graf,
m. die frühesten zeugnisse für das wort liefern, in latinisierter form, merowingische und karolingische quellen vom 6.
bis zum frühen 9.
jh.: grafio, graphio, graffio, grauio, gravio, grafionus,
vgl. lex Salica, sp. 617
Hessels; lex Ripuaria pass.; cap. reg. Franc. 1, 9, 21; 23; 25; 27; 1, 25, 31;
dipl. imp. 1, 58, 40
Pertz; dipl. Karolin. 1, 9, 21; 1, 262, 9;
script. rer. Langob. 156, 18;
script. rer. Merov. 2, 141, 26; 4, 730, 8
u. a.; vereinzelt garafionem (
a. sg.)
lex Salica 32, 5 (
cod. 5; 6).
dazu stimmen ahd. krauio (
obd. 9.
jh.)
ahd. gl. 2, 103, 21
St.-S.; graueon (
n. pl.) (
alem. 8.
jh.)
ebda 1, 245, 20;
afries. grēva
und das im älteren nl., nd. u. westl. md. weithin geltende umgelautete grêve,
aus dem anord. greifi
und dän. schwed. greve
entlehnt werden. wenn diese formen somit auf eine jan-
bildung schlieszen lassen, so steht daneben, namentlich im obd., nicht umgelautetes, auf einfache an-
bildung weisendes ahd. grâvo,
mhd. grâve,
wozu die kompositionsform gra(f)scaf(t),
s.grafschaft.
auszerhalb des germ. begegnet das aus dem dt. entlehnte wort namentlich in slaw. sprachen: tschech. hrabie, hrabě;
daraus poln. hrabia,
obersorb. hrabja,
kleinruss. (
aus dem poln. entlehnt) hráb'a, hrábl'a.
jüngere entlehnungen sind poln. graf, gróf,
russ. граф,
kleinruss. weiszruss. hrap,
ndsorb. groba,
serbokroat. groò
f. sloven. gròf;
vgl. Berneker
slav. etym. wb. 1, 379; Bielfeldt
d. dt. lehnwörter im obersorb. (1933) 253; Vasmer
russ. etym. wb. 1, 304.
die etymologie des wortes ist ungeklärt. zu erwägen ist eine beziehung zu got. gagrêfts '
beschlusz, verordnung' (
vgl. Kluge-Götze
etym. wb. 15276
b),
das allerdings das dem dt. graf
gleichbedeutende ags. gerēfa
unerklärt läszt. das ags. wort erweist sich als eine präfixbildung, deren grundwort zu germ. *rōva,
ahd. ruova '
zahl'
in einem ablautverhältnis stehen könnte und zu der u. a. Kögel in:
zs. f. dt. altertum 33, 23
f. auch ahd. grâvo, grâvio
stellen möchte; freilich sind die ahd. formen nicht mit sicherheit als präfixkomposita nachzuweisen. nach einer alten (Vossius 1645),
noch immer erwägenswerten deutung, die M. Heyne
dt. wb. 1, 1230
und Brøndal
substrater og laan (1917) 145
ff. wieder aufnehmen, beruht mlat. graphio auf dem byzant. hoftitel γραφεύς,
und das dt. und ags. wort sind daraus entlehnt. beachte: notarius scriuer. scriba
idem. scribo
idem. graphio
idem ahd. gl. 3, 379, 5
St.-S. und anm. in den deutschen mundarten beschränken sich die umgelauteten formen im wesentlichen auf das nd. (
vorwiegend greve)
und das md. (
vorwiegend grebe, grefe, greffe);
hier behaupten sie sich namentlich im westen, im hessischen sogar bis in die jüngste zeit hinein; das siebenbürgische hat dementsprechend grêf,
vgl. Kisch vergleich. wb. 94
b; 96
a.
auszerhalb dieses gebietes begegnen sie selten: grefe, greffe, greff (
obd. 15.
jh.) Diefenbach
gl. 134
c s. v. comes; grefen (
Nürnberg 15.
jh.)
städtechron. 2, 35;
ebda 482.
die obd. mundarten zeigen von anfang an nicht umlautfähige formen: ahd. crafo, crauo, grauo
in glossen seit dem 8.
jh., s. unt. 1 b
γ;
auch das ostfränk. des Tatian hat grauo,
s. ebda. in der literatursprache beginnen sich diese formen früh auch im md. gebiet durchzusetzen; vgl. grâbin (:plâgin) Eilhart 3087
Lichtenstein; grâven (: lâge)
ebda 5957; grâve Joh. Rothe
düring. chron. 261
Liliencron. Luther
scheint sie ausschlieszlich zu gebrauchen. in jüngerer zeit dringen sie unter hochsprachlichem einflusz auch in die mundarten des alten grêve-
gebietes vor, vgl. grf Kück
Lüneburg 1, 602; Woeste
westf. 85
a; Schmidt-Petersen
nordfries. 54
a;
im rhein. steht hd. grā:f
neben mundartl. grō:f
u. ä. rhein. wb. 2, 1342.
der vokal zeigt in den nicht umgelauteten formen seit frühnhd. zeit die üblichen schwankungen; im schwäb. häufig grauf: grAvff (
St. Gallen 1429)
in: dt. rechtswb. 4, 1053; graufe
Zimmer. chron. 23, 41, 24
Barack; auch in jüngerer mundart, vgl. Fischer schwäb. 3, 783;
ebenso oberpfälz., vgl. Schmeller-Frommann
bair. 1, 987.
vokaltrübung ist weit verbreitet: grofen
Marienburger treszlerb. 485
Joachim; Murner
narrenbeschwörung 23
ndr.; groue (1420) Diefenbach
nov. gl. 48; grofe (
md. 1440), grof (
obd. 15.
jh.)
ders., gl. 134
c s. v. comes; sie findet sich weiterhin in fast allen jüngeren mundarten. die im mhd. herrschende form grâve
begegnet im 16.
jh. noch recht häufig, im 17.
jh. dagegen nur noch selten, z. b. Zinkgref
apophthegmata (1628)
*3
a.
apokope im nom. sing. kann, vom obd. ausgehend, schon mhd. eintreten: graf Rudolf v. Ems
Willehalm 4881
Junck; sie wird aber erst im 15./16.
jh. häufiger: graff (1491) Röhricht
pilgerreisen (1880) 168; graf Berthold v. Chiemsee
theol. 549
Reithm.; (1538)
bei Luther
br. 8, 248
W.; schriftsprachlich setzt sie sich dann rasch durch. gleichzeitig löst das auslautend regelmäszige f
bei flektierter form die stimmhafte spirans auch im inlaut ab: grafen (1302
bair.)
in: urk. z. gesch. d. territorialverf. 3, 20
Sander-Spangenberg; Luther 47, 494
W.; ebda 46, 786.
vereinzelt steht spätes gravens (
gen. sing.) Stoppe
Parnasz (1735) 22; 23.
die seit dem 15.
jh. nachweisbare gemination des inlautenden und auslautenden f
ist im 16.
