[]strudel ,
auch strodel,
m., bewegte fluth, brandung, strömung, wirbelnder wassertrichter, quelle; getöse; noth, verwirrung, hast. herkunft und form. rückläufige ableitung (
nomen postverbale)
aus strudeln, strodeln,
wie dieses auf das deutsche beschränkt. dän. strudel
ist jüngere entlehnung. noch im ahd. und class. mhd. fehlend, ist es zuerst in einer urkunde des 14.
jahrh., allerdings als bestandtheil eines eigennamens, zu belegen: und vom Ruprechtswinkel bisz an die Strodelbach (1394)
weisth. 6, 73.
als selbstständiges wort findet sich strudel
in einem voc. ex quo von 1429 Dief.
n. gl. 112
a; 155
a; 177
b.
häufiger wird das wort sowie das dazugehörige verb. vom ende des 14.
jahrh. an. ein plural findet sich nur vereinzelt: strudeln Stieler 2214; S. v. Birken
forts. d. Pegnitzschäf. 1
f.; Happel
relationes 449
a;
plur. strudels
belegt Paul
d. gr. 2, 132
bei der Gottschedin
u. bei Schnabel
insel Felsenb. —
als stammvocal steht neben vermuthlich älterem o
von anfang an u,
das sich allerdings auf kosten von o
schnell verallgemeinert. von älteren lexikographen verzeichnen strodel
als nebenform noch Stieler (1691) 2214; Kramer
d.-it. 2 (1702) 1016
a; Aler (1727) 2, 1855
b.
mundartl. hält sich o
vereinzelt bis heute, vor allem obd.; oberösterr. strodl Pailler
weihnachtsl. 2, 129; stródel, strodil
neben strudil Tobler 415;
auf altes û
weist štroudəl B. Martin
waldeck. 273.
im verb. hält sich o
zäher. —
neben d. formen mit gedehntem u (Paul
d. gr. 1, 201)
deuten auf kurzen vocal alem. struddel, struttel,
s. u., vgl. auch strŭdel Fischer 5, 1881. —
umlaut findet sich wie beim verb. ebenfalls im alem.: strüdel Stalder 411,
vgl. auch die deminutiva strödeli, strüdeli Tobler 415. —
dial. spielformen im consonantismus: struu'l Lenz
Handschuhsh. 69
b; struddel Schmidt
Straszb. 106; struttel, strûtl, strùtl, strytl Martin-Lienh. 2, 626;
mit articulationsübergang strurl Kisch
Nösen 150.
dazu die österr. nebenform struden,
m., die vielleicht auf anderer bildungsweise beruht: Unger-Khull 585
a ('
ältere sprache'); Jakob
Wien 186;
vgl. auch den ortsnamen Struden
an der Donau und Strudengau,
die gegend des berühmten Greiner strudels.
bedeutung und gebrauch. AA.
eigentlich. die ursprüngliche anwendung geht auf stark bewegtes wasser. dabei ist, wie beim verb. strudeln,
der visuelle eindruck des wallens und der akustische des rauschens von haus aus verbunden zu denken. für die bedeutungsentfaltung ist die visuelle componente wichtiger geworden. dementsprechend sind belege, in denen der akustische eindruck den ausschlag giebt, ziemlich selten: ettliche in dem wasser lind, das glüend eisen kühlten ab, darvon es einen strudel gab Spreng
Ilias 162
a;
lexikalisch häufiger in ausdeutungen wie: murmur gereusch, getummel, strudel Junius
nomencl. (1538)
bei Dief.
