vollends,
adv. ,
völlig, erst recht, gar, überdies noch; '
ist ein vulgares adverbium für völlig' Frisch 2, 406; '
es ist in der edlern schreibart veraltet, wo man dafür völlig
gebraucht, und nur noch im gemeinen leben üblich' Adelung; Campe
bezeichnet vollends
als ein '
niedriges, aber deshalb nicht verwerfliches wort'
der umgangssprache. 11) Otfrid
braucht oft ein adv. follon: nu leru ih iuih hartokurzero worto, uuio ir giduet follonthen druhtines uuillon 2, 23, 2; Kelle
Otfrid 2, 378
erklärt follon
als das plur. des adj., Jac. Grimm
gr. 3, 142
mit gröszerer wahrscheinlichkeit (
vgl. mhd. den vollen)
als acc. des subst. follo.
daneben erscheint follun: des nemag imo nieman follun gedanchon Notker
ps. 85, 13 (
weitere beispiele bei Graff 3, 481),
das als acc. des f. folla
aufzufassen ist, s. gr. a. a. o. und vgl.: dâ ist ir lîp gedrollen ze wunsche wol die vollen der Tannhäuser
in minnes. 2, 86
b v. d. Hagen; das mhd. adv. vollen
kann auf beide zurückgehen (
mhd. wb. 3, 363
b; Lexer 3, 434).
daneben finden sich in gleicher bedeutung den vollen, in vollen, envollen, bevollen, ze vollen. vollen
verbindet sich mit verben, neben voll-, volle-
erscheint bis ins nhd. hinein vollen-, volln-
als erstes glied der zusammensetzungen (vollenbringen; -enden
u. s. w.).
auch alleinstehend hält sich vollen
bis in die nhd. zeit, vgl. Fischer 2, 1625: ich hab in follen fast und lang an gerüfft, ich enpfind aber keyn hilff Keisersberg
bilgersch. (1512) 30
a; gott zutret yhnen (
ihn) voln bald unter unsern füszen Luther 18, 256
W.; Germanicus sein sun machet im alles Teutschlant vollen underthänig S. Franck
chron. Germ. (1538) 17
b; magst du warten, bisz ich den bart vollen abschir Wickram 3, 25
B.; ich musz volln sehn, was creutz vermag Alberus
fabeln s. 103 (21, 465)
ndr. mnd. vullen, to vullen, van vullen Schiller-Lübben 5, 555
b. 22)
mit antritt eines dentalen sproszlautes vollent, vollend, vollendt,
s. Jelinek
mhd. wb. 881; Fischer 2, 1626; vollend, gantz, gar Schöpper
synonyma 116
b ndr. von Adelung
und Campe
noch aufgenommen, aber als veraltet bezeichnet. das -end
konnte mit ende, enden
in beziehung gesetzt werden: usque ad extremum, bisz ans end, volend Alberus (1540) 54
b;
in einer stelle, wie die folgende ist, nähert sich vollend
dem sinne von bis ans ende: dasz unser herr Jhesus Christus vollent bey uns bleibe, ... weil es beginnt abend zu werden Nigrinus
von zäuberern (1592)
vorrede 5
a;
etwa wie '
schlieszlich': auf diese weise verlieret manches frauenzimmer ihren guten namen, und mit demselben auch vollend den überbleibsel von tugend
die vern. tadlerinnen (1725
ff.) 2, 19. —
als verbalpräfix: aber dennoch das gantze werck nicht vollendzogen haben Prätorius
winterflucht (1678) 108. vollent
wird verkürzt zu volnt, vollet, volt
und in mundartlicher sprache in mannigfaltigster weise verstümmelt und [] umgebildet: sein erb mus volnt aus dienen Zobel
sechsisch weichbild u. lehnrecht 82
a (1537); der hat den krieg vollet Tito seinem sun befolhen S. Franck
zeytb. (1531) 135
a; den übrigen klöstern vollet gar vom gütlein helffen Nas
das antipap. eins u. hundert (1567ff.) 2, 187
b; vollet zu blick- und brandsilber machen Mathesius
Sarepta 97
a; so wölt ichs euch folt zeigen an, wie ich all sach erfaren hab Ackermann
dramen 125
lit. ver.; vgl. Jelinek
mhd. wb. 879. —
eigenthümliche schreibung: wachsend fuland nit Österreicher
Columella 1, 239.
