wiege,
f. ,
cuna. herkunft und form. spätahd. wîga (
s. u.), wiega,
mhd. wige (
s. u.), wiege,
mnd. wêge,
mnl. wieghe,
nnl. wieg,
afrs. widze (
s. u.).
das wort ist seit dem 11.—12.
jh. in spätahd. glossenhss. und seit der mitte des 12.
jhs. in literarischen quellen zu belegen. vorher ist das verwandte gleichbed. ahd. waga,
mhd. frühnhd. wage allein bezeugt (
s.wage II
teil 13,
sp. 346),
das aber landschaftlich begrenzt (
vorwiegend alem.-schwäb.)
auftritt und schriftsprachlich im nhd. durch wiege
verdrängt wird. das lautliche verhältnis der formen wage (
wozu an. vagga), wige
und wiege,
die mit dem st. vb. ahd. wëgan,
mhd. wëgen '
bewegen'
zu der idg. wurzel *egh- '
bewegen'
gehören, ist unklar, vgl. Kluge-Mitzka
etym. wb. 17859; Falk-Torp
norw.-dän. etym. wb. 1399 (vugge); Franck-van Wijk
etym. wb. d. nl. taal 792
b.
es besteht jedoch die möglichkeit, dasz in wige
kein ursprüngliches -i-
vorliegt, so dasz etymologisch nur mit wiege
und wage
zu rechnen wäre. hierfür sprechen die folgenden umstände. 11)
wie Lexer
mhd. wb. 3, 879
s. v. wige
andeutet ('wiege,
md. wige'),
handelt es sich bei wige
um die regulär monophthongierte mitteldeutsche form. die -i-
belege der mhd. wörterbücher stammen auch sämtlich aus md. texten (
vgl. ferner wige
Daniel 3214
Hübner; in einer wigen
passional 241, 22
Köpke),
mit ausnahme der frühesten stelle aus der Vorauer sündenklage (in der wigen,
mitte d. 12.
jhs., bei Diemer 306, 17),
wo aber mit rücksicht auf die vielerörterten md. spuren dieses denkmals gleichfalls md. herkunft der form zu vermuten ist. sonst findet sich -i-
in oberdeutschem text nur sehr vereinzelt und sicher nur als graphische variante: in der wigen Heinrich von Neustadt
gottes zukunft 7153
Singer (
neben in der wiegen
Apollonius 16 754);
vgl. noch wigenpant '
wiegenband' Andreas von Regensburg 635, 23
Leidinger. 22)
die belege aus den ahd. glossen können für -i-
nichts beweisen, da in drei von vier hss., die wîga, wiga
haben, auch bei anderen wörtern -i-
für -ie-
vorkommt, vgl.: cuna uuîga
ahd. gl. 3, 623, 32
St.-S. (11.—12.
jh.)
neben genuale chnilachan
ebda 18 (
Em 31);
cuna wîga (
hs. B), wîege (
hs. A) 3, 232, 41 (12.
jh.)
neben conductus gemitet (
hs. B), gemîett
s (
hs. A)
ebda 52;
cuna wiga 3, 324, 36 (14.
jh.)
neben priuignus stifsun 327, 17;
übrig bleibt: cuna wiga (b =
Mon. 2), vvi, ga (a,
die korrektur v. anderer hand), wiega (c) 3, 331, 34 (12.
jh.);
vgl. aber ebda: pobles knierat (a b), knirada (c) 342, 27.
lautlich nicht eindeutig ist cuna uuega (11.
jh.)
ahd. gl. 3, 624, 13. 33)
die formen der obd. und md. mundarten zeigen als stammvokal durchgängig einen laut, der regulär dem mhd. -ie-
entspricht. die vertretung von altem -i-
läszt sich, soweit sie nicht mit der von -ie-
zusammengefallen ist, nirgends nachweisen: wiəgng,
oberpfälz. wêigng Schmeller-Fr.