gl. 372
c;
murmur gereüsch, strudel und getösz eines fliessenden wassers Frisius 849
b (
für vortex setzt Frisius wirbel);
murmur ein gereusch oder getösz eines fliessenden wassers, ein getümmel, strudel Calepinus
dict. xi
ling. (1598) 923
b; kolk ... strudel ... gompe
omnia a sonitu Stieler 942; strudel, strodel
voce finta dal suono Kramer
d.-it. 2, 1016
a;
vgl. noch: Teutones hunc locum infamem perniciosumque navigantibus, a strepitu aquarum strudelon nuncupant (
um 1520) Aventin
annales V
cap. 7,
sect. 28; nautae et accolae eam a stridore, voce teutonica den strudel appellant Herbinius
bei Popowich
untersuch. v. meere 200;
vollkommen verselbstständigt zeigt sich heute das akustische element der bedeutung nur mundartlich: strudel '
lärm' Fischer
schwäb. 5, 1881,
als dessen weiterbildungen die folgenden bedeutungen gelten können: '
gezänke'
ebda; stródel, strudil,
auch stroedeli, strüdeli '
zank, zwistigkeit' Tobler 415;
zuletzt ins abstracte spielend: '
uneinigkeit, streit, zwietracht' Fischer
schwäb. 5, 1881.
s.hausstrudel
th. 4, 2, 691. A@11) A@1@aa)
die ersten belege führen auf heftig strömendes wasser: Strodelbach (1394) (
s. o.), '
bewegt dahin schieszender',
vielleicht [] auch '
rauschender bach'
; fluctus sturm, strudel Dief.
n. gl. 177
b (1429);
häufig im 16.
jahrh.: als er inn mitten des wassers kam, da nam der strudel uberhand ... ryss also dem bauren den wagen umb (1559)
V. Schumann
nachtbüchlein 217
Bolte; dann daselbst wardt das wasser in einer enge auffgehalten und die schiff durch ein gäheligen abfall zwischen zweien felsen in eim strudel hindurchgefiert A. Krantz
hertz. Heynrichs history (1561) A 4
b; aus welchem (
see) ... ein schnell wasser mit solchem starcken strudel in das grosz meer laufft Fickler v. Weil
Olai Magni hist. (1567) 116
b; die gewaltige starcke strudel oder sonst schnelle wasser, so an die grosse felsen lauffen Schweickh.
gr. z. Helfenstein
Basilius Magnus (1591) 522;
auch der altberühmte Donaustrudel
bei Grein ist kein wirbel: der strudel genannt ... weil die Donau daselbst zwischen grausamen felsen lauffet ... und gehet der strom alldar ... als ein pfeil aus einem bogen Berckenmeyer
cur. antiquar. (1712) 367; strudel, weil die Donau daselbst über einige verborgene felsen herschiesset Happel
bei Popowich
unters. v. meere (1750) 197;
selbst im 18.
u. 19.
jahrh., in denen der bedeutungsschwerpunkt längst verlagert ist, taucht die alte bedeutung gelegentlich empor: nicht anders als ein strom, wenn er sich losgedämmet, alsdann zwey arme macht und alles niederschwemmet, was iedens weg ergreifft, vom strudel übermannt Besser
schrift. (1732) 1, 37; und warfen in die flut der väter hort ... der strudel führte weg den alten graus C.
F. Meyer
Huttens letzte tage, cap. 72, 11
f.; strudel
als thalsturz der wassermassen einer stromschnelle v.
d. Steinen
Zentralbrasilien (1894) 85. A@1@bb)
bewegter schwall, wellengang, brandung: (
der fisch) ging daher gegen unserm schiff mit groszem sausen strudel und wallen, und macht ein grosz fortun in dem meer Franck
weltbuch (1542) 217
b; (
bei Ikstain) wolt sich erst auch ein strudel sträuben und thät gros wällen da auftreiben Fischart
glückh. schiff 16
neudr.; dort wäschet deine Pegnitz deine ufere und schmeist ihre strudeln wider dieselben S. v. Birken
forts. d. Pegnitzschäf. (1645) 1;
die poetische sprache nützt das wort bis ins 19.
