grafschaft,
f. ,
eine später als ableitung empfundene zusammensetzung von graf (
s. d.)
mit dem ursprünglich selbständigen scaf '
beschaffenheit',
neben dem (
wiewohl seltener)
von anfang an das -ti-
abstraktum scaft, schaft '
gestalt, eigenschaft'
steht (
vgl. dazu Henzen
dt. wortbildung [1947] § 122).
komposition mit scaf
liegt vor in grasceffi (
dat. sing.) (
um 900)
mon. Germ. hist., cap. reg. Franc. 1, 380 (
vgl. kl. ahd. sprachdenkm. 305, 10
Steinmeyer); grascaf (13.
jh.)
ahd. gl. 3, 379, 35
St.-S.; vor allem im nd. (scap, schap)
begegnet sie noch bis ins 15.
jh. hinein: greefschap (
nd. 1420) Diefenbach
gl. 457
a s. v. presidatus; graefscap (
nrh. 15.
jh.)
ebda 468
c s. v. prouincia u. ö. die sich durchsetzende komposition mit scaft, schaft
ist zuerst bezeugt in ahd. grascaft (11.
jh. u. ö.)
ahd. gl. 4, 47, 7
St.-S.; graschaft (12.
jh.)
ebda 3, 414, 3; 416, 17.
die im ahd. herrschende, bis zum 14./15.
jh. oft begegnende kürzere form grascaf(t), graschaf(t)
beruht nach Gröger
d. ahd. u. as. kompositionsfuge (1910) 211
auf dissimilation oder assimilation des labialen spiranten an den dentalen; vgl. oben grasceffi (
um 900); grascaft (11.
jh. u. ö.); graschaft (12.
jh.); grascaf (13.
jh.);
ferner graschaft (1281)
mon. Germ. hist., constit. 3, 271, 45; (1346)
ebda 8, 65, 5; graschaph (1346)
ebda 8, 81, 32; grâischaf (
Aachen 1411)
urk. z. gesch. d. dt. privatrechts 2203
Loersch-Schr.; so wohl auch graesschap (15.
jh.)
landrechte d. Münsterlandes 187
Philippi. das ausnahmslose fehlen des fugenvokals im ahd. weist auf den -an- (
nicht -jan-)
stamm als erstes kompositionsglied. die vom simplex grâve
ausgehende mhd. normalform grâveschaft
findet sich gelegentlich noch im 16.
jh., z. b. graveschafft Luther 19, 654
W.; graueschafft (1539)
ders., br. 8, 508
W.; anders grafeschafft (
Hessen 1532)
weist. (1840) 3, 348; Sebiz
feldbau (1579) 17.
daneben ist alte fugenvokallosigkeit erhalten: grafschefte (
gen. sing.) (
var.) Konrad v. Würzburg
d. trojan. krieg 29 933
Bartsch; grafschaft (
bair. 1347)
stadtrecht v. München 22
Auer; mon. Germ. hist., constit. 8, 321, 11.
diese lautform herrscht seit dem 18.
jh., während das wort im 16./17.
jh. meist, im frühen 18.
jh. noch mehrmals mit (
rein graphischer)
gemination in der form graffschafft
u. ä. begegnet. abweichenden stammvokal im ersten wortteil, zu md. nd. grêve (
s. unter graf)
stimmend, zeigen md. und nd. quellen häufig, z. b. greuescop (
nd. 15.
jh.) Diefenbach
nov. gl. 103
a s. v. comitatus; greueschafft (
md. 15.
jh.)
ders., gl. 135
a s. v. comitia. eine bildung mit dem genitiv greuenschop (1464)
urkundenb. d. st. Lübeck 10, 502
bleibt vereinzelt. dem älteren alem. eigentümlich ist der ersatz des auslautenden -ft
durch -tz: graufschatz
Friedrich v. Schwaben 299
Jellinek; graffschatz Hier. Gebweiler
beschirmung d. lobs Marie (1523) 8
a;
ebda 18
a; grafschatz C. Hedio
chron. Germ. (1530) 140
b. 11)
amt und würde eines grafen, seine herrschafts- und gerichtsrechte über land und leute. unsicher, ob mit dem dt. rechtswb. 4, 1062
hierher oder richtiger zu 2
zu stellen, bleibt grafschaft
in glossierungen des 11.—13.
jhs. von praesidatus graschaft
ahd. gl. 3, 414, 3
St.-S.; presidatum graschaft
ebda 416, 17;
consulatus grafscaft
ebda 356, 66.
