tosen,
vb. ,
ahd. dôsôn,
mhd. dôsen,
gehört zur germ. wurzel þus,
die sonst nur im anord. þausn
f. (
lärm, stürmischer tumult, handgemenge), þyss
m. (
lärm, erregung einer menschenmenge)
ua., s. Falk-Torp 188,
u. im ags. þys
m. (
sturm), brim-, mere-, wæterþyssa (
meer-, wasserdurchtoser), mægenþysse (
kraft)
s. Holthausen
in idg. forschg. 20, 326
fortlebt. sie scheint mit germ. þut-
zusammenzuhängen (
in mhd. diezen
vgl. o. unter tos,
m. auch dôz, tosz
m.).
nach Walde-Pokorny 1, 707
steckt in þus-
und þut-
die grundwurzel þu (
idg. teva:tu) '
schwellen, stark, dick sein'.
weitere jedoch unwahrscheinliche ableitungsversuche bei Osthoff
morphol. unters. 4, 169
f. anm.; bei Walde
lat. et. wb.2 s. v. tundo
und tussis
sowie Boisacq
dict. et. grec. s. v. τυτώ.
der dental im anlaut ist ahd. und mhd. d. dafür ist nhd. t
eingetreten, vgl. Paul
dtsche gram. 1, 322,
wohl durch den lautmalenden character des wortes; in den wbb. des 16.
bis 18.
jh.s überwiegt t
von Schöpper
bis Steinbach. d-
und t-
belegen nebeneinander Dasypodius (78
a—439
a; 141
b), Calepinus
undec. ling. (1605) (923—587), Stieler (325)
und Henisch (737).
von ende des 18.
jh.s ab herscht in der literatursprache t.
heute begegnet d
nur mundartlich (Schmeller-Fr. 1, 547; Schöpf 87; Fischer 2, 287; Schmidt
els. 67
a;
in der Schweiz doch wohl nur t,
trotz Stalder 1, 292).
umlaut des ô
bezeugen die meisten wbb. des 16., 17.
und beginnenden 18.
jh.s von Dasypodius
bis Steinbach. o
neben ö
findet sich bei Frisius (849
b; 1225
b—48
b; 849
b uö.)
und Henisch (737), o
bei Schöpper (34
a), J. Maaler (404
c), Kramer (2, 1101
c)
und Dentzler (2, 288
a).
der umlaut hat sich bis heute im Elsasz gehalten (Martin-Lienhart 2, 720; Schmidt
els. 67
a).
gel. begegnet die ö-
form in der schriftsprache (tösend Tieck 20, 290;
vgl.ertöst Kosegarten
poes. 1, 48).
der umlaut ist wohl nicht durch anlehnung an getöse
entstanden, das dôz
nach der mhd. zeit verdrängt, sondern auf die neben dôsôn
anzusetzende jan-bildung zurückzuführen, vgl. an. þeysa =
vorwärtstreiben, vorwärtsstürmen. daneben ganz vereinzelt eine û-
form: spätmhd. diphthongiert ez taust:faust Wittenweiler
ring 40, 2;
auch nd. dūsen,
vgl. Mensing 1, 920
s. u. mundartlich erscheinen formen mit -ss-: dôssen Schmeller-Fr. 1, 547; tôssn, tôassn Lexer
Kärnt. 65; tossen Unger-Khull 163
a; tōsen, doossen Stalder 1, 292 (
vgl. mit -ss- Bachmann
beitr. z. Schweizerdtsch. gramm. 4, 51; 7, 192; 8, 77
und 81; 10, 189
und 199).
vorher ist -ss-
nur bei Hulsius
bezeugt (tOessen 248
b);
lediglich im auslaut steht ss
bei Dasypodius (ich dOess 78
a neben ich tOese 141
b);
bei Frisius er tOeszt 1246
b.