mundartliche formen verzeichnen Fischer 2, 1626;
schweiz. idiot. 1, 784; Müller-Fraureuth 2, 626
a.
die eigentliche bedeutung von vollend
ist: in höchstem masze, grade, so dasz der begriff des wortes, zu dem es als bestimmung tritt, ganz erfüllt wird; daz wêre vollent kreftig gewesen
mystiker 1, 281, 33
Pf. dann aber verbindet sich mit dem adv. der begriff einer abschlieszenden steigerung; ein rückblick auf einen zustand, in dem dieser abschlusz noch nicht erreicht war, auf eine unterbrechung, einen halt, ist mit inbegriffen. vollend
tritt als nähere bestimmung besonders zu verben oder wortgruppen, die von einem verbum beherscht werden: wil ich dir nach hinein komen und vollend dein wort ausreden
1. kön. 1, 14; auff das sie vollend die straffe uberkemen
weish. Sal. 19, 4; wil ich vollend bey derselbigen materien bleiben Luther 34, 2, 270
W.; bawest ein hausz, so machs vollend ausz
sprichwörter (1548) 6
a; das verleyhe uns gott, und verrichte volend in euch sein werck erzherzog Ferdinand ii von Tirol
speculum vitae humanae 31
ndr.; damit si dasjenige, was si vihlleicht noch nicht rächt eingenommen hätte, foländ begreiffen möchte Zesen
adriat. Rosemund 18
ndr.; setzte ihm auch die lantze an die brust und stellete sich, als wollte er ihn vollend hinrichten Ziegler
asiat. Banise (1689) 193; ihn volent machen zu eim narren Sachs 17, 38
K.-G.; sein meszner ihn auffweckt und sprach: herr, disz ist keine feine sach, steht auff und macht es vollend ausz (
die messe, bei der er eingeschlafen war) Sanrub
hist. u. poet. kurzweil 75
ndr.; schlaft doch immer vollend ein Stoppe
Parnasz (1735) 226.
es verbindet sich mit einer richtungsbezeichnung: da wend man die stiegen, und fur sy an den seytenmauren follent hinab Dürer
bef. d. stett (1527) c 1
a; stürtze dich mit deinem gantzen hoffgesind und regiment vollend ins hellisch fewr Luther 18, 262
W.; die alte führete mich vollend ins zimmer Grimmelshausen
Simpl. 1, 368
Kurz; man musz die katz vollend in sack bringen Lehman
floril. polit. 2, 729; den 6ten Aprilis ... sind wir vollend vor Gottorff ... wohl wieder ankommen A. Olearius
persian. reisebeschreib. (1696) 29; der (
wind) uns leid usz diser hab vollent uf das heilge lant Hugo v. Montfort 40, 71
B.; jetzt komt mein wagn, ich wil drauff sitzen und vollend in das wildbad fahrn Sachs 21, 8
G. oder mit beziehung auf eine zeitbestimmung: reden also bis vollend zu tag Schweinichen
denkwürd. (1878) 39
Ö. in der bedeutung von überdies, schlieszlich sogar, nun erst: und mangel ihr (
der gesellschaft Jesu) nichts, als dasz nur vollend der pabst aus ihrem mittel gewählet werde Opel-Cohn
dreiszigj. krieg 391; und was sagen sie nun vollend dazu Lessing 18, 237
M.; mit gar
verbunden: also weil er saufft, wechst das ertz, drumb wird er vollend gar zur reichen saw Mathesius
Sarepta (1571) 14
a; wenn sich ein zaun vor ein wenig neigt, so stöst in der teuffel vollent gar umb Petri
d. Teutschen weiszh. (1604ff.) 2, D dd 4
a. 33)
das für adverbialbildungen charakteristische -s
tritt an vollend,
und dieses vollends,
schon im älteren nhd. gebräuchlich, verdrängt im 18.