bayer. wb. 2, 879; wiagn Jakob
Wien 219; wiagə Bacher
Lusern 228; biga (
wie zigen '
ziehen'
usw.) Schmeller
cimbr. 173; wiega Bühler
Davos 1, 259; wiəge Hotzenköcherle
Mutten § 49; wîega Tobler
Appenzell 448
a; wīəg Fischer
schwäb. 6, 808; wìək (
nördl. Oberelsasz),
monophthongiert wík, wej (
nordöstl. u. nordwestl. Unterels.) Martin-Lienhart 2, 804; wei Schön
Saarbrücken 226
a; we
i wb. d. luxemb. ma. 479
a (
in ält. spr.: weige [
Mainz]
städtechron. 17, 397;
cuna eyn weyge
vocab. ex quo [
Eltville 1477] E 8
b); weech,
jünger wech Wrede
Köln 266 (
vgl. md. wege
im 15.
jh. bei Diefenbach
gl. 157
a s. v. crepundium und 162
b s. v. cuna, cunabulum); wiik Lenz
Handschuhsheim 77
b; wiigə Meisinger
Rappenau 231; wije, wich Crecelius
Oberhessen 914 (
hier vor ch
gekürzt wie zich, ziche = zieche '
bettüberzug'); wījə Hofmann
Niederhessen 264
a; wiic (
westl. Erzgeb.) Müller-Fraureuth
obersächs. 2, 665
a; wījə (
Seifhennersdorf)
PBB 15, 57; wieje Brendicke
Berlin 193
a.
auch im gröszten teile des niederdeutschen macht die rückführung auf mnd. ê
4 =
mhd. ie
keine schwierigkeiten: wī'əX Leihener
Cronenberg 134
b; weeg
Elberf. ma. 173
a; weege Strodtmann
Osnabrück 90; Böning
Oldenburg 130; wêge Doornkaat Koolman
ostfries. 256
a; weeg, weig Mensing
schlesw.-holst. 5, 565; wêg Danneil
altmärk. 245; wege Dähnert
plattdt. 544
a; wj Fischer
Samland 98; waig ter Laan
Groningen 1159
a; weig Tonnar-Evers
Eupen 227; waige Woeste-
N. westfäl. 314
a; weig
e (
wie weik
e = wieche '
docht') Bauer-Collitz
Waldeck 112
b;
dafür wēxə Martin
Rhoden 283; weige Fromme
Hohenbostel 91; weig (-e-) Mi
Mecklenburg 106
a.
dagegen finden sich in verschiedenen südnd. mundarten abweichende laute. we
iʒe
in der ma. B (
Ostbevern nordöstl. Münster i. Westf.)
bei Grimme
plattdt. maa. 150
stimmt nur mit mnd. ê
2 (=
wg. ai
ohne umlautfaktor)
überein. derselbe laut kann ganz regulär auch in den folgenden formen vorliegen: wegen Frederking
Hahlen 34; weege Flemes
Kalenberg 378; wēʒə Bierwirth
Meinersen § 138; vē
e Block
Eilsdorf 100
b; wêje Damköhler
Nordharz 224
b; wëge (
neben weige) Schambach
Göttingen 291
a; weige Deiter
Hastenbeck 156.
zum teil ist in diesen vokalen u. a. auch altes i (
nicht aber mnd. ê
4)
aufgegangen, weshalb Sarauw
nd. forsch. 1, 185
zusammenhang mit mhd. wige
in betracht zieht. wie bei Grimme
läszt sich aber bei Frederking
und Deiter
altes i
ausschlieszen, und übrigens hat wiege
in den angeführten mundartdarstellungen (
auszer Grimme)
stets denselben vokal wie miete, mieten,
das gleichfalls die entsprechung von ê
4 zeigen müszte. es scheint sich bei diesen wörtern um eine ähnliche unregelmäszigkeit zu handeln, wie bei spiegel
und ziegel,
wo ê
3 statt ê
4 vorkommt (
vgl. Dahlberg
ma. v. Dorste 116).
dagegen läszt sich altes i
in wījə
bei E. Hoffmann
voc. d. lippischen ma. 51 (
vgl. Sarauw 1, 423)
nicht ausschlieszen, sondern stellt neben e (
aus i
oder umgelaut. a)
den einzigen laut dar, auf den die form organisch zurückgehen könnte. dieser einzelfall kann aber kaum als beweisend angesehen werden (
übrigens gibt es -ī-
im nd. auch sonst unter hd. einflusz: wieg [vīīx] '
wiegemesser des schlachters' Mensing
schlesw.-holst. 5, 625
neben weegmess 566). 44)
eine scheinbare stütze erhält der ansatz von i
durch die friesische form widze (
vgl. Franck-van Wijk
etym. wb., suppl. 194
b);
sie kann aber ohne schwierigkeit (
als -jô-
stamm neben wage)
auf *wagjô-
zurückgeführt werden (
so Th. Siebs
in: grdr. d. germ. phil. 21, 1299).
