murmeln,
verb. murmurare. 11)
es ist wol kein zweifel, dasz das wort nicht, wie mummeln
und murren,
eine einheimische tonmalende bildung, sondern eine ahd. entlehnung aus dem lateinischen sei. murmurare mit den substantivbildungen murmur und murmurator war im alten und neuen testamente mehrfach (
Matth. 20, 11.
Joh. 7, 32.
ap. gesch. 6, 1.
Judä 16
u. ä.)
in bezug auf die widersetzlichkeit des innern gegen göttliches gebot gebraucht worden, und von da aus in die geistliche sprache als bezeichnung eines sündigen zustandes des gewissens übergegangen, z. b. in die Benedictinerregel cap. 5: non cum malo animo si oboedit discipulus, et non solum ore, sed etiam in corde; si murmuraverit etiam si impleat jussionem, tamen acceptum jam non erit deo qui cor eius respicit murmurantem, et pro tali facto nullam consequitur gratiam, immo poenam murmurantium incurrit, si non cum satisfactione emendaverit;
im ahd. empfieng das hiermit so zu sagen technisch gewordene wort als murmurôn
und murmulôn
heimisches gewand und wurde mit seinen ableitungen (murmulôd,
murmurium, murmulunga,
murmuratio)
ein ausdruck der gewissenserforschung in der beichte: ih hân gesundôt .. in murmulôde.
Wessobrunner beichte bei Müllenhoff
u. Scherer
nr. 90, 117,
so auch den laien geläufig und in die gewöhnliche sprache übergeführt, mit nach und nach erfolgender weiterer und freier ausbildung der bedeutung. 22)
die dem lat. zu nächst stehende form ist ahd. murmurôn: inti murmurôtun thie Pharisei (
et murmurabant Pharisei).
Tat. 101, 2,
was sich auch mhd. als murmern
noch findet, vgl. mhd. wb. 2, 1, 276
a;
mussare, dick murmeren Dief. 372
c;
vergl. noch bei Schottel 1367 murmelen, brummelen, murmuren;
gewöhnlicher ist die form mit l
statt r,
als murmuln
dem lat. ebenfalls noch nahe: murmurare, murmulen Dief. 372
c;
murmur, dat murmulent Chytraeus
cap. 52; in solchem geschrei laufen und murmulen.
Bocc. (1580) 1, 39
b;
sonst als murmlen, murmelen, murmeln: murmelen,
murmurare, rumictare. voc. inc. theut. o 3
a; murmelen,
susurrare, insusurrare, consusurrare, muginari, gannire Dasyp.; murmlen, oder ein gemümmel über ein ding machen, frolocken, und thuon als jm ein sach gefalle,
admurmurare Maaler 296
a;
erst spät zeigt sich auch die umgelautete form mürmeln,
gern, aber nicht ausschlieszlich mitteldeutsch: sô mürmelte unser ungedult wider dich. David v. Augsburg,
Haupts zeitschr. 9, 41; ein warer gedultiger mensch, der mürmelt nit, wenn im gott die rut der widerwertigkeit zusendet. Keisersberg
seelenp. 23
b; ir all, die ir habt gemürmelt.
bibel von 1483 73
a (
4 Mos. 14, 29); ich bitt, vergib mir diese schuldt, darzu mich mein fleisch bracht, das ich gemürmelt hab, herr wider dich. J. Greff
Lazarus (1545) B 2; und mürmeln darob heftig sehr. J. Ayrer 78
a (401, 24
Keller); soll ein ergetzlich kusz sein besser angewehrt, als auf des pabstes fusz, so musz ein lieblich wort, so musz ein freundlich kürmeln bei süszen schmätzerlein, dem lächeln und dem mürmeln sich artig mischen ein. Logau 2, 14; das mürmeln verleurt sich,
rumor refrigeratur, obmutescit, extinguitur. Stieler 1247;
bei Tieck
alterthümelnd: dasz du mürmelst und brümmelst verdrossen doch? 13, 324. 33) murmeln,
in der ältesten bedeutung murren, grollen: ouch wâren sume cristen hie, die murmelen begunden und in berespen (
tadeln) kunden tougen in ir muote.
Silvester 4849; derzuo viel ein gezig (
bezichtigung) uf die juden, daʒ sü soltent die bürnen und die wasser han vergiftet. des murmelte daʒ volk gemeinliche und sprochent, man solt sü verburnen.
d. städtechron. 8, 127, 11; darzue wart dem kaiser (
in der Peterskirche zu Rom) ain stuel darauf zu sitzen, doch etwas niderer den des babsts stuel, berait. dannocht viengen die cardinäll an zu murmeln, als ob der kaiser zu hoch sitzen solt.
