wunderkind,
n. ,
seit dem späten 16.
jh. 11)
ein kind übernatürlicher herkunft und artung, im sprachgebrauch der religion und des mythos. als eine bes. in der erbaulichen sprache des 17. u. 18. jhs. sehr geläufige bezeichnung für Christus als kind, den Jesusknaben, z. t. wohl die bedeutung 2
einschlieszend: darumb so laufft jr menschen all, zu disem wunder kinde Ringwaldt
evangelia (1581) D 4
b; da Simeon, der alte fromme greisz, das wunderkind auff seinen armen hält Stockmann
poet. schrifftlust (1668) 37; es ward aber disz wunderkind in einem stall gebohren Scriver
seelenschatz (1737) 1, 26
a; von ferner küste, unter Hellas heiterm himmel geboren, kam ein sänger nach Palästina und ergab sein ganzes herz dem wunderkinde Novalis
schr. 1, 41
Minor; am zaun ein gedränge von männern und frauen, die gespannt mit brennenden augen auf das wunderkind hinstarren (
auf einem altarbild) Dehio
gesch. d. dt. kunst 2 (1921) 179.
in mythologischem zusammenhang: Jacchos, den wir ... als das leuchtende fruchtbekränzte wunderkind ihres festzuges kennen Ed. Gerhard
akad. abhandl. (1866) 2, 186. 22)
kind, das übernatürliche wunder tun kann: was dis wunderkind (
Christus als kind) ... in seiner jugent fürgehabt habe, ehe er öffentlich zu predigen und wundern angefangen Gigas
postilla (1595) 1, 49
b; das wunderkind hat nun auch viele durch streichen, anblasen und zupfen geheilt Grässe
sagenbuch 1, 214. 33)
nur vereinzelt für ein kind, an dem gott wunderbar handelt: meine kinder, die mir gott gegeben, waren vom ersten anfange, und wegen der erhaltung im mutterleibe, rechte wunderkinder, und sind es noch in ansehung dessen, was gott an ihnen gethan E. H. graf Henckel
d. letzten stunden (1722) 2, 90; und weil gott das kind so unerwartet geschenkt hatte, ward es Reinald, das wunderkind, genannt br. Grimm
kinder- u. hausmärchen (1812) 1, 372.
[] 44)
kind, das ein naturwunder oder naturkuriosum darstellt: was müste wol das für ein wunderkind sein, das sich selbst säugen oder die mutter lehren wolte, wie sie es säugen solte? J. Scheffler
ecclesiologia (1735) 1, 194
b; das ist ja das wunderkind, das keinen vater hat (
ein uneheliches kind) O. Ludwig
ges. schr. (1891) 2, 621. 55)
vor allem für ein nach gaben und fähigkeiten ungewöhnliches, staunen erregendes kind, in grundsätzlichem anschlusz an wunder II E 6 b
α.
so in singulärer verwendung schon früh: recht schön an geists- und leibsgestalt bist du ein wunderkind gewesen ... dreyjährig kontest du schon lesen Weckherlin
ged. 2, 440
Fischer. auf gleicher linie, wenn auch in uneigentlicher bedeutung des zweiten wortbestandteils: keiser Otto, welcher umb seiner weiszheit willen mirabilia mundi, der welt wunderkind genent ward Herberger
d. geistl. wasserkrüglin (1610) 123.
in festem, prägnantem, häufig appellativischem gebrauch nach Ladendorf
hist. schlagwb. (1906) 347
seit 1726,
zunächst mit bezug auf Christian Heineken aus Lübeck, doch vgl. die noch unspezifische umschreibung bei Adelung
versuch 5 (1786) 302 (
anders Campe 5 [1811] 786
b).
für intellektuell frühreife kinder: das Berlinische wunder-kind eines schmidts (
vorher ist von Chr. Heineken die rede) J. D. Geyer
müsziger reisestunden gute gedancken (1735) 18.
discurs, s. 4; das Lübecker wunderkind, Christian Heineken getauft, das schon im ersten jahre mehr von der bibel auswendig konnte, als andere leute im letzten übertreten oder vergessen haben Jean Paul
s. w. 27, 167
Reimer; Storm
s. w. (1900) 7, 156; wie war der junge blosz früher ... ein reines wunderkind war er ... mit dreizehn jahren sekundaner. mit siebzehn hatte er's gymnasium durch Gerhart Hauptmann
einsame menschen (1891) 40.
bald dann auch in der bezeichnung künstlerischer, bes. musikalischer frühreife: William Crotsch, das musikalische wunderkind (
das im alter von 3
jahren die orgel spielte) (1779) Lichtenberg
verm. schr. (1800) 4, 434; 'die musikalischen wunderkinder', sagte er (
Goethe), 'sind zwar hinsichtlich der technischen fertigkeit heutzutage keine seltenheit mehr, was aber dieser kleine mann (
F. Mendelssohn) ... vermag, grenzt ans wunderbare'
Goethes gespr. 4, 148
W. v. Bied.; sie ist nun nicht unähnlich der mutter eines wunderkindes, einer jungen virtuosin, die alltäglich konzertiert Werfel
Bernadette (1948) 218.
auf anderem gebiet: nicht als ob ich mir einbilden wollte, ein scharfsinnig polemisches wunderkind gewesen zu sein (
mit dem widerwillen gegen das aufsagen von katechismusfragen); sondern es war einzig sache des angeborenen gefühls G. Keller
ges. w. (1889) 1, 95.
häufig in kritischer sicht: ein frühkluges wunderkind (ingenium praecox), wie in Lübeck Heinecke oder in Halle Baratier, von ephemerischer existenz, sind abschweifungen der natur von ihrer regel (1798) Kant
s. w. (1839) 10, 245
Hart.; die wunderkinder (
werden) in der regel flachköpfe Schopenhauer
w. 2, 274
Gr.; mir war von jeher blosze fertigkeit sehr zuwider, und sogenannte wunderkinder machten mir jedes mal einen schmerz Stifter
s. w. 4, 1 (1911) 85.
anders, und nur vereinzelt, für ein ungewöhnlich schönes kind: man sah in ihm ein wunderbares, ja ein wunder-kind, höchst erfreulich dem anblick, an grösze, ebenmasz, stärke und gesundtheit Göthe I 20, 341
W.; vgl. 41, 1, 262.
gelegentlich auch für ein dem kindesalter schon entwachsenes schönes mädchen: vettern und basen freuten sich, sie wiederzusehen, und gafften das (
aus dem pensionat zurückgekehrte) wunderkind an W. Hauff
s. w. (1890) 3, 10; W. Alexis
ruhe (1852) 1, 270.
oder sonst uneigentlich: ich bin ein sogenanntes wunderkind und unter der ganzen blase (
von künstlern) ist nicht einer, der auch nur eine ahnung von verwandter richtung hätte Stauffer-Bern
br. 56
Brahm;
vgl. dazu vorw. 14.
[] 66)
übertragener gebrauch des wortes von verschiedenen gebrauchsweisen her. zu 1: die gottheit enthüllt ihr wunderkind, den inneren menschen Loeben
lotosbl. (1817) 1, 11.
entsprechend 4: wollen die hohen herrschaften vielleicht die nie dagewesene naturmerkwürdigkeit, das wunderkind beider (
des reichsrates und des ministeriums in Wien), sehen — die östreichische freiheit? die östreichische einheit? Kürnberger
siegelringe (1874) 82.
zu 5: ein vogel mit goldschillerndem gefieder, des paradieses farb'ges wunderkind Gaudy
s. w. (1844) 2, 31. —