schneien,
verb. schnee geben, als schnee fallen. II.
formelles. I@11)
das westgermanische, auf snigv
als die grundform des stammes zurückführende verb, ags. snîwan,
mnd. snîgen
und snîen,
ahd. snîwan,
mhd. snîwen, snîgen, snîhen
ist nicht ableitung vom subst. schnee,
sondern steht zu dieser bildung im ablaute; urverwandt ist litt. snìgti,
zend. sniž
schneien, weiterhin lat. ninguere,
griech. νίφει es schneit, vergl. Kluge
5 333
a nebenher läuft eine seltenere unmittelbare ableitung von schnee,
das verbum schneen,
prät. schneete,
in der täglichen rede norddeutscher gegenden, das sich auch in andern dialecten wiederfindet: niederd. in Holstein sneen
und sneien Schütze 4, 139;
ostfries. snêen, snêien ten Doornkaat Koolman 3, 242
b;
alemannisch schnêije, schneije Hunziker 227. Seiler 260
a;
niederl. sneeuwen,
ningere, het sneeuwt
ningit Kilian (sneeuw,
schnee);
ebenso steht altnord. snjáfa, snjófa
schneien zu snjár, snjór
schnee. die alten formen des wortes treten noch in mancherlei nachlängen heraus. ein aus mhd. snîwen
entwickeltes alemannisches sniuwen
hat elsässisches schneuen
ergeben: das unglück schneüt und steint mit armuth, hungersnoth, mit krieg und bösen zeiten. Rompler 72;
auch hessisches geschnauwen
geschneit (Pfister
nachtr. 262)
geht auf älteres snûwen
für sniuwen
zurück; sonst hat sich snîwen
im bayrischen in schneiwen
umgesetzt (Schm.
2 2, 563; schneiwen, schnaiwen Frommann 3, 240. 392),
häufiger jedoch mit verhärtung des w
in schneiben,
das sich schon ahd. durch snîbit
ningit (Graff 6, 852)
ankündigt, und sich sonst seit dem 14.
jh. auch in angrenzenden sprachgebieten zeigt: ningere sneyben, schneyben Dief. 581
a;
schwäb. schneiben Schmid 474; hueb darnach an zu schneiben.
d. städtechr. 5, 182, 7; und schneibet also zwen gantz tag und zwu nacht. 183, 24; es tet grosz platzregen, dundret plitzt schneibt. Aventin
chron. 1, 395, 16; wos regnet, schneibt und ungewitter was. 434, 25; es regnet oder schneibet, so galts in gleich. 2, 384, 4; widerumb so es winter ist, schneybt und regnet. S. Franck
güldin arch (1538) 267
a; so muesz er auff bloszem nassen boden ligen, auff jhn regen und schneiben lassen. Ferd. II. von Tirol
spec. vitae hum. 16
neudruck; wan eʒ regnet oder sneibt (: treibt). Teichner A 110
a; als man .. rot rosen siecht sneiben.
Erlauer spiele 4, 580;
selbst p
für b: es schneipt,
ningit Aventin
werke 1, 479, 18.
anderwärts tritt als stammschlusz h
oder g
auf: ningere snihen, snigen, schnihen, schnigen Dief. 381
a; eines mâles hate iʒ sêre gesnîget.
d. myst. 1, 215, 3;
vgl. auch nachher die Prudentiusglosse unter 2,
und mnd. snighen, snygede Schiller-Lübben 4, 276
a. I@22)
die conjugation des wortes ist im mhd. wie im mnd. schwachformig; doch zeigt sich schon früher starke form: [
Pyrenas]
ninguidos, versniegun perga (
für versnigan?)
Prudentiusglosse bei Steinmeyer-Sievers 2, 435, 56;
erst nach dem mhd. aber in häufigeren beispielen: und was ain kalte nacht und schnib darzuo.
d. städtechron. 23, 70,
anm. 1; dasz es in der zeit auf die stund schnib und kalt was. 429, 4;
bis in die neuere sprache hinein, namentlich auch im part.: in einem winter, da es geschnihen hett. Bebel
fac. (1589) 301
a; mir folgete eine weisze fahne mit einem doppelten adler, welcher von allen orten und winckeln gleichsam volck zuschnie.