jh. sehr häufig und begegnet noch bis zum ende des 17.
jhs. der nom. sing. graffe
ist nur im älteren nhd. bezeugt, z. b. (
Wetterau 1409)
weist. (1840) 3, 450; Arigo
decameron 73
lit. ver.; nomencl. lat.-germ. in us. schol. (1634) 503.
seltener ist grafe,
z. b. Seb. Franck
sprichw. (1541) 1, 46
b; (1544)
bei Luther 52, 55
W.; aber auch noch vereinzelt in jüngeren quellen wie Stoppe
Parnasz (1735) 1;
ebda 13; 16; 209; Immermann
w. 4, 62
Hempel. abweichungen von der regelmäszigen flexion des wortes als eines schw. mask. finden sich vor allem im gen. sing., der, in anlehnung an die st. mask., hier und da auf -s
endet: gravens Stoppe
Parnasz (1735) 22; 23; grafens Reuter
Schelmuffsky (vollst.) 16
ndr.; Jean Paul
w. 20/23, 204
Hempel. der dat. sing. lautet gelegentlich nur graf,
z. b. Klinger
Otto 13
dt. lit.-denkm.; der akk. graf
steht vor allem bei Zachariä
häufiger, z. b. poet. schr. (1763) 2, 96; 99; 101;
vgl. H. Paul
dt. gramm. 2, 34; 54.
vor dem eigennamen bleibt graf,
ebenso wie andere titel, oft unflektiert: des edeln graf Heinrich von Swarczburg (1353)
urkundenb. d. st. Friedberg 1, 190
Foltz; in graffe Ryols heer
Tristrant u. Isalde 130, 13
Pfaff; zu graff Georgen von Zweyenbruck (1521)
bei Röhricht
pilgerreisen (1880) 386; grave Friderrichen und graf Wolfen (
dat. sing.)
Zimmer. chron. 23, 527, 26
B.; sampt dem streitbarn helden graff Hansen Schweigger
reyszbeschr. (1619) 37; graff Rolanden (
dat. sing.) Dietrich v.
d. Werder
hist. v. ras. Roland (1636) 5; zum graf von Hold zu gehn Zachariä
poet. schr. (1763) 2, 99.
die geschichte des wortes graf
ist hinsichtlich seiner verwendung überwiegend von der sache her, d. h. durch die geschichte des grafenamts und des grafenstandes bestimmt. diese wiederum ist in ihren sehr verwickelten und regional sehr verschiedenartigen verhältnissen für die ältere zeit, besonders bis zum 13.
jh., im wesentlichen nur anhand der lat. bezeichnung comes
der zeitgenössischen rechtsquellen rekonstruierbar. somit bleibt die ältere geschichte des dt. wortes graf
notgedrungen lückenhaft. in sachlicher hinsicht ist auf die rechtsgeschichtliche literatur zu verweisen, besonders H. Brunner
dt. rechtsgesch. 2 (
21928); Schröder-Künszberg
lehrb. d. dt. rechtsgesch. (
71932); W. Schlesinger
d. entstehung d. landesherrschaft (1941); H. Conrad
dt. rechtsgesch. 1 (1954);
zu den problemen der jüngsten, wieder in flusz geratenen forschung über die grafeninstitution u. a. v. Guttenberg
iudex h. e. comes aut grafio in: festschr. f. E. E. Stengel (1952) 93—123; Th. Mayer in:
blätter f. dt. landesgesch. 89 (1952) 87—111. 11)
der graf
in amtsrechtlicher stellung. 1@aa)
in frühmerowingischer zeit ist graf
bezeichnung eines polizei- und vollstreckungsorgans: et tunc ipse qui testauit super furtuna sua ponat et roget grafionem ut accedat ad locum ut eum (
den ausgewiesenen) inde expellat
lex Salica 45, 2
Hessels; si quis ad placitum legitimi fidem factam noluerit soluere, tunc ille cui fides facta est ambulet ad grafionem loci illius in cuius pago manet et adprehendat fistucam et dicat uerbum: ...
ebda 50, 3; si quis grafionem iniuste ad res alienas tollendas inuitat et rogauerit ambulare ... VIII M din. qui fac. sol. CC culp. iud.
ebda 51, 1.
auch die verwahrung von gefangenen gehört zu den obliegenheiten des grafen: si quis ligatum per superbiam aut per uirtutem ad (
l. a;
vgl. cod. 10) graphione tulerit ..., de uita sua redimat
ebda 32, 5 (
cod. 6). 1@bb)
im zuge des ausbaus des merowingischen verwaltungs- und rechtswesens wird graf
seit dem 6.
jh. bezeichnung desjenigen königlichen beamten, der als iudex fiscalis, als gerichtsvorsitzender, den thungin,
den alten volksbeamten mit richterlicher funktion, ablöst und der in lat. quellen in der regel comes
genannt wird. mit dem richteramt des grafen
können administrative und militärische aufgaben verbunden werden. 1@b@aα)
das anfängliche nebeneinander von comes
und graf
in aufzählungen und namentlich in den adressen fränkischer urkunden scheint im wesentlichen durch das nebeneinander einer gallo-römischen und einer fränkischen sprachtradition, vielleicht aber auch durch einen zwischen den richterlichen beamten zunächst bestehenden unterschied in rang und funktion bedingt zu sein. der graf
rangiert hinter dem comes: cum nos in dei nomene Valencianis in palacio nostro (
im königsgericht Chlodwigs III.) una cum apostolicis viris in Christo patribus nostris ... (12
namen) episcopis; seu et inlustribus viris ... (12
namen) optematis; ... (9
namen) comitebus; ... (8
namen) grafionibus; ... (4
namen) domesticis; ... (4
namen) refrendariis (693)
mon. Germ. hist., dipl. imp. 1, 58, 40
Pertz; Pippinus rex Francorum vir inluster omnibus ducibus comitibus graffionibus domesticis vecariis centenariis vel omnes agentes tam presentibus quam et futuris seu et omnes missus nostros de palacio ubique discurrentes (753)
mon. Germ. hist., dipl. Karolinorum 1, 9, 21; notum igitur esse volumus cunctis fidelibus nostris, episcopis videlicet, abbatibus virisque inlustribus, ducibus, comitibus, domesticis, grafionibus, vicariis, centenariis (816)
mon. Germ. hist., formulae Merowingici et Karolini aevi 307, 23.
ferner lex Ripuaria 88
unter β.
die im dt. rechtswb. 4, 1051
bereits für 479
angezogene königsurkunde ist eine spätere fälschung: notum sit omnibus episcopis abbatibus et illustribus viris, magnificis ducibus comitibus domesticis vicariis grafionibus centenariis
mon. Germ. hist., dipl. imp. 1, 113, 22
Pertz. die bezeichnung graf
wird vorwiegend für den ostfränkischen verwaltungsbeamten und richter gebraucht (
wie sie nach der karolingischen reichsteilung überhaupt auf das deutsche sprachgebiet beschränkt bleibt): decrevimus, ut secundum canones unusquisque episcopus in sua parrochia (
es sind ostfrk. bischöfe gemeint) sollicitudinem adhibeat, adiuvante gravione qui defensor ecclesiae est, ut populus dei paganias non faciat (742)
mon. Germ. hist., capit. reg. Franc. 1, 25, 31; cum comite Baioariorum, quem illi gravionem dicunt Paulus Diaconus
hist. Langob. 5, 36
in: mon. Germ. hist., script. rer. Langob. 156.