wo sie im fries. auftritt, zeigt auch legen
und sagen -i-
für umlaut-e (
vgl. Siebs 1186
f.): ief da ieldera wrhlit (
überführt) werdeth, dat hiare kyndt bi hemmen op hiara bedde ief in da widze ... treesmet (
erdrosselt) habbeth (
Bolswarder sendrecht von 1404) Richthofen
fries. rechtsquellen 487, 1 (lidza
ebda 484, 18;
dies ist der einzige afries. beleg; an den andern von Richthofen im
wb. 1148
f. verzeichneten stellen liegt wigg '
pferd'
vor, s. Kern taalk. bijdr. 2, 184; van Helten
z. lexicol. d. aofrs. 379);
neuwfrs. widze Dijkstra
friesch woordenb. 3, 437
b (lizze 2, 126
a; sizze 3, 82
b);
im ostfries.: widze (
harlingerländ. um 1690) Cadovius
mem. ling. Fris. 54
König (lidsen
ebda 58); widz (
wangeroog.) Stürenburg
ostfries. 330; Siebs
a. a. o. (lidz
ebda). —
die nordfriesischen mundarten haben waag (-o-).
unter den dargelegten verhältnissen besteht für den ansatz der form wiga, wige
keine genügend sichere grundlage. sieht man von ihr ab, so bleiben wage,
als o-
stufige bildung zu *egh- '
bewegen' (
dazu *wagjô-
in afries. widze)
und wiege,
das am ehesten als reduplizierende bildung (
vielleicht iterativen charakters)
vom typus κύκλος aufgefaszt werden kann: idg. *e-gh-,
germ. *weug-,
woraus mhd. wiege,
wie wieche '
docht',
ags. wēoce,
aus idg. *e-g- '
weben, knüpfen'
und ähnlich wie nl. wiel '
rad' (
s. u. 3wiel),
ags. hwēol,
an. hiól
aus idg. *k
ek
lo- (
vgl. Franck-van Wijk
etym. wb. 792
b und Falk-Torp
norw.-dän. etym. wb. 1399).
kaum zu wiege
gehört preusz. wischle
berceau Schrader
dt.-frz. 2 (1784) 1642; wische
wiege Hennig
pr. (1785) 303; wiśche, wischke Frischbier
pr. 2, 475,
hier mit wišchen '
einschläfern'
zu der beschwichtigenden interjektion wisch wisch
und schwed. vyssja '
einlullen, einschläfern', vyss (
interj.)
gestellt. vgl. aber noch wischeln '
schaukeln' Mensing
schlesw.-holst. 5, 667,
das möglicherweise zu wiegeln (
s. d.), wiggeln, wigelwageln '
schaukeln schwanken'
gehört (
vgl. wischelwaschel
name der gans im rätsel Mensing
a. a. o.).
bedeutung und gebrauch. 11)
cuna, das zum schaukelnden schwingen eingerichtete kinderbett. zur sache vgl. Müller-Mothes
archäol. wb. (1877) 986
a; H. Plosz
das kind in brauch und sitte der völker (
31911) 1, 251
ff. Renz. die bauarten sind verschieden; in erster linie kommt die bekannte form mit querkufen in betracht, die auf bildlichen darstellungen für Deutschland seit dem frühen 13.
jh. nachzuweisen ist, doch waren noch in der zweiten hälfte des 19.
jhs. in verschiedenen landschaften hängewiegen in gebrauch (
hierzu wohl: fascium eyn wyege [15.
jh., md.] Diefenbach
gl. 226
c;
vgl. unten Kramer).
in längsrichtung schwingende standwiegen, wie in Schweden, scheinen in Deutschland nicht festgestellt zu sein. ob die doppelheit der bezeichnungen wiege — wage (
von anderen synonymen abgesehen)
in älterer zeit mit sachunterschieden zusammenhängt, ist nicht zu ermitteln. Kramer
verzeichnet hang-
ò hangende wiege
cuna pendente ò a cinghi, roll-
ò wagen-wiege
cuna a carriuola, schlingen-wiege
cuna pendente ò a fascie, waltzen-wiege
cuna da curli, cioè ordinaria, t.-ital. 2 (1702) 1347
a: do ich in der wigen lach
dt. ged. d. 11. u. 12. jhs. 306, 17
Diemer; daz ein wiege vor an dînem fuoze iht stê Neidhart 7, 28
H.-W.; und ain wiegen mit ainem kind, die schwam ob dem waszer (
bei e. überschwemmung) (
Augsburg, mitte d. 15.