jahrh., doch verblaszt dabei die ursprüngliche bedeutung: wenn sie (
die kugel) tau, mast und volck in seinen (
des stromes) strudel träget Pietsch
geb. schr. 13
Bock; namentlich bei plural. gebrauch: (
der strom) der körner reinen golds in seinen strudeln hegt Postel
Wittekind (1724) 92; sie sehen des Simois silberne strudel Schiller 6, 190
G. wieder stärker: im strudel der brandung Matthisson
schr. 1, 220; erst liesz ich mich mit soole tüchtig beregnen, dann ging ich in den strudel (
wellenbad) Moltke
ges. schr. 6, 86;
lexikalisch: strudel
wasserrünnel (
vgl. th. 8, 1521 rünne
sturmwoge) Stör 2, 469; im strudel
medio in aestu Aler 2, 1855
b;
mundartlich: strùdel
wallung des wassers Hunziker
Aargau 261;
specieller: '
wirbelförmige bewegung des wassers, so durch das schiff verursacht wird' Chr. Schrader
dtsch.-frz. 2, 1329;
in kleinerem ausmasz: wimpern oder borsten ... welche im wasser einen strudel hervorbringen, durch den sie (
die strudelwürmer) sich ihre nahrung ... zuführen Krünitz 176, 129;
auf die vorstellung des wallens in der gährung geht wohl das sprichw.: wein müssen erst durch vil strudel probiert verjeren (
vergähren), sol man jn ein gschmack abgewinnen S. Frank
sprüchw. (1541) 1, 112
a. A@1@cc)
einerseits von der vorigen bedeutung her, andererseits wegen der lautlichen ähnlichkeit wird strudel
frühzeitig synonymisch mit sprudel
gebraucht, als '
quell, aufsteigendes wasser, aufquall von unten': weil aber nach der sündflut ... der grosse strudel, da die vier hauptwasser im paradeisz herausquallen, sich versetzet Mathesius
Sarepta (1571) 12
a; (
es ist aber) der Carlsbadische (
topfstein), so im strudel wechset, castaneenbraun P. Albinus
meiszn. [] bergchron. (1590) 164; die ... Donau ... quillt mit einem grossen strudel ausz der erden herausz P. Uffenbach
atlas minor (1609) 362; wenn ich einen quell will stopfen, steigt ein strudel in die höh Logau
poet. zeitvertr. (1725) 138; grüszen sie P. ... und gedenken mein im strudel (
von Karlsbad)
schr. d. Götheges. 18, 195; man erzählt von dem amerikanischen ... Yellow Stone Park, dasz, wenn man da mit dem stock in der erde wühlt, alsbald ein strudel emporschiesze
d. allg. ztg. Berlin 3. 1. 1931, 4
a;
in ähnlicher art ist das aufwallen einer kochenden flüssigkeit gesehen: wofern man ... das glasz in einen warmen aschen oder sand würde setzen ... wenn es zuletzt nur einen strudel gethan, kan mans durchseihen
schles. wirtschaffts-buch (1712) 611;
mit bedeutungsverengerung als '
trinkbares heilwasser': gutes trinkgeld an den schöpfer verschafft den gehaltreichsten strudel B. Weber
Tirol 3, 229. A@1@dd)
die bedeutung des hervorquellenden emporsteigenden wassers im vorigen abschnitt setzt sich in einige speciellere anwendungen fort, meist in landschaftlich beschränkter anwendung: die aus dem mund dringende flüssigkeit; was man speit: doch hab ich in ein letz gelassen, ein strudel ausz der weinstrassen, etwan eins arms dick oder lanck H. Sachs 7, 12
Keller; ein strudel ausz dem maul im troff
ders. 9, 430;
der aufsteigende schleim (
s.strudeln A 6 a): mein dudlsag is schon guát gstimmt und wann má dá strodl nöt kimmt, so dudl i halt brav drein Pailler
weihnachtslieder 2, 129;