die bedeutung begegnet nur mittelalterlich: die keiser ne mach aver in allen landen nicht sin, unde al ungerichte nicht richten to aller tiet, dar umme liet he den vorsten grafscap unde den greven scultheitdum
Sachsenspiegel, [] landr. 3, 52 § 2
Homeyer; doch wol die marke hoer sy an dem richtstule, denne die graveschaft, doch mag man sich mit eyner beruffunge zhin uz eyner marke (14.
jh.)
in: dt. rechtswb. 4, 1063; ein ieder der zu Crutzwertheim sitzt ..., der sal glich wole der grafschaft undertenig und gehorsam sein als der adir die, di dann der grafschaft eigen seind, mit bede und andere (
Franken 1449?)
weist. (1840) 6, 32; vortmer ist eme (
dem herrn von Münster) gewyset ..., dat men nymande nyner graesschap noch bannes erkennet in dessn vorgenomten 15 kerspelen, utgeseget der van Mervelde stole (15.
jh.)
landr. d. Münsterlandes 187
Philippi. versachlicht findet sich diese bedeutung des wortes in der die westfälischen freigerichte bezeichnenden verbindung freie grafschaft: ind vur die summe geltz sal he geven dem gestichte van Coelne die stat van Dorpmunde mit der vriher graschaph, mit dem gerichte ... ind mit al dem guode ind rechte (
des reichs) (1346)
monum. Germ. hist., constitutiones 8, 81, 32; dat men over neyneghen juden richten ensal vor unsen vrigen grascapen unde vor unsen vrigen stuolen, dat geheyten is 'dey veme' (1348)
ebda 671, 38. 22)
das unter der verwaltung oder herrschaft eines grafen stehende gebiet. 2@aa)
auf grund der fränkischen grafschaftsverfassung ist die grafschaft
bis zum 12./13.
jh. der unter dem befehl eines grafen oder königlichen beamten (
s.graf 1)
stehende verwaltungsbezirk, für den in der regel die lat. bezeichnung comitatus
verwendet wird, gelegentlich auch ein latinisiertes grafia,
z. b. mon. Germ. hist., formulae Merow. et Karol. 199, 7;
ebda 214, 29.
die dt. bezeichnung grafschaft
ist in dieser anwendung nur erst vereinzelt nachweisbar: souuerse sachun sinu ... versellan vuilit inde ce themo cide inneneuuendiun theru selueru grasceffi (
intra ipsum comitatum) vuisit, in theru sachun thie gesat sint, vuizzetahtia sala cegedune geulize (
um 900)
mon. Germ. hist., cap. reg. Franc. 1, 380.
hierher wohl auch die glossierungen von comitatus durch grascaf (
hd. und nd. gemischt, 13.
jh.)
ahd. gl. 3, 379, 35
St.-S.; grascaft (11.
jh. und später)
ebda 4, 47, 7; graschafto (12.
jh.)
ebda 4, 169, 20; grasch
at (11./12.
jh.) (
das lemma zu comicum entstellt)
ebda 4, 247, 12.
das ursprüngliche wesen der grafschaft
als eines verwaltungsbezirks wird aber auch später noch greifbar, nachdem die grafschaften
selbständige politische gebiete innerhalb des lehnssystems geworden sind (
s.b).
so namentlich, wenn die grafschaft
im zusammenhang öffentlich-rechtlicher angelegenheiten als das unter einheitlicher gerichtsherrschaft stehende gebiet erscheint: der rihter, in des graschaft er gesezzen ist, sol in ze virzehen tagen laden (1256)
in: dt. rechtswb. 4, 1063; daz in keime dorfe in des koneges grashefte nieman keinen sundirhirten haben sal (
Wetterau 1303)
weist. (1840) 3, 484; swer den andern anspricht umb erb und aigen, daz auf dem land leit, und da die chlag grunt und podem berüert, darumb sol man rechten in der grafschaft, do daz guot inn leit (
bair. 1347)
stadtr. v. München 22
Auer; in den dörffern ... die in die graffs chatz ... bisher gehört haben (1500)
in: dt. rechtswb. 4, 1064. 2@bb)
das unter der herrschaft eines grafen stehende, innerhalb des lehnssystems selbständige territorium. 2@b@aα)
allgemein: ez ensol nieman in der graschaft mer herwergen dann er ze reht sol (
bair. 1281)
mon. Germ. hist., constitutiones 3, 271, 45; das fürbasz hyn, alle keyserlich, frey und reichs strassen, in allen fürstenthumben, grafschafften ... sollen frey und unbezwungen gehalten werden
teütscher nation nodturfft (1523) C 4
a; denn ein fürstenthuomb ist ein hauffen lender und graffschafften (1525) Luther 15, 500
W.; auch hett der herzog die ganz grafschaft ingenomen
Zimmer. chron. 22, 74
Barack; welchem königreiche auch diese graffschaft eingezirkt gewesen Birken
ostländ. lorbeerhayn (1657) 110; ich (
der könig) büszte lieber eine grafschaft ein, und dennoch musz ich den verlust verschmerzen Tieck
schr. (1828) 3, 127; die grafschaft des grafen (
Platen) liegt nämlich im monde H. Heine
s. w. 3, 349
E. [] 2@b@bβ)
sehr häufig in verbindung mit dem namen des betreffenden territoriums: redere des hertochdomes Sleswijck vnde der greuenschop Holsten (1464)
urkundenb. d. st. Lübeck 10, 502; dar to kofte hertoge Wilhelm de olde de greueschop to Wunstorppe mit eyner summen geldes C. Botho
chron. d. Sassen (1492) J 1
a; ursprung der graffschafft Flandern Seb. Franck
Germ. chron. (1538) 83
b; den churf. sächs. geheimden raht, kammerherrn und oberaufsehern der grafschaft Mansfeld Neumark
d. neuspr. teutsche palmb. (1668) 191; sie gönnen mir nicht Schlesien und die grafschaft Glatz Böhme
lieder d. Deutschen im 18. u. 19. jh. (1895) 69; auf den heiden der grafschaft Lingen Hoops
waldbäume (1905) 186.