sind diese formen mit -ss-
von mhd. dôzen
abzuleiten? der subst. inf. das tosen
tritt neben getöse
anstelle von mhd. diez, duz, dôz
und nhd. tos
und nimmt dadurch an selbständigkeit zu. zuerst bezeugt bei Forer
Gesners thierb. (1583) 65
a: zuo dem pfeisen und thosen der oren nimm rechgallen; Dentzler (1716) 2, 288
a das tosen
fremitus, sonitus. seit ende des 18.
jh.s durch bedeutung u. häufigkeit des gebrauchs vom verb nicht geschieden. daher im folg. nicht von ihm getrennt. bedeutung und gebrauch. tosen,
vom ahd. bis gegen ende des 16.
jh.s wenig bezeugt, zuletzt bei Ph. Bech
Agricolas bergw.-b. (1557) 90; Wickram 6, 8
B.; Forer
thierb. (1583) 65
a; Stumpf
Schwytzerchr. (1606) 439
a,
ist im 17.
u. anf. d. 18.
jh.s liter. tot u. nur lexikal. zu belegen, vgl. Henisch 737; Hulsius 248
b; Schottel
haubtspr. 1432; Stieler 325; Kramer 2 (1702) 1101
c; Rädlein 882
a; Dentzler 2, 288
a; Steinbach 2, 827,
allein in den maa. wird es gelebt haben. ende des 18.
jh.s erscheint es wieder in poetisch gehobener sprache: Pfeffel
poet. vers. 4, 113; Kosegarten
poes. 1, 121; 1, 185; 2, 37.
im 19.
jh. besonders von Rückert
verwandt. in der modernen umgangssprache selten, dagegen lebt es in den obd. maa., im bair. (Schmeller-Fr. 1, 547; Lexer
Kärnt. 65; Unger-Khull 163
a),
schwäb. (Fischer 2, 287),
elsäss. (Martin-Lienhart 2, 720)
und schweiz. (Stalder 1, 292; Tobler
appenz. 148
a; Hunziker
Aarg. 56).
in Schwaben (tosme
n daosəmə Fischer 2, 288)
und Tirol (tôsmen Schöpf 747)
eine erweiterte bildung tosemen. tt.
bezeichnet ein geräusch, das sich über eine längere zeitdauer erstreckt (
i. gegs. zu krachen),
das anschwillt, sich wiederholt, das die am nächsten stehenden synonymen brausen
und rauschen
an stärke übertrifft. der gebrauch ist intransitiv, transitiv nur als dichterische freiheit, z. b. Freiligrath
w. (
New York 1858) 6, 305: bis ... er ... in die ... meerfluth Paris sich stürzen kann. was wird sie ihm zu tage tosen? II.
ursprünglich bezeichnet tosen (
wie dôz, tos)
die geräusche des bewegten wassers und des sturmes: flatibus sonori euri fone dien dosonten uuinden Notker 1, 87
P. das sprachgefühl empfindet noch heute das wort als lautmalerei, die die aussprache oft durch scharfe accentuierung des anlautenden dentals u. schwellung des o
wiederzugeben sucht, u. zw. bes. von derartigen geräuschen in der natur. dementsprechend ist tosen
im nhd. —
mhd. ist es spärlich bezeugt, s. Lexer 1, 454
sowie u. II 1 a
u. b —
meist in dieser bedeutung verwandt. I@11)
vom bewegten wasser: die wasserflüsz tosend, die wasserflüsz erhebend ire wAellen
Züricher bibel (1531) 2, 40
a; die tosende wasser oder bäch oder flüsse so sie überlauffen Ph. Bech
Agr. bergw.-b. (1557) 90; des wandrers, der am tosenden strom auf zu der hütte sich sehnt Göthe 1, 281
W.; wie anders hört das sich an, wenn das wasser in mächtigem sturze tooszet und brieschet: rauscht wie beim sturm im wald Friedli
Bärndütsch 3, 9; do dücht em meist, dat droehn un dus as wenn de floth vun widen sus Groth
ges. w. 1 (1898) 209; ein friedlich meer bespület hier korallen, und brandungs-tosen hör ich fernher hallen Chamisso
w. 6 (1839) 278
Hitzig; vom strudel: hört, wie der abgrund tost, der wirbel brüllt Schiller 14, 370
G.; hinter dem sinnverwirrenden strudel, der tosend vor ihm hinabstürzte Storm 7, 374
Köster. im vergleich: Irrgang fühlte sein blut wie einen tollen strom durch hals und haupt tosen H. Watzlik
Phönix (1916) 161.
