strudeln ,
auch strodeln,
vb., weiterbildung auf -eln (
aus ahd. -alon,
vgl. Wilmanns II 98)
zu ahd. stredan
fervere Graff 6, 744
f. idg. wurzel sreth
in griech. ῥόθος '
geräusch, gebraus, bes. der anschlagenden wellen',
ῥόθέω '
rauschen, brausen, lärmen',
altcornisch stret '
latex',
mittelcornisch streyth '
flusz',
mittelirisch srithide fola '
ströme blutes' Walde-Pokorny 2, 704.
seit dem 15.
jahrh. belegt: strodeln (
um 1450) Schmeller 2, 810; Eychmann h 5
a; strodlen von hytz (1486)
voc. predic. k 5
a; Dief.
gl. 231
c;
die formen mit stammvocal o
sind seltener, halten sich aber zäh in den älteren lex. und in den maa.: Frisius 166
b;
nouv. dict. (
Genf 1695) 354; Stieler 2214; Kramer
d.-it. 2, 1016
a; Dentzler 2, 279
b; Aler 2, 1854;
mundartlich in Aachen s. Müller-Weitz 238; Rovenhagen 143;
oberdeutsch: Bühler 1, 152; Tobler 415; Schmeller 2, 6; Schöpf 722; Loritza 128; Höfer 3, 195; Stelzhamer 2, 105
Ros. bei Frisius
u. a. vertheilen sich o-
und u-
formen auf verschiedene bedeutungen. der umlaut in alem. stridlen (1512)
Kuhns zs. 15, 282; strödela Tobler 415; strüdeln Stalder 411
ist hervorgerufen durch das (
stets mit -alon
wechselnde)
suffix -ilon.
kurzvocalische formen: struddeln Stalder 411; struddle Schmidt
Straszb. 106
f.; mit consonantenschärfung: strûtle Martin-Lienh. 2, 626.
vgl. auch 1strütten.
in drei sprachepochen besteht die vorliebe, das verb. mit einem zweiten (
und dritten)
schall- und bedeutungsähnlichen zu verbinden. 16.
jahrh.: strudelt und prudelt H. Sachs 14, 172
lit. ver.; prodelt oder strodelt Mathesius
Sarept. [] (1571) 125
b; prudelt und str.
ders. Syrach (1586) 2, 120
b;
barocklyrik: wudlend und strudlendes bächlein Harsdörffer
frauenz.-gesprächsp. 5, )( )( )( )( )( 2
a; wudelt — brudelt — str. Klaj
bei Gottsched
beitr. z. cr. hist. 7, 376; strudlende flut — brudlende brut Abele
künstl. unordn. (1674) 5, 29; str. und brudeln und wudeln v. Birken
forts. d. Pegnitz-schäf. (1645) 35;
im umkreis der classik: prudelt's — strudelt's Göthe 15, 29
W.; strudelnd — sprudelnd
ders. IV 38, 70; str. und sudeln
ders. I 19, 119; str. und brudeln E.
M. Arndt
schr. f. u. an s. l. Deutsch. (1845) 1, 12; str. und sprudeln
ders., briefe an Joh. Motherby 144; brodelt — strodelt Stelzhamer 2, 105
Ros. die bedeutung knüpft sich an die vorstellung stark bewegten wassers. dabei sind von haus aus der visuelle eindruck des wallens und der akustische des rauschens verbunden zu denken. in der praktischen anwendung des verb. ist das mischungsverhältnis verschieden. doch herrscht im ganzen das visuelle moment vor: auf seine rechnung kommt im wesentlichen die differenzierung der bedeutungen und die ausdehnung der anwendungsmöglichkeiten. immerhin wird von den lexikographen gelegentlich das akustische moment in den vordergrund geschoben: Adelung
deutet das wort überhaupt onomatopoetisch, wb. 4, 458; strudeln '
der laut des wirbelns und sprudelns' Voigtel 3, 375
b; strodla
vom geräusch des siedenden wassers Schöpf 722;
vgl. auch Stieler 2214 strodeln
scaturire cum sonitu; selten litterarisch: da würdet ihr (
in der wasserpfeife) ein strudeln und brudeln der ... wellen ... hören Balde
truckene trunckenheit (1658) 31; eine stunde später drehen sich seine (
des pferdes) enthäuteten glieder an einer zerbrochenen kosakenlanze über einem mächtigen feuer. es schmort und strudelt Dwinger
zwischen rot und weisz (1930) 381;
vgl. noch 6. AA.