Wilw. v. Schaumb. 9; diese murmeln und klagen jmerdar.
Judä 16; (
das kamel) ward murmeln und unbenügig (
unzufrieden) sein. Steinhöwel (1555) 83; gott weisz all ding basz ordinieren, dann durch din narrecht fantisieren; das judisch volk das lert uns wol ob gott well das man murmlen sol. Brant
narrensch. 28, 30; tragkeit, ein ursach aller sünd, macht murmelen Israhel die kind. 97, 20; um etwas murmeln: da das volk umb speisz und trank murmelet. S.
Frank weltb. 162
b; wider einen
oder etwas murmeln: das was diu swester Moysi diu murmlot wider Moyses iren bruoder das im got ass vil guotz tet. Wackernagel
pred. 70, 103; also du narr, nit murmel wider got, das du arm bist. Keisersberg
narrensch. 52
b; und es begab sich bald, das ein gemeind wider einen rath murmelt.
Livius von Schöfferlin 34; und wem sein tittel wird (
wer vorwürfe erhält) der ist wunderlich und murmelt wider jn. Pauli
schimpf 123
b; und er (als dann alter leut gewonheit ist) wider die frawen der tochter halben murmelt.
Bocc. (1535) 115
a;
vergl. ahd.: ni tharft thu thes uuiht frâgên,ni biginnent sie thâr bâgen, thaʒ zurnen odo iʒ rechen,odo iauuiht thes gisprechen, odo iauuiht thara ingeginimurmulô thiu menigî. Otfrid 5, 20, 35;
der infinitiv als subst.: seid gastfrei unternander on murmeln. 1
Petr. 4, 9; und ward ein grosz murmeln und unwill under in allen.
Livius von Schöfferlin 45; dardurch sich dann grosz murmeln unter uns allen erhebt hat.
Galmy 266; mit groszem murmeln, fluchen und schweren wichen (
die landsknechte) wider ab. Kirchhof
wendunm. 111
b;
noch in der neueren sprache, wiewol nicht mehr gewöhnlich: hörst du diesz murmeln, diese klagen? des volkes das ihm folgt, der krieger, die ihn tragen? ihr ungestüm verwünscht der rache zögerung. Gotter 2, 475;
bei Göthe
weniger als murren: indem jederman ein vollkommen brauchbares werk erwartete, erhielten die meisten (
in Klopstocks gelehrtenrepublik) ein solches, dem sie auch nicht den mindesten geschmack abgewinnen konnten. die bestürzung war allgemein, die achtung gegen den mann aber so grosz, dasz kein murren, kaum ein leises murmeln entstand. 26, 116. 44) murmeln,
übergehend in die bedeutung des undeutlich, dumpf oder leise redens, nicht mehr mit dem sinne des murrens oder grollens: mussare, murmeln Dief. 373
c; aber so werden sie murmeln und brummeln, den mund zusammenziehen als hetten sie schlehen und holzöpfel gessen. Paracelsus
opus chir. (1589) 415; so da murmelten und brummeten in der kirchen. Luther
tischr. 187
a; ich .. murmelet mit den lefzen, als ob ich bettet.
buch d. liebe 194
d; nach diesem macht er (
der zauberer) etliche fremde zeichen, und murmelt eine ziemliche weile. A. Gryphius (1698) 1, 61; dann hat sie auch nicht gesprochen, sondern gemurmelt. die verwünschte gewohnheit des murmelns wird von tage zu tage ärger. in meiner jugend sprach man zum maule heraus. Engel
schriften 12, 268; bei sich murmeln,
secum murmurare, er murmelt bei sich selbst,
secum commurmurat. Steinbach 2, 85; leise murmeln,
submurmurare. ebenda; zwischen den zähnen, in den bart, vor sich hin murmeln; vernehmlich sprechen ist besser, als in den bart murmeln. Platen 245; in seiner hand hielt er (
der Hebräer) eine schriftrolle, worein er blickte, vor sich hin murmelnd und nach vorn und hinten sich bewegend. Dieterici
streit zwischen mensch und thier (1858) 102; ein zaubrer läszt beim mondenschein, läszt murmelnd im erschrocknen hain dergleichen lieder hören, die geister zu beschwören. Uz 1, 37; nicht mehr verfolgt von schönen, seufzt er: der ganze chor, mit murmelnd leisen tönen, seufzt nach: Euridice! Cronegk 2, 134; gebet von eurem gewinne was ab! so sagtet ihr damals. Isegrim sagte wohl: ja! doch murmelt er unter dem barte, dasz man kaum es verstand. Göthe 40, 182; etwas murmeln: sondern murmelt und pröpelt nur die horas canonicas. Luther
tischr. 264
b; (
er hat) nicht mehr geredt, denn allein jren namen zwei oder dreimal gemurmelt.
