wahrscheinlich,
adj. ein erst der neueren sprache angehöriges wort. 11)
auftreten. der begriff '
verisimilis, probabilis'
wird im 16.
jahrh. gewöhnlich durch der wahrheit gleich
gegeben, vgl. oben sp. 852,
ferner: verisimile, das das da der warheit glycht, glych einer warheit ist.
voc. praed. f 5
a;
verisimilis, der warheit gleichförmig. Calepinus 1419
a;
auch im comparativ: ja es ist der wârheit gleicher dann jener meinung
die da ... sagen, es sei vor dem sintflus am wenigsten leut gewesen. Aventin 1, 325, 32
Lexer. daneben kommt der wahrheit ähnlich
auf, das neben der wahrheit gemäsz
im 17.
jahrh. und zu anfang des 18.
für den begriff ganz gewöhnlich ist (
noch bei Rädlein, Steinbach, Rondeau
angeführt),
vgl. noch: Musca. wir wollen vorgeben, als hätten wir den fremden ein wenig in die zähne geheyen wollen.
Gismund. geheyen? es ist der warheit nicht ähnlich. Gryphius
lustspiele 490
Palm; dieses ist der wahrheit nicht unähnlich. Zesen
Simson (1679) 195.
auch dem lat. noch näher stehend wahrähnlich (
bei Stieler
angeführt): dasz kein verisimilis causa oder waränliche ursach warzusagen sei beizupringen. Fischart
Bodinus (1551) 111;
s. oben sp. 751
den beleg aus Hohberg.
frühzeitig kommen auch umschreibungen durch schein der wahrheit
vor: probabile, gleublich, bewerlich, ein schin der warheit.
voc. praed. s 8
b; der warheit gleych, das ein scheyn und gstalt der warheit hat,
verisimilis. Maaler 484
a;
probabilitas, schein der warheit,
verisimiliter, mit einem schein der warheit. Dentzler 1, 722
a.
die bildung wahrscheinlich
tritt zuerst im ndl. auf: waerschijnelick (
neben waerschijnigh),
verisimilis. Kilian 646.
ins hd. ist sie um die mitte des 17.
jahrh. übergegangen, die ältesten belege finden sich bei Zesen, Thomasius, Bödiker (
grundsätze der deutschen sprachen 384), Morhof.
die wörterbücher haben sie seit Krämer (Stieler
hat nur das subst. und zwar offenbar als ein noch nicht ganz eingebürgertes wort, s. wahrscheinlichkeit 1),
aber meist neben den älteren bezeichnungen: warscheinlich,
verisimile, probabile. Krämer 1210
b; warscheinlich,
vraisemblable. Rädlein 1030
a; wahrscheinlich,
very like, probable. Ludwig 2370;
waarschynlyk Kramer (1719) 258
b;
verisimilis, probabilis Steinbach 2, 418. Frisch 2, 419
a.
vgl. die mehrheit der bezeichnungen noch bei Kirsch:
probabilis, glaublich, wahrscheinlich, der wahrheit gleich oder ähnlich. 1, 954;
verisimilis, der wahrheit gleich oder ähnlich, glaublich, wahrscheinlich. 1238. Adelung
erwähnt die älteren bezeichnungen nicht mehr. 22)
bestimmungen: nun ist aber unstreitig, dasz obwohl zwey widerwärtige dinge nicht zugleich wahr, sie dennoch alle beyde wahrscheinlich seyn können, weil die
wahrscheinlichkeit etwas ist, so zwischen dem wahren und falschen, gleichsam mitten innen ist. Thomasius
monats-gespräche (1688) 1, 111; das natürliche unbekante kan von dem menschlichen verstand beweget werden, dasz es dem wahren oder falschen etwas näher komme. ... kömmt es dem wahren näher als dem falschen, so heist es wahrscheinlich, kömmt es aber dem falschen näher, so heist es unwarscheinlich.
