schlau,
adj. astutus, callidus Steinbach 2, 438.
etymologisch dunkel, nach der gewöhnlichen annahme (
s. Kluge5 325
b)
ist hd. schlau
aus dem nd. slu
entlehnt und dieses mit altn. slø'gr,
engl. sly
verwandt. altn. slø'gr
ist wol eine ableitung zu slahan,
bei der activer sinn anzunehmen wäre '
geschickt zu schlagen' (
im kampfe oder beim schmieden und ähnlicher arbeit).
vgl. das neuisl. slægr hestr,
equus calcitrosus, calcitro, en hest, der vil slaa. Biörn Haldarson 2, 298
b (
zusammenhang mit isl. slægur,
schwed. slug
und mit schlagen
nimmt schon Wachter 1425
an).
dem altn. slø'gr
entspricht norw. slög, sljög,
schwed. slög
kunsterfahren, dän. sløj
schlau (
auf Falster),
gewöhnlich in dem sinne '
weit'
von kleidungsstücken; sonst sagt man für schlau
dän. slu,
älter slug
und ebenso schwed., jütländ. sløv.
engl. sly
lautet mittelengl. sleh, sley, slie, sly (
Chaucer). Grimm
gramm. 1
3, 392
will dies auf ags. sléo
zurückführen; da dies indes unbezeugt ist, und das wort zuerst bei Orm als sleh
begegnet, so ist entlehnung aus dem altn. wahrscheinlicher, vergl. Skeat 565
a.
im deutschen begegnet das wort seit dem 16.
jh., den ältern sprachstufen ist es fremd: slou
bei Graff 6, 761
ohne beleg, und die ableitung der ahd. personennamen Slaugo, Slauganzo, Slaugart, Slaumar(esheim), Slougolf
von schlau Förstemann
namenb. 1, 1111
ist mindestens nicht zwingend. schlaw
bei Alberus
dict. (1540) GG 4
b,
s. Weigand 2, 583;
nasosus, nasutus schlw Dief.
gloss. 375
c;
fehlt bei Dasyp.
und Maaler;
dagegen bei Schottel 1400 schlau,
cautus, astutus, Stieler 1814 schlau, schlaue
et schlaun,
astutus, cautus, callidus, perspicax, it. paratus, promtus, quasi verschlagen;
und in den spätern wörterbüchern. mnd. und mnl. unbelegt, holl. sluw,
vgl. Franck 902.
neuere mundarten zeigen die formen bair. schlauch Schm. 2, 520. Schöpf 617. Hintner 218,
schweiz. schlaw Hunziker 222,
schwäb. schlug Schmid 469,
leipzig. schlau Albrecht 201
b,
harzisch schlou,
flectiert schlogger Liesenberg 196,
nd. slug Dähnert 432
a, slû Schambach 195
b, slou
brem. wb. 4, 841, slau ten Doornkaat Koolman 3, 193
b.
die nächstliegende annahme ist in der that, dasz das wort aus dem nd. in das hd. einerseits, in das dän. schwed. andererseits eingedrungen sei; nur macht schwierigkeit einmal, dasz das wort im nd. noch später als im hd. belegt ist; ferner die form slou, slau
an der Nordseeküste, während das zu erwartende slug
nur von Dähnert
bezeugt ist; und endlich die verbreitung in den bair. dialecten, und zwar in der form schlauch,
die zuweilen auch in der schriftsprache begegnet: du taugest wol gen hof, muhtwillig, listig, schlauch (: gebrauch). Weckherlin 792;
flectiert schlauh-,
z. b. bei Tscherning,
s. 1,
b und d, wo indesz der lautwert des h
zweifelhafter ist. auszerdem würde die etymologie und besonders der zusammenhang mit slø'gr
auch dann unerklärt bleiben. rätselhaft bleibt auch das in dem Kopenhagener nd. glossar begegnende astutus, sludde, listich,
s. nd. korrespondenzbl. 7, 26. 44;
auch auf dän. snu,
schlau (
zu altn. snúa,
dän. schwed. sno,
drehen, winden, oder zu goth. snutrs,
altn. snotr,
altengl. snotor
klug?)