buch der liebe 187
d; dann er sawer zur sach sahe, und murmelt das andern, so zugegen stunden, auch in ein ohr. 214
a; Göze wäre der mann gewesen, der in éinem athem gegen einen und denselben schriftsteller sauersüsze komplimente zwischen den zähnen murmeln, und aus vollem halse laute verleumdungen ausstoszen können? Lessing 10, 129; murmelte dem heil. Georg manche bona verba unterm bart. Hamann 6, 185; alter! was murmelst du da zwischen den zähnen, als wenn irgend ein ungeheuer von geheimnis auf deiner zunge schwebte, das nicht heraus wollte und doch heraus sollte? rede deutlicher! Schiller
räuber 4, 3; da ich ihn bald psalmen, bald den rosenkranz murmeln hörte. Göthe 35, 86; sie rupft und murmelt.
Faust. was murmelst du? 12, 166; beifall, zustimmung murmeln; bald murmelt er vor sich verworrne träume her. Gotter 1, 143; und kreuzigt sich, und murmelt sprüche. 156; was aber wars, das zwischen deinen zähnen du murmeltest? Schiller
hist.-krit. ausg. 1, 318 (
Semele v. 85); der alte murmelte den abendsegen. Lenau
neue ged. 15;
mit anführung des gemurmelten, in direkter rede: keine zeit an verhältnisse zu denken! murmelte er zwischen seinen zusammengebisznen zähnen. Wieland 8, 232; endlich murmelte er in sich: hier stehe ich als ein thor. Klinger 5, 313; lange weile, sagt man, sei die schwester des todes, murmelte Orancia. 10, 31; (
er) empfieng, mit bloszem haupte, die herren an der thür, und murmelte: mein Kätchen, hol eine kanne bier. Hölty 9
Halm (
gab leise den befehl); das kind war bang und strauchelte, da es die hohen stufen an dem thron hinan stieg. ein böses omen! murmelte das volk. Schiller
jungfrau von Orl. 1, 5;
der infinitiv als subst.: man rennt durcheinander, ein unvernehmlich murmeln dringt zum ohr der königin. Schiller
hist.-krit. ausg. 5, 12 (
Dom Karl. 1, 1); jener sprachs, und den chor durchlief beifälliges murmeln. Voss
Luise 3, 2, 396;
bei beschwörungen: mit wenig murmeln, weisz ich, ists gethan, wie man sich umschaut bringst du sie zur stelle. Göthe 41, 72. 55) murmeln,
in der älteren sprache einigemale in den sinn des keifens, zankens übergetreten, in näherem anschlusz an die bedeutung 3,
wobei aber der begriff des leisen mehr zurückgetreten ist: und gefiel mir nichts bessers, als wann die baurenweiber bisweilen in wirthshaus kamen und ihre trunkne männer so greulich zerlegten, dasz nichts drüber war, mir auch solche schöne ehrentitul auf einander und in einem athem gaben, dasz ich sie nicht alle so geschwind einschieben konte, daran ich mich aber nebenst meiner gesellschaft im geringsten nichts kehrte; sondern, wann sie auf ihren maultrummeln anfiengen zu murmeln und zu brummeln, da nahm ich einem pfeifer seine sackpfeife und machte es darauf so bund und kraus, dasz man das weibergeplerr davor nichts ... verstehen konte.
Simpl. 2, 295
Kurz; und hetten da ein grosz getader, ein brumlen, murmlen, und geschnader.