jhs.)
städtechron. 5, 68; id rock dar vaste na der wegen, ik hadde vyl na den doet ghekregen
Reinke de vos 5969
Leitzmann; der wiegen und des wagbanckes hab acht, der wagschnür, stroseke vnd ouch der windel
Straszburger ged. vom hausrat c 4
a Hampe; von ersten wickelt man sy (
die neugeborenen kinder) in windel vnd in fätschen vnd legt sy gebunden in die wiegen Keisersberg
granatapfel (1510) C 5
a; wie herr Gotfridt Wernher zu seinem gemahl geen Oberbaden raiset ..., fand er ain jungs dechterle in ainer wiegen ligen
Zimmer. chron. (
21881) 2, 519
Barack; dasz die klocken von sich selbst angeschlagen vnd die wiegen in häusern vngerüret gangen sind (
vom erdbeben) Daniel Schaller
theol. heroldt (1604) 78; andere sonderbahre säl hatten nichts anders in sich, als viel wiegen mit säuglingen Grimmelshausen
Simpl. 440
Scholte; aber zu allem ein nest rothbäckiger wähliger kinder, wie aus dem teige gewälzt; und immer noch eins in die wiege! J. H. Voss
ged. (1802) 1, 171; hier hatte Selinde manchen tag ... zugebracht, indem sie ... mit dem einen fusze das spinnrad und mit dem andern die wiege in bewegung erhalten ... hatte J. Möser
s. w. (1842) 1, 128; die tante Amalie schickte die wiege, in der ihr vater gelegen hatte und dann sein sohn A. Seghers
d. toten bl. jung (1950) 175. 22)
vielfach in sinnbildlichem gebrauch. 2@aa)
als symbol des frühesten kindesalters; allgemein: dan sol die christenheit in yr krafft kommen, so musz man warlich an kindern an heben ... ich möchts wol leyden, das man in der wigen an hüb (1519) Luther 9, 218
W.; die sprache, so du in der wiegen aus dem süssen vorgeschwätze und gesäusel deiner mutter samt der milch eingesogen hast Neumark
fortgepfl. musik.-poet. lustw. (1657)
zuschr. 10; man weihte dem mönchsstande kinder in der wiege Zimmermann
einsamkeit (1784) 1, 132.
vgl. mnd. wêgenprêster
und -ridder '
priester und ritter, der es schon in der wiege wird' Schiller-Lübben 5, 652
a.
oft in der verbindung noch
oder schon in der wiege,
wobei noch
im älternhd. und schon
etwa seit dem 18.
jh. bevorzugt wird: der starb ... noch in der wiegen Schütz
hist. rer. Pruss. (1592) 106
b; wie mancher stirbt schon in der wiege Drollinger
ged. (1743) 115. — den krönten die vngarischen landtsherren noch in der wiegen zu jrem könig Stumpf
Schweizerchron. (1606) 23
b; Christina, die in der wiege schon zu seiner (
Gustav Adolfs) nachfolgerin erklärt war Schiller 8, 153
G. — ward Margaretha ... noch also jung in der wiegen ligend dem jungen Carlen ... vermehlet S. Münster
cosmogr. (1550) 164; sie sind schon in der wiege von beyderseits ältern an einander versprochen worden Gottsched
beob. (1758) 407.
sonst aber auch: der kinder mund, die an den brüsten liegen, redt schon von dir ohn reden in der wiegen Opitz
bei Fischer-Tümpel
ev. kirchenlied 1, 244; ihr lagt noch in der wieg', als euer vater, graf Ulrich, starb Bauernfeld
ges. schr. (1871) 5, 38. 2@a@aα)
gern in wendungen wie das kind in der wiege nicht verschonen
non perdonare il bambino nella cuna Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1347
a: dô sluoc man dar inneman unde wîp der kindel in den wiegenverlôs dâ manegez sînen lîp
Kudrun 1501, 4
S.; laist uns bizide in wederstain, of si soilen dat kint in der weigen slain (
Köln, 2.
hälfte d. 13. jhs.)
städtechron. 12, 184; da würgt man ... jung und alt ..., ja auch die kinder in der wiegen 2.