seit dem 7.
jh. kann graf
auch einen westfränkischen comes bezeichnen, freilich nur in erzählender literatur: (
der gefangene) Meroeus secrecius iusso Chlotariae in Neptrico (
Neustrien) perducetur; eodem amplectens amore ... Ingobode graffione commendatur, ubi plures post annos vixit Fredegar
chron. 4, 42
in: mon. Germ. hist., script. rer. Merov. 2, 141, 26; quidam etenim vir illustris Garefredus graffio (
der vorher comes
genannt wurde) veniens ad basilicam sancti antestitis
vita Eligii episcopi Noviomagensis 2, 55
in: mon. Germ. hist., script. rer. Merow. 4, 730, 8.
im 9.
jh. verschwindet graf
bzw. seine latinisierte form aus den lat. rechtsquellen zugunsten des lat. comes. 1@b@bβ)
in richterlicher funktion erscheint der graf
seit dem 6.
jh.; zuerst in jüngeren zusätzen zur lex Salica, und zwar neben comes: in mallo iudici, hoc est comite aut grafione
lex Salica 72
Hessels; (
bei einem mordfall) debet iudex, hoc est comis aut grafio, ad loco accedere et ibi cornu sonare debet
ebda 74.
in mehreren aus der lex Salica übernommenen bestimmungen der lex Ripuaria fungiert der graf
bereits als iudex fiscalis (
der mit dem '
comes'
identifiziert wird),
aber ihm sind noch zuweilen aufgaben des alten grafen
als eines exekutivbeamten (
s.a)
vorbehalten: de eo qui grafionem ad res alienas invitat. 1. si quis iudicem fiscalem ad res alienas iniuste tollendas ... invitare praesumpserit, 50 solidis multetur
lex Ripuaria 53 (
cod. B)
in: mon. Germ. hist., leg. 5, 238, 17; de gravione iniuste invitatio. si quis gravionem ad res alienas iniuste tollendas invitaverit, 45 solidos componat, et similem restituat
lex Ripuaria 86 (
cod. B)
ebda 5, 265, 26; de eo qui grafionem interficerit. 1. si quis iudicem fiscalem, quem comitem vocant, interfecerit, 600 solidis multetur
lex Ripuaria 55 (
cod. B)
ebda 5, 239, 11.
ebenso wohl: et graphio cum VII rachymburgiis antrutionis bonis credentibus aut quis sciant accionis a casa (
l. ad casam) illius (
der die urteilserfüllung verweigert und dessen besitz gepfändet werden soll) ambulent et pretium faciant et quod graphio tollere debet (573/574)
mon. Germ. hist., cap. reg. Franc. 1, 9, 21.
sonst als richter neben dem comes
und anderen beamten: ut nullus obtimatis, maior domus, domesticus, comes, gravio, cancellarius vel quibuslibet gratibus sublimitas (!), in provincia Ribuaria in iudicio resedens munera ad iudicio pervertendo non recipiat
lex Ripuaria 88
in: mon. Germ. hist., leg. 5, 267, 8.
in der poenformel: et si quis fuerit comes vel domesticus seu grafio, vicarius vel tribunus seu qualicumque iudiciaria potestate succinctus (782)
mon. Germ. hist., dipl. Karol. 1, 192, 37.
die fränkische grafschaftsverfassung setzt sich, anhand des lat. comes
nachweisbar, im deutschen raum nur bedingt durch. das dt. graf
bietet nur gelegentliche anhaltspunkte; vgl. Paulus Diaconus
unter α.
bereits unter anderen voraussetzungen als denen der fränkischen zeit zeigt der Sachsenspiegel des 13.
jhs. den grafen
als vorwiegend richterlichen beamten: svenne die greve kumt to des gogreven dinge, so sal des gogreven gerichte neder sin geleget
Sachsenspiegel, landr. 1, 58 § 2
Homeyer; over achtein weken sal die greve sin ding utlecgen buten den gebundenen dagen to rechter dingstat, dar de scultheite unde die scepenen unde die vrone bode sin
ebda 3, 61 § 1; den koning küset man to richtere over egen unde len ... die keiser ne mach aver in allen landen nicht sin, unde al ungerichte nicht richten to aller tiet, dar umme liet he den vorsten grafscap unde den greven scultheitdum
ebda 3, 52 § 2.
zur richterlichen funktion des grafen
im hohen mittelalter vgl. im übrigen unter 2 c. 1@b@gγ)
der graf
kann zugleich militärischer und ziviler befehlshaber im königlichen auftrag sein. dafür spricht schon eine stelle bei Fredegar: (
Dagobert) cum exercito de regnum Austrasiorum de Mettis urbem promovens, transita Ardinna, Magancia cum exercito adgreditur, disponens Renum transire, scaram de electis viris fortis de Neuster et Burgundia cum ducebus et grafionebus secum habens Fredegar
chron. 4, 74
in: mon. Germ. hist., script. rer. Merov. 2, 158, 17.
in diesem sinne setzt der ahd. Tatian graf
für das die römischen statthalter Pilatus und Cyrenius bezeichnende lat. praeses: inti leittun inan (
Jesus) gibuntanan in frithof inti saltun themo Pontisgen grauen Pilate
Tatian 192, 3
Sievers; thie kenphon thes grauen intfiengun then heilant in themo thinchus
ebda 200, 1; thaz giscrib iz êristen uuard gitan in Syriu fon ðemo grauen Cyrine
ebda 5, 11.
allgemeiner: inti zi grauon inti zi cuningon uuerdet ir geleitte thuruh mih in zi giuuiznesse inti thiotun
ebda 44, 12.
auf entsprechende funktionen der grafen
weisen ahd. glossierungen mlat. beamtenbezeichnungen hin: tribunus crafo (
zu exod. 18, 21) (8./9.
jh.)
ahd. gl. 2, 293, 28
St.-S.; princeps milicie crauo (8./9.
jh.)
ebda 1, 276, 51
s. v. comines; procurator, provisor secularis honoris krauio odo sculdheizzo (9./11.
jh.)
ebda 2, 103, 20
ff.; vgl. ebda 2, 118, 22;
comes vel preses g
auo (13.
jh.)
ebda 3, 427, 32.