intransitiv. A@11)
frühest und reichlich belegt im sinn des brodelnden, siedenden, kochenden wassers: fervere, lat. entsprechung zu den oben beigebrachten ersten belegen (1483: strodlen von hytz);
ferveo sieden, strodlen, süttig heisz sein Frisius 69
b;
effervescere uber auszhin strodlen Maaler 393
b; (
e)
bullio strodlen strudeln Frisius 116
b; 456
b; strudlen Calepinus xi
ling. (1598) 174
b;
in alem. maa.: Fischer 5, 1882; strôdela, strodla Tobler 415; strodla Bühler
Davos 2, 35; (
im kessel) der ob dem fewer seudt und strudelt H. Sachs 21, 127
Götze; (
der flusz) gab von sich einen dampff und rauch, war siedig heysz, und strudelt sehr Spreng
Ilias 297
b; wenn es endlich so lange und starck anfänget zu strudeln, dasz der oberste theil des glases erwärmet wird
schles. wirtschafftsbuch (1712) 610; da brät's und prudelt's, da kocht's und strudelt's Göthe 15, 29
W.; siedend sprudelt sein (
des punsches) gemisch, und schäumt, und strudelt Voss
sämtl. ged. (1802) 6, 9;
ähnlich vom perlen, moussieren des getränkes: was ist der rubinnectar, der in perlen strudelt ...? Bodmer
abh. v. d. wunderb. (1740) 39;
auch für das brodeln dickflüssiger massen: der bösen leib wie bäch und hartz ... wird strudlen siedend heysz (1625)
bei Kehrein
kirchenl. 1, 114; das hertz ... wird in grösten trübnüssen stecken, und gleichsam strudeln wie die erbes in einem siedenden hafen Abr. a
s. Clara
Judas 3 (1692) 444.
überhaupt ziemlich häufig in bildlichem und übertragenem gebrauch: fervor siedenige liebe, als grosz liebe, dz sy uber sich strodlet
voc. predic. (1486) K 5
a; sein strudelnd blut, das rauch und rache dämpfet Pietsch
geb. schr. 299; ich brenne ganz von zorn, das herz wallt auf und wudelt vor bitterbösem grimm, es brudelt auf und strudelt Klaj
bei Gottsched
beitr. z. crit. hist. 7, 376; ich habe gesehen, wie die verderbnisz der sitten siedet und strudelt, bis der kessel überläuft Eschenburg
[] Shakesp. schausp. (1775—82) 2, 139; so siedets und strudelts noch immer in den ... Niederlanden Schubart
bei Fischer
schwäb. 5, 1882;
ähnlich: in jene jugendzeiten ... wo alles noch unruhig in mir gohr und strudelte Mörike
briefe an M. Speeth (1906) 28; und ich fühle die heilige gluth warm in mir strudeln und brudeln E.
M. Arndt
schr. f. u. an s. l. Deutsch. 1, 12. A@22)
das natürliche wallen des wassers in meeren und flüssen: das strudeln der wellen und wasserwogen
Barthrouherri (1696) 100
Olearius; oberhalb gegen der kochenden oder strudelnden see zu Pierot
amerik. freibeuter 2, 361; plötzlich raffte ... der strudelnde schwall der gewässer (
das schiff) Voss
Odyss. 167
B.; die waldbäche zogen gebändigt ... den flüssen zu und strudelten, wo ein baumstamm ... in ihrem bett haftete Freytag
ges. w. 9, 221.
gelegentlich übertragen: das feuer strömt darin ... und strudelt ... wie ein meer Wieland
Luc. 4, 212; (
volksheer) strudelt auf königsplätzen Sonnenberg
ged. (1808) 193; sogleich nun strudelt es (
menschen) von ihm zu ihr, wie eine heerde strudelt vor dem treiber Immermann 11, 168
Boxb. häufig auch so, dasz neben oder an stelle des begriffes des auf- und abwärtswallens die vorstellung der horizontalen bewegungsrichtung in den vordergrund tritt, also '
bewegt flieszen, strömen': im fortlauff um-inselt sie das schlosz Spielberg, strudelt von dannen über felsen und klippen v. Birken
verm. Donau-strand (1684) 39; allwo die keusche Susanna sich zu baden begunnte in einem wie crystall strudleten bächel Abr. a
s. Clara
etw. f. alle 2, 655; (
ein sund) der von strudelnden strömen mit lautem brüllen durchkreutzt wird Bodmer
Noah (1752) 51; der gieszbach, der von felsenhöhen in die täler strudelt Waiblinger
bei K. Frey
Waibl. (1904) 2, 19;
mundartlich: der flusz strudlet über's wuhr 'na
b Fischer
schwäb. 5, 1882;
bildlich: sie sprechen dabey sehr schnell. Sander nennt diese aussprache strudelnd Nicolai
reise 5, 303; ihre worte strudeln, wo sie nur flieszen sollten Möser
bei Sanders 3, 1246;
das part. präs. öfter als bloszes schmückendes beiwort in verbindung mit flusznamen: der strudelnden Ister
allg. d. bibl. 111, 327; vom strudelnden Hauthos Stolberg
ges. w. 11, 170. A@33)
wirbeln, sich im wirbel herumdrehen: strudeln, strodeln,
gorgogliare, golfeggiare, girarsi e vorticarsi le acque in giro Kramer
d.-it. 2, 1016
a;
tournoyer, aller en tournant Frisch
nouv. dict. (1772) 575; (
die Thur) dann wieder bald eine stille, bald eine strudelnde seetiefe bildet U. Bräker 2, 270; und reiszend sieht man die brandenden wogen hinab in den strudelnden trichter gezogen Schiller 11, 221
G. A@44)
sprudeln, hervorsprudeln, -quellen: die cisternen aber thun nicht also (
wie flieszende gewässer), sondern im anfang strudelen sie embsig daher ... aber über ein kleine zeit so versigen sie
M. Herr
feldbau (1551) 32
a; diser bronn prodelt oder strudelt stets uber sich Mathesius
Sarept. (1571) 125
b; zudem lieget ein sandhübel in ihrem (
der flüsse) munde, darüber das wasser eines halben mannes länge hoch strudelt Dapper
Africa (1671) 388
a; fürs erste strudelt das wasser aus den löchern und höhlen mit ... gewalt in die höhe Wünsch
kosmolog. unterhalt. (1779) 2, 522.