Simpl. 2, 103
Kurz; dieweil es schon so vil tag her so vil staub geschnyhen. Weckherlin 866; dein grab das müsse blühen, mit lilgen gantz verschnien. Fleming 332; wenn nicht just um dieselbe zeit, da hier Theognis tragödien gab, ein ungeheurer schnee das ganze Thracien eingeschnien hätte. Wieland
übers. der Acharner, 1.
act, v. 145;
von Frisch
als seltenere form gekennzeichnet: schneyen, hat bei einigen im imperf. es schnie, im perf. es hat geschnien, man braucht es aber regular, es schneyete, es hat geschneyet. 2, 213
a;
während Gottsched
das umgekehrte berichtet: es schneyt, es schnie, geschnien: doch sagen auch einige, es schneyete und es hat geschneyet.
sprachk. (1762) 342;
von Adelung (
und nach ihm von Campe)
werden die formen es schnie, es hat geschnien,
als oberdeutsch, das part. geschnigen
als niederdeutsch aufgeführt; heute nur mundartlich: bair. schniw
neben schneiwet, geschniwen
und geschneibt. Schm.
2 2, 563;
in Kärnten part. geschniwen Lexer 223, geschniben Frommann 5, 252, 2;
niederd. part. snîen
und snigget: das was mi in de hand snîen (
kam mir ganz gelegen),
und dat was mi in de hand snigget. Woeste 246
a.
das von Gombert
bemerkungen und ergänzungen zu Weigands wb. 1877
s. 15
verzeichnete part. geschneien
ist eine ganz vereinzelte erscheinung. I@33)
umschriebenes prät. gewöhnlich mit haben: es hat geschneiet:
dafür älter auch es ist geschneiet: wenn sie gen Kulmbach wollen und das es vast gesneit ist.
d. städtechron. 2, 79, 5; sîn ros von wîʒem schûme lac reht als eʒ wære gesnîet (
als ob es geschneit hätte).
Virg. 311, 10. IIII.
bedeutung und gebrauch. II@11)
in eigentlichem sinn, unpersönlich: es schneit;
non ninguit, ni snîuuit Steinmeyer-Sievers 2, 639, 56; eʒ regente oder eʒ snîte, wê was ie den vil edelen kinden.
Gudr. 1218, 4; eʒ wæe, eʒ regen, eʒ snîe. H. v. Laber
jagd 291; do kom nachtz ain groʒʒer wind und des tages weet es auch und ward schnyen und regen.
d. städtechron. 4, 107, 21; wann es schneibet, zuhand zergieng der schnee wider. 5, 186, 8; wens vom Libano herab schneiet.
Jer. 18, 14; und gepar sich Maria zu weihenachten ynn kalder zeit, es hatte geschneit.
bergreihen 32, 3
neudr.; am andern (
tage) schneit es frühe stark, das feld ward schnell mit schnee bedecket. Brockes 7, 560; doch regnet', stürmt' und schneit es nicht. 565;
mit angabe des objects: es schneit grosze flocken; bey dem stärksten hagel-schneyn erndet unschuld rosen ein. Günther 92. II@22)
mit benanntem subject: darnach Simon und Judas (28. octbr.) schneien werden. Luther 6, 20
b; ein kalter schneiender regnender sturm. J. Paul
Hesp. 4, 118; der andre winter schneyt den bergen auf das haupt. Günther 516; kein nord kan so viel schneyn. 710. II@33)
uneigentlich, von dicht wie fallender schnee herzukommenden dingen. II@3@aa)
im vergleiche: man schôʒ unde warf ûf sie alsam eʒ snîete.