das summarium Heinrici ordnet die grafen
nach ihrem range ein zwischen palatinus, dux, prefecti und marchio, patronus, centurio; zugleich werden durch die stellung bedingte rangunterschiede unter den grafen
selbst greifbar: presides grauen;
comes grauo
ahd. gl. 3, 134, 20
ff. St.-S. 1@cc)
als bezeichnung für den königlichen beamten, dessen administrative und richterliche befugnisse in der fränkischen grafschaftsverfassung begründet sind, ist graf
in jüngerer zeit nur noch in historisch referierenden quellen und als fester terminus in der geschichtswissenschaft gebräuchlich: grave ist ein alt deutsch sechsisches wort, heist so viel als richter
M. Dresser
sächs. chron. (1596) 134; nach dem könig waren die herzoge und grafen die ordentlichen richter
M. I. Schmidt
gesch. d. Deutschen (1778) 1, 312; die 'comites' (
in Thüringen), die Willibald (
in der vita Bonifatii) nennt, können nicht grafen gewesen sein Schlesinger
d. entstehung d. landesherrschaft (1941) 47; sowohl der umfang des gaugebiets wie auch die sprengel der grafen schwankten anscheinend
ebda 60. 1@dd)
seit im hohen mittelalter eine stärkere differenzierung im instanzenwesen der gerichtsverfassung eintritt, kann graf
besonders in md. und nd. gebieten gewählte oder ernannte amtspersonen mit niederer richterlicher gewalt bezeichnen, die von dem inzwischen eingetretenen feudalisierungsprozesz der grafeninstitution (
s. 2, 3, 4)
nicht oder nur bedingt erfaszt werden. in sachlicher hinsicht bestehen erhebliche regionale unterschiede. charakteristisch für diesen anwendungskomplex des wortes ist die bildungsmöglichkeit einer vielzahl von zusammensetzungen mit graf
als zweitem glied wie deich-, dorf-, feld-, holz-, wassergraf
usw. (
vgl. die zusammenstellung im dt. rechtswb. 4, 1055),
für die gelegentlich das simplex eintreten kann (
s. unter α und bes. β). 1@d@aα) graf
als benennung zumeist nichtadliger vorsitzender in niederen gerichten über dörfer, kirchspiele, hofmarken u. ä. so in Hessen bis ins 19.
jh. hinein, fast durchweg in der form greve, grebe
u. ä., für den amtmann oder dorfvorstand; vgl. grebe,
teil 4, 1, 6,
sp. 1: den grebin spulgete man iares rocke zcu geben (
Marburg 1374)
in: zs. d. ver. f. hess. gesch., n. f. 29, 210; Contze Becker graffe des graffengerichts Assenheim (
Wetterau 1409)
weist. (1840) 3, 450; die vorgenante dorfere hant iglichs sinen amptman mit namen, die man nennet greven, und die dorffgreven mit iren nachgeburen richten und wysen uber das, als ir einer von dem andern, odir sust ander lude vor dem greven clagen (
Wetterau 15.
jh.)
ebda 457; bey Cassel liegt ein dorff, Heilgenrodt genennt, da wohnete ein schultheisz, die man auff den dörffern im land zuo Hessen greben nennet Kirchhof
wendunmuth 1, 178
Öst.; ebda 2, 170; sollen unsere beamten ... in ihren anbefohlenen aemtern mit zuziehung des raths in den städten und dann greben und vorstehere in den dörffern sich miteinander vergleichen (
hess. 1683)
in: dt. rechtswb. 4, 1053; die bestellung der greben und anderer dorfbedienten geschieht vom justizbeamten gemeinschaftlich mit dem rentereybeamten
hdb. z. kenntn. d. hess.-cass. landesverf. 4 (1800) 518
b; vor langer zikt wor ech 'mol in
N. un besochte den gräwe — jetz heissen de leide borgemeister Bauer-Collitz
Waldeck 244
b.
von einem zentgrafen (
s. d.): ob sich begebe, dasz einer den andern kempflich an das gericht hische, der kampf mag nit volfurt werden ân einen graven von der von Stein wegen (
Würzburg 1534)
weist. (1840) 6, 80.
von einem gografen (
s.gaugraf u. gograf): of die landliute den gravin von einer stat zo eime gravin kiesen, der ne mac an der graschaft nehein len behaldin; sin gerichte ne wirt nicht lengir wan einen tac unde eine nacht; also ob des landis richtaris da gebrichit; ist er da, so ne mag jenir nicht gerichten
Görlitzer landrecht 41 § 10
Homeyer (
die entsprechenden stellen im Sachsenspiegel, landrecht 1, 55 § 2; 1, 56; 1, 57
haben gogreve).
von gewählten oder ernannten gerichtsvorsitzenden in einigen niedersächsischen gebieten: eynen greven up dem Leynenberger landgherichte plegen to settende unde to keysende der herscop van Brunswyg besloteden unde andere erbare lude ..., de vor dat gerichte horet (15.
jh.)
Göttinger statuten 255
v. d. Ropp. namentlich in den marschländern, die bis ins 19.
jh. hinein ihre eigene gerichtsbarkeit bewahrten: de greuenschatt yn dem lande to Kedingen, yn Hinrik Brummers richte, dar he de stichtes greue ys, lopt syck vpp 15 lub. mark 3 schillinge (
um 1500)
Bremer. gesch.-quellen 2, 6
Hodenberg; im Bützflether teil (
von Kehdingen) wurde die zivil- und kriminalgerichtspflege durch den gräven, welchen die regierung ernannte, und die hauptleute der kirchspiele verwaltet Allmers
marschenb. 5367; noch bis zum jahre 1832 war (
im Alten Land) alles nach altgermanischer weise eingerichtet. es gab gräfen, hauptleute, vögte, schöffen, findungsmänner
ebda 372.
die Zipser und Siebenbürger Deutschen behalten die alte bezeichnung für ihre gewählten gerichtsvorsitzenden bis ins 19.
jh. bei: von ersten an hab wir (
Zipser) die gnade und das recht ..., das uns Zipser kein mann ader niemant umb keinerlei sach zu hofe hat zu laden, sonder er soll ein recht suchen, vor des königs grofe, der burggrof ist in dem Zips (1370)
Ofner stadtrecht 221
Michnay-Lichner; dieser dreizehn (
Zipser) städt richter kommen jährlich zusammen und wählen einen grafen, da besonders auf einen friedfertigen und häuslichen mann gesehen wird, und dieser graf bleibt ein jahr, hält er sich wohl, so bleibt er zwei jahr (1683)
ungar. oder dacianischer Simpl. 72
Seiz; die vaterländische fahne der Siebenbürger-Deutschen ..., welche ... 1790 dem neuernannten grafen der sächsischen nation ... überreicht ward Rohrer
vers. über d. dt. bewohner d. österr. monarchie (1804) 2, 214; die Hermanstädter tanzten um ihren richter, den neuernannten grafen einen tanz
ebda 2, 215.
von dem vorsitzenden eines westfälischen freigerichts: darauf sagte der frohnbote: herr grafe, es steht drauszen ein mann, der begehr am ding und gericht hat Immermann
w. 4, 62
Hempel. 1@d@bβ)
das simplex graf
kann, oft an stelle eines häufiger begegnenden determinativkompositums, den vorsitzenden eines gerichts bezeichnen, dessen zuständigkeit durch die obliegenheiten eines mit diesem verbundenen, meist genossenschaftlichen amtes bedingt ist. für häufigeres salzgraf (
s. d.)
