gitter,
n. herkunft und form. seit der 2.
hälfte des 15.
jhs., zuerst in Nürnberger quellen, belegt und wohl wie gatter
zur idg. wurzel ghadh- '
vereinigen, eng verbunden sein',
vielleicht älter '
umklammern, fest zusammenhalten'
gehörig, vgl. Walde-Pok. 1, 531
und gut (
teil 4, 1, 6, 1225
f.).
das verhältnis von gitter
und gatter
ist noch ungeklärt; schon mhd. tritt neben gatter (
mhd. gater,
m.)
eine umgelautete, wohl deminutive bildung geter,
n. (<
*getiri
?, s. oben getter
teil 4, 1, 1, 1507)
auf (
dazu frühnhd. ein collectivum gegetter),
aus dem man gitter
durch mundartlichen lautwandel (
etwa wie hippe < heppe, trichter < trechter, wichsen < wechsen
u. s. w., vgl. Wilmanns
gr. 1
3, 306)
erklärt (
s. Walde - Pokorny 1, 531);
ein gëtter
mit altem ë
zu postulieren (
vgl. Lessiak
ztschr. f. dt. alt. 53, 111),
dessen collectivum gegittere
wäre, erscheint aus etymologischen gründen nicht unbedenklich, [] da e -
vokal in dieser sippe sonst nirgends bezeugt; möglich ist auch, dasz zu getter
analog zum typus berg: gebirge
sekundär ein collectivum gegitter
neu gebildet wurde (
so Staub-Tobler 2, 507),
doch setzt das für getter
den mit altem ë
weithin übereinkommenden sekundärumlaut ä (gäter <
*gatari,
nicht *getiri)
voraus, was viele obd. maa. in der tat nahelegen (
vgl. auch gegätter
teil 4, 1, 2, 2193);
das wegen seiner existenz im siebenbürg.-sächs. als relativ alt zu betrachtende gegitter (
s. teil 4, 1, 2, 2305)
könnte im anschlusz an gatter, getter
verkürzt worden sein, hat doch später auch gitter
sein neutrales geschlecht auf gatter (
m.)
übertragen; für die herleitung von gitter
aus gegitter
spräche auszer der im obd. teilweise auftretenden fortis im anlaut (
s. Lenz
Handschuhsheim 25
b, 28
a)
auch die tatsache, dasz z. t. in älteren wörterbüchern gegitter
neben gatter
steht ohne erwähnung von gitter (
vgl. z. b. im vocab. v. 1470
bei Diefenbach
mlat.-hd.-böhm. 58)
und ebenso in zahlreichen mundarten ein nebeneinander von gatter
und gegitter
beim fehlen von gitter
zu beobachten ist, vgl. z. b. Kisch
Nösener ma. 81
a und 84
b, Unger-Khull
steir. 262
a und 273
b; Knothe
Nordböhmen 240
und 243, Hönig
Kölner ma. 68
a und 70
b u. s. w., wie denn gitter
überhaupt mundartlich selten bleibt und erst aus dem schriftdeutschen übernommen scheint (
vgl. rhein. wb. 2, 1249).
anderseits ist zu beachten, dasz das simplex bereits im anfang des 14.
jhs. in vergittern
auftritt: suln auch die tür gen dem kyrchhofe also vergitert sein (
v. j. 1311)
Nürnberger polizeiordn. 291
Baader, vgl. auch in den oren (
ist) das ferre gewurket gehoren gar durchnechtiglichen mit einem dunnen felle vergitert
d. ackermann a. Böhmen 25, 31
Hübner. schriftsprachlich verdrängt das zunächst unhäufigere gitter
wohl durch den einflusz der Lutherbibel und der städtischen handwerkersprache allmählich getter
und gegitter
und beschränkt gatter
auf einige sonderbedeutungen, sodasz im 18.