der ausströmende harn; der bettpisser betet: hl. st. Veit weck
e mi
ch bei zeit
nit z
u früh und
nit z
u spat, vor der strudel a
ngaht Fischer
schwäb. wb. 5, 1881;
schweiz., '
von einer kuh, die ihre milch in schönem strahle giebt, sagt man si hei an schöna strodil' Tobler 415. A@22)
der begriff des bewegten flieszens wird schon frühzeitig auf die kreisdrehung des wassers übertragen, sodasz strudel
in synonymische wechselwirkung zu wirbel
geräth, u. zwar wird jede art der drehung, die flächenhafte wie die in die tiefe gehende sowohl mit wirbel
als mit strudel
bezeichnet, sodasz eine sachliche scheidung oft schwer zu treffen ist. in jedem falle kann strudel
sowohl den vorgang der drehung als ihren ort bezeichnen. A@2@aa)
das blosze, einfache drehen: vortex, vertex Golius
onomast. (1571) 64; Calepinus
undec. ling. (1598) 1531
a; Stieler 2214;
locus vertiginosus in mari vel flumine Wachter (1737) 1633;
tournant d'eau nouv. dict. al.-fr. (1762) 878;
whirl-pool Ludwig (1716) 1903; darnach kompt ein strudel, do laufft das wasser gerings umbhär inn ein zwirbel Seb. Münster
cosmogr. (1550) 3, 820; etliche (
strudel) führen das wasser nur in einem creysz umbher Happel
relationes curiosae (1685) 2, 449
a; dies zeug läszt man zwölf tage im strudel herumtreiben Pückler-Muskau
südöstl. bildersaal 2, 215;
in den maa. ist diese bedeutung selten, es werden dafür synon. wie werfel, kolk
bevorzugt. sprichwörtliche anwendung: kleine strudel drehen grosze schiffe Wander 4, 923; allein sie kamen vom strudel in wirbel (
vom regen in die traufe) Lohenstein
Arminius 2, 282
b;
im vergleich: (
in der zeichnung des marmors) hier sieht man stille wirbel sich, dort trockne strudel gleichsam regen Brockes
ird. vergnüg. 4, 227;
im bild: die wirbel und strudel des bluts Jean Paul 5, 62
Hempel. A@2@bb)
in die tiefe gehende drehung, trichterförmiger wirbel. die lexikalischen belege geben die sache nur ungefähr wieder, auszer wo sie mit der bezeichnung jener sagenberühmten stelle im mittelmeer umschrieben ist: charybdis Stieler 2214;
[] Dentzler 1, 137; Aler 2, 1855;
im übrigen ist das sinnfälligste der erscheinung festgehalten, der durch die drehung entstehende '
schlund, abgrund, trichter'
: vgl. barathrum Schottel 1425;
abyssus Stieler 2214;
gurges Schottel 1425;
vorago Comenius
jan. iv
ling. (1643) 21;
voragine Kramer
d.-it. 2, 1016
a;
goufre nouv. dict. al.-fr. (1762) 878;
schlund Ludwig (1716) 1903;
golfo (
mit einer im it. anzusetzenden bedeutung '
schlund') Hulsius
t.-it. (1618) 243;
golfo di acque profondissime Kramer
d.-it. 2, 1016
a,
vgl. ebda acque golfeggiante e verticose: in dem meer Sizilie ist ein fels und strudel davon den schiffungen vil geferlikeit ... begegnen (
in cuius freto scilla et caribdis quibus navigia aut absorbentur aut colliduntur) G. Alt
buch d. cronicken (1493) 19
a; bei Crembs ... hat das wasser ein strudel und wirbel, das ein guter theyl der Thonau verfellt S. Franck
chron. Germ. (1538) 294
a; der (
ist) im schwimmen in wassers-noth, in einen wasser-kessel oder strudel gerathen Dannhawer
catechismus milch (1657) 6, 176;
demgemäsz wird auch der strudel
charakterisiert: der tiefe strudel W. Grimm
deutsche sagen 1, 212; strudel ... erfaszt uns — hinab! E. Th. A. Hoffmann 11, 87
