wunder,
n., m. ahd. wuntar,
mhd. wunder,
as. wundar, wonder,
afries. wunder,
ags. wundor (
nl. wonder),
an. undr,
schwed. dän. under.
die herkunft des wortes ist dunkel, vgl. Kluge-Mitzka
17 871
b.
einen überblick über die älteren herleitungsversuche gibt Helen Adolf
in:
the journal of English and Germanic philology 46 (1947) 395
ff., bes. 404
f. ebendort ein neuer versuch, über ein germ. adjektiv *wundra-
in der bedeutung '
verwickelt, verflochten, perplexus',
für das in der rätselhaften abrogans-glosse alternis uoundarlihem
ahd. gl. 1, 40, 35
St.-S. als dem derivat eines adjektivs *wuntar
ein zeugnis vorliegen soll, einen mit wintan '
torquere, plectere'
gemeinsamen anschlusz an idg. *endh- '
plectere'
zu gewinnen und damit die wortgruppe wunder
auf einen mit den wichtigsten übrigen wörtern des begriffsfeldes furcht —
wunder vergleichbaren ansatzpunkt zurückzuführen. die hypothese ist nicht glaubhaft, da nirgends sonst im abrogans in allen drei hss. d =
germ. d
steht, die angenommene bildung *wundra-
zu windan
keine parallelen hat und die bedeutung nicht paszt: '
verflochten'
ist nicht '
abwechselnd'.
auch der anschlieszende versuch, im bereich des germ. *wundra-
hinsichtlich der bildungen eine prioritätsfolge adjektiv —
verbum —
substantiv und für letzteres zunächst '
verwunderung',
erst später '
gegenstand der verwunderung'
als bedeutung anzusetzen, finden im literarischen gebrauch des ahd. wie des as. keine stütze; und das ags. und an. sprechen deutlich dagegen. wunder i
und ii (
s. u.)
stehen als die hauptbedeutungen des wortes von anfang an nebeneinander, ohne dasz ein historischer vorrang der einen vor der anderen auch nur in spuren greifbar würde. dagegen überwiegt im ags. die bedeutung '
wunderbarer gegenstand, miraculum, portentum, signum'
in poesie und prosa; die bedeutung '
verwunderung'
begegenet nur in (
nicht eindeutigem)
adverbialem wundrum (
einmal in der poesie phoenix 342,
mehrfach in prosa)
und in on wundra, tō wundre.
auch das anord. zeigt diese allenfalls in adverbialem undrum,
sonst nur '
gegenstand der verwunderung, ungeheuer, unglück'. —
öffnung des stammvokals von u
zu o
vom mhd. bis ins 16.
jh. im ganzen sprachgebiet häufig nachweisbar, vorzüglich im schwäb. und md.: wonder
Karlmeinet 133; 172; 183
u. ö.; wonders Mone
schausp. d. mittelalters 1, 149; 160;
Alsfelder passionsspiel 369; Windecke
denkwürd. 4, 99
Altmann; wonder (15.
u. 16.
jh., hd. md. nd.)
bei Diefenbach
gl. 362
c; 363
a; 367
b; 411
c; 462
c; 479
c; 557
c; Arigo
decameron 3, 38
lit. ver.; 4, 18; 11, 1; 53,23; Steinhöwel
Äsop 338
lit. ver.; Hutten
opera 4, 5
Böcking; mundartl. w'õnder
Fischer schwäb. 6, 972; wonner Regel
Ruhla 85; wonner Crecelius
oberhess. 926; wonger Rovenhagen
Aachen 164; wonnaə Schmidt-Petersen 164
b.
über -o-
hinweg diphthongiert waunder (
Eupen)
zs. f. dt. phil. 3, 349. —
scheinbar umgelautete formen wie wünders Schwarzenberg
Cicero (1535) 152;
pl. wünder Luther 30, 2, 534
W.; Hans Sachs
fabeln u. schwänke 2, 606
ndr.; Kantzow
chron. v. Pommern 292
Gaebel; kein wünder Elisabeth Charlotte v. Orleans
br. (1716—18) 387
Holland kommen wohl auf das konto des druckers. erweichung der inlautenden gruppe -nt-
zu -nd-
bereits bei Notker,
vgl. dazu Braune
ahd. gramm. § 163
anm. 5; uunderes (9.
jh., brüsseler, aus Xanten stammende hs.)
ahd. gl. 1, 718, 67
St.-S. ist mfrk.; uundar
bei Otfrid I 4, 71 (
hs. V)
hat mehrere parallelen wie undar, leitendi, scinenderu, uualtendan, uuirkendan,
s. Schatz ahd. gr. 123. -t-
formen begegnen andererseits noch im frühmhd.: wunter
Wiener genesis 3556
Dollmayr; Rolandslied 7178
Bartsch; wntir (12.
jh.)
ahd. gl. 2, 681, 21
St.-S. assimilation -nd-
zu -nn-
erfolgt vor allem im md. und nd., vgl. zu den obigen mundartlichen nachweisen noch wunner Mensing
schlesw.-holst. 5, 739; Böning
Oldenburg 135; Jecht
Mansfeld 126
a; Müller-Fraureuth
obersächs. 2, 681
a;
auch Sartorius
Würzburg 135; wuner Fischer
schwäb. 6, 972.
gutturalisierte formen gehören nicht nur ins rhein. (
s. ob.),
sondern treten auch sonst auf: wunger
bibl. älterer schriftw. d. Schweiz I 5, 191; wungha Fischer
Samland 99.
die flexion des wortes zeigt im 16.
jh. im d. pl. gelegentlich eine endungslose form: mit thaten vnd wunder
apostelgesch. 2, 22;
vgl. 2. Mose 3, 20; mit zeichen und wunder Luther 18, 321
W. ein unorganischer pl. wunərs
bei Böger
Schwalenberg 168. — wunder
ist neutrum; nicht gerade häufig, aber schon früh und bis tief ins nhd. und in lebende mundart hinein ist das wort aber auch als mask. bezeugt; dies mit einem gewisz nicht zufälligen vorrang im bereich der subjektiven bedeutung '
erstaunen'
oder '
neugier' (
s. die nachweise unter I 1 a—c; 2 b;
dazu Steinbach
dt. wb. [1734] 2, 1047: wunder,
m. admiratio, mirum; wunder,
n. miraculum, mirum, ostentum, portentum, prodigium; Schmeller-Fr.
bair. 2, 956; Fischer
schwäb. 6, 972 [
fürs Allgäu]; wonner,
m. wunder, verwunderung Regel
Ruhla 85 [
i. d. bedeutung '
wunderbare sache'
als n.]).
auch innerhalb der objektiven bedeutung II '
was staunen hervorruft',
hier schon mhd.: vil manicfalden wunder (tûn)
Straszburger Alexander 2997
Kinzel; vgl. 7064; umb den groszen wunder den er yn hett sehen thun
Lancelot 1, 474, 29
Kluge; vgl. 619, 19 (
sonst n., z. b. 237, 33; 238, 20; 146, 26; 162, 32
u. ö.);
auch im nhd.: vmb allen wunder H. Julius v. Braunschweig 495
lit. ver.; anscheinend mit einer gewissen vorliebe unter II E 1 f
γ;
δ,
wo eine annäherung an I
vorliegt: (
ich) sahe meinen wunder Grimmelshausen
Simpl. 82
Scholte; vgl. 41; ihren wunder sehen J.
M. v. Loen
d. redl. mann am hofe (1740) 128; do siehste dein blaue wunner
Reuting Höchst 49. II.
subjektiv als bezeichnung für einen gefühlsvorgang oder -zustand im sinne von '
verwunderung, erstaunen',
auch (
selten, s. 2 a
β;
γ) '
bewunderung'
und (
häufig) '
neugier, wiszbegier',
vereinzelt noch anders (
s. u.c).
neben der objektiven, heute entschieden vorherrschenden bedeutung II
von anfang an entwickelt, aber schon früh durch (sich) wundern, verwundern, verwunderung
zurückgedrängt. moderner sprache nur noch an einer stelle ganz geläufig (
s. u. 2 b
ζ),
in landschaftlicher und mundartlicher bindung oder archaisierend auch sonst noch gelegentlich. —
zur relativen häufigkeit des maskulinums in diesem bedeutungsbereich s. oben und die nachweise unten. I@11)
in freiem, von festen bindungen gelöstem gebrauch verhältnismäszig selten. I@1@aa) '
verwunderung, erstaunen'.
in stärkerem und schwächerem sinne, vgl. stupor wunder (15.
jh.; Straszburg 1515) Diefenbach
gl. 558
a;
vgl. 557
c s. v. stupere; admiratio wunder, verwunderung Alberus
dict. (1540) Ss 4
b;
ammiratione, stupore Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1400
a: ze demo uuundire dero zeichene unde ze riuuuo iro sundon (
ad admirationem signorum et pnitentiam peccatorum) Notker 2, 341, 21
gl. P. (
ps. 81, 5); das setzet den menschen in grosses wunder und bekorung Keisersberg
ausgang d. Juden (1510) J 4
b;
öfter noch bei Wieland: und alle die zugegen waren sahn ihn an, voll wunders über seine stattliche gestalt und seine red
s. w. (1794) 18, 16;
vgl. 17, 177; das war denn nun von seiten des überraschten landmanns wunder über wunder, und eine herzliche freude Bürde
erz. v. e. gesellschaftl. reise (1785) 68.
mit folgendem dasz-
satz: es hatt ein töchterlin, so daselbs der schwynen hüettet, ... bewegt durch wunder, das die schwyn sich so seltzam vmb dieselbige nesslen herumb gebareten, ... sich harzuogemacht Brandstetter
Cysat § 170.
vereinzelt etwas steht in wunder '
ist gegenstand der verwunderung, des befremdens': diese (
die geschlechtliche) notturfft, do das menschlich wesen herkompt, soll noch erst ynn zweiffel und wunder stehen? ... wer sich der ehe schemet, der schemet sich auch, das er ein mensch sey Luther 18, 277
W. I@1@bb) '
wiszbegierde, neugier, vorwitz', a
gegenüber mehr im sinne eines aktiven verhaltens und als gesteigerte, psychische stufe; vgl. hierzu auch s. v. gewunder 2,
teil 4, 1, 4,
sp. 6786
f. und das psychologisch bedingte nebeneinander der bedeutungen '
verwunderung'
und '
neugier'
auch in gr. θαυμάζειν,
lat. mirari; vgl. ferner wundern,
vb. B 3
und engl. to wonder: und schwebt das (
licht) lang ob dem kloster, aber fil hoch in dem luft, und lies sich do wider nider uff das kloster, und sach er sin do nit me, und ist gross wunder under den lútten was es mug sin Elsbeth Stagel
leben d. schw. zu Tösz 59, 33
V.; dasz wir in der begird und wunder der künftigen zyt nach disem leben nit irrig ... wurdind Zwingli
dt. schr. 1, 33
Sch.-Sch. vereinzelt wunder nach etwas
in der bedeutungsnuance '
nachfrage nach, interesse für etwas': yedoch so was grosz wunder darnach (
nach den verlorenen kleinodien), wann yederman hette geren daszs gelt (
die für den finder angesetzte belohnung) gewunnen (1509)
Fortunatus 30
ndr. in obd. maa. als '
neugier'
weit verbreitet, vgl. Schmeller-Fr.
bair. 2, 956; Fischer
schwäb. 6, 972 (
fürs Allgäu); wundar,
m. '
neugierde' Bühler
Davos 1, 304; wunder,
m. '
neugierde, vorwitz' Reiser
sagen d. Allgäus 2, 744. I@1@cc)
in landschaftlicher und mundartlicher begrenzung begegnen spuren anderer psychischer bedeutungen durchweg mit peiorativem sinn. in Aulendorfer akten von der mitte des 17.
bis ins erste drittel des 18.
jhs. erscheint häufig wunder
als '
zorn, zornige erregung': seie ihme das wunder geschossen und er ihne vermaulschellet
bei Fischer
schwäb. 6, 972; seie ihm der wunder geschossen, das er ihme in das haar gefallen
ebda; seie halt im wunder geschehen
ebda u. ä. vielleicht sind diese nachweise zusammenzusehen mit einigen anderen, die offensichtlich an eine spezielle bedeutung von wunderlich (
s. d. A 4 c
α)
im sinne von '
zornig, schwierig, übellaunig'
anknüpfen: doch mag wvnder, zorn vnnd andere angezaygte gebrechligkayt, bey den alten ... entschuldiget werden (
ac morositas tamen et ea vitia, quae dixi, habent aliquid excusationis) Schwarzenberg
d. teutsch Cicero (1535) 35; wunder,
masc., verdrieszlichkeit, schlechte laune, brummiges wesen, sauertöpfigkeit Unger-Khull
steir. 639
b; er hat ein böses wunder
eine üble laune Stalder
Schweiz 2, 459.
im nd. als '
verwirrung'
oder '
kummer',
wohl auch in der bezeichnung psychischer zustände und nicht in dem objektiven sinn von wunder II (
z. b. II E 3 b): der wunder
für die verwirrung
ist niedersächsisch: wir haben jetzt vielen wunder mit unserm hausbau Heynatz
antibarb. 2, 655; er hat seinen wunder (
kummer) Brendicke
Berlin 194
a. I@22)
häufiger in festen bindungen und geprägten formeln. I@2@aa)
in präpos itionaler fügung. I@2@a@aα)
von, aus, für, vor wunder durchweg kausal. '
vor staunen, vor verwunderung': und (
Simeon im tempel beim anblick des Jesusknaben) erschrei von wunder in sinem herzen, daz der himeltrager so gross und so klein ist Seuse
dt. schr. 30, 11
Bihlm.; wo ich ein solchen (
kostbar gekleideten) kunden sich, von wunder muosz den fragen ich, ob er von allen kutten (
d. i. Kalikut in Indien) kumb Murner
mühle v. Schwindelsheim 51
Beb.; denn sehn sie was schönes drunder, darauff sie ausz wunder mit fingern weisen Voigtländer
oden u. lieder (1642) 98, 6; mit grossen forchten ich auff stund. vor wunder kund ich kaum genesen, ich dacht: es ist ein trawm gewesen Hans Sachs 3, 417
lit. ver.; bisz ich gäntzlich sey aus mier ... und für wunder da erstarre
bei Fischer-Tümpel
evang. kirchenl. 2, 518
b; ich stand lange wie verblüfft und konnte mich kaum vor wunder fassen Wieland
Lucian 4 (1789) 301;
ders., Idris (1768) 185. '
aus wiszbegier, neugier': also bot er sich zuo dem venster us von wunder und fragt einen jüngling, der stuond bi ime, waz frOemdes gesindes daz were Seuse
dt. schr. 370, 14
Bihlm.; jenem wurden ... die ohren so weit, dasz er aus wunder fragete, was köstlicher verehrung das jmmer sein möchte (
die man ihm versprochen hatte) (
nach einer qu. a. d. 16.
jh.) Grässe
sagenb. d. pr. staates 1, 74; für de
n wunder '
aus neugier' Martin-Lienhart
elsäss. 2, 839
a. I@2@a@bβ)
mit wunder, vereinzelt bei, in wunder (
s. u.),
das zuständliche und modale umschreibend. '
aus neugier, wiszbegier': than fôrun thar thea liudi tô obar al Galileo land that godes barn sehan: dâdun it bi themu uundre, huanen imu mahti sulic uuord cumen
Heliand 2649
B. meist mit (groszem) wunder etwas tun '
staunend, verwundert etwas tun': (
er) sprach mit grossem wunder sines herzen Seuse
dt. schr. 55, 27
Bihlm.; vgl. 64, 30; daz Alibech palde ersechen het mit grossem wunder Arigo
decameron 235
Keller; vgl. 113; drum spitzt die ohren wer da kan, und höret mich mit wunder an Sporck
streitgedichte 44
Kopp; mit wunder habe ich die verdokterung der militair akademie erfahren (1782)
in: württemb. viertelj.-hefte (1879) 143.
archaisierend in historischer erzählung: mit groszem wunder erkannten sie ihn und traueten ihren augen kaum W. Raabe
s. w. I 6, 203
Klemm; vgl. 215.
hier kreuzt zuweilen die bedeutung '
bewunderung'
hinein, besonders in der verbindung etwas
oder jmd. mit wunder ansehen, anschauen
u. ä.: (
er) mit grossem wunder und fleysz die schönen jungfrawen ansahe Montanus
schwankbücher 239
lit. ver.; o jhr aller princezzin ruhm, mit wunder man euch musz anschawen Zinkgref
auserl. ged. 60
ndr. auf das zuständliche zielt auch die sehr viel seltenere verbindung in (groszem) wunder: in grossem wunder stand ich unden Hans Sachs 1, 427
lit. ver. I@2@a@gγ)
zu, zum wunder in mehrfacher bedeutung und in seiner zugehörigkeit zu I
oder II
oft zweifelhaft. die mhd. verbindung ein dinc ze wunder anesehen
wohl eher hierher im sinne von '
staunend betrachten': die gheene die daer (
im gefängnis) by hem (
S. Servatius) laghen te wonder sy dit (
ein sehr helles licht am himmel) ane saghen Heinrich v. Veldeke
Servatius I 1834
Bormans; ind (
er) begonde zo vechten ind zo hawen, so man zo wonder mochte schawen
Karlmeinet 183
Keller; vgl. 172; 272.
die gleiche, aber auf personen bezogene verbindung gehört nur z. t. hierher (
vgl. dazu II F 1 c): sie sahen in zu wunder an, wan er was crenclich getan
väterbuch 30 809
Reissenberger; myn herre Gawan und Hestor ritten unders here, und alle die welt besah sie zu wunder, wann sie ir schild verkert hetten: das innen was das hetten sie uszen gekert
Lancelot 1, 457
Kluge; vgl. 269, 10; 491, 14.
so wohl noch im folgenden beleg, dessen griechische vorlage freilich eher im sinne von oben 1 c
zu interpretieren wäre: er heüw jm auch sonst etlich wunden selbs, und gieng also geschent und miszhandlet für den künig Darium, den sahe der künig zuo wunder an Boner
Herodot 55
a (
Δαρεῖος δὲ κάρτα βαρέως ἤνεικε ἰδὼν ἄνδρα δοκιμώτατον λελωβημένον),
auch '
bewundernd betrachten'
wie in der verbindung mit wunder ansehen
unter β: all die welt besah sie zu wunder, als schon waren sie
Lancelot 1, 25, 37
Kluge; deszhalben, haben jn (
Scipio) nicht allein die römischen bürger, sonder auch die frembden und auszländischen zu wunder angesehen (
hunc unum intuebantur) Xylander
Plutarch (1580) 136
a.
mit konsekutiver bedeutung, '
zur verwunderung, so dasz man sich wundern musz, erstaunlicherweise',
bis in verhältnismäszig späten gebrauch; s. auch noch II F 1 c: der selb ward in dem alter so witzig und so weise, das er das chaisertum da richte ze wunder allem volch (1369)
bei A. Schönbach
miscellen aus Grazer hss. in: mitt. d. hist. ver. f. Steiermark 46 (1898) 20; und der strahl hat nicht gezündet auff diszmahl, zum wunder aber hat es ob'n die splitter in die deck geschob'n Chr. Lehmann
hist. schauplatz (1699) 342; wenige verstehen die bedeutung des kathedervortrages, aber zum wunder hat er sich, ohnerachtet immer von dem gröszten theile der lehrer sehr schlecht durchgeführt, doch immer erhalten Schleiermacher
s. w. (1843) III 1, 574; der Klaas hielt bei dem verpönten gegenstande daher nur noch aus, weil er einmal im zuge war und zu seinem eignen wunder eine denkwürdige erinnerung aus einem winkel seiner seele in die höhe tauchte L. v. François
ges. w. (o. j.) 4, 27
inselverl. hierher vielleicht: dass auch nicht ein einiger auffrechter pfost zum wunder darinnen zu finden (
in einem zerstörten ort) (1633)
bei Fischer
schwäb. 6, 973.
aus dieser konsekutiven bedeutung mundartlich in den sinn von '
selten'
übergehend: zú
N. geits mádln gràd gnuə' abə' zo'n wundər ə~ schö~s Schmeller-Fr.
bair. 2, 956; Fischer
schwäb. 6, 973.
auch in finalem sinne '
damit man sich verwundere'
oder '
damit man bewundere': ich hab es zum wunder müssen ein wenig berüren, damit du ... erkennest, wie der gewaltig gott allen pracht ... stürtzen kan Stumpf
Schweizer chron. (1606) 260
a; die schönen Engelländerinnen, die man zum wunder überschickt, entsatzten sich ob dem beginnen, als sie Charlotten angeblickt
Hoffmannswaldau u. a. Deutschen ged. (1697) 2, 20; die liebe zu den eltern hängt dein bild zum wunder auf im hohen tugend-tempel Pyra
u. Lange 59
lit.-denkm. I@2@a@dδ)
durch wunder, (
von)
wunders wegen, durch wunders willen, (
um)
wunders halb(
en, -er) (
s. auch wundershalb, wundershalben, wundershalber, wunderswegen) (
anders s. u. II E 1 e
γ ββ).
meist von der absicht, etwas in erfahrung zu bringen, als '
wiszbegierig, gern wissen wollend, neugierig': die koufliute sprâchen, sine wolten es niemer gelouben, sine sæhen sîn etelîchen teil mit den ougen ... durch wunder fuoren si ze Bêthânîâ, Lazarum suochten si dâ
kaiserchron. 1791
Schr.; ich was durch wunder ûz gevarn: dô vant ich wunderlîchiu dinc Walther v.
d. Vogelweide 102, 15; und siehet herr Summer ... die herwaltzende flut ... warnet die bürger, so auf die obere brücke wunders wegen gelauffen Chr. Lehmann
hist. schauplatz (1699) 265; nur wunders halben hingehen
etc. andarci solamente per maraviglia, per sola maraviglia Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1400
b; Schwan
nouv. dict. (1783) 2, 1075
a.
im nhd., besonders im 18.