einleit. zur vernunfft-lehre (1691) 218; wenn wir von einem satze einigen grund, jedoch keinen zureichenden haben, so nennen wir ihn wahrscheinlich, weil es nemlich den schein hat, als wenn er mit andern wahrheiten zusammen hienge. z. e. man saget, es sey wahrscheinlicher, dasz einer mit zwey würffeln 7 wirffet, als dasz er 12 wirffet. Ch. Wolff
vernünfft. gedancken von gott, der welt etc. (1720) 215; hieraus folget nun, dasz ein jeder satz entweder wahr oder falsch seyn müsse: weil nur eins von beyden möglich ist. da wir aber die verknüpfung des subjects und prädicats zuweilen nur unvollkommen einsehen; und also von des satzes wahrheit nicht völlig versichert sind: so entstehet daraus ein wahrscheinlicher satz. Gottsched
erste gründe der ges. weltweisheit 1, 37; wenn wir eine ungewisse erkentnisz, um einiger kennzeichen der richtigkeit und unrichtigkeit willen, annehmen oder verwerfen, so erkennen wir entweder mehrere und stärkere gründe, sie anzunehmen, als sie zu verwerfen, und alsdenn ist unsere erkentnisz wahrscheinlich (
cognitio probabilis, verosimilis) ... G.
F. Meier
auszug aus der vernunftlehre 47; gewisz nennet man diejenige einsicht, wovon das gegentheil gänzlich widersprechend oder unmöglich ist. wahrscheinlich aber heiszt die einsicht, wovon das gegentheil nicht gänzlich widersprechend oder unmöglich ist. Reimarus
vernunftlehre3 17; wahrscheinlich heiszt dasjenige, was für wahr gehalten, mehr als die hälfte der gewiszheit ... auf seiner seite hat. Kant 1, 183; denn wahrscheinlich ist das, was einen grund des fürwahrhaltens für sich hat, der gröszer ist, als die hälfte des zureichenden grundes, also eine mathematische bestimmung der modalität des fürwahrhaltens, wo momente derselben als gleichartig angenommen werden müssen, und so eine annäherung zur gewiszheit möglich ist, dagegen der grund des mehr oder weniger scheinbaren (
verosimile) auch aus ungleichartigen gründen bestehen, eben darum aber sein verhältnisz zum zureichenden grunde gar nicht erkannt werden kann. 3, 463; ist die hälfte derselben (
der wahrheitsgründe) gegeben, so ist der satz zweifelhaft. wenn uns aber mehr gründe gegeben sind, als zur gewiszheit fehlen; so pflegen wir schlechtweg zu sagen: der satz sey wahrscheinlich. Mendelssohn
phil. schr. (1777) 2, 248 (
über die wahrscheinlichkeit); wahrscheinlich ist, was im verhältnisz gegen einen möglichen fall, dasz es anders sey, in vielen gleich möglichen fällen so beschaffen ist, wie das urtheil aussagt. Fries
logik2 456; eine solche behauptung aus überwiegenden gründen heiszt eine wahrscheinliche behauptung, und musz nach dem maasze des übergewichts der gründe grade der gewiszheit bei sich führen.
wahrscheinlichkeitsrechnung 15.
unterscheidungen. subjectiv
und objectiv wahrscheinlich: etwas meinen hingegen (
heiszt), eine erkenntnisz haben, welche subjektiv wahrscheinlich ist, ohne objektiv wahrscheinlich zu seyn. Hoffbauer
logik 6 (1794), 347.
anderes s. unter wahrscheinlichkeit 2.
besonders ästhetisch, poetisch, malerisch wahrscheinlich: vor dreytausend jahren kan ein gedanke volkommen aesthetisch wahrscheinlich gewesen seyn, der es aber jetzo nicht mehr ist. G.