Grisebach; als tödlicher, alles verschlingender strudel: so das fischlin Tynnus ... flohe den delphin ... stiesz es sich in ein zwürbel, aber der delphyn wardt auch in einen strudel getriben. do sahe Tynnus das er jetz sterben wolte, und sprach, jetzt ist mir der tot nicht schwer, so ich sihe das der mit mir stirbet der ein ursach ist meines todes S. Brant
bei Stainhöwel
Esopus (
Freiburg 1555) 153; der maalstrom oder strudel ... der ... alles verschlingt, was ihm zu nahe kömmt Wünsch
kosmol. unterhaltungen (1779) 2, 520; so hätte mich der strudel eingeschluckt Bürger 173
Bohtz; bildlich: dan dis wort ist das ainige ruder des schiffes Petri, damit es durch alle strudel, wirbel und meerferlickeit gefurt wird (1527) A. Chrosner
sermon v. d. hl. christl. kirch 57
Clemen. in vergleichen: also ist auch ein solch hochtragend ... weib ein rechter abgrund, strudel und unergründlicher wirbel, so ... grose güter ... verschluckt Fischart 3, 250
Hauffen; töne ... die um mich wie ein ziehender strudel gingen Jean Paul 1, 256
Hempel; als wären seine augen strudel, alles in sich zu reiszen A. Zweig
novellen um Claudia (1912) 48;
sprichwörtlich: wenn ein strudel nach schiffen hungert, so ist er noch nicht satt von einem kahn Wander 4, 923;
der strudel,
der das verschluckte wieder ausspeit: daran hieng er, bisz das schiff grosz widerumb auff im strudel schosz H. Sachs 3, 395
Keller; den grausamen und grösten strudel in der welt, welcher ... die grösten schiffe und wallfische sechs stunden lang verschlingt, die sechs folgenden aber alles wieder ausspeiet Lohenstein
Arminius (1689) 2, 905
a;
die übrigens auch heute nicht streng durchgeführte unterscheidung zwischen wirbel
als einfacher kreisdrehung und strudel
als trichterförmiger drehung findet sich erst im 17.
jahrh.: das wasser, wo es ... sich drehet (
sollst du) einen wirbel, wo es sich selbst verschlinget einen strudel, dümpffel, kessel ... nennen Comenius
jan. iv
ling. (1643) 21;
man kann also sagen: tausend wirbel im strudel Bode
Tristram Schandi (1774) 7, 9;
seither so lexikalisch Krünitz 176, 123; Maasz
sinnverw. wörter (1820) 4, 9
f. A@33)
vereinzelt nimmt strudel
die bedeutung '
wasserfall'
an. den übergang vermitteln stellen, in denen von wirbeln, die sich in der regel unterhalb der wasserfälle bilden, die rede ist (
vgl. auch oben 1 c, d): der salm ... welcher in menge ... in dem strudel (
des wasserfalls) nächst Rheinfelden gefangen wird v. Hohberg
georgica cur. 3, 11, 301
b; man empfand, dasz der wilde wasserfall ... in seinen mannichfaltigen strudeln schöner sey Kretschmann
s. w. 1, 2;
weiterhin wird auch der ganze fall als strudel
bezeichnet: wunderbarlich rauschet der Rheyn gantz schmal durch die felsen und diser strudel wäret ... bis under die statt hinab Stumpf
Schwytzerchron. (1606) 686
b; strudel, plötzliche und schnelle ergieszung von oben herab,
cataracta [] Decimator
thes. 1615;
cataracta ein strudel Garth
lex. (1697) 97
b;
ein ort, wo ein flusz sich herabstürzt oder herabfällt, wie der Rhein Frisch
d.-lat. wb. (1741) 349
b; strudel,
wasserfall, tiefes wasser unter einem solchen Buck
obd. flurnamenb. 272. A@44)
im älteren nhd., gelegentlich aber bis in den anfang des 18.