jh., schwächt sich die wendung im sinne von '
interesses halber, spaszes halber',
oder auch '
doch nur, doch mal'
zur floskel ab: nun sich an von wunders wegen, wie vngebAertig hAer zu louffen die mAess pfaffen zuo kirchen Eberlin v. Günzburg
s. schr. 1, 73
ndr.; (
Carolinchen:) ich ... will ihnen die mühe ersparen, sich über das verzeichnisz, das ich ihnen davon (
von meiner bibliothek) geben könnte, lustig zu machen. (
hr. Simon:) nun lassen sie doch nur wunders halben ihre lectüre hören Gellert
s. schr. (1839) 3, 267; da haben sie recht. aber ich möchte doch um wunders willen hören, was sie ... einwenden könnten Wieland
s. w. (1818) 19, 236; die ganze nacht hab ich kein auge zugethan, ... nun will ich in die predigt gehen, und wunders halber sehen, ob ich nicht da ein wenig nicken kann Bürger
s. w. 112
a Bohtz. oft verflieszen die grenzen zwischen diesem subjektivgebrauch und der objektiven bedeutung '
der seltsamkeit wegen, der kuriosität halber' (
s. u. II E 1 e
γ ββ)
so sehr, dasz eine eindeutige scheidung unmöglich wird: aber wer durch wunders willen durch das pain (
das schienbein eines riesen als brücke in einem felsental) will zihen, der mag es wol thun und von obentheuer wegen, das er davon müg gesagen Schiltberger
reisebuch 83
lit. ver.; der mensch (
marquis Posa) besitzt den ungewöhnlichsten charakter oder keinen — wunders wegen musz ich ihn sprechen Schiller 5, 2, 297
G. I@2@bb)
bereits seit dem ahd. in verbalen verbindungen formelhaften charakters, die nur an einer stelle (
s. u.ζ)
noch moderner sprache geläufig sind. auch hier, wie unter a,
vornehmlich in formeln, die ein zuständliches ausdrücken, den zustand der verwunderung, der bewunderung oder des wissenwollens, der neugier. die variationsbreite der alten formeln engt sich dadurch mehr und mehr ein, dasz die verben wundern, sich verwundern
ihre funktionen übernehmen. I@2@b@aα)
mich ist wunder ahd. mhd.; mir ist wunder, gelegentlich vornhd., im nhd. nur so. zu der akkusativischen form vgl. Jacob Grimm
gramm. 24, 281; 291; 840. '
mich wundert': uze stuant ther liut thar, was sie filu wuntar, ziu (
warum) ther ewarto dualeti so harto Otfrid I 4, 71;
vgl. 9, 27; 22, 13; III 18, 54
u. ö.; Notker 1, 20, 21
P.; 32, 9
u. ö.; des lâ dih niht sîn wunder: der ein gât ûf, der ander under
Reinhart fuchs 357
Grimm u. anm. auch hier schon in der bedeutung '
ich bin neugierig, möchte wissen'
: quero enim, an arbitrere casum aliquid esse omnino mih ist uuunder ube du casum fure îeht haben uuellêst Notker 1, 304, 17
P.; Wiener genesis 3556
Dollm. in der älter und jünger bezeugten fassung mir ist wunder
von der gleichlautenden verbindung unter II F 2 b
ζ kaum zu unterscheiden. wohl eher hierher: uuas im (
den jüngern) uundar mikil be huilicun bilithiun that barn godes sulic sodlic spel seggean bigunni
Heliand 2414
B.; sie jme vormeldeten, es were bluth von den beiden studiosis, die er den tag zuuor hatte abhouwen lassen, das war jme wunder, fragte: was sie gethan? Sastrow
herkommen 2, 41
Mohnicke. jünger vereinzelt es ist mir nur wunder '
ich bin doch neugierig': es ist mir nur wunder zu sehn, ob das (
unordentliche) volk nicht einmal einen besen hat O. Ludwig
ges. schr. (1891) 2, 30. I@2@b@bβ)
mich hat wunder, vereinzelt mir hat wunder, vom mhd. bis in junge mundart, geläufig vor allem im 16.
jh.; vgl. Jacob Grimm
gramm. 24, 286
und zahlreiche dort gegebene mhd. nachweise. die fassung es hat mich wunder
zeigt älter das es
als objekt im genitiv, jünger als subjekt im nominativ, wie bei es nimmt mich wunder (
s. u.ζ).
nach Campe 5, 784
a als veraltete wendung. '
ich wundere mich': des mahte si (
acc. pl.) wunter haben
Wiener genesis 5863
Dollmayr; wunder hatte mich, warumb mir die vers ym psalter so gar nichts schmecken wolten Luther 23, 35
W.; vgl. 72; 28, 32;
br. 9, 443; es sasz ne flieg darunter, es hat den käfer grosz wunder Mittler
dt. volkslieder (1865) 470.
auch mit abhängigem präpositionalobjekt: den künec hete wunder, und sîne man alsam, umbe solhiu mæreals er hie vernam
Nibelungenlied 110, 1
L. ebenso '
ich bin neugierig': wunder hat mich wie ez erge Herbort v. Fritslar
liet v. Troye 8212
Fr.; et sal m
ek doh wund
en haw
en äf-(h)
e-t doüt
ich bin neugierig, ob er es tut Bauer-Collitz
Waldeck 115
a.
nur sporadisch in dativischer fassung: wandime des wunder hête, ob er si ime sande wider heim ze lande
Straszburger Alexander 3493
Kinzel; welchs manchem man wird wunder han B. Krüger
spiel v. d. bäur. richtern 17
Bolte. I@2@b@gγ)
ich habe wunder β gegenüber in persönlicher konstruktion, vom nachklassischen mhd. bis zur wende des 16.
und 17.
jhs. sehr geläufig, jünger nur vereinzelt. vorwiegend in der bedeutung '
ich wundere mich'
; der gegenstand des verwunderns in verschiedener syntaktischer abhängigkeit. mit genitivobjekt: des han ich michel wunder schweizer Wernher
Marienleben 13 319
Päpke; vatter des solt nit wunder han Wickram
spil von Tobia (1551) E 2
b.
häufiger mit präpositionalobjekt: und hettent alle wunder von dem guoten schmake sunder schweizer Wernher
Marienleben 4455
Päpke; dass nit ymand wunder habe, lieben frunde Christi, von dem text diszer sieben psalmen Luther 1, 158
W.; junckher, habt ir ob dem fuchs wunder? ich bin gwest in eim land besunder, darinnen die füchs so grosz sind, als in unserm land ochssn und rind Hans Sachs 21, 243
lit. ver. archaisierend: Salmo aber erzählte ihnen, was er in Jerusalem erlebet, ... und auch von dem hühnlein, darob sie grosz wunder hatten Brentano
ges. schr. (1852) 4, 61.
mit abhängigem nebensatz: darumb ich auch grosz wunder hAvn, das du dich fräest der torhait
liederbuch der Hätzlerin 91
Haltaus; darumb solt du nit wunder han, ob wir joch ouch zesamen stan H. R. Manuel
d. weinspiel v. 3344
ndr. seltener absolut, ohne ausgedrückte objektbeziehung: ach alle creaturen habent wunder unnd sagent mit mir lob unnd ere
d. ew. weiszheit betbüchlin (1518) 149
b.
bei Murner
mehrfach in der form ich habe ein wunder: sie hons wie storcken geschluckt hinab, das ich ein wunder hab darab Murner
v. d. gr. lutherischen narren (1522) b 4;
ders., geuchmatt 2962
Fuchs. in der bedeutung '
ich bin neugierig, ich möchte wissen'
entschieden seltener: nu möcht ain mensch wunder hon, wie es umb disz sach si geton
Christus u. d. minnende seele 2097
Banz; vgl. 1906; 1730; 1670; was gseen ich dört für ein gesellen? des han ich wunder J. Ruff
spyl v. d. erschaffung Adams u. Heva (1550) L 5
b. I@2@b@dδ)
es gibt mir, es gibt mich wunder, in beiden fassungen gleichzeitig und gleich gebräuchlich, von etwa 1600—1800.
die verbindung scheint im wesentlichen auf das md. beschränkt, vgl. noch Jacob Grimm
gramm. 24, 288.
nach seiner bedeutung mehr zu '
verwunderung'
als zu '
neugier'.
im frühest erreichbaren beleg ist nicht erkennbar, ob es sich um die dativische oder die akkusativische konstruktion handelt: vnd sahen gar kein eysz, welches vns nicht wenig wunder gab Hulsius
schiffahrten 3 (1598) 54.
dann es gibt mir wunder: das einem wunder solt geben wie sie sich in den rauhen ort alle halten mögen Quadt v. Kinckelbach
teutscher nation herligkeitt (1609) 106; und gab es ihr (
sr. kön. maj.) am meisten wunder, dass die sache jetziger zeit so hoch wolle gestritten werden (
Warschau 1640)
urk. u. aktenst. z. gesch. d. kurf. Friedrich Wilhelm v. Brandenburg 1, 39
Erdm. älter vereinzelt auch etwas gibt mir ein wunder: dein hoher thron (
welt), die güldne cron, so vielen gibt ein wunder, ist bloszer schein
M. Franck
bei Fischer-Tümpel
ev. kirchenl. 4, 225
a. Göthe
scheint bei der ihm noch sehr geläufigen verbindung von der akkusativischen (
s. u.)
zur dativischen fassung hinüberzuwechseln: es giebt einem gar nicht wunder, dasz der mensch sich in das unerhörte findet (1806) IV 19, 176
W.; vgl. 257. es gibt mich wunder
häufig bei Grimmelshausen: mein herr, es gibet mich wunder, wie er mich einen herrn nennen mag
Simpl. continuatio 76
Scholte; vgl. ders. 1, 838
Keller; 2, 31; 388.
ebenso bei Göthe
bis etwa 1803,
nach welchem zeitpunkt er die dativische fassung zu wählen scheint (
s. ob.): doch giebt michs wunder dass du dadrinn das mancherley fatale nicht bemerckt hast (1777) IV 3, 140
W.; vgl. (1785) 7, 2; (1795) 10, 233; (1799) 14, 65; dasz die herren abiturienten in Jena auch mich in ihre schmutzige sache ziehen möchten, giebt mich nicht wunder (1803) Göthe IV 16, 283
W. mundartlich: dât get mech wonner
das nimmt mich wunder Gangler
Luxemburg 485;
luxemb. ma. 491.
nur vereinzelt in der bedeutung '
ich bin neugierig': dau bleiwest dein lewelang a narr, geith meich wunner, was ausz dir wera wird Grimmelshausen
Simpl. 14
Scholte. I@2@b@eε)
in der persönlichen form ich gebe wunder
ganz singulär: wie der könig sampt den senatoren wunder gebe, dass er (
der feldherr) eine so geraume zeit im lande gelegen und doch nichts wirkliches verrichtete (
mitte d. 17.
jhs.) I. Hoppe
gesch. d. ersten schwed.-poln. krieges 152
Toeppen. I@2@b@zζ)
mich nimmt wunder, es (
das)
nimmt mich (
ein)
wunder, gelegentlich es nimmt mir wunder; vom 11.
jh. durchgehend, modern noch ganz geläufig; vgl. Jacob Grimm
gramm. 24, 287.
aus der ursprünglich genitivischen fassung mich nimmt es, des, einer sache wunder,
die bis ins älternhd. noch möglich ist, wird durch umdeutung von genitivischem es, des (
mhd. es, des)
in nominativisches es, das (
mhd. ez, daz)
eine konstruktion, in der es
oder das
das subjekt darstellt und wunder nehmen
als geschlossenes verbum behandelt ist und daher im infinitiv meist zusammengeschrieben wird; gelegentlich auch älter schon, vgl. z. b. unten (1522) Egranus
ungedr. pred. 7
a Buchwald; wunder nemen Rompler v. Löwenhalt
erstes gebüsch (1647) 000 2
a.
in genitivischer konstruktion mich nimmt einer sache wunder '
ich wundere mich über': sus darf es nieman wunder nemen, lebt âne sorge daz herze mîn Walther v.
d. Vogelweide 72, 29;
vgl. 70, 11; 115, 30; vnd mich verwundert nicht so seer der leut auff der welt hin vnd her, als mich dieses volcks wunder nimpt Lobwasser
Johannis entheuptung (
o. j.) D 7
b.
nominativisch: in truwen, herr Claudas, das ennimet mich keyn wunder
Lancelot 1, 79
Kluge; das nam die leut alle wunder
summerteil d. heyligen leben (1472) 2
a.
und so durchweg in jüngerem gebrauch, meist mit abhängigem satz: es solte mich wunder nehmen, da ein so verschmitzter diener nichts von seines herrn griffen begriffen haben solte Lohenstein
Arminius (1689) 2, 1064
b; nur eines nahm ihn wunder, die königin noch immer so zurückweisend und ohne halsband zu erblicken Dahlmann
gesch. d. frz. revolution (1845) 100; nicht etwa, als ob es ihn wunder genommen hätte, dasz man sich für ihn interessierte Feuchtwanger
d. falsche Nero (1947) 37.
älter gelegentlich in der form mich nimmt ein wunder: wer sich erhOecht, der kunt under, das sol nieman nemen ein wunder
bei Mone
schausp. d. mittelalters 1, 288; an manchem ort ich gschriben find, wie das die heiligen richig (
rachsüchtig) sindt, das mich des dick ein wunder nam Murner
narrenbeschwörung 249, 7
Spanier. im 16.
jh. gelegentlich adjektivisch in der doppelformel fremd und wunder: wir sollen vns aber keines wegs lassen wunder vnd frembd nemen, dasz Paulus mit so grossem fleisz vnd vilen worten vns zum gemelten gehorsam der guten wercken vermanet Gretter
erkl. d. ep. S. Pauls a. d. Römer (1566) 374; das mich nun nimpt frembd vnd wunder Haberer
Abraham (1592) F 2
b.
tritt hier zu wunder
ein verstärkendes adjektivisches attribut, so zeigt sich der substantivische charakter des wortes in dieser verbindung unangetastet: uil michel wunter in (
Isaak) genam, wie daz scolte sin getan (
dasz er zum zweitenmal den segen geben sollte)
genesis 2367
Dollmayr; das michs grosz wunder nimet, das einen solchen vorgessenen menschen nit die erden verschlungen hat Musculus
hosenteuffel 14
ndr. (
vgl. s. v. grosz I D 3 b,
teil 4, 1, 6,
sp. 476).
adverbiale zusätze hingegen sprechen für eine auffassung der verbindung als eines in sich geschlossenen verbums: oft die leut sehr wunder nimmt, wa das wasser herkomt, welchs die mülen treibt Fischart
w. 1, 57
Hauffen; doch nahms die herren mächtig wunder Goekingk
ged. (1780) 3, 234.
die dativische fassung es nimmt mir wunder
begegnet im 16.
u. 17.
jh., vereinzelt noch im 18.
jh.: sieh welch grosz wunder nimpt mir doch diese Andronica, wie gehestu mit deinem gemahl so gar allein
schausp. engl. comöd. 26, 36
Creizenach; ihm nam das selbsten das gröseste wunder, dasz er im wasser nicht sunken bald unter
Reinicke fuchs (1650) 75; wie nahms ihm wunder Musäus
volksmärchen (1826) 2, 7.
nur ganz vereinzelt es nimmt meiner wunder: wen es den glauben antröffe und wehr ettwas daran gelegen, szo durffte es niemandtts wundernehmen (1522) Egranus
ungedr. pred. 79
Buchwald. sehr häufig in der bedeutung '
ich möchte wissen, ich bin neugierig, es reizt mich',
meist mit abhängigem indirektem fragesatz, seit alters, in modernem gebrauch aber wesentlich auf den südwesten des sprachgebietes beschränkt: michil wunder mich nam, wer der man wêre
Straszburger Alexander 5460
Kinzel; vgl. 3505; 2649;
demiror es nimpt mich wunder, ich weisz es nit Frisius
dict. (1556) 386
a; so nimt mich wunder, warum die gescheiden Griechen und Latiner verständlicher geschrieben Rompler v. Löwenhalt
erst. gebüsch (1647)
vorr. 17; mich nimmt wunder, ob der löwe sprechen wird (
I wonder if the lion to be speak, vgl. die gleichbedeutende engl. wendung I wonder) Shakespeare 1 (1797) 276; es hat mich oft mehr wundergenommen, die walzenstühle zu sehen als dem kalendermann zu folgen P. Dörfler
um d. komm. geschlecht (1932) 227.
gelegentlich nuanciert im sinne von '
ich kümmere mich um etwas, interessiere mich für etwas': vnd wann du offtmals kluchsen thuost, so wisz dasz du bald speyen muost. das sol dich dann nicht wunder nemen, vnd solt dich vor keim menschen schemen Scheit
Grobianus v. 3572
ndr. es wird eüch nicht wunder nehmen, was wir von der neüen Berner-gesellschaft ... halten (1721)
chron. d. ges. d. mahler 39
Vetter. I@2@b@hη)
ich nehme (
mir)
wunder seit dem mhd. der nachhöfischen zeit, aber kaum über das 16.
jh. hinaus. mit den gleichen syntaktischen beziehungen wie ich habe wunder (
s. ob. γ),
mit abhängigem genitiv- oder präpositionalobjekt oder auf einen ganzen satz bezogen; vgl. noch Jacob Grimm
gramm. 24, 287
anm. u. zs. f. dt. altert. 16, 413: si namen des vil groz wunder, waz sich tribe dar under, daz man diz heilictum bliben sach
passional 50, 59
Köpke; der man nam sich des wunder
buch d. beisp. 33
lit. ver.; vnd lang solche grosse ding thet, dass der könig seines mächtigen streits wunder nam
buch d. liebe (1587) 121
c; di namen ie besunder an dirre zierde wunder
hl. Elisabeth 8760
Rieger; sú (
Seuses mitmenschen) namen wunder ab der geswinden endrunge, wie im (
Seuse) geschehen weri Seuse
dt. schr. 8
Bihlm.; darab sie alle gross wunder namen
buch d. liebe (1587) 158
b; schreken und wunder nament alle sunder ... von iren schönen worten schweizer Wernher
Marienleben 1465
P.; vgl. 1738; die namen wunder davon, dass er alsbald was gesunt worden
Stretlinger chron. 90
Bächtold. die reflexive fassung im ganzen seltener: ir (
der angeblichen ehebrecherin) frúnd stuondend da bÿ sunder, die sich grOessklich namend wunder wie es hie zuo (
d. i. zu der falschen anklage) wAere komen Konrad v. Helmsdorf
spiegel 1384
Lindqvist; Arigo
decameron 51
Keller; die leutt ... namen sich wunder, das er (
Jesus) den selben gewalt den menschen an alle werck geben hat Luther 10, 3, 394
W. I@2@b@thθ)
in analogen wendungen gleicher bedeutung, aber spontaner und vereinzelter bildung. unpersönlich konstruiert: sie thô uuntar gifiang, sô iz zi thiu thô gigiang Otfrid III 16, 5; Notker 1, 272, 4
P.; 283, 16; al den heren dede dat wunder
Reineke vos 1807
Lübben; wen doch faszte nicht wunder, erfährt er Alberichs werk? Richard Wagner
ges. schr. (1887) 5, 244; dat hollt mi (keen) wunner Mensing
schlesw.-holst. 5, 739.
seltener in persönlicher konstruktion: wiewohl wir billig wunder tragen, was doch dem freien held begegnet ist, dasz er das licht so graulich fürchtet Luther
br. 1, 475
W. I@2@b@iι)
verstärkten sinn haben seit dem spätmhd. bezeugte bildliche wendungen wie das (der) wunder friszt, beiszt,
seltener sticht mich. '
ich bin höchst verwundert': als ich nu erhoret das das wunder mich selber frasz das sich die schon so ser versan (15.
jh.)
in: diutiska 2, 100; der wunder hätte mich mögen fressen
admiratione fere obstupui Steinbach
dt. wb. (1734) 2, 1047; Vilmar
Kurhessen 461.
daneben '
ich bin sehr neugierig, ich möchte sehr gern wissen': so möcht si das wunder fressen, wes die alt vergessen, und spricht: 'sag an was dir sig im sinn'
des teufels netz 10 378
Barack; mit ainem vinger winkt si mir, ich muest ie hören, was si wolt, das wunder mich ser paiss Oswald v. Wolkenstein 114, 24
Schatz; schweizer. der wunder biszt in (
er ist neugierig)
bei Jacob Grimm
gramm. 24, 288; das wunder sticht das alt wyb übel
tragoedia Joannis (
Bern 1549) L 1
b. I@2@b@kκ)
jüngere wendungen lassen das zuständliche besonders deutlich hervortreten; aus dem wunder helfen, im wunder lassen, im wunder sein
u. ä. '
aus dem, in dem zustand der verwunderung, der ungewiszheit, der neugier': ausz dem wunder helfen
eximere, evellere alicui scrupulum Dentzler
clavis (1716) 357
b; don Sylvio wuszte nicht, was er aus dieser seltsamen art zu erscheinen und wieder zu verschwinden machen sollte. aber Pedrillo half ihm augenblicklich aus dem wunder Wieland
s. w. (1818) 6, 29; aber sie lieszen ihn nicht lange im wunder, wer ihm den losen streich gespielt habe
s. w. (1795) 10, 33; ich bin im wunder, wies gehn wird Martin-Lienhart
elsäss. 2, 839
a; jetzt bin i
ch aus'm wunder '
der neugierde, ungewiszheit enthoben' Fischer
schwäb. 6, 972.
aus der mundart aufsteigend: erkennen konnte sie den (
an der tür einlasz) heischenden nicht. 'ja nun, so mach ich halt auf, dasz ich aus dem wunder bin', dachte Sixta unwillig H. E. Busse
bauernadel (1943) 408. IIII.
objektiv als bezeichnung für etwas, was verwunderung und staunen hervorruft, auf ereignisse, gegebenheiten, gegenstände, aber auch auf lebewesen, insbesondere menschen, bezogen; von vornherein neben I,
dessen geltungsbereich aber in steigendem masze einengend. in seiner gewichtigkeit vielfältig abgestuft und in seinen bedeutungen mannigfach schattiert und differenziert, wobei die vorstellung des übernatürlichen, naturgesetzwidrigen als wesentliches merkmal des wunderbegriffs nur teilweise eine rolle spielt. II@AA.
als religiöser begriff, in vielseitiger anwendung; vornehmlich im sprachgebrauch der bibel und der von dort her bestimmten christlichen kirche, aber auch in auszerchristlicher religion (
s. u. 3).
einen bibl. spezialgebrauch s. noch unter E 3 e.
