gebaren,
gebahren,
so und so thun, sich betragen, verfahren. II.
Form und verwandtschaft. I@aa)
im 16.
jh. auch noch einfach baren (
s. d.),
md. wie oberd. und zwar in prosa (sich fürstlich baaren Maaler 150
d),
mhd. bâren
wb. 1, 146
a,
gewiss auch ahd. pârôn,
gebildet von pâra (
s. unter gebar 3)
gleich pârida
geberde; mnl. baeren,
gewiss auch mnd. bâren.
das part. gebaret
kann auch zu baren
gehören, wie z. b. im folg. wol: etliche halten keiser Philippum für einen christen, die andern wöllen nit, sagen er .. habe nur dergleichen gebart. Avent.
chr. 224
a,
denn in seiner gramm. gibt er '
simulare, dergleichen parn' Schm. 1, 186 (
mhd. diu gelîch gebâren).
vgl. unter gebar 3, gebär 3. I@bb)
verstärkt ahd. kipârên, gibârôn Graff 3, 151,
mhd. gebâren,
mnd. gebâren,
mnl. nnl. gebaren;
s. dazu das subst. gebar
und die nebenform gebären.
das zu grunde liegende ahd. pâra
geberde, haltung, gestus, motus gehört zu ahd. përan
tragen, setzt aber ein refl. sich përan
voraus, wie unser heutiges haltung
zu sich halten, betragen
n. zu sich betragen
gehört, lat. gestus
zu se gerere, motus
zu se movere,
nur dasz für sich
auch der leib, die glieder genannt sein konnten, die ja mit sich
gemeint sind; als ein tragen ist die haltung auch bezeichnet z. b. in franz. se comporter, comportement,
engl. carry, carriage. I@cc)
vielleicht findet auch das bâr
der meistersinger (
das sie aus dem volksleben aufgenommen haben mögen)
hier sein endliches unterkommen, wenn es wirklich nach I, 1121
ein aus verschiedenen tönen zusammengesetzter gesang war, also eine art leich;
dieser ist ursprünglich ein tanz, eine tanzweise, und auch bar m. lebt noch ditmarsisch als tanz und tanzweise (Groth
quickb. 1853
s. 212).
der alte natürliche tanz aber ist in der that nichts als ein gebaren,
ein tragen der glieder (
die mienen nicht ausgeschlossen)
in kunstform gebracht. ein altes pâr
n. (
oder m.)
neben dem fem. pâra
ist ohnehin wahrscheinlich nach dem ahd. m. (
oder auch n.) gipâr
unter gebar;
es wäre dann von der bedeutung gestus (
das lat. besonders auch die kunstgeberde der schauspieler bezeichnete)
erweitert worden zu gesticulatio, mimus, mimischer tanz mit gesang neben leich
als hüpfendem tanze? ein schauspielerisches thun ist noch im nhd. gebaren
zu erkennen, wie bei Aventin
unter α,
s. mehr II, 2. IIII.
Gebrauch und bedeutung. II@11)
sich benehmen, sich halten oder verhalten: auch so will ich euch untergebn mein töchterlein von zweien jahrn, das lernt (
lehrt) reden und wol gebarn. Ayrer 195, 9
K., wol gebaren,
wie es das leben, die bildung verlangen, schon mhd. oft (
gegensatz übel gebâren
auch von traurigen, wie wol gebâren
auch von frohen); ein zorniger gebaret mit allen seinen gliedern zorniglich, die augen funkeln
u. s. w. Schottel 1137
a; wen er ersahe, der anders geparet, dann ihm gefiel, in den schosz er ein pfeil. Frank
weltb. 55
a; jung und alten, die ihn (
den magister als fastnachtnarren) sahen, verwunderten sich seiner, dasz er, der sonst die weisheit selbst war, ietzund so närrisch .. gebarete. Kirchhof
wend. 1, 170
Öst.; dasz ich mich frölich gegen dem jüngling erzeigen thu .. bisweilen auch mit herzlichem seufzen gegen im gebar.
buch d. liebe 234
d.
die letzten beispiele deuten schon auf ein angenommenes benehmen in gebaren,
wie auch folg.: du sichst an im, das er sich nicht fleiszt also zu gebarn, sunder das es ist ain ainfeltige lautere bewegung. Keisersberg
schif der pen. 30
b. II@22)
ausdrücklich von angenommenem gebaren
oder verstellung: do geborte der herzoge als ob er fliehen wolte.
