lefze,
f. lippe; ein vorwiegend oberdeutsches, bis in dieses jahrhundert auch in der schriftsprache verwendetes, jetzt fast abgestorbenes wort. [] 11)
ahd. masc. lefs,
gen. sing. lefses,
plur. lefsâ,
ein mit dem verbum laffen,
lecken, schlürfen sp. 57,
und mit laffe
lippe sp. 56
zusammenhängendes substantiv, dem obenangeführten neutr. leff
zunächst verwandt, mit einem bildungssuffix instrumentaler bedeutung; auch mhd. masc. lefs,
plur. lefse,
bald in lefz,
plur. lefze
verkehrt, welche letztere form einmal auch schon ahd. aufgewiesen ist (lefzâ Graff 2, 206):
labium lefs, leftz Dief. 314
a;
labium, labrum leftz
nov. gloss. 225
a; leftz
labrum, labium. voc. inc. theut. m 2
b,
neben dem plur. leftzen; der lefse, der ich drîe hân, der wil ich einen snîden lâ
n. U. v. Lichtenstein 25, 3.
im älteren nhd. ebenfalls noch masc., aber der schwachen declination folgend: wann das land was eines lebsens und einer red (
erat autem terra labii unius et sermonum eorundem. 1 Mos. 11, 1
nach der vulg.).
bibel von 1483 10
a,
vergl. dazu das fem. lebse
sp. 469; mit dem undern lefzen warm, mit dem obern kalt. Fischart
bienk. 203
a.
gewöhnlicher aber ist das wort schon im mhd. femininum geworden, wol die wirkung davon, dasz weit häufiger die pluralform die lefse
als die des singular gebraucht ward, welche man dann für weiblich ansah: zwô lefse stânt ir wengelînen baʒ.
minnes. 2, 32
a Hagen; so erwuchs die form sing. lefse,
plur. lefsen: het er einen wîten munt mit drî lefsen oder mê.
gesammtabenteuer 2, 235, 617;
auf der das nhd. lefze,
plur. lefze
fuszt, mit der erweiterten nebenform lefzge: mit hangenden leftzgen.
N. v. Wyle 258, 21
Keller; schwäbisch lefz
und lefzg,
fem. lippe Schmid 347,
ebenso schweizerisch; in Ulm findet sich ein collectives neutrum das läfzg
für beide lippen. v. Klein 1, 269. Luther
scheint das wort lefze
nicht gebraucht, sondern stets das mittel- und niederdeutsche lippe
dafür angewendet zu haben; die variante zu Jes. 11, 4: er wirt .. den gotloszen tödten mit dem geist seiner lefzen (
vgl. Bindseils
bibel 4, 20)
entstammt dem nachdrucke eines Lutherschen sermons. lippe
wurde im Basler nachdruck des neuen test. von 1523
noch erklärt: lippen, lefzen (
vgl. Fromm. 6, 43
a),
errang sich aber nach und nach gegen lefze
solche verbreitung, dasz es selbst bis in oberdeutsche mundarten vordrang, wenn auch nicht durchdrang (Schm. 1, 1452
Fromm.). Hohberg
braucht einmal lefzen und lippen,
wobei jedenfalls das zweite wort der edlere, weil ihm fremdere, ausdruck für den vorhergehenden volksmäszigen sein soll: wenn die lippen aufgespalten sind, der soll die leffzen und lippen mit gepulverten mastix besalben. 3, 1, 227
b. 22) lefze
am menschen, gewöhnlich im plur. lefzen: die läffzen,
labia, labrum Maaler 261
b; lefz,
labium, labrum, lefzen zuosamen halten,
comparare labella labellis Dasyp.; stund in einem wasser bisz an die leffezen. Steinhöwel (1487)
bl. 59; not und anligen ... die er täglich für got mit dem opfer seiner leffzen tregt. S. Frank
sprichw. 1, 124
b; deren mund glätter ist als butter, und tragen doch otterngift unter ihren leffzen. Schuppius 683; wann man das weib ansehen thet so hett einr groszes guot verwett, er hett sie gsen den mund bewegen, die zungen und die leffzen regen. Wickram
pilg. X,
bl. 78; holdselig sind die leffzen dein. H. Sachs 2, 1, 58
d;
schön ist ihre rote farbe: läffzen als rot als rosen
labra aemula [
rosarum] Maaler 261
b; diese Helena erschiene .. mit schönen kollschwarzen augen, ein lieblich angesicht, mit einem runden köpflein, jre leffzen rot wie kirschen.