von dem vorsteher und gerichtsvorsitzenden eines salzwerks; im älteren nhd. für Halle bezeugt: wen der greffe belehnt wirdt durch unsern gnedigen herrn von Magdeburg, so richtet er nicht in peinlichen, sondern in börgerlicher clage (
Halle 1476)
gesch.-quellen d. prov. Sachsen 11 (1880) 175; do hiesche der bornmeister die schöppen und den greffen und sazten das stücke saltz uff 7 grosse groschen (
Halle 1477)
ebda 231; anno 79 ... wardt Karle von Einhausen zu einem greffen gemacht vom rathe mit vollwort meins herren; und der alte greffe ..., den satzte der rath abe (
Halle 1479)
ebda 415; darmit das saltzwerck wohl regieret ... werden mOege, so ist von alters hero ein grAefe (welches ein alt deutsch sächsisch wort, und ... einen obersten und richter bedeutet) ... gesetzet Hondorff
d. saltz werk zu Halle (1670) 109.
in Niedersachsen für den deichgrafen (
s. deichgräfe),
den vorsteher eines deichbezirks: derselbe musz bey denen gräffen, als von wegen irer königl. majest. obristen teichrichtern, seinen eyd ablegen (1690)
in: dt. rechtswb. 4, 1053.
für sonstiges holzgraf (
s. d.)
als bezeichnung des vorsitzenden eines holzgerichts: diese grauen mochten auch comites syluestres, holtzgrauen oder forstgrauen heissen, waren von den königen gesetzte vOegte, verwalter oder richter vber die gewildnissen, gehOeltze vnd wAelde C. Spangenberg
adelsspiegel (1591) 321
b; ob auch das (
holz) in gegenwart des gräfen und sämmtlicher geschworenen angewiesen und mit den waldhämmern gezeichnet worden (
Verden)
bei R. Hesse
entwickl. d. agrar-rechtl. verhältn. (1900) 188.
für den zunftvorsteher, gildemeister in älteren nl.-ndrhein. quellen: een bastaert en mach geen grave zyn, noch gulde broeder, noch segeleer, noch inbrenger voor die gulde (1755)
coutumes du comté de Looz 3, 618
Crahay. ebenso griev, greve (
hist.)
bei Müller-Weitz
Aachen 74.
ähnlich wird in älteren nd. und nl. quellen das oberhaupt eines Zigeunerstammes graf
genannt: ghegeven den grave van den kleyne Egipteneers, omme dat hy zyn volck soude doen vertrecken ende ruminghe doen uut der stede ... 6 ℔ (1454)
in: dt. rechtswb. 4, 1055; de wolgeborne here her Johan grafe von Rothenburg uthe Cleinen Egipten (
Braunschweig 1508)
bei Lasch-Borchling
mnd. hdwb. 1, 2, 159. 22)
seit der Karolingerzeit wird das allmählich erblich werdende grafenamt in das lehnswesen einbezogen und mit der verleihung territorialen besitzes verbunden. im zuge dieser entwicklung, deren anfänge nur anhand der lat. bezeichnung comes
nachzuweisen wären, wird die sich auf landbesitz und herrschaft (
gerichtsbarkeit)
stützende machtposition der grafen
begründet. 2@aa)
bis zum ende des 12.
jhs. ist der graf
in der regel lehnsmann des königs: herzogen unde grâven die hiez er alle gâhen daz si im mit minnen hulfen sînes willen
d. altdt. exodus 3033
Kossmann; do heter (
Rother) ein grauen, der half ime wol zǒ waren, mit listen grozer eren; ... er was sin man vnde mac an deme stunt ovch sin rat
könig Rother 45
Frings; Plisnm unde Suuruen gaz (
l. gaf) he (
Rother) zen grauen die mit Luppolde waren ouer mere geuaren
ebda 4843; he (
Tristrant) wart besagit und belogin von dren bôsin herzogin und von vîr grâbin de des koninges hofes plâgin Eilhart v. Oberg 3087
Lichtenst. 2@bb)
seit dem ende des 12.
jhs. werden die grafen
mediatisiert, sofern sie nicht, etwa als reichsgrafen, in geringem ausmasz reichsunmittelbar bleiben oder reichsfürsten sind oder werden, z. b. als pfalzgrafen, landgrafen, markgrafen. der graf
ist somit lehnsmann eines landesherrn: dehein wider worfen vrteil, d vor einem grauen wider worfen wirt, die mag man nivt geziehen an den marcgraven, ez habe danne der grave die graueschaft von dem marcgrauen
Schwabenspiegel, landrecht § 114
Laszberg; diz selbe reht (
gerichtstage zu halten) hant sie (
die fürsten) ouch vmbe grauen, vnde vmbe vrien, vnde vmbe dienest man die so getan guot in ir lande hant, daz búrge vnde stete sind
ebda § 139; der koning sezit die fursten, die fursten vorbaz die greven, dy greven vorbaz die gogreven zu richtere, do sy nicht selber gesien mogen (14.
jh.)
sächs. weichbildrecht 1, 217
Daniels-Gruben; dez egenanten hertzogen Ludwigs grefen und herren, die mit im zugen (
Nürnberg 1421)
städtechron. 2, 35
anm. 6; und gehet, wie es jm regiment gehen sol, keisar uber fursten, fursten uber graven, ritter, eddelleut Luther 34, 2, 389
W. 2@cc)
der graf
ist im besitz der von einem landesherrn verliehenen herrschaft über land und leute einer grafschaft (
s. d.).
seine stellung ist im wesentlichen in der gerichtsherrschaft begründet, freilich ohne dasz ein unmittelbarer zusammenhang mit dem fränkischen richteramt des grafen (
s. 1 b
β)
vorauszusetzen wäre: ez sol nieman zu des rihtærs noch zu des graven geriht chomen mit harnasch oder mit armsten (
bair. 1281)
mon. Germ. hist., constitutiones 3, 274, 6; sol in (
den landfriedensbrecher) der erzebischof ... zu banne tun und der kunig zu ahte dun, und der furste oder der grave, in des gerihtet er sitzet, zu ahte dun (1287)
ebda 3, 376, 12; do was ein greve uberz lant bose unde ungeloubec gote
passional 498, 38
Köpke; diser obgnanter Lodewigk vitzthum zu Doryngen ... koufte vil dorf dornoch unde gerichte umbe sich von den graven unde freien unde irbarn lewten Joh. Rothe
düring. chron. 256
Liliencron; zu dem ersten ist ein grebe von Zygenhain, daselbst ein erbevoit und richtet uber hals und uber hand ... auch alle die bede die da gefellet, die sint eines greben zu Ziegenhain gleich halb (
Hessen 15.
jh.)