jahrh. reichend, finden sich einige entlegenere bedeutungen, die sich als übertragung der bedeutung 1 a
auf den ort des strudels
erklären (
vgl.strom II A 4). A@4@aa)
fluszbett: alveus eyn gros strudel
i. venter fluviorum (1429) Dief.
n. gl. 18. A@4@bb)
fluszmündung: meerhafen zu Alexandria ... nebenst zweien auszwürffen oder strudeln des berühmten flusses Nili. doch sind sie der beschaffenheit, dasz man mit grossen ... vaschallen nicht kann hineinsegeln Troilo
orient. reisebeschr. (1676) 358 (
den weg zu dieser bedeutung und zugleich eine beziehung zur folgenden giebt die fortsetzung der stelle: wegen des grossen und hohen sandes, welchen das meer mit seinen starcken hin- und wiederflissen zu überhäuffen pfleget). A@4@cc)
syrte, sandbank: von jhrem könig Psyllo, welches grab an einem ort des groszen strudels (oder syrten) verhanden ist Gabr. Rollenhagen
indian. reysen (1603) 51;
syrtes Aler (1727) 2, 1855; Steinbach (1734) 2, 753. A@4@dd) '
meerenge, sund'
: euripus Aler 2, 1855; Steinbach 2, 753. A@55)
übertragungen. A@5@aa)
im sinnlichen bereich;
soweit es sich um jüngere übertragungen handelt, ist zumeist an die in neuerer sprache vorherrschende bedeutung 2,
besonders 2 b
zu denken: ich dränge durch die brausendwilden strudel der stürm in der durchwühlten luft Pyra
u. Lange 50
lit. denkm.; dasz das trunkene auge ... den strudel der wechselnden farbigen flammen (
des feuerwerks) mit entzücken betrachtet Tieck
schr. (1828) 5, 336; die spiralen des aufsteigenden rauches, seine strudel, windungen, sein dahinschwinden
deutsche allg. ztg. 19.
apr. 1931,
beibl. 1
a.
vereinzelt, die '
elliptische bewegung'
der weltkörper, dann auch die '
bahn'
selbst (
von 2 a
her übertragen): wir wollen aber zugeben, nach der cartesianischen meinung, dasz der strudel der erde lang-rund sei Knorr v. Rosenroth
pseudodoxia (1680) 350
u. ö.; s. strudeldicke, -zirkel
sp. 101
f.;
weniger abseitig von einer menschenmenge: einer nach dem andern wird in den strudel gezogen, der sich dreht, solange die schalmeien der musikanten blasen Holtei
vierzig jahre (1843) 2, 38; der ganz
e strudel ist na
ch in's wirtshaus Fischer
schwäb. 5, 1881.
freier, ein '
gedrehter haarschopf',
im comp.: dichtes haar mit dem geniestrudel in der mitte Schleich
besonnte vergangenh. (1930) 345.
von hier ergiebt sich eine beziehung zu dem österreich. strudel,
f., spottname für einen '
haarbeutel' Castelli 238,
s. auch strudelich 2. A@5@bb)
in der neueren sprache hat den gröszten raum die anwendungsübertragung im unsinnlichen gebiet gefunden. alle abstracta, die im bilde kreisender, verschlingender bewegung gesehen werden, können dem begriff strudel
genetivisch beigeordnet werden. in verbindung mit zeit, welt, tod
findet sich die übertragung bereits im 16.