bildlich: ihm ward ein wunderbarer frieden, wie wild des lebens brandung tost Geibel
ged. (1850) 340. I@22)
vom wind und unwetter: die nacht ist finster, schwül und bang, der wind im walde tost Lenau (1855) 1, 19
Grün; nur das tosen des sturmes und das rauschen des wassers war zu hören Storm 7, 372
Köster; vgl. windestosen
F. W. Weber
Dreizehnl. 16, 29; im fernen schosze des abgrunds dumpfe gewitter tosend sich zu erzeugen Göthe 16, 46
W.; wenn die wolken gethürmt den himmel schwärzen, wenn dumpftosend der donner hallt Schiller 14, 106
G.; dreimal nach des winters tosen kamen schneeglock und violen Rückert 1, 361.
mundartlich so auch unpersönlich: '
wenn also von den bergen her ein fürchterliches gewitter heranstürzt ... und sich in schlossen oder in einem wolkenbruch entladet und wenn bey der allmähligen herannäherung desselben das rauschen sich verstärkt: so bedient man sich einzig und nur in diesem falle des klangwortes: es toset' Stalder 1, 292;
ebenso ghörst wis toset Hunziker
Aarg. 56; das wetter (es) toset:
wenn man in der ferne schon schloszen fallen hört; synonym es kocht Fischer
schwäb. 2, 287;
vom winde: erhebt es sich zu der vollen stärke des föhns, so jurneds oder tooszeds dem Älpler zum wetterzeichen Friedli
Bärndütsch 2, 123;
abgeschwächt: ã pissl tôssn
fein regnen Lexer
Kärnt. 65.
bildlich: hinter dir ein nächtlich tosen, vor dir heitrer morgenhimmel
F. W. Weber
Dreizehnl.136 (1907) 352. I@33)
auch von anderen elementarischen erscheinungen: die lawinen ... toseten und krachten Hebel 2, 196
Beh.; vgl. Friedli
Bärndütsch 2, 67; der berg fieng an tosen und brennen
schweiz. schausp. des 16. jh.s 2, 157
Bächt.; ausbrüche des tosenden vulkans Pfeffel
pros. vers. 3, 16. IIII. tosen
wird schon mhd. auf nicht elementarische geräusche übertragen. II@11)
mit dynamischem element. II@1@aa)
meistens von einer menschenmenge. von der zum turnier aufziehenden ritterschaft: sus gieng ez allez dôsen. ezn dorfte niemen kôsen dem andern in sîn ôre
Reinfried von Braunschweig 817; durch das umwölkte, staubende tosen drängender krieger Göthe 15, 1, 185
W. (
Faust 8702); (
Lucifer zu seinen getreuen:) thuond, allsam seyt ir tobendt, tosen und stellend euch, als werdt ihr rosen, damit die umbstender (=
zuschauer des geistlichen spiels) die sprüch nicht hören! Wickram 6, 8
Bolte; das (
die feiernde zwergenschar) toset und koset so lange, verschwindet zuletzt mit gesange Göthe 1, 180
W.; das volksgewimmel füllte tosend mit geschrei den steindamm Platen 2, 511; da trat ein mann ins tosende gedränge Geibel
w. 1, 198 (
Cotta 1893);
hierhin auch bei meist poetischer incongruenz des gramm. u. log. subjects fälle wie: mag des aufruhrs wuth, leides nimmersatte wuth tosen nie in diesem land Droysen
Aeschylus (
21841) 203.