jh. das früher überwiegende vollend: völlig, völliglich,
it. vollends,
adv. pienamente Kramer
teutsch-ital. dict. 2, 1211
c (1702); vollends,
plene, [] plane, prorsus, omnino Steinbach 2, 904. —
das adv. ist in mundartlichem gebrauch im nieder-, mittel- und hochdeutschen sprachgebiet weit verbreitet, wie es scheint, nicht im bayerisch-österreichischen; dabei ist es in seltsamster weise umgebildet, wobei allerdings nicht immer zu entscheiden ist, ob vollent, vollends
oder der adverbiale genitiv volles
zugrunde liegt, s. Dähnert 138
a; Danneil 241
b; Albrecht
Leipziger ma. 232
a; Müller-Fraureuth 2, 626
a; Hertel
thür. sprachschatz 251; Jecht
Mansfelder ma. 120
b; Kleemann
nordthür. idiot. 25
a; Fischer
schwäb. wb. 2, 1626; Martin-Lienhart 1, 110
b. —
in der mundart von Frankfurt kommt ein adj. vollendster
vor Askenasy 234;
zu beachten ist die mundartliche form volgends: mach dich nur fort bald und behend und dein güttlein volgends verschwend
griech. dramen 2, 204
Dähnhardt. denn hier tritt vermengung mit folgends,
hernach ein Müller-Fraureuth;
s. aber vollgehends
unter vollgehung. —
üble verkürzung: jetzt hab ich vollnds ein junges weib Tieck
schr. (1828) 1, 103.
vgl. auch vollens. 3@aa) vollends
übernimmt den gebrauch von vollend.
es ist anzunehmen, dasz das adv. zu ende
und vollenden
in beziehung gesetzt wurde, denn es bezeichnet nicht das stärkste masz, den höchsten grad schlechthin, sondern immer vollständigkeit, endgültigen abschlusz; dabei findet, wenigstens in neuerer sprache immer, eine steigerung, ein vergleichen statt, stärkeres wird geringerem gegenüber gestellt, abschlusz einer thätigkeit oder eines vorganges steht dem anfangen, nachlassen, einer unterbrechung gegenüber u. ä. das macht ihn vollends müde,
nicht nur sehr oder auch ganz müde, sondern er war es vorher schon, aber in geringerem grade. das glas vollends austrinken,
nachdem schon daraus getrunken wurde. es kann auch bezeichnet werden, dasz eine thätigkeit, die ein object nur theilweise erfaszt hat, nun auf das ganze oder den rest gerichtet ist: thue es vollends hinein, '
das übrige auch noch' Adelung.
in solcher schärfe tritt dieser gebrauch in älterer sprache nicht hervor, hier kann es einfach im sinne von völlig, ganz und gar, bis zu ende, vollständig verwendet werden. wie vollend
tritt vollends
als bestimmung zu verben und verbalen fügungen: ich musz diese buch erst vollends auslesen Adelung; halb todt lag er da, man schlug ihn vollends todt Campe;
aber man könnte nicht sagen: er ist vollends todt. — (
brot, das) an der sonnen vollends abgetrucknet wird Herr
feldbau (1551) 55
b; stiesz ihn also den berg hinab, darauff folgete der ungetrewe ritter ... und erstach seinen herrn vollends Binhardus
thür. chronica (1613) 22; den weg, so ich allbereit umb etwas eröffnet, vollendts zu bähnen Opitz
poeterei 3
ndr.; der kerl ist jetzt voll, ich will ihm v. die letzte ölung geben Schupp (1663) 473; (
dasz man) des pannonischen krieges völligen auszgang v. erwartete Lohenstein
Arminius 1, 23
b; mich bath, dasz ichs selber austrincken muste (
nachdem sie vorher aus der kanne getrunken hatte) Chr. Reuter
ehrliche frau 11
ndr.; ich will sehen, dasz ich ihn v. besänftige J. E. Schlegel
werke 2, 374; so gieng einer nach dem andern weg, bis sie der regen v. zerstreute Nicolai
Seb. Nothanker (1773ff.) 1, 51; das hat ihm erst v. mein herz gewonnen Nestroy
ges. w. (1890ff.) 2, 143; nimm vollends hin all meine sinn Spee
trutznachtigal (1649) 34; viel fragen bringt ihn vollends ganz von sinnen Schiller
Macbeth 3, 8; bis er seinen letzten schweisz vollends ausgeröchelt hatte Müllner
dram. w. (1828) 2, 36; 3@bb) vollends
auf ein adj. bezogen, auch hier vergleichend und steigernd: mit den trivialschulen ... ist es vollends sehr elend bestellt Nicolai
reise durch Deutschland 1, 289; spätere schriftsteller trieben die werke dieser deutungen auf eine v. geschmacklose art J. v. Müller (1810
ff.) 1, 31;
[] ebenso ist es, wenn v.