Straszb. chron. 61, 1; welche (
gestalten) gleich als ob sie tanzten gebareten. Kirchhof
wend. 71
b; gaben im underrichtung, wie er vor den leuten gebaren solte. 406
b; er gebaret als ob er fast schwach were.
Aimon z iij,
verstellte sich so; in söllichem kam das geschrei (
gerücht) in die statt, do wollt iederman den neüwen herrgott sähen. do gabend si im ein eignes stüblein ein, mit underrichtung wie er vor den leüten gebaren sölte, lieszend doch niemants mit im reden. Stumpf 2, 456
b.
vgl. dergleichen baren
unter I,
a, es soll einer baren als förcht er ihm I, 1127
aus Fronsperger,
s. auch mnd. bêren (
gleich hochd. gebären) Sch.
u. L. 1, 243
b.
fläm. gebaren
und geberen,
sich so und so stellen, z. b. hij gebeerde te lezen,
that als ob er läse. Schuermans 140
b. II@33)
die 1.
bedeutung erweitert vom benehmen vor den leuten zum thun und handeln überhaupt: und ist gar schwer, in hohem glück demtig gebarn. Agricola
spr. 28
a; wie die leut gegen einander gebaren sollen. Melanchthon
corp. doctr. chr. Leipz. 1560
s. 87; wie geferlich und hinderlistig vor wenig wochen gegen gemainen stenden diser verain geparet. Schertlin
br. 55; ob er als unser freund und schutz-herr hier gebahre? Lohenstein
Cleop. 107, 127; zu Rom hatte Sylla zeither als ein herr über seine leibeigene gebahret.
ders., Arm. 1, 942; inzwischen aber möchte doch Melo seinen sieg verfolgen und über die ... Chauzen und Friesen nach eigener willkür gebahren. 2, 257. II@44)
besonders von verfahren in einem bestimmten falle: unser oberkeit .. würde .. ganz ernstlich und ungnädig gegen ihm gebaren. Kirchhof
mil. disc. 254.
daher auch mit faren, verfahren
in reimformel verbunden (
vgl. I, 1127 faren oder baren): ob sie es gleich nicht geraubt noch gestolen haben, so faren und gebaren sie doch damit, als hetten sie es gestolen und geraubt. Luther 5, 208
a; und allenthalben damit zu gebaren und zu verfahren. Ayrer
proc. 1, 7; so haben sie mit solcher gewaltsamen tate nicht gefaren noch gebaret als pfands recht ist.
mon. boica 25, 297 Schm. 1, 185.
auch mit andern sinnverwandten verstärkt, Schmeller
bringt bei mit seinem hab und gut nach seiner gelegenheit handeln und gebaren,
damit gut oder übel gebaren und hausen,
es war ein beliebtes canzleiwort, wie es schon in der mhd. rechtssprache erscheint, z. b.: bekennen die boten, daʒ dâ rechte gebârt sî,
rechtmäszig verfahren. Freib. stadtr. s. 232; dô gebârt man mit den achseln (
als balkenträgern) .. und der scholtheisz mit sîneme ûftretene wie vor (
angegeben).
Erfurter mühlenrecht, Michelsen
rechtsd. 119.
noch nhd. im rechtsverfahren: soll er abermal in die acht erklärt und mit ihm als einem vorsetzlichen todtschläger gebaret werden.
Danziger willkür 1598
hs. (
in gehandelt werden
geändert 1732
s. 59).
ebenso gebären 1,
c. II@55)
so besonders gebaren
mit einem oder etwas: so sollen e. k.
f. durchleuchtigkeit aufs erste mich verfolgen und verjagen, und die herren der universitet irs gefallens mit mir gebaren. Luther 1, 132
a; das einer solt nemen und damit gebaren seines gefallens, das nicht sein ist. 6, 490
a; (
herzog Georg) dazu damit (
mit einem briefe) öffentlich und frevelich gebaret seines willens. 4, 534
a; dasz mit diesem buch ... meiner ordnung (
anordnung) nach gebahret würde (
es sollte nicht bekannt gemacht werden). Schweinichen 2, 2; wie mit den gütern zu gebahren sein möge. 2, 204; wie mit den gefangenen gebaret wird (
überschrift). Kirchhof
mil. disc. 161; dank sei dir von herzen ... dasz der höllen stärke nicht nach meinem werke mit mir hat gebahrt. A. Gryphius 2, 274; tyrann, entweich und lasz die beute fahren, du must ja nicht mit engeln so gebahren. Hallmann
Theodorich 42; erzehlet, wie die angst mit uns elendiglich gebahret. 36. II@66)
im 18.