jahrh.: ob mir gott durch den strudel diser gefarlichen zit helfen würd (
um 1530) J. Keszler
sabb. 17; wiewol der herr uns und alle die sinen vätterlich durch allen strudel diser wellt erhalten wird (1546) Blaurer
briefw. 2, 519; können nicht ersterben, ob wir schon gern baldt abdrucken und durch den strudel des todts hindurch dringen wolten Huberinus
mancherlei form zu predigen (1557) 182
b.
die herleitung dieses gebrauchs aus der sinnlichen sphäre ist gegeben, wo die objecte aus sinnlicher anschauung unmittelbar abgelöst sind: für so mancherley unbequemlichkeiten, welche sie in dem strudel der gesellschaft auszustehen haben Göthe IV 15, 195
W.; Vandamme verwickelte sich in den strudel des rückzugs Laube 8, 43.
aus der fülle abgezogener, das bild immer blasser gestaltender objecte folge eine geringe auswahl: wer will Schlesien verdencken, wenn es bei zeiten den strudeln
[] gröszerer gefahr entgehen ... wollen Lichtstern
schles. fürsten-krohn (1685) 46; in den furchtbaren strudel des geschicks Lenz 182
Weinh.; in den trüben strudel des öffentlichen, geschäftigen lebens Fr. v. Schlegel
s. w. (1846) 4, 78; von nun an wurde er in den strudel der französischen politik gerissen Kerner
bilderbuch (1849) 52; strudel der finanzoperationen Bismarck
polit. reden 1, 364
Kohl;
mehr auf inneres bezogen: die pfeil bedeuten uns ... die forcht, die wellen und strudel der engsten und sorgen J. Meichel
creutz-schul (1630) 12; er machet keine strudel des schwindelsüchtigen ehr-geitzes Schmolcke
s. trost- u. geistr. schr. (1740) 2, 652
b; durch die strudel meines gemüths Gutzkow
ges. w. 3, 23; die strudel der schweigenden ehrfurcht W. Schäfer 13
bücher d. deutsch. seele (1923) 224.
völlig verblaszt, den bedeutungsgehalt geradezu verkehrend: musz ein sanfter strudel fliessen sicherster zufriedenheit Weichmann
poesie d. Nieders. 2, 213;
anders: durch meine ohren strömte ein strudel musik Brentano 5, 340;
dann auch mit adjectivischer verbindung: ich wollte warten, bis sie aus den festlichen strudeln ... ihr haupt erhüben Schubart
briefe 2, 287
Strausz; wo man ... sich ... dem allzu geselligen strudel übergeben musz Platen
tageb. 1, 93. BB.
uneigentlich. B@11)
schon vom 16.
jahrh. an wird aus der sinnlichen anschauung abstrahiert, die hervortretenden begriffe erscheinen in freier, uneigentlicher verwendung. B@1@aa)
noth, nöthe, anfechtung. die brücke giebt '
durch strudel herbeigeführte wassersnoth': von ainer not zu der andern, durch vil und mancherlai strudel an ain sicher port S. Franck
bei Fischer
schwäb. 5, 1881;
verselbstständigt: die armut musz vil versuchen, erfarn und durch manchen strudel, dadurch sie geübt, gelert und weisz wirt S. Franck
sprüchw. (1545) 1, 37
b; dasz ich ... erst vor einem jahr ... kranck gelegen ... und eben ... im nächst verloffnen monat ... nicht ein geringen strudl, biss zu zimblicher gefahr aussgestanden Guarinonius
greuel d. verw. (1610) 969; (
gott) wölle durch diesen strudel (
pest) gnedig hindurchhelffen (1607)
bei Fischer
schw. wb. 5, 1881; so, meine tochter! (sagte sie), wann ihr diesem strudel mit ehren entrinnet Grimmelshausen
Simpliciss. (1713) 2, 121;
vgl. das sprichwort: durch den strudel oder beutel lassen lauffen (
jem.)