F. Meier
anfangsgründe aller schönen wissenschaften2 (1754) 1, 211; weil eine sache, wenn sie aesthetisch wahrscheinlich seyn sol, nicht nur an sich betrachtet, sondern auch vornemlich hypothetisch wahrscheinlich seyn mus. 1, 217; (
der beobachter) würde zu dem gemählde, dessen gegenstand ihm für die mahlerey weder natürlich, noch wahrscheinlich schiene, den kopf schütteln. C. L. v. Hagedorn
betrachtungen über die mahlerey (1762) 192. wahrscheinlich
nähert sich in diesem sinn der bedeutung '
verständlich, einleuchtend': Herodes ... kömmt in eben diese herberge, die die weisen erst jetzo verlassen haben, und weil er erst in Bethlehem ankömmt, so ist es ganz wahrscheinlich, warum er jetzo und zu keiner andern zeit diese gedanken hat. J. E. Schlegel 3, 13. 33)
gebrauch. 3@aa)
prädicativ. eine meinung, eine annahme, eine äuszerung ist wahrscheinlich: sein tadel (
des kritikers) ist wahrscheinlich, wenn er gleich nicht wahrheit genug hat. Gellert 8, 68.
auch von einem ereignis: sein tod ist wahrscheinlich; der fall der festung wird immer wahrscheinlicher. es ist wahrscheinlich
mit angeschlossenem dasz-
satz: es ist wahrscheinlich, dasz der patient wieder aufkommen werde,
the patient is like to recover. Ludwig 2370; es ist nicht wahrscheinlich, dasz ihr mich jemahls wieder sehen werdet,
it is not likely, that you ever shall see me again. ebenda; es ist wahrscheinlich, dasz sie das gethan haben,
verisimile est, eos hoc fecisse. Steinbach 2, 418; wahrscheinlich ist es auch nicht, dasz wir uns so ganz in die empfindung unsrer nachbaren versetzen werden. Möser
verm. schr. 1, 199. wahrscheinlich
kann eingeschränkt oder verstärkt werden (wenig wahrscheinlich, sehr, höchst wahrscheinlich, am wahrscheinlichsten, das wahrscheinlichste): wie wenig wahrscheinlich ist dieses! Rabener 4 (1754), 411; sehr wahrscheinlich ist, dasz ich von meinem hochwürdigen domcapitel nach Berlin werde deputirt werden. Gleim
an Herder (
von und an Herder 1, 124); folgendes ist am wahrscheinlichsten. J. G. Jacobi
werke3 1, 69; allenfalls könnte diese (
frage) noch aufgeworfen werden: ob er (
der mensch) von natur ein geselliges oder einsiedlerisches und nachbarschaftscheues thier sei; wovon das letztere wohl das wahrscheinlichste ist. Kant 1, 365 (
anthrop. § 87). etwas ist, wird mir wahrscheinlich, scheint, dünkt mir wahrscheinlich, kommt mir wahrscheinlich vor: mir ist wahrscheinlich, dasz er einen groszen theil derselben (
zeit) in Griechenland, und vornehmlich zu Athen zugebracht habe. Wieland
Lucian 1, xiii;
mad. Traut. wir reisen also doch?