Makk. 5, 13; solts kinds in der wieg nicht verschonen Rollenhagen
froschmeuseler (1595) Ss 7
a; das kriegsvolk hat da weder alt noch jung verschonet ..., nicht der kinder in der wiegen Liscow
slg. sat. u. ernsth. schr. (1739) 22. 2@a@bβ) von der wiege an, auf
o. ä., von frühester kindheit an, vielfach hyperbolisch: wan ir minne gap sie mir in der ersten stunde, dô sie reden begunde; ... unz her von der wiegen sô pflac ich ir immer sît Heinrich v.
d. Türlin
krône 4955
Scholl; Cymon Miliciades sun von Athen was so tumb und so dol von der wiegen seiner mueter, daz er geacht ward fuer einen offenwaren narren (Heinr. v. Mügeln 1369)
in: mitt. d. hist. ver. f. Steiermark 46 (1898) 20; (
der weg des herrn) den wir von der wiegen vnd jugend vff gelernet hand S. Hätzer
acta oder geschicht (1523) c 2
a; sein aufgeweckter sinn, der stund von wiegen an schon allbereit dahin, wo mehr von künsten ist Fleming
dt. ged. 1, 52
lit. ver. wären sie (
Goethe) als ein Grieche ... gebohren worden, und hätte schon von der wiege an eine auserlesene natur und eine idealisierende kunst sie umgeben, so wäre ihr weg unendlich verkürzt (1794) Schiller
br. 3, 473
Jonas; von diesen ... sei er von seiner wiege an verfolgt worden Ranke
s. w. 15 (1875) 37.
als kuriosität sei vermerkt: die musen wiegen-auf um dich gewesen sind S. v. Birken
ostländ. lorbeerhayn (1657) 317. 2@a@gγ) kaum der wiege entwachsen
und ähnliche verbale umschreibungen für eine frühe kindliche altersstufe: die gwonheyt ist zuo disser frist, das man die kinder zeücht uff kriegen. sobald sie dann gondt ausz der wiegen, so mssens degen an in han Wickram
w. 5, 7
lit. ver.; und als es kaum aus der wiegen kommen, hat man es den schulmeistern befohlen S. Feyerabendt
ungar. chron. (1581) 95
b; ein vater lacht über die empfindlichkeit, den ehrgeitz, die habsucht eines kindes, das kaum der wiege entwachsen ist Ramler
einl. i. d. schönen wissensch. (1758) 1, 114. 2@a@dδ) von der wiegen bis in das grab Eyering
proverb. copia (1601) 2, 347; von der wiege an bis ins grab Wieland
Agathon (1766)
vorbericht. jünger: von der wiege bis zum grabe ... ist die physiognomie der grund von allem, was wir thun und lassen Lavater
physiogn. fragm. (1775) 1, 49; E.
M. Arndt
s. w. (1892) 1, 244; Dehio
gesch. d. dt. kunst 2 (1921) 11.
auch von der wiege biss zur baare Günther
ged. (1735) 288; Körner
w. 2, 216
Hempel. 2@bb)
als sinnbild für geburtsort und stätte der kindheit. 2@b@aα)
öfters in umschreibungen wie wo meine wiege stand: himmlische auen, wo meines daseins wiege stand E.