jahrh. erscheint es als veraltet (Rädlein, Ludwig
führen es gar nicht mehr auf, Steinbach
und schon Stieler
am ende des 17.
jh. nur das refl., s. 7)
und Adelung
bezeichnet es so, '
auszer dasz es von den kanzelleien noch zuweilen im andenken erhalten wird',
mit anführung eines Leipziger ratserlasses vom j. 1771.
später ist es aber von Göthe
wieder aufgenommen worden, eben aus dem canzleistil wie anderes, und eines seiner unentbehrlichen lieblingswörter geblieben: wie sie auf dem lande mit der gesellschaft gebarte, so that sie es auch hier. 26, 36; weil sie .. mit einem bequemen reichthum nach ihren fähigkeiten gar leicht gebaren können. 38, 237; wie ein philosoph (
Hegel) von dem, was ich meinerseits nach meiner weise vorgelegt, nach seiner art kenntnis nehmen und damit gebaren mö
gen. 32, 125,
gern so mit dem nebenbegriff der freien, unbeschränkten verfügung, des gebrauchs nach belieben u. ähnl.; ein freies walten der einbildungskraft, welche mit bestimmten und unbestimmten gestalten aller art nach freiem willen gebaren ... solle. 46, 116; mit worten statt handlungen zu gebaren. 46, 346; alle forscher .. fanden sich genöthigt, mit demjenigen, was die erfahrung ihnen dargebracht, so gut als möglich zu gebaren. 51, 288.
wechselnd mit gebahren,
z. b.: tüchtige menschen ergreifen sie (
die welt) ohne bedenken und suchen damit, wie es gehen will, zu gebahren. 22, 255; gestalten und gesinnungen .. mit denen er nach wilder wüster weise gutherzig gebahrte. 31, 62; sich von den gegenständen einen so deutlichen begriff zu machen, dasz er mit ihnen fertig werden und zu seinem und anderer nutzen damit gebahren könne. 25, 94; dasz man sich zuletzt in eine gewisse terminologie hineinstudierte und indem man mit derselben nach eigenem belieben gebahrte, etwas .. zu sagen glaubte. 25, 201; weil in glücklichem gedächtnis des corans geweiht vermächtnis unverändert ich verwahre und damit so fromm gebahre. 5, 31; mit diesem allen weisz ich zu gebahren. 41, 37; wie ernst das leben auch gebahre. 56, 52.
ihm nach brauchen es dann auch andere wieder, sodasz es wieder auflebt (
vgl.gebaren n.): herrscht er so uns an, so gröblich, da er unser noch bedürftig, wie als herr würd er gebahren? Tieck
ges. nov. 10, 305; dasz ew. ... uns doch toleranterweise mit dem ihrigen so nach unserer unschuldigen art gebahren lassen. Hegel
an Göthe, in dessen briefw. mit Reinhard s. 197,
eigner weise in gewähren
geändert Göthe 60, 78,
während 23, 125 (
s. vorhin)
mit bezug auf eben diese äuszerung Hegels gebaren
steht. II@77)
länger erhalten hatte sich das refl. oder mediale sich gebaren (
wie sich geberden),
als ob darin das uranfängliche sih përan (
s. I,
b)
wieder zu seinem rechte kommen wollte. auch mhd. schon einzeln sich gebâren
wb. 1, 146
b.
nhd.: sich meisterlich gebaren,
personam magistri sustinere, sich für ein meister ausgäben. Maaler 158
d; sich gebaren und etwar nach richten,
comparare se. das.; ee dann aber die botten von Appenzell, die uff der straas werend, kummen mögen zum landvogt, habe er sich (
so) geparet das .. usz den 4 höfen by 400 mann zamen geloufen. Bullinger 2, 335,
von einer art lärm machen wie es scheint; (
solche dichter) die durch vieler jahre wissen, die durch vieler jahr erfahren innerlich sich schön und hurtig, voller geist und witz gebahren. Logau 3, 5, 77. sich gebaren,
sich betragen, von geberden wie von allen sittlichen handlungen. Adelung.
auch diesz neuerdings wieder, in mundarten wol fortgeführt: ja sie, die mit thurmhohem toupet so stolz sich konnte gebahren, die tochter Maria Theresias .. Heine
romanz. 31.
auch fläm. zich gebaren,
vermutlich auch rheinisch.