zerwerfen,
verb.,
ahd. zawerfan,
as. tewerpan,
ags. tóweorpan,
afries. tiwerpa,
mhd. z.,
mnd. to-,
mnld. tewerpen; 1)
trans. a)
auseinanderwerfen α)
in dem landwirtschaftlichen betrieb mist spreiten, die schwaden ausbreiten: und zimpt sich alsbald den zerworfnen mist in zuo eren und zuo bedecken Österreicher
Colum. 1, 72;
haush. in vorwerk. 66; z. den dünger, der in haufen auf dem acker liegt, über die ganze fläche desselben ausbreiten Spiesz
henneb. id. 289; z. ... der maulwurfshaufen
allg. d. bibl. 106, 457; die männer mähten das gras, die jungen zerwarfen die schwaden K. v. Sternberg
ausgew. w. 138;
syn. zerstreuen 1, zetten;
salz am meeresgestade: Heliand 1371;
waidmännisch: z. sagt man vom rehbock, wenn er aus spielsucht oder zorn mit dem gehörn ameisenhaufen, erd- und mooshügelchen aufreiszt und in stücken umherschleudert Behlen
forst- u. jagdkde 6, 510;
β)
die flügel und arme ausbreiten, auseinander- und hin und herschlagen: dô wâren alle ier vedechen zerworfen und zerspreit
altd. pred. 2, 118
Griesh.; Lexer 3, 1094; Herm. v. Sachsenheim 156
M.; he towarp sine hande
2. Sam. 4, 1
Halberst.; Frisius 164
b; J. v. Watt 3, 47; Pestalozzi
s. schr. 1, 120; 1, 196; die hände z.
dieselben hin und herschleudern, heftig gestikulieren Stalder 2, 447;
γ)
verwirren, in unordnung bringen; z. b. kopfputz: Wolfdietrich A 157, 3
Sch.; haar: Heinrich v.
d. Türlin
krone 11537; der von der natur wie von einem übenden schullehrer zerworfene vers Jean Paul 6, 8
H.; zerworfen und zerfahren (
von einem drama) Grillparzer 17, 235
S.; sogar vom menschen: ein zerworffen, verworffen ... mensch S. Artomedes
christl. ausleg. (1609) 1, 572; Stifter
br. 1, 95;
s. w. 1, 67;
δ)
zerstreuen: inti dâr ziwarf sîna hêht (bracht ... sein gut umb Luther)
Luk. 15, 13
Tat. 97, 1; 108, 1; Notker 2, 590
P.; zeworfen sint alliu miniu bein (
dispersa sunt)
ps. 21, 15
ebda 2, 68
P.; ferner ebda ps. 146, 2
; 34, 16; 91, 10; sîne fíenda werden zeworfen ps. 67, 2
ebda 2, 252, ebenso noch in der Zürch. bib. von 1531; entstuond ein greulich ungewitter, das die schiff zerworffen ... wurden Wurstisen
histor. 1, 298
; Frisius 436
b; aquilo differt nubila der schindtenhengst zerwirfft oder zerstrOeuwt und vertreybt das gewülck 882a; Campe 5, 854
a; zwischen ... zerworfenen trümmern Ritter
erdkde 16, 203
; Eichendorf
s. w. 2, 384
; ε) zerlegen: wie man die zahle 28 in seinen halben, vierdten, siebenden ... theil ... zerwrffet W. Bütner
dial. (1588) 81
b; Jean Paul 1, 338
H.; ein dramatisches gedicht in fünf theile ... z. Tieck
schr. 5, 152
; ζ) entzweien: den die begegnung mit der welt unglücklich macht und in sich zerwirft Gervinus
gesch. d. deutsch. dicht. 1, 263
; b) entzwei-, in stücke werfen, werfend zerbrechen oder zerschlagen, α) zerbrechliche gegenstände: s. die mhd. belege; do wart er zornig und zuwarff den krug auff eyntzelen stucken Luther 10, 1, 1, 31
W.; H. Sachs 9, 495
K.; 21, 133 G.; Moses hat ... die steynen tafel zerworffen S. Franck
weltb. 151
a; mit steinen ... in die fenster wurffen und die gar zerwurffen Platter 45
Boos; die eier z. Immermann 15, 22
B.; β) gebäude, städte zerstören: that he mahti tewerpenthena wîh godes (
Matth. 26, 61)
Heliand 5074; 5574; 1822;
ebenso Tat. 189, 3; Otfrid II
11, 33; ein reich: Tat. 62, 2 (cit. unt. zertheilen 3 b β); Lexer 3, 1094
; de vlot der Elve ... towarp de muren des tempels (Magdeburg) chron. d. st. 7, 8; s. Schiller-L. 4, 604
a; diese burg ... soll zerworfen werden G. Freytag
ges. w. 9, 277
; γ) durch würfe verletzen, verwunden: Lucius ... ward ... mit steinen und wacken dermaszen zerworffen ..., dasz er bald nach solchen würffen starb Z. Müntzer
bepstl. gesch. 349
; H. Sachs 3, 316
K.; mit steynen im den kopf z. Fischart
ehzuchtb. 255
H.; Verwijs-Verd. 8, 288
; Stelzhamer
ausgew. dicht. 3, 37
R.; (obst) musz ... nicht zerstoszen und zerworfen werden allg. haush.-lex. 1, 8a; G. Freytag
ges. w. 6, 83
; 2) reflexiv a) wie 1 a β: indesz die prinzessin ach! zagte so sehr,
zerwarf sich (
warf die glieder hin und her) im schlummer und träumte, wie schwer!