jh. gitter
und gatter
vorherrschen und von den grammatikern schon semasiologisch geschieden werden, vgl. z. b. Wachter
gloss. (1727) 591, Stosch
versuch (1777) 44
f., während Adelung 2, 433
und 692 gitter
der hochsprache und gatter
der niederen sprache zuschreibt. die form des plurals ist mit dem singular identisch, doch begegnet selten auch gittern,
vgl. Luther 10, 2, 280
W., Fronsperger
bauordn. (1564) 47
a,
nomenclat. in us. schol. (1634) 357, Th. Körner
w. (1834) 1, 171.
entlehnt wurde gitter,
besonders in seinen technischen bedeutungen, ins dän., schwed. und engl. bedeutung und gebrauch. während gitter
und getter (gätter)
meist synonym bleiben, sondern sie sich gegen gatter
schon im älteren nhd. oft fühlbar ab (
vgl. teil 4, 1, 1, 1507)
und bezeichnen dann ein feineres, künstlich gearbeitetes, ebenes gefüge aus dünnen parallel, kreuzweise oder verschränkt gestellten stäben (
namentlich metallenen),
oder netzartig geflochtenen drähten oder durchbrochenen figuren; vgl. die mundartliche unterscheidung: '
heute unterscheiden wir (
im Elsasz)
zwischen dem hölzernen gadder, gädder
und dem eisernen gidder, gegidder' Schmidt
Straszburg 37
b und das frühe auftreten des compositum eysengitter
gerra vocab. theut. (
Nürnberg 1482) f 7
b;
in den wörterbüchern des 15.-17.
jhs. gilt gitter
fast ausschlieszlich als '
fenster-, tür-, käfiggitter',
doch ist die bedeutung '
zaun, umfriedigung'
ebenfalls schon für das 15.
jh. gesichert, wenn auch bis ins 18.
jh. gegenüber gatter
weniger gebräuchlich. 11)
als schutzvorrichtung aus eisen oder holz vor fenstern, türöffnungen, gewölbeeingängen und ähnl. 1@aa)
besonders häufig bereits im älteren nhd. für das gitter
vor dem fenster oder der fensteröffnung (
s. gitterfenster
und fenstergitter),
vgl.zwerchhöltzer ... oder eisen für den fenstern oder sunst ghitter
clathrivela Er. Alberus
dict. (1540) b b 3
b; gitter, fensterkorb
graticcio di vinchi ò ferro Hulsius
dict. (1618) 2, 182
a; fenster, schrenckfenster, gitter, gätter oder gegitter aus geschrenckten eisernen stäben Comenius
janua (1643) 202; eyserne gitter vor den fenstern
clathrum Corvinus
fons lat. (1671) 341.
[] 1@a@aα)
für das stabwerk, das das hineinsehen oder hinein- und heraussteigen verhindern soll: keiner (
hat) gewalt oder macht, für sein fenster ... eisene oder höltzene gittern uber seines nachbaurn gerechtigkeit ... machen zu lassen Fronsperger
bauordn. (1564) 47
b,
wo gitter
wahllos mit getter
wechselt; darumb er (
Luther) auch sich befleisziget, zum fenster hinausz zu fliehen, aber umb des eysern gefesz halben hab er nicht können entweichen, und haben etliche durch die eyseren gitter ihm ein axt einwerffen müssen, damit er die thür geöffnet
theatr. diab. (1569) 137
b; oder man bedienet sich ... (
statt der glasscheiben) zur sommers zeit, wie auch in den warmen ländern ... gestrickter oder geflochtener oder mit bildhauerarbeit ausgeschnitzter gitter
Noel Chomels öcon. lex. (1750) 3, 1517; auswärts waren diese ihre fenster nicht ... mit eisernen gattern verwahret, sondern anstatt derselben war ein von metall mit kreuzstäben gegossenes gitter, welches in angeln hieng, und auf und zu gemacht werden konnte Winckelmann