weist. (1840) 5, 727; ein grave vom Hailigenberg ... hat ... sein grafschaft ... (einem) grafen von Werdenberg, genannt Hugo, umb fünfhundert mark silbers zu kaufen geben
Zimmer. chron. 23, 41
Barack; vnter einem krummen stab, vnd vnter graffen ist gut wohnen Chr. Lehman
floril. polit. (1662) 3, 443; der bischoff zu Sitten ... sich einen grafen des landes nennet (1757)
in: dt. rechtswb. 4, 1053. 33) graf
kann standesbezeichnung sein, seit die grafen infolge der begrenzung des reichsfürstenstandes am ende des 12.
jhs. auf einen eigenen adelsstand beschränkt werden. 3@aa)
allgemein in appellativem gebrauch; für die mhd. belege ist eine abgrenzung zur bloszen amtsbezeichnung kaum möglich: do begunde der tôt in den tagen einen grâven beclagen ... den von dem Swarzen Dorne Hartmann v. Aue
Iwein 5626; ein sîdîn tweheln wol gemâl die bôt eins grâven sun dernâch: dem was ze knien für si gâch Wolfram v. Eschenbach
Parzival 237, 11
L.; als der zit ein teil verlief eime greven do gerief sin mutwille an der maget
passional 297, 74
Köpke; der ander was ein graff, der fuort ayn ainsidel leben Keisersberg
granatapfel (1510) gg 5
c; da sah ich ein schifflein schweben, darinn drey grafen sasz'n
bei Herder 25, 133
S.; sie (
werden) der schwiegervater eines grafen Fr. L. Schröder
dram. w. (1831) 1, 40; 'n graf is er, aber was hab ich davon, ich mag ihn doch nich H. Mann
d. blaue engel (1950) 140. 3@bb)
aufzählungen adliger standespersonen beachten die in der heerschildordnung begründete rangfolge, nach der die grafen
träger des vierten heerschildes sind: die wale geven dorsten, hertogen ende grâven, den speleman sî gâven grôtîke Heinrich v. Veldeke
Eneide 13 195
Behaghel; krieget er (
der könig) mit ieman vmbe guot ... daz dez riches ist, da svln vber sprechen fúrsten, vnde vrien, vnde graven, vnd dez riches dienest man
Schwabenspiegel, landrecht § 124
Laszberg; fursten, greven, frien herren, rittere und alle de burghe habn in dysem lande (1336)
urkundenb. d. st. Göttingen 1, 127
Schmidt; des wizen festis gar vru kumen alle kunige, vurstin, herczogin, markgrevin, grevin, bayorn und alle amachtlute der provincien
md. Marco Polo, 23, 8
Tscharner; also in dem gewalt seind mancherlei empter, der ein ist künig, der ein hertzog, der ein graue Keisersberg
brösamlin (1517) 1, 109
b; der baur will ein burger, der edelman ein grafe, der frst ein keyser sein
bei Luther 52, 55
W.; worunter zwei kuhrfrsten, zwei und dreisig hertzogen, zwei pfaltzgraffen, vier marggraffen, vier landgraffen, siebenzehn frsten, zwei und dreissig graffen, ohne etliche hundert andere adeliche ritter-standes personen Rist
d. friedewünsch. Teutschl. (1647) 9; darauf hat die stadt die benachbarten fürsten, städte, grafen, freyherrn, und die vom adel (
zum fest) gebeten Rehtmeier
braunschweig-lüneb. chron. (1722) 2, 752; wo (
in Heilbronn) über zwölf reichsstädte, und eine glänzende menge von doktoren, grafen und fürsten sich einfanden Schiller 8, 310
G.; den weber kann niemand entbehren, kein fürst, kein graf, noch edelmann
dt. volkslieder (1865) 943
Mittler. 3@cc)
angehörige eines niederen adelsstandes können in den grafenstand erhoben werden; vgl. grafen,
vb.: keisser Conradt der machte dornoch den vitzthum zu Doryngen unde zu Hessin Lodewigen gnand mit dem barte zu eyme graven von seynes slosses wegen Schowinburgk unde ander gerichte die her hatte vor dem walde, unde wart do gnant der grave von Doringen Joh. Rothe
düring. chron. 256
Liliencron; ain kener streyter (
verdient), daz er zuo ritter gschlagen vnd aus jm ain graf gemacht werde Berthold v. Chiemsee
theol. 549
Reithm.; Wolfgang von Kolberg, zum grafen erhoben, starb doch im gefängnis Ranke
s. w. (1867) 1, 135.
diesen personen wird der titel eines grafen
verliehen, vgl. 4: nunmehr wird aber auch der ehrentitel eines grafen sowohl von den kaisern, als auch von königen, oft personen verliehen, welche keine grafschaft besitzen Krünitz
öcon. encycl. 19 (1780) 697.
auf die armut eines in den grafenstand erhobenen adligen anspielend: ein armer kompt offt ehe zum hausz, den ein graff zur graffschafft Petri
d. Teutschen weiszh. (1605) S 6
b; ein handwercksmeister kan ehe zu hausz vnd hoff kommen, als ein gemachter graff zur graffschaft Lehman
floril. polit. (1662) 1, 396. 3@dd)
mit dem stand des grafen
verbindet sich gern die vorstellung von reichtum, stolz und vornehmheit, so dasz graf
auch den adligen und vornehmen schlechthin charakterisieren kann. 3@d@aα) grafen
und (frei) herren,
die ursprünglich den gleichen heerschild besaszen, werden, als die '
magnaten',
gern zusammengefaszt, oft in beziehung auf die adligen überhaupt; vgl. die glossierungen von magnas, -tes mit grauen (
obd. 13./14.
jh.)
und mit frij herre (
md. 15.
jh.)
u. ä. Diefenbach
gl. 343
b: ipsi futuri grosse herrn, graven, qui habituri satis zuessen, pecuniae, argenti, auri Luther 47, 737
W.; ich bin, wie wol alt und schwach, anher gne (
l. gen) Mansfeld komen um dem teglichen grossen geschrey von der uneinigkeit unter euch herrn und graven bewegt Luther
br. 11, 189
W.; darzu er lud an den Reinstram graffen und herren allesam Hans Sachs 17, 224
lit. ver.; uf ain zeit kamen vil grafen und herren geen Constanz, die hielten ain tag alda
Zimmer. chron. 22, 483
Barack; das die graven und freiherren in allen sessionen und stimen des hailigen reichs ... ain gleichen standt, auch in gleicher würde ie walten here geacht und gehalten sein worden
ebda 2, 99; jetzt haben vnser etliche schlOesser wie die graffen oder freyherren
discursz etzl. personen (1661) A 3
b; heut ..., wo jeder denkt, er sei graf oder herr und könne tun, was ihm beliebt, und sei kein unterschied mehr Fontane
ges. w. (1905) I 6, 34. 3@d@bβ)
in vergleichen und ähnlichen konstruktionen charakterisiert graf
eine person als vornehm oder stolz, oft, namentlich jünger und mundartlich, mit dem nebensinn des dünkelhaften: si ist ein wîp daz ir lîp zæme wol ze minne einem grâven Neidhart 41, 16
Wiessner; ich will mich gleich halten einem grossen hertzogen oder graffen
engl. comedien u. tragedien (1624) M 8
a; da sasse mein herr Simplicius wie ein junger graf Grimmelshausen
Simpl. 59
Scholte; einer liesz jhm ein landschafft mahlen, vnd sich dazu, vnd meynt er wäre ein graff, weil er so schOen land hett Lehman
floril. polit. (1662) 2, 531; die vornehme welt hält viel auf einer schönen equipage. zwei pferde dran sind schon was, für vier aber musz man ein graf sein Jer. Gotthelf
ges. schr. (1855) 13, 316; die Badekows waren ja gerade von den schlimmsten: stolz wie grafen Cl. Viebig
die vor den toren (1949) 20; er tut wie e grf
bei Müller-Fraureuth
obersächs. 1, 434
b; de kt doherstolzert (tritt op) wie ene graf
in: rhein. wb. 2, 1342; er chunnt dethër wie-n-e graf
in: schweiz. id. 2, 707; i
ch ha
n 's (
ich lebe) wie 'nen grof! (1844)
ebda. von hier aus: sich einen grafen einbilden
bei Fischer
schwäb. 3, 784.