Bürger 35
a Bohtz; b) sich zerstreuen (wie 1 a δ): das gewölk zerwarf sich Jean Paul 7, 97
R.; c) sich entzweien (wie 1 a ζ): des zerwurfen sie sich gar
Walther v.
d. Vogelweide 106, 27
L.; Lexer 3, 1094
; Nero ..., da er sich mit der Poppea zerworffen A. U. v. Braunschweig
Octavia 2, 171
; Jac. Grimm
an Dahlmann 1, 517
; jetzt sich über-; 3) intrans. uneins werden, sich entzweien; in der älteren sprache häufiger als 2 c; vgl. auch zerschlagen II 2, zertragen 3; belege: vil harte si zewurfen
Wien. genes. 29, 33
fundgr. 2;
Rudolf v. Ems
Gerh. 5326
; myst. 1, 315 Pf.; mhd. wb. 3, 739b; Lexer 3, 1094
; Schmeller-Fr. 2, 997
; zerwurffen mit ainander die Engelsche und Frantzosen Richental
chron. d. Constanz. concils 96
B.; H. Fischer 6, 1157
; Birlinger
augsb. wb. 439
a; in neuerer sprache nur mit dem partic. prät.: mit den gemeinden im boden zerworfen um vorrang und stimmantheil im hochgericht Zschokke
s. ausgew. schr. 38, 234
; wenn wir mit einander zerworfen sind Lenau
an Sophie Löwenthal 461
Castle; — lex.: Scherz-Ob. 2100
; Stieler 2553
; Ch. Schmidt
els. wb. 439
b; Frisch 2, 442
c; Adelung
2 4, 1694; Campe 5, 854
a; andere zss.: ab-, an-, auf-, aus-, be-, ein-, ent-, hin-, hinaus-, hinein-, nieder-, über-, um-, unter-, ver-, vor-, weg-, zu-, zusammen-. — hierzu zerwerfung, f.: Reyher
p 3ra; Stieler 2553
; zerworfenheit, f., zwiespalt, zwiespältigkeit: A. Stifter
s. w. 4, 1, 108
; E. Zahn
frauen v. Tannò 306
; zerwürfnis, n., in älterer sprache und noch obd. f., auch sonst gelegentlich (Raupach
dram. w. ernst. gattg 5, 11
; Ritter
erdk. 4, 280
; Fr. L. Jahn
br. 425
), zwiespalt, uneinigkeit, zwist: in einen span, hader oder zerwürffnusz kommen Frisius 320
b; 1335a; Aler 2, 2244
b; Frisch 2, 442
c; H. Fischer 6, 1157
; lauft er ... in ... an ... ane zerwürfnisse oder mit verlicher zerwürfnisse Nürnb. polizeiordn. 31 B.; burgerliche z. und zwytracht J. Keszler
sabbata 149
; Tschudi
chron. helv. 1, 344
; das häusliche z. Holtei
erz. schr. 25, 225
; G. Keller
ges. w. 8, 275
; ein diplomatisches z. mit Österreich Ranke
s. w. 30, 156
; älterbair.-alem. -e-: zerwerffnusz Richental
chron. d. Const. conc. 75
B., doch -o- 111 B.; mon. boic. 1, 6; Westenrieder 688
; mhd. wb. 3, 740a; Lexer 3, 1095
; H. Fischer 6, 1157
. —