w. (1808) 1, 394; eine menge kleiner, baufälliger häuser mit hölzernen gittern statt der fenster bedeckten die plattform eines kasemattirten bastions Moltke
ges. schr. u. denkw. (1892) 1, 128;
mit besonderem gefühlsgehalt verbunden als das, was die weibliche ehre sichert oder die liebenden voneinander trennt: aber wenn man mit eyszern gittern und schlössern kunt gottis geschöpff und wort weren, hofft ich, wyr wollten auch szo dicke und grosze eyszern gittern fur setzen, das aus weybern menner würden Luther 10, 2, 280
W.; die doppelte gitter vor denen fenstern würden auch gut thun (
um die weiber vor den männern zu schützen) Stranitzky
ollapatrida 163, 32
Wiener ndr.; o durch das gelübde (
der nonnen) wolten wir wohl kommen, wenn wir nur durch die gitter wären Lichtenberg
aphorismen 2, 7
Leitzm.; (
ich) versperre dich ins innerste gemach, mit schlosz und riegel, unter thor und gitter Grillparzer
s. w. 6, 191
Sauer; ich kenn ihr (
der geliebten) fensterlein, durch laden, glas und gitter schlüpft ich (
wäre ich der mond) zu ihr hinein Wilh. Müller
ged. (1868) 1, 6; trotz eltern, verwandten, gittern, schlössern ... und eigenen grundsätzen ... läuft (
sie) ihm nach Holtei
erz. schr. 4, 101. 1@a@bβ)
für das vergitterte fenster als ganzes; oft mit der besonderen betonung, dasz der hinausblickende selbst ungesehen bleibt: zu denselben zeiten kam gen Janua ein hübscher, junger gelerter man, ... den ward Marina durch die gitter des hauses ansehen Albr. v. Eyb
dtsche schr. 1, 63
Herrm.; die mutter Sisseras sahe zum fenster aus und heulet durchs gitter: warum verzeucht sein wagen?
richter 5, 28; solches gitter oder kuckerlein Fronsperger
bauordn. (1564) 48
b; ehe sie zu der Neronia wohnzimmer gelangten, erblickte Tyridates seine Neronia durch ein gitter, das in das gemach hinein ginge Anton Ulrich v. Braunschweig
Octavia (1677) 2, 19; (
ihr sterne saht den missetäter) sein am heimlichen gitter lauschendes mädchen mit wonnevollen erwartungen entzünden Göthe 11, 120
W.; endlich entdeck ich sie durch ein verborgnes gitter im pallast Schiller 2, 125
G.; ach ich armes klosterfräulein, mutter, was hast du getan! lenz ging am gitter vorüber, hat mir kein blümlein gebracht
Wolfs ztschr. f. dtsche mythologie u. sittenkde 1 (1853) 34; durchs gitter sehen
u. ähnl. in typischer verbindung nach hohelied 2, 9: sihe er stehet hinder unser wand und sihet durchs fenster und gucket durchs gitter;
von gott, der ungesehen den menschen beobachtet: gott, mein gott, ach wie so lang meiner seel ist angst und bang. schaustu noch, mein freund, durchs gitter, in dem schweren ungewitter? B. Prätorius
bei Fischer-Tümpel
kirchenlied 4, 40
a; Jesus stehet hintern gitter und sieht deinem kampfe zu J. D. Ernst
ebda 378
b;
[] dennoch bleibe ich stets an dir (
gott), auch wenn du hinter der wand stehest, durchs fenster siehest, durchs gitter guckest Joh. Heusinger
neueste sammlung leichenpred. (1764) 139;