schon der in den bibelübersetzungen, zumal derjenigen Luther
s, mit wunder
bezeichnete tatbestand ist vielseitig und komplex; dem entspricht eine vielfalt synonymer originalvokabeln, wobei etwa im hebr. die vom stamme א bzw. ה abgeleiteten bildungen das machtwalten gottes in der schöpfung und in der geschichte, überhaupt das wirken gottes als ein eigenständiges bezeichnen, תמ mehr den charakter des zeichenhaften, des machtbeweises, אמ den des schreckenerregenden trägt usw.; unter den 10—12
synonymen der vulgata steht mirabile (
stets im pl. mirabilia)
entschieden im vordergrund, daneben —
mit abstand —
besonders noch prodigium (
dies im n. t. vorherrschend)
und portentum. im gr. n. t., dessen sprachgebrauch dem des a. t. gegenüber hier einschichtiger ist, behauptet sich neben τέρας (
nur im pl. τέρατα)
nur je einmal θαυμάσιον (
Mt. 21, 15)
und δύναμις (
1. Kor. 12, 10).
vgl. zum ganzen des bibl. sprachgebrauchs noch Kittel
theol. wb. z. n. t. 3, 27
ff. II@A@11)
für das handeln und wirken gottes. II@A@1@aa)
erweis der göttlichen machtvollkommenheit, für ein dem gewöhnlichen ablauf der dinge entzogenes und insofern übernatürliches, dem menschlichen vermögen unerreichbares handeln, das aber zugleich zeichenhaften, hindeutenden charakter hat und dem göttlichen heilsplan eingeordnet ist. II@A@1@a@aα)
auf bestimmte einzelne wundertaten gehend, besonders die ägyptischen plagewunder: fore Moyse unde Aaron teta er uuunder in Egypto Notker 2, 314, 9
P. (
ps. 77, 11); denn ich werde meine hand ausstrecken, vnd Egypten schlahen mit allerley wunder, die ich drinnen thun werde
2. Mose 3, 20; die hand des herren müsse dich (
Napoleon) verstocken, ... auf dasz an dir du müssest wunder sehen noch gröszre, als die du schon sahst erschrocken. der herr müss' einen Moses dir erwecken, zu schlagen dich mit allen sieben schrecken Rückert
ges. poet. w. (1867) 1, 31.
und anderes: er (
gott) beweiset ein schrecklich wunder an jnen (
der rotte Korah), vnd verschlang sie mit seinem fewr
Jesus Sirach 45, 24; gott liesz dj jüden wunder schawen, disz brots figur von hymel tawen Johann v. Schwarzenberg
d. teutsch Cicero (1535) 155. II@A@1@a@bβ) wunder
ist das für gott in seiner machtfülle bezeichnende handeln. daher gern in der verbindung gottes wunder: vnde er (
Moses) be diu gotes uuunder daz sie dô (
am haderwasser) eiscoton in sînen uuorten skîed fone diên êreren uuunderen. er truuueta dero êreron, disses netruuueta er Notker 2, 456, 7
P. (
ps. 105, 33); hie wirt ein gross wuonder gottes gespürt S. Münster
cosmogr. (1550) 4; vierzig tag' ohne speis und trank erhalten werden, ist ein wunder gottes; aber vierzig jahre durch speis und trank erhalten werden, ist auch ein wunder gottes Lavater
handbibl. f. freunde (1792) 4, 110.
auszerhalb dieser verbindung: also du êino, so bist dû oûh êino michel unde uuunder tuônde Notker 2, 356, 17
P. (
ps. 85, 10)
u. ö.; her Zebaoth, der nacht und tag vns alle gaben giebet vnd wunder thut alleine Paul Gerhardt
bei Fischer-Tümpel
ev. kirchenl. 3, 346
b; er (
gott) schickt sie durch ein wunder seiner allmacht Schiller 12, 417
G. jünger auch abgeschwächt und zu formelhaftem gebrauch neigend: dabei geht es mir nach gottes wunder wohl Bismarck
br. an s. braut u. gattin (1926) 489
H. v. Bism. vgl. schon in religiös entleerter wendung: 'got mit den liuten wunder tuot ...' sus sprach Keye in sîme schimpf Wolfram v. Eschenbach
Parzival 675, 13. gottes wunder
als fluch oder kraftwort s. unten F 5 b. II@A@1@a@gγ)
speziell, auch geradezu prägnant, von den wundertaten Christi als des gottessohnes: huat he (
Christus) thurh is ênes craft an thesaro middilgard mârida gefrumide, uundres geuuarhte
Heliand 2166
B.; vgl. 2213; 3935; 4121
u. ö.; Otfrid III 6, 2; 13, 44; 14, 1; da aber die hohenpriester vnd schrifftgelerten sahen die wunder, die er (
Christus) thet
Matth. 21, 15; Christi leben und wunder stehen im mittelpunkte Scherer
litt.-gesch. 789;
vgl. 44; 47.
älter auch versachlicht, schauplatz und stätte des wunderwirkens Christi bezeichnend: ich lobt meinen got, der gerucht hat, sein genad zu geben mir sunder, seine wunder zu schawen und zu berürn (
die stätten des hl. landes, bes. Jerusalem) (1346)
bei Röhricht
pilgerreisen (1880) 56; beschaw auch vil der wunder, da Cristus hat gewandelt (
zu einem ritter, der ins hl. land fährt) meister Altswert 213
lit. ver. II@A@1@a@dδ)
ähnlich, aber aus tieferer sicht, von dem geheimnisvollen geschehen in der menschwerdung und im erlösungswerk Christi: sprah ther gotes boto sar: 'ih scal iu sagen wuntar: iu scal sin fon gote heil, nales forahta nihein' (
der engel zu den hirten) Otfrid I 12, 7;
vgl. 11, 1; 17, 2; der stein den die bawleute verwerffen, ist zum eckstein worden. das ist vom herrn geschehen, vnd ist ein wunder fur vnsern augen
ps. 118, 23; dieses wunder über wunder, das die hirten selbst gesehn, ist so lange zeit versprochen, und nun diese nacht geschehn Triller
poet. betracht. (1750) 1, 625;
vgl. 587; Christus hat bei'm mahl verkündet, als das wunder (
des abendmahls) er gegründet: 'dies mir zum gedächtnisz thut' Cl. Brentano
ges. schr. (1852) 1, 155. II@A@1@a@eε) wunder
prägnant '
das biblische wunder'
als gegenstand des zweifels und der kritik (
s. dazu auch unten C): hierauf greift v(erfasser) die wunder und die propheten an Haller
tageb. s. beob. (1787) 1, 19; aber indem er alle wunder läugnete und die biblische geschichte Justi
Winckelmann (1866) 1, 38. II@A@1@a@zζ)
häufig in der biblisch vielfach vorgeprägten synonymen verbindung zeichen und wunder (
zum hebr. vorbild vgl. L. Meyer in:
abhandl., Al. v. Oettingen gewidmet [1898] 125
ff.),
die auch an anderen stellen weiterwirkt (
s. u. 2 a; B 2; 3 a),
aber auch selbständig, auszerbiblisch ansetzt (
s. u. 3).
der dem biblischen wunderbegriff häufig anhaftende zeichenhafte charakter tritt in dieser verbindung besonders hervor. vor allem im anschlusz an Joh. 4, 48: ir zeichan ni giscowot, thanne iu wirdit so not, wuntar seltsanu, ni giloubet ir zi waru (
Joh. 4, 48:
nisi signa et prodigia videritis, non creditis) Otfrid III 2, 12; vnd Jhesus sprach zu jm, wenn jr nicht zeichen vnd wunder sehet, so gleubet jr nicht
Joh. 4, 48.
von da aus säkularisiert: o ihr ungläubigen! immer zeichen und wunder! Göthe I 8, 75
W.; vgl. IV 4, 233.
und sonst: in michelero chrefte zeicheno ioh uuundero (
signorum et miraculorum) Notker 2, 255, 21
gl. P. (
ps. 67, 12);
vgl. 401, 17 (
ps. 94, 10); 568, 16 (
ps. 134, 9); vnd der herr thet grosse vnd böse zeichen vnd wunder vber Egypten vnd Pharao
5. Mose 6, 22;
vgl. 2. Mose 7, 3;
apostelgesch. 7, 36
u. ö.; da er (
Christus) dem volck predigte, zeichen und wunder an den krancken thäte Schupp
freund in der not 39
ndr. seltener in umgekehrter wortfolge: Stephanus aber vol glaubens vnd krefften, that wunder vnd grosse zeichen vnter dem volck
apostelgesch. 6, 8;
vgl. 2, 22; 43; durch deine macht ... that (
ich, Moses) viel wunder und zeichen in Ägypten Herder 26, 347
S. im alttestamentlichen gebrauch hat die verbindung gelegentlich ganz betont den sinn des beispielhaften oder sinnbildlichen zeichens: sihe, hie bin ich, vnd die kinder, die mir der herr gegeben hat, zum zeichen vnd wunder in Israel
Jes. 8, 18;
vgl. Jes. 20, 3. II@A@1@bb)
erweis der göttlichen schöpferkraft, von der schöpfung der welt im ganzen und im einzelnen und von ihrer erhaltung. das bezeichnende des wunders kann hier ebenso in den merkmalen des unbegreiflich vollkommenen und herrlichen liegen wie in denen des gewaltigen und machtvoll erhabenen (
entsprechenden, aber religiös verflüchtigten oder säkularisierten gebrauch s. unter D 1). II@A@1@b@aα)
in gegenständlicher beziehung. biblisch fest: da mercke auff Hiob, stehe vnd vernim die wunder gottes (
in der erhaltung des von ihm geschaffenen)
Hiob 37, 14; die des herrn werck erfaren haben, vnd seine wunder im meer, wenn er sprach, vnd einen sturmwind erregt, der die wellen erhub
ps. 107, 24
f. von da her weiterwirkend: seine (
gottes) grosse ewige wonder (
in der freien natur) niemant verlaugnet; die für ware schöner sein ze sechen dann die lären mauer vnser stat Arigo
decameron 11
Keller; ein tag sagts dem andern, und eine nacht erzehlt der andern die überirdischen wunder des höchsten schöpffers Harsdörffer
teutscher secretar. (1656) 1, Gg 3
b.
besonders in der sprache religiöser dichtung oder sonst in gehobener sprechweise: du hast die erde fest gegründet, und lauter wunder dargestellt J. Chr. Günther
ged. (1735) 15; rund um mich ist alles allmacht! und wunder alles! mit tiefer ehrfurcht schau ich die schöpfung an ('
frühlingsfeier') Klopstock
oden 1, 135
M.-P.; gott will doch, ... dasz wir ihn in der natur mit unsern augen, aber nicht mit angelegten fernröhren erkennen und ausforschen, ich möchte alles entfernt wünschen, was mich durch wunderbare mittel in die tiefe der göttlichen wunder blicke tun liesze (1817) Jac. Grimm
an Savigny 264
Schoof. älter auch geradezu in der bedeutung '
schöpferische wunderkraft': der scheingeprech (
d. i. die sonnenfinsternis bei Christi tod) waz niht naturleich, sunder er waz von gotes wunder und ber naturleich von gotes kraft, und waz widerwartig der natur Konrad v. Megenberg
dt. sphaera 45
Matthaei; dass der mensch der werckzeug ist, durch den gott sein wunder offenbaret Paracelsus
opera 2, 324
Huser. II@A@1@b@bβ)
in der anwendung auf den menschen als die krone der schöpfung bereits, und vornehmlich, mhd.: swaz got an sîne hantgetât rîliches wunders hat geleit Konrad v. Würzburg
trojan. krieg 19819; die edele creature (
der mensch), die ein wunder ist aller wunder Tauler
pr. 47
Vetter; (
du hast mich gemacht) zu einen menschen nach deim bild, mir leib vnd seele gezieret, also dasz ich ein wunder bin
bei Fischer-Tümpel
ev. kirchenl. 2, 10
a.
als wunder der natur,
aber religiös zu fassen: das wunder der natur, das überweise thier (
der mensch) Gryphius
trauersp. 40
Palm; vgl. 248; er (
der mensch) ist das höchste, und unbegreiflichste wunder der natur Lavater
physiogn. fragmente (1775) 1, 27. II@A@1@cc)
als erweis göttlicher gnade und liebe, von inneren wirkungen, geistlichen heilsgütern und erfahrungen, die gott dem gläubigen schenkt. auch hier mit biblischem ansatz: et considerabo mirabilia de lege tua vnde so gechiûso ih uuunder fone dînero êo Notker 2, 383, 2
P.; öffne mir die augen, das ich sehe, die wunder an deinem gesetze
ps. 119, 18; daz got unsaglichú wunder wúrket in siner (
des heiligen) sele Seuse
dt. schr. 22, 16
Bihlm.; vgl. 11, 12; (
willst du) gottlich gnade und wunder sehen ... szo gang hynn da du stille seyest und das bilde (
von der sonne Christus) dyr tieff ynsz hertz fassest, da wirstu finden wunder ubir wunder (1522) Luther 10, 1, 1, 62
W.; vgl. 30, 2, 534; David, erfüllt mit dem geiste gottes, umfaszt in seinen erhabenen betrachtungen nicht allein die wunder der natur, sondern auch die erstaunlichen wunder der gnade Ramler
einl. i. d. schönen wiss. (1758) 3, 33.
bei Otfrid
speziell für einen vorgang von tiefer bedeutsamkeit innerhalb des heilsgeschehens: ther sueizduah ward thar funtanzisamene al biwuntan, fon then sabon (
leintüchern) suntar;that bizeinot wuntar V 5, 14;
vgl. etwa noch I 19, 20; II 9, 39. II@A@1@dd)
schlieszlich geradezu als kennzeichnendes wort für das handeln und das sein gottes schlechthin und in ihrem ganzen umfang. auch dieser gebrauch ist biblisch verwurzelt, namentlich in den psalmen: da man höret die stim des danckens, vnd da man prediget alle deine wunder
ps. 26, 7;
vgl. 9, 2; 75, 17; (
gott,) der grosse ding thut, die nicht zu forschen sind, vnd wunder, die nicht zu zelen sind. der den regen auffs land gibt, vnd lesst wasser komen auff die strassen. der die nidrigen erhöhet, vnd den betrübten empor hilfft
Hiob 5, 9
ff. von da aus: daz er (
gott) sî giwaltic undi gût: von den zwein er allû wundir dû
d. er ist kunic keysir alwaltic undi vatir woliwillic
summa theol. 24
Waag; ermuntert euch vnd singt mit schall gott, unserm höchsten gut, der seine wunder überall vnd grosse dinge thut Paul Gerhardt
bei Fischer-Tümpel
ev. kirchenl. 3, 312; ... die seraphim, die stündlich vor dir stehn und deine wunder schaun Giseke
poet. w. (1767) 3.
hier besonders in der in bibelübersetzungen vorgeformten alliterierenden verbindung wunder und werke,
auch umgekehrt, vgl. ps. 77, 12
f.; 106, 24: daz ih fone êrest dînero uuundero gehugo unde in allen dinen uuerchen gedanchhafte bin Notker 2, 309, 12
P.; vgl. 462, 20; (
chroniken u. geschichtsbücher) nütz sind, der wellt lauff zu erkennen und zu regiren, ja auch gottis wunder und werck zu sehen Luther 15, 52
W.; wem zum besten die wunder und werck gottes geschriben und hinterlassen werden? Dannhawer
catech.-milch (1657) 1, ):( 3
a; wir aber beginnen von gottes gnaden seine herrlichen werk und wunder auch aus den blümlin zu erkennen Luther
tischr. 1, 574
W. II@A@22)
unter bestimmten voraussetzungen, auch das handeln nicht göttlicher personen bezeichnend, nur im sinne von 1 a. II@A@2@aa)
von handlungen des teufels und anderer übermenschlicher böser mächte, die innerhalb des groszen göttlichen heilsplanes ihre geduldete stelle haben (
zum bereich des dämonischen vgl. unter B 1 a): er (
der heide Rôaz von Glois) hat durch sînen zouberlist beidiu sêle unde leben einem tievel gegeben; der tuot durch in wunders vil: er vüeget im allez daz er wil Wirnt v. Gravenberc
Wigalois 3659
Kapteyn; denn es werden falsche Christi vnd falsche propheten auffstehen, vnd grosse zeichen vnd wunder thun
Matth. 24, 24; aber die siegreichen Deutschen sehen ihn (
den Antichrist) wunder wirken, sogar einen toten auferwecken Scherer
litt.-gesch. 79. II@A@2@bb)
von den taten bestimmter menschen, durch die mittelbar gott selber handelt: das du alle die wunder thust, fur Pharao, die ich dir in deine hand gegeben habe
2. Mose 4, 21.
von den taten der durch Christus bevollmächtigten apostel: dit was ein wunder wunderlich, des wunders wunderde sere mich (
erweckung eines toten durch Petrus) (
Köln 13. jh.)
städtechron. 12, 25; vnd geschahen viel wunder vnd zeichen durch die apostel
apostelgesch. 2, 43.
besonders aber von den wundertaten und mirakeln der heiligen im rahmen der katholischen kirche: si etiam Jacob zu Compostel wunder thut, ut videmus, ne fiat idololatria (1537) Luther 45, 143
W.; der heidenbekehrer Wigbert, dessen gebeine erst viele jahre nach seinem tode im kloster niedergesetzt wurden, der aber seitdem durch zahllose wunder den ruhm der stätte erhöhte G. Freytag
ges. w. 9 (1887) 3.
hier auch in kritischer oder polemischer beurteilung: da predigten die münch teglich jhr newe gesicht, treume und gedancken, newe wunder und exempel (1530) Luther 30, 2, 298
W.; die meinung, dasz der gemordete (
Thomas Becket) wunder wirke, die man ihm in steigendem masze zuschrieb, anfangs geringere, dann immer auffallendere, namentlich heilungen unheilbarer krankheiten, — wer kennt nicht die unwiderstehlichkeit dieses ... wahnes in jeder form? Ranke
s. w. 14 (1875) 44.
in Luther
s bibel vereinzelt in einer speziellen einschränkung, auf bestimmte, von krankenheilungen ausdrücklich unterschiedene kraftwirkungen der gläubigen bezogen: einem andern (
wird gegeben) der glaube ... einem andern die gabe gesund zu machen, in dem selbigen geist. einem andern wunder zu thun. einem andern weissagung. einem andern geister zu vnterscheiden. einem andern mancherley sprachen. einem andern die sprachen auszulegen (
ἐνεργήματα δυνάμεων)
1. Kor. 12, 10. II@A@33)
in der anwendung auf vergleichbare erscheinungen in auszerchristlichen religionen begegnet das wort sehr viel seltener und dann meistens im sinne von '
gottgesandtes zeichen': daselbst entstund ein grosses wunder, ein vngeheurer drach besunder ... von Joue selbs geschicket dar, kroch unter dem altar daher Spreng
Ilias (1610) 18
b;
vgl. Bürger
s. w. 198
Bohtz. darum gern in der verbindung zeichen und wunder,
die nicht nur genuin biblisch ist (
s. ob. 1 a
ζ),
sondern unabhängig davon auch in der griechischen antike gelegentlich schon begegnet: alle tempel, alle heüser, waren voller zeichen vnnd wunder (
σημείων δὲ καὶ τεράτων) Xylander
Polybius (1574) 189; die römischen pfaffen bescheinigten auf verlangen, dasz solches wunder und zeichen (
das aufwühlen der neugesetzten grenzsteine in Karthago durch hyänen) ... warnen solle vor dem wiederaufbau der gottverfluchten stätte Mommsen
röm. gesch. 2 (1881) 121.
christlichem wortgebrauch etwa entsprechend: ruf ich (
Iphigenie) die göttin um ein wunder an? Göthe I 10, 82
W. so auch in der bezeichnung für göttliches wirken schlechthin: alles war ihm (
dem menschen der urzeit) wunder, jedes wunder unmittelbar eines gottes werk ... in der quelle, die ihn tränkte, dem baume, dessen früchte ihn nährten, im sturme, der ihn umbrauste, der sonne, die ihn wärmte, empfand der mensch der urzeit die wirkende übermenschliche kraft, offenbarte sich ihm die gottheit Wilamowitz-Möllendorff
glaube d. Hellenen (1931) 2, 532.
in mythologisierendem stil: von des gottes (
Amor) keuscher glut, der noch täglich wunder thut Gottsched
ged. (1751) 1, 105. II@A@44)
in einer reihe fester, zu 1
bis 3
gehöriger verbalverbindungen. II@A@4@aa)
wunder tun (
s. auch noch E 2 b; c; 3 d; 5 a)
die geläufigste, seit dem ahd. bezeugte und in Luther
s bibel sehr verbreitete wendung, vgl. zu den oben verstreuten belegen z. b. noch: diû uuunder, diu du tâte in Egypto Notker 2, 451, 22
P. (
ps. 105, 7); herr deine rechte hand thut grosse wunder
2. Mose 15, 6;
vgl. ps. 78, 12; 43; 106, 22;
Jer. 32, 20;
Matth. 21, 15
u. ö. daneben, vom ahd. bis in die gegenwart, aber nicht in Luther
s bibel, wunder wirken: tho Krist thes wolta thenken, thiz selba wuntar wirken Otfrid III 20, 56; mit gott redend und wunder wirkend Ratzel
völkerkde (1885) 2, 128.
wunder verrichten: der seine wunder verrichtet (
ein abgott) Peschel
völkerkde (1874) 270.
in intransitiver verbindung wunder geschehen: der herr aber sprach zu Mose, Pharao höret euch nicht, auff das viel wunder geschehen in Egyptenland
2. Mose 11, 9;
vgl. 2. chron. 32, 31;
apostelgesch. 2, 43
u. ö. anderes bleibt auf älteren gebrauch beschränkt, namentlich das Luther
s bibel unbekannte wunder treiben: din (
gottes) gewalt da ein wunder treib an dinem volke (
durchzug durchs Rote meer)
passional 2, 80
Köpke; Alsfelder passionsspiel 2939
Grein. II@A@4@bb)
der biblischen gedankenwelt gehören wendungen an, die das verkündigen der göttlichen wunder umschreiben, vor allem wunder erzählen u. ä.: erzelet vnter den heiden seine herrligkeit, vnd vnter den völckern seine wunder
1. chron. 17, 24;
vgl. ps. 9, 2; 71, 17
u. ö.; ich (
Nebukadnezar) sehe es fur gut an, das ich verkündige, die zeichen vnd wunder, so gott der höhest an mir gethan hat
Daniel 3, 32;
vgl. Tobias 12, 20. II@BB. wunder
ist, ohne den unter A
gegebenen religiösen aspekt und bezug, aber von da her bestimmt, ein geschehen, das den naturgesetzlichen ablauf durchbricht oder doch zu durchbrechen scheint und daher der menschlichen verfügung entzogen, dem menschlichen verstand unerklärlich ist. II@B@11)
in bestimmten beziehungen innerhalb der sphäre des übersinnlichen und übernatürlichen. II@B@1@aa)
der zauber, das zauberstück, dämonisches handeln oder ding: wil er (
der mensch) got verkiesen und die sêle verliesen, der tûbel hilfet ime dar zô, daz er spâte unde frô tûn mah besunder vil manicfalden wunder
Straszburger Alexander 2997
Kinzel; Wolfram v. Eschenbach
Parzival 656, 8; was Fortunatus ... mit den zwayen klainaten (
dem säckel u. dem wunschhütlein) wunders gestifft vnd erfaren (1509)
Fortunatus 3
ndr.; und in der rechten hand hielt er (
der zauberer) ein buch, vnd wann er drinnen las, so richt er grosses wunder an Dietrich v.