h. Traut. die sache wird mir wahrscheinlich. Iffland
die reise nach der stadt 15 (1, 2); diese vermuthung schien ihm ... bey mehrerm nachdenken so wahrscheinlich, dasz er voller zufriedenheit in sein grünes schlosz zurück ging. Wieland 11, 41 (
Sylvio 1, 7); was uns alsdenn am wahrscheinlichsten dünket, das sollen wir erwarten. Mendelssohn
phil. schr. (1777) 1, 124; recht wahrscheinlich kömmt sie (
die auslegung der fabel) mir freylich nicht vor. Rabener 2 (1751), 229; es kam ihm ganz wahrscheinlich vor, dasz es vielleicht eine fee oder eine verwandelte prinzessin seyn möchte. Wieland 11, 47; ich befriedige blosz den trieb des augenblicks, zur bekanntmachung dessen, was mir wahrscheinlich vorkommt. Forster
an Herder (
aus Herders nachlasz 2, 388). etwas wahrscheinlich machen: es ist nichts so unglaublich, das nicht durch reden könne wahrscheinlich gemacht werden,
quod non dicendo fiat probabile. Nieremberger; die zusätze, durch welche er die erzehlung Mosis wahrscheinlicher machen will. Liscow
schriften 593; etwas eidlich versichern, heiszt an vielen orten so viel, als eine lügen recht wahrscheinlich machen. Rabener 2, 176; so wahrscheinlich auch diese anekdote durch den karakter der donna Mencia ... gemacht werden könnte: so gestehen wir doch, dasz wir ... ein starkes misztrauen in alle anekdoten dieser art setzen. Wieland 11, 104 (
Sylvio 2, 1); ich ... halte das Weber'sche gesetz innerhalb der angegebenen gränzen dadurch zwar für ziemlich wahrscheinlich gemacht; aber keineswegs erwiesen. Fechner
psychophysik 1, 208. wahrscheinlich finden, für wahrscheinlich halten, ansehen, erkennen: dachte dem traume nach und fand diese fatale theilung wahrscheinlich. Gleim
an Herder (
von und an Herder 1, 239); andere ... fanden es aber sehr wahrscheinlich, dasz dieser dämon weiter nichts als die seele des weisen in die zukunft hineinsehenden Sokrates gewesen sey. Meiners
phil. schr. 3, 6; wenn die sache zweifelhaft ist, sollte man doch wohl für wahrscheinlicher halten, dasz der arme eher den reichen (
autor) ... bestohlen hat. Wieland
Lucian 4, 302; das kopernikanische weltgebäude wird jetzt durchgehends für wahrscheinlicher erkannt, als das alte ptolemäische. Mendelssohn
phil. schr. (1777) 2, 273. 3@bb)
attributiv. 3@b@aα) eine wahrscheinliche rede, angabe: durch gute gründe und wahrscheinliche verheiszungen vieles guten. Gottsched
redekunst § 7; ungeachtet aller geschichten von erscheinungen und handlungen des geisterreichs, davon mir eine grosze menge der wahrscheinlichsten bekannt ist. Kant 10, 154; eine wahrscheinliche meinung,
a probable opinion. Ludwig 2371; Theano war, der wahrscheinlichsten meinung zu folge, die tochter eines Krotoners. Wieland 24, 262; wahrscheinliche sätze,
hypotheses, welche einigen grund der wahrheit in sich .. haben. Zedler 52, 1019; wahrscheinliche erkänntnisz.
ebenda; ein wahrscheinlicher schlusz. 22, 1583; durch lesung einiger romane kam ich vielmals auf den wahrscheinlichen zweifel, ob ich nicht die tochter eines lords, eines marquis, oder sonst eines vornehmen cavaliers ... sey. Rabener 3, 386; wahrscheinliche sicherheit,
sûreté morale. Rondeau; wahrscheinliche ursachen,
ragioni speciose. Krämer 1210
b; er kunte es sehr wahrscheinlich vorstellen, er brachte sehr wahrscheinliche ursachen vor,
he proposed it very likely, he produced very probable reasons. Ludwig 2371; ein wahrscheinlicher grund,
argumentum verisimile. Steinbach 2, 418; wer siehet aber nicht, dasz dieses nur ungegründete künsteleyen und illusiones sind, deren keine wahrscheinliche ursache zu geben. Morhof
unterricht 114; die musik ist die wahrscheinliche ursache der gewaltsamen bewegungen des tänzers. Mendelssohn
phil. schr. (1777) 2, 144. 3@b@bβ) eine wahrscheinliche geschichte,
casus probabilis. Steinbach 2, 418; hieraus haben sie dan ihr dichtwerk, wie sie pflegen, geschmiedet und beide wahrhaftige begräbnisse ... in eine einige blosz ja kaum wahrscheinliche zusammengeflikket. Zesen
Simson (1679) 192; Goethe's reise und wahrscheinlicher längerer aufenthalt thut mir für sie ... doppelt leid. W. v. Humboldt
an Schiller 25.