sprichwörtlich: durchs netz und gitter ist gut sehen Petri
d. Teutschen weiszh. (1604) 2, s 2
a,
d. h. '
kann man gut sehen und doch verborgen bleiben'
; anders: wer durchs gitter sieht, sieht oft, was er nicht gern sieht Binder
sprichw.-schatz 75;
schon miszverstanden scheint hinter dem gitter stehen
im sinne '
etwas nicht genau sehen wollen'
wie durch die finger sehen
bei Eyering
prov. (1601) 3, 28. 1@a@gγ)
besonders prägnant als fenstergitter oder gitterfenster des gefängnisses: des jars vieng man die Podnerin und legt sie mit irm schreiber ins loch ... und der schreiber ... erprach oben ein eiseins giter und kom herausz
städtechron. 10, 243; oft verbarg er (
Johnson) sich in einem keller bei Moorfields, um einem zimmer mit eisernen gittern zu entfliehen Sturz
schr. (1779) 1, 5; so haben wir, bey wasser und brod, sieben schreckliche wochen hinter eisernen gittern gesessen, ehe unser endurtheil gefällt ward Thümmel
reise i. d. mittl. prov. v. Frankreich (1791) 5, 131; die thore spalten sich, die gitter springen, die mauer stürzt von ihren händen ein, und der freiheit des einbrechenden tages steigt Egmont fröhlich entgegen Göthe 8, 283
W.; drunten im tiefsten gewölb meines pallastes sollst du heulen ... und in des hungers wut in deines gitters eiserne stäbe die zähne schlagen Schiller 3, 244
G.; im bilde, 4
sich nähernd: wir sahn von nah und fern im todesungewitter auf dich, den letzten stern, schon aus der knechtschaft gitter Rückert
w. (1867) 1, 87. 1@a@dδ)
für andere verwendungsformen des gitters vor fensterartigen öffnungen, so im beichtstuhl: der geistliche, ein kräftiger mann in mittleren jahren, lehnte von drinnen den kopf gegen das gitter, das ihn von seinem beichtkinde trennte Storm
ges. schr. (1899) 2, 197: 'bete für unsern herren abten. du weiszt, er ist krank.' 'nit besser zeithero?' bebte es leis und erschreckt durchs gitter E. v. Handel-Mazetti
Stephana Schwertner (1927) 1, 138;
für das gitterfenster im sprechzimmer der klöster (
vgl. sprachgitter
und klostergitter):
grata, grada das gitter in einem nonnenkloster, durch welches man mit ihnen redt
parlatorio Kramer
ital.-teutsch. (1693) 521; es liebt in Welschland irgendwo ein schöner, junger ritter, ein mädchen, das der welt entfloh, trotz klosterthor und gitter Hölty
ged. (1784) 60; gespräche mit fremden fanden (
im kloster) nur durchs gitter ... statt Raumer
gesch. d. Hohenstaufen (1828) 6, 348;
vor einer theaterloge: die ältere zog sogleich das gitter vor, um uns den blicken der unzufriedenen balkonbewohner zu entziehen Holtei
erz. schr. 2, 37,
vgl. gitterloge. 1@bb)
für ein aus gitterwerk verfertigtes tor, ein fallgatter u. ähnl.: (
bretter soll man anschlagen) vor den zweien gittern an sant Seboltz kirchoff gegen dem millmarkt E. Tucher
baumeisterb. 129
Lexer; thate ihme das kleine thürlein oder güdter an dem groszen gadter uff Seb. Bürster
beschr. d. schwed. krieges 106
Weech; dem Montalbano ward das thor drauff auffgeschlossen, das gitter hinter ihm bald wieder fürgeschossen D. v.
d. Werder
ras. Roland (1636) 5.
ges., 79.