M. Arndt
s. w. 5, 9
R.-M.; Gustav Wasa gehört nach Rundhof in Angeln, denn seiner urgroszmutter ... wiege stand dort Dahlmann
gesch. v. Dännemark 3 (1843) 98; (
die urgroszeltern) liegen in dem boden, aus welchem wir aufgewachsen sind; wo ihre wiege stand, das weisz niemand mehr zu sagen (1866) Raabe
s. w. I 6, 486; zu Hanau ... hat einst ihre (
der brüder Grimm) wiege gestanden Scherer
kl. schr. (1893) 1, 4. 2@b@bβ)
schon früh, doch unhäufig, in direkter anwendung: die weil Bethleem geweyet was tzu seyner wigen ader kindheit
M. Risch
paraphrasis Erasmi (1524) E 4
a; die wiege meiner mutter war die schöne, vom bande des Neckars umschlungene felseninsel Laufen Kerner
bilderb. (1849) 35. 2@cc)
als metapher für den ursprung einer sache, die stätte ihres aufkommens, erstarkens, gehegtwerdens usw.: o augen braun und klar, schwartzlecht und hell, wie plitz und dunder, der schönheit und lieb wieg und bahr Weckherlin
ged. 1, 479
lit. ver.; schöne wiege meiner leiden, schönes grabmal meiner ruh, schöne stadt, wir müssen scheiden Heine
s. w. 1, 31
Elster. zufrühest in der wendung etwas liegt noch in der wiege: da die kirch noch in jhrer kindheit war vnnd lag noch inn der wiegen Fischart
binenkorb (1588) 18
a; die electricität ist gleichsam noch in der wiege Titius
betrachtung üb. d. natur (1783) 1, 204; der griechische kunstsinn war schon völlig entartet, als die theorie noch in der wiege lag Fr. Schlegel
s. w. (1846) 5, 147.
sonst seit dem ende des 17.
jhs. allgemein gebräuchlich: disteln sind der tugend wiegen Lohenstein
Arminius (1689) 1, 65
b; daher sie (
die poesie) auch der unvergleichliche Lohenstein die erste wiege der weiszheit genennet Neukirch
anfangsgründe z. teut. poesie (1724) 2; der staat, die wiege der menschlichkeit, ist ihr sarg geworden Börne
ges. schr. (1829) 7, 38; die phantasie ist immer ihre (
der theorie) wiege Boltzmanm
popul. schr. (1905) 77.
meist wird diese ausdrucksweise auf ganz bestimmte gegenstände angewendet, nämlich 2@c@aα)
die künste und andere güter der geistigen und materiellen kultur: die Ägypter, deren vaterland doch die wiege der schönen künste gewesen
anmuth. gelehrsamk. 5, 541
Gottsched; so wird Wien ganz gewisz unsern nachkömmlingen als die wiege des guten deutschen theaters bekannt werden Ayrenhoff
w. (1814) 5, 228; dasz Creta die wiege der griechischen bergbaukunde und metallurgie gewesen ist Böttiger
kl. schr. (1837) 1, 67
anm.; die wiege des christenthums ist Syrien Mommsen
röm. gesch. (1894) 5, 586.
auch wie unter b
α: hier (
in Heidelberg) ... stand die wiege der neuen romantischen schule Treitschke
dt. gesch. im 19.
jh. (1897) 1, 309; dasz die wiege unseres entriticum-stammes in Zentralasien gestanden habe Hoops
waldbäume u. kulturpfl. (1905) 315. 2@c@bβ)
die menschheit: die wiege des menschlichen geschlechtes zu entdecken J. v. Müller
s. w. (1810) 1, 25; Asien ..., weil es für ... die wiege des ganzen menschengeschlechtes ... bestimmt ward Ritter
erdkde (1822) 2, 58; dass in Nordamerika die wiege der menschheit gestanden haben könnte Peschel
völkerkunde (1874) 33; wiege der menschheit Hermann
Jettchen Gebert (1954) 110.