bestimmte territorien führen den titel einer grafschaft: wie wol Castell biss auff jn ein graffschaft wos gewesen Seb. Münster
cosmogr. (1550) 82; Rore ist ein landgerichts-fläck gewesen, und ouch ein graffschafft (
vor 1572) Tschudi
chron. Helvet. (1734) 1, 14; (
Calhetta) ist ein städtchen, deren gebiet den titel einer grafschaft hat J. G. Forster
s. schr. (1843) 1, 38.
auch nach der auflösung der gräflichen gewalten behalten einzelne gebiete den titel grafschaft,
z. b. grafschaft Hoya; kreis grafschaft Schaumburg; grafschaft Bentheim. 2@b@gγ)
die bezeichnung grafschaft
wird von deutschen schriftstellern auch für entsprechende bezirke in andern staaten verwandt, besonders für die englischen counties: der inhaber (
eines englischen pachtgutes) ... wird bey der wahl eines parlamentsgliedes für die grafschaft zugelassen, seine stimme zu geben
Adam Smith nationalreichthum (1794) 2, 212; ganze sogenannte grafschaften standen (
in Amerika) noch zu kauf an der gränze des bewohnten landes Göthe I 24, 121
W.; auf einem friedhof in der grafschaft Yorkshire in England Carossa
winterl. Rom (1947) 14. 2@b@dδ) fürstliche
oder gefürstete grafschaft,
von einer solchen, deren inhaber als graf dem fürstenstand angehört; vgl. graf 4 b: fürstliche grafschaft (1508)
in: dt. rechtswb. 4, 1064; inn der frstlichen grafschafft Tyrol J. Mathesius
Sarepta (1571)
vorr. 4
a; stallmeistern und frschneidern der frstl. grafschafft Tyrol Harsdörffer
d. teutsche secretar. (1656) 1, 1, 61; die gefürstete grafschaft Tirol Steub
drei sommer in Tirol (1895) 1, 18. 2@b@eε)
in wendungen, die erwerb, verleihung, besitz und verwaltung einer grafschaft
umschreiben: ieniz zeichen lossam vorit Luppolt der getrue man, der uerdienet hude sine grascaft daz du ir ime wole gunnen macht
könig Rother 3547
Frings; si hêt an guote grôze kraft, wande si eine grâfschaft hêt in dem lande Wirnt v. Gravenberc
Wigalois 5272
Kapteyn; ein herre von Britanje, der einer grâveschefte wielt, mit lobe sîne stat behielt und sîner edelkeite reht Konrad v. Würzburg
turnei v. Nantheiz 591; daz die graschaft von Lutzillimburg an uns (
Karl IV.) queme (1346)
mon. Germ. hist., constitutiones 8, 65, 5; ein armer kompt offt ehe zum hausz, den ein graff zur graffschafft Petri
d. Teutschen weiszh. (1605) S 6
b; mein sAebel soll mir noch eine graffschafft erwerben Chr. Weise
erznarren 100
ndr.; so eben wollt ich euch die mittel zeigen, euer rittergut in eine grafschaft umzusetzen Klinger
neues theater (1790) 1, 201; er räumte ihm nie etwas anders ein, als die grafschaft Cilli Ranke
s. w. (1867) 1, 65. jemandem eine grafschaft eingeben '
ihn mit einer grafschaft
belehnen': wie der künig ... Theodorum ... hab gegräffet vnd ym ain grafschafft eingeben
Fortunatus 16
ndr.; wöln auch dein vatter und mutter gut an hoff nemen auss der armut und wölln den ein graffschaft eingeben Hans Sachs 12, 112
lit. ver.; [] also ward der schreiber vnd die junge keyserin zusammengeben, denen denn der keyser eine graffschafft eingab B. Hertzog
schiltwache (
Magdeb.) G 5
b. 2@b@zζ)
durch angabe der grafschaft
wird die politische zugehörigkeit von personen oder orten gekennzeichnet: Mülbach ... ist ein fleck, leit in der graffschafft Tirol (1521)
bei Röhricht
pilgerreisen (1880) 399; es freyet eyner auss der graffschafft am Hartze gen Nürmberg Agricola 750
teütscher sprichw. (1534) e 8
b; dörfer ..., so der zeit alle in dem Bargew gelegen gewesen, lateinisch in pago Paræ, und in der grafschaft graven Hildebaldts
Zimmer. chron. 21, 12
Barack; welcher mair, hausgenosz oder aigenman mit tot abgeet, wo die gesessen sind in der graveschaft Tyrol, von der selben ain iedem sol dem probst gefallen das best haupt on ains, es sei rosz, kue oder ochsen (1744)
österr. weist. 2, 209; der Ilsenstein ... liegt auf der nordseite in der grafschaft Wernigerode br. Grimm
dt. sagen (1891) 1, 209.