den text lesen S. Franck
sprüchw. 2, 92
a;
im heut. schwäb. 'n strudel ausstau
n von einem bösen weib Fischer 5, 1881. B@1@bb)
in der älteren sprache speciell '
schlacht, kampf, kampfgetümmel, sturm': er hat gegen den feinden allzeit vorn dran ... gefar erlitten, dasz iemant wundern solt, wie er zu solchem alter kommen wer durch so vil strudel und todtsnöt S. Franck
Germ. chron. (1538) 286
a; umb welche zeit keyser Ludwig ... für Burgaw ... gerucket und dasselbig gestürmet ... jn welchem strudel sie gleichwol nicht geringen schaden von denen von Ellerbach empfangen E. Werlichius
Augsp. chron. (1595) 2, 100; folge der andere strudel oder schlacht (1666)
bei Fischer 5, 1881; der hoffnung, die statt in dem strudel (
überfall) zu bekommen (17.
jahrh.)
ebda, woselbst weitere belege. B@1@cc) '
verwirrung, wirrwarr; erregung, unruhe': und welche nüt in dem strudel gericht wurdend oder sunst in kurzem absturbend, kamend alle wieder in die ret und zu allen eren (
ca. 1510) H. Brennwald
Schweiz. chron. 2, 314; seit dem 21. des morgens lebe ich hier im sonderbarsten strudel (1813) graf Dohna
landwehrbriefe (1913) 24; aber dazu müszte ich auch erst in ruhe gesetzt sein. in dem hiesigen strudel geht es nicht
aus Schleiermachers leben 4, 324;
nach innen gewendet: verspühr, so bald der kopf im strudel sich erhitzt, dasz meine sinne nicht, wie etwan for, gespitzt J. Rompler v. Löwenhalt
erstes gebüsch (1647) 80; auf was für strudel rennt sein halb-verzweifelt sinn? Lohenstein
Ibrahim sult. (1680) 63;
in obd. maa: wirbel, wirrwarr Jakob
Wien 187;
durcheinander, aufregung, tumult Fischer 5, 1881.
[] B@1@dd)
die beständige, heftige bewegung des wassers führt zum begriff '
eile, hast': (
die karthäuser) haben besonder stunden, in denen sie heimlich und on strudel leibliche werk üben Keisersberg
bei Ch. Schmidt
hist. wb. d. els. maa. 344; im strudel
praecipitanter, tumultuarie Dentzler (1716) 2, 280; Aler (1727) 2, 1855
b;
auch in mod. alem. maa.: struddel
unüberlegte hast Ch. Schmidt
Straszb. 106; Martin-Lienh. 2, 626;
mit weiterbildung der bedeutung: strudl
unsinn Jakob
Wien 187. B@1@ee)
der vorige begriff wird mundartlich als übername auf menschen angewandt, als femininum auch auf frauen: struddel
einer der durch zu grosze hast eine arbeit schlecht verrichtet oder sich im sprechen überstürzt Ch. Schmidt
Straszb. 106;
als demin.: strùdlì,
m., übereilter, oberflächlicher arbeiter Hunziker
Aargau 261; strudli
flüchtiger mensch Seiler
Basler ma. 282;
die bedeutung entwickelt sich weiter, indem der begriff der '
hast'
schwindet: strudel,
f., oberflächliche arbeiterin Kehrein
Nassau 1, 397;
unordentliche arbeiterin Schön
Saarbrücken 205; štrurl,
f., faules frauenzimmer Kisch
Nösen 150; strudel,
m., oberflächlicher mensch Martin-Lienh. 2, 626.
fraglich bleibt, ob schwäb. strodel,
m., grosze kurzgeschwänzte feldmaus, arvicola arvalis Fischer 5, 1873
als die '
eilige, flinke'
hierher gehört. B@22)
eine aus stark abgeleiteter bedeutung des verbums gewonnene verwendung ist '
quirl' (
das werkzeug) Schmeller 2, 810; Schöpf 721; Fischer 5, 1881;
zu strudeln B '
quirlen'.