mundartlich in ironisierender übertragung, '
straszenjunge, liederlicher strick'
rhein. wb. 2, 1342. 3@d@gγ)
ein sprichwort betont den abstand vom reichtum des adels: arm man mag nit graf seyn, darumb, gesell, gehab dich wol, mein trew dich nimmer sol darumb in keinen weg versmachen
altdt. wälder 2, 140
Grimm; reben sol man falgen vnd mit mist dungen, dez bin ich gar verdrungen von der lieben frowen min, arman mag nit graff sin
liedersaal 3, 564
Laszberg. das sprichwort scheint durch den nl. Reinaert ins deutsche zu kommen: ic at cranke have. arem man dannes gheen grave
Reinaert I 564
Martin; vgl. ebda II 620; id was rynge spyse, dar ik nu by leue; eyn arm man en is yo neen greue
Reinke de vos 554
Prien; kümmerlich frist ich mein leben; ich leid es aber geduldig, ist ein armer mann doch kein graf! Göthe I 50, 18
W.; vgl. Tunnicius
sprichw. nr. 463
Hoffmann; Petri
d. Teutschen weiszh. (1605) S 7
a. 44) graf
als titel. 4@aa)
in der verbindung mit dem namen. vgl. schon für die fränkische zeit verbindungen des namens mit der amtsbezeichnung wie Ingobode graffione; Garefredus graffio (
oben unter 1 b
α),
die an die stellung der comes-bezeichnung beim namen in lat. quellen anschlieszen. 4@a@aα)
beim personennamen oder, vor allem bei verliehenem titel, beim bloszen familiennamen: der mare crabo Georio
Georgslied 6
in: kl. ahd. sprachdenkm. 94
Steinmeyer; sprach Arnolt der grave
könig Rother 1409
Frings; den grêven (
hs. grefen) Wezzel he (
herzog Ernst) zu ime nam
herzog Ernst A II 35
Bartsch; sus wart dem grâven Âliere ungenædeclichen schiere gevangen unde erslagen sîn her Hartmann v. Aue
Iwein 3759; der graffe und ritter Allessander Arigo
decameron 73
Keller; es wil grafen Albrechts prophezey war werden Luther
tischr. 3, 405
W.; fr wenig tagen war da zwischen graff Rolanden, und dem Rinaldo gleich ein bittrer hasz entstanden Dietrich v.
d. Werder
hist. v. ras. Roland (1636) 5; der junge graf Löbau S. v. Laroche
frl. v. Sternheim (1771) 1, 61; nachher kam graf Purgstall aus Kopenhagen (1796) Schiller
br. 4, 387
Jonas; der gewählte gesandte hiesz graf Keller, von geburt kein Hesse Jac. Grimm
kl. schr. (1864) 1, 13; neben dem gute des polnischen grafen Plater (1877) C.
F. Meyer
an Rodenberg 10
Langm. 4@a@bβ)
aus der dem titel mit von
oder zu
angefügten, auf amtsbereich oder territorialbesitz des betreffenden grafen
weisenden herkunftsbezeichnung entwickelt sich der geschlechtername: Willem bi der gratien gods koning van Rome end altoes Augustus ende greue van Holland (
Dordrecht 1254)
corp. d. altdt. originalurk. 1, 56, 23
Fr. Wilhelm; von Tygerlant ein grâve wert, Emelius geheizen, kam zuo der lande creizen mit zweinzic kielen ûz erkorn Konrad v. Würzburg
d. trojan. krieg 28 846
Keller; do mete unser homeyster den grofen von Nassaw erete
Marienb. treszlerb. 485
Joachim; ich hab dem D. Pomer, pfarrher geschrieben, wie der graue zu Schwartzburg einen pfarrher gen Greussen bittet (1540) Luther
br. 9, 168
W.; Friederich, graff zu Wittin, versoff mit Brunone seinen vettern (1579) Chr. Entzelt
altmärk. chron. 145
Bohm; herr Ludwig frst zu Anhalt, graf zu Askanien, herr zu Zerbst und Bernburg Neumark
d. neuspross. teutsche palmbaum (1668) 13; da gibt es hier nun sehr liebe leute, eine familie grafen von Thurn (1835) A. v. Droste-Hülshoff
br. 1, 159
Schulte-K.; das unlängst von einem grafen von Calw gegründete Schwarzwaldkloster Dehio
gesch. d. dt. kunst 1 (1919) 103. 4@a@gγ)
der titel steht vor dem personen- und geschlechternamen: denn edelen manne greven Ottin von Waldecke (1303)
urkundenb. d. st. Göttingen 1, 40
Schmidt; wir grAvff Fridrich von Toggenburg, grAvff ze Toggenburg, ze BrettengOew und uff ThavAvs (
St. Gallen 1429)
in: dt. rechtswb. 4, 1053; grave Albrecht von Mansfelt Luther 19, 279
W.; sampt dem streitbarn helden graff Hansen von Huniad Schweigger
reyszbeschr. (1619) 37; diese (
macht) lag vielmehr in den händen der grafen Godwin von Kent und Leofric von Mercia Ranke
s. w. 14 (1877) 25. 4@bb)
den titel gefürsteter graf
führt ein in den fürstenstand erhobener graf: gefürsteter graf (
comes et princeps) (
Tirol 1511)
in: dt. rechtswb. 4, 1053; wann aber sonst geistliche oder weltliche fürsten, auch gefürstete prälaten und grafen ihre lehen und regalia empfahen (1550)
ebda 4, 1054; wir Ferdinand von gottes gnaden ertzherzog zu Osterreich ... gefürster graf zu Habspurg, zu Tirol (
Tirol 1573)
ebda; gefrsteter graf
comes in numerum principum receptus Stieler
stammb. (1691) 692;
vgl. Schwan nouv. dict. (1783) 1, 782
b.