Grobian. H 2
b (
v. 1947); so jn dann Bacchus höher steigt, und die vernunft von dannen fleugt, so hebt sich erst das murmlen basz, und glaubt der disz, der ander das, und komen dann so weit hinein, dasz sie nimm wölln zu friden sein. J 2
a (
v. 2219). 66) murmeln,
von dem tone der füchse: was hilft es mit dem löwen brüllen, mit dem pferd hinnen, mit den füchsen murmeln, mit den fröschen quaquen, mit der hennen gracken, mit dem pfauen pfuchzen? Schuppius 760;
vom tone der murmelthiere: zuo zeiten söllend sy an der sonnen vor jren löcheren mit einanderen spilen oder gopen, etwas murmlen, bällen gleich den jungen hunden oder katzen. Forer
thierbuch 112
b;
vom geräusch der kochenden flüssigkeit: die stimmen murmelten wie siedend heisze töpfe. Günther 495. 77) murmeln,
als gerücht sagen, leise und verhohlen ausbreiten, wie sonst mummeln 2,
sp. 2663: murmelen,
percrebescere, rumore spargi, vulgari, disseminari Stieler 1247; man murmelt darvon,
rumor affertur, dissipatur de hac re, denunciatur sermonibus. ebenda; es wird von ihm sehr übel gemurmelt,
parum secundi de eo sparguntur rumores. ebenda; die nachbawren murmleten wie es doch zugienge .. Pauli
schimpf 108
a;
Fiesko. was spricht man zu meinem roman mit der gräfin Imperiali ... was murmelt man?
Mohr. nichts murmelt man. auf allen kaffeehäusern, billardtischen, gasthöfen, promenaden, auf dem markte, auf der börse schreit man laut .. dasz ihr ein narr seid. Schiller
Fiesko 2, 4; fragt dich jemand, so hast du von weitem murmeln gehört, dasz dein herr .. jagd auf die Türken mache. 2, 15; das volk was das denkt, die nachbarinnen, was die murmeln .. Göthe 8, 193; wäre denn wirklich wahr, was hier das hausgesinde murmelt, ihr seid mit Marien verlobt? 42, 288; bald wieder murmelt man davon, die mutter hab ihn aufgelesen. Kotzebue
dram. sp. 1, 295. 88)
erst seit dem vorigen jahrhundert wird in der sprache der dichter nach anleitung des altlateinischen gebrauchs von murmurare, murmeln
von dem leisen rauschen des flieszenden wassers gesagt (
noch Adelung
erwähnt davon nichts): neben ihm rieselte die quelle des bachs, und murmelte ihn in stille träume der vergangenheit. Lafontaine
naturmensch (1801)
s. 7; der weste lispeln seufzt, die bäche murmeln klagen. Cronegk 2, 11 (
von 1757); (
wo) alles hier still ist, auszer der quelle, die murmelnd herab flieszt von unwegsamen felsen. 62; oft sah man ihn einsam am bach die murmelnden wellen betrachten. 289; (
felder) durch die ein bach mit heischerm murmeln schleicht. Uz 1, 93; es murmelt mancher bach. 104; rollt eure krausen silberwellen mit hohlem murmeln durch das bunte veilchenthal, ihr wiesenbäche und ihr quellen. Hölty 48
Halm; die quellen murmeln dir ruh in die brust, o mensch. 120; der ganze buchenhain wird süszer, süszer silberklang, und bäche murmeln drein. 145; sie stund in der laube beim murmelnden bach. Stolberg 1, 299; wie an der ruhenden schäferinn fusz, der spalte des felsens blumentränkend ein quell mit säumendem murmeln entgleitet. 313; murmle dumpfer, nahe quelle. Gotter 1, 104; höret meine finken schlagen, und murmeln meinen schmerlenbach! Gökingk 3, 39; schon flötete die nachtigall den ersten sang der liebe, schon murmelte der quellen fall in weiche busen liebe. Schiller
triumph der liebe; und sieh, aus dem felsen, geschwätzig, schnell, springt murmelnd hervor ein lebendiger quell.
die bürgschaft; murmelnd sagt mir jede welle, nach dem leiden folgen freuden. Tieck
Octav. 369; wo beim sommerlied der grille murmelnd träumt der wiesenbach. Rückert 298;
vom meere: wie murmeln des empörten meeres, wie durch hohler felsen becken weint ein bach. Schiller
gruppe aus dem Tartarus; von bäumen: murmelt ihr, wenn alles ruht, murmelt, sanftbewegte bäume, bei dem sprudeln heischrer fluth mich in wollustvolle träume. Uz 1, 150;
endlich vom flüstern einer hirtenflöte: auch er (
Amor) versucht, wies ihm gelinget (
das blasen darauf): ein schwaches murmeln quillt hervor, das ungeübte hand erzwinget. 55. 99)
vereinzelt bei Schiller: das todtenlied musz noch in deinen ohren murmeln, das deinen vater zu grabe hallte.
räuber 3, 1,
im sinne von leise nachklingen.