str.; (
er) ritt ... durch das schwarze thor (
des schlosses) ein, das hinter ihm das gitter fallen liesz Stifter
s. w. 3, 172
S.; vielfach als gartentor: eine doppelte treppe führt zu einem eisernen gitter, das die gartenthür schlieszt Göthe 11, 228
W.; (
Martin Salander) öffnete ... sachte das gitter und betrat den garten G. Keller
ges. w. (1889) 8, 110;
als sperrgitter am ausflusz eines gewässers durch eine mauer: und der ausflusz der Pegnitz lauft unter einem schwibbogen der stadt weg, und ist mit einem starken gitter geschlossen Chr. Fr. Nicolai
reise d. Deutschland (1783) 1, 205; diese lieszen innerhalb des
[] aquädukts eine dreifache mauer erbauen, durch welche vermöge eines gitters das wasser seinen durchflusz nehmen konnte Platen
w. 3, 160
R. 1@cc)
für einen aus gitterwerk bestehenden festen abschlusz vor gewölben, gräbern, höhlen, wehrgängen u. a.: (
im tempel zu Delphi) doch wurd gemachet von den weysen uber das loch ein gitter von eysen, das nyemand mehr darein kund fallen. endlich wurd auch erwelt von allen ein jungkfrau, die man setzet hoch auff disz gitter der hölen loch Hans Sachs 2, 69
K.; der möcht die streichwer unden so weyt er die haben wolt in die runden wie einen weyten prunnen auffmauern lassen und oben mit starcken gittern verdecken A. Dürer
etl. underricht (1527) c 2
b; grosze gewölbe, durch eiserne gitter verschlossen, zeigen die marmornen denkmäler (
grabmäler) der neuern könige H. Steffens
was ich erlebte (1840) 1, 110. 22)
für scheidewände und schranken aus gitterwerk; in kirchen besonders die den chor vom schiff trennende durchbrochene gitterwand oder schranke: als man in die pfarrkirchen kommen, ist die fürstliche leiche im chor vorm altar nidergesetzt und die schüler, so zum singen bestellet, ins gitter (
innerhalb des gitters) beym taufstein geordnet worden H. Rätel
Curäi chron. (1607) 498; sonderlich baueten ihnen die kirchendiener einen sonderbaren ort, den sie (
die kleriker) allein einnahmen und gleichsam das heiligthum nenneten, und mit gittern und scheidewänden wol verwahrten G. Arnold
kirchen- u. ketzerhist. (1699) 169
a; (
es) ward mir das gitter des altares geöffnet, so dasz wir uns auf die stufen reihen und die ganze handlung (
die messe) aus der nächsten nähe betrachten konnten Grillparzer
s. w. 19, 233
S.; ein eisernes gitter schlieszt die kirche von einer kleinen vorkirche, so dasz man alles sehen, weiter hinein aber nicht kommen kann Göthe III 1, 178
W.; durchbrochene schranken und gitterwände in amtszimmern u. dergl. zur trennung von amtspersonen und publikum: das ältere expeditionszimmer (
der bibliothek) ward durch ein gitter getheilt, um das geschäft des ausgebens und einnehmens zu beruhigen und zu sichern Göthe IV 32, 108
W.; der raum, wo der leitende rat und die drei oder vier auscultatoren mit dem rücken gegen das publikum saszen, war von hölzernen gittern umgeben Bismarck
ged. u. erinn. 1, 27
volksausg.; für im freien errichtete schranken: (
man sah) eine unglaubliche menge volcks auf der hofstraszen, welche mit weiszglitzendem sande bestreuet und fein geebnet war, und zu beiden seiten ein höltzern gitter oder schranckwerck hatte Er. Francisci
lust. schaubühne (1702) 1, 158;
schon in 3
übergreifend: pfähle wurden eingerammt und balken darin eingefugt, zum gitter, welches den kampfplatz vor der zudringenden menge sichern sollte Fouqué
zauberring (1812) 1, 183;
als zollschranken: so blieben die Deutschen getrennt durch zahlreiche mauthlinien; die Deutschen konnten, so spottete man in der fremde, nur durch gitter miteinander verkehren Treitschke
hist. u. polit. aufs. (1886) 1, 235;
als hindernisgitter an der inneren grabenwand von befestigungen, vgl. v. Alten