auch sonst dient die angabe der grafschaft
als ortsbestimmung: in der grafschaft Glatz ... hat sich ein berg gespalten Schweinichen
denkwürd. (1878) 490; als er in Franckreich bisz in die graffschafft Bologne mit einem grossen heer kommen war Dannhawer
catech.-milch (1657) 3, 413; kleine figuren von thon, die bunt angestrichen, allerlei heilige für die in der grafschaft üblichen hausaltärchen vorstellten Holtei
vierzig jahre (1843) 1, 314; in dem düstern burghofe — bei solcher hitze das kühlste fleckchen der ganzen grafschaft W. Raabe
s. w. I 3, 71
Klemm. 2@cc)
selten in personaler beziehung, von den angehörigen oder vertretern einer grafschaft: ze Hanegov die graveschaft dienten Willehelmes hant Rudolf v. Ems
Willehalm 218
Junk; dit sind die lantreht der grashefte zuo Burnheimer berge (
Wetterau 1303)
weist. (1840) 3, 481; die grafschaft wird ihre beamten, die parochie ihren geistlichen wählen (
auf englische verhältnisse bezogen; vgl. ob. b
γ) Ranke
s. w. 17 (1879) 17. 33)
nur in älterer sprache als spezielle bezeichnung von stadtvierteln und deren bürgerschaften in einigen ndrhein. und schweiz. städten (
die 9
stadtbezirke von Aachen heiszen schon im 13.
jh. comitiae, deren vorsteher comes stabuli, später kastoivel, kerstovel): kerstovels der grâischaf vur Nûweporze (
Aachen 1411)
urk. z. gesch. d. dt. privatrechts 2 203
Loersch-Schr.; desz negst folgenden taghs nach St. Vitt lautten die von St. Jacob und von St. Peter die gantze nacht ausz sturm, hoeltten die schlüsselen von allen pfortzen, berieffen die 9 graffschafften zu St. Jacob und hielen zu samen rhaet (
Aachen 1450)
annalen d. hist. ver. f. d. Niederrhein 17 (1866) 12; die kilchry Münster wird ferner in vier viertel eingeteilt, wovon das 4. die grafschaft bildet (1879)
in: schweiz. id. 2, 707;
vgl. dt. rechtswb. 4, 1064. 44)
in Niedersachsen wird grafschaft
in älterer sprache auch im hinblick auf eine festliche veranstaltung, speziell das in der pfingstzeit gehaltene maifest, gebraucht. zunächst wohl vom amt und von der tätigkeit des maigrafen, vgl. Schiller-Lübben
mnd. wb. 2, 146
b,
und nicht, wie Berghaus
sprachschatz d. Sassen 1, 607
a will, vom maifest selbst: ock schal nymant jenich greveschop halden unde darto schatten edder sinem volke schatten laten to den loven in den hilgen pinxtdagen by ener marck (1489)
rechtsqu. d. st. Bremen 301
Eckhardt. dann allgemeiner von der festlichen veranstaltung und dem damit verbundenen aufwand: die pfingst- und fastnachts- wie auch die sonntags- und andere gelage ..., imgleichen auch die oster-feure neben den dabey gebräuchlichen gräfeschafften, sollen ganz und gar abgeschaffet ... seyn
braunschw.-lüneb. landesordnung (1729) 10.