aug. 1795 (
briefwechsel 166); einen wahrscheinlichen krater läszt man links. Göthe 28, 186 (
ital. reise 2); ein junges frauenzimmer, tochter oder haushälterin, war mit bügeln beschäftigt ... der maire-adjunkt fiel seiner wahrscheinlichen haushälterin ... in das wort. Börne
briefe aus Paris (1835) 1, 19. 3@b@gγ)
in der technischen sprache: wahrscheinlicher schiffsort, der dem gegiszten besteck (
geschätzten ort des schiffs in see) am nächsten kommende, räumlich zunächst gelegene punkt der standlinie. Stengel
seemänn. wb. 4, 455
a.
in der rechtssprache steht wahrscheinlich
im gegensatz zu wahr
oder wahrhaft (
oben sp. 690
f.) '
was juristisch nicht völlig gesichert ist': ungewisser, unerweislicher, zweifelhafter, vermuthlicher, wahrscheinlicher oder uneigentlicher schade. Zedler 34, 722; wahrscheinliche schenkung '
da der schenkende seinen willen ... eben nicht mit klaren und deutlichen worten zu verstehen giebt'. 34, 1294. 3@b@dδ)
den übergang zu adverbiellem gebrauch bezeichnet die wendung wahrscheinlicher weise,
von Adelung
angeführt: sie brauchen, wahrscheinlicher weise, worte, deren kraft sie nicht überlegt haben. Lessing 2, 72 (
miss Sara Sampson 4, 8); es wird uns zwar wahrscheinlicher weise nicht gelingen. Mendelssohn
phil. schr. (1777) 1, 123; eine grosze weitung, die man ... nicht platz, sodern weite (largo) genannt hat, wahrscheinlicherweise von den ersten zeiten her, da dieses noch ein unbegränztes feld war. Göthe 28, 16 (
ital. reise 2). 3@cc)
als adv.: wahrscheinlich,
probabilmente. Krämer 1210
b; es ist wahrscheinlich so,
it is likely so. Ludwig 2371; wahrscheinlich (allem ansehen nach) wird er morgen abreisen. Kramer (1719) 497
c; es ist damit wahrscheinlich so zugegangen. Campe 5, 547
b; es hat ihn wahrscheinlich schon gereut gehabt, ehe er noch vom thron bis zum closter kame.
F. C. Moser
beherzigungen (1761) 115; möglich, ja sogar wahrscheinlich, dasz nicht jedem mit dieser eigentümlichen doppelaussicht gedient gewesen wäre. Fontane
die Poggenpuhls 2.
verstärkt: sehr, höchst wahrscheinlich, wahrscheinlichst: sehr wahrscheinlich würde dis deutsche Athen auch ohne ihn (
den siebenjährigen krieg) die stoltze benennung weder mehr noch weniger verdient haben. Wieland
suppl. 6, 315; parlamente, die jährlich gewählt würden, müszten daher höchst wahrscheinlich der jedesmal regierenden parthey weit mehr ergeben seyn. Rehberg
untersuchungen über die franz. revolution (1793) 1, 142; ich habe eine schrift über die soldatenehen unter händen. ... nach deren vollendung und durchtreibung ich — wahrscheinlichst wohl sterben werde. Lenz
an Herder (
aus Herders nachlasz 1, 238).
in verbindung mit adjectiven: man musz in wahrscheinlich bösen worten, so lange die opinion für den autor streitet, allemahl die gelindeste erklährung annehmen. Reinwald
studentenspiegel (1720) 31; es gibt etwas, das man das möglichst gute, das wahrscheinlichst beste nennt. Klinger 9, 115.