d. Werder
hist. v. ras. Roland (1636) 5; seine (
des hexenmeisters) wort und werke merkt ich, und den brauch, und mit geistesstärke thu ich wunder auch Göthe I 1, 215
W. (
der zauberlehrling);
vgl. 14, 113; wie sie (
die räume, küche u. keller des schlosses) sich mir erschlossen haben, ist mein geheimnis. ob ... der erbring meiner vettern ... hier seine wunder wirkte Fontane
ges. w. (1905) I 2, 13. II@B@1@bb)
die für die welt des märchens, der feen und geister geltende ordnung des geschehens: Danhauser was ein ritter guot wann er wolt wunder schawen, er wolt in fraw Venus berg zu andren schönen frawen (1515)
volkslieder 593
Uhland; der edle Tannhäuser ... war auch in frau Venus berg zu den schönen frauen gerathen, das grosze wunder (
dieses reich der Venus) zu schauen br. Grimm
dt. sagen (1891) 1, 126; vom herren Petern von Stauffenberg ... was wunders jhme mit einer meervein oder mörfähe (
einem meerweib) seie begegnet Fischart
w. 1, 263
Hauffen; im märchen ist das wunderbare das gewöhnliche, das sich selbstverstehende, das wunder ist der alltag der geschilderten welt des märchens O. Ludwig
ges. schr. (1891) 5, 103; während der deutsche heldensang im zwölften jahrhundert sich von seinen märchenhaften zügen ... reinigt, haben die celtischen stoffe ... die ganze welt des wunders wieder eingeführt Scherer
litt.-gesch. 167. II@B@1@cc)
vision, traumgesicht, geistererscheinung, schon in frühester bezeugungsschicht: multa enim passa sum hodie per uisum propter eum ... filo uunderes kesach ich thurach then (
Matth. 27, 19) (9.
jh.)
ahd. gl. 1, 718, 65
ff. St.-S.; Otfrid I 4, 80; hört zu ein wunderliches wunder (
ein traumgesicht)! Hans Sachs 3, 142
lit. ver., (
Horatio:) beruhigt das erstaunen eine weil' durch ein aufmerksam ohr; bis ich diess wunder, auf die bekräftigung der männer hier, euch kann berichten (
die erscheinung des toten vaters Hamlets)
Shakespeare 3 (1798) 159; wissen sie ..., dasz sich heute nacht die weisze jungfrau wieder hat sehen lassen? ... kommen sie mit ... zu Mariens mägden; nichts interessanter, als solche wunder aus solchem munde O. Ludwig
ges. schr. (1891) 2, 565. II@B@22)
auch auszerhalb dieser engeren sphäre, für vorgänge naturgesetzwidrigen charakters, bei denen ein unmögliches wirklich wird: wan swâ wîp unde man âne herze leben kan, daz wunder daz gesach ich nie Hartmann v. Aue
Iwein 3023; Walther v.
d. Vogelweide 54, 34; ein groszes wunder auch da geschah das mancher mensch glaubhaftig sah. sein lieb er (
ein toter) mit armen umfing, eine red aus seinem munde ging Herder 25, 111
S.; aber, o wunder! als sie in den tempel getreten, sei das paket (
mit den gebeinen des toten kindes) immer schwerer geworden Göthe I 23, 275
W. auch hier in der verbindung wunder und zeichen (
s. oben A 1 a
ζ): ab dem wunder und zeichen (
der wunderbaren errettung eines jünglings) (
Augsburg 15.
jh.)
städtechron. 4, 304.
abgeschwächt: wunder und zeichen, vogt! seit wenn saufen die hunde wein? Pestalozzi
s. schr. (1819) 1, 48. II@B@33)
allgemeiner auf vorgänge bezogen, die nur, wie etwa unter E,
ein gänzlich unerwartetes, für unmöglich gehaltenes meinen, denen aber mit der bezeichnung wunder
gleichsam der rang eines übernatürlichen geschehens gegeben werden soll. II@B@3@aa)
formelhaftem und redensartlichem gebrauch nahe, aber nicht vor der wende vom 17.
zum 18.
jh.: und was mich retten soll, das braucht kein schlechtes (
geringes) wunder J. Chr. Günther
s. w. 2, 128
lit. ver.; wunder allein können uns retten A. v. Arnim
s. w. (1853) 15, 305; ach! es geschehen keine wunder mehr! Schiller 13, 184
G. wohl im spiel mit A (
s.A 2 b): du findest (
für die Hamletaufführung) kaum menschen ..., geschweige geister. dein eifer verdient ein wunder; wunder können wir nicht thun, aber etwas wunderbares soll geschehen; hast du vertrauen, so soll zur rechten stunde der geist erscheinen Göthe I 22, 173
W. auch hier gern in der verbindung zeichen und wunder (
s. oben A 1 a
ζ): um einen hasenfusz wie du geschehn keine wunder und zeichen! Geibel
ges. w. (1883) 1, 27.
in der negierten form redensartlich: das dreht ihr jetzt den strick, wenn nicht zeichen und wunder geschehen A. Zweig
einsetzung e. königs (1950) 385;
vgl. 20; Fischer
schwäb. 5, 973.
mundartlich auch anders: der hat wunder und zeichen verzählt '
unglaubhaftes' Fischer
schwäb. 6, 973. II@B@3@bb)
besonders deutlich dort, wo vorgänge mit einem wunder
verglichen oder im rang ihm angeglichen werden; auch hier in mehr oder weniger geprägten formeln jüngerer sprache. das mhd. wunders gemach '
was einem wunder gleich ist' (
s. mhd. wb. 2, 13
a; Lexer 1, 832)
gehört als blosze umschreibung des wortes nicht hierher. wie durch ein wunder
etwa '
als hätten höhere mächte eingegriffen': bis ich einst, wie durch ein wunder, auf der jagd einen mann antraf Schubart
leben u. gesinn. (1791) 1, 241.
ziemlich fest in wendungen wie fast ein wunder, gleichsam ein wunder, ein reines wunder, ein halbes wunder, es grenzt an ein wunder
u. ä.: mein camerad der barbierer, hatte eine herrliche salbe bey sich, ... damit er fast wunder in wunden und alten vergiffteten schäden that Riemer
mediz. maulaffe (1719) 134; derjenige moment, wo der trieb bilder zu verfertigen, ... übertrat in das gebiet der kunst, erforderte gleichsam ein wunder H. Meyer
gesch. d. bild. künste (1824) 1, 5; es ist ja das reine wunder, dasz man sie einmal zu gesicht bekommt Schnitzler
Anatol (1901) 46; worinn ein jeder, neben mir, ein halbes wunder fast entdeckte, dasz zwischen dächern, die von stroh, die schon an sieben orten brennten, ... dennoch des höchsten lieb und macht die freszigkeit des feuers stillte Brockes
ird. vergn. i. gott 7 (1743) 523; diese unnatürliche wendung der dinge (
die entstehung der neuen republik i. d. Niederlanden) scheint an ein wunder zu gränzen Schiller 7, 13
G. freier: ähnlichkeiten hab ich oft gefunden; diese musz ich doch ein wunder nennen Göthe I 1, 199
W. II@CC.
von der für A
und B
geltenden voraussetzung aus, dasz mit dem worte wunder
ein unerklärliches, übernatürliches gemeint ist, unterliegt die so bezeichnete sache, vor allem seit der aufklärung und in ihrem gefolge, im materialismus, aber auch im theologischen liberalismus, oft der kritik, indem naturerkenntnis und rationales denken nicht nur das einzelne wunder, sondern das so verstandene wunder überhaupt und grundsätzlich in frage stellen und bestreiten. wo die durch das wort wunder
bezeichnete spannung zwischen dem übernatürlichen und dem natürlichen auch früher ausdrücklich genannt wird, geschieht es noch ohne kritik (
s. auch den beleg aus Megenberg
oben A 1 b
α ende):
ostentum wunder, wunderzeichen, ein sältzam wunderbar ding, alles das wider den natürlichen lauff geschicht Frisius
dict. (1556) 936
a.
demgegenüber als typische umschreibung des begriffs im geiste der aufklärung: 'wunder ...
am engsten: erscheinungen oder wirkungen, welche sich aus den bekannten gesetzen der natur nicht erklären lassen und daher für eine unmittelbare wirkung gottes gehalten werden ... je weiter der mensch in der naturerkenntnis zurück ist, desto mehr erscheinungen hält er für wunder' Adelung
wb. 4 (1811) 1621;
ähnlich Campe 5 (1811) 784: man hat das gantze kunstgerüste dergestalt zugliedert, dasz auch diejenigen leute, dem(!) nichts als wunder in den köpfen steckten, aus dem irrthum herauskommen könten (
so dasz dinge, die für wunder gehalten wurden, sich natürlich erklärten) Fleming
d. vollk. soldat (1726) 33; das wunder ist eine zerstörung der natürlichen ordnung Ramler
einl. i. d. schönen wissensch. (1758) 1, 71; (
weil) es ganz natürlich, ganz alltäglich klänge, wenn dich (
statt eines engels) ein eigentlicher tempelherr gerettet hätte: sollt es darum weniger ein wunder seyn? — der wunder höchstes ist, dasz uns die wahren, echten wunder so alltäglich werden können, werden sollen. ohn' dieses allgemeine wunder, hätte, ein denkender wohl schwerlich wunder je genannt, was kindern blosz so heiszen müszte, die gaffend nur das ungewöhnlichste, das neuste nur verfolgen Lessing 3, 12
L.-M. (
Nathan I 2); es ist erbärmlich anzusehen, wie die menschen nach wundern schnappen um nur in ihrem unsinn und albernheit beharren zu dürfen, und um sich gegen die obermacht des menschenverstandes und der vernunft wehren zu können Göthe IV 9, 270
W.; wir würden unsere worte verschwenden, wollten wir uns weiter bemühen, die natürliche unmöglichkeit des wunders darzuthun. kaum ein gebildeter, geschweige ein naturkundiger, der sich jemals von der unwandelbaren ordnung der dinge überzeugt hat, kann heutzutage noch an wunder glauben L. Büchner
kraft u. stoff (
121872) 43;
vgl. 42; in dem begriff des wunders, von dem sie (
die evangelienverfasser) in bezug auf Christus eine so ausgedehnte anwendung machen, liegt ja schon die durchbrechung jener schranken des naturgesetzes D. Fr. Strausz
ges. schr. (1876) 3, 24.
von hier aus das korrelat von wunder
und glauben: die botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der glaube; das wunder ist des glaubens liebstes kind Göthe I 14, 42
W.; vgl. 15, 21; sie (
die vernunft) sträubt sich gegen das wunder, 'des glaubens liebstes kind' Moltke
ges. schr. u. denkw. (1892) 1, 344.
vgl. die umgangssprachliche redensart (nicht) an wunder glauben. II@DD.
in mehr oder minder bewuszten gegensatz zu A
und B
und geradezu an ihre stelle tritt ein gebrauch des wortes, in dem wunder
nicht das dem naturgesetzlichen ablauf widersprechende bezeichnet, sondern gerade auf das unverbrüchlich und unveränderlich gegebene der natürlichen schöpfungsordnung zielt, auf die elemente des kosmos, des naturlebens, aber auch des menschlichen und kreatürlichen seins. der ton liegt dabei auf der vorstellung des unbegreiflich vollkommenen, des menschlichem fassungsvermögen unerreichbaren und menschlicher schöpferkraft entzogenen. dieser gebrauch des wortes entwickelt sich erst in jüngerer zeit, gleichsam als positive auswirkung der unter C
hervortretenden kritik und polemik. II@D@11)
in genauer, aber säkularisierter entsprechung zu A 1 b,
auf den kosmos und die natur bezogen; vgl. schon in Notker
s Boethius: sic clum, sidera, lunam solemque miramur sô eigen uuir fur uuunder selben den himel unde alliu gestirne Notker 1, 90, 27
P. sonst kaum vor der mitte des 18.
jhs.; in seiner anwendung den bereich des makrokosmischen und des mikrokosmischen umspannend: von der belebenden sonne bis zur kleinesten pflanze sind alles wunder S. Gessner
schr. (1777) 1, 43; der astronom ... versprach, Wilhelmen in dieser herrlichen klaren nacht an den wundern des gestirnten himmels vollkommen theil nehmen zu lassen Göthe I 24, 180
W.; in gröszter gelassenheit und schönster ordnung zeigte er mir die wunder des menschlichen baues (
in einem anatomischen museum)
ebda 25, 99; es sind herrliche tage jetzt, und der abend ging heute mit wundern hin (
auf naturvorgänge bezogen) (1903) Rilke
br. 1902 —06 (1929) 75.
im sinne religiöser naturschwärmerei wieder ins religiöse einmündend: so liebe den gott, des tempel das weltall, der rings dich mit schweigenden wundern umgiebt Felix Dahn
ged. (1908) 118.
auch ausdrücklich das im umkreis der natürlichen schöpfung täglich erlebte, erfahrene und selbstverständlich hingenommene: die gewohnheit machet uns nicht selten so unachtsam, dasz wir auch die grösten wunder der natur nichts achten Breitinger
crit. dichtkunst (1740) 1, 108; (
es) wird ... dem unnachdenkenden kein wunder sein, dasz er z. b. seinen arm so oft bewegen kann als er will, was aber dem denkenden ein wunder erscheint Campe 5 (1811) 784
b.
vgl. auch: wenn er (
der orthodoxe) fassete, dasz auf der erde entweder gar nichts oder alles wunder ist Jean Paul in:
aus Herders nachlasz 1, 290
Düntzer-F. G. v. Herder. II@D@22)
unter anderem gesichtspunkt für das vollkommen schöne im bereich des natürlichen und kreatürlichen: der meie bringe uns al sîn wunder, waz ist dâ sô wünneclîches under, als ir vil minneclîcher lîp? Walther v.
d. Vogelweide 46, 16; damit ich euch aber mit mehrerm zuverstehen vnd erkennen gebe, die natürliche wunder dieses gartens, halte ich für gnugsam seyn, wann ich nur sage, dasz er gelegen in der insel Cypern, in welcher alle ding so lieblich, so lustig, so anmühtig
theatrum amoris (1626) 9; da sah er nun ... zum ersten mal so recht deutlich ihren mund, ihre wängel rosenfarb, ihre augen klar, die kehle weisz ... und die hände weiszer als schnee. ja, alles war so und tausendmal schöner, ein wunder neben dem andern G. Keller
ges. w. (1889) 6, 89; immer näher kamen wir dem schönen wunder (
der insel Madeira) G. Frenssen
Peter Mohr (1906) 22; das wunder seiner hand, dieser schmalen, weiszen hand mit den langen fingern H. E. Busse
bauernadel (1943) 398. II@D@33)
von inneren werten geistiger und seelischer art, vom leben selber und von den mächten des lebens. II@D@3@aa)
für alles lebendige, das nicht rational faszbar ist und letztlich unbegreifbar bleibt; im unterschied zu dem sachlich teilweise naheliegenden gebrauch E 5 a
δ nur von solchen mächten und gütern, die nicht der mensch geschaffen hat: dasz der mensch soll die groszen wunder, so in ihm sind, suchen und zum lichte bringen Jac. Böhme
s. w. 3, 251
Schiebler; deren (
der organe) jedes seine art und seine freiheit besitzt und am wunder des lebens teilhat H. Hesse
d. glasperlenspiel (1943) 1, 16; die weisze (
weiszgekleidete) schwester, die das wunder des todes mit gebeten umsummt Carossa
d. arzt Gion (1931) 217; im groszen ganzen und in bausch und bogen ist alles dasein ein wunder Th. Mann
Felix Krull 401
europ. buchklub. seltener mit negativ wertendem ton: ein wunder ist der arme mensch geboren, in wundern ist der irre mensch verloren, nach welcher dunklen, schwer entdeckten schwelle durchtappen pfadlos ungewisse schritte? Göthe I 5, 30
W.; dies alles war ihm in einem fast vernichtenden sinne wunderbar. so, als wäre er in wunder eingekerkert. und es wandelte ihn, in einer plötzlichen hoffnungslosigkeit, jemals aus dem erstickenden zwange der rätsel und wunder befreit zu sein, die versuchung an, sich über die reling hinabzustürzen Gerhart Hauptmann
ausgew. prosa (1956) 2, 104.
speziell: sein (
Jesu) ganzes daseyn ist das gröszte wunder im ganzen verlaufe der schöpfung Fichte
s. w. (1845) 4, 548.
auf rein geistige gegebenheiten zielend, über die der mensch verfügt, ohne letztlich ihr schöpfer zu sein: bei dem gleichnisse, bei der parabel, ist das umgekehrte (
wie beim wunder
in der art der wundertaten Christi): hier ist der sinn, die einsicht, der begriff das hohe, das auszerordentliche, das unerreichbare. wenn dieser sich in einem gemeinen, gewöhnlichen, faszlichen bilde verkörpert, so ... dasz wir ... mit ihm wie mit unsers gleichen umgehen können, das ist denn auch eine zweite art von wunder und wird billig zu jenen ersten gesellt Göthe I 24, 252
W.; die altdeutsche philologie ... wäre nicht entstanden ohne einen starken, ... in allen zaubern der sprache, in allen wundern des gedankens schwelgenden sinn für poesie Scherer
kl. schr. (1893) 1, xx; Walter Porzig das wunder der sprache (1950)
titel. verschwommener und weniger gewichtig in der sphäre des gefühls, der stimmung: ein weihnachtsabend ohne jenen baum mit seinem duft voll wunder und geheimnis? Storm
s. w. (1899) 1, 175; noch seh ich lieblich glimmend vor mir stehn das grüne wunder (
den weihnachtsbaum) im erhellten zimmer G. Keller
ges. w. (1889) 9, 143. II@D@3@bb)
speziell, und das schon früh, aber bis heute durchstehend, wunder der liebe: keusch in der minne wunder Oswald v. Wolkenstein 79, 57
Schatz; die liebe soll es mehr mit ihren wundern zieren (
das grab des Adonis) Hoffmannswaldau
u. a. Deutschen ged. (1697) 2, 70; konnt ich glauben an dies wunder der liebe? Hölderlin
ges. dicht. 2, 127
Litzmann; was für eine rührende und ganz erstaunliche sache ist sie (
die liebe) ... sie ist ja nicht mehr und nicht weniger als ein wunder Th. Mann
Felix Krull 401
europ. buchklub. II@EE.
das auszerordentliche, ungewöhnliche, erstaunliche, wunderns- oder bewundernswerte. durchaus innerhalb der grenzen des möglichen und des natürlichen, aber, gleichsam an ihrem rande, einen äuszersten grad, ein auszergewöhnliches masz anzeigend. die anwendung dieses breitesten, neben A
und B
von anfang an selbständigen gebrauchs entwickelt, jeweils aus dem sachlichen zusammenhang heraus, eine fülle von schattierungen; sie erstreckt sich auf gegenstände, vorgänge und gegebenheiten aller art, aber auch auf persönliches und personen selbst. II@E@11)
allgemein vom bedeutungskern '
ungewöhnlich, auszerordentlich'
her, vielfältig ausstrahlend und in sachlich verschiedenster anwendung. II@E@1@aa)
das bemerkenswerte, merkwürdige, sehenswerte. in allgemeiner und in bestimmter beziehung: sint irfûr ih manich lant. manic wundir ih irvant, daz ih sah und vernam
Straszburger Alexander 6586
Kinzel; do sach ich vil wundirs in der us vart und in der widir vart ... eyne schone brucke ... das (
land) hot vil kunstiger uf sydin und mit golde ... do ist groz wyn wachs
md. Marco Polo 28, 13
Tscharner; vgl. 2, 6; von seltzam, wünderlichen dingen hin und her-wider in den landen (
sprachen die fürsten). was wunders eim wer zu-gestanden ... und was selzams sich hett begeben Hans Sachs 17, 326
lit. ver.; die wunder ausländischer brunnen und flüsse Lohenstein
Arminius (1689) 1, 104
b.
jünger gesteigert, mit einem an D 1
gemahnenden unterton, als wunder der ferne, des Orients
u. ä., das abenteuerliche oder das exotische einbeziehend: (
die,) indem sie zurückkehren, von den wundern der ferne zu erzählen und aufzuzeigen nicht müde werden Göthe I 46, 67
W.; die wunder des Orients erschlossen sich Lange
gesch. d. materialismus (1866) 23; sie hatten einst am herdfeuer zur harfe ... von Attilas schlachten und den wundern der südlichen länder gesungen G. Freytag
ges. w. (1887) 18, 451. II@E@1@bb)
das höchst überraschende, gänzlich unerwartete: 'wafen! wes begand ir wunders?' ('
was tut ihr da',
sagt ein laienbruder zu Seuse, als dieser ihn um vergebung eines unrechts bittet, das er nicht begangen) Seuse
dt. schr. 86, 18
Bihlm.; sie ... rytten in wald, disz wunder zu besichtigen (
dasz ein schneider einen riesen erschlagen hat) Montanus
schwankb. 22
lit. ver.; die vielen frommen, die ich da und dort auffand, würkten disz wunder (
mich zu Christus zu bekehren) Schubart
leben u. gesinn. (1791) 1, 68; anstatt die augen niederzuschlagen und heimlich verliebt zu sein, blickte er die streifzüglerinnen ruhig und halb spöttisch an und ging seiner wege ohne alle anfechtung. das war ein neues wunder und vermehrte das gerede über ihn in der stadt G. Keller
ges. w. (1889) 5, 154. II@E@1@cc)
das äuszerst seltene, das ganz unwahrscheinliche, das fast unmögliche: weil aber solches wunder (
dasz von einem schusz keine nerven oder blutadern verletzt werden) selten geschiehet
F. Würtz
wundartzney (1624) 310; ein einziger mensch unter 1000, der nicht aus eigennutz dein wahrer freund ist, ist eines der gröszten wunder dieser welt (1777) L. Mozart in:
briefe W. A. Mozarts 3, 283
Schiedermair; meiner Recha wär' es wunders nicht genug, dasz sie ein mensch gerettet, welchen selbst kein kleines wunder erst retten müssen? ja, kein kleines wunder! denn wer hat je gehört, dasz Saladin je eines tempelherrn verschont? Lessing 3, 13
L.-M. II@E@1@dd)
seltener, und wohl nur älter, das neuartige, interessante, in der verbalen verbindung wunder sagen,
aber ohne die in den häufigeren gebrauchsweisen f
α und 5 b
immer mitgegebene nähere bestimmung: ach, lieber, was sagstu mir das fremdest ding, das ich nie gehört hab? ... lieber, was sagt man doch wunders? ich wolt auch gern wissen, was doch darausz werden wölt
bei O. Clemen
reform.-flugschr. (1906) 1, 180; (
Claus Lamp:) lieber, sag mir, wo bist du gewesen? (
Hans Toll:) ich wil dir wunder sagen
bei Schade
satiren u. pasquille 2, 129.