sei wenigstens hingewiesen. die bedeutung zeigt keine wesentlichen verschiedenheiten, es wird gesagt 11)
von menschen. 1@aa) schlaue dirne,
puella sollers; schlauer greis,
senex fallax, subdolus et malitiosus ... porro schlau
exponitur rectus, sollicitus, religiosus, circumspectus. Stieler 1815; ein schlauer feind,
hostis callidus; schlaue leute,
veteratores. Steinbach 2, 438: lösch deine laterne aus, schlauer Diogenes! Schiller
räuber 2, 3
schausp.; diesz muster schlauer männer. Hagedorn 1, 42; dem schlauesten Hebräer in B
** (
Berlin), dem kein betrug zu schwer, kein knif zu schimpflich schien. Lessing 1, 32; der ritter erhielt, wie der schlaue leser schon errathen hat, die ehre das fräulein zu begleiten. Wieland 4, 126 (
Amadis 6, 9); der ritter war ein schlauer merker. 188 (8, 23); und so verstand es auch der schlaue Fanias. 9, 98; so jung noch und so schlau, so heiter blühend und gift und moder in der argen brust? Grillparzer
Sappho 3, 6;
eine stehende verbindung ist ein schlauer gast,
veterator, homo acutus et versutus Stieler 1815,
homo astutus Steinbach 2, 438,
in gewöhnlicher rede auch ein schlauer kunde, patron.
vgl. e und 2,
a, in vergleichen: er ist schlau wie ein thorschreiber,
nd. slau as'n rotte, as en foss. Wander 4, 227
f.; als name: wenn meister Schlau und bruder Flau aus einer karte spielen, so ist herr Fant der betrogene.
quelle s. ebenda. 1@bb)
in prädicativer fügung: schlau seyn,
callidum esse. Frisch 2, 193
c; wie schlau ein alter kaufmann nicht ist! Lessing 1, 229; wie schlau du bist? Schiller
räuber 2, 1
schausp.; das weib war nichts als schlau.
dom Karlos 2, 12;
dafür auch: dann warlich disz geschlecht ist sonst zu schlauher art, in alle künste recht. Tscherning (1642) 99. 1@cc)
mit präpositionalen wendungen: er ist schlau genug darzu; darzu ist er nicht schlau genug,
ad id minime cautus est; schlau auf böses zuthun,
nequitiae versutus Stieler 1815; Phyllis, die so reizend ist, ... freundlich, sinnreich, schlau zur lust. Hagedorn 3, 88; nach beer' und eichel, ungeschlacht, durchbrach der mensch den wald, kaum schlau zum fischfang und zur jagd. Voss 4, 169; schlau wie der fuchs, um beute.
Shakesp. Cymbel. 3, 3. 1@dd)
auch von thieren: ein schlauer vogel kan des stellers leim' entschleichen. Opitz (1629) 1, 308; auch die schlauhe nachtigal machte lieder jhm zu ehren. Tscherning (1642) 81; (
zürnend) über den hasen, der nächtlichen stunde schlauen gast, der nicht der zarten nelken verschonet. Stolberg 1, 433. 1@ee)
häufiger bildlich von menschen: er ist ein schlauer fuchs, ein schlauer hund,
occultator, simulator Stieler 1815; ein schlauer vogel,
subdolus nequam Steinbach 2, 438;
oft als ausdruck der verachtung: sie sind ein schlauer fuchs. Lessing 1, 371; wir hätten ketzer zwungen, aber die schlauwe maus ist hinten zu eingebrochen. Opel-Cohn 295, 37; bin ich doch ein schlauer has.
wunderhorn 2, 255
Boxberger. 22)
von sachen. 2@aa)
anstatt der ganzen person wird zuweilen das in frage kommende glied genannt: ein schlauer kopf,
vgl.schlaukopf,
meist für den menschen selbst, multiplex ingenium et tortuosum Stieler 1815; 's ist reine schönheit, deren roth und weisz natur mit zarter, schlauer hand verschmelzte.
Shakesp. was ihr wollt 1, 5. 2@bb)
von eigenschaften oder handlungen, worin sich schlauheit zeigt: nicht schlaue ränke sind sein witz. Ramler 2, 32; mit welcher schlauen vorsicht er die netze vorbey sich windet. Lessing 2, 270 (
Nathan 3, 4); (
der weise,) der, wann dem schmerz schier die maschin' erlieget, durch schlaue nüchternheit den lebensfeind betrieget. Gotter 1, 283; er klügelt' und erfand, nach schlauem spintisiren, als stier sich zu maskiren. Bürger 22
a; wahrheit liebt einfalt. die gerechte sache hat künstlich schlauer wendung nicht vonnöthen. Schiller 6, 141 (
Phöniz. 4, 486); es ist dein vater! ... also sey er dir heilig. wiederum eine schlaue konsequenz!