im vergleich: der undank ist eine quelle, aus welcher viel unzählige laster mit vollem strudeln herflieszen Neumark
poet. u. mus. lustwäldch. (1652) IV
b;
ähnlich: nun strudelten fragen aus allen mäulern
V. Weber
holzschnitte (1793) 373;
mit anderen flüssigkeiten: die heüpter, abgehauwen mit dem schwert, strudelten mit überflusz desz abnemmenden bluts Pinicianus
Scanderbeg (1561) 118
b; (
wenn der hahn aus dem fasz fällt) strudlet der wei
n aus 'm fasz Fischer 5, 1882;
auch österr. u. steir. für sprudeln: Mareta 2, 71; Unger-Khull 585
a und schtrudle
to spout Lambert
pennsylvan.-germ. dial. 145.
[] A@55)
die subjectsverschiebung, die allgemein zu beobachten ist (
z. b. das wasser strudelt
neben der kessel strudelt
unter 1)
nimmt öfter solche form an, dasz das verb. eine causative bedeutung gewinnt '
einen strudel
hervorrufen': (
die hexe) daselbs ... mit den henndten in des teiffls namen in dem berürten lackhlen gestrudelt (1540)
bei Schöpf 722; wie er auch des balthischen meeres gedencket, da der Leviathan prudelt und strudelt, wie das wasser im destillier kessel Mathesius
Syrach (1586) 2, 120
b; das wirbeln und strudeln der räderorgane läszt die tiere ... schwimmen Brehm
thierleben 10, 97
Pech.-L. so mundartlich, von 4
aus entwickelt: shtrurelen
das wiederholte harnen ('
spritzen')
rossiger stuten v. Pfister
nachtr. 290;
ähnlich: cacare von kindern das kind hat in die windel gestrudelt Kehrein
Nassau 1, 397. A@66)
nur in den maa. oder in mundartlich gefärbter umgangssprache weist strudeln
verwendungen auf, bei denen die akustische bedeutungscomponente mehr oder weniger verselbstständigt ist; durchweg mit der subjectsverschiebung von 5. A@6@aa) strodeln
röcheln, durch die mit schleim erfüllte drossel den athem laut aus- und einziehen Höfer 3, 195;
röcheln kollern Loritza 128;
beim athem ziehen rasseln, röcheln Schmeller 2, 810; Schacherl
Böhmerwald 38; (
bei einer erkältung) thuet einwendi' rodeln muesz tag und nacht strodln Lindermayr
dichtg. in obderenns. ma. (1822) 173; (
in der hölle) wo's bridelt und brodelt wo's lechátzt und strodelt Stelzhamer 2, 105
Ros. A@6@bb) strudeln
von einer nicht sehr guten musik Mareta 2, 71; die musik musz wieder was strudeln
kom. briefe d. Hans-Jörgels 33 (1854) 11; die begleiter der sängerin,
d. h. die musikalischen, strudeln ganz famos
ebda 50 (1855) 16. A@77)
wie 1strudel B 1
entwickelt auch das verb. eine anzahl uneigentlicher bedeutungen; die bedeutung ist überall an ein persönliches subject geknüpft. A@7@aa)
eilen, hasten: trepidatio das forchtsam und angsthafftig eylen und strudlen Frisius 1328;
festinare eylen, im vil zu not lassen seyn und strudlen
ebda 557; strudeln, strutten
praecipitare, festinare Dentzler 2, 280
a;
ähnlich: strudeln
in heftige bewegung versetzt werden, sehr unruhig sein Campe 4, 721; strudeln, strüdeln (
obd.)