geradezu '
das pikante': glük zu, gevatterin! ich wil euch wunder sagen (
eine verleumderische klatschbase spricht) Rachel
satyr. ged. 25
ndr. II@E@1@ee)
namentlich das absonderliche, seltsame, kuriose, abnorme. II@E@1@e@aα)
seit alters das monstrum, die monströse bildung, die miszbildung, von tierischen und menschlichen geschöpfen abnormer oder anomaler art und gestalt, vgl. glossierungen wie monstrum wntir (
Virgil georg. IV 553) (12.
jh.)
ahd. gl. 2, 681, 21
St.-S.; monstrum hd. wunder, meerwunder,
hd. nd. wonder, merwonder;
monstruosus naturlich wunder Diefenbach
gl. 367
b.
so von monströsen meertieren, namentlich dem wal, wofür meist meerwunder (
s. d.): duo sah der wunderlîche man (
Alexander auf dem meeres- ain tier vur sich gân
grund) aines tages ze prîme ... daz waz ein grôz wunder; vil dike walzit iz umbe
kaiserchronik 553
Schr.; vgl. Wernher
Maria 1181
Wesle; die auff das meer faren, die sagen von seiner ferligkeit, vnd die wirs hören, verwundern vns. daselbst sind seltzame wunder, mancherley thiere vnd walfische, durch dieselben schifft man hin
Jesus Sirach 43, 27; die wunder des Oceans steigen frohlockend aus ihren höhlen hervor, und erkennen ihren herrn Ramler
einl. i. d. schönen wissensch. (1758) 2, 175.
noch modern in diesem speziellen sinne prägnant: aus tiefen des walmeers tauchten die wunder auf, und brausend wehten die winde von mitternacht Münchhausen
balladen u. ritterl. lieder (1920) 105.
sonst von fabelwesen, ungeheuern, mischbildungen zwischen mensch und tier, tierischen oder menschlichen miszgeburten u. ä.: (
Theseus) der in Atene krone pflag und sih des strites bewag den er mit disim wundir tet (
dem Minotaurus) Rudolf v. Ems
weltchronik 20184
Ehrismann; sam diu wunder, diu onocentauri haizent, die sint oben menschen unz an die gürteln und sint niden ohsen Konrad v. Megenberg
b. d. natur 486
Pf.; item auff erden grewliche wunder geboren werden beyde an menschen und thieren Luther 23, 10
W.; solche wunder, welche oben mensch unten böcke gewest Lohenstein
Arminius (1689) 2, 569
a; allein das wunder (
Phorkyas) reiszt sich schnell vom boden auf, gebietrisch mir den weg vertretend, zeigt es sich in hagrer grösze, hohlen, blutig-trüben blicks, seltsamer bildung, wie sie aug' und geist verwirrt Göthe I 15, 184
W.; vgl. 16, 85; der leib, halb kuh, halb mädchen; anstaunten sie das wunder Droysen
Äschylus werke (1841) 306.
bei Luther
mehrfach in bildlich-übertragener anwendung: was kanstu (
Leo X.) eyniger widder sso viel wilder wunder (
wölfe, löwen, skorpione, in bildlichem sinne), unnd ob dyr schon drey odder vier gelerte frum cardinal zu vielen, was were das unter solchem hauffen? Luther 7, 5
W.; vgl. 8, 501;
bücher u. schr. 3 (1560) 532
b. II@E@1@e@bβ)
sonst von merkwürdigem, ungewöhnlichem im bereich der schöpfung: dar ûf (
auf den bergen) wâren besunder manicfalde wunder: tier di wâren eislîch, und wurme vil freislîch. ih sah dâ lange boume ... daz obiz, daz dar ûf wôchs, daz waz sô unmâzlîchen grôz
Straszburger Alexander 5808
Kinzel; und hett einen hircz funden, der groszer was dann er ye keynen gesehen hett. er ... schosz yn dott, umb das wunder zu beschauwen das der hircz so grosz was
Lancelot 1, 117
Kluge; Konrad v. Megenberg
buch d. natur 140
Pf.; ik ğonk ənmàl 'ən Rêin 'ərop, Rêin 'ərop, bat wunnərs sch ik d! dà stönnen mi twèi hucken (
kröten), dä wærn bimə dêike am buckən (
wäscheschlagen) (
Iserlohn)
zs. f. dt. maa. 5, 417
b Frommann. II@E@1@e@gγ)
in präpositionalen wendungen älterer sprache, die in enger korrespondenz zu den gleichen wendungen unter I 2 a
γ;
δ stehen und in manchen fällen auch von dort her deutbar sind. II@E@1@e@g@aaαα) zu (einem) wunder, zum wunder '
als kuriosum, der kuriosität halber',
hier über α hinaus auch von toten gegenständen seltsamer art: das (
bett des riesen) man sit lie ze wundir sehen und dran sine groze spehen, dabi man in irchande Rudolf v. Ems
weltchronik 14486
Ehr.; vgl. 14492; Konrad v. Megenberg
buch d. natur 265
Pf.; er (
ist) nit allain von kaiser Carolo ..., sonder auch von ... allen ... fursten zu wunder besehen (
ein übermäszig dicker graf)
Zimmer. chronik 23, 155
Barack; und den wagensun mitt dem pfeyl darinn (
die von einem bogenschusz durchlöcherte pflugschar) hieng man für ein tor zu ainem wunder in des Themurlins hauptstat Schiltberger
reisebuch 37
lit. ver. II@E@1@e@g@bbββ) (von) wunders wegen, wunders halben, wunders halber
in gleicher anwendung und bedeutung wie αα (
s. auch wunderswegen, wundershalb, -halben, -halber): wollte ichs doch (
einen zitronenzweig mit seiner frucht) ... von wunders wegen einem andern Teuschen alda, meinem gesöllen weysen Krafft
reisen 70
lit. ver.; vgl. 361; dann es war ein solch vngeschickt grausam thier, dasz ich wunders halben seiner gestallt ein theil beschreiben musz (
folgt beschreibung eines fabeltieres)
buch d. liebe (1587) 388
b; und (
hat) in einer alten zeche eine kratze gefunden mit einem stählernen nacken, die wie ein klein bergleder grosz gewesen, und er wunders wegen an seine wand angenagelt Chr. Lehmann
hist. schaupl. (1699) 759;
noch mundartlich bei Müller-Fraureuth
obersächs. 2, 681
b.
jünger gelegentlich in floskelhafter abschwächung, wie sie die gleiche wendung unter I 2 a
δ in analoger weise zeigt. hier etwa im sinne von '
zur probe, als beispiel, zur illustration',
vielleicht auch, wie unter I 2 a
δ, '
interesses halber': wunders halben erlaube man mir die stelle daraus anzuführen, die ich eben itzt übersetzt habe Lessing 10, 91
L.-M.; wenn sie wollen, dass ich das ... bald lesen soll: so müssen sie mir ihn (
den band) selbst schicken. thun sie es doch wunders halber. es gibt leute, denen man es nie recht machen kann
derselbe 18, 246. II@E@1@ff)
zu a—e
in fester verbindung mit verben des sagens, hörens, sehens, erlebens, denkens, nicht selten dem maszbegriff (
s. 4)
nahe. wunder
steht hier meist als akkusativobjekt, in älterer sprache aber auch, meist in der abhängigkeit von viel, etwas
o. ä., im genitiv. II@E@1@f@aα)
wunder sagen von jmd. oder etwas '
auszerordentliches, erstaunliches' (
anders s. u. 5 b,
vgl. auch ob. d),
statt des präpositionalobjekts auch mit abhängigem nebensatz; fest schon im mhd.: uns ist in alten mærenwunders vil geseit, von helden lobebæren,von grôzer kuonheit, von fröuden hôchgezîten,von weinen und von klagen, von küener recken strîten,muget ir nu wunder hœren sagen
Nibelungenlied 1, 1; 4
L.; vgl. 30, 1; 2067, 1; Wolfram v. Eschenbach
Parzival 669, 2; (
die leute) mir sagten wunder von dem erbern züchtigen und lobsamen leben, daz sy ... gefürt het Arigo
decameron 124
Keller; vgl. 45; 90; 261; 557; man sagt wunder, wie er (
dr. Faust) so gar nach seinem erlittnen unfall ain armer mentsch sei gewesen
Zimmer. chron. 21, 577
Barack; das gerücht sagte wunder von ihrer schönheit Wieland
Agathon (1766) 2, 333.
mit negativem nebenton soviel wie '
allerhand, ein starkes stück': ich muoss üch wunder von im sagen (
ironisch)
N. Manuel
ablaszkrämer 199
Bächtold. in formaler angleichung an andere formeln. zu es ist (ein) wunder (
s.F 2): es ist wonder zesagen, do der sterbend ... iüngling den namen höret syner lieben iunkfrowen ... dett (
er) uff syne ... ǒgen Steinhöwel
de claris mul. 57
lit. ver. von wunder was (
s.F 4)
her gebildet oder empfunden, und nur so noch über das 18.
jh. hinaus: längst hätt' ich mir gewünscht 'nen fränk'schen koch, man sagt ja wunder, was sie thun und wirken Grillparzer
s. w. 6, 31
Sauer. älter steht wunder
neben sagen
vereinzelt wie ein adverb der versicherung: o, ich wolt dir wol wunder sagen, wol gnäwer es offt gangen ist (
es ist oft noch viel gefährlicher zugegangen) Hans Sachs 17, 18
lit. ver. II@E@1@f@bβ)
wunder hören, sehen, erfahren u. ä. (wunder sehen
s. auch noch 2 b; 5 b)
als vorstufen der später gebräuchlicheren erweiterten fassungen unter γ und δ. wunder
steht hier älter auch im sg. und mit bestimmtem artikel, gern auch in der doppelformel wunder über wunder. wunder hören
in selbständigem gebrauch, vgl. schon, fast im sinne einer maszvorstellung: sô michel wart sîn ungelimpf daz man vernam daz wunder nie (
so etwas nie gehört hatte) Konrad v. Würzburg
Silvester 4849
Gereke; so söllen die alten sich nit loben das sy alt sein vnd vil wunders gehört haben Albr. v. Eyb
spiegel d. sitten (1511) J 5
a; wann madame sollte die gräfin ... fragen, da würde sie wunder hören Stranitzky
ollapatrida 18, 11
Wiener ndr.; er lächelt nur, wenn andre sprechen, als wollt' er sagen: laszt mich nur gewähren, laszt mich nur zur rede kommen, so sollt ihr wunder hören Tieck
schr. (1828) 4, 52.
nuanciert in der verbindung neues wunder (
s. oben d): horet, horet, horet newe wunder! grausam und vngehorte teidinge fechten vns an
ackermann a. Böhmen 1
Hübner. mit abhängigem nebensatz, der dadurch gesteigerten sinn empfängt: hœret wunder, wie mir ist geschehen (
hört, was mir ungewöhnliches begegnet ist) Walther v.
d. Vogelweide 72, 37; da wirstu wunder hören, was für schelmerey vnter den betlern vor zeiten getriben worden Pape
bettel- vnd garteteuffel (1586) J 2
a.
entsprechend mit verben des sehens: diu krône ist elter danne der künec Philippes sî: dâ mugent ir alle schouwen wol ein wunder bî, wies ime der smit sô ebene habe gemachet Walther v.
d. Vogelweide 18, 30; wolt gott, dasz mir, wie dir, ietzund den guoten brey zuo essen gezimpte, soltestu von mir wunder sähen (
d. h. ich würde erheblich mehr essen als du) Kirchhof
wendunmuth 1, 194
Öst.; wart, lasz mich erst warm werden; du sollst wunder sehen, dein gehirnchen soll sich im schädel umdrehen, wenn mein kreisender witz in die wochen kommt Schiller 2, 35
G. vereinzelt mit abhängigem präpositionalobjekt: an meiner weltklugheit sollten sie wunder sehen Herder in:
br. von u. an Herder 2, 160.
mit abhängigem nebensatz in gleich verstärkendintensivierendem sinne wie bei wunder hören: ihr werdet noch wunder sehen, wenn ich nun im sandt werde ligen, was des buchs schreibens sein wirdt Luther
tischr. 4, 477, 9
W.; wie sihet man da wunder vber wunder, wie die vngerechtigkeit in allen händeln vberhandt genommen Daniel Schaller
theol. heroldt (1604) 97.
etwas anders: die selbe staidt heyst Lydya ..., do secht mann wonder, er (
ehe) die brudder zu iren eselln komenn (
da müszte ein wunder geschehen, ehe ...)
pilgerreisen 141
Röhricht-Meisner. in der jungen verbindung wunder erleben
wohl als nachträgliche verkürzung der formeln unter γ oder δ: unter den ... verwahrlosten ... burschen ... beugte sich plötzlich einer ... zu dem bruder nieder ...: 'ha, ein Franziskaner! na, du wirst bald wunder erleben!' Peter Dörfler
Peter Farde (1929) 18.
die ältere fassung es ist (ein) wunder, zu sehen, zu hören
hat gleiche bedeutung, ist aber nach dem muster von F 2
geprägt: uf deme wazzer varen also vil schif der kouflute das das wunder ist an czu seen
md. Marco Polo 39, 14
Tscharner; es ist ein wunder gsin ze hören und ze sehen mit welchen worten ... er antwurt gab sinen widersächern (
vor 1572) Tschudi
chron. Helvet. (1734) 2, 59.
vereinzelt von F 4
her geprägt, vgl. dazu den Franck
-beleg unter F 4 b: wir sehen wunder was verwegen keck leut für glück haben S. Franck
sprichw. (1545) 1, 12
b.
in obd. quellen des 16.
jhs., vereinzelt noch um 1700
erscheint die verbindung von wunder
mit verben des sehens in imperativischer formel als sieh wunder (zu)
u. ä., wobei das wort wunder
nur noch verstärkenden sinn zu haben scheint und im sinne von '
doch! doch nur!'
adverbiale funktion ausübt: secht wünder, wie die jüngen lappen sich reissen vmb die narren kappen Hans Sachs
s. fabeln u. schwänke 2, 606
ndr.; sihe wunder zu, wie viel mühe vnd arbeit es brauche, bisz dasz man die gleiszner dahin bringt, dasz sie sich für sünder erkennen Gretter
erkl. d. ep. S. Pauls a. d. Römer (1566) 174;
vgl. 41; 113; 682; 872.
von da aus vereinzelt variiert: gedenkt wunder, in der äuszersten armut hat sie sich noch beflissen, dasz sie ... noch möcht sein eine schöne haut! Abr. a
s. Clara
w. 2, 84
Strigl. II@E@1@f@gγ)
durch die erst seit dem älternhd. begegnende zufügung eines possessivpronomens sein wunder hören, sehen etc. nimmt die formel eine psychologisierende wendung und lenkt insofern scheinbar in die bedeutung I '
verwunderung'
zurück, wie bereits unter β in der einfachen formel die ausgangsbedeutung '
auszerordentliches, erstaunliches hören'
gelegentlich fast unmerklich in die andere '
mit verwunderung hören'
hinübergleiten oder doch mit ihr sich verbinden kann. ähnliche doppeldeutigkeit zwischen den so grundlegend geschiedenen bereichen I
und II
begegnet auch an anderen stellen (
vgl. I 2 a
γ;
δ mit II E 1 e
γ; I 1 c
mit II E 3 b; I 2 a
γ mit II F 1 c; I 2 b
β mit II F 2 b
ζ).
meist in singularischer form sein wunder hören, sehen,
älter nicht selten in pluralischer. zur relativen häufigkeit des masculinums wunder
innerhalb dieser verbindung vgl. oben unter herkunft und form: ich höre mein wunder, wie er aufschneidet, wen er in Prage geblieben, dasz ers hette erhalten wollen (1632)
bei Gaedeke
Wallensteins verhandl. m. d. Schweden u. Sachsen 130; wann mich erst hörtest disputieren ... du würdest hören deinen wunder (1612)
bei Fischer
schwäb. 6, 973; (
Just:) komm nur, du sollst dein wunder hören! (
Werner:) so ist der teufel wohl hier gar los? (
Just:) ja wohl; komm nur! Lessing 2, 188
L.-M. in der verbindung mit sehen
schon im 15.
jh., und hier meist an ein präpositionalobjekt oder einen abhängigen nebensatz gebunden: do die frawen und manne ir wunder sachen von edelen früchten Arigo
decameron 163
Keller; darauff sahe ich meinen wunder, wie sich alles veränderte Grimmelshausen
Simpl. 82
Scholte; hier wird man indessen seine wunder sehen, was für mancherley arten von esprit die herren Franzosen haben
anmuth. gelehrsamk. 8, 732
Gottsched; ich hab mei wunder gesehn, wie das hierum a so aussieht under a leuten Gerhart Hauptmann
die weber (1892) 32.
auch in selbständiger anwendung: der pitter hunger treibts (
euere, der mönche, essensspenden) in die armen leut, ich hab oft, weil ich frölich gen Augspurg durft, meinen wunder gesehen Schade
satiren u. pasqu. 3, 107.
in jüngerer sprache scheint die wendung aus geläufigerem sein blaues wunder sehen, erleben (
s.δ)
nachträglich verkürzt und in die umgangssprache verwiesen zu sein: na, man jeduld, du kriegst noch früh jenug dein wunder zu sehen Clara Viebig
die vor d. toren (1949) 58; auch Paul wird noch sein wunder erleben Fr. Wolf
besinnung (1947) 171.
vgl. noch mundartliche wendungen wie sei bad un wunner seh, erlewe Askenasy
Frankfurt 16. II@E@1@f@dδ)
bei der in der zweiten hälfte des 16.
jhs. aufkommenden fassung sein blaues wunder hören, sehen handelt es sich offenbar um eine verstärkung der unter γ begegnenden wendung. die verbindung blaues wunder
läszt sich bereits für das 15.
jh. nachweisen: meiner fraw huld versagt sey den vngetrewen wihten, die liegen, triegen, tihten ... die künen new wunder pla (15.
jh.)
handschriftl. aus cgm. 714
fol. 178
a;
vgl. Schmeller-Fr.
bair. 2, 956.
die verbindung hat hier den gleichen abschätzigen sinn von '
falscher schein, vorspiegelung',
der s. v. dunst
sp. 1562
für blauer dunst
aus dem 16.
jh. mehrfach nachgewiesen wird (
übrigens aber auch im 15.
jh. bereits bekannt scheint, vgl.: nim zu hilff all deine kunst, ich glaub, es sei nur ein plaber dunst [
der böse schächer zu Christus] [
hs. ca. 1480]
Egerer fronleichnamsspiel 6523
lit. ver.).
von diesem früh bezeugten, isoliert bleibenden blauen wunder
ist hinsichtlich der bedeutung zu der in die noch heute geläufige wendung fest eingebetteten verbindung, die starkes erstaunen meint, kaum eine brücke zu schlagen. so bleibt die bei Müller-Fraureuth
obersächs. 2, 681
a gegebene, historisch gestützte vermutung (
vgl. zu den dort angeführten quellen noch Chr. Melzer
bergkläuff. beschr. d. bergkstadt Schneebergk [1684] 469)
beachtenswert, der zufolge blaues wunder
als bezeichnung für das um 1550
in den Schneeberger gruben erstmals gewonnene kobalt aufgekommen und dann in die bereits gefestigte wendung (sein) wunder hören, sehen
eingedrungen sein soll; die wenigen belege des 16.
jhs. (
s. u.)
weisen überdies ins sächsische. die wendung umschreibt starke überraschung, hohes erstaunen, meist in positivem oder neutralem sinne, jünger scheint, besonders in der umgangssprachlichen fassung sein blaues wunder erleben,
die bedeutung '
unangenehm überrascht sein'
im vordringen: dauon hört einer sein blaues wunder, dass wol vnsere hoffart ein betteltantz dagegen (
gegen die des papsttums) möcht genennt werden
theatrum diabol. (1569) 435
b (
autor aus Eisleben); denn yetz, da ich spazieren war, mein blawes wunder sah ich dar (
einen merkwürdigen vorgang) (1582) Hayneccius
Hans Pfriem 30
ndr.; an diesen närrischen leuten sahe man sein blauen wunder, weil sie alle zu gewinnen vermeynten, welches doch unmüglich Grimmelshausen
Simpl. 152
Scholte; vgl. 41;
continuatio 19
Scholte; seinen wunder, seinen blauen (sein blaues) wunder an einem sehen, hören, erleben,
vedere, udire le maraviglie, le cose dell'altro mondo Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1400
b; aber, wie haben auch die gnädige frau gesprochen! göttlich, sage ich ihnen ..., sie würden ihr blaues wunder gehört haben Immermann
Münchhausen 2 4, 154; 'nach welchem tanz ist das souper?' 'souper ist gut!' Grünenwald lachte. sie werden da ihr blaues wunder erleben! Renn
adel im untergang (1950) 111.
gelegentlich steht wunder
hier im plural: sie werden ihre blauen wunder sehen, wie wohl es der junge mann bereits versteht, ins horn des zeitgeistes zu blasen Rosegger
d. schelm a. d. Alpen 2, 335;
vgl. Reuting
Höchst 49.
vereinzelt mit unbestimmtem artikel: wie würd es denn um euch, ihr herrn der schöpfung, stehen, versuchte man einmal, ob ihr von besserm thon? da würden wir gar bald ein blaues wunder sehen Kotzebue
sämmtl. dram. w. (1829) 42, 219.
die variante an, über etwas sein blaues wunder haben
führt besonders nahe an die subjektiv-psychologische bedeutung I
heran: Phrygius sitzt auch dabei und hat sein blaues wunder an unsern reden Heyse
nov. 4 (1862) 449;
vgl. Schambach
Göttingen 307
b.
gelegentlich mit den verbindungen unter α gekreuzt: das soll ja eine pracht in der fortune sein — der Kümmerlein erzählt ja die blauen wunder davon Gutzkow
ritter vom geiste 24, 138.
vereinzelt in deutlicher analogie zu blauen dunst vormachen: da ihr faulpelze nichts spielen und nur schwatzen wollt, so ist es das beste, was wir thun können, wenn wir uns einige blaue wunder vormachen (
d. i. geschichten erzählen) Keller
d. sinnged. (1882) 159.
aus fester verbalbindung gelöst, kann sich blaues wunder
verselbständigen: und wie ich noch dem blauen wunder (
dasz vater und sohn in krämpfe und religiöse verzückung geraten, und zwar der vater nach dem vorbild des sohnes) in angst und schrecken zuschaue, geschieht mir wie ein ruck in allen gebeinen Tieck
ges. nov. (1854) 10, 103.
so auch im vergleich: 's eine lacht das andre an wie a blaues wunda (
zwei dumme verliebte) Anzengruber
ges. w. (1890) 8, 315.