in gleicher bedeutung fürstenmäszige grafen Frisch
t.-lat. (1741) 365
a. 4@cc)
in der anrede: her greue, wie liden vngemach
graf Rudolf C
b 19; er sprach edler graff ir sollen nit schweren
Hug Schäpler (1500) 22
b; mächtiger graf, sechend mich an, den reisigen zug lond still stan
N. Manuel 10
Bächtold; hoch-wohlgeborner grave, gnAediger herr Zinkgref
apophthegmata (1628)
*3
a; graf, lieber graf, kennt ihr Gianetten nicht, dasz ihr euch krümmt und ziert? Klinger
Otto 14
lit.-denkm.; ne ne, graf, das geht nicht Fontane
ges. w. (1905) I 5, 120; wenn ich sage zu ihnen, herr graf, das ist kein fehler. weil sie auch ohne zacken sind ein graf E. Wiechert
missa sine nomine (1950) 61. 4@dd)
der titel ohne zusatz des namens kann eine bestimmte und als bekannt vorausgesetzte person kennzeichnen: deme greuen wart sin volc irslagen
graf Rudolf δb 25; aber der graf und seine leute achten des euangelions nicht mehr (1538)
in: Luther
br. 8, 248
W.; er sagte, dasz der graf, als bräutigam, zuvor discurriret Riemer
polit. maulaffe (1679) 232; der graf nun so eilig zum pförtchen hinaus, was mag er im arme denn haben? Göthe I 3, 3
W.; es prunkte und prahlte der graf beim wein mit dem töchterlein sein und dem edelgestein H. Heine
s. w. 1, 26
Elster; Amadeus gegenüber sasz der alte graf, blasz, kränklich und mit vielen orden E. Wiechert
missa sine nomine (1950) 367. 4@ee)
in uneigentlicher anwendung. 4@e@aα) graf Ego,
scherzhaft und verstärkend für das ich (
lat. ego)
in redensartlichen und sprichwörtlichen wendungen; im sinne von '
was kümmert es mich': wer fitelt vnd verbsset sin hosen selb ein armer man was gat ez grav Egen an
liedersaal 3, 563
Laszberg; was geht das graf Ego an (
non est curae Hipoclidi) Seb. Franck
sprichw. (1541) 2, 23
b;
vgl. Friedrich Wilhelm
sprichwörter-reg. (1577) h 2
a; Eyering
proverb. copia (1601) 1, 776.
etwa im sinne von '
selbst ist der mann': wer wOelle daz im geling, luog selbs zu seim ding ... graf Ego bawet wol vnd hat schOene pferd
schöne weise klugreden (1548) 19
d; graff Ego hOert, siehet vnd thut alles am besten Lehman
floril. polit. (1662) 1, 271. 4@e@bβ) graf teufel
in mundartlichen redensarten könnte an die alte richterliche funktion des grafen
erinnern: geh zum, beschwer dich, verklag mich beim graf teufel Kehrein
Nassau 171; un wan tn kraaf taifl khumt Meisinger
Rappenau 76. 55)
als bürgerlicher familienname in mannigfachen lautvarianten; die umgelauteten Gräfe, Greef, Grebe, Gräbe
u. ä. scheinen ihren ursprung vornehmlich in der in md. und nd. gegenden, besonders in Hessen, bis in jüngere zeit hinein geltenden amtsbezeichnung (
s. 1 d)
zu haben; vgl. E. Schröder
dt. namenkunde (1944) 150; E. Schwarz
dt. namenforschung 1 (1949) 123.
nicht umgelautetes Graf
dürfte sich eher als übername von angehörigen und bediensteten von grafen
eingebürgert haben; vgl. E. Schwarz
a. a. o. 145. 66)
in der komposition zeigt graf
als bestimmungswort durchweg die form des gen. sing. grafen- (
bzw. die mundartlichen oder orthographischen nebenformen greven-
usw.),
mit dem die seltenen fälle einer zusammensetzung mit dem gen. plur. wie grafenbank, -kollegium, -tag
lautlich zusammenfallen. als kuriosum ist die unorganische form grafenstags abschieden (
dat. pl.) Harsdörffer
d. teutsche secretar. (1656) 2, 270
anzumerken. vereinzelte und neben der genitivzusammensetzung auftretende fälle echter komposition sind im wesentlichen auf das ältere nd. beschränkt; vgl. grave-, greve-, gräfding
unter grafending, graefgedinghe
unter grafengedinge, gravegeld
unter grafengeld.
jünger ist nur gräfeherr (
s.gräfenherr).
auszerhalb des nd. begegnet greveampt
neben grafenamt (
s. d.).
auf echte komposition weist auch gekürztes grascult (
s.grafenschuld),
und echtes kompositum ist ursprünglich grafschaft (
s. d.).
die komposition bewegt sich, von gelegenheitsbildungen abgesehen, im rahmen weniger typen. ein besonders im mittelalter, in ausläufern aber bis in die gegenwart hinein produktiver kompositionstyp betrifft bildungen, die rechte und obliegenheiten des grafen
bezeichnen. unter diesen dominiert eine bis ins ältere nhd. hinein bestehende gruppe von bezeichnungen für geld- und sachabgaben, die an den grafen
zu leisten sind oder von ihm erhoben werden; z. b. grafenbede, -futter, -geld, -holz, -korn, -pfennig, -schatz.
diese bezeichnungen bleiben oft auch nach der ablösung oder umwandlung einer gräflichen herrschaft in den betreffenden gebieten gebräuchlich für eine landesherrliche steuer überhaupt. zu diesem typ gehört ferner eine kleinere gruppe von bildungen, die sich auf gräfliche machtbefugnisse und die in diesen begründeten einrichtungen beziehen, so in älterer zeit grafenamt, -bann,
jünger grafengewalt, -recht,
versachlicht grafending, -gedinge, -gericht,
anders grafenkollegium, -tag. —
ein zweiter, erst seit dem frühnhd. bezeugter kompositionstyp umfaszt bezeichnungen für gegenstände, die sich im besitz eines grafen
befinden. ältere bildungen sind grafenland, -lehen;
im 18./19.
jh. schlieszen sich an grafenburg, -haus, -saal, -schlosz
usw. diese gruppe wuchert weiter in singulären bildungen wie grafenbett Pocci
komödienbüchl. (1859) 1, 82; -helm Schwabe
belust. (1741) 3, 300; -schwert Brentano
ges. schr. (1852) 5, 27. —
ein dritter kompositionstyp betrifft bezeichnungen aus dem bereich der genealogie und verwandtschaft; schon frühnhd. bezeugt in den bildungen grafengeschlecht
und grafenkind,
sonst seit dem 18.
jh.: grafenfamilie, -frau, -sohn, -stamm
u. a. —
weniger umfangreich ist ein seit dem 17.
jh. nachweisbarer typ von bildungen für die kennzeichen der gräflichen würde und des gräflichen standes wie grafenhut, -krone, -stuhl,
ähnlich grafenbrief.