abweichend ist der gebrauch des adv., wenn es für '
mit anschein der wahrheit'
steht: etwas wahrscheinlich erdichten,
fingere aliquid verisimiliter, wahrscheinlich von der sache schlissen,
de aliqua re probabiliter argumentari. Steinbach 2, 418; indem in der ethic und politic materien fürkommen, die nur wahrscheinlich können erkannt werden. J. G. Walch
einleitung in die philosophie (1730) 62; es ist ja wohl möglich, dasz zwey wahrheiten beyderseits unter die nothwendigen gehören, ungeachtet wir von der einen demonstrativ, von der andern aber nur wahrscheinlich erkennen, dasz sie nothwendig sind. Crusius
entwurf der nothwendigen vernunft-wahrheiten2 (1753) 17;
Lorchen. nun, wahrhaftig! wo ist der schelm, der nicht wahrscheinlich ein ehrlicher mann seyn kann? K. G. Lessing
die mätresse 57, 3 (3, 7)
neudr.; wenn es mir gelänge selbst der schuldige zu scheinen? wahrscheinlich oder nicht! — für ihn genug. Schiller 5, 2, 410 (
don Karlos 5, 3). 3@dd)
substantivirt: 3@d@aα) etwas, nichts wahrscheinliches: wer mag arbeiten, wenn ihm nicht wenigstens seine einbildung den gewünschten erfolg als etwas wahrscheinliches vorspiegelt? Wieland 31, 279; nach aller mühe, die sich die Vossius ...
u. a. seiner zeitrechnung halben gegeben haben, läszt sich doch nichts wahrscheinlicheres noch genaueres herausbringen.
Lucian 1, iv. 3@d@bβ) das wahrscheinliche: die mathematiker ... haben in dem letzten jahrhunderte auch in dem felde des wahrscheinlichen grosze entdeckungen gemacht. Mendelssohn
phil. schr. (1777) 2, 245; gesetzt, er hätte das wahrscheinliche für wahr, das glaubliche für unleugbar gehalten. Lessing 10, 193 (
Anti-Goeze 5); der stets das wahrscheinlichste thun musz,
probabilioriste. Rondeau; allerdings leben wir in tagen, die uns das unglaublichste fast immer als das wahrscheinlichste vorspiegeln. Matthisson
schriften 3, 199.
besonders in ästhetischem sinn (
oben sp. 995): ich verstehe durch das wahrscheinliche in der poesie alles, was nicht von einem andern widerwärtigen begriff, oder für wahr angenommenen satze ausgeschlossen wird, was nach unsren begriffen eingerichtet zu seyn, mit unsrer erkenntnisz und dem wesen der dinge und dem laufe der natur übereinzukommen, scheinet; hiemit alles, was in gewissen umständen und unter gewissen bedingungen nach dem urtheil der verständigen möglich ist, und keinen widerspruch in sich hat. ... hiemit ist es nicht dem lediglich unmöglichen, wie das wahre, sondern dem wunderbaren, welches nur einen schein der falschheit hat, entgegen gesetzet. Breitinger
crit. dichtkunst 134; die eigenthümliche kunst des poeten bestehet demnach darinnen, dasz er die sachen, die er durch seine vorstellung angenehm machen will, von dem ansehen der wahrheit bis auf einen gewissen grad künstlich entfernen, jedoch allezeit in dem maasse, dasz man den schein der wahrheit auch in ihrer weitesten entfernung nicht gäntzlich aus dem gesichte verliehret. folglich musz der poet das wahre als wahrscheinlich, und das wahrscheinliche als wunderbar vorstellen, und hiemit hat das poetische wahrscheinliche immer die wahrheit, gleichwie das wunderbare in der poesie die wahrscheinlichkeit zum grunde. 139; der poet musz das wahrscheinliche auf eine art vortragen, die es angenehm macht, mit allem dem reize, mit aller der hoheit, die uns bezaubern und entzücken. Batteux
einleitung in die schönen wissenschaften, übers. v. Ramler4 1, 49; nicht das mögliche, sondern das natürliche und wahrscheinliche musz des dichters leitstern seyn. Shaftesbury
philos. werke3 (1779) 330; die einheiten ... führen uns auf die lehre von der beobachtung des wahrscheinlichen. C. L. v. Hagedorn
betrachtungen über die mahlerey (1762) 187.