in der mundart kann sich die verbindung sogar vergegenständlichen: det blâge wunder
heiszen manche quellen und bäche, vielleicht von der schönen hell- und tiefblauen farbe des wassers Schambach
Göttingen 307
b; 's Loschwitzer blaue wunder =
die grauangestrichene Elbbrücke Blasewitz-Loschwitz Müller-Fraureuth
obersächs. 2, 681
a. II@E@22)
in andere richtung weist ein gebrauch des wortes, bei dem wunder
die starke kraft und wirkung meint, die —
im guten oder bösen —
von einer sache, einem vorgang, einer person ausgehen, und sich damit der bedeutung eines maszbegriffs (
s. 4)
nähert. II@E@2@aa)
allgemein. im ersten beleg in gleicher beziehung wie unter D 3 b,
aber von anderer vorstellung aus: was brichstu (
die minne) herter synnen mit dym gewalt besunder! du bist ein krefftig wunder, das nyeman kan gemessen meister Altswert 203
lit. ver.; an hub die grausam pestilencz ze beweisen ir grosse tötlichen wunder (
orribilmente cominciò i suoi dolorosi effetti, e in miracolosa maniera a dimostrare) Arigo
decameron 3, 22
Keller; vgl. 4, 11; 18; 49, 26; des goldes schmuck schmähte er nicht, wüszt er all' seine wunder R. Wagner
ges. schr. (1887) 5, 210. II@E@2@bb)
speziell in medizinischem bereich und hier in festgewordenen verbalverbindungen. (
von, an etwas)
wunder sehen (
anders oben 1 f
β) '
auszerordentliche wirkung erfahren, beobachten': (
wenn du ein bestimmtes rezept für deine stimme gebrauchst,) so sichstu michel wunder an deiner stimm (
monac. Francisc. 184
fol. 137)
bei Schmeller-Fr.
bair. 2, 956; aber von dem pflaster würstu wunder sehen Gersdorff
wundarzney (1517) 37
a; Wirsung
artzneyb. (1588) 33
d; giebs (
das medikament) den verwundeten etzliche tage lang, so wirst du wunder sehen Fleming
d. vollk. soldat (1726) 335.
in jüngerem gebrauch etwas tut wunder: das Emser bad hat neuerlich wunder gethan Göthe IV 29, 240
W.; der melissentee, den ihre liebe frau verordnet, hat wahre wunder getan Fontane
ges. w. (1905) I 5, 204. II@E@2@cc)
die gleichen oder ähnlichen verbalverbindungen auch im geistigen oder moralischen bereich. älter gelegentlich: vor den (
frauenworten) gar verlischet mannes kunst, swie wîse er ist; wunder wirket wîbes list
gesamtabenteuer 2, 436
v. d. Hagen; der todt macht viel wunders Petri
d. Teutschen weiszh. (1605) P 2
b.
jünger wohl unmittelbar als erweiterung der zum speziellen gebrauch b
gehörigen formeln. mehr oder minder wird auch der religiöse gebrauch A 4 a
und die von dort her bestimmte anwendung B 3 a
als unterströmung spürbar: allein, was meynen sie; ein zärtliches gedicht — das sollte wunder thun! Zachariä
poet. schr. (1763) 1, 226; wie leicht wird es einem groszen, die gemüther zu gewinnen! wie leicht eignet er sich die herzen zu. ein ... nur einigermaszen menschliches betragen thut wunder Göthe I 22, 18
W.; Melander möchte schleunig nach Wien gehen, sein persönliches erscheinen werde wunder wirken Ric. Huch
d. grosze krieg (1920) 3, 420.
ungewöhnlich mit persönlichem subjekt: wenn ... tonkünstler die lieblingstöne und gänge einzelner menschen studirten und nachher zur höchsten wirkung auf dieselbe anwendeten; welche wunder könnten sie auf diese einzelne menschen wirken! Herder 12, 180
S. II@E@33)
vor allem in älterer sprache bezieht sich wunder
nicht selten prägnant auf negativ gewertete ereignisse und vorgänge verschiedener art, sofern sie den rahmen des gewöhnlichen, alltäglichen und normalen überschreiten. z. t. erfolgt auch hier eine gewisse annäherung an den maszbegriff (
s. 4).
andererseits gelangt das wort hier zu ganz bestimmten konkreten bedeutungen, die ihm später meist wieder verlorengehen; vgl. ähnliches im engl. bei Murray
s. v. wonder I 5. II@E@3@aa)
noch ziemlich allgemein und unbestimmt steht wunder
für etwas unangenehmes, unheimliches, unbekanntes, gefahrvolles, schreckliches u. ä.: er reit al ein gein wunders nôt (
der gefahr auszerordentlicher ereignisse entgegen) Wolfram v. Eschenbach
Parzival 432, 30; iuch (
Parzival) solt iur wirt (
Amfortas) erbarmet hân, an dem got wunder hât getân
ebda 255, 18; ê daz du har ze lande tüegest widerkêre, sô muost du mange sêre lîden doch dar under. wunderlîchiu wunder hât got ûf dich geschalten und hât dir doch gehalten dâ bî ein frœlîch ende Reinfrid v. Braunschweig 13312
B.; ich pit, wölt komen mit mir hin und sehen ein grosz mechtig wunder (
vier erschlagene menschen)
Endinger judenspiel 49
ndr. II@E@3@bb)
konkreter für ereignisse in gröszerem rahmen, für geschichtliche katastrophen, krieg, aufruhr, zwietracht u. dgl.: damit der vierdin welte (
weltalter) zil ein ende nam mit wundirn vil (
der zerstörung Jerusalems, der babylon. gefangenschaft) Rudolf v. Ems
weltchronik 140
Ehrism.; ich hett es (
euch wiederzusehen) werlich nit geglaubet, so vil wunders ist in uwerm land geschehen sither ich uch zum letsten sah; ich wond das ir eintwedder dot wert oder gelemt
Lancelot 1, 489, 34
Kluge. im übrigen vornehmlich in nd. sprachtradition: nu hoirt wilch wunder dat geschaich up einen heilgen paischdaich (
ein aufruhr) (
Köln 13. jh.)
städtechron. 12, 58;
Lübecker chron. 1, 414
Grautoff; sie sagen dasz die zunfte wonder driben (
ca. 1430)
histor. volksl. 1, 321
Liliencron; das zwar uff das iahr nicht meister waren im rathe, die den friede, eintracht und liebe in der stadt belibeten, sondern unglück und zwitracht zu machen ... diselbigen schaften vil wunders (1474)
denkwürd. d. rathsmeisters Spittendorff 1, 10
Opel; aber hirnachmals hat es noch krieg und wunder gemacht Kantzow
chron. v. Pommern 160
Gaebel; vgl. 205; 206; 281.
auch für streit, zwist in kleinerem rahmen: eine mutter, wenn sie entweder auf der gasse oder auch in ihrem hause streit und wunder vernimmt, erwischt sie ihre kinder bei der hand H. Müller
erquickstunden (1666) 436. II@E@3@cc)
seltener für etwas ungeheuerliches, unerhörtes, grausames in moralischem sinne oder für moralische übelstände überhaupt: herze, ich'n weiz waz ich dir sage, wan daz ich ez gote klage, daz dû mich gar unversolt sus missehandeln solt, als ich ein wunder habe getân Hartmann v. Aue
büchl. 1, 977
Bech; wente he (
könig Wenzel) hadde vor vele wunders gedreven und hadde beide geistlike und wertlike gekoppet laten und in peke gebraden unvorordelt und unvorwunnen (
Magdeb. 14.
jh.)
städtechron. 7, 291; do er einen ritter mit czweyenn hunden ein iunckfrawen iagen töten vnd zuo reysen fand, vnd nach sölchem gesechen wunder er die iunckfrawen die er liebe hette mit sampt iren freünden zuo hause lude auch sie daz wunder gesechen hette Arigo
decameron 357
Keller; es ist viel wunders in der welt, gros ubermuth und falsches geld hat uberhand genommen, christliche lieb ist fast dahin, ein jeder lebt nach seinem sinn, der glaub ist gar nah verschwunden
dt. volkslieder 760
b Mittler. schwächer, aber vielleicht hierher etwa im sinne von '
eigenwilligkeit, eigenbrötelei'
?: also wuchsen viel sprachen, als 72 aus der verwirreten Babel ... sie hatten gott verlassen und wurden heiden, und er liesz sie gehen in ihren wundern (1620) Jac. Böhme
s. w. 6, 421
Schiebler. II@E@3@dd)
die verbalverbindungen wunder treiben, machen u. ä., die sonst in positivem oder doch neutralem sinne begegnen (
s.A 4 a; E 2 b; c; 5 a,
aber E 3 b),
können soviel bedeuten wie '
lärm machen, aufhebens machen, aufwand treiben, alles mögliche aufstellen'
u. ä.; der negative wertakzent ist hier zwar schwächer, aber doch meist noch fühlbar; vgl. den ähnlichen gebrauch unter wundern,
vb. C 2: ir vmb einen verschütten angster mit wasser so grosses wunder treibt (
vorher: der arczte gar ... langes romore machet) Arigo
decameron 305
Keller; hie (
dasz die weisen aus dem Morgenlande den stern Christi gesehen haben) will ich nit vil wunders machen Luther 17, 2, 361
W.; so viel händel, so viel wunders, als verliebte leute machen, wozu dient es, wohin zielt es? dencke nach! so wirstu lachen Logau
sinnged. 403
Eitner. vgl. noch mundartlich: det jibt vil wunder (
umstände) Brendicke
Berlin 194
a.
etwas anders '
sich aufspielen, sich brüsten': gründet er sich gentzlich auff das concilium zu Costentz ... da trieb der Eck wunder, als der sich düncken lies er hette die sach erstritten Luther 1 (1560) 145
b.
auf komisch-groteskes bezogen: was von dem bry da vber bliben damit hat man grosz wunder triben, nämlich gar herlich balsamirt, vf das es lang werd reserviert Fischart
glückh. schiff 37
ndr. von hier aus auch ohne abwertenden sinn: also solten wir mit diesen worten 'et homo factus est', auch wunder treiben und die wort mit langen noten singen, wie man pflegt in der kirchen zu thun (1537) Luther 46, 627
W. mit formaler anlehnung an die formel wunders genug (
s.F 2 b
η γγ)
und vielleicht unter dem bedeutungseinflusz von wunder was (
s.F 4): die alten chroniken können nicht wunders genug machen von ihrem liebreiz H. Laube
ges. schr. (1875) 4, 207. II@E@3@ee)
hierher gehört auch ein bibelsprachlicher gebrauch, in dem vergleichend oder unmittelbar ein mensch als wunder,
d. i. als gegenstand verächtlichen verwunderns oder entsetzens, bezeichnet wird, aber auch an einflusz der bedeutung E 1 e
α gedacht werden könnte. im hebr. liegt ה '
starren, staunen, entsetzen',
in der vulgata meist stupor zugrunde: ih pin manigen uuorten samoso uuunder (
tamquam prodigium factus sum multis) Notker 2, 277, 12
P. (
ps. 70, 7); das sie (
die Juden) sollen zum fluch, zum wunder, zum hohn vnd zum spot vnter allen völkern werden
Jer. 29, 18;
vgl. 42, 18; 44, 12; 51, 37; 41;
Hes. 5, 15.
wohl von hier aus in vereinzelt jüngerem gebrauch: doch so regiert' er, und war solch ein prinz, dasz er dabey stand, während ich hülflose zum wunder ward gemacht und zum gespött von jedem müsz'gen buben aus dem trosz (
a wonder and a pointing-stock)
Shakespeare 8 (1801) 69. II@E@3@ff)
jünger in einer art negativer prägnanz noch für etwas unberechenbares, wechselvolles, blind schicksalhaftes: sucht das vertraute gesetz in des zufalls grausenden wundern, sucht den ruhenden pol in der erscheinungen flucht Schiller 11, 88
G. mit dem maszbegriff (
s. 4)
verbunden: es waren grosze schlachten vorgefallen, es waren wunder des wechselnden glückes geschehen Stifter
s. w. 3 (1911) 169. II@E@44)
in älterer sprache, vor allem im mhd., kann vom gesichtspunkt des auszerordentlichen, des nach grösze, menge und masz staunenswerten her wunder
zum bloszen masz- oder gradbegriff werden, dem sich der gebrauch des wortes auch an anderen stellen wenigstens nähert (
s. oben 1 f; 2; 3;
unten 6 b).
gerade hier freilich ist eindeutige bestimmung nicht immer möglich, und über das 16.
jh. hinaus scheint sich diese anwendung des wortes nicht zu halten. II@E@4@aa)
meist ist hier ein genitiv oder eine präpositionalverbindung von wunder
abhängig: si (
eine schar von rittern) fuorten gein ir nîtspil wîz niwer sper ein wunder Wolfram v. Eschenbach
Parzival 341, 7;
vgl. 638, 13
u. ö.; und aber ir frouwen, ir trîbet daz wunder von hôhvart, daz ir iuch sîn iemer müezet schemen in iuwerm herzen Berthold v. Regensburg
pred. 1, 485
Pf.; wer vmb die weg des morgens gangen were; wunder vnd on zale ir (
der auf den straszen liegenden pesttoten) gesechen het Arigo
decameron 7
lit. ver. wohl auch hierher und nicht zu 6 a
α: von dannen kamen sie in die goldschmidgassen, da sie aber wunder von köstlicher goltarbeit und so vil silbergeschirs sahen, das sie vermeinten, das sie des all ir tag bei allen teutschen fürsten nie so vill gesehen hetten
Wilwolt v. Schaumburg 97
lit. ver. II@E@4@bb)
in absolutem gebrauch. mhd. fast zur bedeutung '
reichtum'
vergegenständlicht: ob ich mit rehter arbeit, mit sinne und mit manheit, erwirbe guot und êre, des prîset man mich mêre danne dem sîn vater wunder lie und daz mit schanden zergie Hartmann v. Aue
Gregorius 1719
Paul. sonst im sinne von '
viel': und waren auch vil ander grafschaft und pfaltzgrafen und herzogen in Schwaben, in Baiern, in dem Norggee, von den wunder wer zu schreiben (
Nürnberg 2.
hälfte 15.
jh.)
städtechron. 3, 76; 162, 21.
in einer art adverbieller funktion: zu jungist wunder in bevîlt, in dem er lutzil sich inthîlt und dô gab in zorne dem rosse beide sporne Nicolaus v. Jeroschin 22430
Strehlke. oft ist hier nicht zu entscheiden, ob wunder
den formbegriff der menge, fülle ausdrückt oder selbst inhaltlich gefüllt ist und in einer der oben gegebenen bedeutungsschattierungen zu interpretieren ist: kumpt sanges tac, man hœret singen unde sagen: man kan noch wunder Walther v.
d. Vogelweide 58, 26; es ist hier zu lande eine plötzliche theurung ... eingefallen, dasz es wunder ist, dasz wir gezwungen werden, e. c.
f. g. ... anruffen umb hülff (1539) Luther
br. 8, 404
W. auch die weithin von I 2 a
γ her zu deutende verbindung zu, zum wunder '
so, dasz man sich wundern musz'
läszt sich in gewissen fällen, wenn auch nicht zwingend, als maszbestimmung auffassen: mirifica misericordias tuas pring ze uuundere fore Judeis dîne gnâda Notker 2, 44, 28
P. (
ps. 16, 7); dise ... statt war mit dreyfacher maur bewaret, bisz zum wunder, an wasser überflüssig S. Franck
weltbuch (1534) 179
b; kain gresser pfarrthurn (
als der münsterturm) ... in so kurtzer zeytt biss zum wunder auffgefierett S. Fischer
Ulm. chron. 426
Veesenmeyer. II@E@4@cc)
nur vornhd. in adverbialer funktion as. (te) wundron,
mhd. vereinzelt zu wunder
oder meist einfaches wundern, '
sehr, auszerordentlich': 'ik gidôn that', quad he, 'an thesumu manne skîn, the hîr sô siak ligidan thesumu seli innan, te uundron giuuêgid,that ik geuuald hebbiu sundea te fargebanne'
Heliand 2327
B.; vgl. 2269; 3087; 3177
u. ö.; that êr (
der vorhang im tempel) managan dag an themo uuîhe innan uundron gistriunid (
geschmückt) hêl hangoda
ebda 5666;
vgl. 5500; 5639; myn herre Gawan seinde sich zu wunder (
als er von dem zauberbett hörte)
Lancelot 1, 607
Kluge. die von Jacob Grimm
gramm. 22, 543
aus einem adj. wuntarîn
fälschlich hergeleitete, seit dem 11.
jh. häufig vor adjektiven verstärkend stehende form wundern
gehört als erstarrter dat. pl. hierher, s. Tobler
wortzusammensetzung 123
f., vgl. z. b.: er hiez Noen wurchen ein arche uile wunderen starche
Wiener genesis 1377
Dollmayr; vgl. 2486; 2936; nu wart er verre dort gewar wie ein wundern liechter schin im luchte kegen den ougen sin
väterbuch 38595
Reissenberger; coninc Alf de samnede eyn wunderen grot heere
Lübecker chron. 1, 414
Grautoff; vgl. 415. II@E@55) wunder
als das auszergewöhnliche bezeichnet in bestimmten gebrauchsweisen, besonders in festen prägungen, betont und auch prägnant, eine auszerordentliche persönliche leistung; vom mhd. bis in die gegenwärtige sprache durchstehend. II@E@5@aa)
zufrühest und zumeist in den auch sonst (
s.A 4 a; E 2 b; c; 3 d)
begegnenden verbalverbindungen wunder tun, treiben, wirken, verrichten, machen, erzeigen
u. ä., auch singularisch (viel) wunders tun
etc. II@E@5@a@aα)
von heldentaten in turnierkampf, abenteuer und krieg. so gern prägnant: dâ wart grôz wunder geworht von der guoten recken hant
Biterolf 10752
Jänicke; er schlug zu der rechten hant und zu der lincken und deth das wuonder, das alle die erschracken die yn sahen von dem groszen wunder das er macht
Lancelot 1, 162
Kluge; der da der freudigste stecher war (
beim turnier) vnter jhnen allen, vnd schlug darnider ritter vnnd knecht, vnd brach viel spiesz, vnnd trieb wunder
buch d. liebe (1587) 337
d;
ebda 338
a; vons grossen Alexanders schlachten, vnd was die Kriechen wunders machten, bisz sie die statt Troiam gewunnen Scheit
Grobianus v. 4612
ndr.; Huhansien und Syrmanis, welche wunder (
der tapferkeit) thaten ... wurden gleichfalls verletzt Lohenstein
Arminius (1689) 1, 624
b; Brandenburger und Hannoveraner ... haben hier ... wunder gethan Roon
denkw. 2, 446.
mit ausdrücklichem zusatz, älter halb formelhaft: die giengen dâ mit stichen und mit slegen wunder
an. si schuofen, daz vil manic man tœtlicher swære wart gewon Konrad v. Würzburg
trojan. krieg 33787 Ulrich v. Türheim
Rennewart 14772
Hübner; mit schencken geben stechen, und brechen der iunckfrawen zuo lieb er grosz wunder treyb Arigo
decameron 269
Keller; wo Talbot, tapfer über menschen denken, mit seinem schwert und lanze wunder that (
exacted wonders)
Shakespeare 7 (1801) 205.
jünger in der verbindung wunder der tapferkeit tun, verrichten: indessen thut Diomedes, von der Pallas beschützt, wunder der tapferkeit Ramler
einl. i. d. schönen wissensch. (1758) 2, 139; Herder 15, 115
S.; Dumoulin, der bei Zorndorf ... wunder der tapferkeit verrichtet ... hatte Fontane
ges. w. (1905) I 1, 29. II@E@5@a@bβ)
von politischen und strategischen grosztaten: also det der arzet sin bestes, das im got half, das der konig gesunt wart und vil wonders donoch treip Windecke
denkw. 99
Altmann; vgl. 4; die englische armee stand noch, als Wellington anfing, mit ihr seine 'wunder' zu verrichten, auf dem standpunkte der preuszischen truppen Gutzkow
ges. w. (1872) 9, 77. II@E@5@a@gγ)
häufig genug auch in anderem sachzusammenhang: darumb Camillus daselbst in der ersten vesper wunder erzeigte von seiner kunst (
des orgelspiels)
buch d. liebe (1587) 112
c; ich habe von Bethmann mit groszer freude gehört, dasz sie (
Iffland) den parasit in Berlin gegeben haben, und dasz sie in der rolle des Selicour wunder gethan (1805) Schiller
br. 7, 200
Jonas; sie thut wunder der güte Bettine
Brentanos frühlingskranz (1844) 109. II@E@5@a@dδ)
in absolutem und ganz allgemeinem gebrauch heiszt wunder tun
usw. '
auszerordentliches leisten, fast unmögliches vollbringen': ich bin nû (
durch meine liebe) sô rehte frô, daz ich vil schiere wunder tuon beginne Walther v.
d. Vogelweide 118, 25; es müsse dir (
dem könige) gelingen in deinem schmuck, zeuch einher der warheit zu gut, vnd die elenden bey recht zu behalten, so wird deine rechte hand wunder beweisen
ps. 45, 5; wehre zung ein spiesz, er thäte mehr wunder, als andere zehn Schottel
haubtspr. (1663) 1115; sie (
ein dienstmädchen) hat wunder getan. sie hat (
bei den rettungsarbeiten auf einem sinkenden schiff) immer nur an ihre herrschaft, an uns andere und nie an sich selbst gedacht Gerhart Hauptmann
ausgew. prosa (1956) 2, 239.
in der gegenüberstellung mit dem gebrauch II B 3 a: auf wunder rechnet man nicht, wenn man sich fähig fühlt wunder zu thun (1789) Caroline
br. 1, 54
Waitz. II@E@5@bb)
gelegentlich auch in den sonst zu E 1 f
α;
β gehörigen verbindungen wunder sagen, sehen, hören, erzählen
u. ä., zu deren allgemeiner bedeutung hier das spezielle moment der auszerordentlichen leistung hinzutritt; älter häufig, jünger seltener: daz ez der degen mære mittem lewen wære, von dem sî wunder hôrten sagen und der den risen het erslagen Hartmann v. Aue
Iwein 7743;
Nibelungenlied 23, 2
L.; er sagt der konigin das wunder das er gesehen hett von dem knappen (
seine ritterl. heldentat)
Lancelot 1, 146
Kluge; vgl. 198; darnach (
kam) Theodorus mit den Langobarden, von dem man wunder singt (
Nürnberg 15.
jh.)
städtechron. 3, 52; man haschte nach seinen witzworten, erzählte wunder über wunder von seinen grenadieren und husaren Treitschke
dt. gesch. (1879) 1, 63. II@E@5@cc)
auszerhalb fester verbaler verbindungen seltener und erst nhd., in der prägnanten bedeutung '
heldentat, grosztat, grosze leistung': er ist der ruhm der fürsten vnd soldaten vnd wunder sein seine gleichlose thaten Zinkgref
auserl. ged. 38
ndr. ironisch: welch's denn soll ich von seinen (
Napoleons) wundern wählen? Rückert
ges. poet. w. (1867) 1, 19.