hdb. 4, 262
b und 765
b. 33)
für aus gitterwerk bestehende zaunartige umfriedigungen, wie sie vor erkern, um brunnen, gärten u. s. w. angebracht werden; die vorstellung des einschlieszens, einfassens verdrängt hier meist die des abschlieszens: es soll ... der stat paumeister bestellen zwen gesellen in den schön prunnen, die inwendig des gitters sein an dem freitag früe pisz man das heiligtum geweist, und denselben gesellen bevelhen, das sie niemant lassen an den gittern hinauf oder in den prunnen steigen E. Tucher
baumeisterb. 131
Lexer, vgl. 152; einem maler in nunnengesslen von den eisznen gittern in meinem gartten anezustreichen A. Tucher
haushaltbuch 71
Loose; die heilig stig, darauf Christus zu dem richthaus gefurt ward zu dem urteil ... hat 28 schon lang staffeln, und an der
[] 18. staffel von oben herab, do ist ein grünsz creutzlein eingemacht und ein gitter darob, do Christus nidergesigen ist
N. Muffel
beschreib. Roms 16
Vogt; Syrach redt auch die wort zuvorn: dein gitter du verzeunst mit dorn, warumb machstu kein riegel für, für deines waschenden mundes thür? Eyering
prov. copia (1601) 1, 101; kunstlich geflochten gitter, so man an die röhrbrunnen, ercker oder sonsten zu machen pflegt Kramer
ital.-t. (1693) 443
a; ein schönes, goldenes gitter umgab das ganze liebe gärtchen Cl. Brentano
ges. schr. (1852) 5, 114; da leuchteten mir durch das eiserne gitter des kirchhofes grüne bäume und sträucher so verlockend entgegen H. Seidel
vorstadtgesch. (1880) 1; (
er wolle) die stelle (
grabstelle) mit einem gitter versehen oder mit einem buchsbaum umziehen Fontane
ges. w. I 6, 382;
bildlich für '
umzingelung': sie schlieszen den gegner in einem immer engeren gitter ein, Blücher und Schwarzenberg rücken beide schon näher an Dresden heran L. Häuszer
dtsche gesch. (1854) 4, 416; brachest durch die gitter der feinde, die für jetzt zu weichen dachten Rückert
w. (1867) 1, 20; 44)
mit dem begriff des einschlieszens besonders für die umzäunung von tiergehegen und käfigen; sowohl für das gehege als ganzes wie für die einzelnen gitterwände gebraucht: er (
gott) gedenkt also: ich habe wilde, unvernunfftige, rasende thier ynn der welt, wolff, beren, lewen
etc., darümb mus ich sie versperren, verrigelen, mit eyszern gitter vergittern und mit starcken mauren verschlieszen, das sie sich nicht untereinander würgen Luther 16, 507
W.; mit einem löwen ... schertzet ein teutscher fürst, ... stecket zum gitter sein paret hineyn Kirchhof
wendunmuth 1, 68
Österley; der thiere könig, löw, streng so an aug als klauen, trägt ketten an den hals und wird im gitter mild Abraham a
s. Clara
huy u. pfuy der welt (1707) 136; dann rast er (
der sturm) um sich mit des raubthiers angst, das an des gitters eisenstäbe schlägt Schiller 14, 371
G.; die neue parkanlage und die gänschen, die durchs gitter fressen, werden ihnen nicht geringe unterhaltung gewähren Göthe IV 15, 218
W.; die vögel ... starrten durch ihre gitter auf das bett Fontane
ges. w. I 1, 79;
vergleichbar: er thut wie ein narr im gitter Kirchhofer
schweiz. sprüchw. (1824) 240. 55)
in verschiedenen, meist technischen verwendungen für vorrichtungen, die wie ein gitter beschaffen sind; zum schutz und durchsehen als helmgitter (
s. teil 4, 2, 978)
am visier: durch das gitter aus dem helm lauscht sie (
die puppe als Minerva verkleidet) wie ein schlauer schelm Cl. Brentano
ges. schr. 5, 125;
vor den fluglöchern an bienenkörben: ziehlochsklappen sind gewisse gitter, so man vor die ziehlöcher macht, um den räubern den eingang zu verwehren Overbeck
gloss. melitt. (1765) 100,
vgl. fladergitter 30; diese gitter (