sich auf eine richtungsbezeichnung bezieht; in der älteren sprache dagegen auch freier, eben nur das endliche erreichen des zieles bezeichnend: er wuste inzwischen kaum selbst, ob er sich v. nach Rom (
er war in der nähe) sehnen solte Lohenstein
Arminius 2, 1475
a; unser herr wirth? — nur v. herein! Lessing
Minna v. Barnhelm 2, 2; das übrige verdeckte er dicht mit zweigen um es morgen v. nach hause zu bringen Brentano (1852
ff.) 5, 50. 3@cc)
zeitlich, ganz und gar, bis zum ende: und hat daselbst sein leben ohne dienst v. zubracht Älurius
Glaciographia (1625) 184; diesen halben tag verbrachten sie v. in herzlichen gesprächen und erzählungen Göthe
gespräche 1, 18
B. 3@dd)
in verbindung mit der negation im sinne von erst recht: das zeugnisz des Theophrast beweiset vollends nichts Lessing 10, 305
M.; dies letzte begriff er vollends gar nicht Bettine
Brentanos frühlingskranz (1844) 465. 3@ee)
wie gar
steigernd, ein einzelnes wort, eine wortgruppe, einen satz hervorhebend und anderen vorstellungen gegenüberhaltend, gar, noch gar, überdies noch, erst recht: wenn er v. sterben sollte Adelung; und wenn sie mir v. die livree nehmen Lessing
Minna v. Barnhelm 1, 8; v. die glückwünschungsoden sind blümchen des tages Herder 27, 91
S.; seitdem v. sie uns entrissen sind, bin ich mitten in dieser volkreichen stadt verlassen Schiller 4, 271
G.; eine reinliche und v. schöne umgebung wirkt immer wohlthätig auf die gesellschaft Göthe 47, 310
W.; ich bin an sich nicht dafür — und in diesem kriege vollends Iffland
theatr. w. (1827) 1, 9; das ist ein elend mit dem gesinde! und v. wenn sie recht haben Tieck
schr. 3, 24; dasz ein Franzose und v. ein Engländer durch seine nationalität und geburt ein vornehmeres wesen sei als der Deutsche Bismarck
ged. u. erinn. 1, 142
volksausg.; vollends ihr, ihr seyd mir gar nichts schuldig Lessing
Nathan 2, 5; und fängt er (
der pfau) vollends an zu krähen, so bricht mir gar der angstschweisz aus Pfeffel
poet. vers. (1812)
ff. 7, 74.
überdies: v. wollen sie noch mehr geben, als in ihm (
dem buche steht) Görres
ges. br. (1858ff.) 3, 117. —
die beispiele zeigen, dasz v.,
wenn es ein wort oder eine wortgruppe heraushebt, vorangehen oder folgen kann. —
abgetrennt, bekräftigend: nun vollends! — eben das bedacht ich so viel, euch anzurathen Lessing
Nathan 4, 7. 3@ff) vollends
verstärkt sich durch gar,
oder durch nun ... gar (nun vollends gar);
in älterer sprache braucht das betonte nicht anderen vorstellungen entgegen gehalten zu werden, es kann einfach die höchste steigerung bezeichnet sein (
ganz und gar): etliche pferde haben es lange, das ist ein bösz zeichen, denn die werden darnach v. gar rotzig Walther
pferde- u. viehzucht (1658) 113; ich habe nach der eltern tode nichts als die redlichkeit geerbt, die, weil sie itzund nicht mehr mode, mein ansehn vollends gar verderbt Stoppe
Parnasz (1735) 231; mutter, stirb du nicht auch, damit wir nicht vollends gar vergehn Klopstock
Messias 12, 307. 3@gg)
vereinzeltes: das übrige (
geld) gieng ihm v. auff seine kleidung (
ging ganz drauf)
juncker Harnisch a. Fleckenland 20
ndr.; ich musz diese papiere v. aufheben (
darf keine stücke des zerrissenen briefes liegen lassen) Schiller
räuber 1, 1
schauspiel. — übrigens erlauben sie mir zu fragen, ob sie die bibliothek der schönen wissenschaften nicht vom 4ten bande an v. (
vollständig) besitzen Schubart
br. 1, 11
Strausz.