auf dieser linie etwa liegt der nach dem zweiten weltkrieg aufgekommene ausdruck das deutsche wunder,
mit dem der schnelle wiederaufstieg der deutschen wirtschaft nach dem zusammenbruch von 1945
als eine leistung des deutschen volkes bezeichnet wird, vgl. in ähnlichem sinne das deutsche wirtschaftswunder. II@E@66)
in wieder anderem zusammenhang ist wunder
als das auszergewöhnliche eine wertbezeichnung, die dingen oder personen in hoch auszeichnendem sinne zugesprochen wird. auch dieser gebrauch ist alt und reicht bis in die gegenwart. II@E@6@aa)
für die vom menschen geschaffenen güter und werte der kultur und zivilisation, die staunen und bewunderung verdienen, in gegenständlicher anwendung. II@E@6@a@aα)
vornehmlich im bereich der bildenden kunst, vor allem der baukunst und plastik, mit beifügungen oder prägnant. schon auf dieser linie: durch küniclicher êren solt was dar an (
an dem turm) besunder vil manic wildez wunder gebildet und gehouwen Konrad v. Würzburg
trojan. krieg 17470.
dann gegenständlicher und bestimmter: ihr federmahlwerck (
bilderschrift) aber wäre ein wunder in frembden augen Lohenstein
Arminius (1689) 1, 124
b; vor einem offenen hintergebäude ..., wo ein kühner maler ... mit einem unendlich verlängerten pinsel wunder auf das ausgebreitete tuch oder papier warf G. Keller
ges. w. (1889) 1, 108; wenn ich über die brücke ging, die Parler erbaut (
in Prag), ein steinernes wunder! Leibl
zelt unterm stern (1931) 31.
formelhaft wunder der (bau)kunst
u. ä.: wäre sie so (
die kirche nach dem ursprünglichen bauplan) ausgeführt worden, so hätte man ein wunder der baukunst gesehn Archenholz
England u. Italien (1785) I 1, 143; ist es ein wunder, wenn er (
der besucher von kunstmuseen) diese säle mit einer erschöpfung verläßt, welche oft von dem trostlosesten unglauben an alle wunder der malerei begleitet ist? Justi
Winckelmann (1866) 1, 283.
in örtlicher oder gegenständlicher bestimmung: die brücke Rialto, das wunder von Venedig Heinse
s. w. 4, 33
Sch.; er wirft keinen blick mehr nach dem lichten wunder des schlosses Hohlbaum
Stein (1934) 145.
in dem passivischen sinne von '
gegenstand der bewunderung',
vereinzelt: ich strebe längst, die kaiserstadt zu sehen, die aller Deutschen haupt, der fremden wunder ist Gottsched
neueste ged. (1750) 64.
mit einer gewissen vorliebe und wohl im rahmen dieses gebrauchs auch von erzeugnissen handwerklicher kunst, vgl. schon mhd. im zusammenhang eines vergleichs: seinen sin den reinen, ich wæne daz in feinen ze wundere haben gespunnen Gottfried v. Straszburg
Tristan 4699
R.; hütten, denen man anmerkte, dasz dort keine bäuerin gestickte wunder in der truhe hielt Zillich
zw. grenzen u. zeiten (1936) 164. II@E@6@a@bβ)
speziell die sieben wunder der welt
für die sieben berühmtesten bauten der antike (
lat. septem miracula
z. b. Plinius natur. historia 36, 30,
gr. τά ἑπτὰ θεάματα Strabo 14, 652): liesz im ain grab machen, aines der siben wonder der welt Steinhöwel
de claris mul. 9
lit. ver.; z. e. können die sieben wunder der welt dienen (
dasz der verfasser es mit der wiedergabe historischer ereignisse nicht genau genommen hat)
anmuth. gelehrsamk. 8, 550
Gottsched. von da her, aber über diesen rahmen hinaus: die residenz (
der insel der Monarchomanen), ein wunder der welt, war auf dem vorgebirge angelegt, und alle künste hatten sich vereinigt dieses gebäude zu verherrlichen Göthe I 18, 377
W. übertragen: damit ihr lang ein beyspiel gebet, wie man im ehstand glücklich lebet, das man heut, bey verkehrter welt, fast für das achte wunder hält Triller
poet. betracht. (1750) 5, 123. II@E@6@a@gγ)
daneben vor allem im bezirk der technik, vgl. schon in früher anwendung: nimmer me nichein man, der soliche wunder moge began (
wie dieser waffenschmied in seinen erzeugnissen)
könig Rother 801
de Vries. geläufig erst in jüngerer sprache: die wunder der menschenhand, die künstlichen kanäle vertrocknen Schiller 7, 26
G.; ich sah daselbst mir unbekannte technische wunder Göthe IV 36, 128
W. modern in der für das '
zeitalter der technik'
bezeichnenden verbindung wunder der technik. II@E@6@a@dδ)
im umkreis des rein geistigen, des persönlichen und moralischen, nur in jüngerer anwendung und als erweiterung von α.
sachlich liegt die anwendung oben D 3 a
nahe, doch ist dort von dem schaffenden anteil des menschen stärker abgesehen; manchmal freilich ist die grenze schwer zu ziehen: wir wollen dieses wunder (
Homers Ilias), welches man jahrtausende hindurch verehret hat, in seiner unveränderten gestalt kennen lernen Bürger
s. w. 138
a Bohtz; aber wollte man wohl diese wunder der sprache verbieten, diese tiefgeholten mächtigen ausdrücke, die allen bewegungen passionirter charaktere genug thun? Göthe I 40, 240
W.; das wunder seines (
Goethes) altersstils A. Hübner
kl. schr. (1940) 256; man sprach endlich auch von so manchen wundern griechischer freundschaft, von den dioskuren, von Achill und Patroklus Hölderlin
s. w. 2, 61
Hell. in ironischer umkehrung, unwerte als wunder
bezeichnend: (
sie) wuszten nicht genug zu erzählen von den wundern der preuszischen dummheit Treitschke
dt. gesch. (1879) 1, 265. II@E@6@bb)
in unmittelbarer beziehung auf personen oder appositionell geradezu als bezeichnung von personen, im sinne hoch auszeichnender bewertung. II@E@6@b@aα)
schon mhd. ein wunder z'eime wîbe
u. ä. '
das muster einer frau, eine auszerordentliche frau': si (
Helena) was nâch edels herzen ger an êren unde an lîbe ein wunder z'eime wîbe und ein erwünschet bilde Konrad v. Würzburg
trojan. krieg 19870;
vgl. ein wunder ... ze manne 3421.
nhd. in abgewandelter form mit gleicher bedeutung: es ist ein wunder eines helden
heros inclytus, divinus, flos heroum ... ein wunder einer frauen
specimen et corona sexus foeminini Stieler
stammb. (1691) 1390; ein wunder von einem kinde, von einer frauen
etc. un miracolo di fanciullo, di donna etc. Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1400
c; Adelung
wb. 4 (1811) 1621. II@E@6@b@bβ)
geläufiger jmd. ist ein wunder (von, an, in) einer sache.
besonders jmd. ist ein wunder von schönheit: und aller schœne ein wunder: diu künigin Lârîe, des wunsches amîe Wirnt v. Gravenberc
Wigalois 11 413
Kapteyn; sieh hie, hie ist ein wunder von schönheit
engl. comedien u. tragedien (1624) B 3
b; es war ein ... junges blut, ein wunder an schönheit Körner
w. 2, 214
Hempel. anderes mehr gelegentlich: in welchen (
zeiten) man mit einer so verworrenen und trivialen erkenntniss für ein wunder der gelehrtheit passiren konnte Wieland
gesch. d. gelehrtheit 29
Hirzel; ein wunder der tugend
eine ungewöhnlich tugendhafte person Adelung
wb. 4 (1811) 1621; ich müszte ihnen sonst gesagt haben, dasz sie ein wunder von anmuth und artigkeit ist Göthe IV 17, 277
W. II@E@6@b@gγ)
am häufigsten steht wunder
in diesem personifizierenden gebrauch mit einem abhängigen genitiv, der die gemeinschaft, den kreis, die gattung bestimmt, innerhalb deren ein mensch die krone, die blüte, das äuszerste an vollkommenheit darstellt: Elisa die Albions schatz und wunder erstlich war geboren, hernach durch des himmels gesatz für des Teutschlands kleinoth erkoren Weckherlin
ged. 1, 93
Fischer; Opitz, den die gantze welt für der Deutschen wunder helt
Königsb. dichterkreis 65
ndr.; (
meiner mutter) schwester, wunder aller frau'n Fouqué
held d. nordens (1810) 1, 80.
geläufig wunder der welt,
mit der auf sachliche werte bezogenen gleichlautenden formel oben 6 a
β vergleichbar: wovon sie das wunder der welt, den Alexandrum Magnum gezeuget Amaranthes
frauenz.-lex. (1715) 1358; Otto III., den sie bald nach seinem frühen tode 'das wunder der welt' nannten Gmelin
ruf zum reich (1936) 75.
häufig auch neben zeitbegriffen: das wunder dieser zeit, die unbefleckte frau Gryphius
trauersp. 236
Palm; vgl. 242; Voltaire, das wunder seiner zeit Göthe I 28, 58
W. seltener tritt an die stelle des genitivs ein adjektivisches attribut: itzo weisz er die verdienste aller unsrer academischen wunder (
der professoren) auf das genaueste zu schätzen
vernünft. tadlerinnen (1725) 1, 170
Gottsched. nicht selten können oder müssen sogar die obigen verbindungen passivisch gedeutet werden; wunder
bedeutet dann, wie sicher in den folgenden belegen, '
gegenstand der bewunderung'
oder gar '
das bewundern'
selbst, womit eine art rücklenkung zu I
hin erfolgen würde: der für jahren ein wunder des volcks, wäre itzt ihr gelächter Lohenstein
Arminius (1689) 1, 141
a; die augen des königs blitzten ungeduldig; es lockte ihn, sich mit dem liebling des volkes, dem wunder Europas (
Garibaldi) zu messen Ric. Huch
kampf um Rom (1925) 265. II@E@6@b@dδ)
auch ohne jeden zusatz kann ein mensch als wunder
bezeichnet werden, vgl. dazu noch jmd. als wunder ansehen
u. ä. unter F 1 c; d; e. wunder
ist hier prägnant '
die wunderschöne frau'
oder '
das wunderkind'
oder '
der begnadete mensch'
u. ä.: Caja, du berühmtes wunder, bist du doch wie alabaster! Logau
sämtl. sinnged. 428
lit. ver.; wer weisz, ob wir das wunder (
Agnes Bernauer) bei dieser gelegenheit nicht zu sehen bekommen Hebbel
w. 3, 151
Werner; frühzeitig wuszt ein kind so viel, als mancher greis, frühzeitig lag das wunder auf der baare Kästner
verm. schr. 1 (1755) 187; Michelangelo ist aber nur einer, ein wunder, unter millionen Dehio
gesch. d. dt. kunst 1 (1919) 4.
auch hier, wie unter γ,
vereinzelt in passivischem sinne als '
gegenstand der bewunderung': allein was denckt mein reim? weisz er sonst nichts zufinden, das unsern Lohenstein zum wunder machen kan? Knorr
in: Lohenstein
Ibr. sultan u. a. ged. (
lebenslauff) C 5a. II@FF.
phraseologisches. formelhafte wendungen, die eine sache, einen vorgang, eine person als wunder
charakterisieren, liegen meist, aber doch nicht ausschlieszlich, im bereich E.
es handelt sich dabei zumeist um sehr alte, teils ausgestorbene, teils aber auch äuszerst zählebige prägungen. II@F@11)
in verbalen formeln, die einen urteilsakt, einen akt der einschätzung ausdrücken. II@F@1@aa)
etwas dünkt mich wunder '
scheint mir erstaunlich',
zugleich aber auch '
ich wundere mich'
; vor allem ahd. und as. belegbar: mi thunkid uunder mikil, quad he, ... huê gi that te uuârun ni uuitin
Heliand 4150
B.; vgl. 157;
quod quidem cuipiam mirum forte uideatur ... taz etelichên ôdeuuano uuunder gedunchen mag Notker 1, 240, 20
P.; vgl. 258, 7.
vereinzelt im älternhd.: sich das würt dich treffenlich wunder duncken Zwingli
v. freiheit d. sp. 7
ndr. II@F@1@bb)
mhd. vür, ze wunder sagen mit abhängigem dasz-
oder wie-
satz '
etwas für erstaunlich, unwahrscheinlich, ungewöhnlich erklären': swer daz nû vür ein wunder iemer ime selben sagt daz im ein unsippiu magt nahtes alsô nâhen lac mit der er anders nicht enpflac, dern weiz niht daz ein biderbe man sich alles des enthalten kan des er sich enthalten wil Hartmann v. Aue
Iwein 6574; man sagt ez noch ze wunder, daz dô her Dietrîch genas
Nibelungenlied 2358, 4
B. nhd. gelegentlich von wunder sagen '
etwas ein wunder nennen' (
vgl. von glück sagen): das (
die fresserei der Deutschen) sagt er (
der röm. kaiser) für ein wunder mer! wenn er yetz wer kummen her, so solt er erst von wunder sagen, als wir yetzundt füllent den magen, das wir nüt übrigs dannen tragen Murner
narrenbeschwörung 295, 18
Spanier; vgl. 309, 15; der ka
nn (därf) vo
n wunder sage
n dasz ... (
so vielfach in neckversen auf ortschaften) Fischer
schwäb. 6, 973. II@F@1@cc)
in der mhd., vereinzelt noch älternhd. wendung jmd. zu wunder ansehen ist, wie gelegentlich auch an anderen stellen, eine deutung sowohl von I
her '
jmd. mit staunen betrachten, anstaunen' (
s. oben I 2 a
γ)
wie von II
her '
jmd. für ein wunder halten'
möglich. im folgenden vielleicht eher hierher, dem personifizierten gebrauch von wunder
unter E 6 b
entsprechend: und vunden, alse in was geseit, nach Tristandes warheit einen zervallenen man und sahen den ze wunder an Gottfried v. Straszburg
Tristan 16204
R.; gesamtabenteuer 3, 214
v. d. Hagen; 228; 236; 240; deszhalben, haben jn nicht allein die römischen bürger, sonder auch die frembden und auszländischen, zu wunder angesehen Xylander
Plutarchus (1580) 136
a.
sicher hierher in der als vergleich oder als unmittelbarer urteilsakt aufzufassenden selteneren wendung jmd. als (
ein)
wunder ansehen u. ä.: si (
die fremden) besâhn in als ein wunder (
wegen seiner schönheit) Hartmann v. Aue
Iwein 2379; doch ist sein bester schmuck, dasz ihn ein könig baut, den selber alle welt als wunder angeschaut König
ged. (1745) 24. II@F@1@dd) (
jmd.) (
etwas) (
für)
ein wunder haben, halten '
für unwahrscheinlich, unbegreiflich halten'
; meist in sachlicher beziehung: man sagt myr, das in alten zeyten warendt der schneblechten leyten. ich kansz nit fur eyn wunder han Murner
schelmenzunft 108, 3
Spanier; wiewol ich halt kein wunder solchs Fischart
w. 2, 239
Hauffen; Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1400
b; ich halte es für eins der gröszten wunder, dasz mein vater meine mutter freiete, und dasz meine mutter sich von ihm freien liesz W. Raabe
s. w. I 6, 2.
auch persönlich bezogen, E 6 b
entsprechend: ich habe drei töchter gehabt, davon war die jüngste so schön, dasz sie alle welt für ein wunder hielt br. Grimm
märchen (1843) 2, 421. II@F@1@ee)
in der E 6 b
entsprechenden anwendung auf personen auch noch in anderen, aber nur gelegentlichen bildungen, die ein urteil ausdrücken: (
die) an feuer geist und groszmuth reich, der welt zum wunder sind Stoppe
Parnasz (1735) 19; seine fertigkeit im wettlaufen, ringen ... machte ihn in kurzer zeit zum wunder bey allen denen, die ihn sahen J. E. Schlegel
w. (1761) 3, 492. II@F@22)
die verbreitetste und langlebigste verbindung etwas ist (
ein) (
kein)
wunder, meist mit abhängigem dasz-,
älter auch warum-
oder ob-
satz, ist im unterschied zu den wendungen unter 1
mehr im sinne einer apodiktischen feststellung als einer subjektiven einschätzung, eines blosz persönlichen urteils aufzufassen (
doch s. u. b
ζ). II@F@2@aa)
das wort wunder
kann in dieser verbindung, besonders älter, aber auch jünger, noch sein volles gewicht haben und von formelhafter abnutzung unberührt geblieben sein. dies besonders innerhalb der religiösen anwendung A: joh thaz ist mihil wuntar,thaz sie so sazun suntar sih thar so gieinotunthera steti guatun (
die engel am grabe Christi) Otfrid V 8, 5; ein wunder ist, das got beschuff all ding durch seines wortes ruff Hans Sachs 1, 21
lit. ver.; welch ein grosses wunder ist es doch, dasz unter so vielen und grausamen feinden dein glaubiges häufflein noch bisz auff diese stunde aufrecht stehet J. D. Frisch
neukling. harpfe Davids (1719) 48.
aber auch in auszerreligiöser beziehung: daz ist ain grôz wunder, daz der vogel sô wol singt und daz er doch gespeiset wirt von den scharpfen stichelingen der disteln Konrad v. Megenberg
buch d. natur 183, 28
Pf.; und das war das wunder, dasz der freiherr (
seinem kutscher) gehorchte E. Wiechert
missa sine nomine (1950) 166. II@F@2@bb)
früh ist die verbindung zur formel abgeschliffen, wobei das wort wunder
selbst fast die funktion eines adjektivs hat, soviel wie '
es ist unbegreiflich, erstaunlich, verwunderlich'
; auf die verschiedenen grade des erstaunens und auf vorgänge und tatsachen von sehr verschiedenem gewicht und rang bezogen, vorwiegend aber in den grenzen der bedeutung E.
am häufigsten mit abhängigem, durch konjunktion, partikel oder pronomen eingeleitetem nebensatz: es ist ein wunder, dasz ..., wenn ..., wie ..., was für ...
u. ä.; aber auch innerhalb parataktischen satzgefüges. oft in der einen vorbehalt oder eine bedingung voraussetzenden konditionalen form es wäre (ein) wunder.
auch sonst wird die formel vielfach variiert und abgewandelt. II@F@2@b@aα)
es ist wunder ohne den unbestimmten artikel; so ahd. ausschlieszlich, mhd. noch vorwiegend, nhd. bis ins 18.
jh. nachklingend: 'thaz ist', quad er, 'nu wuntar, thaz ir nirknaht then man, ther mir so fram giliubta, thiu ougun mir inliuhta' (
Joh. 9, 30:
in hoc enim mirabile est quia nescitis; Tatian dafür: in thiu ist vvuntar 132, 18) Otfrid III 20, 145;
vgl. IV 4, 31; ez was wunder daz ich gnas Hartmann v. Aue
Iwein 3664
Ben.; ich lebe und weis nicht, wie lange, ich sterbe und weisz nicht, wen, ich fhare und weisz nicht, wohin, es ist wunder, das ich frölich bin
bei Luther 47, 34
W.; vgl. br. 8, 164;
tischr. 1, 87; wo es commerzienräthe giebt, da geht es mit dem handel schlecht; und ist es wunder, da diese herren nicht zum handeln ... sind? Hippel
kreuz- u. querzüge (1793) 1, 94.
im mhd. kann der abhängige dasz-
satz durch einen substantivierten infinitiv vertreten werden: sîn gên daz was wunder (
dasz die mähre überhaupt ging, war zu verwundern) Wolfram v. Eschenbach
Parzival 256, 28; Gundacker v. Judenburg
Christi hort 2138
Jaksche. älteres es ist wunder zu sagen, zu sehen, zu hören
s. oben E 1 f
α;
β. II@F@2@b@bβ)
es ist ein wunder die heute übliche form, gelegentlich schon mhd.: sî bœse unkrût dar under, daz breche er (
der gärtner) ûz besunder (lât ers daz ist ein wunder [
var.]) Walther v.
d. Vogelweide 103, 23
Kraus; ein bastart, thut er guets, so ists ain wunder
Zimmer. chron. 22, 643
Barack; ein wunder wars, dasz ihr entkommen Schiller 14, 340
G. ungewöhnlich mit abhängigem indirektem fragesatz: also selzame gedenck, da es ein wunder ist, wa sie harkummen Keisersberg
brösamlin (1517) 18
a. II@F@2@b@gγ)
verstärkt: ein schar vert ûz, diu ander in, naht unde tac. grôz wunder ist daz iemen dâ gehœret Walther v.
d. Vogelweide 20, 9; ist ein grosz wunder, das ein weibsbild also viel machen soll (
als künstlerin) A. Dürer
tageb. (1884) 85.
vereinzelt in säkularisierender anlehnung an gottes wunder
unter A 1 a
β: so ist es gottes wunder, wenn wir mit ehren bestehen Bismarck
ged. u. erinn., anhang (1901) 1, 23.
gern durch die gedoppelte form wunder über wunder,
die aber nicht an einen inhaltlich besonders gewichtigen zusammenhang gebunden ist: aber wunder uber wunder ists, das solch drey stcke, nemlich: allerley freye unzucht, allerley geitz und pracht, allerley woffen und krieg, diese ehelose heiligen nicht hindern gotte zu dienen, und ein einiges fromes eheweib hindert sie (
ironisch gegen das zölibat) (1530) Luther 30, 2, 329
W.; es wäre wunder über wunder gewesen, wenn sie in der lage arm geblieben wären Herder 15, 117
S. II@F@2@b@dδ)
nur vereinzelt erscheint innerhalb der formel das verbum abgewandelt: daz ich moht an den (
riesen) gesigen, da lit ein groz wunder an Ulrich v. Türheim
Rennewart 30 891
Hübner; vgl. 4 401; 30 723; 30 870
u. ö.; es wirdt ein wunder, wenn ich heüt da nit mit zeschanden würd beston Boltz
Terenz deutsch (1539) 36
a; ein wunder bleibt es immer, dasz nicht mehr geschieht Heyne in:
briefw. von u. an Herder 2, 229. II@F@2@b@eε)
erscheint die verbindung, wie meistens, in verneinender form, so umschreibt sie das selbstverständliche oder doch naheliegende der durch sie gekennzeichneten aussage, vgl. quippe esz ist nit wunder (
ende d. 15.
jhs.) Diefenbach
gl. 480
b. II@F@2@b@e@aaαα)
älter es ist nicht wunder, α entsprechend, auch hier bis ins 18.
jh. möglich: ir birut, thaz nist wuntar, friunta mine suntar Otfrid IV 15, 49; Notker 2, 499, 14
P.; wyr bekennen unser schuld, wyr sind arme sunder, die nit gerne beychten, und ist auch nit wunder Luther 8, 342
W.; vgl. 30, 2, 117; 291
u. ö.; es ist demnach nicht wunder, wenn ... Wolff
ged. v. d. menschen thun (1720) 243.
seltener: daz was niht ein wunder war umb si (
Gawein u. andere ritter) kômen in daz lant Wirnt v. Gravenberc
Wigalois 9613
Kapteyn; ist nit ein wunder daz ob die lüt kalt standen (
ni mirum, hisce homines frigent)
Terenz deutsch (1499) 44
b; Schweigger
reyszbeschr. (1619) 229. II@F@2@b@e@bbββ)
das heute übliche es ist kein wunder
wie oben β vereinzelt schon mhd.: Hestor ... kunde yn nit lenger gevolgen; und was das kein wunder, er hett allen den tag daroff gestritten und gejostiert
Lancelot 1, 371
Kluge; szo were es kein wunder, das solche zwitrachtt, uneynigkeit ... under uns christen erstunde (1521) Egranus
ungedr. pred. 56
Buchwald; das ist kein wunder, sagte hieraff ein catholischer Grimmelshausen 2, 355
Keller; und so sei es kein wunder, dasz er ... bei den bürgerstöchtern der stadt furore mache Ina Seidel
d. unverwesl. erbe (1954) 25. II@F@2@b@zζ)
mit der abwandlung es ist mir (
ein) (
kein)
wunder erfährt die formel nicht nur ausdrücklich eine subjektivierende einschränkung im sinne der einen urteilsakt ausdrückenden verbindungen unter 1,
sie fällt zugleich in manchmal nicht zu unterscheidender weise mit der gleichlautenden verbindung unter I 2 b
β zusammen. zwar nicht völlig sicher, aber doch wahrscheinlich hierher: so denn gott zur selben seligen zeit solch in der kirchen verhängt, ist mirs auch nicht grosz wunder, ob ich armer mensch unterliegen musz Luther
br. 1, 576
de Wette; es ist mir ... nur ein wunder, wie er die hauptsache ... ungebraucht liesz O. Ludwig
ges. schr. (1891) 5, 232.
hierher wohl auch noch die nicht seltene infinitivische form an stelle der 3.
pers. sg.: vnnd lassen euch nit ein wunder seyn, dasz ich in einem so kleinen capitel ein solchen morbum zu heilen anzeig Paracelsus
opera (1616) 1, 313
H.; Grob
dichter. versuchgabe (1678) 63. II@F@2@b@hη)
von alters her gern in elliptischen formeln. II@F@2@b@h@aaαα)
einfaches (
ein)
wunder, dasz oder wenn für es ist (ein) wunder, dasz
oder es wäre (ein) wunder, wenn: wunder wird ich huit nit schandtlich beston mit meinem alten hemling (1486) Neidhart
Terenz 42
lit. ver.; wunder, dasz ich dieses sage?