am gehäuse einer wassermottenlarve) sind ganz regelmäszig und gleichen einem sieb mit löchern in concentrischen reihen, was sich sehr schön ausnimmt Oken
allg. naturgesch. 5, 1470;
als ehernes tragnetz: (
Moses) machte am altar ein gitter wie ein netz von unten auf bis an die hälfte des altars
2. Mos. 38, 4; 'gitter,
hölzernes gitterwerk des verdecks der kriegsschiffe, welches gemacht wird, um dem dampfe des unter dem verdecke losgebrannten geschützes eine ausflucht zu verschaffen' Eggers
kriegslex. (1757) 1, 1069: daher entwiche Antonius diesem überfall, begab sich mit seinem volck unter das gitter im schiffe und wehrte sich ungefähr eine halbe stunde lang
F. M. Pinto wunderl. reisen (1671) 84,
vgl. dampfgitter (
teil 2, 720);
gitterförmige spalierwand im gartenbau: ich ging zum gitter im boskett, wo die blumen alle stehen auf hohen paradegestellen, man kann dran hinaufsteigen Bettine
Cl. Brentanos frühlingskranz (1844) 221; eine
[] über ein gitter geflochtene weinrebe verwandelt diesen hof in einen selbst im hohen sommer kühlen und reizenden salon Moltke
ges. schr. u. denkw. 1, 207; gitter,
ein teil des pfluges Mensing
schlesw.-holst. 2, 384. —
vielfach als '
rost'
oder '
sieb': man macht aber unser papier ausz alten hederlein, die man stampffet und gleich zu einem musz machet, und darnach auf dretenen gittern formieret und zwischen filtzen presset Mathesius
Sarepta (1571) 106
a; da aber die Behmen wichen, waren die Hungern hinder inen her und stürtzeten sich sampt den rossen in die gräben, darüber heimlich gitter gemacht und stroh gedeckt war. und wurden also ir viel uberfallen und umbgebracht Martin Boregk
behmische chron. (1587) 55; vor dem zapffenloch musz es (
das fischwasser) auch mit einem starken gitter verwahret seyn, dasz der fisch nicht mit weglaufft, wann man den teich abläst
fischbüchlein (
um 1660) 98; die müllner fast alle insgemein werden nechst oberhalb der mühl ein höltzernes gitter in dem wasser haben, welches sie pflegen den rechen zu nennen, und ist dieser zu nichts anderst, als dasz er prügel, stecken, stauden und gesträuszwerck aufhalte Abr. a
s. Clara
Judas d. ertzschelm 3 (1692) 322;
für die durchlüftung: sind gitter oder klappverschlüsse angeordnet, so ist die öffnungsgrösze so zu wählen, dasz die summe aller durchbrechungen des gitters, der sogen. reine querschnitt, mindestens so grosz ist wie der zugehörige kanal Karmarsch u. Heeren
techn. wb.3 10, 72;
besonders im bauwesen für gitterartig aufgebaute wandungen aus holz oder eisen: die beiden gegeneinander gestellten gitter, welche je ein gespärre bilden Mothes
baulex.3 2, 98
a,
vgl. technische composita wie gitterbalken, -bogen, -brücke, -dach, -gespärre, -pfeiler, -sparren, -system
u. s. w.; in der elektrotechnik für die in form eines gitters
aus blei gegossene akkumulatorenplatte, vgl. Blaschke
elektrotechnik (1901) 54;
in der radiotechnik die siebartige platte (
drahtnetz oder spirale)
für die steuerung des elektronenstroms einer verstärkerröhre, vgl. in fachausdrücken wie z. b. gitterableitung, -abstimmung, -kreis, -röhre, -spannung, -strom, -welle, -widerstand;
in der physikalischen optik (
spektralanalyse)
sind gitter
die rahmen mit parallel in gleichen abständen gespannten dünnen drähten (drahtgitter)
oder eine beruszte glasplatte mit feinen parallelstreifen (ruszgitter)
oder eine glasplatte mit eingeritzten strichen (glasgitter),
sämtlich sogenannte plangitter,
durch die eine beugung der hindurchgehenden lichtstrahlen hervorgerufen wird; auch verwendet für das system der im raum regelmäszig angeordneten kleinsten teilchen (raumgitter)
einer materie wie die atome (atomgitter)
in kristallen (kristallgitter),
