völlig blind gebraucht (
auch bei zerstörten augen?).
das nach Adelung
und [] Campe
in gleichem sinne übliche starrblind
ist augenscheinlich erst in jüngerer zeit von staarblind
differenziert, das in der neueren schriftsprache bei eigentlicher anwendung durchaus beschränkt ist auf die unmittelbare beziehung zu staar. 1@bb)
von thieren, besonders von pferden: verkoft en man deme anderen ein pert, dar ihme gewerescap an gewert, die sal yme geweren an dem perde, dat it nicht stedich ne si, noch starblint noch unrechtes anevanges.
quelle von 1369
bei Schiller-Lübben 4, 366
a (
auf andere mnd. zeugnisse wird dort, bei Frisch 2, 320
b und rechtsalterth. 609
hingewiesen); starblindeʒ pfert.
quelle des 14.
jahrh. bei Lexer
mhd. handwb. 2, 1142; starnblindte pferdt.
quelle bei Schm.
2 2, 775; ist ein pferd starnblindt. Albrecht
roszarznei (1541) 1.
von anderen thieren, im thierepos: dat hise (
der fuchs die jungen des wolfs) besekede daer si laghen, datter twe noint meer ne saghen ende si worden staerblent.
Reinaert I 77
Martin; darnach: he bemeech unde beseychede se, dar se legen, dat der dre ny sodder ensegen und worden dar aff al starblynt.
Reinke de vos 49.
vgl. auch: bi daie þu (
die eule) art stareblind.
quelle bei Bosworth-Toller 909
a. 22)
in bildlicher anwendung: da ist sie (
die vernunft) star blindt. Luther 12, 319, 11
Weim. ausg.; ir seyt ubersichtig; secht nur in die höhe auff den grossen weltlichen hauffen, der dann (wie vor) alle mal mit lesterlichen sünden herein-fert. daran werdet ir dann gar starnblindt, falt wider zu-ruck auff ewer zierliche gleisznerey, halt die für heylig. H. Sachs 22, 67, 31
Keller-Götze; dasz man klärlich genugsam sehen würde, wie starrblind für wenig jaren alle menschen gewesen.
brodkorb der hl. röm. reliquien (1594) 8; dieweil aber die ganze welt staarblind ist und sitzet in finsternisz und schatten des todes. Mathesius
Syrach (1586) 2, 84
a; wer ein übel los seyn will der weisz immer was er will; wer was bessers will als er hat, der ist ganz staarblind. Göthe 17, 24; bald sie ('
bulerey und frembde lieb') in fecht und uberwindt, so macht sie in tholl und starnblind, dasz er nit wol weisz, was er thut. H. Sachs 20, 62, 17
Keller-Götze; wie seid jhr menschen kind so toll? so tum? und so starblind? das jhr golt, silber, edelgstein euch samlet, nur zur pracht und schein ...? Hollonius
somnium vitae humanae 27, 429
Spengler.