Venusgärtlein 90
ndr.; (
sie) hatte ihn nicht wiedergesehen gehabt seit dem abend des einzugs — seitdem waren so viel monate vergangen — ein wunder, dasz er sie überhaupt noch kannte Cl. Viebig
die vor d. toren (1949) 63. II@F@2@b@h@bbββ)
auch hier häufiger in der negierten form kein wunder, älter meist nicht wunder,
mit abhängigem satz oder auch verselbständigt: nehein vuunder (
nec mirum) chad si ube man daz uuânet sîn unrihtîg unde fervuorren fone des ordine nehein reda geeiscôt neist Notker 1, 269, 13
P.; dannenhero nicht wunder ..., dasz fast kein standt, der nicht vber grosze derselben (
der besoldungsgelder) vngleichheit beschwer zu führen zu finden
acta publica 2, 131
Palm; 'siehst du immer so elend aus?' fragte sie kopfschüttelnd. und mehr für sich, als zu ihm, sagte sie vor sich hin: 'kein wunder — nach diesen jahren' Ina Seidel
Lennacker (1938) 26. II@F@2@b@h@ggγγ)
jünger erweitert als wunders genug, meist als parenthetischer einschub innerhalb eines satzes, sonst mit abhängigem satz: dem 'strange' ... entkömmt er (
Mirabeau), wunders genug Cramer
Neseggab (1791) 1, 175; unsere pferde, wunders genug, dauerten aus Fontane
ges. w. (1905) I 1, 519.
vereinzelt unorganisch wunder genug: wunder genug! diejenigen, die zuerst das haupt erhoben, waren die republikaner selbst Gutzkow
ges. w. (1872) 7, 35. II@F@33)
alt ist auch die rhetorische frageformel was wunders (
ist es, dasz),
die inhaltlich das gleiche besagt wie (es ist) kein wunder (dasz)
unter 2 b
ε.
herleitung und syntaktische verhältnisse sind nicht völlig durchsichtig. auszugehen ist von einem partitiven gen. pl., wie er ahd. bezeugt ist (
s.a);
mhd. gilt partitiver gen. sg. waz wunders,
der sich älternhd. und archaisierend auch modern noch behauptet, im übrigen aber durch die jüngere, seit dem 15.
jh. nachweisbare form was wunder
stark zurückgedrängt wird. in ihr lebt kaum der ursprüngliche gen. pl. weiter; eher wird hier was
in ein attributives pronomen umgedeutet, das etwa im sinne von '
welch, was für ein'
neben das als nom. sg. aufgefaszte wunder
tritt, vgl. etwa auch auf was art, zu was zweck
u. ä., ferner das bereits ahd. uuelih uuunder
unter b. II@F@3@aa)
in der vollform fast durchweg mit abhängigem dasz-
oder wenn-
satz, seltener in parataktischem satzgefüge. zunächst was wuntoro
in partitivem plural: waz wuntoro ist, thaz wolta,ther iamer leben scolta, er ingiang ungimerritduron so bisperrit (
quid ergo mirum si clausis januis post resurrectionem suam in aeternum jam victurus intravit) Otfrid V 12, 25.
dann was wunders
partitivisch singularisch: waz wunders ist ob ich dâ von an fröiden gar verzage Walther v.
d. Vogelweide 124, 31; was ist wol wunders, wann es so zugehet, dasz mancher mensch daz lehrgelt mit der haut bezahlen müsze
Reinicke fuchs (1650) 358.
umgedeutet fast durchweg in der form was ist es, was ist's, was ist das wunder,
in der wunder,
etwa nach analogie von was ist es nötig
u. ä., als adjektiv aufgefaszt werden könnte, wenn das adjektivische wunder (
s. d.)
nicht von kürzerer lebensdauer wäre: was ists wunder, das blick und donner offt kirchenn antzundet, die weil wir ausz dem bethausz also ein spothausz machen Luther 6, 240
W.; was ist es ... wunder, wenn auch die tonkunst solchen schicksalen unterworfen ist Scheibe
crit. musicus (1745) 751.
ungewöhnlich in der form was ist wunder: was ist dann wunder, dass nicht manche hauptstadt frei ist von gar zu freien leuten Abr. a
s. Clara
w. 2, 93
Strigl. II@F@3@bb)
in der bereits alten, heute allein üblichen kurzform was wunder,
viel seltener was wunders.
ahd. schon welch wunder (
anders unten 5 c
α): uuelih uuunder ube got ferlazet daz herza daz sih selbez ferlazet? Notker 2, 148, 23
P. (
ps. 39, 13); was wunder, wenn er sich in dieser zunft befindet, weil er sein ganzes wol auf unverstand gegründet S. Brant
narrenschiff 9
Zarncke; was wunders dass sich auch beym wize die moden verändern Bodmer
slg. crit. poet. schr. (1741) 1, 72; was wunder, dasz da auch der menschen tun und denken ein verkehrtes war A. Supper
holunderduft (1910) 243.
in parataktischem satzgefüge oft einem ausruf sich nähernd vgl. quinmiro wasz wonders (
md. 15.
jh.), wat wonder (
nd. 1420) Diefenbach
gl. 479
c: was ists dann mehr? was wunders gros? Hayneccius
Hans Pfriem 65
ndr.; des Wiener vertrages erinnerung scheint bis zum vergessen verloren. was wunder! die fürstin Metternich war damals noch kaum geboren Grillparzer
s. w. 3, 156
Sauer; vgl. 16, 23; wat'n wunner!
ironisch '
das ist doch nicht zu verwundern' Mensing
schlesw.-holst. 5, 739. II@F@44)
die geläufigen formeln wunder was, wunder welch, wunder wie u. ä. entwickeln sich aus der verbindung mit den verben denken, glauben, meinen, sich einbilden
nach dem typus er denkt wunder (
acc. pl.) was er kann
für er denkt wunder in bezug auf das, was er kann. wunder
bezeichnet hier in jedem falle das fiktive falscher, meist übertreibender einschätzung, insbesondere selbstüberschätzung und selbsttäuschung. der wendung, die deutlich an die bedeutung '
auszerordentlich, auszergewöhnlich',
manchmal auch im sinne des maszbegriffs, anknüpft (
s. oben E 1 f),
haftet meist ein ironischer ton an. nach vereinzeltem vorgriff im 16.
jh. (
s. u.b)
im 17.
jh. entwickelt. II@F@4@aa)
die ursprüngliche gliederung der formel ist dort noch deutlich, wo das regierende verbum zwischen wunder
und dem pronomen bzw. der partikel steht, welche den abhängigen nebensatz einleitet: ein solcher wird ... dem lährbegührigen ... wunder einbilden wass er für einen grosen künstler geb Rompler v. Löwenhalt
erstes reimgebüsch 000 1
b; wunder dacht ich was ich alles fertigen wollte, und nun ist das alles Göthe IV 3, 170
W.; vgl. III 1, 213; wisch die thränen ab; die weiber werden sonst wunder denken, was wir vorgehabt haben W. Raabe
s. w. I 5, 215
Klemm. II@F@4@bb)
auch in der bedeutend häufigeren fassung, in der das vom verbum abhängige akkusativobjekt mit partikel oder pronomen des folgenden nebensatzes unmittelbar zusammenrückt, bleibt die ursprüngliche syntaktische gliederung erhalten, was sich meistens auch in der interpunktion ausdrückt. hierher bereits ein vereinzelter beleg aus dem 16.
jh., in dem das fiktive wenigstens als möglichkeit gegeben ist, vgl. auch den Franck
-beleg oben E 1 f
β: so einer schweigt, denckt man alzeyt wunder was er gsagt würd haben S. Franck
sprüchw. (1541) 1, 115
a.
sonst seit dem 17.
jh.; denn ich meinte wunder, was es vor eine herrliche sache um das soldatenleben sey Ziegler
asiat. Banise (1689) 62; ich dachte wunder, wie gut versehen ich wäre Göthe I 43, 78
W.; vgl. 27, 291; IV 16, 96; der zahlt zween batzen und meint wunder, wie viel es wär' für solchen plunder Mörike
ges. schr. (1905) 1, 158;
vgl. 67; jott, so'n hahn. denkt nu auch wunder, was er is Fontane
ges. w. (1905) I 5, 126;
vgl. 57. II@F@4@cc)
unter auflösung des ursprünglichen satzgefüges wird die formel seit dem 18.
jh. zum satzteil innerhalb eines einzelsatzes: wunder was
wird jetzt als objekt, vereinzelt auch als subjekt, wunder wie
als adverb behandelt, wobei nun verben aller art sich mit der formel verbinden können, nicht nur solche des meinens und denkens; der charakter der fiktion und der falschen einschätzung bleibt aber erhalten und drückt sich dann gewöhnlich in einem als wenn-, als ob-
satz aus: es giebt noch eine art der wortspiele, darauf sich gewisse leute wunder was einbilden Gottsched
crit. dichtk. (1751) 253; als ob ich wunder was verrichtet hätte, zog ich hoch vergnügt dem dorfe zu G. Keller
ges. w. (1889) 1, 203; und da machen sie denn gleich aus dem floh 'nen elefanten und tun, als ob es wunder was sei Fontane
ges. w. (1905) I 6, 82; ich glaubte wunder welchen stein bei dir im brette zu haben Tieck
schr. (1828) 3, 280; euer bishof lärmte dem kaiser die ohren voll, als wenn ihm wunder wie! die gerechtigkeit an's herz gewachsen wäre Göthe I 8, 33
W.; Holtei
vierzig jahre (1843) 2, 164; die ältere staunte, als hätte sich ihre (
jüngere) schwester wunder wie verändert A. Seghers
d. toten bl. jung (1950) 529.
gelegentlich ist der fiktive charakter der aussage nicht ohne weiteres erkennbar: er thut mir wunder was!
multum vero mihi praestat! Serz
teutsche idiotismen (1797) 179
b; Meyer also, auf den er (
Goethe) nun einmal wunder welche stücke hält Th. Mann
Lotte in Weimar (1946) 85. II@F@4@dd)
in einer reihe von varianten und abwandlungen. II@F@4@d@aα)
vereinzelt wunder tun, als wenn
für tun, als wenn wunder wie,
zu c: über Niklas ärgere ich mich am meisten, denn der will wunder thun als wenn er mich lieb hätte Göthe I 12, 91
W. II@F@4@d@bβ)
in der wortfolge was wunder
statt wunder was,
kaum von dem ganz anders gemeinten was wunder
unter 3
her: er dünkte sich was wunder, wenn er als stadtvater und parteiführer mit schulden abschnitt H. Mann
d. untertan (1949) 439.
auch als zwischenform zwischen wunder meinen, was
und meinen, wunder was: nur damit die leute am zaun den kopf schütteln und raten, was wunder du vorhast Waggerl
Wagrainer tageb. (1936) 34;
vgl. 54. II@F@4@d@gγ)
unorganisch ist hier ein wunders
an stelle des alten acc. pl. wunder,
wohl ein erstarrter genitiv mit adverbialer funktion: es hat dich aufgeheitert, du warst heut morgen anders; noch als wir zum thor hinausgingen, sahst du vor dich hin, dasz ich wunders dachte, was es wäre Alexis
ruhe (1852) 57;
vgl. 176; wunders was für eine antwort Schmid-Noerr
d. drache über d. welt (1937) 200.
auch mit ausfall des was
oder wie: jünglinge ..., die wunders hoch in der rechnung bey ihren lieblein zu stehen glaubten maler Müller
w. (1811) 2, 52 (
vgl. auch: als ob mir's wunder gefiele
ebda 1, 144); als ... sie ihr ein neues spiegelein, drei groschen wert, verehrte, da meinte sie wunders zu haben Mörike
erz. 2134. II@F@4@d@dδ)
gelegentlich vereinfacht zur formel (sich) wunder denken, meinen (von, mit)
in der prägnanten bedeutung '
überschätzen'
oder '
sich täuschen': (
ich) war im horto medico ... sie meinten sich mit der sunjacanâ ... wunder viel Haller
tageb. 87
Hirzel; heute erzählte ich ihr die geschichte meines schwurs, und dachte wunder von der wirkung Klinger
w. (1809) 1, 405.
mundartlich: he meen wunner, he harr den kater bi'n stErt Mensing
schlesw.-holst. 5, 739.
vergleichbar: mit etwas wunder meinen '
darauf stolz sein' Fischer
schwäb. 6, 973. II@F@55)
in verstärkungsformeln und ausrufen. II@F@5@aa)
nicht gerade häufig, aber vom 15.
jh. bis in junge mundart durchstehend, in den beteuerungsformeln um (
alle)
wunder nicht, um kein wunder nicht u. ä. '
um keinen preis, auf keinen fall': si kein tier umb kein wunder nicht totten ... wan kein man kein juncfrawen umb kein wunder nicht nem, si hett denn vor versucht die welt mit andern mannen
Marco Polo in: cgm. 696
fol. 262
u. 278 (15.
jh.)
bei Schmeller-Fr.
bair. 2, 956; juncker, ich weis keinen heller zu wege zubringen vmb allen wunder H. J. v. Braunschweig
schauspiele 495
Holland; den zweiten theil der geschichte ... möchte ich um alle wunder nicht erleben Gellert
s. schr. (1839) 9, 199; Rother
d. schles. sprichw. 392.
vereinzelt in nicht negiertem zusammenhang: um aller welt wunder willen,
für um alles in der welt: und wer, um aller welt wunder willen, musz denn dieser zuvorkommende gewesen sein? Holtei
erz. schr. (1861) 3, 95. II@F@5@bb)
gottes wunder als fluch- und kraftwort. in älterem gebrauch vielleicht zu gottes (
d. i. Christi) wunden
gehörig, vgl. s. v. gott,
sp. 1107
f. und Fischer
schwäb. 6, 973: wunder botz, es ist vns etlicher masz not eins solchen menschens Boltz
Terenz deutsch (1539) 59
a; botz wunder hinden, du bist nit gar einfältig Guarinonius
grewel d. verw. (1610) 971;
vgl. Jacob Grimm
mythol. 41, 13.
jüngeres (
milderes)
kraftwort gottes wunder
wohl mit spontanem ansatz, vielleicht im anschlusz an den religiösen gebrauch A 1 b,
s. auch dazu s. v. gott,
sp. 1108: nun gott's wunder! laszt euch noch einmal betrachten Eichendorff
s. w. (1864) 4, 484;
vgl. 1, 249. II@F@5@cc)
im eigentlichen ausruf. II@F@5@c@aα)
als ruf des erstaunens über etwas ungewöhnliches, unerwartetes. gern mit vorgesetzter interjektion und meist selber als solche: wan mein hertz selbs (o wunder!) ist waicher oder besser kaum dan ein felsz oder dirrer baum Weckherlin
ged. 1, 414
Fischer; o wunder, wenn ein teufel wahrheit spricht! mehr wunder, wenn ein engel zornig ist
Shakespeare 9 (1810) 19.
gehäuft und verstärkt: ey wunder, wunder uber wunder! ... dein bawr geh schwanger mit eim fül (
sagt der judenarzt) Hans Sachs 21, 70
lit. ver. auch ohne jede beifügung: vnd wunder gleichsamb als wolte die erden disen stoltzen yberlast nicht mehr obsich tragen (
öffnete sie sich und verschlang den frevler) Brandis
ehrenkräntzel (1678) 154; wunder! seitdem du waltest im haus, erblickt man ihn nimmer Mörike
ges. schr. (1905) 1, 213.
manchmal mit ironischem beiklang: (
münch:) so müszen wir zur metten auffstehen und den halben tag vasten. (
edelmann:) ei grosz wunder, so musz ich die ganze nacht auf dem rosz halten
satiren u. pasquille 3, 107
Schade; Nicolai entdeckt die quellen der Donau! welch wunder! sieht er gewöhnlich doch sich nach der quelle nicht um Schiller 11, 123
G. so auch in der aus dieser gebrauchsformel hervorgegangenen verbalverbindung wunder schreien über etwas: und schlagt ihr nur ein bischen d'rein, so schreit man wunder über eure tapferkeit Bauernfeld
ges. schr. (1871) 5, 43; Grässe
sagenb. d. pr. staates 1, 113. II@F@5@c@bβ)
ungewöhnlich als schwächere interjektion, etwa im sinne von '
ach!',
bei J. H. Voss: wunder! (
ὤ πόποι) wie haben die götter doch den (
Telemach) vom verderben errettet! (
spricht Antinous zu d. freiern, nachdem ihnen Telemach entwischt war)
Odyssee 303
Bernays; ders., s. ged. (1802) 2, 61.
kompositionstypen. wunder
komponiert sich als erstes wortglied nicht selten schon im ahd., sehr häufig im mhd. (
vgl. Graff 1, 901; Lexer
mhd. wb. 3, 988
ff. und unten komp.-typen bes. unter A 6 a
u. b).
im nhd. ist die bildungsbreite nahezu unbegrenzt, was bei lexikographen wie z. b. Stieler
oder M. Kramer
dazu führt, dasz sie bildungen ansetzen, für die ein literarisches leben kaum vermutet werden darf. gewisse stilschichten oder literarische epochen bedienen sich für bestimmte ausdruckswerte mit vorliebe der wunder-
komposita (
s. z. b. komp.-typen A 5 b
β;
γ),
schriftsteller wie z. b. Brockes
machen, im rahmen dichterisch und religiös gesteigerter naturbetrachtung, von ihnen einen geradezu uferlosen gebrauch. von den mehr als anderthalbtausend belegbaren zusammensetzungen mit wunder-
im ersten wortglied sind etwa zwei drittel substantiva, die restlichen zum gröszten teil adjektiva, wobei diese im wesentlichen auf bestimmte grosze gruppen beschränkt bleiben (
s. komp.-typen A 5 b; 6 b).
verbale bildungen erscheinen entweder als substantivierte infinitive oder als adjektivisch gebrauchte partizipia. andere formen sind durchaus ungewöhnlich, wie ein vereinzeltes: wyr haben ... wunderthan Luther 10, 1, 2, 169
W.; finite formen bleiben im rahmen stilistischer künstelei: das ... gott ... in dir wunderprang Q. Kuhlmann
kühlpsalter (1684) 1, 187; in denen du mit mir so wunderspilst
ebda 81.
die form der komponierung ist fast ausschlieszlich die fugenlose. in gewissen grenzen begegnet daneben zusammenfügung mit dem genitiv wunders-,
anscheinend vor allem dort, wo das grundwort genitivische rektion verlangt oder zuläszt: wundersvoll Rist
seelenparad. (1662) 2, 113, wundershalb(en), -(er) (
s. wundershalb, -halben, -halber), wunderswegen (
s. d.),
dies besonders dann, wenn wunders-
für ein wunderns-
im sinne von '
des staunens, des bewunderns'
steht oder stehen könnte wie in wunderswerth Steinbach
dt. wb. (1734) 2, 981, wunderswürdig (
s. d.).
die mundart oder die von dort her gefärbte literatur kennt die verwendung namentlich dort, wo wunder
ein adj. oder adv. verstärkt, vgl. wunderseinmal Hentrich
Eichsfeld 104, wundersleicht Rosegger
wildlinge (1905) 230, wunderswichtig Regel
Ruhla 126, wunderswohl Stelzhamer
ausgew. dicht. (1884) 3, 270,
vgl. auch wunders grosz H. Fabricius
auszug bewerter hist. (1599) 146.
für sich stehen wundersgeschrei br. Grimm
dt. sagen (1891) 1, 139
und wundersmann (
s. wundermann).
über mhd. formen mit -n-
in der fuge s. unter komp.-typen A 6 b. AA.
die mehrzahl der in typen sich zusammenschlieszenden komposita mit wunder
als erstem wortglied ist durch eine spezifische bedeutung des wortes wunder
bestimmt. A@11)
im bereich der weitgespannten religiösen anwendung wunder II A
bilden sich auch entsprechende gruppen von zusammensetzungen. A@1@aa)
in der beziehung auf ganz bestimmte biblische wunder: wunderbusch: wunderpusch Männling
poet. blumengarten (1717) 186,