die moleküle (molekelgitter, molekulargitter),
die ionen (ionengitter)
u. s. w., die bei strahlen kleinster wellenlänge solche brechungen bewirken; dazu gehören fachliche termini wie gitterdimension, -ebene, -energie, -erscheinung, -konstante, -spektrum, -störung
u. s. w.; ähnlich für die gesamtheit der pflanzenzellen, die gitterartig gebaut sind, dazu die composita gitterblase, -gewebe, -skelett, -zelle
u. s. w. 66)
übertragen auf dinge, die wie ein gitter aussehen oder wirken; poetisch vielfach von dem gezweig der bäume: nur verstohlen durchdringt der zweige laubichtes gitter sparsames licht Schiller 11, 77
G.; der cedern dom hallt ihn (
den namen) nicht wieder, und der freudge strom verräth ihn nicht des schilfes grünen gittern Freiligrath
ges. dicht. (1870) 5, 11;
weniger typisch gebraucht: der fall ereignet sich allezeit, so oft das netz gezogen wird, dasz die fische welche kleiner sind als die gitter des netzes, durchschlupfen, und die gröszern hangen bleiben Lessing 7, 442
M.; als (
der ritter) durch des blusenflores gitter ein andres hemde sah Gökingk
ged. (1780) 3, 89; unter diesem gitter der gespannten bänder (
der spinnrocken) tanzt nun die ganze gesellschaft Böhme
gesch. d. tanzes 191;
[] und durch finstrer wolken gitter flimmern wechselnd kleine sterne Tieck
schr. (1828) 1, 303; das weisze gitter der zähne Jul. Mosen
s. w. (1863) 7, 233. 77)
für liniensysteme, die die form eines gitters haben; in der heraldik, vgl. wapengitter
cancelli di armi Kramer
t.-ital. (1702) 1253
a; 'gitter
ist heroldfigur und entsteht aus zusammenkunft mehrerer schräger oder auch quer und senkrecht geschränkter kreuzfaden. aus queren und senkrechten faden entsteht das aufrechte gitter' v. Querfurth
herald. terminol. 55; 'gitter
heiszt ein aus mehr wie vier stäben bestehendes kreuz' Siebmacher-Gritzner
wappenbuch einleitungsbd. abt. B (1890), 39: gitter (
bedeutet) standhafftigkeit Schumacher
teutsche wapenkunst (1694) 61;
in der zeichenkunst, kartographie u. s. w. die gitterförmig gezogenen hilfslinien, in gleichen abständen rechtwinklig parallel angeordnet (
vgl. gitternetz);
zunächst noch eigentlich für das auf das original gelegte fadengitter
im rahmen, dann für das gezeichnete liniensystem der kopie: '
in der zeichnungskunst ist das gitter
ein viereckter rahmen, dessen innerer raum mit dünnen faden durchkreuzet ist, figuren aus dem groszen in das kleine zu bringen' Adelung 2, 692
b; der erste, so von der gevierdten ramen oder gitter, so viel ich erfahren, geschrieben, ist Albertus Dürer von Nürnberg gewest L. Hulsius
erster tractat (1604) 74; alsdann verfahren sie (
die bildhauer), wie man ein gemälde durch ein gitter verjünget und vergröszert, und eben so viel einander durchschneidende linien werden auf den stein getragen Winckelmann
s. w. (1825) 1, 40;
anders die sich schneidenden hilfslinien der perspektivischen darstellung: also ist die schattensvierung ... sampt den innwendigen creutzlinien oder gitter recht gefunden A. Alberus
perspectiva (1623) 94;
für ein tabellensystem: John beschäftigte sich die gitter der graphischen tabellen zu ziehen Göthe III 9, 75
W.; in der mathematik und physik zwei scharen von parallelen graden, die sich unter einem beliebigen winkel schneiden, vgl. Östergaard
lex. 8 (1932) 604;
auch allgemein linienfiguren in der form eines gitters: tarte (
torte) von eingemachten johannisbeeren mit einem gitter Amaranthes
frauenzimmerlex. (1715) 1968; die hauptfarbe (
des schermesserfisches) gelblichroth mit blauen gittern am leib Oken
allgem. naturgesch. (1839) 6, 219;
daher gitter
als name einer gitterförmig gestreiften schnecke (
patella graeca L.),
vgl. Campe 2, 381
a.