wunderglaube,
m. 11)
zunächst soviel wie '
starker, auszerordentlicher glaube',
nur älter und auf religiösen gebrauch beschränkt: Abrahams vnnd des hauptmans zu Capernaum grosser glaube, sind wunderglauben, vnd sonderliche gaben gottes, die nicht jederman gegeben sein Mathesius
Sarepta (1571) 52
b; Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1401
b. 22)
ein glaube, der wunder bewirkt, zu wundern fähig ist; im anschlusz an bibelstellen wie Matth. 17, 20;
1. Kor. 13, 2,
von der bedeutung 3
heute verdrängt, vgl. Campe 5 (1811) 786
a: denn es ist ein wunderglaube, oder ein glaube der da wunder thun kan Mathesius
erkl. d. epistel a. d. Corinther (1591) 1, 273
a; dasz er (
gott), wenn er durch einen menschen ein wunder wirken will, ihm in dem augenblicke einen göttlichen blick in die seele strahlen läszt, in welchem der wunderthäter erkennt, er werde kraft haben, das wunder zu verrichten ... dies ist eigentlich der wahre wunderglaube Jung-Stilling
s. schr. (1835) 6, 96. 33)
vor allem der glaube an wunder, der glaube an die tatsächlichkeit oder möglichkeit der wunder als übernatürlicher geschehnisse, in religiöser oder, entspr. wunder II B,
auch in auszerreligiöser beziehung; vor dem späten 18.
jh. nur vereinzelt belegbar. 3@aa)
als neutral benanntes und gewertetes phänomen: ist vernunft nicht das erste wunder, worauf aller wunderglaube an auszerordentliche erscheinungen und seltenere ausnahmen der noch seltsameren regeln beruht? Hamann
schr. (1821) 8, 379.
in der beziehung auf eine bestimmte situation oder ein bestimmtes ereignis: (
Daniel in der löwengrube hat) unterdess sein sach gott heim gestellt, mit heroischem wunderglauben (fide miraculosa passiva) Dannhawer
catech.-milch (1657) 2, 180; (
den kathol. glauben) haben und bewahren bis hin zum wunderglauben an die transsubstantiation Dittrich
gesch. d. ethik (1923) 3, 12.
etwa wunder II B 3
gemäsz auf natürliche vorgänge übertragen: nun brauchts wunderglaube, zu glauben, dasz ich dich und deine frau mit Pfenninger sehen werde Lavater
an Herder in: aus Herders nachlasz (1856) 2, 107
Düntzer-F. G. Herder. 3@bb)
prägnant abwertend im rahmen aufgeklärter weltansicht, die die möglichkeit von wundern leugnet, den glauben daran als rückständig, abergläubisch und unwissenschaftlich beurteilt, vgl. wunder II C
und die auseinandersetzungen um den wunderglauben Lavaters: (
Lavater) hielt bis jetzt Jesum Christum für wahren gott, daraus flieszt sein wunderglaube; findet er den falsch, so ist das andre extremum Spinozismus (1786) Lichtenberg
br. (1901) 2, 283; in einem wissenschaftlichen zeitalter, wie das unsrige, ... hat es mit dem ... wunderglauben so grosze gefahr nicht Schreyvogel
ges. schr. (1829) 1, 2, 84; der wunderglaube, der noch auszerdem den geist verdunkelt und erniedriget, gefährdet das moralische gefühl Platen
w. 2, 162
Hempel; die genesung von jener intellectuellen gehirnentzündung, welche man wunderglauben nennt Kürnberger
siegelringe (1874) 333.
von da her in typischer verbindung: aus der dumpfen welt des wunder- und hexenglaubens Storm
s. w. (1900) 2, 8; (
Lichtenberg) war aller schwärmerei so sehr verfeindet, von allem wunder- und aberglauben bekanntlich so weit entfernt, dasz er als ein hauptgegner ... der thörichten propheten und wunderthäter ... öffentlich vorgetreten war Gervinus
gesch. d. dt. dichtung (1853) 5, 163. 3@cc)
in anderer kritischer sicht nimmt wunderglaube
etwa den sinn von '
sucht nach wundern'
an und wird hier, z. t. unabhängig von der frage nach der möglichkeit von wundern, als eine religiös inferiore haltung gewertet: wunderthäter und teufelsbanner waren damals allenthalben, so dasz Jesus die mühe nicht verbarg, die ihm dieser ihn verfolgende wunderglaube machte Herder 19, 173
S.; (
Cromwell) forderte sie (
die geistlichen) auf, von bilderdienst, wunderglauben und wallfahrten abzumahnen Ranke
s. w. 14 (1875) 153. 44)
schwärmerischer glaube an das auszerordentliche, abenteuerliche, phantastische, aber nicht mehr oder nicht nur in der beziehung auf übernatürliches; so gelegentlich in jungem gebrauch: wunderglaube! blaue blume, die verschollen jetzt, wie prachtvoll blühte sie im menschenherzen zu der zeit, von der wir singen! (
der ritterzeit) Heine
s. w. 2, 125
Elster; Treitschke
hist. u. polit. aufs. 52, 29; wie trübe und verworren waren im ganzen mittelalter ... die abendländischen vorstellungen vom Orient, wie machte auch da die macht der fabel des phantastischen wunderglaubens sich geltend! da glaubte man an den priesterkönig Johannes Döllinger
akad. vortr. (1888) 2, 343. —