räuber 1, 1
schausp.; aber sag, ist das nicht ein schlauer und herzhafter plan? 1, 2;
so auch: ich wollte gerade von neuem zu einem schlauen titel dieses buches ansetzen. J. Paul
aus d. teufels pap. 1, 79. 2@cc)
von dingen, zunächst durch eine art personification: die schlaueste .. wollust hatte dieses fest angeordnet. Wieland 2, 362; als mich das schlaue garn in eil gefangen nahmm. Hofmannswaldau
bei Steinbach 2, 438; (
man) meidet ihn so sehr, als mops den schlauen prügel. Günther 390. 2@dd)
besonders oft bei dichtern des 18.
jahrh. in bezug auf liebesdinge u. ähnl.: dieser augen schlauen witz. Ramler 1, 91; wie? ist die unschuld nichts als kunst und schlauer tand? Wieland 17, 58; ein schlaues blendwerk dieser nacht soll sie an meine seite ketten. Gotter 3, 446; wohl dir! dein kleiner busen kennt den flitterprunk der welt und Amorn nicht, den losen gott, der schlaue netze stellt. Hölty 122
Halm. von personificationen: die schlaue Nacht zieht jüngferlich bescheiden ein wölkchen, wie vom dünnsten silberflor, dem seitenblick der spröden Luna vor. Wieland 9, 335; so eilt der schlaue Scherz, ganz athemlos vor schrecken, so leis' er kann in eine freystatt sich. 338. 33)
adverbial: die hecken, die meine bauren gar schlau um ihre felder herumführen, dasz ja kein haase drüber sezt. Schiller
räub. 1, 1
schausp.; nun du deinen mann in dem hamen hast, must dus auch fein schlau angreiffen, dasz du ihn hebst! 2, 3; bravo! bravo! das haben sie schlau gemacht.
Fiesko 2, 8; der löwe hats doch so dumm nicht gemacht, dasz er die maus pardonierte? gelt! er hats schlau gemacht, wer hätt ihn auch sonst aus dem garne genagt? 3, 4; er b'stellt sie auf die brücke schlau.
wunderhorn 2, 124
Boxberger; könnt' ich schlau der parzen händen die verhaszte scheer' entwenden. Gotter 1, 60; wär' ich nur ein dorn der hecke, welche schlau ihr röckchen ritzt! Hölty 206
Halm; pack ich euch nur schlau. Ludwig 4, 277;
als ausruf: ei, wie schlau! Lessing 1, 212. 44)
abweichende bedeutung findet sich nur mundartlich. 4@aa)
in der Schweiz, ironisch von personen und sachen, die ihrem namen und zweck nicht sonderlich entsprechen. Hunziker 222. 4@bb)
in Leipzig, sich schlau befinden,
bei guter gesundheit, in blühenden vermögensumständen sein. Albrecht 201
b. 55)
mundartlich begegnen auch substantive schlau,
die jedenfalls mit dem adjectiv nichts zu thun haben. 5@aa)
als masc. schwäb. schlau, schloh,
haufen noch nicht in bündel gebundenes reisholz. Schmid 464. 5@bb)
nicht selten begegnet im ältern nhd. ein fem. schlau,
thalgrund, tobelartiger kleiner thaleinschnitt mit wasserbächen und wiesengründen. Birlinger 397
a;
noch im nassauischen, vertiefung Kehrein 1, 349.
zahlreiche belege bei Schm. 2, 495
und Birlinger
a. a. o.; doch werden die 3
von ersterem aus meister Altswert
beigebrachten wol richtiger zu mhd. slâ,
fuszspur, gestellt, so Lexer
handwb. 2, 987;
ältere form slawe:
N. hette inn zwo slawe, der ainiu gelegen ist oberthalb des dorffs ze Berchain und hat acht tagwerch; so stozzet diu ander slawe uf Annhuser weg, der sint zwai tagwerch. diselben zwo slawe solten an dem dritten iar gemainiu vihewaid sin.
quelle um 1350
bei Schm.
a. a. o.; die Seldenbachschlau.
quelle von 1420,
s. Birlinger 397
b; ein fleck wiesmadt ist nit gar ½ tagwerk, ligt in der schlau.
quelle von 1493,
s. ebenda; die schlaw oder wismäder zwischen dem Pergerholz und Pastbüchel.
quelle von 1562
bei Schm.
a. a. o.