gottmensch,
m. ,
als appositionelle verbindung zweier substantiva in der form des kopulativkompositums, vgl. Henzen
wortbildung 39; 53; 83.
schon mhd. und gelegentlich älternhd. bezeugt, häufig erst seit der mitte des 18.
jhs.; in der umgekehrten wortfolge menschgott (
s. d.),
auch menschengott (
s. d.)
ungebräuchlicher. mit anderer bildungsweise und bedeutung gottesmensch (
s. d.). 11)
als entsprechung des kirchensprachlichen θεάνθρωπος, θέανδρος in unmittelbarer oder mittelbarer beziehung auf Christus, gemäsz der dogmatischen lehre von den zwei naturen Christi. 1@aa)
am häufigsten als prägnante benennung Christi, und so wohl schon in der ältesten bezeugung, wenn das wort hier als dat. sing. verstanden werden darf: daz er ouch selbe uns menschen hie en erde lêrte sînen willen mit sîner menscheit, diu nâch der gotheit alsô gänzlîchen geordent ist an aller heilekeit, als iz zimlich ist gotmenschen in einer persôn vereinet David v. Augsburg in:
dt. myst. 1, 326
Pfeiffer. vgl. in getrennter schreibung: sieh, der bejac (
gewinn) wart ir nach deme gruze: got mensche, der vil suze
Daniel 1616
Hübner. neben dem dogmatischen akzent liegt auf dem wort der des gewichtig-feierlichen, so namentlich in und seit Klopstok
s Messias: und der gottmensch schaute dem hohen Seraph ins antlitz
s. w. (1854) 1, 176; 197
u. ö.; da geht im glanz, den engel nur tragen, der gottmensch aus dem grabmal Wieland
w. 6, 96
Hempel; der gottmensch schlieszt der höllen pforten Göthe I 37, 9
W für den benennenden charakter des wortes spricht die auffallend häufige verwendung unflektierter formen im dat. u. acc. sg.; sie geht über das beim simplex mensch (
s. d. sp. 2021
unten)
übliche weit hinaus: auch ihnen hast du den gottmensch, deinen erhabnen messias, gesandt. so wirst du nicht richten Klopstock
s. w. (1854) 1, 167;
ebenso 173; 197; Bodmer
der Noah (1752) 342; was uns in den gesängen des Messias für den gottmensch mit heiliger bewunderung einnimmt Sturz
schr. (1779) 1, 226.
ebenso die häufige anrede: du zweiglein Isai ... gottmensch, Immanuel, wie wunderbar sind doch dein amt, person und nahme Schmolck
s. trost- u. geistr. schr. (1740) 1, 373; wer kann dir, gottmensch, widerstehn? J. A. Schlegel
verm. ged. (1787) 1, 136; ja, dich, du heiliger gottmensch, haben sie auch getödtet! rief der mann zum kreuzbilde auf Rosegger
schr. (1895) I 13, 9. 1@bb)
daneben' in appositioneller oder prädikativer bestimmung: eyn mensch sol eyn gOetliche inbildunge von dem lieplichen menschen Jesu Christo leren haben als von dem gotts sune und von got-mensch und mensch-got Seuse
dt. schr. 526
Bihlm.; Christus der gottmensch ein gott seye Dannhawer
catech.-milch (1657) 5, 683; wo sich nur gelegenheit darbot, zeugte er vom gottmenschen Christus Jung-Stilling
s. schr. (1835) 2, 232.
in einer den gattungsbegriff gottmensch
voraussetzenden anwendung: so bald er (
der herr) aber kommen vnd gottmensch worden ist Hedio
Tertullian, v. d. gedult (1546) c 4
a; Seraph, ich (
gott) steig hinunter, gott den messias zu richten, welcher zwischen mich und das menschengeschlecht sich gestellt hat, dasteht, gottmensch ist und mein ganzes gericht erwartet Klopstock
s. w. (1854) 1, 164.
so namentlich in der verbindung mit dem unbestimmten artikel: die zwote person von diesem eindreifaltigen ... gotte ... war ... gott und mensch zugleich, ... ein menschgott, oder gottmensch und hiesz Jesus von Nazareth, der gesalbte
M. Mendelssohn
ges. schr. (1843) 3, 161; das blut, das ihn erlöste, und aus dem pfuhle des verderbens zog, (
war) nicht das opferblut eines vermeintlichen gottmenschen (
Christi), sondern sein eigenes D. Fr. Strausz
ges. schr. (1876) 9, 223. 22)
als religionsgeschichtlicher begriff in verschiedenartigem zusammenhang, auszerhalb der christlichen anwendung, aber in gewisser entsprechung zu ihr: Tensio Dai Dsin ... fieng hierauf die dynastie der fünf halbgötter oder gottmenschen an Zimmermann
v. d. nationalstolze (1758) 258; und ich, sprach der gottmensch Dewanahuscha oder Deonausch, ich bin der weltherrscher Dionysius J. H. Voss
antisymb. (1824) 2, 244; ein urvolk kann sich den urmenschen nur in der fülle menschlicher hoheit denken und hochbegabt vor allen nachkommen. und darum verehrten urvölker gar oft den als eins geglaubten urmenschen und volksvater und vergöttern ihn zum gottmenschen Fr. L. Jahn
w. 2, 505
Euler; so dasz er (
Herakles) als gottmensch zwischen sie (
die menschheit) und die götter trat Welcker
alte denkmäler (1849) 3, 109.
ohne spezifische anwendung, als reiner gattungsbegriff der religionskunde: er (
Kanne) hat ein buch über den gottmenschen fertig Görres
ges. br. (1858) 2, 348; angestrebt wird die idee des gottmenschen in mehreren religionen, da sie die beiden pole der gottanschauung (
unendlichkeit im endlichen) verbindet Beth
religion u. magie (1927) 329. 33)
seltener als auszeichnende benennung des menschen, in mehr oder weniger willkürlicher bestimmung. vereinzelt für den frommen, gottgemäsz lebenden menschen: dasz also der mensch ... hie auff erden ein gantzer vollkommener gottmensch, von innen und aussen ohne mängel sey Jac. Böhme
apologia wid. Esaias Stiefel (1682) 90.
mystisch gefärbt: alles, was gott in sich selber ist, das ist auch die (
ihrer '
selbheit'
abgestorbene) kreatur in ihrer begierde in ihm, ein gottengel und ein gottmensch, gott alles in allem, und auszer ihm nichts mehr Jac. Böhme
s. w. 4, 452
Schiebler. in religiös unbestimmterer, mehr idealisierender bezeichnung eines besonderen menschentyps: es giebt pflanzenmenschen, thiermenschen und gottmenschen ... werden auf pflanzenmenschen, auf thiermenschen endlich gottmenschen kommen? Jean Paul
w. 7-10, 338
H.; vgl. dazu Gervinus
gesch. d. dt. dichtung (1853) 5, 218; 348.
auf den inneren menschen eingeschränkt: wiewol doch der menschgott auf der höhe immer einen gottmenschen und gott selber in seinem innern hat Jean Paul
w. 32-36, 30
H. auch von einer groszen geschichtlichen persönlichkeit, in rein profanem sinne: nie zum gesang auf foderte so vorstrahlend ein gottmensch (
wie Napoleon) Baggesen
poet. w. (1836) 2, 98.
ungewöhnlich für den menschen überhaupt als ein gottähnliches wesen: die erde ist nicht blosz erdkörper, sondern weltkörper, daher der mensch nicht blosz erdmensch, sondern gottmensch A. Jung
charaktere (1848) 1, 152. —