volksbuch von dr. Faust s. 94
Braune; ein langer, starker, wol proportionirter mann mit geraden gliedern, lebhafter schöner farbe, corallenrothen leffzen.
Simpl. 2, 255
Kurz; die rosen (lieb) in deinem kranz seind roht wie deiner lefzen glanz. Weckherlin 390; corall, und purpur, seiden, gleich jedes auch erwarb von seinen leffzen beiden die schöne rosenfarb. Spee
trutzn. (1654) 37; die leftzen sind recht kirschen ahrt. Rist
Parn. 155; dicke, grosze, magere, kleine lefzen: der grosz läffzen hat, ein triel, trollmaul,
labio Maaler 261
b; klein leffzen können viel liegen und widerbeffzen. Fischart
groszm. 68; er risz heftig ihre (
hand) an die magern heiszen lefzen hinauf. J. Paul
Tit. 3, 152; sprach sie hett eine habichtsnasen, die lefzen warn jhr aufgeblasen. L. Sandrub
hist. u. poet. kurzweil (1618) 122;
[] offene lefzen: das leben auf der schwellen, auf offnen leffzen sasz, sich that zum scheiden stellen, gesann der dunkeln strasz. Spee
trutzn. (1654) 32.
ihre form zeigt den charakter des menschen an: wes lefsen grôʒ sint, der ist ain tôr und stumpfes sinnes. wes lefsen niht wol geverwt sint, der ist hochvertig. Megenberg 46, 5; sind die leffzen grosz und feiszt, bedeuts kein sonderen geist. Fischart
groszm. 68. 33) lefzen,
name für einen groszlippigen, nach lat. labeo von Fischart
gebildet: man soll nach dem geburtsfall und zufälligen geschichten die kinder nennen, wie hie unser Gurgelzipflin auf spanisch und nabalisch Gargantomänlin: was schad es, wann sie schon Nasicht heiszen, oder Nasonen, Capitonen, Leffzen, Flachohren, Lappi?
Garg. 109
b. 44) lefze
an thieren: die hellen augen (
des löwen) brennen erhitzt von tollem zorn, die leffz ist kaum zu kennen für schaum und frischem blut, das auf die erden rinnt. A. Gryphius 1698 1, 100; wenn er (
der drache) ein volk anfällt, so durchströmt er die funkelnden augen erst mit blut, und bedeckt sich voll gier die dürstenden lefzen mit der gezuckten zunge. Klopstock 7, 25.
bei Gellert
sind lefzen
die lappen, die vom schnabel des truthahns herabhangen: so wie dem welschen hahn, dem man was rothes zeigt, der zorn den augenblick in nas und lefzen steigt, sie roth und blau durchströmt, lang aus einander treibet. 1, 56. 55) lefzen,
labia in der anatomie: wenn sich die fortsätze der knochen in die breite ausdehnen, so nimmt man, in ansehung der besonderen umschreibung der muskeln, welche sich daselbst einpflanzen, eine innere und äuszere lefze
an. Nemnich 3, 281;
labia die groszen und kleinen schamlefzen. 282. 66) lefzen,
die wundränder: also das die lefzen der wunden weit von einander zannen und nit zuosamen gebunden möchten werden. H. Braunschweig
chir. (1539) 13. 77) lefze,
der schräge eingedrückte theil zwischen dem körper einer orgelpfeife und ihrem fusz, theils über ihrem ausschnitt, wo er die oberlefze
heiszt, theils unter ihrem ausschnitt, wo er die unterlefze
heiszt. Jacobsson 2, 582
a.