so auch: die universalgeschichte des ganzen menschlichen geschlechts — von seiner wiege an bis zu seinem männlichen alter Schiller 1, 155
G.; ihre (
der völker) geschichten, von ihrer wiege bis auf unsere zeit Ritter
erdkde (1822) 1, 4. 2@c@gγ)
städte und siedlungen: hier ist keiner, dessen ahnen nicht um Genuas wiege standen Schiller 3, 114
G.; die berglehnen sind bis oben bebaut und ihre thäler die wiege freundlicher dörfer Gaudy
s. w. (1844) 5, 38; einige kleine inseln, dazu bestimmt, die wiege Venedigs zu werden J. Schlosser
präludien (1927) 103. 2@c@dδ)
flüsse und bäche: da alle hauptströme ... in Asien und in Afrika ... ein hochland zur wiege haben Ritter
erdkde (1822) 1, 341; das thal, ... das die wiege des ihnen begegnenden baches war Stifter
s. w. 1 (1904) 238; in einem öden, wohnungsleeren thale, an der wiege des Isarflusses Barth
Kalkalpen (1874) 284. 2@c@eε)
ferner: bis zu des sturmes wiege, zum hahnenbalken hoch A. v. Droste-Hülshoff
ges. schr. (1878) 1, 382; berge, die er seinem himmel als die letzten säulen gab, wiege seiner wetterwolken, seiner adler einsam grab Herwegh
ged. e. lebendigen (1843) 2, 42. 2@dd)
sonst noch in verschiedenen redewendungen. 2@d@aα) jemanden aus der wiege werfen '
ihn brüskieren': gecken lassen sich bald entrüsten, narren wirfft man bald ausz der wiegen S. Franck
sprüchw. (1541) 2, 174
a; ich hab in (
den andersgläubigen schwäher), yetzt am freytag acht tag, gar ausz der wiegen geworffen Hans Sachs 22, 69
lit. ver.; solchen löblichen ... herrn ... dergestalt zu tractiren, und, wie man zu sagen pflegt, sogar aus der wiege zu werfen (1650)
urk. u. aktenst. z. gesch. d. kurf. Friedrich Wilhelm v. Brandenburg 5, 423
Erdm.; den Römern einen dienst zu thun oder zum minsten selbte nicht gar aus der wiege zu werffen Lohenstein
Arminius (1689) 1, 71
b; man läszt jedermann seine weise ..., um niemanden aus der wiege zu werfen Schwabe
belust. (1741) 2, 7. 2@d@bβ) ich bin in der wiege auch gewiegt Kinderling
reinigk. d. dt. spr. (1795) 38; mit die wieje bin ik schon jewiejt
damit betrügt man mich nicht mehr Brendicke
Berlin 193
a: ich bin zuvor auch schon mit dieser wieg gewigen, es halten nicht den stich sich die unverschemten lügen
Reinicke fuchs (1650) 284. 2@d@gγ) in der wiege ersticken,
gewöhnlich transitiv, im 17.
und 18.
jh. für wohl jüngeres im keime ersticken (
s. 3keim 5 c,
teil 5,
sp. 453
und vgl. den ersten beleg): muste der h. reichskantzler ... dahin ... trachten, das ..., wo der sahme einiger dissidentz vnd mistrawens sich ereugte ..., derselbe bey zeiten vnterdrucket, ja in der wiegen gleichsamb ersticket ... würde Chemnitz
schwed. krieg 2 (1653) 95; dasz ein solch rühmliches ... fürhaben ... gleichsam in der wiege erstikken und zu grunde gehen solte Neumark
neuspross. teutsch. palmbaum (1668) 324; Heinrich, um das übel noch in der wiege zu ersticken, gieng nach Sachsen
M. I. Schmidt
gesch. d. Deutschen (1778) 2, 349; im anfang der unruhen, ... wo ein rascher entschlusz und männliche stetigkeit die rebellion noch in der wiege erdrücken konnten Schiller 7, 18
G. 2@d@dδ) es ist ihm nicht in der wiege gesungen worden '
schien ihm nicht bestimmt zu sein': es ist ihm, spricht er, in der wiege nicht vorgesungen, dasz es ihm so gehen werde Liscow
slg. sat. u. ernsth. schr. (1739) 601; auch mir wards vor der wiege nicht gesungen, dasz ich nur darum meinem ehgemahl nach Palästina folgen würd, um da ein Judenmädchen zu erziehn Lessing 3, 37
L.-M.; diese verwandtschaften ... machen ordentlich eine person aus ihr; so was ist ihr nicht an der wiege gesungen (1839) A. v. Droste-Hülshoff
br. 1, 335
Schulte-K.; es ist dem protestantismus nicht an der wiege gesungen worden, dasz er einst wieder kraftlos hinter dem katholizismus einherschleichen sollte
F. J. Schmidt
d. niedergang d. protestantism. (1904) 26; der glückspilz! ... es ist ihm nicht an der wiege gesungen worden Th. Mann
s. w. (1955) 4, 562. 2@d@eε) es ist ihm in die wiege gelegt, gebunden '
eignet ihm von hause aus': wohlgefälligkeit, diese gabe des himmels, war ihr nicht in die wiege gelegt worden Laube in:
Westerm. monatsh. 49 (1881) 555 (
Louison); der gedanke der deutschen einheit ... war diesem stolzen reichsfreien herrn in die wiege gebunden Treitschke
dt. gesch. im 19.