pass. 265, 29
Köpke; mit object: es schneite flüche, verwünschungen; wens gleich eitel bischove, Emser, Eck und bepst regenet und schneiet. Luther 1, 376
a; und wenn es lauter copien, thiesacken, sebel, rapier, lange spiesz und doppelhaken schneit und regnet. Mathesius
Sar. 89
a; bisher hats lauter kreuz geschneit, lasz nun die sonne scheinen. P. Gerhardt 317, 71; es schneit rosen,
freuden im frühling des lebens: menschen haben, sind sie klug, ursach gnug, alle stunden mit zu nehmen, und so lang es rosen schneyt, sich der zeit klüglich zu bequemen. Günther 914;
aber auch als bild von etwas nie vorkommendem: wenns schneiet rothe rosen, wenns regnet kühlen wein.
wunderhorn 2, 83;
ähnlich: wenn es dukaten schneit,
vgl. theil 2, 1488; meint ihr, mir schneits dukaten? Pfeffel
poet. vers. (1816) 6, 51; und so's dukaten schneite, das wär mir eben recht. Geibel 1, 164. II@3@bb)
in älterer sprache auch es schneit mit etwas: vorhin da man lob und ehre davon hatte, da schneiet es zu mit almosen, stiften und testamenten. Luther 5, 397
a; es schneiet mit briefen hierher.
briefe 5, 204; da regnets dann eitel glück, .. da schneiet und hagelt es mit gelt zu.
Garg. 75
b. II@3@cc)
mit benanntem subject: vil banier mit tiweren sniten dâ kom an allen sîten, als ob dâ rîter snîten.
Willeh. 209, 12; die getouften rîter wânden daʒ dâ snîten rîter ûʒem luft. 425, 11; so schneiet eitel gnade und barmherzigkeit gottes. Luther 8, 281
b; auf bestimpten tag kam das volk, als ob es herzu schneiete. Henneberger
landt. 449; schwere streich .. welche ohne underlasz an allen orten seines leibes, auff jhn schnyen.
Amad. 149
Keller; wo von kanzeln, lehrstühlen, bücherschränken aller zeiten unaufhörlich die flocken der reinsten kalten ermahnungen schneien. J. Paul
Levana 1, 11; wenn auch die ducaten vom himmel schneiten. Kotzebue
dram. sp. 1, 19; so wünscht mein abschied euch mehr seegen und gedeyen, als flüche mir anitzt auf meinen buckel schneyen. Günther 1039;
zugleich mit object: bis die güldne zeit von neuem sich erbarmt, und gute frauen schneyt. 456; ich will nur mit gedult so lange witwer seyn, bis eine beszre luft wird fromme weiber schneyn. 1002; glaubten dich noch im süden weit, wo die orange blüten schneit. Geibel 2, 132. II@44) schneien,
sprichwörtlich und in redensarten: einem schneit etwas ins haus,
kommt unversehens; dieses glück schneite ihm so ins haus;
auch: da ist mir ein besuch ins haus geschneit; menschen schneien von überall her zusammen: nun! und wer merkt uns das nun an, dasz wir aus süden und aus norden zusammengeschneyt und geblasen worden? sehn wir nicht aus, wie aus éinem spahn? Schiller 10, 47 (
Wallenst. lager, 11.
auftr.); aus einer andern welt herein schneien,
fremdartig erscheinen: (
ich) hielt mich für geputzt genug; allein es währte nicht lange, so überzeugten mich meine freundinnen .. dasz ich wie aus einer fremden welt herein geschneit aussehe. Göthe 25, 56; er ist, wie in die welt geschneit. sein väterliches haus ist leer, sein vater, mutter, sind nicht mehr, und brüder, schwestern, sind zerstreut. Göckingk 1, 145;
zeichen des elendes ist, wenn es einem in die bude, ins haus, in den busen, in die schuhe schneit,
vgl. dazu bude
th. 2, 489, busen
ebenda sp. 565; es wird dir noch in die schue schneien.
frau Schlampampe leben 22; dasz ein Chapelain für dummheit schätze häufe, indesz es klügern oft durchs dach ins stübchen schneit. Göckingk 2, 151.