bes. bei äuszerungen des beifalls oder der entrüstung: rauschend, tosend brach der beifall nach der atemlosen stille los G. Keller 5, 253; wenn drob des lobes wolken qualmen, das volk für sie begeistert tost St. George
bücher der hirten7 59; wenn ein vorschlag an der landgemeinde sehr miszfällt, so tosets gewöhnlich Tobler
appenz. 148; wir haben einen bergbrunnen überkommen ... es wird keiner von euch dawider schelten und tosen? Scheffel 2, 148; da fingen die herren an zu tosen, schimpften den doktor einen argen wicht Körner
w. 2, 160
Hempel. so auch sonst von stimmen und geschrei: ihr gesang war ... tosendes pfaffengebrüll Schubart
ästh. d. tonkunst (1806) 35; ein verworrener schwall von ... verschiedenen tosenden stimmen Eichendorf 2, 7;
in dichterischer freiheit: sie verlieszen das tosende zimmer (
eigtl. die zechgesellschaft) Heine 3, 64
E. gelegentlich auch von der besonders starken stimme eines einzelnen: (
ein riese von einem mann) begrüszt ihn mit tosender stimme Handel-Mazzetti
Jesse und Maria (1915) 67. —
so auch bildlich: (
des helden, der auf die welt kommen soll) ruf (
fama) wird auf zwei meilen weit tosen (
als prophezeiung gesagt) Görres
heldenbuch von Iran (1820) 111. II@1@bb)
vom schall lauter musikinstrumente: so wühlet, stürmet, tost im meer der liebe die orgel mit der töne brünstgem zorne Immermann 15, 136
B.; laszt die feuerglocken tosen Grabbe 1, 25
Bl.; bei trompetenklang und bei der pauke tosen Geibel
w. 1, 172 (
Cotta 1893);
vgl.das schmettern und tosen deiner begeisterung B. v. Arnim
Günderode 1, 194;
von lärmenden maschinen u. dgl.: bald tost seine gute maschine wieder in die nacht hinaus
Berliner nachtausgabe 14.
jan. 1930;
neuerdings gern vom lärm der groszstadt: die tosende, vom leben durchjagte weltstadt
dtsche rundschau jan. 1930, 60; verkehr tost um jahrhunderte altes gemäuer an der Pauluskathedrale in London
die woche (1930) 3, 79;
ähnlich: es ruht die welt in schweigen, ihr tosen ist vorbei Kinkel
gedichte (
61857) 186. II@22)
abgeschwächt ohne das dynamische element, vom ohrensausen: ist daz dem siechen diu ôren kalt sint unde val unde sie ime vaste dôsent, daz ist des tôdes zeichen Berth. v. Regensburg 509, 39
Pf. —
sonant aures die oren singend oder tosend Frisius (1556) 145
a; die ohren tosen mir
aures strepunt Dentzler (1716) 2, 288
a.
vom geräusch, das durch die anwesenheit eines menschen in einem raume verursacht wird: ich gedacht in minem sin: da ist nayswer in. ich tät mich hinzu und lost, ob ieman darinne dost. ich hort noch sach niemann
Laszbergs liedersaal 1, 134. II@33)
in allgemeinerer bedeutung z. th. ohne das akustische element: die pferde ... schnauften und tosten; die ganze masse war ... in flutender bewegung Göthe 33, 69
W.; sieht er (=
der wanderer) ... dort, wo einst ein mächtger (
Karl d. Gr.) toste, ödeland, ein grab und trümmer
F. W. Weber
Dreizehnl. (
1361907) 232; o du wüste dirne! immer toset es in ihrem hirne Immermann 14, 136
B.; es ist ein wimmelnder tosender ameisenhaufen
die woche (1930) 2, 48, 4.