unbesonnen verfahren Heyse 3, 1140;
übereilt, hastig verfahren Schmeller 2, 810; Fischer 5, 1882; es werden oft also unsinnige ... köpf gefunden, die warten nicht, bis man die sach ... zum end bringt ..., sonder strutlen von stund an mit ungewüschtem hindern darvon Höniger
narrensch. (1574) 27
a; thuo dich des strudlens massen Wickram 4, 3
Bolte; wasz sie zu thun haben, thun sie so geschwindt, dasz sie drüber strudtlen Elis. Charl. v. Orl.
br. 2, 608
Holland; du siehst an meiner hand, dasz ich nicht so strudele und sudele wie sonst Göthe 19, 119
W.; ins seelische gewendet: gedenk her, alles stridlens, betrübnus, ängsten (1512)
Kuhns zs. 15, 282. A@7@bb)
in speciellerer bedeutung des vorigen, von der arbeit; in obd. und md. maa.: strudle
n, struttle
n flüchtig, obenhin arbeiten Martin-Lienh. 2, 626 (
woselbst belege)
; in ähnlicher bedeutung: strùdle Hunziker 261; strudle Seiler 282; strudeln, struddeln, strüdeln Stalder 411; strüdle, strudle (
Schweiz)
Frommanns zs. 6, 408;
ebenso md.: shtrurelen v. Pfister
nachtr. 290; strudeln Kehrein
Nassau 1, 397; štrûrln Kisch
vergleichend. wb. der Nösner ma. 219; strudele
unordentlich arbeiten Schön
Saarbrücken 205;
mit weitergebildeter bedeutung: strudeln
plagen, mühen Jakob
Wien 186. A@7@cc)
von der bedeutung '
hasten'
ist wohl auch abzuleiten: strodeln
mit den füszen strampen. das kind strodelt sich aus den windeln, strodelt die decke herab Schmeller 2, 810; strodeln
mit den füszen stampfen, zappeln Unger-Khull 584
a. A@7@dd)
vom 17.
jahrh. an begegnet der begriff '
hasten'
eingeschränkt auf das sprechen: strudeln im reden
präcipiti lingua verba intercidere Stör 2, 469; strodeln in dem
[] reden
parler précipitamment, bredouiller, praecipitanter loqui nouv. dict. (
Genf 1695) 354;
auch in den maa.: schnell und undeutlich sprechen Martin-Lienh. 2, 627 (struddle
n, struttle
n); Follmann 508 (strudle
n); Autenrieth 139 (strudele);
stottern Müller-Weitz 238 (strodele); Follmann 508;
to speak indistinctly, sputter Lambert
pennsylv.-germ. dial. 145 (schtruddle);
fortgebildet: viel schwatzen v. Pfister
nachtr. 290 (shtrurelen); (
er hat) von kristlign werk langmächti' öppas gstrodelt Lindermayr
a. a. o. (1822) 63. A@7@ee) Kaltschmidt (1851) 943
belegt eine bedeutung strudeln
schwärmen, überschnappen, schwindeln; vielleicht zu 5strudel. BB.
transitiv. spuren transitiven gebrauchs finden sich im 16.
jahrh.: die lehr undereinander strutlen, gleich wie ein schumacher die leist untereinander wirft. es seind etlich die ... wissen keiner kunst das jhrig zu zueignen ... sonder werffen dasselbig alles untereinander Höniger
narrenschiff (1574) 98;
weiter bei Fischart 3, 61
Kurz in der zusammensetzung meszstrudeln,
verb., die messe strudeln, eilig zu ende bringen. dann ist trans. gebrauch lange zeit nicht belegt, erst seit der zweiten hälfte des 18.
jahrh. tritt er wieder auf, nun fast ausschlieszlich der poetischen sprache angehörig: manchen hat ins elend sie (
Venus) gestrudelt Schiller 1, 190
G.; (
der Vesuv) strudelt schäumend herrliche gluth in die schöne nacht aus Waiblinger
ged. aus Ital. 2, 208
Gris.; wie sie (
meine klänge) mich von dannen strudeln unbezähmbar, zaubervoll Strachwitz
ged. (1850) 16.
besonders sinnlich: in dem augenblick, in dem sich ... ein ei ... aus dem eierstock ablöst und durch die flimmerhaare des eileiters in den gebärmuttergrund gestrudelt wird
mütter, kinder u. gesundheit (1931) 7.
vgl. auch: tsəhôf-štrurln
zusammendrehen, z. b. einen strick Kisch
Nösen 150
u. Sanders
wb. 3, 1246;
erg.-wb. 536,
woselbst weitere belege. hierher auch die bedeutung '
quirlen, umdrehen'
in obd. maa., vgl. Schmeller 2, 810; Fischer 5, 1882.