jh. (1897) 1, 271; es war damit der mittelalterlichen grabplastik schon in die wiege ein zwiespalt gelegt, der nie ganz zum austrag kam: gelegte standfigur? oder wirkliche liegefigur? Dehio
gesch. d. dt. kunst 1 (1919) 184; der blick nach dem süden ist der Augustusstadt (
Augsburg) fast in die wiege gelegt Pinder
d. dt. kunst d. Dürerzeit (1939) 301. 2@d@zζ)
nur hin und wieder knüpft die auffassung an die bewegung der wiege an: dasz es uns nicht anders in solchen sturme war, als wenn wir in einer wiege geboyet würden wie die kleinen kinder Chr. Reuter
Schelmuffsky (
vollst. ausg.) 36
ndr.; etliche (
advokaten) seynd wie ein wiegen, die allezeit da bald hin, bald her wanckt A. a
s. Clara
etw. f. alle (1699) 1, 63; wehe dem fahrzeug, das jezt unterwegs in dieser furchtbarn wiege wird gewiegt Schiller 14, 370
G.; dasz (
in Florenz) die breiten platten das pflaster ganz verdrängt haben. da fährt sich's wie in einer wiege Gaudy
s. w. (1844) 2, 72; du bist ein leidlicher reiter, trotz deinem hohen alter, ... freilich, die mähre geht wie eine wiege A. Sperl
d. söhne d. h. Budiwoj (1927) 417. 33) wiege
in übertragenen verwendungen als sachbezeichnung, meist für geräte und technische vorrichtungen, die, in tätigkeit gesetzt, eine schaukelnde bewegung ausführen. 3@aa)
vereinzelte belege aus dem spätmhd. und frühnhd. 3@a@aα) der erst sturm. primo zu der grossen pühssen 12 pfert, item zu der wigen 16 pfert (
Nürnberg 1388)
städtechron. 1, 177 ('
name einer büchse oder theil einer geschützausrüstung?'
glossar 500
b). 3@a@bβ)
von einem folterinstrument, statt des sonstigen wage (
s. d. III 7 n,
teil 13,
sp. 366
und vgl. 1wiegen B 2 d '
foltern',
statt wägen): der zuchtiger (
scharfrichter) sei ewer richter vnd binde euch sprechende vor mir in sein wigen! (
la.: in sine wagen)
ackermann a. Böhmen 11, 21
B.-B. (
nebst anm. s. 217
f.). 3@a@gγ) '
senke': (
ein unwetter hat) im Winzerer perg in einer wiegen ... ein guten tail eins weingarten ..., stöck und erd, herab tragen (
Regensburg, mitte d. 16.
jhs.)
städtechron. 15, 15.
vgl.: wiege
bedeutet in den oberschwäb. flurnamen in der wiege, obere, untere wiege '
senkung im gelände' Miedel
oberschwäb. orts- und flurnamen (1906) 12. 3@bb)
granierstahl, gründungseisen, ein bei der sog. schabmanier verwendetes, etwa petschaftförmiges gerät der kupferstecher mit einer länglich-rechteckigen, gebogenen und scharf gezähnten arbeitsfläche. die kupfer- oder stahlplatte wird hiermit vorbereitend körnig aufgerauht, so dasz sie völlig schwarz druckt; danach werden die '
lichter'
der zeichnung durch stufenweises glätten mit dem schabeisen herausgearbeitet. —
gebucht u. a. bei Jacobsson
technol. wb. (1781) 4, 646
a; Voigtel
wb. (1793) 3, 638
a; Soltau
beitr. (1806) 79
b; Hübner
zeitungslex. (1824) 4, 932
a. 3@cc)
soviel wie wiegemesser (
s. d.),
eine bogenförmige, an beiden enden mit griffen versehene klinge oder doppelklinge zum zerkleinern von fleisch, küchenkräutern usw.; gebucht u. a. bei Soltau
beitr. (1806) 79
b; Hübner
zeitungslex. (1824) 4, 932
a. 3@dd)
eine vorrichtung beim stapellauf, bestehend in einem drehbar gelagerten abschnitt der stapelung, dessen fläche beim aufschwimmen des hinterschiffes mit dem schiffskörper kontakt hält; vgl. Hoyer
u. Kreuter
technol. wb. (1902) 1, 849; Eichler
vom bug zum heck (1954) 465.